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Lebenserinnerungen

Helene Lange: Lebenserinnerungen - Kapitel 23
Quellenangabe
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typebiography
authorHelene Lange
titleLebenserinnerungen
publisherF. A. Herbig G. m. b. H.
printrun8. und 9. Tausend
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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Der Eintritt der Frauen in die Politik

Mit dem Jahre 1908 rückte eine neue Möglichkeit in den Bereich unserer Aufgaben: der Eintritt in die politische Arbeit. Bis dahin verboten die Vereinsgesetze der meisten deutschen Bundesstaaten die Beteiligung der Frauen an politischen Vereinen. Die damit gegebene Abschließung kam in ihrer ganzen Unzeitgemäßheit zum Bewußtsein auch der konservativsten Mitbürger, als im Jahre 1902 die bekannte Sozialpolitikerin Helene Simon einen Vortrag in der Gesellschaft für soziale Reform über Frauennachtarbeit halten sollte, dies aber nicht durfte, da es sich um einen politischen Gegenstand handelte. So mußte sie im »Segment«, abgetrennt von der übrigen Versammlung, zuhören, wie man ihr Manuskript verlas, unter der Bedingung, daß sie sich »aller Zeichen des Beifalls oder der Mißbilligung zu enthalten habe«.

Es kam das Reichsvereinsgesetz, das diese Beschränkungen aufhob. Die Bahn für die Mitarbeit der Frauen in den politischen Parteien, wenn auch als nicht wahlfähige Bürger mit sehr geringem Einfluß, war freigegeben. Es erhob sich die Frage, ob die Frauen in die Parteien eintreten, oder ob sie die ganze Kraft außerhalb der Parteien erst aus das volle Bürgerrecht konzentrieren sollten. Es gab einige, die das empfahlen. Den meisten von uns war es klar, daß der Weg in die Parteien beschritten werden mußte.

Es war zunächst von den bürgerlichen Parteien nur die Linke, die Frauen zu vollberechtigter Mitarbeit aufnahm. Sogar die Nationalliberalen verhielten sich zögernd. Das Zentrum, obgleich es im Wahlkampf stets sich der Frauen in irgendeiner Form zu bedienen gewußt hatte, lehnte die Mitgliedschaft der Frauen an den Parteivereinen ab. Ebenso selbstverständlich die Konservativen.

Mir selbst war über meine politische Zugehörigkeit kein Zweifel. Ich war in dem politischen Kreise von Schrader, Rickert, Theodor Barth geistig beheimatet. Der Liberalismus, dem Friedrich Naumann eine kräftigere soziale Note gegeben hatte, war die Grundlage, von der aus ich mein besonderes Lebenswerk in der Frauenbewegung aufgefaßt hatte. So war es mir selbstverständlich, in die »freisinnige Vereinigung« – noch ehe sie mit der freisinnigen Volkspartei die fortschrittliche Volkspartei bildete – einzutreten. Ich ging am Tage des Inkrafttretens des Reichsvereinsgesetzes in die Versammlung eines Berliner Lokalvereins in dem freudigen Gefühl, eine neue Welt zu betreten.

Das gab dann natürlich eine sehr nachdrückliche Ernüchterung. Es muß gesagt werden, daß die bürgerlichen Parteien den Augenblick, der ihnen die Mitarbeit der Frauen brachte, mit sehr geringem Bewußtsein seiner politischen Bedeutung und gar keiner Fühlung für die ihnen entgegenwachsenden Kräfte an sich vorüberrinnen ließen. Man hat die Frauen, wo sie kamen, kaum willkommen geheißen, geschweige sich um sie Mühe gegeben – außer im akuten Fall, wenn man am Wahltag Leute zum Listenführen, Flugblättern erteilen u. dgl. brauchte. Weder in der Organisation der Frauen, noch in der Stellungnahme zu ihren Zielen hat man politischen Instinkt bewiesen.

Dazu kam für uns der einigermaßen niederschmetternde Eindruck der Schwunglosigkeit, des Stumpfsinns und der Geistesträgheit des politischen Vereinslebens. Manchmal war das einzig Intensive dieser Versammlungen – der Rauch. Wir waren in unseren Frauenvereinen, die jung und leidenschaftlich waren, gewohnt, mit Feuereifer zu arbeiten, mit ganzer Seele dabei zu sein, voll Respekt vor der Verantwortlichkeit unserer Aufgabe. Hier war ein alter »Betrieb«, der erstaunlich genügsam in seinen Ansprüchen an die Regsamkeit seiner Mitglieder geworden war. Wenn dies ein alter, routinierter Politiker lesen sollte, so wird er wahrscheinlich lächeln über die Naivität der Frauen, die von dieser politischen Arbeit sich Wunder versprachen. Ich glaube, es wäre besser, wenn diese Praktiker sich etwas mehr Fühlung dafür bewahrten, daß dauernd hohe Erwartungen neu hinzuwachsender Kreise – Jugend oder Frauen – an dem Stumpfsinn und der Geistesträgheit dieser Maschinerie zerschellen, daß diese Mischung von Bier, Tabak, schlechter Luft und geistiger Lahmheit unendlich viel politische Arbeitsbereitschaft im Keim tötet.

Natürlich sind die Berliner Erfahrungen nicht zu verallgemeinern. Manche meiner Mitarbeiterinnen an anderen Orten haben es besser gehabt. Sie sind auch nicht auf die bürgerlichen Parteien zu beschränken: in der Sozialdemokratie ging es den Frauen im ganzen nicht besser. Aber auch die Gesamthaltung der später in der fortschrittlichen Volkspartei zusammengefaßten linksliberalen Parteien zur Frauenfrage war wenig verständnisvoll. Es wäre eine selbstverständliche Konsequenz des Liberalismus gewesen, die Grundsätze und Ziele der Frauenbewegung aufzunehmen und, nachdem die äußeren Schranken gefallen waren, den Frauen im Rahmen der Partei die Möglichkeit zu geben, für ihre Ideen zu arbeiten, die ja doch im Grunde die auf das Frauenproblem angewandten Ideen des Liberalismus sind. Das geschah nur sehr zögernd. Nur wenige der Führer – allen voran Friedrich Naumann – bekannten sich zu den letzten Zielen der Frauenbewegung. Mit der Mehrheit galt es einen zähen Kampf, der in gewisser Weise schmerzlicher und peinlicher war als der, an den man lange gewöhnt war, weil es sich um Gesinnungsgenossen handelte, die eigentlich zu uns stehen mußten, wenn sie die Konsequenz ihrer eigenen und unserer Grundsätze zogen. Es gelang schließlich, auf dem Parteitag der Fortschrittlichen Volkspartei 1912 eine Entschließung durchzubringen, die zwar das Frauenstimmrecht nicht zum Programmpunkt machte, aber sich doch dazu bekannte und seine Förderung den Parteigenossen empfahl.

Unter diesen Bedingungen hat sich die politische Mitarbeit der Frauen in den Parteien nicht sehr intensiv entwickelt. Es war und blieb der schwächere Teil der Frauenbewegung. In den Frauenorganisationen entfaltete sie sich weit energischer und reicher, denn da trug ein einheitlicher Wille, eine gleichmäßige, noch nicht erlahmte Energie und ein starker, spannkräftiger Glaube.

*

Einen gewissen Höhepunkt dieser Entfaltung bezeichnete der mit der Ausstellung »Die Frau in Haus und Beruf« verbundene Frauenkongreß des Jahres 1912 in Berlin. Nicht als ob ein solcher Kongreß an sich das Leben einer großen, sozialen Strömung dartun könnte. Aber er spiegelte es in einer so überzeugenden und für alle Teilnehmer überwältigenden Weise ab, daß vielleicht für viele sich in diesem Eindruck das stärkste Siegesbewußtem in unserer Sache zusammenfaßt.

Der Bund Deutscher Frauenvereine hatte bis zum Jahre 1910 unter der tatkräftigen Leitung von Marie Stritt sein Aufgabengebiet nach allen Richtungen hin ausgebaut, die Zahl seiner Mitglieder und der ihm angeschlossenen Organisationen dauernd erhöht und seinen Charakter als »Frauenbewegung« aus dem ursprünglichen Gemisch von allerlei nützlichen Bestrebungen mannigfacher Art immer bestimmter herausgebildet. Die Kämpfe im Innern, aus denen er in dieser Zeit nicht herauskam, waren wohl notwendige und in gewissem Sinne auch gesunde Entwicklungserscheinungen. Seit 1910 hatte Gertrud Bäumer den Vorsitz übernommen. Diese Zeit war durch ein wachsendes Einheitsbewußtsein der immer größer werdenden Bewegung gekennzeichnet. Seit 1908 umfaßte der Bund auch einen Teil der konfessionellen Frauenbewegung im deutsch-evangelischen Frauenbunde. Damit band die Idee der Frauenbewegung im Bunde Frauen konservativer Grundstimmung mit sehr radikal fortschrittlichen zusammen. Gleichzeitig vollzog sich eine immer seiner ausgeprägte Arbeitsteilung. Auch der Allgemeine Deutsche Frauenverein, dessen Vorsitz ich seit dem Tode von Auguste Schmidt (1902) führte, hatte dieser Notwendigkeit der Spezialisierung sich angepaßt und war seit 1910 als »Verband für Frauenarbeit und Frauenrechte in der Gemeinde« ein Mittelpunkt für die Ausdehnung und Pflege der Frauenaufgaben in der Kommunalverwaltung geworden – insbesondere durch die von Jenny Apolant in Frankfurt a. M. begründete und geleitete »Zentrale für Gemeindeämter der Frau«. In dieser Konzentration auf eine Arbeit, die viel kleine Mühe, gewissenhaftes Eindringen in viele Spezialgebiete verursachte, konnte sich die alte Tradition des Vereins bewähren, die weniger auf äußere Agitation als auf innere Durchdringung der neuen Frauenaufgaben gestellt war.

Ich muß hier ein Wort über meine Stellung zu den Vereinen sagen, die das Frauenstimmrecht als Spezialziel vertraten und erstrebten. Ich habe nie einem Frauenstimmrechtsverein angehört, obgleich ich wohl als eine der ersten in Deutschland seit dem Jahre 1896 die Forderung öffentlich vertreten hatte. Aber ich sorgte dafür, daß der Allgemeine Deutsche Frauenverein das Frauenstimmrecht in sein Programm aufnahm, das einen Teil seiner Satzungen bildete. Und so wie ich hier das Stimmrecht nur als innerlich notwendigen Hintergrund eines Sondergebiets der Frauenbewegung mit vertrat, so schien es mir überhaupt nicht etwas zu sein, das, losgelöst von den Inhalten unserer Arbeit, als reines Agitationsziel, als bloßes Recht vertreten werden sollte. Immer kam es doch darauf an, es den Frauen zu zeigen als bloßes Mittel zur Erfüllung bestimmter Aufgaben, als Vorbedingung für die volle Entfaltung jeder Betätigung. So schien mir die ganze Frauenbewegung, in Sozialpolitik und Bildung, in Wohlfahrtspflege und Berufserweiterung, in dem Aufbau einer verfeinerten Sozialethik und reinerer Lebensordnungen auf dieses Mittel angewiesen, das Mittel andererseits aber nichts zu sein ohne solche bestimmt geschauten Aufgaben und Willensrichtungen. Die ganze Frauenbewegung war mir Stimmrechtsbewegung.

Der Kongreß von 1912, im Anschluß an die von Hedwig Heyl glänzend organisierte Ausstellung, zeigte dieses große Bild der deutschen Frauenbewegung. Nach der Fülle ihrer Einzelgebiete wie nach der geistigen Macht ihrer Ideen, die über Weltanschauungen und politische Meinungen jeder Richtung hinweg einen starken einheitlichen Willen einsetzte. So verschwindend klein bis dahin die wirklichen Errungenschaften gewesen waren – es ist uns heute rückblickend klar, wie sicher wir im Grunde des Sieges waren, wie sich uns der Zuwachs an überzeugender Kraft, trotzdem die äußeren Gewalten in der Welt uns noch stumm blieben, im innersten Herzen ankündigte und uns darum Widerstand nur stärkte und unüberwundene Aufgaben nur lockten und anspannten.

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