Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Lange >

Lebenserinnerungen

Helene Lange: Lebenserinnerungen - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/langeh/lebenser/lebenser.xml
typebiography
authorHelene Lange
titleLebenserinnerungen
publisherF. A. Herbig G. m. b. H.
printrun8. und 9. Tausend
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
projectid1f64b690
Schließen

Navigation:

Die Spielgefährten

Als Überleitung von meiner Familie sei zunächst von den ständigen beiden Spielgefährten, meinen beiden Brüdern, die Rede.

Mein Verhältnis zu ihnen war sehr verschieden. Mit meinem Bruder Otto verband mich gute Kameradschaft. Wir leisteten einander wechselseitige Liebesdienste in stummem Bündnis gegen die Erwachsenen. Er befreite mich, indem wir »Friseur« spielten, mit einem entschlossenen Schnitt seiner Schere von dem mir lästigen Zopf, und ich half ihm von der Samthose, die, einstmals ein Glanzstück, auf elterlichen Beschluß in der Schule aufgetragen werden sollte, was den Hohn der mehr aufs Ruppige gestimmten Klasse erregte. Als praktisch erkannten wir die Methode, daß er sich auf den Schleifstein setzte und ich drehte, was denn der anstößigen Eleganz und zum Glück auch der Haltbarkeit des Kleidungsstückes so gründlich Eintrag tat, daß es bald aufgegeben werden mußte.

Da wir so ziemlich alles gemeinsam taten, war es selbstverständlich, daß ich, als er zur Schule kam, bei seinen Leseübungen auch mit den Augen den Zeilen in der Fibel folgte, d. h. als er anfing, Geschichten und Gedichte zu lesen. So lernte ich lesen, ohne es zu wissen, aber nicht auf orthodoxe Weise, was mich dann in der Schule in schweren Mißkredit brachte. Davon an anderer Stelle.

Mein Bruder war sehr geschickt in der Herstellung unseres beliebtesten Zimmerspielzeugs: Indianer! Sie wurden aus den »Indianerbüchern«, die eine große Rolle in unserm Kinderleben spielten, auf steifem Papier aufgezeichnet, dann ausgeschnitten und getuscht, auch wohl noch mit einem glänzenden Gummiüberzug versehen. So entstanden allmählich ganze Stämme mit Herden von Pferden, die auf den Blumentöpfen Büffeljagden veranstalteten oder wilde Kämpfe aufführten. Auch hier war die Vorbereitung und Aufstellung die Hauptsache. Wir anderen begnügten uns meistens damit, Ottos Kunstwerke durchzupausen; irgendeine besondere Gegenleistung konnte ihn auch wohl veranlassen, uns einen Original-Stammhelden zu überlassen, oder gegen etwas anderes umzutauschen. Der Tausch spielte überhaupt, wie bei den Urvölkern, in unserm kindlichen Verkehr eine große Rolle. Sonntags morgens, wo es ausnahmsweise Zucker zum Kaffee gab, verhandelte mein Bruder diesen nicht selten gegen meine Semmel: da es Schwarzbrot und Butter nach Belieben gab, war meine Ernährung nicht gefährdet. – Tauschen und Schenken hatten übrigens ihren bestimmten Ritus. Es galt erst als perfekt, wenn man gesagt hatte: »Einmal geben, wieder nehmen, ist so gut wie dreimal stehlen.« Man beeilte sich damit sehr, damit nicht bei etwa eintretender Reue die Sache rückgängig gemacht werden konnte mit dem Argument: »Du hast nicht gesagt: Einmal geben!«

Abends im Bett wälzten wir noch allerlei Probleme, aber erst nachdem eines das andere gefragt hatte: »Hast du schon gebetet?« Das mußte erledigt sein, dann konnte das Weltliche wieder in sein Recht treten. Ein beliebtes Thema war u. a. das Lebendig begraben werden. Wir überlegten miteinander, wie lange man wohl ohne Nahrung aushalten könne, und richteten uns so auf etwa 14 Tage im Sarge ein. Ich war schon sehr erleichtert, als mein Bruder eines Tages die tröstliche Kunde brachte, daß Menschen nicht lange ohne Luft leben könnten; die wenigen Stunden, die so heraus kamen, schienen schließlich ganz erträglich.

Zu den Erwachsenen hätten wir nie von derartigen Ängsten gesprochen. Das instinktive Unbehagen, das uns beim Zucken der Lippen und dem Lachen in den Augen überkam, warnte: wir fühlten uns nicht ernst genommen, so suchten wir lieber allein mit dem vielen Unverständlichen fertig zu werden, das uns umgab.

Als die Schule uns trennte, wurde natürlich vieles anders, schon weil unsere Einstellung dazu eine ganz verschiedene war. Wir dichteten unseren Lehrer an, als er mit seiner jungen Frau, die er sich aus dem Süden geholt hatte, in Oldenburg einzog. Die Jungen dichteten ihre Lehrer auch an, aber es klang etwas anders:

»Osterbind,
Du Düwelskind,
Wo kannst du di woll unnerstahn
Un anner Lü' ehr Kinner sla'n.«

Oder jene freundliche Aufmerksamkeit für ihren Gesanglehrer als Parodie auf den alten Barbarossa:

»Der alte Peti Grosse,
Der Dollkopf Heinerich« usw.

Aber das häusliche Leben, das Lesen, das Schachspiel, Aufführungen, Spaziergänge, Feste und andere Kleinstadtfreuden brachten uns immer wieder zusammen. Natürlich spielte auch bei uns das Puppentheater eine große Rolle. Die Stücke waren meist blutig; ohne einige Räuberüberfälle und Morde ging es selten ab; die Zuschauer aus der Nachbarschaft verlangten dergleichen für ihr Eintrittsgeld: erster Platz drei Stecknadeln und so abwärts bis zum dritten, dem Stehplatz. Dann einigte uns das starke beiderseitige Interesse für Naturwissenschaften. In unserer Mädchenschule wurden die physikalischen Apparate damals nur an die Wandtafel gezeichnet, was bei mir das lebhafte Bedürfnis auslöste, sie wirklich herzustellen. Da wurde denn eine Wage gebaut, um das spezifische Gewicht zu prüfen, oder ich beteiligte mich an der auch die Jungen reizenden Herstellung einer Elektrisiermaschine, die ganz anständige Schläge versetzte.

Zu Reibereien kam es natürlich auch hin und wieder. Manchmal wurde irgendein Rachebedürfnis meinerseits dadurch ausgetragen, daß ich, auf der Straße neben ihm hergehend, meinen Hut plötzlich verkehrt herum aufsetzte oder ihn, der als Schüler schon sehr auf sich hielt, sonst durch irgendeinen Unfug zu kompromittieren suchte. Im ganzen aber blieben wir gut Freund.

Meinem jüngeren Bruder Theodor gegenüber fühlte ich mich mehr in mütterlicher Rolle. Als ich, sechsjährig, in die »große« Schule überging, gehörte es zu meinen Verpflichtungen, den Vierjährigen vorher in der Vorschule bei »Tante Wöbcken« abzuliefern, die ich selbst schon durchgemacht hatte. Der damals schon kränkelnde kleine Junge war der zum Teil sehr robusten Gesellschaft nicht gewachsen, die ihn dort an der Tür empfing. Da hängte ich ihm denn meine Schultasche über den Arm und tat meine schwesterliche Pflicht zu seiner Verteidigung. Das war ein selbstverständlicher Akt, und zu Hause war davon nicht weiter die Rede. Als es aber einstmals zu heiß hergegangen war und sich mein Bruder am folgenden Morgen unter Tränen sträubte, zur Schule zu gehen, da stimmte auch ich in das Weinen ein und erklärte auf die erstaunte Frage meiner Eltern, denen das bei mir etwas Neues war: »Ich kann die Jungens nicht alle mehr hauen.« Das führte dann zu einer Untersuchung und zu erzwungener Einstellung der Feindseligkeiten.

Einmal freilich habe ich meine Hüterinnenrolle arg vernachlässigt. Wir waren zum erstenmal zu einer Hochzeit geladen, bei einem Knecht meines Großvaters. Es war eine sogenannte »Kaffeehochzeit«. Die Gäste saßen an langen Tischen, eine flache Kaffeeschale vor sich, in die von den unablässig herumgehenden Frauen des Hauses stets wieder eingeschenkt wurde. Als ich genug hatte, drehte ich nach dem Beispiel der anderen Gäste meine Obertasse um und gab mich nun ganz dem Zuschauen hin: ein »Tanzvergnügen« war mir völlig neu und interessant. Plötzlich stieß mich mein neben mir sitzender Bruder an: »Lene, ich kann nicht mehr!« »Dummer Jung', dreh' doch deine Tasse um. Wieviel hast du denn?« – »Zweiundzwanzig!« Eine auch bei der Flachheit der Schalen, die oft nur aufgefüllt wurden, und der Dünnheit des Tranks so anständige Leistung, daß ich, von seiner gewissenhaften Zählung überzeugt, doch etwas erschrak. Heute halte ich die zweiundzwanzig für einen Sammelbegriff. Wie dem auch sei, geschadet haben sie ihm nicht, so wenig wie uns beiden die Berge von Kuchen, die bei solcher Gelegenheit vertilgt werden mußten, wollte man nicht das ernste Mißfallen der Hochzeitgeber auf sich ziehen.

Mit den Nachbarskindern traf man sich irgendwo und wie fast täglich. Gute Kameradschaft verband mich mit Marianne Wiencken. Ratsherr Wiencken war ein etwas feierlicher Herr, und wir gingen ihm gern aus dem Wege, wie eigentlich allen Vätern. Das war auch nicht schwer, denn in dem weitläufigen Hause standen uns viele Zimmer zu Gebote und, was noch viel anziehender war, alle die leeren Böden, die in dem alten Kaufmannshause als Kornspeicher gedient haben mochten. Mutter und Schwestern haben in dem behaglichen Wohnzimmer unter uns schwerlich geahnt, daß wir uns an der alten Winde, die noch verlassen da hing, über die offenen Bodenluken wegschwangen oder uns gar durch diese durch von einem Boden zum andern herabließen.

Eines schönen Tages gestanden wir uns die Sehnsucht, einmal nach Blankenburg zu gehen, zu den »Verrückten«. Das war nicht leicht ins Werk zu setzen. Daß weder sie noch ich – wir mochten zehn oder elf Jahre alt sein – die Erlaubnis dazu bekommen würden, war ohne weiteres klar. Also mußte man ohne Erlaubnis gehen und die Folgen auf sich nehmen. Die Morgenmilch und das zweite Frühstück, das man mit in die Schule bekam, mußten gespart werden. Damit versehen, machten wir uns denn auch an einem schulfreien Nachmittag auf den Weg, den wir durch vorsichtiges Fragen einigermaßen festgestellt hatten. Der Anfang war herrlich: das Gefühl der Jugend, des Abenteuerlichen, der Spannung, der herrliche warme Sonnenschein, die bei Kindern nie ausgesprochene, aber doch wohl latent vorhandene Naturfreude, das alles gab einem Flügel. Aber auch wir mußten die Erfahrung der »Ideale« machen:

»Doch ach! Schon in des Weges Mitte
Verloren die Begleiter sich« –

Der Schritt wurde immer zögernder, je weiter wir kamen. Nicht mehr sehr fern vom Ziel, sahen wir die Möglichkeit einer Abkürzung, wenn wir die an einem Knie der Straße liegende Wiese durchquerten – die paar Kühe konnten uns ja nicht stören. Aber als wir mitten darin waren, stürzte plötzlich ein junger Stier mit gesenktem Kopf auf uns los. Instinktiv öffnete ich meinen Regenschirm, und das verdutzte Tier ließ uns wenigstens den nächsten Steig passieren, so daß wir in Sicherheit die Straße wiedergewannen. In gehobener Stimmung über die »Lebensrettung« kamen wir dann endlich ans Ziel und ließen uns, herzlich müde, vor dem Gartengitter der Irrenanstalt nieder. Aber zu unserer Enttäuschung tauchten die »Verrückten«, von denen wir uns ein höchst phantastisches Bild gemacht hatten, nirgends auf. Es harkten ein paar Menschen die Gartenwege und es gingen ein paar im Garten auf und ab – aber das konnten sie doch nicht sein?! Jedenfalls überkam uns ein reumütiges Gefühl, daß der Erfolg dem Aufwand nicht entspreche. Dazu meldete sich der Hunger. Unser Mundvorrat war schon unterwegs aufgezehrt; Geld, um ein Wirtshaus aufzusuchen, hatten wir nicht, hätten auch wohl kaum den Mut dazu gehabt, und so blieb weiter nichts übrig, als uns nach einiger Zeit, recht marode und um eine Illusion ärmer, auf den Heimweg zu machen. Er dehnte sich endlos. Die Hoffnung, irgendwo einen Leiterwagen zu treffen, der uns eine Strecke mitnehmen könnte, erwies sich als trügerisch. Da, als wir etwa halbwegs Oldenburg sein mochten und wie auf Verabredung uns hoffnungslos erschöpft am Wegrands niedergesetzt hatten, sah ich von fern Zwei Kavalleristen herankommen. »Du, ich bitte die, daß sie uns aufs Pferd lassen. – »Traust du dich das?« – »Ja, ich kann einfach nicht weiter.« Und sie kamen heran, zwei Dragonerunteroffiziere. Als sie uns da so kläglich am Wege sitzen sahen, machten sie halt, und da sie sich ganz ernst und freundlich teilnehmend erwiesen, »traute« ich mich: »Könnten Sie uns nicht ein wenig aufs Pferd lassen?« Die guten Oldenburger Jungen stiegen sofort ab, halfen den kleinen Mädchen in den Sattel, führten die Pferde am Zaum, und so ritten wir, bis die Nähe der Stadt und die Möglichkeit, Bekannten zu begegnen, ein Absteigen geraten erscheinen ließ. Ehe wir dann in unseren Häusern verschwanden, gelobten wir noch vollkommene Verschwiegenheit über den letzten Teil unseres Abenteuers, bei dem uns irgend etwas nicht ganz behagte.

Der Empfang zu Hause entsprach den Erwartungen. Das strenge Verbot, jemals wieder allein solchen Ausflug zu unternehmen, tat angesichts der gesunkenen Lebensgeister keine besondere Wirkung; man war froh, sein Abendbrot zu finden und dann ins Bett zu kommen.

Aber die Sache sollte ihr Nachspiel finden. Das Sprichwort: »Es ist nichts so fein gesponnen« hat in der Kleinstadt seine besondere Bewährung. Etwa vier Wochen später fragte mein Vater bei Tisch: »Sag' mal, wie bist du denn neulich von Blankenburg hergekommen?« Das Herz fiel mir in die Schuhe und der Löffel in die Suppe. Aber was half das alles? Also heraus damit: »Geritten.« Zum maßlosen Erstaunen der Brüder, denn auch ihnen gegenüber war nach Verabredung reiner Mund gehalten. Es stellte sich nachher heraus, daß »mein« Unteroffizier wegen des Verkaufs unseres einen Hundes mit meinem Vater zu verhandeln gehabt hatte; dabei war denn die Sache zur Sprache gekommen. Daß nun die Geschichte in der ganzen Familie herumkam und Stoff zu unaufhörlichen Neckereien bot, war das Unbehaglichste. Man war zwar vernünftig genug, die Geschichte genau so harmlos zu nehmen, wie sie gewesen war. Aber – mochte es die halblaute Bemerkung einer Tante zur anderen sein: »Nur gut, daß es keine Leutnants waren« – eine Bemerkung, die ich nicht verstand – jedenfalls wurde so irgendein verfrühtes Gefühl von »Würde der Frauen« in mir wach, das mich nicht gern an die Sache zurückdenken ließ. Wie es Marianne gegangen ist, weiß ich nicht; wir sprachen nachher nicht mehr über das verfehlte Unternehmen.

Unsere Spiele waren häufig gemeinsam, bis wir »die alten Jungens« mal satt hatten oder sie uns. Dann vertieften wir uns völlig in »Mutter und Kind« oder erzogen unsere Puppen wieder mit den Ansprüchen an unbedingten Gehorsam, die sich nur aus dem Gesetz des Gegensatzes erklären lassen, oder aus dem wohltuenden Gefühl, auch einmal Autorität üben zu können. In dem eifrigen Briefwechsel, den meine Puppen mit denen von Elisabeth Goldschmidt führten, waren denn auch Klagen über die Strenge ihrer Mütter nicht selten. Auch diese rein mädchenhaften Spiele waren so tief befriedigend, daß uns das Tosen des wilden Heeres in der Ferne nicht einmal besonders lockte. – Mein bester Kamerad unter den Jungen war Julius Lehmann, den ich als Freund meines jüngsten Bruders schon erwähnte. Ich hatte den hübschen, anmutigen Jungen, der von dem derben Oldenburger Schlag in meinen Augen vorteilhaft abstach, schon in guter Erinnerung von meinen Expeditionen zu Tante Wöbcken her, weil er der einzige war, der meinem Bruder nichts tat. Die zwei Jahre, die ich vor ihm voraus hatte, gaben mir eine von ihm auch nie bestrittene Überlegenheit, so daß ich eigentlich die Anordnende bei unseren Spielen war und er sich stets in ritterlicher Weise zu meiner Verfügung hielt. Obwohl wir manchmal »Trauen« spielten (ich glaube, der Besitz einiger Ringe war die causa movens), wobei mein Bruder Theodor hinter dem schwarz verhangenen Schirmständer den Pastor machte und wir sehr ehrbar das Brautpaar vorstellten, war doch keines von beiden weder damals noch später von dahingehenden Wünschen berührt; es war und blieb gute Kameradschaft. Als wir später an Bällen teilnahmen, pflegte er seine Tanzkarte freizuhalten, bis meine nach Wunsch besetzt war, damit ich mir unangenehme Tänzer stets durch ihn ersetzen konnte. »Probleme« wälzte ich mit ihm nicht; dazu hatte ich in den Jahren, wo das Bedürfnis sich einstellte, meine Freundin und einen Freund meines älteren Bruders, aber »Dramen« wurden ihm wohl vorgelesen und auch sonst verstanden wir uns gut auf allen Gebieten. Traf er mal zufällig nur meinen Bruder zu Hause, so war er bald wieder verschwunden.

Eine doppelte Bereicherung erfuhr unsere Kinderstube durch unseren Freund Louis Mauert. Er brachte zwei Schätze hinein: ein Schachspiel und Walter Scotts Romane. Beide haben uns bis zur Leidenschaft gepackt. Als man erst mal die Anfänge des Schach überwunden hatte, konnte man sich nachts ganze Partien ausdenken, die nur leider bei Tage ganz anders ausfielen, als sie geplant waren. Von Scott lasen wir zuerst den »Ivanhoe«, den wir, noch nicht bis zur englischen Klasse aufgerückt, ehrlich deutsch aussprachen. Am meisten fesselte uns Kenilworth; die letzten Kapitel las man mit atemloser Spannung. Es war merkwürdig, mit welcher vollkommenen Hingenommenheit man sich in diese, dem jetzigen Geschlecht so unmöglich erscheinenden lang ausgesponnenen Erzählungen hineinwolfte; der Magen war noch nicht überreizt und man verlangte gar nicht nach leichtem Genuß, sondern nahm die langen Einleitungen als notwendig gern in den Kauf.

Ich könnte noch mancher Kindheitsgefährten gedenken, aber es mag an diesen genug sein, zumal die Schule das Kapitel noch ergänzen wird.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.