Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hector Berlioz >

Lebenserinnerungen

Hector Berlioz: Lebenserinnerungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typebiography
authorHector Berlioz
titleLebenserinnerungen
publisherC. H. Becksche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorHans Scholz
year1914
translatorHans Scholz
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150114
projectid3cf79241
Schließen

Navigation:

8.

A. de Pons. Er leiht mir 1200 Franken. Erste Aufführung meiner Messe in der St. Rochuskirche. Eine zweite in der St. Eustachiuskirche. Ich verbrenne die Messe.

 

Meine Entmutigung wuchs also bis zum äußersten; ich hatte den Briefen, womit mich meine Eltern niederschmetterten, nichts Triftiges entgegenzuhalten; schon drohten sie mir die mäßige Pension, durch die ich meinen Unterhalt in Paris bestritt, zu entziehen, da ließ mich der Zufall, bei einer Aufführung der Piccinischen Dido in der Oper, einen jungen, gebildeten Musikfreund finden, einen großzügigen, ungestümen Charakter, der zornschnaubend meinem Fiasko in St. Rochus beigewohnt hatte. Er gehörte einer vornehmen Familie des Faubourg St. Germain an und erfreute sich ziemlicher Wohlhabenheit.

Seitdem hat er sich ruiniert; er hat, trotz des Einspruchs seiner Mutter, eine mittelmäßige Sängerin, die Schülerin am Konservatorium war, geheiratet; bei ihrem ersten Auftreten ergriff er die Bühnenlaufbahn und folgte ihr als Opernsänger durch die Provinzen Frankreichs und Italiens. Als ihn seine Primadonna nach einigen Jahren verließ, kehrte er nach Paris zurück und vegetierte dort als Gesanglehrer. Ich hatte manchmal Gelegenheit, ihm durch Kritiken im Journal des Débats nützlich zu sein; aber es ist ein brennender Schmerz für mich, daß ich nicht mehr für ihn tun konnte; denn der Dienst, den er mir freiwillig erwies, war von großem Einfluß auf meine ganze Laufbahn und ich werde ihn nie vergessen; er hieß Augustin de Pons. Das letzte Jahr lebte er sehr mühselig von seinen Stunden! Was ist nach der Februarrevolution aus ihm geworden, die ihm all seine Schüler rauben mußte? ... Ich zittere, es auszudenken ...

Als er mich im Foyer der Oper erblickte, rief er mit aller Kraft seiner mächtigen Lungen: »Nun und die Messe? Ist sie umgearbeitet? Wann veranstalten wir eine Musteraufführung davon?« – »Mein Gott, ja, sie ist umgearbeitet und neu abgeschrieben dazu. Aber wie soll ich sie denn aufführen lassen?« – »Wie. Potztausend, indem Sie die Künstler bezahlen. Wieviel brauchen Sie? Etwa zwölfhundert Franken? Fünfzehnhundert Franken? Zweitausend Franken? Ich selbst leihe sie Ihnen.« – »Schreien Sie doch nicht so. Wenn Sie im Ernst reden, wäre ich überglücklich, Ihr Anerbieten anzunehmen, und zwölfhundert Franken würden mir genügen.« – »Abgemacht. – Besuchen Sie mich morgen früh, ich werde Ihre Angelegenheit ordnen. Wir engagieren alle Choristen der Oper und ein herrliches Orchester. Valentino soll zufrieden sein und wir werden zufrieden sein; das muß doch gehen in Teufels Namen!«

Und wirklich, es ging. Meine Messe wurde in der Rochuskirche unter Valentino und vor einem zahlreichen Auditorium glänzend aufgeführt; die Zeitungen besprachen sie günstig, und so gelang es mir, dank dem braven de Pons, mich zum ersten Male zu hören und hören zu lassen. Alle Komponisten wissen, wie wichtig und wie schwierig es ist, in Paris auf diese Art den Fuß in den Steigbügel zu setzen.

Diese Messe wurde lange nachher (im Jahre 1827) in der Eustachiuskirche nochmals aufgeführt, am Tage des großen Aufstandes in der Saint-Denis-Straße.

Das Orchester und die Chöre des Odeons hatten mich diesmal unentgeltlich unterstützt, und ich hatte es gewagt, sie selbst zu dirigieren. Abgesehen von einigen Unachtsamkeiten, die ihren Grund in meiner Aufregung hatten, machte ich meine Sache ganz gut. Wie weit war ich indessen entfernt von all den Eigenschaften, der Präzision, Gewandtheit, Wärme, Feinfühligkeit und Unerschrockenheit, die, verbunden mit einem unerklärlichen Instinkt, das wahre Dirigententalent ausmachen! Und was brauchte es Zeit, Übung und Nachdenken, bis ich mir einige davon angeeignet hatte! Wir beklagen oft die Seltenheit guter Sänger; die guten Orchesterdirigenten sind noch viel seltener, und ihre Wichtigkeit ist, in einer Menge von Fällen, für die Komponisten viel größer und furchtbarer.

Nach diesem neuen Beweis konnte mir der geringe Wert meiner Messe nicht im geringsten mehr zweifelhaft sein; so nahm ich denn das Resurrexit Auch dieses habe ich später vernichtet., mit dem ich leidlich zufrieden war, heraus und verbrannte den Rest, zusammen mit der Szene aus Beverley, für die sich meine Leidenschaft stark abgekühlt hatte, ebenso die Oper »Estelle« und ein vor kurzem vollendetes lateinisches Oratorium (»Die Durchschreitung des Roten Meeres«). Ein kalt inquisitorischer Blick hatte mich seine unbestreitbaren Rechte auf die Mitwirkung bei diesem Autodafé erkennen lassen.

Trauriges Zusammentreffen! Gestern, als ich die vorliegenden Zeilen geschrieben, verbrachte ich den Abend in der Komischen Oper. Ein Musiker aus meiner Bekanntschaft begegnet mir in einem Zwischenakt und redet mich folgendermaßen an: »Seit wann sind Sie aus London zurück?« – »Seit einigen Wochen.« – »So! de Pons ... wissen Sie schon? ...« – »Nein, was denn?« – »Er hat sich im vorigen Monat freiwillig vergiftet.« – »Ach! mein Gott!« – »Ja, er schrieb, er sei lebensmüde; aber ich fürchte, das Leben war ihm nicht mehr möglich; er hatte keine Schüler mehr, die Revolution hatte sie alle zerstreut, und der Verkauf seiner Möbel hat nicht einmal zur Zahlung seiner Wohnungsmiete ausgereicht.« O Unglücklicher! Arme, verlassene Künstler! Republik der Lastträger und Lumpensammler! ...

Horrible! Horrible! most horrible! Gerade eben bringt mir die Morning-Post die Beschreibung vom Tode des unglücklichen Fürsten Lichnowsky, der an den Toren von Frankfurt grausam hingemordet wurde durch Bestien von deutschen Bauern, würdigen Nacheiferern unserer Junihelden! Sie haben ihn mit Messerstichen gespickt, mit Sensenhieben zerhackt; sie haben ihm Arme und Beine in Stücke zerbrochen! Sie haben ihm mehr als zwanzig Flintenschüsse beigebracht, absichtlich so, daß sie ihn nicht töteten! Darauf haben sie ihn ausgezogen und ihn sterbend und nackt an einer Mauer liegen lassen! ... Erst nach fünf Stunden ist er verschieden, ohne Klage, ohne Seufzer! ... Edler, geistvoller Enthusiast, wackerer Lichnowsky! Ich habe ihn in Paris gut kennen gelernt und ihn letztes Jahr in Berlin getroffen, als ich aus Rußland zurückkam. Damals begannen seine Erfolge als Redner. Infames Lumpenpack von Menschen! Die ihr mit euren Kapriolen und revolutionären Fratzen hundertmal stupider und wilder seid, als die Babuine und Orang-Utane auf Borneo! ...

Ach! laßt mich gehen, laufen, rennen, schreien aus ganzer Seele! ...

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.