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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 17
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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14.

Wettbewerb am Institut. Man erklärt meine Kantate für unausführbar. Meine Anbetung Glucks und Spontinis. Ankunft Rossinis. Die dilettanti. Meine Wut. M. Ingres.

 

Die Zeit für den Wettbewerb am Institut war gekommen; ich meldete mich von neuem. Diesmal ward ich zugelassen. Wir sollten eine lyrische Szene mit großem Orchester in Musik setzen, mit dem Vorwurf: »Orpheus wird von den Mänaden zerrissen.« Ich glaube nicht, daß mein letzter Satz wertlos war; aber der mittelmäßige Pianist (man wird bald sehen, wie unglaublich dieser Wettbewerb organisiert ist), der mit der Begleitung, oder vielmehr Wiedergabe des Orchesterpartes meiner Partitur auf dem Klavier, betraut war, konnte mit dem Bacchanal nicht fertig werden, und so schloß mich denn der musikalische Ausschuß des Instituts, der von Cherubini, Paër, Lesueur, Verton, Boïeldieu und Catel gebildet wurde, vom Wettbewerb aus, indem er mein Werk für unaufführbar erklärte.

Nach dem gemeinen, feigen Egoismus jener Meister, die sich vor Anfängern fürchten und sie zurückweisen, sollte ich jetzt noch die tyrannische Abgeschmacktheit der Einrichtungen kennen lernen, die sie erwürgen. Kreutzer hinderte mich vielleicht an einem Erfolge, der damals beträchtliche Vorteile für mich gehabt hätte; die Akademiker, die eine lächerliche Bestimmung buchstäblich auf mich anwandten, nahmen mir den Vorteil einer, wenn auch nicht glänzenden, so doch ermutigenden, Auszeichnung und setzten mich den unheilvollen Folgen der Mutlosigkeit und des tiefen Unwillens aus.

Zur Teilnahme am Wettbewerb war mir vom Théâtre des Nouveautés ein Urlaub von vierzehn Tagen bewilligt worden, nach dessen Ablauf ich meine Kette wieder tragen mußte. Aber fast gleichzeitig wurde ich schwer krank; eine Halsentzündung hätte mir bald das Leben gekostet. Antoine, der Grisetten nachlief, ließ mich ganze Tage und einen Teil der Nacht allein. Ich hatte weder einen Diener, noch einen Wärter zu meiner Pflege. Hilflos, wie ich war, wäre ich wohl eines Abends gestorben, wenn ich nicht, in einem wütenden Anfall von Schmerz, das Geschwür hinten in meinem Halse, das mich fast erstickte, mit einem kühnen Messerstich angeschnitten hätte. Diese wenig wissenschaftlich ausgeführte Operation gab das Zeichen zu meiner Genesung. Ich war fast hergestellt, als mir mein Vater, besiegt durch so viel Standhaftigkeit und zweifellos in Sorge über die ihm unbekannte Quelle meiner Subsistenzmittel, meine Pension zurückgab. Dank dieser unverhofften Rückkehr der väterlichen Fürsorge konnte ich auf meine Stelle als Chorist verzichten. Das war kein geringes Glück; denn, abgesehen von der physischen Müdigkeit, mit der mich dieser tägliche Dienst darniederwarf, hätte mir die Seichtheit der Musik, die ich in diesen kleinen schwankartigen Opern und großen opernartigen Schwänken auszustehen hatte, schließlich die Cholera zugezogen oder mich mit Idiotismus geschlagen. Musiker, die dieses Namens würdig sind und die Beschaffenheit unserer französischen Operettenbühnen kennen, können allein ermessen, was ich gelitten.

Ich konnte also meine Opernabende mit verdoppeltem Eifer wieder aufnehmen, denen ich wegen der Ausübung meines traurigen Gewerbes am Théâtre des Nouveautés hatte entsagen müssen. So war ich denn dem Studium und der Verehrung der großen dramatischen Musik ganz und gar zurückgegeben.

Was ernste Konzerte betrifft, so hatte ich nur die in der Oper gehört, deren kalte und dürftige Ausführung aber nicht dazu angetan war, mich sehr zu begeistern; so hatten sich meine Gedanken noch gar nicht mit Instrumentalmusik beschäftigt. Die Sinfonien von Haydn und Mozart, die im allgemeinen dem intimen Genre angehören, wurden von einem zu schwach besetzten Orchester auf einer zu großen und akustisch schlecht hergerichteten Bühne zu Gehör gebracht, wo sie nicht mehr Wirkung taten, als wenn man sie auf der Ebene von Grenelle gespielt hätte; es klang verworren, kleinlich und frostig. Beethoven, von dem ich nur zwei Sinfonien gelesen und ein Andante gehört hatte, erschien mir wie eine sehr ferne Sonne, aber wie eine Sonne, die von dichten Wolken verdunkelt wird. Weber hatte seine Meisterwerke noch nicht geschrieben; selbst sein Name war uns unbekannt. Was Rossini betrifft und den Fanatismus, den er seit kurzem in der fashionablen Welt entfachte, so war er für mich der Gegenstand eines um so heftigeren Zornes, als sich diese neue Schule im natürlichen Widerspruch gegen die von Gluck und Spontini befand. Da ich nichts Großartigeres, Schöneres und Wahreres kannte, als die Werke dieser großen Meister, so erbitterte mich der melodische Zynismus, die Verachtung dramatischen Ausdrucks und Anstands, die beständige Wiederholung einer und derselben Kadenzformel, das ewige kindische Kreszendieren, die Brutalität der Rossinischen großen Trommel, bis zu einem Grade, der mich die glänzenden Eigenschaften seines Genies sogar in seinem, übrigens so fein und ohne große Trommel instrumentierten, Meisterwerk (dem Barbier) verkennen ließ. Ich habe mich damals mehr als einmal gefragt, wie ich es anzustellen hätte, um das Théâtre Italien zu unterminieren und es während einer Vorstellung samt seiner ganzen rossinistischen Bevölkerung in die Luft zu sprengen. Und wenn ich einem dieser mir verhaßten dilettanti begegnete, warf ich ihm einen Blick à la Shylock zu und knurrte: »Lump! Daß ich dich doch auf glühendes Eisen spießen könnte!« Ich muß frei gestehen, daß ich diese schlimmen Gefühle und sonderbare Anschauungsweise im Grund noch heute, und bis zum Totschlag, hege. Zwar würde ich gewiß niemand auf glühendes Eisen spießen oder das Théâtre Italien in die Luft sprengen, selbst wenn die Mine bereit wäre und man sie nur noch anzuzünden brauchte, aber ich stimme von Herzen und aus ganzer Seele unserm großen Maler Ingres bei, wenn ich ihn gesprächsweise von gewissen Werken Rossinis sagen höre: »Das ist die Musik eines unredlichen Menschen!« Diese Übereinstimmung meiner Meinungen über verschiedene italienische opere serie von Rossini mit denen des Herrn Ingres ist nicht die einzige, deren ich mich rühmen darf. Das hindert den berühmten Maler des Martyriums des heiligen Symphorian nicht im geringsten, mich als musikalischen Greuel, als Monstrum, Briganten, Antichrist zu betrachten. Aber ich verzeihe ihm aufrichtig um seiner Bewunderung Glucks willen. Dir Begeisterung wäre demnach das Gegenstück der Liebe; sie läßt uns die Leute lieben, die lieben, was wir lieben, auch wenn sie uns hassen.

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