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Lebenserinnerungen

Helene Lange: Lebenserinnerungen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typebiography
authorHelene Lange
titleLebenserinnerungen
publisherF. A. Herbig G. m. b. H.
printrun8. und 9. Tausend
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Schule

Wie schon erwähnt, habe ich zwei Schulen besucht: zuerst mit einigen Dutzend Knaben und Mädchen zusammen die Elementarschule von »Tante Wöbcken«, dann die Krusesche höhere Mädchenschule.

Tante Wöbcken war eine ganz wohlwollende brave Seele, die wir Kinder wohl leiden mochten. Sie war natürlich nicht irgendwie für ihr Amt vorgebildet, sondern hatte es einfach mit dem Recht der »erwerbslosen Hinterbliebenen« auf sich genommen. Wieviel sie von den Künsten, die zu übermitteln sie übernommen hatte, selbst verstand, kann ich nicht beurteilen; ich sehe sie nur immer in zwei Situationen vor mir: einmal mit der Brille auf der Nase unsere »Bruddel« in den Strickarbeiten in Ordnung bringend, viel lebhafter aber noch, wie sie mit dem Holzlöffel in der Hand um die Türecke herum ins Zimmer guckte, mit der immer gleichen Frage: »Seid ihr auch artig?« Wir waren nämlich, wenn die Küchenarbeit dringlich wurde, zeitweise uns selbst überlassen, d. h. Tante Wöbcken würde das nicht zugegeben haben, denn sie hatte uns aus den Mitschülern einen Aufpasser oder eine Aufpasserin gesetzt. Ich habe später manchen Ämtermißbrauch gesehen, kaum je aber in dem Maße wie bei dieser Gesellschaft von Dreikäsehochs, bei denen ein unglaublicher Grad von »Korruption« herrschte. Waren zwei sich »böse«, was natürlich alle Augenblicke vorkam, so konnte man die ganz unverfrorene Äußerung hören: »Warte nur, wenn ich das nächstemal aufpassen muß!« Dann wurde unfehlbar, wenn man sich inzwischen nicht etwa wieder vertragen hatte, der Gegner als irgendwelches Vergehens schuldig zur Anzeige gebracht. Ich weiß bestimmt, daß ich mich nie daran beteiligt habe; vielleicht ist in meinem Leben kein Gefühl je so stark gewesen wie das für Gerechtigkeit. Und als ich einmal als Opfer dieser Methode zur Anzeige gelangte, habe ich der Urheberin in der nächsten Spielpause meine Auffassung der Sache handgreiflich klarzumachen versucht.

Soweit ich mich erinnern kann – ich kann höchstens fünf Jahre alt gewesen sein –, wurde der eigentliche Unterricht von Lene Wöbcken, einer Verwandten der alten Dame, erteilt. Sie faßte uns ohne alle Sentimentalität an und war mehr auf Furcht als auf Liebe in der Erziehung eingestellt. Aber eingepaukt wurden die Elemente irgendwie. Eindruck hat mir von dem Unterricht selbst nichts gemacht, nur ein persönliches Erlebnis, das zu Nutz und Frommen der Pädagogik hier aufbewahrt sein mag.

Ich erwähnte schon, daß ich lesen konnte, als ich zur Schule kam. »Speckters Fabeln«, meines Bruders Fibel und erstes Lesebuch, waren mir ganz vertraut, und auch sonst las ich, was mir gerade vorkam. Nun wurde ich von Lene Wöbcken vor eine große Tafel gestellt, auf der ba = ba und dergleichen interessante Zusammenstellungen mehr zu sehen waren und vor der ich mich vollendet hilflos und dumm benahm. Denn es genügte nicht etwa, daß man die gedruckten Silben lesen konnte, man mußte erst buchstabieren und dann zusammenziehen. Als ich schüchtern bemerkte, ich hätte immer Wörter gelesen, wurde ich gefragt, was denn be u zeha bedeute, worauf ich nach scharfem Nachdenken erwiderte: Buzeha. Die Verfänglichkeit der nächsten Frage: was denn de u em em heiße, verstand ich nicht; erst das Gelächter der anderen und die Erklärung einer Mitschülerin brachten die unverständlichen Laute mit einer Eigenschaft in Verbindung, deren Zusammenhang mit meiner kleinen Person mir nun allerdings richtig zu sein schien.

Wie lange der Zustand gänzlicher Verwirrung gedauert hat, in den mich die neue Art zu lesen versetzte, weiß ich nicht. Jedenfalls lauschte ich immer mit Neid nach einer Ecke der Klasse hinüber, wo die Fortgeschritteneren lasen, richtige Geschichten lasen, während wir zeichneten oder strickten. Und eines Tages nahm ich kurz entschlossen meine Fibel unter den Arm und ging zu den Lesenden, wo mir eine kleine Gefährtin gutherzig Platz machte. Lene Wöbcken merkte nichts oder sagte wenigstens nichts. So wäre die Auswanderung vollständig geglückt, wenn nicht eine Mitschülerin – ihr Name brennt noch heute in meiner Seele – die Sache gemerkt hätte. Sie erklärte kurz: »Wenn du mir morgen nicht etwas mitbringst, sage ich's nach.« Die »Phantasie zum Katastrophalen« muß wohl schon damals in mir lebendig gewesen sein. Sie malte mir fürchterliche Folgen einer Entdeckung aus, unauslöschliche Schmach für die ganze Familie. So ergab ich mich in mein Schicksal und opferte dem Moloch. Die nun folgende Zeit, in der ich ihn täglich mit irgendeinem Besitztum aus meiner Puppenstube oder sonstigen kleinen Habe speisen mußte, dehnt sich in meiner Erinnerung endlos. In Wirklichkeit kann sie nur kurz gewesen sein, denn meine Habe war sehr gering. Jedenfalls war ich eines Tages genötigt, ohne Opfer anzutreten, denn als ich einen kleinen Puppenleuchter, den ich besonders liebte, noch wägend in der Hand hielt, nahm mein Vater ihn fort mit den Worten: »Du sollst kein Spielzeug mit in die Schule nehmen.« Meine Peinigerin mag die Hoffnungslosigkeit weiterer Erpressungsversuche eingesehen haben: jedenfalls hat sie mich schließlich in Ruhe gelassen. Diese nachdenkliche kleine Geschichte mag für die »Psychologie der frühen Kindheit« und die Theorie von der angeborenen Güte der Kindesnatur, die man nur sich selbst zu überlassen braucht, vielleicht nicht ganz wertlos sein.

Noch eines mag erwähnt werden, was mir persönlich tief ging. Zu den Erziehungsmethoden bei Tante Wöbcken gehörte ein Pranger: »Schlingelbank« genannt. Auf diese Bank kamen aber etwa nicht nur die »Schlingel«, sondern auch die Ungeschickten. Ich erinnere mich, einmal für »Bruddel« dort gebüßt zu haben. Lange hielt ich das Strickzeug mit seiner hoffnungslosen Maschenverwirrung in beiden Fäustchen, sie hin und her bewegend, als ob ich strickte: mit glühender Sehnsucht dachte ich dabei an meine Mutter, die mir die Maschen, ohne ein Wort zu sagen, in Ordnung gebracht hätte. Ich hoffte, bis zum Ende der Stunde unentdeckt durchzuhalten und glücklich mit meinem Gestrick nach Hause zu kommen. Aber die Sache glückte nicht, und Tante Wöbcken übte Justiz. Das geschah zunächst vermittels eines Stöckchens, mit dem der Sünder in die offen gehaltene Hand einen tatsächlich rein symbolischen Streich erhielt, ehe er zum unverhohlenen Ergötzen der Klasse die Schlingelbank beziehen mußte. Rein symbolisch – aber die Schande, die fürchterliche Schande! Meine tiefe Abneigung gegen jede Art von Strafvollzug in der Schule, der das Kind der grausamen Öffentlichkeit der Klasse preisgibt, vor allem aber gegen das Prügelrecht der Lehrer mag da seine ersten Wurzeln haben.

Von Tante Wöbcken ging ich dann in Kruses Schule über, damals noch eine Mädchenvorschule, die sich erst später zur höheren Mädchenschule erweiterte. Ich habe freundlichere Erinnerungen an meine ersten Eindrücke dort. Besondere Freude machte mir eine unglaublich unpädagogische Übung, die damals wohl allgemein gewesen sein muß. Wir bekamen gedruckte Tafeln mit orthographisch falschen Worten und Sätzen, die wir richtig abschreiben mußten. Da mir durch das viele häusliche Lesen die Wortbilder fest und richtig vor Augen standen, war ich der Gelegenheit zur Auszeichnung froh: Mitschülerinnen, die in diesem Punkt schwächer waren, prägten sich natürlich die Bilder dieser falschen Wörter mit unfehlbarer Sicherheit ein. Zur Qual wurde mir dagegen das Französische, mit dem bald nach dem Eintritt begonnen sein muß, denn meine vergeblichen Versuche, an: » Venez ici, mon petit ami« Interesse zu finden, fielen noch in meiner Mutter Lebzeit. Wenn man da nun sitzen sollte in der bekannten Stellung: die Ellbogen aufgestützt und beide Zeigefinger in den Ohren, und sich diese vollständig gleichgültigen Laute einprägen, während Beckers Erzählungen aus der alten Welt winkten oder noch viel Schöneres, da war das Leben fast so schwer zu ertragen wie vor den blau und rot karierten Taschentüchern.

Noch viel Schöneres! Denn um diese Zeit war ich über meines Vaters Bücherschrank geraten und hatte eine kleine Schillerausgabe auf grauem Löschpapier entdeckt, aus der mir zuerst der Don Carlos in die Hand fiel. Auf dem Tritt am Fenster der elterlichen Wohnstube gingen mir die ersten Jamben auf wie eine Offenbarung. War das schön! Den Inhalt erfaßte ich natürlich nur als Stimmung – als meine Mutter mich heulend über dem Buch fand, konnte sie nur aus mir herausbringen, daß die Prinzessin Eboli ihren Schlüssel verloren habe. Aber ich weiß, daß mir auch das Schicksal der Mondekar sehr zu Herzen ging, die zehn Jahre fern von Madrid über etwas nachdenken sollte, das ich nicht verstand. Die Szene selbst sah ich zwar deutlich vor mir: sie spielte sich im Oldenburger Schloßgarten vor einem Tulpenbeet ab. Der Don Carlos wurde mir nicht fortgenommen; das widerfuhr mir etwas später aber mit Bürgers »Lenore«, die ich in Wolffs poetischem Hausschatz mit glühenden Wangen las.

An diese häusliche Lektüre knüpfte sich dann wieder ein Schulerlebnis an. Wir durften einmal ein Gedicht nach freier Wahl lernen. Als ich zum Aufsagen aufgerufen wurde, hielt ich die Klasse in atemloser Spannung durch »Die Wehklage«:

»Graus war die Nacht, und um den Giebel
Des alten Hauses heulte Sturm;
Der fromme Greis las in der Bibel,
Und sieben schlug's vom Kirchenturm.
Gott! rief Lenore mit Erbleichen,
Schon sieben und Georg nicht hier!
Sein dunkler Weg streift hin an Teichen,
Ach, welches Unglück ahnet mir!« usw.

Als ich in späteren Jahren das Gedicht einmal in dem Liederbuch für altmodische Leute: »Als der Großvater die Großmutter nahm« wieder las, stand mir bei der Stelle:

»Der Sohn des Försters in der Heide
War ihr Verlobter Bräutigam,
Und glühend schlug ihr Herz vor Freude,
Wenn der geliebte Jüngling kam.«

deutlich das etwas ratlose und verlegene Gesicht von Fräulein Kruse vor Augen. Obwohl man damals im allgemeinen der Jugend ihr »Recht auf den schlechten Geschmack« noch nicht verkümmerte – auch die Begeisterung für den Struwelpeter blühte noch ungestört –, hörte nach diesem Vorkommnis die freie Wahl der zu lernenden Gedichte auf, was mir sehr leid tat, denn ich hatte noch ein wundervolles in Vorrat, das unser Mädchen Theda uns manchmal von Anfang bis zu Ende vorsang.

»In Mirtills zerfallner Hütte
Schimmerte die Lampe noch,
Als in seiner Laufbahn Mitte
Düster sich der Mond verkroch.«

Mit besonderem Nachdruck sang sie die Schlußstrophe, die denn auch nie ihres Eindrucks auf mich verfehlte:

»Walter, rief Mirtill erschrocken,
Walter, rief die Frau, mein Sohn!
Laß mich sehn das Mal der Pocken.
Ja, du bist's, verlor'ner Sohn! –
Schluchzend fliegen sie zusammen,
Küssen sich mit Feuerflammen,
Und ich wende meinen Blick.
Von der Gruppe naß zurück.«

Zu den größten Ereignissen unserer kleinen Schule gehörten die Geburtstage der Schwestern Amalie und Agnes Kruse. Da war von »Schule« nicht die Rede. Wir kamen etwas später als sonst – auch schon ein Genuß! – und fanden die Klasse festlich geschmückt. Unser Geschenk, zu dem vorher gesammelt und der Rat der nicht beteiligten Schwester eingeholt worden war, erregte zu unserer Befriedigung jedesmal ungeheure Überraschung. Dann aber kam das Schönste: wir setzten uns an unsere gewohnten Plätze, aber zu Schokolade und Kuchen. Fräulein Amalie Kruse aber hatte auf dem Platz, wo sie sonst unsere Gänsefedern schnitt – eine Beschäftigung, die sich gewöhnlich durch die ganze erste Stunde hinzog –, Andersens Märchen vor sich, und wir hörten aufgeregt und glücklich die Geschichte vom häßlichen jungen Entlein und vom kleinen und großen Klaus, oder von Däumelinchen und vom standhaften Zinnsoldaten. War das genossen und der Kuchen bis auf den letzten Krümel verzehrt, so spielte man »Heft heraus, Heft herein« –, so wenigstens verstand ich es. In Wirklichkeit hieß das Spiel, bei dem immer die eine Hälfte der Kinder im Zimmer, die andere draußen war, »Hälft' heraus, Hälft' herein«. Wie es war, weiß ich nicht mehr, nur daß man sein Kinderdasein dabei in vollen Zügen genoß.

Dieses idyllische Matriarchat fand sein Ende, als wir »Höhere Töchterschule« wurden. Die Eingliederung in einen großen Organismus, der stark vergrößerte Lehrkörper, der damit zusammenhängende weitere Abstand zwischen uns und den Lehrern brachte das von selbst mit sich. Aber man wuchs schnell in die größeren Verhältnisse hinein. Man fing auch allmählich an, sich zu fühlen und verteidigte gegenüber den Schülerinnen der älteren »Lasiusschen höheren Töchterschule«, die sich manchmal als vornehmer aufspielen wollten, seine Anstalt: man bekam Korpsgeist.

Wenn ich auf die nun folgende ernsthaftere Schulzeit zurückblicke, so kann ich nur sagen, sie ist eine durchaus glückliche gewesen. Es war ein guter, humaner, von innen heraus gebildeter Ton in der ganzen Schule. Man lernte nicht übermäßig; der Verstand wurde so weit geschont, daß man ihn nachher noch hatte. Mußte man aber einmal etwas schärfer heran, so fanden weder Kinder noch Eltern etwas darin: die Vokabel »Überbürdung« war noch nicht erfunden. Im Gegenteil: wenn man einmal überflüssig im Hause herumstand, hieß es stets, man habe nicht genug Schularbeiten auf. Jedenfalls blieb reichlich Zeit zu allen möglichen Liebhabereien und harmlosen dummen Streichen in und außerhalb der Schule. Zwischen uns Schülerinnen bestand gute Kameradschaft; »Petzen« galt als »gemein«: man half sich gegenseitig aus der Klemme. Über die Lehrer hatte man sehr bestimmte Meinungen; diesen entsprechend wurde der eine boykottiert, der andere verehrt; bei dem einen galt es als guter Ton, seine Arbeiten zu machen, bei dem anderen wäre das ein Verstoß gewesen. Kurz, wir waren die üblichen »höheren Töchter«, aber jedenfalls so glücklich in unserem Schulleben, daß ich, fünfzehnjährig, noch um ein Jahr Verlängerung bat, als mein Vater mir freistellte, die Schule schon zu verlassen.

Der positive Erfolg unserer Schulbildung ist sicherlich nicht überwältigend gewesen. Aber es wurde eine nicht unbeträchtliche formale Kraft erzogen, die später den Erwerb von Kenntnissen und Einsichten leicht machte, und das scheint mir eigentlich das Wesentliche. Wenn in der deutschen Literaturgeschichte für mich nur der Hainbund und Schiller feste Gestalt gewonnen hatten, so war mir dafür Schillerscher Idealismus unverlierbarer Besitz geworden: wie groß seine Bindekraft war, zeigte die Schillerfeier von 1859, die zum Nationalfest wurde. Und wenn ich mit einem festen Bestand von vielleicht einem Dutzend Geschichtszahlen meinen Aufwand in der ersten Klasse bestritt, so war doch das Goethesche Wort erfüllt: »Das Beste an der Geschichte ist der Enthusiasmus, den sie erregt«. Vorläufig zwar trat er in etwas einseitiger Weise »in die Erscheinung«: als Wanddekoration über meinem Bett. Mittelstück war Garibaldi auf Caprera, den wunden Fuß auf dem Stuhl, rechts und links Theodor Körner und der Herzog von Augustenburg, alle als Symbole der Freiheit und der Demokratie. Dazwischen Abschriften von Gedichten: Körners »Eichen« und Schleswig-Holstein, meerumschlungen. Das alles durchzogen und überhängt von schwarz-rot-goldenen Bändern und Fahnen. Wie warm und tief war das Gefühl für diese Farben! Wie warm das Vaterlandsgefühl in uns überhaupt. Als die Halbjahrhundertfeier der Völkerschlacht bei Leipzig die Schuljugend am Abend vor das Haus des kranken Dichters Julius Mosen führte und das: »Flamme empor!« aufrauschte, da hörte man fast das eigene Herz klopfen und hatte nur den einen Wunsch: einmal etwas tun können für das Land, dem man keines auf der Welt zu vergleichen wußte.

Der Lehrer, der den maßgebenden Einfluß in der Schule hatte und in dessen Händen auch die geistige Leitung lag, war Karl Wöbcken, der spätere Direktor der Cäcilienschule in Oldenburg. Er war ein in jeder Beziehung idealer Lehrer, wie mir keiner im Leben wieder begegnet ist. Ein durch und durch reiner und auf höchste Ziele gerichteter Mensch, wußte er auch in uns die Gesinnung zu wecken, die im Leben nicht der Güter höchstes sieht. Die richtunggebenden Fächer: Deutsch, Religion, Geschichte lagen in den oberen Klassen in seiner Hand. In seinen Stunden wußte er Eigenes zu geben, das fühlten wir. Der deutsche Aufsatz wurde durch ihn zum Ereignis; die Rückgabe der Hefte löste dramatische Spannung aus.

Auch als Pädagogen leiteten ihn natürliche Begabung und freundliche Teilnahme an der Kindesseele in der Regel richtig, bis auf den Punkt, wo der Mann dem heranwachsenden Mädchen gegenüber versagen muß. Daß auch dieser weise und gütige Erzieher bedenkliche Mißgriffe da nicht vermeiden konnte, hat mir frühzeitig klargemacht, daß ein Naturgesetz verletzt wird, wenn man Männern die Erziehung der Mädchen zur Frau in die Hand gibt. Ich erinnere mich da eines an sich herzlich harmlosen Vorfalls. Die Sekundaner des Gymnasiums hatten einmal einen Sport darin gesucht, den Schülerinnen der höheren Mädchenschule zu begegnen und sie durch tiefes Abnehmen der Mütze zu grüßen. Den Backfischchen, die noch nicht durch Hutabnehmen geehrt zu werden pflegten, mag das Zum Teil ein kindisches Vergnügen gemacht haben: man konnte sich erwachsen vorkommen. Jede vernünftige Frau hätte sich die dummen Gören mal vorgenommen und ihnen diese Torheit durch Humor und vielleicht durch einen vorsichtigen Appell an die werdende Frau in ihnen gelegt; sie hätten sich etwas geschämt und die dummen Jungen laufen lassen. Statt dessen hielt Wöbcken den beiden oberen Klassen nach feierlichster Vorbereitung und in Anwesenheit des ganzen Lehrerkollegiums eine von tiefster sittlicher Entrüstung getragene und mit dem schwersten Geschütz operierende Katechese über – das sechste Gebot! Er mag wenig die Stimmung geahnt haben, in der er uns zurückließ. Von der Zerknirschung, die er sicherlich erzielen wollte, war keine Rede. Wir fühlten uns gemißhandelt, mit Gedanken besudelt, die wir nie gehabt hatten. Wir überlegten, ob wir zu ihm gehen sollten, aber wir fühlten uns hilflos und außerstande, das darzulegen, was wir dem intuitiven Verständnis einer Lehrerin so leicht nahegebracht hätten.

Es hat sicherlich kein Mann ritterlicher über die Frauen gedacht und ritterlicher der eigenen, sehr zarten und kränklichen Frau sein Leben angepaßt, als Wöbcken. Das gab seiner ganzen Auffassung über das Verhältnis der Geschlechter den Grundton. Die Zartheit und der Idealismus, die seine Ausführungen trugen, wenn es sich beim lesen Schillerscher Dramen um die Kennzeichnung der Frauengestalten handelte, verdeckten die Grenzen seiner Auffassung, die mir nur einmal undeutlich aufleuchteten, als wir »Würde der Frauen« besprachen. Die Frau, der ewig »die Augen von himmlischem Tau« perlen, war mir schon damals so wenig sympathisch wie der stets herumtobende Mann. Als ich später in die Frauenbewegung eintrat und nun gar das auch von Wöbcken für unumstößlich gehaltene Dogma angreifen mußte, daß dem Mann, nicht der Frau Leitung und ausschlaggebender Einfluß gerade auf der Oberstufe der Mädchenschule gebührt, hat es mich ernstlich geschmerzt, zu ihm in einen Gegensatz treten zu müssen, der jede Verständigung ausschloß. Das Bewußtsein, uns viel gegeben zu haben, hat ihm vielleicht ein Vorgehen als Undank erscheinen lassen, das mir als unausweichliche Konsequenz meines Denkens und weitgehender Erfahrungen geboten erschien. Mir aber gab gerade der Umstand, daß es sich nicht um eine Verallgemeinerung eines persönlichen Erlebnisses handle, ein gutes Gewissen einem Lehrer gegenüber, dem ich tatsächlich viel verdankte.

Noch eins wird im Zusammenhang mit Wöbckens Stunden am besten erwähnt werden: die Bedeutung des Religionsunterrichts in unserer Schule. Es mag seltsam scheinen, daß seine Religionsstunden uns eigentlich weniger gaben als seine deutschen. Wenigstens war das bei mir der Fall. Es mag zum Teil eine frühzeitig sich regende Skepsis gegen seine, nicht engherzige, aber doch entschieden kirchlich gebundene Auffassung (er war Theologe) gewesen sein, die die Wirkung verhinderte. So wurde mir die Religion nur Wissensstoff wie anderes auch; daß die Schulstunden in mir das ausgelöst hätten, was man als »religiöses Erlebnis« bezeichnet, wüßte ich nicht. Dagegen erinnere ich mich aus frühester Kindheit an zwei solche Fälle. Das erstemal las ich als Elementarschulkind ganz für mich allein – auch wieder auf dem Tritt in der elterlichen Wohnstube – das Gedicht: »Wo wohnt der liebe Gott?« Da ging es über mich hin wie ein Schauer der Ehrfurcht, des Ewigen und Großen, der Schauer, der das Wesen der religiösen Empfindung ausmacht. Das zweitemal gingen wir mit unserem Mädchen am Gertrudenkirchhof mit der mächtigen alten Linde vorüber. Sie erzählte uns, was wir immer wieder gern hörten, wie die Unschuld einer Hingerichteten an den Tag kam, als das umgekehrt in die Erde gesteckte Lindenreis ausschlug und seine Wurzeln zu mächtigen Ästen wurden. Mit gleichgültigen Kinderaugen las ich dabei rechts von der Kirchhofstür die Inschrift: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.« Das sagte mir nichts. Da sah ich links das altehrwürdige: »O ewich is so lanck.« Das war das zweitemal, wo das Gefühl großer Weltzusammenhänge, des Geheimnisvollen und zugleich der eigenen Kleinheit mich überflog. Das gleiche Gefühl hat das Schulkind später oft empfunden, wenn es für sich Goethesche Gedichte las, oder die Bergpredigt und die Psalmen; die schulmäßige Zerlegung biblischer Stoffe oder des Katechismus hat es nie zu wecken vermocht.

Es wäre ungerecht, wenn ich neben unserem liebsten Lehrer nicht auch unserer liebsten Lehrerin gedenken wollte: Fräulein Panum. Sie war eine herbe Natur, und wir waren in bezug auf sie in zwei Lager geteilt. Eine stark ironische Anlage hat ihr viele entfremdet. Aber wer sie näher kennen lernte, wußte, daß sie ein warmherziger Mensch war. Was sie auf uns wirkte, wirkte sie jedenfalls nur als Mensch; ihre Fächer, neue Sprachen, erfreuten sich geringer Begeisterung, und ihre Methode hatte keine besondere Eigenart. Aber man arbeitete schließlich doch für sie, wenn auch mit allerlei Eselsbrücken, die uns in Sprachen als berechtigte Notwehr erschienen. Man konnte auch außerhalb des Schulbereichs Rat und Hilfe bei ihr finden; als ich im achtzehnten Jahre meine Pilgerfahrt in die Welt antrat, konnte ich bei ihr Mut und Willen gegen meine Umgebung stärken. Sie verstand, was in der kleinen Stadt damals kaum jemand verstehen wollte: daß auch die Frau ein volles, nützlich ausgefülltes Leben, ihr Leben, zu führen verlangte.

Von den Schulgefährtinnen waren und blieben viele nur gute Bekannte; mit anderen kam man sich näher. Dazu gehörten auch meine Banknachbarinnen. Den größten Teil der Zeit hatte ich Platz zwischen Elisabeth Goldschmidt und Emma Dugend, d. h. nach meinen faulen Vierteljahren. Dann war Elisabeth Goldschmidt auf den ersten Platz gerückt, und dann begann meine fleißige Zeit, um ihn mir wiederzuholen, bis ich ihn zuletzt behielt. In den Augen meiner Familie hob mich das nicht besonders. Tante Helene kam einmal mit ernster Besorgnis nach Hause – sie war nämlich unserer Handarbeitslehrerin begegnet, Fräulein Lambrecht, die mich gar nicht loben wollte, und als meine Tante auf den ersten Platz hinwies, halte sie nur gemeint: »Ja, den hat sie, aber leider auch in dummen Streichen.«

Gutes Fräulein Lambrecht! Was für köstliche dumme Streiche haben wir gerade in ihren Stunden ausgedacht! Wie oft kroch eine unter dem Tisch herum, um die Rollen für irgendwelche Verschwörung zu verteilen oder über eine Führerschaft abstimmen zu lassen. Wie vergnüglich war es, wenn wir baten: »Fräulein Lambrecht, erzählen Sie uns doch etwas aus Ihrer Jugend,« und wenn die Gute dann lyrisch-sentimental wurde, was wir ja nur beabsichtigt hatten. Und wie hübsch war es, wenn wir zur Handarbeit vorlesen dürften; sie war ganz unserer Meinung, daß die »neue Methode«, die das verbot, eine pedantische Grausamkeit sei, und hat in dem Punkt mit uns durchgesteckt. Wir mochten sie ganz ehrlich gern, wenn auch ihre Stunden zu denen gehörten, die man mal zu »schwänzen« riskierte. Sie fanden nachmittags von 2 bis 4 Uhr statt. Wenn dann der Sommersonnenschein so golden in den Gassen lag und der Himmel blaute, da meinte man manchmal, im Eversten Holz sei es doch schöner als beim Sticheln in der Schule. So traf ich eines Nachmittags Fräulein Lambrecht händeringend vor der fast leeren Klasse. Ich hatte am Morgen wegen Kopfschmerzen, die mich viel plagten, gefehlt (das geschah selten, denn gewöhnlich sagte mein Vater: »Geh' nur in die Schule, da wird der Kopf schon besser werden«; das fand ich denn auch und zog ab) und bedauerte aufs tiefste, den gemeinsamen Beschluß, zu schwänzen, nicht mitgemacht und mitausgeführt zu haben. Letzteres machte ich noch insofern gut, als ich mich erbot, nach den anderen zu sehen und fortwitschte, ehe die Erlaubnis dazu verweigert werden konnte. Die Klasse mußte am nächsten Tage nachsitzen, um mal ein Exempel zu statuieren, aber schön war es doch gewesen!

Und die übrigen dummen Streiche? Lieber Gott, sie waren harmlos genug und spielten sich meist in den Zwischenstunden ab. Da suchten wir in die verbotenen Räume des alten Brau- und Malzhauses einzubringen – das Haus war früher eine Bierbrauerei gewesen – oder sonst irgend etwas Verbotenes zu tun, denn darauf kam es eigentlich nur an, das war so eine Art Würze unseres Schullebens. Wenn wir uns später einmal wiedersahen, drehte sich das: »Weißt du noch?« nicht selten gerade um diese aufregenden Momente.

Weniger harmlos waren freilich die Bosheiten, die wir den jungen Lehrern antaten, die neben Wöbcken unterrichteten. Aber sie fielen doch in der Hauptsache dem pädagogischen Mißgriff zur Last, der darin lag, eben aus dem Seminar entlassene Lehrer vor eine Klasse von 14- bis 16jährigen Mädchen zu stellen. Sie wurden einfach mit uns nicht fertig. Der Arroganz der dummen kleinen Gesellschaft soll damit keineswegs das Wort geredet werden, die mit Naserümpfen schlechte Manieren feststellte, wo nach meinem heutigen Urteil lediglich gesellschaftliche Ungewandtheit vorlag. Jedenfalls war aber der Unterricht unter diesen Umständen ziemlich zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Die einzelne war dabei fast machtlos; ich habe mich ein paarmal dem Disziplinarverfahren durch die Klasse ausgesetzt, weil ich mich für Physik, die wirklich gut gegeben wurde, lebhaft interessierte, und daher antwortete, wo der Klassengeist zur Schau getragene Gleichgültigkeit verlangte. Anstatt aufzupassen, führte man Buch darüber, wie oft der Lehrer ein reines Taschentuch oder einen reinen Kragen aufwies, kurz, man plagte ihn mit dem ganzen Raffinement, dessen nur eine solche Gesellschaft »höherer Töchter« fähig ist. Besondere Originalität haben wir dabei wohl kaum bewiesen, obwohl wir uns das einbildeten. Gegen unsere Lehrerinnen wären wir jedenfalls ebensowenig auf solche Dinge verfallen, wie Wöbcken gegenüber.

Im ganzen waren alle diese Streiche doch wieder nur Symptome des Jugendübermuts, der sich irgendwie Luft machen mußte. Manchmal zwar nahm man sie selbst ernst: wenn man etwa »Die weite, weite Welt« gelesen hatte und für den Augenblick so benommen war durch die Tugendhaftigkeit der Heldin, daß man sie nachzuahmen versuchte. Aber das dauerte immer nur kurze Zeit, und man entschädigte sich dann gewöhnlich irgendwie für die Pause. Aber schließlich war das alles doch nur etwas Äußerliches. Daneben hatte man seine geheime kleine Welt, in die nur Erlesene hineinsehen durften. Denn was eigentlich dieser letzten Schulzeit den Glanz und Schimmer gab, das war das Aufblühen von Mädchenfreundschaften, die Zweisamkeit der Gefühle und Ideale, die man bisher allein gehegt hatte. Nun durfte Ida Groninger – die nur während der letzten Schulzeit in Oldenburg war – die Gedichte sehen, die sich mir in dieser Zeit um alles rankten, was mich innerlich bewegte. Ihr las ich das »Drama« Eleonore Prohaska vor, das im Grunde nur eine Umkleidung für Schleswig-Holstein und meine eigenen phantastischen Wünsche war. Mit ihr schwärmte ich von Ellen Franz, die, damals am Anfang ihrer Laufbahn, als »Waise von Lowood« unsere Mädchenherzen vollständig gefangen nahm. Mit ihr übte ich mich an Heines Buch der Lieder auf Ironie und Weltschmerz ein, wozu es ja nun allmählich hohe Zeit wurde; an sie redete ich meine metaphysischen Spekulationen, meine Skrupel und Zweifel hin. Mit ihr baute ich auf gemeinsamen Spaziergängen meine Zukunftsideale von Welt und Menschen um, dem höheren Erkenntnisstandpunkt entsprechend, den man nun erreicht zu haben glaubte.

So war das letzte Schuljahr das schönste von allen.

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