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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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Vorwort

London, den 21. März 1848.

Es wurden, und es werden von Zeit zu Zeit immer noch biographische Nachrichten über mich gedruckt, die so viele Ungenauigkeiten und Irrtümer enthalten, daß ich endlich auf den Gedanken gekommen bin, selbst aufzuzeichnen, was mir in meinem arbeitreichen, unruhigen Leben für Kunstfreunde einiges Interesse zu haben schien. Dieser Rückblick wird es mir unter anderm ermöglichen, einen klaren Begriff von den Schwierigkeiten zu geben, die in unserer Zeit mit der Komponistenlaufbahn verknüpft sind, und denen, die sie beschreiten wollen, einige nützliche Lehren zu erteilen.

Ein Buch, das ich vor einigen Jahren veröffentlichte und dessen Auflage vergriffen ist, enthielt schon, zusammen mit Geschichten und musikalisch-kritischen Fragmenten, die Erzählung eines Teiles meiner Reisen. Wohlgesinnte haben nun manchmal den Wunsch geäußert, ich möchte diese ungeordneten Aufzeichnungen überarbeiten und ergänzen.

Wenn es unrecht von mir ist, daß ich heute diesem freundschaftlichen Wunsche nachgebe, so geschieht es wenigstens nicht, weil ich mich über die Wichtigkeit einer solchen Arbeit täusche. Was ich getan, gefühlt und gedacht haben mag, macht dem Publikum – daran zweifle ich nicht – wenig Beschwerde. Aber da einige wenige Künstler und Kunstfreunde trotzdem wißbegierig darnach waren, so ist es immer noch besser, diesen die Wahrheit zu sagen, als sie im falschen Glauben zu belassen. Es lockt mich nicht im geringsten, mein Buch in der Hand, vor Gott hinzutreten, und mich für den Besten der Menschen zu erklären, ebensowenig, als Bekenntnisse zu schreiben. Ich sage nur das, was mir zu sagen beliebt, und wenn mir der Leser seine Absolution versagt, so muß er von über-orthodoxer Strenge sein; denn ich beichte nur läßliche Sünden.

Doch genug des Vorspiels. Die Zeit drängt. Die Revolution rollt gegenwärtig ihre eherne Walze über ganz Europa; die Musik, die überall so lange in den letzten Zügen lag, ist völlig tot zu dieser Stunde; man wird sie begraben oder vielmehr auf den Schindanger werfen. Für mich gibt es kein Frankreich und kein Deutschland mehr. Rußland ist zu weit; die Rückkehr dorthin ist mir versagt. Seit ich in England lebe, hat es mir eine edle, herzliche Gastfreundschaft bewiesen. Aber schon nahen, bei den ersten Stößen des Thronbebens, das den Kontinent erschüttert, Schwärme aufgeschreckter Künstler von allen Seiten des Horizonts, dort sich ein Asyl zu suchen, wie sich die Seevögel beim Annahen großer Stürme vom Ozean ans Land flüchten. Wird Britanniens Hauptstadt dem Unterhalt so vieler Verbannter genügen können? Wird sie, beim Jubel der Nachbarvölker, die sich zu Königen krönen, ihren Klagegesängen ein Ohr leihen? Wird das Beispiel sie nicht in Versuchung führen? Jam proximus ardet Ucalegon! ... Wer weiß, was in einigen Monaten aus mir geworden sein wird? ... Ich habe keinerlei sichere Einkünfte für mich und die meinen ... Nützen wir also die Minuten; sollte ich auch bald die stoische Ergebung der Niagara-Indianer nachahmen, die, nach unerschrockenen Bemühungen, gegen den Strom zu kämpfen, schließlich deren Zwecklosigkeit einsehen und sich treiben lassen, standhaften Blicks die kurze Strecke messen, die sie vom Abgrund trennt, und singen, bis zum Augenblick, da sie, vom Sturz ergriffen, mit dem Strom ins Unendliche wirbeln.

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