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Lebenserinnerungen

Helene Lange: Lebenserinnerungen - Kapitel 22
Quellenangabe
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typebiography
authorHelene Lange
titleLebenserinnerungen
publisherF. A. Herbig G. m. b. H.
printrun8. und 9. Tausend
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der internationale Horizon

Wenn von der Entfaltung der organisatorisch in den Rahmen des Bundes Deutscher Frauenvereine gespannten Frauenbewegung die Rede ist, so müssen noch zwei Seiten dieser Entfaltung berührt werden: die internationalen Beziehungen der Frauenbewegung und der Eintritt der Frauen in die Politik.

Der Bund Deutscher Frauenvereine wurde auf internationale Anregung begründet und war von seiner Gründung ab ein Glied des Frauenweltbundes. Dies bedeutete im Grunde nicht viel mehr als die Teilnahme an internationalen Kongressen alle fünf Jahre und – wenn man zum engeren Kreis der Mitarbeiter gehörte – an Vorstandssitzungen in der Zwischenzeit. Ich habe nur an zweien dieser großen Kongresse, Berlin 1904 und Rom 1914, teilgenommen, war aber zeitweise Mitglied des engeren Vorstandes oder sonst an der inneren Arbeit beteiligt und habe an Vorstandssitzungen in Dresden, Paris, dem Haag, Genf und Stockholm teilgenommen.

Die Frage, welchen Gewinn die so gepflegten Beziehungen gebracht haben, ist sehr positiv und sehr negativ zu beantworten. Wenn es zum Wesen der deutschen Frauenbewegung gehört, daß sie sehr gründlich gearbeitet, sich selbst sehr klar begründet hat und in ihrem ganzen Charakter viel Fühlung für die geschichtlichen Bedingtheiten alles Wachstums ausprägte, so liegt es schon in dieser unserer Arbeitsweise begründet, daß die unvermeidliche Flachheit solcher internationalen Arbeit uns bedrückt und widerstrebt. Der welterlösende » Internationalism«, von dem die unglaublich gewandte, sehr ehrgeizige Vorsitzende der ersten von mir miterlebten Geschäftsperiode, die Amerikanerin Mrs. May Right Sewall, in pathetischen Worten schwärmte, konnte sich praktisch ja auf unserm Gebiet nur in sehr bescheidene Taten umsetzen. Ziele, Wege, Arbeitsmethoden ergaben sich eben doch nur aus den Verhältnissen des eigenen Landes. Eigentliche ihrer Natur nach internationale Fragen gab es natürlich einige: z. B. die Bekämpfung des Mädchenhandels, aber doch nicht viele. So war der eigentliche Nutzen des Weltbundes der Austausch über Erfahrungen und Einrichtungen – ich habe persönlich mich immer gern über das Ausland unterrichtet – und sein innerer Gewinn die Anknüpfung und Pflege persönlicher Beziehungen zu wertvollen oder in ihrer Art interessanten Menschen.

Unter diesem Gesichtspunkt vermittelte die Teilnahme an der Arbeit des Frauenweltbundes auf alle Fälle ein wertvolles Stück politischer Bildung, eine Bereicherung menschlicher Beziehungen und eine Fülle kulturell interessanter Eindrücke. Von den persönlichen Beziehungen wurde mir die zu der Vorsitzenden seit 1904, Lady Aberdeen, am wertvollsten. Ihre groß angelegte und dabei gütige und idealistische Persönlichkeit gab dem etwas fanfarenhaften Internationalismus der Amerikanerinnen die Seele eines aufrichtigen Gemeinschaftsgefühls der Frauen, das sie in schlichter und vornehmer Form immer zu wecken und auszudrücken verstand. Im Winter 1907 lernte ich als ihr Gast in Haddo-House in Schottland eine ebenso aristokratische wie von starkem sozialen Geist und feinster, einfachster Menschlichkeit gestaltete Häuslichkeit kennen, mit allen politischen und sozialen Beziehungen des großen Landsitzes zu Pächtern, Wählern, Gästen und Freunden. – Aber auch wo solche persönlichen Beziehungen sich nicht anspannen, blieben die lebhaften Eindrücke von Menschen und Milieus ein Gewinn; Eindrücke, die natürlich in Wochen gemeinsamer Arbeit sehr viel intensiver waren, als wenn man nur als Reisender ein Land von außen sieht.

Von den Amerikanerinnen ist mir die alte Susan B. Anthony, die, mehr als achtzigjährig, 1904 den Berliner Kongreß noch besuchte, die einzige wirklich ehrwürdige Erscheinung gewesen. Typus eines festen, aufrichtigen Puritanertums, war ihr das Frauenstimmrecht eine religiöse Forderung, Gottes Ziel, der den Sieg der Gerechtigkeit in der Welt will. Uns differenzierteren und historisch nervöseren Europäern war ihr naiver Radikalismus, der im Frauenstimmrecht das A und O aller sozialen, politischen und kulturellen Aufgaben sah, zugleich rührend und ehrwürdig. Was bei den anderen manchmal peinlich wirkte, die Anpassung der Redeweise an die Plattform, war bei ihr wirkliche Volkstümlichkeit, eine absolute Schlichtheit der Seele. Sie brachte nicht wie die anderen, z. B. die sehr geistvolle, aber sehr kokette Mrs. Perkins-Stetson, der rhetorischen Wirkung den Ernst ihrer Worte zum Opfer. Dabei hatte sie das naive Bedürfnis der demokratischen Amerikaner nach Bekanntschaft mit fürstlichen Persönlichkeiten. Sie war sehr enttäuscht, daß der Kaiser sie nicht begrüßen wollte. Den Empfang der Führerinnen der Länder bei der Kaiserin gelegentlich des Berliner Kongresses werde ich nicht vergessen. Es war ein fabelhafter innerer Abstand – die Frauenbewegung und Potsdam. Die Kaiserin überbrückte ihn durch ihre einfache Liebenswürdigkeit. Ihre Umgebung konnte sich der inneren Mißbilligung dieser Umstürzlerinnen nicht ganz enthalten. Gespräch zwischen einem der Herren und Mrs. Sewall: Er, mit erziehlicher Spitze: »Aber sagen Sie nur, wo sind nun die Männer aller dieser Frauen?« Sie, schlagfertig: » Well, I hope, they will be safe at home«.

Im übrigen haben wir im Frauenweltbund die amerikanische Frauenbewegung wohl nicht in ihren bedeutendsten Vertreterinnen kennen gelernt. Es war – neben viel Energie und Unternehmungssinn – sehr viel reine Mache dabei; eine für uns schwer erträgliche Flachheit und ein so naiver Ehrgeiz trat zutage, daß man immer in Versuchung war, die ganze Bewegung nicht sehr ernst zu nehmen. Bis man verstand, daß dies die Methoden und Eigenschaften eines Landes waren, das viel mehr mit den großen Massen rechnete, sie in Bewegung zu setzen trachtete, als unsere qualifizierte, aber zum Teil wohl recht akademische Art.

Eindrucksvoll und interessant ist mir auch die französische Frauenbewegung gewesen. Unter den Vertreterinnen, die wir im Frauenweltbund kennen lernten, waren auffallend viel deutsche Namen und Protestantinnen. Die sympathische und energische Persönlichkeit von Sarah Monod, die den französischen Frauenbund gründete und als seine Vorsitzende am Berliner Kongreß teilnahm, ist als Schweizerin und Protestantin vielleicht bezeichnend dafür, daß die Frauenbewegung ihre Bodenständigkeit zunächst nicht in der eigentlichen französischen »Mentalität« hatte. In keinem Lande hatte man so den Eindruck einer seltsamen Vielgestaltigkeit der Typen: die Schauspielerin Mme. Durand, die mit einer merkwürdigen Mischung von eindrucksvoller Weiblichkeit und Frauenrechtelei ihre Rolle spielte, sehr radikale Politikerinnen von heftigstem Temperament, daneben die Frauen der Conférence von Versailles, einem Zusammenschluß weiblicher Wohlfahrtsarbeit Typen etwas altmodischer ehrenwerter charitativer Vereinsarbeit – aus all dem trat erst in den letzten Jahren vor dem Krieg eine einheitlichere, von den jungen Akademikerinnen getragene Frauenbewegung hervor. Unvergeßlich ist mir bei der Vorstandssitzung in Paris ein Bankett der Stadt Paris zu Ehren des Frauenweltbundes, bei dem ein Magistralsmitglied genau dieselbe spießbürgerliche Rede hielt, die man bei uns auch hören konnte – die Frauen sollten sich lieber darauf beschränken, » les anges de notre foyer« zu sein, als nach dem Stimmrecht zu trachten, welche Rede sofort die leidenschaftlichsten Zwischenrufe der Stimmrechtlerinnen hervorrief, die den Redner ganz einfach am Weitersprechen verhinderten!

Eins aber berührte neben all der Buntheit der Einzeleindrücke doch immer wieder tiefer und nachhaltiger: das war die Tatsache, daß in allen Ländern, unter den mannigfaltigsten seelischen, wirtschaftlichen und rassemäßigen Voraussetzungen der eine mächtige Strom des weiblichen Kulturwillens entsprungen war und immer breiter und sieghafter dahinfloß – sich selbst Beweis für seine Notwendigkeit und seine überzeugende Kraft. Als Bestätigung dieses Wissens waren die internationalen Tagungen und die dauernde Fühlung, die sie herstellten, allen Beteiligten doch eine Kraftquelle.

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