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Lebenserinnerungen

Helene Lange: Lebenserinnerungen - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/langeh/lebenser/lebenser.xml
typebiography
authorHelene Lange
titleLebenserinnerungen
publisherF. A. Herbig G. m. b. H.
printrun8. und 9. Tausend
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130319
projectid1f64b690
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Zum Geleit

Wenn ein langes Leben erlischt, geht mit ihm auch eine Fülle von Tatsachen, Eindrücken, eine an versunkene Voraussetzungen geknüpfte Art, die Dinge zu sehen, zu Grabe; ein Stück Menschentum, dem der eine nur historischen, der andere Pietätswert beimißt. Aus beidem erklärt sich der Wunsch des jüngeren Geschlechts, noch im letzten Augenblick festgehalten zu sehen, was auf immer zu versinken droht. Wenn ich mich diesem auch an mich oft herangetretenen Wunsch nicht verschlossen habe, so ist das aus dem Bewußtsein heraus geschehen, daß mein ganzes Leben im Dienst eines Gedankens, einer Erkenntnis gestanden hat und verflossen ist in dem heißen Ringen, sie in Wirklichkeit umzusetzen. Nur Anfänge dazu konnte ich schaffen helfen. Aber eben diese Anfänge und ihre Entstehung sind wegweisend für das Ziel. Und so werden sie bedeutungsvoll für die, die den Gedanken der besonderen Kulturaufgabe der Frau – er wird noch Generationen zu seiner vollen Verwirklichung brauchen – den folgenden Geschlechtern weitergeben sollen. Ihnen, den Fortbauenden, den Zukunftsgläubigen, lege ich dieses Buch in die Hand.

Nur bis an die Schwelle des Krieges habe ich meine Erinnerungen geführt. Es erschien mir unmöglich, die übermächtigen süßeren und inneren Eindrücke, die seelischen Erschütterungen, die Intensität eines ganz anders gerichteten Erlebens an den Schluß auf historischer Ebene verlaufender Entwicklungsgänge zu fügen. Ist doch für uns die Wertung einer so überwältigenden Zeit, zu der uns noch jede Distanz fehlt, eine Unmöglichkeit, ganz abgesehen davon, daß man über noch aus dem Tiefsten blutende Wunden nicht Betrachtungen anstellen mag. So ist es auch eine Unmöglichkeit, die Einflüsse der letzten Umwälzungen auf die Frauenbewegung richtig abzuschätzen; die Kindlichkeit, die jetzt schon etwa über die Bedeutung des Eintritts der Frauen in die Politik Urteile fällen will, wird noch häufig Korrektur erfahren. Und so habe ich nicht die Empfindung, als ob meinen Erinnerungen der Abschluß fehlt. Ich habe ihnen nur den neuen Anfang nicht mehr angegliedert.

So mag das Buch hinausgehen und wirken, was ein Stück wahrhaftiges Menschentum wirken kann.

Berlin, im Oktober 1920.
Helene Lange.

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