Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Lange >

Lebenserinnerungen

Helene Lange: Lebenserinnerungen - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/langeh/lebenser/lebenser.xml
typebiography
authorHelene Lange
titleLebenserinnerungen
publisherF. A. Herbig G. m. b. H.
printrun8. und 9. Tausend
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
projectid1f64b690
Schließen

Navigation:

Jugend

Erste Weltanschauungskämpfe

Zwischen Kindheit und Jugend ist in der Regel kein ganz scharfer Schnitt. Die eine gleitet unmerklich in die andere hinüber. Bei mir ist das nicht so gewesen. Nicht nur der Riegel vor dem Tor des Elternhauses und der äußere Szenenwechsel, sondern auch andere Erlebnisse innerlicherer Art, für Fremde kaum wägbar, für meine Entwicklung einschneidend, trugen dazu bei, mich schnell reifen zu lassen. In vielem noch Kind, war ich der kindlichen Weltauffassung doch schon entwachsen, als ich im Frühjahr 1864, kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag, zum erstenmal das Eninger Pfarrhaus betrat, das ein Freund meines Vaters, Pastor Rieken in Rodenkirchen, ihm warm empfohlen und das er selbst noch für mich bestimmt hatte.

Zunächst sei nun gesagt, was diese Blätter von jetzt ab geben wollen und sollen. Die Kinderzeit ist ein Blatt für sich. Man steht ihr objektiv und ganz überlegen gegenüber. Ihre Torheiten und Wunderlichkeiten, ihre Freuden und Leiden gehören nicht mehr zu uns. Man gibt, wenn man sie darstellt, einen Beitrag zur Kinderpsychologie, der mehr oder weniger typisch ist, auch wo man Innerstes berührt. Das wird anders in dem Augenblick, wo man als werdende Persönlichkeit dem Leben individuell aufnehmend, wertend und gestaltend gegenüber steht. Gerade innerlichste Erlebnisse mit Menschen und geistigen Mächten entziehen sich bei objektiven Darstellung zum Teil überhaupt, zum Teil sind sie nur als »Wahrheit und Dichtung« wiederzugeben. Das aber steht nur dem großen Künstler zu, dessen Dichtung auch ein Stück Wahrheit, wenn auch keine objektive, ist. Jeder andere sollte einfach dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, d. h. der Öffentlichkeit das, was sein öffentliches Wirken betrifft. Ist das geistiger Art, so gehört dazu selbstverständlich auch die Grundlage der Weltanschauung, aus der es erwuchs.

Damit ist gesagt, was ich mir als Aufgabe setze. Mein eigentliches Privatleben bleibt als unerheblich außer Betracht. Was aber irgendwie als Nährboden für die Überzeugungen gelten kann, aus denen meine Mitarbeit an der Gestaltung des Frauenlebens und der Berufstätigkeit der Frau erwuchs, wird in meine Darstellung einbezogen werden, und damit eine Fülle scheinbar nur privater Beziehungen. Vielleicht leben nicht viele mehr, die das Stück Zeitgeschichte, um das es sich handelt, aus dem gleichen Gesichtswinkel darstellen können, aus dem ich es sah. Darin dürfte die bescheidene Bedeutung dieses Beitrags liegen.

Mein einjähriger Aufenthalt in Eningen bei Reutlingen, dem später viele freundschaftliche Besuche dort gefolgt sind, ist von grundlegender Bedeutung für meine weitere Entwicklung geworden, und zwar nach zwei Richtungen hin, die mir beim Erleben noch kaum deutlich wurden, in der Rückschau aber bestimmend erscheinen.

Es war für das norddeutsche junge Mädchen eine ganz neue Welt, die sich ihm hier auftat. Die äußere Eingewöhnung vollzog sich schnell, da norddeutsche Gefährtinnen die Führung durch all das Ungewohnte übernahmen und »Onkel und Tante«, wie wir von vornherein den Pfarrer Max Eifert und seine Frau nannten, Menschen von höchstem Wert und innerlichster Bildung waren.

Was dem jungen Mädchen aus einem Lande, dem der Landmann, der Kaufmann, der Schiffer mehr das Gepräge gaben als der Studierte, am meisten auffiel, was von ihm mit jedem Atemzuge begierig eingesogen wurde, das war die geistige Atmosphäre des Hauses. Durchgangspunkt für eine Schar von Gästen, die besonders der impulsive, im besten Sinne menschenhungrige Hausherr heranzog, brachte es täglich neue Eindrücke, die zum größten Teil aus der Welt der Studierten stammten. Daß die Theologie dabei überwog, brachte schon das Pfarrhaus mit sich, zumal auch der älteste Sohn Max in Tübingen Theologie studierte. Und da bekanntlich Theologen nach den Medizinern am meisten fachsimpeln, so schlugen die Namen Strauß, Christian Baur, Tübinger Schule u. a. m. an mein Ohr; fast inhaltlos, aber durch die Zusammenhänge, in denen sie erwähnt wurden, brennendes Interesse erregend. Nichts hätte leichter geschienen, als dieses Interesse zu befriedigen. Aber indem ich der Unterhaltung folgte, stellte ich zugleich fest – auch das eine ganz neue Erfahrung –, daß sie sich ganz auf die Männer beschränkte, soweit es sich um Themen von einigem geistigen Gewicht handelte. Gesprächsgegenstände und Ton wechselten, sowie die Unterhaltung einmal die Frauen einbezog. Wie in den meisten Häusern des Mittelstandes den Herren die Ehrenplätze bei Tisch und sehr häufig ein Vorzug bei der materiellen Versorgung als ganz selbstverständlich gewährt wurde, so gab es auch geistig eine Art ai tabu, ein den Männern vorbehaltenes Gebiet. In hauptstädtischen Kreisen – ich nehme da spätere Erfahrungen vorweg – war die Grenzlinie sozusagen weltmännischer reguliert; die schöne Literatur und Kunst boten eine gemeinsame Sphäre. Aber auch hier war die geistige Trennung der Geschlechter weit merkbarer als im Norden; das stärkere Wirtshausleben der Männer mochte als Ursache oder Wirkung damit zusammenhängen.

Nun war ich weder an eine Trennung noch an eine verschiedene Einschätzung der Geschlechter gewöhnt, am wenigsten an eine Scheidung der geistigen Sphären. Zu Hause hatte ich gerade in der letzten Zeit mit älteren Freunden meines Bruders eifrig die Probleme erörtert, die der jene Zeit beherrschende naturwissenschaftliche Materialismus der Büchner, Karl Vogt, Moleschott zu lösen vorgab, aber für mich nicht löste; Erörterungen, die sich freilich schlecht mit dem Konfirmandenunterricht vertrugen, der, in formelhafter Weise gegeben, mir aber sowieso wenig bieten konnte. Diese Freunde hatten zwar keine wissenschaftliche Bildung im engeren Sinne, waren mir aber an Verständnis und Wissen weit voraus; eben deshalb konnten sie mir das sein, was ich suchte: Führer. Und nie hätte man auch nur im entferntesten daran gedacht, mir meines Geschlechts wegen die Möglichkeit des Ringens mit diesen Problemen, so unreif es sich damals noch ausnehmen mußte, zu bestreiten. Hier aber ein solches Gespräch zu suchen, das sah ich bald, würde größtes Aufsehen und Befremden erregt haben; es würde auch bei der herablassenden Art, wie man sich unter Umständen einmal der als Grundtatsache vorausgesetzten weiblichen geistigen Inferiorität anpaßte, zu keinem Erfolge geführt haben. So blieb mir kaum die bescheidene Freude des Verstehenkönnens, »wenn kluge Männer sprechen«. Auch die Pfarrerin, eine hervorragend gescheite und geistig selbständige Frau, die viel gelesen und sich eine gute autodidaktische Bildung angeeignet hatte, würde nie daran gedacht haben, sich in die Debatten der Männer zu mischen, selbst wenn sie sich um Themen drehten, die sie gut beherrschte und selbst wenn die Urteile der oft noch blutjungen Männer durchaus keine tiefe Weisheit verrieten. Im Zwiegespräch, das einzelne gern mit ihr suchten, konnte sie wohl gelegentlich durch eine feine Bemerkung die Überlegenheit ihres Urteils zeigen, ihr selbst fast unbewußt und ohne daß dadurch ihr Gefühl vom Herrenrecht der Männer auch auf geistigem Gebiet irgendwie beeinträchtigt worden wäre. Noch viele Jahre später, als ich ziemlich eingehende philosophische und altsprachliche Studien getrieben hatte, meinte sie, ich möge doch ja nichts davon merken lassen, woran ich übrigens schon des unvermeidlichen Aufsehens wegen gar nicht gedacht haben würde. Ein Kennzeichen für die geistige Trennung der Geschlechter war die äußere, die sich auf den »Pfarrkränzchen« sofort nach dem gemeinsam eingenommenen Kaffee vollzog. Der dort unter freundlichem Entgegenkommen der Herren begonnene Austausch über Personalien wurde von den Frauen mit doppeltem Eifer und Genuß unter Herabsteigen in die Küchensphäre fortgesetzt, während die Männer, in ungeheure Tabakswolken gehüllt, ihre – nicht immer überwältigenden – Geistesturniere ritten oder fachsimpelten. Wenn man auf der Grenzscheide beiden Gesprächen lauschte, konnte man kaum meinen, Wesen derselben Spezies vor sich zu haben.

Daß es sich in der Tat um die Bewohner zweier Welten handelte, war mir schon ziemlich früh klar geworden. Als wir zum erstenmal mit dem Onkel nach Tübingen gingen, holte uns der Sohn des Hauses am Bahnhof ab. Er ging mit dem Vater voraus, dicht vor uns Mädchen her. Das Gespräch drehte sich um die Vorlesungen, die er hörte: Ethik, Dogmatik, Philosophie – – Er gab Einzelheiten, skizzierte kurz seinen Plan für das Semester – – So etwas gab es also! Das konnte so ein glückseliger junger Mann alles hören; es wurde ihm noch zur Tugend angerechnet, wenn er es nicht schwänzte! Und davon waren wir als ganz selbstverständlich ausgeschlossen, auch wenn innere und äußere Not uns drängten! Ich wußte, ich würde meinen Weg durchs Leben zu machen haben, aber ich würde auf Surrogate angewiesen sein. An den Quellen zu schöpfen, die auch dem Dümmsten, nur durch Einpauken durch die Reifeprüfung geschobenen Manne offen standen, war mir verwehrt.

Vielleicht war diese Stunde die Geburtsstunde der »Frauenrechtlerin«.

Ein Einziger hat eine Ausnahme gemacht – das sei hier noch dankbar erwähnt. Es war Edmund Pfleiderer, dem man schon früh eine bedeutende wissenschaftliche Zukunft voraussagte und der damals eine Zeitlang im Eninger Pfarrhaus Vikar war. Er liebte es, mit der langen, von ihm kaum getrennt zu denkenden Pfeife gelegentlich ins Wohnzimmer herunterzukommen; da saß er dann in der Sofaecke neben der auf dem Fenstertritt vor unendlichen Bergen von zerrissenen Hemden und Strümpfen sitzenden Pfarrerin und führte Gespräche mit ihr über Gott und die Welt, nicht selten auch über Dinge aus seinem Studiengebiet. Ich war damals durch ein langwieriges Augenleiden viel ans Zimmer gefesselt, wo ich begierig alles, auch Halbverstandenes, aufnahm. Ob dann er der erste war oder ich: kurz, eines Tages waren wir, zufällig allein geblieben, in einem Gespräch über Weltanschauungsfragen, das er mit mir genau so ernst und fachlich führte wie mit einem Studenten – man war feinfühlig in bezug auf den Ton geworden. Er hatte eine ungemein klare und anschauliche Art, darzustellen, und gab auf alle meine begierigen Fragen Antworten, mit denen ich etwas anzufangen wußte. Den naturwissenschaftlichen Materialismus bekämpfte er mit Argumenten, die, wie ich natürlich erst viel später feststellen konnte, in die Richtung Fechner-Lotze wiesen. Als letzte Instanz für alle philosophisch-ethischen Fragen verwies er mich auf Kant; der wurde dann meine Hoffnung für den Rest des Jahres. Ich beschloß schon damals, das Brett gleich an der dicksten Stelle zu bohren, und als ich, siebzehnjährig, nach Oldenburg zurückkam, war mein erstes, in der Berndtschen Buchhandlung Kants Kritik der reinen Vernunft zu fordern, was den Gehilfen bis zur Fassungslosigkeit verblüffte. Das war doch auch für den Norden etwas zu starker Toback. Das Buch war natürlich nicht vorhanden: es gehörte nicht zu den landläufigen Oldenburger Bedürfnissen. Es mußte bestellt, dann, da es in ungefalzten Bogen ankam, gebunden werden. Die Zeit genügte, um den Vorgang zum Stadtgespräch zu machen. Als dann Buchbindermeister Timpe »Kretik« darauf gedruckt hatte, wurde mir das zum Symbol sowohl der Verständnislosigkeit meiner Umgebung, als der eigenen Ratlosigkeit, denn natürlich versaß ich meine Nächte vergebens vor den Erkenntnissen a prioriund a posteriori; aus dem schweren Deutsch, zu dem mir der Schlüssel fehlte, konnte mir der Stern nicht aufgehen, den ich schon hatte leuchten sehen. Als ich dann viele Jahre später in Fichtes Leben an die Stelle kam, wo er das überwältigende Glück schildert, das dem schon den Dreißig sich Nähernden die Kantsche Lehre von der Freiheit des Willens bereitete, mußte ich wieder lebhaft an den kindlichen Versuch denken, vom flachen Erdboden aus die Hand nach den Gipfeln zu strecken, und die ganze Rat- und Hilflosigkeit jener Zeit stand wieder vor mir.

Es war natürlich, daß mein geistiges Gleichgewicht in jenem Jahr bedenklich labiler Art war. Ich weiß von einer Zeit fast entrückter christlicher Mystik, der dann eine so vollendete Skepsis folgte, daß ich mich weigerte, an einem kirchlichen Brauch teilzunehmen, den ich in dem Sinne, der Voraussetzung dabei war, nicht mitmachen konnte. Ein Gespräch mit dem Pfarrer nützte nichts; ich fühlte die pädagogische Note durch und hatte, ohne die Ausdrücke zu kennen, ein vages Gefühl von esoterischer und exoterischer Lehre. Als dann Pastor Rieken kam, der alljährlich seinen Besuch im Pfarrhaus machte, faßte ich mir ein Herz und fragte ihn nach seiner Auffassung. Wußte ich doch, daß er seinen Rodenkirchener Konfirmanden bei heiklen Glaubenssätzen zu sagen pflegte: »Wenn ihr das nicht glauben könnt, so ist das weiter nicht schlimm, wenn ihr nur gute und tüchtige Menschen werdet.« In diesem Sinne antwortete er mir denn auch, aber nicht pädagogisch überlegen, sondern ganz ehrlich freundschaftlich und setzte hinzu: »Weißt du, ich sage dir das, weil ich weiß, du verstehst es; hier meinen sie, Frauen müssen über so etwas nicht nachdenken.«

Wenn ich so aus der Rückschau als Wesentlichstes für mein inneres Werden meine geistigen Kämpfe schildere, das frühzeitig einsetzende Ringen um die Weltanschauung, so ist daraus nicht zu schließen, daß ich ein unjugendliches oder gar verbittertes Dasein geführt hätte. Gesundes junges Volk, auch wenn es mitten in geistigen Gärungsprozessen steckt, kommt immer auf seine Rechnung, auch im wirklichen Leben. Gewiß, ich suchte von Büchern zu erhaschen, was ich konnte: ich arbeitete eine Geschichte der Religionen »nach Dr. Krafts philosophischer Darstellung« unter Anfertigung umfangreicher Exzerpte durch; aber daneben las ich auch mit Hingebung Ottilie Wildermuth und genoß mit den anderen jungen Mädchen, ein paar norddeutschen Pensionärinnen und der Tochter des Hauses, Mariele, von ganzer Seele das heitere Leben, die schöne Gegend, die Gänge auf die Achalm und nach Reutlingen, die Fahrten auf den Lichtenstein, Reussen, Stauffen und Rechberg, nach Hohenurach und Tübingen und einen Ausflug in die Schweiz. Auch meine »Frauenrechtelei« machte niemand Kummer. Man lachte wohl herzlich, wenn ich bei Gelegenheit empört sagte: »Tante, warum laßt ihr euch das nur gefallen«, spottete gutmütig, wenn ich von der Möglichkeit sprach, daß auch den Frauen die Universitäten sich einmal erschließen würden, und war höchstens bemüht, derartige Extravaganzen den Ohren der Männer fernzuhalten. Als der Vikar aber doch einmal zufällig zuhörte, behandelte er meine Ketzereien, wenn auch mit dem Humor, der überhaupt zu ihm gehörte, so doch mit derselben Vorurteilslosigkeit und Unbefangenheit, mit der er Jahrzehnte später für die Zulassung der Frauen zum Studium eingetreten ist.

Die Wirkung, die das Eninger Pfarrhaus auf alle ausübte, die ihm nahetraten, kann kaum zu hoch eingeschätzt werden. Seine unbegrenzte Gastfreiheit war weithin bekannt. In der Ablehnung des Zuviel, das uns häufig die Pfarrerin ganz entzog, waren der jüngste Sohn Richard und ich uns einig. Ich stellte ihr die Grabschrift: »Gestorben an Gästen« in Aussicht, und wir gaben unserem Gefühl ganz unzweideutigen Ausdruck, wenn an einem schönen Sonntagnachmittag, den wir zusammen im Grasgarten oder unter der großen Buche genießen wollten, plötzlich eine Schar von Gästen anrückte, von Onkel und Tante stets mit solcher Herzlichkeit begrüßt, als ob etwas Lieberes als gerade dieser Besuch gar nicht hätte kommen können. Hier wurde der Austausch über persönliche Angelegenheiten, nach dem die Besucher verlangten, etwas ganz anderes als bei Pfarrkränzchen und Kaffeevisite; wie viele, die mühselig und beladen kamen, sind getröstet und gestärkt fortgegangen. Die herzliche innere Teilnahme am Erleben anderer, das Sichhineinversetzen in ihre Lage, die Fähigkeit, die alltäglichen Dinge in das Licht einer geistigen Auffassung zu rücken und ihnen dadurch die richtigen Größenverhältnisse zu geben, sind mir nie bei irgendeinem Menschen in ähnlicher Weise entgegengetreten wie bei der Pfarrerin. Dem Pfarrer merkte man das herzliche, in impulsivster Weise geäußerte Mitgefühl an; dieses seine Nachfühlen in der Seele anderer war die besondere Fähigkeit der Frau, die unendlich vielen Menschen die Möglichkeit gegeben hat, ihre besten geistigen Kräfte zur Bewältigung schwerer Lebensschicksale aufzurufen. Der Begriff »Selbstlosigkeit« ist mir nie so aus dem Abstrakten ins Wirkliche übertragen erschienen. Wie konnte sie, wenn einer der Ihren eine Reise machen durfte, ihn von Station zu Station begleiten, mit so herzlicher Mitfreude und so warmem, glänzendem Auge, als ob sie selbst dabei sei. Am nächsten stand ihr selbstverständlich der eigene Familienkreis. Was sie hier gab, wußten nur die Empfangenden, und es wurde nicht viel darüber geredet. Aber einmal gab sie doch ihrem tiefen Glücksgefühl Ausdruck, als ihr Sohn einer alten Freundin gesagt hatte: »Meine beste Theologie hab' ich von meiner Mutter.« Nie aber hatte ein Fremder das Gefühl, ungelegen zu kommen, nie wich sie irgendwelchen Ansprüchen an ihre Zeit und Teilnahme aus. Wenn diese Güte und Selbstlosigkeit auch in dem Boden einer tiefen, ganz unaufdringlichen Frömmigkeit wurzelte, so war sie doch ein untrennbares Stück ihres Selbst geworden; sie wurde so unbewußt geübt, so ohne jede Pose, daß vielen erst, als sie nicht mehr da war, zum Bewußtsein kam, was sie an ihrer sich immer gleich bleibenden Güte, ihrem stillen, dauernden Selbstopfer gehabt hatten. Denn ein Selbstopfer war es, mit der größten Einfachheit gebracht und mit der größten Selbstverständlichkeit hingenommen. Die Worte:

»Du nur merkst nicht den Gott, der dir im Busen gebeut,
Nicht des Siegels Gewalt, das alle Geister dir beuget,
Einfach gehst du und still durch die eroberte Welt –«

würde sie selbst weit von sich abgewiesen haben, schon weil das Wort »erobern« so gar nicht zu ihr paßte: im tiefsten Sinne sind sie doch der Ausdruck ihres Wesens geworden.

Rührend war ihr Verhältnis zu dem überaus temperamentvollen, großherzigen, stets hilfsbereiten und leidenschaftlich für seine Freunde – ihr Kreis war groß – eintretenden Gatten, auf den nur gerade der Ausdruck »Selbstaufopferung« nicht zugetroffen hätte. Im Gegenteil: er gab sich selbst in jedem Augenblick seines Lebens. Und weil Idealismus, Güte und Großherzigkeit die Grundzüge seines Wesens waren, hat auch er vielen viel bedeutet. Nicht helfen können, wo er gewollt hätte, das war ihm unerträglich, und immer ging er bis an die Grenze des Möglichen, oft darüber hinaus. Aber »weißt du,« sagte mir die Pfarrerin in späterer Zeit einmal, »ich habe mir als junge Frau vorgenommen, dem warmherzigen Mann nie ein Hemmnis zu sein. Wenn ich so sehe, wie er sein kleines Geldtäschle zieht« – er hatte wieder einmal 24 Kreuzer Trinkgeld gegeben, wo 6 am Platz gewesen wären –, »da ist es mir immer so weh, daß er so viel geben möchte und so wenig zu geben hat.« So suchte sie auch hier still auszugleichen und wieder einzubringen, um ihn nicht einschränken zu müssen. Als Prediger wußte er an die Herzen heranzukommen. Er sprach stets völlig frei. Oft stand er am Sonnabend in Gedanken versunken am Fenster der Wohnstube, das auf den Gaisberg hinausging; dann wandte er sich plötzlich mit einem kurzen: »I hab's« zu seiner Frau. Da war denn der Gedanke da, um den sich seine einfache, aus dem Leben schöpfende und darum auch Leben schaffende Sonntagspredigt drehte. Was er im Amtszimmer im Dienst der großen Gemeinde zu erledigen hatte, kam natürlich nicht zu unserer Kenntnis. Nur manchmal vermittelte das Sprachrohr, das das Amtszimmer mit dem darunter liegenden Wohnzimmer verband, das dumpfe Geräusch eines Zornesausbruchs. Er galt gewöhnlich sehr verdientermaßen einem jener ziemlich wild aufwachsenden Burschen, deren der große Marktflecken viele zählte, da die Väter weit über das Land hinaus die Märkte mit ihren Waren bezogen. Die Tante litt jedesmal darunter: es war ihr nicht um den Buben – sie war überzeugt, daß ihm recht geschah –, sondern um ihren Mann, den nichts tiefer und nachhaltiger erregen konnte als Roheit und Mangel an Ehrfurcht – beides seiner ganzen Natur so vollkommen fremd und unverständlich. Und man fühlte nachher, wie die Erregung in ihm nachzitterte.

So waren die Menschen beschaffen, die mir in der empfänglichsten Jugendzeit nahe traten. Wenn mir in der Folgezeit menschliche Güte und Selbstlosigkeit zu einem der wesentlichsten Argumente für das Dasein eines immateriellen Urgrundes der Welt geworden ist, so hat das Jahr im Eninger Pfarrhaus den Grund dazu gelegt.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.