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Lebenserinnerungen

Helene Lange: Lebenserinnerungen - Kapitel 20
Quellenangabe
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typebiography
authorHelene Lange
titleLebenserinnerungen
publisherF. A. Herbig G. m. b. H.
printrun8. und 9. Tausend
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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Ausbreitung und innere Entwicklung der Frauenbewegung

Der Bund Deutscher Frauenvereine mit seinen Richtungen

Das entscheidende Ereignis in der deutschen Frauenbewegung des Jahrhundertendes ist die 1894 erfolgte Gründung des Bundes Deutscher Frauenvereine geworden. Der Bund wurde Rahmen und Sammelbecken der mannigfaltigen geistigen und organisatorischen Anfänge der Bewegung.

Bis zu seiner Begründung hatten sich im wesentlichen drei Zentren der Frauenbewegung gebildet: der Allgemeine Deutsche Frauenverein, an Zahl der Mitglieder und Einfluß die wichtigste Organisation, die Frauenbildungs- und Erwerbsvereine mit dem Letteverein an der Spitze, mehr den rein praktischen Fragen zugewandt, und »radikalere« Gruppen, von denen besonders der Verein Frauenbildungsreform und der Verein Frauenwohl in Berlin Bedeutung gewannen.

In diesen letzten Gruppen bildete sich das heraus, was man als »Frauenrechtlerin« im eigentlichen Sinne empfand – der Typus, der vor allem im Zeichen des Gleichheitsgedankens stand und kämpfte und das auch äußerlich verschiedentlich zum Ausdruck brachte (wenn auch die Frauenrechtlerin der Witzblätter mit kurzem Haar, Zigarette und männlichen Jacken- und Westenkleidern es in Deutschland überhaupt nur zu höchstens einem Dutzend von Exemplaren gebracht hat).

Der Gedanke, eine diese verschiedenen Gruppen und Vereine überwölbende Organisation zu schaffen, kam vom Ausland. Von der Weltausstellung in Chikago brachten deutsche Frauen den Eindruck eines in den Vereinigten Staaten entstandenen umfassenden Frauenverbandes mit, der mit dem Gedanken begründet war, seine »Filialen« in anderen Ländern zu haben und diese alle in einen Frauenweltbund zu vereinigen. Es war dabei nicht nur an Frauenbewegung im engeren Sinne gedacht, sondern an alles, was in dem unbestimmten umfassenden englischen Ausdruck » work« enthalten ist – jede Art organisierter Frauenbestrebungen überhaupt. Ein richtiger amerikanischer »Gründer«-Gedanke – diese haben ja die Eigenschaft, daß meist nicht das daraus wird, was man sich darunter gedacht hat, aber zuweilen etwas anderes Nützliches.

So ging es mit diesem Gedanken in Deutschland. Ich persönlich hatte von vornherein nicht sehr warme Gefühle dafür. Mir ist ein »Verein« immer als ein mehr oder weniger notwendiges Übel erschienen, wenn er nicht ganz von innen heraus, als Ausdruck einer starken Gemeinschaft von selbst wuchs. So war es mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein und mit dem Allgemeinem Deutschen Lehrerinnenverein gewesen. Die vielen, vielen bloßen Zweckverbände, in deren Erschaffung und Erhaltung sich eine seit den neunziger Jahren immer weiter fressende Betriebsamkeit auslebte, waren mir von Herzen zuwider und erinnerten mich immer an diese chinesischen Schachtelserien, bei denen in der größeren immer wieder eine Kleinere steckt, und in der letzten, kleinsten, ist auch noch nichts drin. Das Mittel, die Frauenbewegung durch Vereine zu verbreiten, hat mir als notwendig eingeleuchtet, aber ich habe die Gefahr der Veräußerlichung und Spießbürgerei, die darin liegt, immer sehr lebhaft gefühlt. Diese Vereine sind eben doch nur so viel wert, als von ihrer Aufgabe ergriffene Menschen darin sind. Sie entstanden aber und fristeten sich oft genug aus der bloßen Freude am Apparat, an der Versammlung, an den »parlamentarischen« Formen, an der gemachten Wichtigkeit der ganzen Maschinerie. Sie waren manchmal fürchterlich leer und geistlos.

Bei der Gründung des Bundes Deutscher Frauenvereine waren solche Bedenken, daß nur wieder ein neuer großer Apparat aufgebaut werden sollte, nicht unangebracht. Ich habe auch nie viel Sinn darin gesehen, immer unbedingt alle und alles unter einen Hut bringen zu müssen. Kleinere Gemeinschaften, die dafür eines Geistes sind, die keine Zeit mit innerer Polemik zu verlieren brauchen, deren Arbeitsgebiet nicht unabsehbar und uneinheitlich ist, sind mir immer wertvoller und zweckmäßiger erschienen. So konnte ich mir von einer Organisation, die von dem straffsten Berufsverein bis zu jeder Art weiblichen Wohltätigkeitsdilettantismus alles umfangen wollte, nicht viel Aktionsfähigkeit versprechen, und die darin auszudrückende »Einheit« aller Frauenbestrebungen schien mir eine nicht einmal unbedingt schöne Illusion. Warum sollten die Frauen als solche untereinander einiger sein als die Männer, nur weil sie Frauen waren? Doch höchstens aus Unentwickeltheit der Anschauungen und Verschwommenheit der Begriffe. Darauf aber eine Organisation zu gründen, schien mir wenig heilsam.

Etwas anderes war es, wenn diese Organisation alles in sich zusammenfaßte, was im engeren Sinne Frauenbewegung war, oder wenn es ihr gelang, in einem zunächst weiteren Kreis von Frauenbestrebungen den einheitlichen Kulturwillen der Frauen bewußt zu machen und herauszuarbeiten – anders ausgedrückt, die charitativen oder rein praktischen Frauenbestrebungen zur »Frauenbewegung« zu entwickeln. Dazu bot in der Tat der Bund Deutscher Frauenvereine eine Möglichkeit, und darum habe ich mich entschlossen, dabei mitzuarbeiten, den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein anzuschließen und im Allgemeinen Deutschen Frauenverein für den Anschluß einzutreten. Das war um so leichter, als man den Geist des Bundes sofort in unserem Sinne prägte, indem man Auguste Schmidt bat, den Vorsitz zu übernehmen. Sie tat es aus denselben Erwägungen heraus wie ich: in dem Gedanken, daß hier eine Pflicht vorlag, den eigenen Überzeugungen in einem weiteren Kreise Nachdruck zu geben.

Es kann nicht meine Absicht sein, die Geschichte des Bundes hier aufzuzeichnen. Aber die erste Zeit seiner Wirksamkeit berichtet das Handbuch der Frauenbewegung; außerdem erscheint im Jahrbuch des Bundes Deutscher Frauenvereine auf das Jahr 1921 eine ausführliche Geschichte des Bundes von Gertrud Bäumer. Ich will nur davon reden, wie mir Aufgaben und Entwicklung des Bundes erschienen sind und in welchem Sinne ich an ihnen mitgearbeitet habe.

Die Frage, die bei der Gründung des Bundes im Frühjahr 1894 zu den lebhaftesten Auseinandersetzungen führte, war die Stellung zu den der Sozialdemokratie angeschlossenen Frauen. Man hat von manchen Seiten (so Lily Braun in ihren Memoiren einer Sozialistin) es so hinzustellen versucht, als hätte eine bürgerlich-engherzige Anschauung der bei der Gründung maßgebenden Kreise die sozialistisch denkenden Frauen ausschließen wollen. Das war nicht der Fall. Es handelte sich vielmehr um ein rein formales Problem, das durch das damals geltende Vereinsrecht aufgeworfen wurde. In den meisten deutschen Bundesstaaten durften Frauen nicht Mitglieder politischer Vereine sein; politische Vereine, die Frauen aufnahmen oder aus Frauen bestanden, wurden aufgelöst. So gab es im Grunde keine sozialdemokratischen Frauenvereine – es durfte sie gesetzlich nicht geben, wenn auch die damals übliche Handhabung des Vereinsgesetzes es fertig brachte, manche Arbeiterinnenvereine dazu zu stempeln. Solche Vereine durfte der Bund nicht aufnehmen, ohne sich selbst sofort der Gefahr der Auflösung auszusetzen, zumal seine Begründung in Berlin stattfand. Es gab aber gewissermaßen kryptosozialistische Arbeiterinnenvereine. Sie aufzunehmen, war der Bund selbstverständlich durchaus bereit, nur mußten sie, wie sie gesetzlich nur als Arbeiterinnenvereine bestanden, auch nur als solche zum Beitritt aufgefordert werden. Das erklärte auf eine etwas provokatorisch gestellte Anfrage Auguste Schmidt in der Gründungsversammlung: der Bund werde Arbeiterinnenvereine gern aufnehmen, sozialdemokratische Frauenvereine könne er nicht aufnehmen, da sie gesetzlich nicht zulässig seien. Aus dieser, möglicherweise formal nicht ganz scharf gegebenen Erklärung entstand dann die Legende, die ein sehr langes Leben fristete, der Bund habe bei seiner Gründung die Arbeiterinnenvereine ausgeschlossen. Ich persönlich habe bei den Vorbesprechungen der Frage diesen formal ganz unvermeidlichen Standpunkt zur Aufnahme von Arbeiterinnenvereinen geteilt, bin aber bei der Gründung infolge einer Erkrankung nicht dabei gewesen – so ist die von Lily Braun in den Memoiren einer Sozialistin, in denen sie mich unter einer sehr durchsichtigen Maske einführt, gegebene Darstellung, soweit sie mich betrifft, glatt erfunden.

Aber diese Legende wollte leben, trotzdem es schließlich noch dazu ein Streit um des Kaisers Bart war, denn die sozialistischen Frauen dachten gar nicht daran, sich dem Bund anzuschließen. Die hundertmal auseinandergesetzte Auffassung der sozialdemokratischen Frauen war, daß es neben der Klassenbewegung des Proletariats, in der die Frau Schulter an Schulter mit dem Mann kämpfte, eine besondere Frauenbewegung nicht zu geben brauche. Die Befreiung des vierten Standes schließe die Befreiung der Frauen in sich ein. Die Frauenbewegung sei daher der Natur der Sache nach auf das Bürgertum beschränkt, weil sie nur da notwendig sei. Aus diesem Grunde lehnten die sozialdemokratischen Frauen jetzt und später ein Zusammengehen mit der neutralen Frauenbewegung, die eben dadurch zur »bürgerlichen« gestempelt wurde, konsequent ab. Ich fand, man sollte diesen Standpunkt in seiner starken inneren Begründung respektieren und nicht immer neue Versuche machen, die stets nur eine höhnische Abfuhr zur Folge hatten.

Aber es gab Kreise im Bunde Deutscher Frauenvereine, die diese Frage immer wieder zur Demonstration ihrer eigenen Anschauungen brauchten. Damit komme ich zu unserer »Linken« – zu den »Radikalen«.

Es hat sich so gefügt, daß ich ihnen in besonderem Maße zum Stein des Anstoßes wurde – trotzdem ich eigentlich mindestens so »radikal« war wie sie –, und daß ich den Kampf mit ihnen in der vordersten Linie zu führen hatte. Es war erst ein Verteidigungskrieg, den ich mit für die zu solchem Kampf wenig geeignete Auguste Schmidt führte – und dann allerdings auch ein Angriffskrieg, den mir mein Verantwortungsgefühl für die Bewegung gebot.

Radikalismus in der Frauenbewegung – was hieß das? Es hieß einerseits das Bakkalaureusgebaren einer Gruppe von Frauen, die zwar nicht durchaus an Jahren, aber an geschichtlicher Reife jünger waren. Es hieß aber auch eine andere Färbung der Anschauungen.

Die Führer dieser Gruppe waren Minna Cauer und Anita Augspurg. Sie konsolidierte sich in dem Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der, 1899 gegründet, bis 1913 ein ziemlich geräuschvolles, aber nicht sehr schöpferisches Leben führte.

Diese Frauen fühlten sich uns überlegen, insofern sie »realpolitischer« waren. Der älteren Generation hatte sich Notwendigkeit, Ziel und Weg der Frauenbewegung aus inneren Erlebnissen heraus ergeben. Von ihnen aus suchte sie die neuen Formen. Ihr konnte kaum etwas daran gelegen sein, äußere Erfolge ohne diese inneren Vorbedingungen zu erreichen. Sie wollte nur organisches Wachstum von innen heraus. Die anderen aber waren Propagandisten der Frauenbewegung, sie wollten »politische« Erfolge mit politischen Mitteln, sie wollten mit Demonstrationen in die Breite wirken, maßen den Wert ihrer Kundgebungen (buchstäblich!) nach dem Gewicht der Zeitungsausschnitte, die sich mit ihnen beschäftigten, und legten es darauf an, im politischen Sinne Eindruck zu machen. Es vollzog sich die Umwandlung einer erziehlichen in eine politische Bewegung.

Rückblickend bin ich mir über das Stück Berechtigung in solchem Methodenwechsel klar. Nach wie vor aber steht meine Überzeugung fest, daß niemals diese nach außen gewandte Agitation den Charakter der Frauenbewegung prägen dürfe, daß immer ihr Wesentlichstes die innere Entwicklung bleibt.

Mit solcher Wendung nach außen hing der »Radikalismus« der »Fortschrittlichen« zusammen. Die ältere Generation wollte das, wozu ihr die inneren Vorbedingungen gegeben schienen. Die »Fortschrittlichen« wollten alles zugleich. Sie trugen keine Bedenken, die Unreifen um letzte Ziele zu sammeln – im Gegenteil, sie wollten sie aufregen und verblüffen. In den Zielen selbst hat im großen und ganzen nie ein Unterschied bestanden. Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt waren wahrhaftig Stimmrechtlerinnen. Aber sie sahen den Weg dahin in einem Prozeß des Reifens, und ihren verantwortungsvollen, ernsten Erziehernaturen widerstrebten die Überrumpelungen sowohl der Frauen selbst wie der Öffentlichkeit.

So war hier ein tiefer Gegensatz der Temperamente, der sich um so weniger überbrücken ließ, je rücksichtsloser sich die Kritik der Radikalen gegen die älteren Führerinnen richtete und je mehr späterhin auch sachliche Gegensätze sich auftaten.

Diese lagen, wie gesagt, nicht in den Zielen, die im Publikum als die »radikalsten« angesehen wurden: Stimmrecht, Gleichberechtigung der Frau in der Ehe und ähnlichem. Sie lagen in der Begründung dieser äußeren Forderungen. Bei den Radikalen stand der abstrakte Rechtsgedanke viel stärker und zugleich in individualistischer Form im Vordergrunde. Die Abteilung der neu zu schaffenden Lebensformen aus der Tatsache der seelischen Verschiedenheit der Geschlechter – aus dem eigenartigen Wesen der Frau – wurde hier durch eine stärkere Betonung der Gleichheit übertrumpft. Gleichzeitig wurde die Bindung an Geschichte und Entwicklung weniger lebhaft empfunden – diesen Frauen galt es nur etwas zu erkämpfen, nicht für etwas zu wachsen. Sie operierten viel stärker mit Anklage und Entrüstung, mit starken Worten und Posen. Ihnen stand die politische Seite der Bewegung mit ihren politischen Zielen im Vordergrund. Und die stillere und feinere – vielleicht rein äußerlich betrachtet weniger effektvolle Methode der ersten Zeit wurde von ihnen mit höchster Geringschätzung als überholt, zaghaft und zaudernd verurteilt.

Es wäre übrigens, wie schon gesagt, falsch, in irgendwelchem Sinne die Bezeichnung »jüngere Richtung«, die sie sich beilegten, auf die Jahre ihrer Trägerinnen zu beziehen. Die Radikalen verfügten keineswegs in Führung und Gefolgschaft über mehr Jugend.

Ich kann persönlich nur sagen, daß ich gegen diese Veräußerlichung der Frauenbewegung eine starke innere Abneigung fühlte, daß ich die Gefahren der neuen Methoden für viel schwerwiegender hielt als den allenfalls möglichen äußeren Erfolg, daß mir der unbedenkliche Dilettantismus, mit dem die schwierigsten Dinge in ein paar Formeln gepreßt wurden, in tiefster Seele widerstand. So bin ich, seit diese Gruppe in der Frauenbewegung sich zur Geltung brachte, sehr gegen meinen Willen in den Kampf mit ihr verstrickt gewesen und meine Mitarbeit am Bund Deutscher Frauenvereine hat zum Teil unter dem Zwang dieser mir aufgedrungenen Frontstellung gestanden.

Denn der Bund war von Anfang an Forum dieser Kämpfe. Zeitweise schien es, als sei das seine eigentliche Bestimmung. Auf alle Fälle stand dieser Kampf der Richtungen immer im Mittelpunkt der Interessen. Ich habe diese Kämpfe nie so pathetisch nehmen können wie die unmittelbar Beteiligten und habe wohl bei meinen Gegnerinnen durch nichts so sehr Ärgernis erregt, wie dadurch, daß ich sie nicht immer ganz ernst zu nehmen vermochte. Jedenfalls hat man einmal bei der Bundesleitung einen feierlichen Sammelprotest eingereicht gegen meinen »ironischen Ton«. Es war aber tatsächlich viel hohle Aufregung und Wichtigtuerei in diesen leidenschaftlichen Kämpfen. Auch dem Parlamentspielen vermochte ich keinen Geschmack abzugewinnen. Wir hatten bis dahin im Sitzungssaal unsere Plätze eingenommen, wie freie Wahl und Zufall es ergab. Die Beflissenheit, mit der die Radikalen vor Tau und Tage jetzt in den Saal eilten, um die Plätze auf der linken Seite zu besetzen, berührte mich als kindlich.

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