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Lebenserinnerungen

Helene Lange: Lebenserinnerungen - Kapitel 4
Quellenangabe
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typebiography
authorHelene Lange
titleLebenserinnerungen
publisherF. A. Herbig G. m. b. H.
printrun8. und 9. Tausend
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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Meine Familie

Meines Vaters Familie stammte aus Bremervörde. Mein Großvater Friedrich Lange war in einem oldenburgischen Städtchen an einem kaufmännischen Geschäft beteiligt; ich will Ort und Inhaberin nicht nennen, da die Familienchronik durch den Mund unserer Lieblingstante Sophie, der ältesten Schwester unseres Vaters, sehr dunkle und ehrenrührige Dinge von ihr zu berichten wußte, die sich heute jeder Kontrolle entziehen. Mein Großvater hatte in sehr guten Verhältnissen gelebt; der Großmutter scheint nach der Überlieferung, die ihr dreißig seidene Kleider zusprach, ein einigermaßen weltzugewandter Sinn zu eigen gewesen zu sein. In die Einzelheiten der dunklen Geschehnisse, die meinen Großvater zwangen, vor den Franzosen flüchtig zu werben – es war die Zeit der Kontinentalsperre und des für patriotisch geltenden Schmuggels – will ich nicht eingehen – sie haben ihm nicht zur Unehre gereicht. Er ist aus all den Verwicklungen mit reinen Händen hervorgegangen, aber unter Einbuße eines großen Teils seines für die damalige Zeit recht beträchtlichen Vermögens. Die Mahnung, die meine Großmutter einmal aussprach, als es zu spät war: »Friedrich, harrst du di dat man schriftlich geben laten«, scheint mehr als einmal in seinem Leben am Platz gewesen zu sein. Die Urheberin seines Unglücks aber ist, wie meine Tante Sophie mit Befriedigung über die sittliche Weltordnung, hinzufügte, »elendiglich zugrunde gegangen und bei lebendigem Leibe von Würmern aufgefressen.« Die Kinder, sie hörten es gerne.

Was nun folgt, klingt noch abenteuerlich genug. Großvater war glücklich mit noch 80 000 Talern seines Vermögens nach Bremervörde gekommen. Ein Gutskauf – es handelte sich um das Gut Ochtenhausen des Barons von der Decken – zerschlug sich. Mein Großvater bringt nun die Hälfte seines Geldes nach Hamburg auf die Bank und läßt die andere Hälfte, zum Teil in hartem Gelde bestehend, unter dem Ofen seiner Wohnstube vermauern, da die Franzosen ihn wieder aufgespürt haben. Er entgeht ihnen mit knapper Not und unter vielfachen Gefahren; einmal stechen sie mit Heugabeln in dem Heuhaufen herum, in dem er sich versteckt hält, ohne ihn zu treffen. Sein Geld aber fällt – wie es heißt, durch Verrat des Maurers – in die Hand der Franzosen, die in prahlerischem Übermut einen Teil der harten Taler durch das Fenster werfen, vor dem sich die Bevölkerung in hellen Haufen sammelt. Ein altes Fräulein Hannchen Hutwalcker hat mehr als ein halbes Jahrhundert später bestätigt, daß sie als kleines Mädchen in ihrer Schürze ein paar der herausgeworfenen Taler aufgefangen habe, und so diese märchenhafte Geschichte für mich ins Reich der Wirklichkeit erhoben.

Für die Geschichte von der Hamburger Bank, mit der der Prinz von Eckmühl durchgegangen sein und so meines Großvaters zweite 40 000 Taler flüssig gemacht haben soll, kann ich keine Kronzeugen anführen, so wenig wie für die saubere, nicht nur einem französischen Heerführer nachgesagte Gewohnheit des Prinzen, sich jeden Morgen in Milch zu baden. »Die wurde dann verkauft, und die Hamburger haben sie getrunken, d. h. sie haben es später erst erfahren« – – so unsere Berichterstatterin.

Sicher war, daß mein Großvater alles verloren hatte. Er fand einen kargen Verdienst (12 Schillinge = 75 Pfennige täglich) in einem Tabakgeschäft. Meine Tante hat oft erzählt, daß sie, zwölfjährig, abends ein Kindermützchen gehäkelt und es vor Tau und Tage für 25 Pfennig verkauft habe, damit die fünf Jungen nicht hungrig zur Schule gehen mußten.

Seinen Lebensmut hat sich mein Großvater nicht nehmen lassen. Die übermütige Jungenschar und nicht zum wenigsten seine leidenschaftliche Liebe zur Musik hielten die Stimmung im Hause hoch. Er selbst spielte verschiedene Instrumente, und von den Söhnen hatten Fritz, Otto Heinrich und Carl Theodor (mein Vater) seine starke musikalische Begabung geerbt. Da wurden denn Quartette im Wohnzimmer veranstaltet, zu denen von außen einer nach dem andern einsprach. Waren genug ernste Sachen gespielt, so schlug wohl Otto Heinrich auf dem Klavier plötzlich den »Puppentanz« an (den Tanz, nach dem im Puppentheater sich sämtliche Figuren gleichzeitig bewegten); ein Freund der Familie, ein groteskes kleines Männchen, tanzte vor, und jung und alt folgte nach, bis man vor Lachen nicht mehr konnte.

Auch die umliegenden Güter wurden von den musikalischen Brüdern heimgesucht. Diederich Hahn vom Bund der Landwirte konnte sich noch im Alter an der Überlieferung begeistern, wie die frischen jungen Menschen plötzlich abends angetreten seien und dann musiziert hätten bis in die Nacht hinein, mit fabelhafter Eingebung improvisierend, bald alles zu Tränen rührend, bald durch eine Parodie unwiderstehliche Heiterkeit auslösend. Ich selbst habe nach 1866 noch von Otto Heinrich eine musikalische Parodie auf den damals für uns noch ziemlich neuen »Einjährig-Freiwilligen« gehört. Nur durch ein gelegentliches Stichwort: »der Einjährig-Freiwillige im Ballsaal« oder ähnliches die Musik unterstützend, wußte er durch rein musikalische Mittel die besondere Selbstgefälligkeit und das geschniegelte Wesen dieses neuesten gesellschaftlichen Zuwachses im alten Hannover zu allseitiger Heiterkeit zum Ausdruck zu bringen.

Den beiden Brüdern Fritz und Otto Heinrich wurde das Glück zuteil, die Musik als Lebensberuf ausüben zu dürfen. Fritz ging nach England, Otto Heinrich wurde von König Georg, der gelegentlich in Stade sein Orgelspiel gehört hatte, nach Hannover berufen, wo er lange Jahre den Domchor dirigierte und zu hervorragenden künstlerischen Leistungen erzog, eine der markantesten Persönlichkeiten aus der Zeit der Riemann, Etelka Gerster, Sonntag u. a., der älteren Generation noch heute in lebhafter Erinnerung. Für mich war einer der seltenen Besuche bei Onkel Heinrich, der zeitlebens als Junggeselle in »British Hotel« wohnen blieb, wo er zuerst abgestiegen war, von unsagbarem Reiz. Hier sah das Kleinstadtkind die ersten Opern, und seine Verblüffung war nicht gering, als ihm nach dem »Vampyr«, den es mit Grauen und Entzücken genossen hatte, die Frage vorgelegt wurde: »Wo wollen wir nun hin?« Aber es genoß dann noch ebenso das Odeon mit den damals so berühmten erleuchteten Blumen. –

Mein Vater hatte den ihm wenig naheliegenden Kaufmannsberuf ergreifen müssen. Er hat ihn mit der ganzen Pflichttreue ausgefüllt, die seines Wesens Kern war, innerlich von ganz anderen Interessen erfüllt. Und so habe ich ihm die Tatsache, daß er »nicht viel vor sich gebracht«, d. h. nur sein täglich Brot für sich und seine Familie verdient hat, stets auf die Plusseite gebucht.

Er kam nach Oldenburg in die Lehre, kurz nachdem ein letztes Familienglied (Leonore) eingerückt war. Den Jungen mag nach der langen mädchenlosen Zeit das Schwesterchen besonderen Eindruck gemacht haben; als Carl Theodor, der auf der Reise still vor sich hin weinte, von einem Mitreisenden deswegen befragt wurde, schluchzte er nur: »Ick mutt immer an de lütje Deern denken.«

In Oldenburg hat ihn dann später eine reine Neigungsheirat mit meiner Mutter, Johanne tom Dieck, verbunden. In dem »Saal« des damaligen tom Dieckschen, jetzt Mehrensschen Hauses sind sie getraut worden.

Wenn ich mir meinen Vater und sein Verhältnis zu uns Kindern vergegenwärtige, so habe ich den Eindruck, daß der Respekt überwog. Er redete nicht viel mit uns; hatte er aber einmal: »Und damit basta!« gesagt, so war die Sache erledigt; da war nichts mehr zu machen. Aber wir konnten als Kinder ein Gefühl davon gewinnen, was es heißt, einen Vater zu haben, der allgemeine Achtung genießt. Es war nur ein dumpfes Gefühl, aber es war in mir vorhanden, wenn ich Sonntags morgens neben dem stattlichen Mann im »guten Rock« herschritt, um den üblichen Sonntagsbesuch bei Großvater zu machen. Sein Charakter war so zuverlässig und solide wie seine Tuche. Es gab Kunden, die einfach bestellten, er möge doch das für einen Anzug nötige Quantum zu ihrem Schneider schicken, ohne nach Preis und Qualität zu fragen. Er betrieb auch den Kaufmannsberuf nicht als Fron, aber seine Seele gehörte nach wie vor der Musik. In dunkler Erinnerung sind mir noch musikalische Abende vor dem frühen Tode meiner Mutter; später fielen diese, wie jede Geselligkeit, im Hause fort. Aber er ließ sich noch spät im Cellospiel unterrichten und hat dann manchen Abend musikalische Gedanken phantasierend verarbeitend zugebracht. Die meiste Freude hat ihm und anderen sein selten schöner Bariton gemacht; die damals so beliebten »Liedertafeln« und Sängerfeste sahen ihn als einen der Gefeiertsten in ihren Reihen. Aber auch als Mensch genoß er allgemeine Hochschätzung, sowohl im Oldenburger »Casino«, der Hochburg der Offiziere und Beamten, wie in der »Union«, dem Sitz der Kaufmannschaft, und das wollte in Oldenburg etwas sagen.

Als seine beiden ältesten Kinder aus den musikalischen Anfängen heraus waren, machte es ihm besondere Freude, irgendein leichtes Terzett – Klavier, Geige und Cello – mit uns zu spielen. Unsere Freude war natürlich nicht gleich groß; wenn man gerade den letzten Mohikaner am Wickel hatte, war es nicht so einfach, davon zum »Üben« – denn unter diesem Gesichtswinkel erschien uns mit Recht noch jede musikalische Betätigung – überzugehen. Und es war meinem Bruder Otto und mir nach meines Vaters frühem Tode ein wehmütiges Gefühl, daß wir manchmal erfolgreich den Versuch gemacht hatten, noch im letzten Augenblick zu entwischen.

Als Pädagoge – der Ausdruck ist eigentlich schon falsch, denn ich glaube kaum, daß er sein Verhältnis zu uns je unter diesem pedantischen Gesichtspunkt aufgefaßt hat – war gerade mein Vater für die schon gekennzeichnete Methode des Gewährenlassens, wenn nicht besondere Umstände ein Machtwort erheischten. Mir waren aber auch vorsichtig genug, Dinge, deren Zulässigkeit in Zweifel gezogen werden konnten, gar nicht erst vor das väterliche Forum zu bringen. Dahin gehörte zum Beispiel das unendlich reiz- und geheimnisvolle Vergnügen, abends auf der Straße zu spielen. Da warteten wir denn ab, bis mein Vater in seinen Klub ging – eine Gewohnheit, die er nach meiner Mutter Tode angenommen hatte – und wenn dann sein stereotypes: »Ick gah weck« die jungen Leute, die im Kontor ihr Abendbrot verzehrten, benachrichtigt hatte, schlüpfte man noch auf ein Stündchen hinaus und genoß den ganzen nächtlichen Zauber des Straßenlebens und des Verbotenen. Als ich zum erstenmal die »Johannisnacht« in den Meistersingern sah, stand mir die Dämmerung über der Kleinstadt, die den kindlichen Übermut so milde deckte, plötzlich wieder vor Augen. Denn Übermut war es, nichts Unrechtes, was wir trieben. Man befestigte wohl einmal ein Taschentuch an einem Bindfaden, faßte auf der anderen Seite der Straße Posten und zog es dem sich Bückenden schleunigst unter den Fingern fort. Oder man hatte einen »Geldbrief« mit der Aufschrift »zehn Taler« fabriziert und auf dem Fußsteig niedergelegt, und freute sich dann diebisch, wenn einmal ein ganz Harmloser darauf hereinfiel. Man zog auch wohl einmal die Nachtglocke der Apotheke, aber, gewitzigt durch unliebsame Vorkommnisse, erst, nachdem Kundschafter vorsichtig rekognosziert hatten.

Die einzige, nicht gerade für meine Ohren bestimmte Erziehungstheorie, die ich meinen Vater je aufstellen hörte, äußerte er unserer Hausdame (damals hieß es »Mamsell«) gegenüber, die sich über den »unglaublichen Spektakel« beschwerte, den wir machten. Sie lautete summarisch: »Kinder sind dazu da, um Lärm zu machen.« Wir bedurften dieser abstrakten Wahrheit kaum, dazu hatten wir zu lange schon unsere Lebensführung unbewußt danach eingerichtet.

Auch unsere sittliche Erziehung war kaum auf bewußte Einwirkung zurückzuführen. Das »Moralische verstand sich von selbst«. Wir sahen im Hause nichts anderes als Rechtes und Gutes. Nie wurden wir veranlaßt, uns für jünger auszugeben, um irgendwo freien Eintritt zu bekommen – eine Praxis, die wir mit aufrichtiger Entrüstung in bekannten Familien üben sahen. Und tiefen Eindruck machte es mir, als meine Mutter einmal auf das in Aussicht genommene sehr seltene Vergnügen eines Theaterbesuchs verzichtete, um einem Jungen, der aus Unvorsichtigkeit bei uns eine Fensterscheibe eingestoßen hatte, die Zahlung dafür erlassen zu können. Geredet wurde auch darüber weiter nicht.

Lügen gehörten nicht zu unseren Gewohnheiten. Sie wurden uns gegenüber nicht angewendet, und warum sollten wir lügen? Freilich erzählte man den Erwachsenen nicht alles, was sie unserer Auffassung nach nicht zu beurteilen verstanden. In dieses Gebiet gehörte auch die Frage: »Hast du deine Schularbeiten gemacht?« Das Schriftliche war ja notgedrungen fertiggestellt und das zu Lernende hatte man »übergesehen«; das lernte sich schließlich noch auf dem Schulweg, schlimmstenfalls bekam man auch vorgesagt.

Daß man Mein und Dein respektierte, war selbstverständlich; dazu wurden schon die Eigentumsgrenzen zwischen uns Geschwistern viel zu gewissenhaft gehütet. Das Eigentum unseres Vaters allerdings fiel nicht unter den Begriff Privateigentum, es war Kollektiveigentum im vollen Sinne des Wortes. Die Hobelbank, die er sich zur Beschäftigung für freie Stunden hatte aufstellen lassen, war nie vor uns sicher. Wieviel Werkzeuge mögen wir ihm bei der Herstellung unserer Schwerter für den Kampf um Troja verdorben haben oder der viereckigen Brettchen, die man zum Abdrücken der »Knallerbüchsen« vor der Brust trug, oder der »Klapperbretter«, mit denen man wie mit Kastagnetten einen betäubenden rhythmischen Lärm vollführte.

Einer tiefen Beschämung erinnere ich mich, als ich nach Kinderart von einem Fremden einen Groten angenommen hatte, den ich strahlend meinem Vater zeigte. Er erklärte mir dann kurz, daß ein anständiger Mensch so etwas nicht tue. Ich fühle noch heute, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Den Groten habe ich nachher fortgeworfen und dadurch mein Vermögen um ein Drittel verringert.

Zwischen meinem Vater und meiner Mutter herrschte trotz der großen Verschiedenheit ihrer Naturen vollkommenes Einverständnis. Ich habe nie eine Meinungsverschiedenheit erregt austragen hören, erinnere mich überhaupt einer solchen nicht. Meine Mutter war eine feine, nervös veranlagte Natur. Sie konnte sich eigentlich nie vollkommen darein finden, daß sie drei dem Vater nachartende Hünenkinder zur Welt gebracht hatte, die unendlich viel mehr Lebens- und Widerstandsfähigkeit mitbekommen hatten, als ihr selbst leider beschieden war. Die erste ihrer pädagogischen Anwandlungen – ich erinnere mich an drei solcher Schreckensherrschaften, die aber alle kurz waren – hing damit zusammen. Sie glaubte einmal, den gesunden Grundsatz: »Kinner un Kalwer ehr Deel« (Kindern und Kälbern ihr Teil), der bei »Osterklaben« und ähnlichen seltenen Herrlichkeiten von meinem Vater mit Recht geltend gemacht wurde, auch auf das tägliche Brot ausdehnen zu sollen; die Portionen, die wir zu uns zu nehmen pflegten, könnten uns unmöglich bekommen. So wurden wir denn »rationiert«. Diese Vorübung auf die heutigen schweren Tage mag in mein drittes Jahr gefallen sein, und ich kann den weiteren Verlauf nur nach der Überlieferung berichten. Ich soll der »Zwangswirtschaft« dadurch ein Ende gemacht haben, daß ich meine Herrenrechte gegenüber den Katzen geltend machte, denen die von mir besonders geliebte Scheldegerste hingetragen werden sollte, von der ich lange nicht genug bekommen hatte. Das soll dann so überzeugend gewirkt haben, daß die Eßfreiheit wieder hergestellt wurde.

Ein zweites Mal griff die graue pädagogische Theorie in mein Leben ein, als die Kaltwasserkuren in die Mode kamen. Wir wurden, wenn wir aus der Schule zurückkamen, in eine »Balje« gestellt und mit einem Eimer kalten Wassers übergossen. Ich konnte nachher in dem Märchen von dem, der auszog, das Gruseln zu lernen, so gut den Schluß verstehen. Zum Glück hat auch dieses Experiment nicht lange gedauert, wir mögen uns wohl zu energisch gesträubt haben; ich wenigstens habe das meinige daran getan.

Aber das Schmerzlichste war das Dritte. Es gehörte zu den allgemein geglaubten Theorien, daß man kleine Mädchen gar nicht früh genug an die Handarbeit herankriegen könne, und zwar aus ethischen Gründen. Eine Theorie, die die preußischen Lehrpläne später unter der Ägide des Geheimrats Karl Schneider in den weisen Satz verarbeiteten: »Die erziehliche Aufgabe des Handarbeitsunterrichts liegt in der Pflege weiblicher Sorgfalt, Sauberkeit und geduldigen umsichtigen Fleißes bei der Herstellung bescheidener Arbeiten.«

Und so wurden mir denn eines Tages zwei hübsche, mir sehr in die Augen stechende Taschentücher in die Hand gegeben, das eine durch seine rote, das andere durch blaue Streifen in saubere Vierecke geteilt. Sie waren für die Brüder bestimmt, und die Schwester – ich kann höchstens sechs Jahre gewesen sein – sollte sie säumen. Ob man sich wohl eine richtige Vorstellung davon macht, was es heißt, wenn so ein kleines Mädchen vor einem zugemessenen Stück Saum sitzt, das es mit immer schwärzer werdendem Faden allmählich zu schließen sucht, und dabei draußen die Sonne scheinen sieht und die Jungen toben hört? Es war so ein dumpfes erstes Gefühl von »der Frauen Zustand ist beklagenswert«, das einen erfüllte. Gewiß, ich hatte gehört, daß Stine Schubert nachmittags sechs- oder gar achtmal »herumstricken« mußte, und ich bewunderte, wie sie das Leben ertrug; aber da waren sie zu dreien und strickten um die Wette, da war wenigstens ein Sport dabei. Aber so allein – – Und wenn man lange Stiche machte, half es einem auch nichts, dann wurde unbarmherzig wieder aufgetrennt. Auch das Stricken wurde mir frühzeitig beigebracht; bei einer gelegentlichen Abwesenheit schreibt meine Mutter: »Daß Helene sich ja in acht nimmt, wenn sie strickt, sie könnte Theodor stechen.«

Das war einer ihrer wesentlichen Charakterzüge: ihre stete Angst um Mann und Kinder. In dem gleichen Brief schreibt sie meinem Vater über die Gefährlichkeit und Giftigkeit der Schwefelhölzer und bittet ihn, keine Zahnstocher davon zu machen, »die Kinder könnten es auch tun wollen«, und keine auf dem Fußboden herumliegen zu lassen. Immer sah sie bei einer ihrer seltenen Abwesenheiten ihre kleine Familie von irgendwelchem Unheil bedroht. Von dieser selbstquälerischen Anlage hat sie mir etwas vererbt; eine Freundin hat sie einmal als »Phantasie zum Katastrophalen« bezeichnet.

Meine Mutter hat das innige Glück ihrer Ehe und Mutterschaft nur kurz genießen können; sie starb im März 1855, als mein ältester Bruder im neunten Jahre stand, ich selbst fast sieben, der Jüngste fast fünf Jahre alt war. Sie erlag der Schwindsucht, der meines Großvaters vier blühende Töchter zum Opfer fielen. Das Vaterhaus behielten wir; zum Mutterhaus ist uns, soweit das möglich war, das Haus meines Großvaters durch meiner Mutter älteste Schwester Tante Helene geworden.

Ich habe meine Mutter schmerzlich vermißt, hätte es aber um die Welt niemand merken lassen. Immer malte ich mir abends im Bett aus, daß sie doch vielleicht nicht tot sei und eines Tages wiederkommen könne. Erst als ich meinen Vater einem Händler, der ihm irgend etwas für seine Frau aufdrängen wollte, sagen hörte: »Mine Fro liggt sit twee Johr up'n Karkhoff« –, erst da wurde mir klar, daß meine mit den Jahren immer mehr gewachsene Sehnsucht nie mehr gestillt werden und das Regiment der Hausdamen ein dauerndes sein würde. Von einer stillen Furcht befreite mich meine Tante Sophie durch die Worte: »Mein Vater hat gesagt, ihr Kinder sollt nie eine Stiefmutter haben.«

Aber da war dann noch Großvaters Haus.

Meine mütterliche Familie stammte aus Holland, von wo sie während des Arminianer- und Gomaristenstreites aus Glaubensgründen ausgewandert sein soll. Mein Großvater, dessen altmodische drei Vornamen Oltmann Diederich Nicolaus in der Firma O. D. N. tom Dieck zusammengezogen erschienen, war ein ungemein rühriger Mann und guter Kaufmann. Er heiratete die älteste der neun Töchter der Familie Mehrens, die es mit einem Sohn zusammen auf die damals gar nicht seltene Zehnzahl gebracht hatte. Auch seine eigene Nachkommenschaft brachte er auf zehn Köpfe; drei Knaben starben früh: das Schicksal der vier schönen, stattlichen Töchter ist schon erwähnt.

Das junge Paar fing mit einigen auf Kredit entnommenen Sack Kaffee und sonstigen Kolonialwaren in dem Hause Ecke Lange- und Wallstraße ein Geschäft an, das sie bald durch unermüdliches eigenes Zufassen vom Morgen bis in die Nacht zu ungewöhnlichem Gedeihen brachten und aus dem ihnen allmählich ein behaglicher Wohlstand erwuchs. Meine Großmutter hat den Lebensabend, dem sie in dem hübschen, an der Peterstraße erbauten Hause entgegensah, nicht lange genossen. Die Gicht und die Wassersucht, die sie heimsuchten – ich sehe sie noch schwer an Krücken durch das Zimmer gehen – werden mit ihrer aufreibenden Lebensarbeit in ursächlichem Zusammenhang gestanden haben.

So blieb mein Großvater mit der ältesten Tochter zurück, die die Familienkrankheit durch vorsichtige Lebensführung und wiederholte Kuren hinauszögerte und erst nach meinem Vater starb, als ich fast sechzehn Jahre alt war. Sie nahm meinen jüngsten Bruder Theodor, bei dem sich eine Skrofelkrankheit entwickelt hatte, für Jahre ganz zu sich ins Haus, und wir beiden anderen zögerten nicht, auch noch von dem Hause in der Peterstraße Besitz zu ergreifen.

Wie oft mögen wir im Laufe der Jahre den Weg dahin zurückgelegt haben! Am »Lapan« vorbei, dem Turm ohne Kirche, von dem morgens und abends die langsamen Töne der Betglocke klangen. Dann vorüber an der Wache vor dem Heiligengeisttor, neben der Jahr für Jahr die alte »Kirschenanna« saß und mit unbeweglichem Gesicht und sparsamstem Sprachaufwand an Obst feilhielt, was gerade die Jahreszeit bot. Da konnte man gegen eine Handvoll Kirschen seine vollgeschriebenen Schreibhefte eintauschen, die sie zu Tüten benutzte; man konnte auch wohl für seinen »Sonntagsgroten«, den Großvater allen Enkeln spendete, einen besonders vorteilhaften Einkauf machen, wenn man statt der guten etwas angefaulte Kirschen nahm, bei denen die Quantität die Qualität aufwiegen mußte. Dann ging es durch die grüne Straße mit den hübschen kleinen Häuschen in die Peterstraße hinein und hier häufig gleich um das Haus herum ins Grüne.

Der Garten – der große Garten, der bis zur Georgstraße durchging! Auch er ist heute durch ein Haus zerstört. Hier trug man nicht hinein, – er gab, er war Garten, Tummelplatz, Spender. Träumen und Versemachen konnte man da nicht, dazu fehlte das Abgeschlossene, die Intimität, aber da spielte man »Zauberer steh«, Kriegen, Verstecken und alle die Spiele, für die das eigene Gärtchen den Raum nicht bot. Denn der Garten hatte zum Glück weder Teppichbeete, noch einen englischen Rasen, noch sorgfältig gehaltene Kieswege. Er lag den größten Teil des Jahres, wie der liebe Gott ihn wachsen ließ; nur hin und wieder kam mal ein Arbeiter, um das Nötigste zu tun. Einer von ihnen, Behrend, war mein guter Freund; er nahm die Fragen, die ich manchmal an ihn richtete, so ernst, wie es nur Leute aus dem Volk mit Kindern tun, ohne das verräterische Zucken der Mundwinkel, das einen an den Onkeln so oft ärgerte. Und Behrend wußte eine ganze Menge. Er konnte einem sagen, was die Regenwürmer fressen und woher die Maikäfer kamen. Nun hörte ich Ende der fünfziger Jahre fortwährend vom Norddeutschen Lloyd sprechen, konnte mir aber keinen Vers aus dem machen, was die oft so unverständlichen Erwachsenen darüber redeten. Da fragte ich Behrend. »Dja, min lütje Deern,« sagte er und stützte sich gedankenvoll auf den Spaten, mit dem er gerade ein Beet umgrub, »dat will 'ck di seggen: de Norddeutsche Lloyd, dat – dat 's 'n grootet Deert«, schloß er dann plötzlich mit Nachdruck. Die Erklärung erhöhte meine Hochachtung vor dem Norddeutschen Lloyd noch, aber klüger machte sie mich freilich nicht.

Das Schönste am Garten war, daß wir Kinder unbestrittenes Herrenrecht über alles hatten, was an Baum und Strauch wuchs. Niemand sprach, wie in so vielen Familien, vom »Einmachen« der Gartenfrüchte. So hinderte einen denn auch niemand, sich unter einen Stachel- oder Johannisbeerbusch zu legen und die schwer herabhängenden Zweige von unten herauf langsam aber sicher abzugrasen. Oder unter die großen Birnbäume auf dem Rasen, von denen nach kurzer Wartezeit unfehlbar eine Birne durch die Zweige rasselte, wenn nicht schon genügend darunter lagen. War aber kein Obst mehr an den Büschen, so bargen sie noch eine Unzahl beschalter Schnecken, »Generhüte« genannt, mit denen ein sehr beliebtes Mutter- und Kindspiel betrieben wurde. Die einfarbigen waren Jungen, die bunten Mädchen. Auch die Knaben beteiligten sich an dem Spiel, wenn sie auch mehr die Kletterübungen in der Turnanstalt überwachten oder, wie beim Puppenspiel, Arzt und Lehrer vorstellten. Ins Haus ging man höchstens mal, um sich ein Butterbrot zu holen.

War aber das Wetter ungünstig, so war es auch da heimlich und schön. Freilich, die absolute Lärmfreiheit wie zu Hause gab es da nicht; das konnte Großvater nicht vertragen. Da spielte man denn – verhältnismäßig – stille Spiele an dem großen, runden Tisch der Wohnstube, an dem so viele freundliche Erinnerungen haften. Wir waren ihm schon gut vom alten Hause her. Er war grün angestrichen und wurde mit Kreide in so viel Fächer geteilt als gerade Bewerber da waren. Vor jedes Feld wurde ein Kind gesetzt mit einem Stück Kreide, mit dem es dann seine Schöpfungen entwarf; bei mir mußte stets eine Windmühle die Landschaft krönen. An diesem guten, runden Tisch haben besonders mein jüngster Bruder und unser Freund Julius Lehmann mit mir unzählige Nachmittage und Abende zugebracht, bald mit einer Spielzeugschachtel oder dem Baukasten, bald mit Lesen beschäftigt. Aus der gastlichen Apfelschale, die stets gefüllt auf dem Spiegeltisch stand, wurde uns zu unserm Butterbrot ein Gravensteiner oder Prinzapfel gereicht, ehe wir den Weg nach Hause antraten.

Zu Großvater kamen die alten Herrschaften, die man sonst wenig sah: Onkel Mehrens und die vielen Mehrensschen Tanten, deren Namen ich nie recht auseinanderhalten konnte. Mit Onkel Mehrens war die Unterhaltung stereotyp: »Go'n Dag, tom Dieck, wo geiht't?« – »Slecht.« – Großvater gab sehr ungern zu, daß es ihm für sein hohes Alter ungewöhnlich gut ging, wenn ihn nicht hier und da die Leber mal etwas quälte. – »Wo geiht't Bekka?« war dann die Gegenfrage nach Tante Mehrens. Und dann ging das politische Kannegießern los, das häufig in die »Franzosentid« ausmündete. Mit Tante Jette Volkers drehte sich die Unterhaltung mehr um das Materielle; daß der Schlachter neuerdings mehr als 10-12 Grote (40-50 Pfennig) für das Pfund Kalbskeule haben wollte oder die Kramtsvögel von 2 auf 3 Grote (von 8 auf 12 Pfennig) aufgeschlagen seien. In Erregung geriet aber mein Großvater, wenn Tante Jette, die mit ihrer großen Familie auf sparsames Haushalten angewiesen war, ihm erzählte, daß sie von »'n halw Pund Fleesch un en Knoaken« eine wundervolle Suppe für die ganze Familie gekocht hätte. Großmutters solider Grundsatz, daß es unter drei Pfund Fleisch überhaupt keine ordentliche Suppe gäbe, war noch heilige Familienüberlieferung, und doch ging es meinem Großvater gegen die Ehre, daß sein Haushalt nicht in der sparsamsten Weise geführt sein sollte.

Am liebsten war es uns Kindern schon, wenn Tante Wilhelmine Mehrens einsprach. Sie konnte so lebendig Märchen erzählen, besonders eindringlich das Rumpelstilzchen. Gute Tante Mine! Sie hat ihr bescheidenes Leben hindurch ehrfürchtig aufblickend von der Kunst gezehrt. Gewissenhaft und ohne jede Prätension in ihren Kopien wie in ihren Porträts, nährte sie ihre Seele von dem, was sie in ihrer Jugend in Dresden und anderen Kunststätten hatte sehen dürfen. Ihre große Schwerhörigkeit hatte sie nicht verbittert; mit herzlicher Freude nahm sie an allem teil, was die jüngere Generation erlebte. In unserer obersten Schulklasse gab sie die Zeichenstunden; wir waren übermütig genug, ihr Gebrechen dazu zu benutzen, uns während der Stunde die »Memoiren einer alten Jungfer« vorzulesen, natürlich nur, um das Pikante dieser Anzüglichkeit zu genießen, denn eigentlich war uns das Gesudel, das eine von uns irgendwo aufgetrieben hatte, vollständig gleichgültig. Sie interessierte sich ehrlich für mein Zeichnen, gab mich aber auf, als ich einmal vor einem, wie sie meinte, gut gelungenen »Marterl« an einem Wegrande einen knienden Leutnant angebracht hatte. Diese Frivolität hat sie mir lange nicht verziehen.

Im Grunde war das alles doch nur jener Übermut überquellender Jugend, der irgendwo hinaus muß. Er wurde auch manchmal lebendig, wenn zu Tante Helene alte Schulfreundinnen kamen, von jener jetzt ganz ausgestorbenen Art, die den Typus »Alte Jungfer« geprägt hat. Brave Töchter oder Schwestern voll Aufopferung und Güte, aber von jener Engheit des Urteils und zugleich jener Sentimentalität der Lebensauffassung, die gesunde Kinder je nachdem zum Widerspruch oder zu Lachsalven reizt. Und das gerade dann, wenn es am allerwenigsten angebracht ist. Wenn am Sonntagmorgen zwei dieser Freundinnen nach der Kirche bei Tante Helene vorsprachen und davon berichteten, wie die Predigt sie »erbaut« hätte, da reizte uns dieser stets wiederholte Ausdruck zu jener von uns selbst als gottlos empfundenen Heiterkeit, bei der eines das andere nicht ansehen durfte aus Furcht, die Fassung zu verlieren. Im Grunde eine nicht unberechtigte Reaktion auf einen Gefühlsüberschwang, der uns selbst so vollständig fern lag: eine Äußerung unbewußter Abneigung wohl auch gegen die konventionelle Art, einem Innerlichen Ausdruck zu geben.

Von Großvaters Söhnen interessierte uns am lebhaftesten Onkel August, der den doppelten Reiz der Entfernung und der Künstlerschaft für sich hatte. Ein Schüler von Peter Cornelius, befand er sich während meiner frühen Kinderzeit fast immer in Rom. Tante Helene, deren treuer, schwesterlicher Fürsorge er es wohl hauptsächlich zu danken hatte, daß mein sehr nüchtern denkender Großvater ihm die so weitläufig aussehende Künstlerlaufbahn gestattete, erzählte uns wohl von dem Bruder, der ihr alles war, und die Laute Neapel, Pompeji schlugen zum erstenmal an mein Ohr. Als er dann später – er war schon in Dresden verheiratet – kam, als er seine Skizzen zeigte, als seine Frau, die eine schöne, vollendet ausgebildete Stimme hatte, mit meinem Vater zusammen sang, da trat die Kunst zum erstenmal greifbar in mein Leben und schloß geheimnisvolle Fernen auf.

Die Generation meiner Tante sprach nur hochdeutsch: in den fünfziger Jahren wurde schon in allen Bürgerfamilien von den Eltern unter sich und mit den Kindern nur dieses gesprochen. Die ältere Generation dagegen hielt noch an dem vertrauten Platt fest, das vielfach auch noch mit den Dienstboten gesprochen wurde. Jedenfalls hörte man es dauernd auf der Straße und in den Läden, und wenn wir Kinder mit unserm Dorf oder Markt spielten, wäre es als stillos empfunden worden, unsere Bauern nicht platt reden zu lassen. Höchst erstaunt aber waren wir, als eines Tages bei Großvater ein kleiner Verwandter vom Lande zu Tisch war, der kein Wort hochdeutsch sprach. Das heißt, während des Essens sprach er überhaupt nicht, sondern widmete sich mit völliger Hingabe der Forderung der Stunde: als aber der Nachtisch, ein »Creme«, aufgetragen wurde, stand er plötzlich auf, brachte den Zeigefinger in ganz gefährliche Nachbarschaft des verführerischen Gerichts und tat den nachher zum geflügelten Wort erhobenen Ausspruch: »Wat's dat for Bree (Brei)? Da will 'ck veel van hebben.« Tante Helene, die, wie wir Kinder manchmal etwas abschätzig bemerkten, sehr fürs Feine war, nutzte die Sache nachher pädagogisch für uns aus.

Großvater war ein unermüdlicher Leser, trotzdem es zu seinen Gewohnheiten gehörte, stets über die Augen zu klagen. Zu den unentbehrlichen Erfordernissen auf dem Tischchen neben seinem Lehnstuhl gehörte außer der Schnupftabakdose, für die wir Kinder ihm öfter ein Viertel Portoriko holen mußten, auch ein Glas mit verdünntem Romershauser Augenwasser, auf dessen Heilkraft er schwor und mit dem er von Zeit zu Zeit die Augen befeuchtete. Er las fast immer Geschichte oder alte Chroniken und bediente sich dazu eines großen viereckigen Vergrößerungsglases, das er über die Zeilen fortbewegte, während die Lippen die Worte nachformten. Wenn das Wetter schlecht war, saßen wir ihm wohl gegenüber, gleichfalls mit einer Chronik oder Beckers Weltgeschichte beschäftigt. Auch die vielen in Schweinsleder gebundenen Reisebeschreibungen auf seinem Bücherbrett oder das Pfennigmagazin waren beliebte Lektüre. Da las man vom Tunnel unter der Themse oder von Luftballons oder Dampfmaschinen. Am allerbegehrtesten aber war ein Jahrgang der Fliegenden Blätter von 1848 oder 1849. Es war oft ein Wettrennen darum, wer zuerst hin kam, sich seiner zu bemächtigen. Mit Heulmeier und Wühlhuber, Eisele und Beisele und dem Münchener Kindl standen wir auf dem vertrautesten Fuß; Zeichnungen, wie die »neueste Wrangelsche Straßenreinigungsmaschine« (eine die ganze Straßenbreite füllende Soldatenkolonne im Paradeschritt) stehen mir noch heute aufs lebhafteste vor Augen.

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