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Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 14
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
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11.

Rückkehr nach Paris. Ich gebe Unterricht. Ich trete in die Klasse Reichas am Konservatorium ein. Meine Mahlzeiten auf dem Pont-Neuf. Mein Vater entzieht mir neuerdings meine Pension. Unerbittliche Weigerung. Humbert Ferrand. R. Kreutzer.

 

Kaum war ich wieder in Paris und hatte bei Lesueur meine musikalischen Studien wieder aufgenommen, ging ich daran, die mir geliehene Summe an de Pons zurückzuzahlen. Diese Schuld quälte mich. Mit meinen hundertzwanzig Franken Monatsrente konnte ich sie nicht begleichen. Doch glückte es mir, einige Schüler im Gesang, Flöten- und Guitarrespiel zu bekommen, und indem ich dem Erlös aus diesen Stunden die Ersparnisse an meinen persönlichen Ausgaben hinzufügte, konnte ich in einigen Monaten sechshundert Franken zurücklegen, die ich meinem zuvorkommenden Gläubiger darzubringen mich beeilte. Man wird sich wohl fragen, welche Ersparnisse ich bei meinem mäßigen Einkommen machen konnte? ... Nun diese:

Ich hatte ein kleines Zimmerchen im fünften Stock billig gemietet, das in der Altstadt lag, an der Ecke, die von der Rue de Harley und dem Quai des Orfèvres gebildet wurde, und, anstatt wie bisher im Restaurant zu essen, gewöhnte ich mich an eine mönchische Lebensweise, die die Kosten meiner Mahlzeiten auf höchstens sieben bis acht Sous beschränkte. Sie bestanden im allgemeinen aus Brot, Rosinen, gedörrten Pflaumen oder Datteln.

Es war damals in der schönen Jahreszeit; so setzte ich mich, wenn ich meine gastronomischen Einkäufe bei einem Gewürzhändler der Nachbarschaft gemacht hatte, gewöhnlich auf die kleine Terrasse des Pont-Neuf, zu Füßen der Statue Heinrichs IV.: Dort hielt ich meine frugale Mahlzeit, ohne an das »Huhn im Topf« zu denken, das sich der gute König als Sonntagsmahl für seine Bauern erträumt hatte, sah von weitem die Sonne hinter dem Mont Valérien untergehen, folgte beglückten Auges den strahlenden Reflexen auf den Wellen der Seine, die murmelnd vor mir flohen, und meine Phantasie entzückte sich an den glänzenden poetischen Bildern des Thomas Moore. Ich hatte eben seine Gedichte in einer französischen Übersetzung entdeckt, die ich mit Liebe zum ersten Male las. Aber de Pons, den ohne Zweifel die Entbehrungen, die ich mir auferlegte, peinlich berührten, Entbehrungen, die ich ihm bei der Häufigkeit unserer Begegnungen nicht verhehlen konnte, und der, vielleicht selbst in Verlegenheit, die ganze Summe wieder zu besitzen wünschte, schrieb an meinen Vater, setzte ihn von allem in Kenntnis und forderte die sechshundert Franken zurück, die ich ihm noch schuldig war. Diese Freimütigkeit wurde mir verhängnisvoll. Mein Vater bereute seine Nachgiebigkeit bereits bitter; ich war seit fünf Monaten in Paris, ohne daß meine Stellung sich geändert hätte, und ohne daß Fortschritte in meiner musikalischen Laufbahn bemerkbar geworden wären. Er hatte sich ohne Zweifel eingebildet, ich werde mich in so kurzer Zeit am Wettbewerb des Instituts beteiligen und den ersten Preis erhalten, eine dreiaktige Oper schreiben, die mit außerordentlichem Erfolg in Szene gehen würde, so daß ich in die Ehrenlegion aufgenommen und von der Regierung bezahlt werden würde usw. usw. Statt dessen erhielt er die Nachricht von Schulden, die ich gemacht, und deren Hälfte noch zu begleichen war. Der Sturz war hart, und ich erfuhr den Gegenstoß in seiner ganzen Heftigkeit. Er gab de Pons seine sechshundert Franken zurück und kündigte mir an, er werde, wenn ich meine musikalische Chimäre nicht aufgeben wolle, zur Verlängerung meines Pariser Aufenthalts bestimmt nichts mehr beitragen und ich wäre dann auf mich selbst angewiesen. Ich hatte einige Schüler, war an ein mäßiges Leben gewöhnt, schuldete de Pons nichts mehr; so zögerte ich denn nicht. Ich blieb. Cherubini, dessen Ordnungsliebe sich in allem ausdrückte, und der wußte, daß ich nicht dem gewöhnlichen Studiengang am Konservatorium gefolgt war, der zum Eintritt in Lesueurs Kompositionsklasse berechtigte, ließ mich der Klasse von Reicha für Kontrapunkt und Fuge zuweisen, die, gemäß dem heiligen Lehrplan, der Kompositionsklasse voranging. Ich genoß also den Unterricht der beiden Lehrer gleichzeitig. Außerdem hatte ich mich gerade an einen jungen Mann von Herz und Geist angeschlossen, an Humbert Ferrand; ich bin glücklich, ihn zu meinen liebsten Freunden zu zählen. Er hatte das Buch zu einer großen Oper »Die Vehmrichter« für mich verfaßt, und ich komponierte die Musik dazu mit einer Hingerissenheit ohnegleichen. Später ward diese Dichtung vom Ausschuß der Königlichen Musikakademie zurückgewiesen, und meine Partitur damit gleichfalls zur Vergessenheit verdammt, aus der sie nie mehr erstanden ist. Nur die Ouvertüre sah das Tageslicht. Ich habe die besten Einfälle aus dieser Oper weiter entwickelt und sie hier und da in meinen späteren Kompositionen verwendet; den Rest traf wahrscheinlich dasselbe Los oder er wurde verbrannt. Ferrand hatte auch eine heroische Szene mit Chören geschrieben, deren Vorwurf »die griechische Revolution« damals alle Geister beschäftigte. Ohne die Arbeit an den Vehmrichtern sehr lange zu unterbrechen, hatte ich sie in Musik gesetzt. Diese Partitur, deren sämtliche Seiten den starken Einfluß des Spontinischen Stils verrieten, bot mir die Gelegenheit zu einem ersten Anprall gegen einen harten Egoismus, dessen Vorhandensein ich nicht ahnte, welcher aber der Mehrzahl der berühmten Meister eigen ist und der mich empfinden ließ, wie sehr im allgemeinen junge Komponisten, selbst die unbekanntesten, unbeliebt bei jenen sind.

Rudolf Kreutzer war Generalmusikdirektor an der Oper; die geistlichen Konzerte der Karwoche mußten bald in diesem Theater stattfinden; von ihm hing die Aufführung meiner Szene ab und ich wollte ihn darum bitten. Mein Besuch war jedoch vorbereitet durch einen Brief, den der Oberintendant der schönen Künste, Herr von Larochefoucauld, ihm in meiner Sache geschrieben hatte, auf Grund angelegentlicher Empfehlungen eines seiner Sekretäre, der mit Ferrand befreundet war. Außerdem hatte Lesueur mein Anliegen mit seinem Kollegen mündlich besprochen und es warm unterstützt. Vernünftigerweise durfte man hoffen. Meine Illusion währte nicht lang. Kreutzer, der große Künstler, der Komponist des »Tod Abels« (eines schönen Werkes, über das ich ihm, voller Begeisterung, vor ein paar Monaten einen wahren Dithyrambus geschrieben), Kreutzer, den ich mir gut und wohlwollend dachte wie meinen Lehrer, weil ich ihn bewunderte, empfing mich auf die verächtlichste, unhöflichste Weise. Er erwiderte kaum meinen Gruß und warf mir, ohne mich anzusehen, über die Achsel folgende Worte hin: »Guter Freund (er kannte mich nicht!), wir können in den geistlichen Konzerten keine neuen Kompositionen aufführen. Wir haben keine Zeit, sie einzustudieren; Lesueur weiß das wohl.« Ich zog mich zurück, das Blut wallte mir. Am folgenden Sonntag fand eine Auseinandersetzung zwischen Lesueur und Kreutzer in der königlichen Kapelle statt, wo der letztgenannte einfacher Geiger war. Von meinem Lehrer zur Rede gestellt, antwortete er schließlich, ohne seine schlechte Laune zu verhehlen: »Ei! Bei Gott! Was sollte denn aus uns werden, wenn wir die jungen Leute so unterstützen wollten? ...« Wenigstens war er aufrichtig.

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