Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Lebensbilder - Band 2

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 2 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 2
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume2
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
Schließen

Navigation:

Zweites Bild

Der Diamantring

Die Glanzepoche des bald entschwundenen französischen Kaisertums begann ungefähr in dem Jahre 1809. Der Kanonendonner und die Siegesmärsche der Schlacht bei Wagram widerhallten noch in dem Herzen der Monarchie; der Friede zwischen Frankreich und dem Kontinente war geschlossen. Fürsten und Könige erwiesen dem Kaiser ihre Huldigungen, der mit Stolz von einem solchen Gefolge sich umgeben sah. Feste folgten auf Feste; noch nie hatte man so viel gesalbte Häupter am Ufer der Seine zusammengefunden, noch nie hatte sich der französische Adel in solchem Glanze gezeigt. Überall sah man Uniformen, die von Gold und Silber strotzten. Die Frauen verschwendeten Perlen und Diamanten zu ihrem Putze, aber auch nach Murats Beispiel trugen alle Offiziere auf Halstuch, Hemde und Fingern kostbare Kleinode. Die Diamanten hatten niemals höheren Wert als um diese Zeit; und nicht nur alle Schätze der Welt fand man in Paris vereint, auch die mächtigsten, größten nnd berühmtesten Männer fanden sich in den kaiserlichen Salons beieinander. Eine allgemeine Trunkenheit erfüllte damals das Reich, vom Kaiser bis zum geringsten Soldaten hielt jeder die leicht erbeuteten Schätze für nichts Besseres wert als des Verschwendens. Die Frauen der höchsten wie der niederen Stände gefielen sich darin, die lockeren Sitten der Zeiten Ludwigs XV. nachzuahmen. Vielleicht hielt man es für notwendig, den Ton der alten Monarchie wieder einzuführen; vielleicht hatten einige Mitglieder der kaiserlichen Familie das Beispiel gegeben. Vor allem aber ward die Frauengunst den Söhnen des Mars erwiesen. Die Damen erklärten den militärischen Stand, so gut wie der Kaiser, für den ersten, und weil es einmal Mode war, Offiziere zu Anbetern zu haben und ihnen das Herz zu schenken, machte man nirgends ein Hehl daraus.

Um diese Zeit gab der Graf Gondreville, ein Mitglied des senat conservateur, Bonaparte zu Ehren einen Ball. Die Gesandten aller mit Frankreich befreundeten Mächte, die ersten Staatsmänner und mehrere anwesende Fürsten hatten sich dazu eingefunden. Die schönsten Frauen wetteiferten miteinander, ihre Schönheit, ihren Putz, ihren Luxus und Geschmack zu offenbaren. Andere wiederum, auf ihre Schönheit allein vertrauend, hatten der fremden Hilfe absichtlich entsagt, um sich durch bescheidene Einfachheit unter der ringsherrschenden Überladung nur noch mehr auszuzeichnen. Die Generale und Offiziere mit Sternen, Ordensbändern und Kreuzen neuerdings geschmückt, drängten sich um die aufgehäuften Schätze der Bank, welche die reichen Familien gelegt hatten, um bei einer solchen Gelegenheit ihre Erbtümer den Prätorianern Napoleons zu zeigen; und wenn das glänzende festliche Leben und Treiben noch nicht seinen Gipfel erreicht hatte, so war es, weil man noch Bonaparte selbst erwartete, der seine Gegenwart dem Wirte hatte hoffen lassen. Er hätte auch Wort gehalten, allein am selben Abend ereignete sich ein Auftritt zwischen ihm und Josephine, der an der baldigen Scheidung nicht länger zweifeln ließ. Diese Neuigkeit indessen blieb vorderhand geheim und hatte nicht den mindesten Einfluß auf die Freude am Feste.

Die Freude indes ward nicht so glänzend empfunden, als sie erschien. Die heiteren, lächelnden Gesichter offenbarten gewisse Züge von Neid, Mißgunst, Kälte und Unzufriedenheit; die Freundschaftsbezeigungen waren minder herzlich als berechnet, und man hatte mehr Ursache, vor seinen Freunden als vor seinen Feinden auf der Hut zu sein.


»Blicken Sie gefälligst einmal nach jener durchbrochenen Säule, die den Kandelaber stützt, dort, im Winkel links, – wer ist die junge Dame, frisiert à la chinoise, mit blauen Glockenblumen in dem kastanienbraunen Haar? Sehen Sie nicht? Sie ist bleich, unglücklich, wie es scheint, – jetzt wendet sie uns ganz ihr Antlitz zu, die schönen Augen scheinen nur zum Weinen geschaffen.«

»Sie ist mir auch schon aufgefallen. Sie hätten nur nach der weißesten aller Damen mich fragen sollen, niemals habe ich einen herrlicheren Teint gesehen. Können Sie die Perlen zwischen den Saphieren auf ihrem Halse erkennen? Von hier erscheint der Schmuck wie Türkise auf Schnee.«

»Wer mag sie sein?« fragte der erste wieder.

»Ich weiß es nicht! und wenn ich's wüßte, was geht es Sie an, Sie glücklicher Nebenbuhler des unglücklichen Soulanges? Jeder Pas, den Sie machen, kostet der Veaudremont einen Seufzer. – Ich bitte Sie, lieber Staatssekretär, gönnen Sie andern auch etwas, leben und leben lassen!«

»Weil Sie der reizenden Unbekannten so ganz Ihre Aufmerksamkeit weihen, lieber Obrist, so sagen Sie mir wenigstens, ob Sie sie tanzen gesehen haben.«

»Mein lieber Martial! Was fällt Ihnen ein? Sehen Sie nicht drei Reihen der allerunternehmendsten Pariserinnen zwischen meiner Schönen und den eleganten Tänzern? Bedurfte es nicht der ganzen Macht Ihrer Lorgnette, um die Schöne in ihrem Winkel auszuspüren, wo sie gleichsam, trotz der tausend Kerzen über ihrem reizenden Haupte, in der Dunkelheit begraben ist? Wie viele funkelnde Diamanten und strahlende Blicke sind zwischen ihr und uns! Wie viele wallende Federn, wie viele Spitzen, Blumen und duftende Besätze! Ein wahres Wunder wäre es, wenn ein Tänzer sie mitten unter diesen Sternbildern erobern könnte. – Wie, Martial, wäre es etwa die Frau eines Unterpräfekten, die ihren Mann gern befördert haben möchte?«

»Kann sein!« versetzte der Staatssekretär in der Hoffnung, daß er ihr beim Einreichen der Bittschrift würde nützlich sein können.

»Ich zweifle,« lächelte der Obrist, »sie weiß so wenig von der Intrige wie Sie von der Diplomacia. Ich wette! Sie sagen mir nicht, wie sie hierher kommt.«

Der Staatssekretär sah den Krieger halb verächtlich, halb neugierig an; dieser fuhr fort:

»Sicher kam sie punkt neun Uhr hierher, war also die erste, – die Gräfin Gondreville war natürlich sehr verlegen mit ihr, denn das Unterhalten ist ihre Sache nicht, und ließ sie sitzen. – So von der Hausfrau zurückgesetzt und von Stuhl zu Stuhl zurückgedrängt, wie irgendeine neue Dame ankam, gelangte sie zuletzt in diesen Winkel. Ein Opfer ihrer Bescheidenheit und der Eifersucht jener Tänzerinnen, die nichts lieber wünschen, als eine reizende, gefährliche Nebenbuhlerin auf solche Weise unschädlich zu machen. – Ja, ja! lieber Staatssekretär, diese zarten, zierlichen Geschöpfe, alle sind wider unsere schöne Unbekannte verschworen, wie wäre es, wenn wir diesen dreifachen Wall durchbrächen und die arme Andromeda befreiten?«

»Ob sie wohl verheiratet ist?«

»Oder Witwe?«

»Sie ist vielleicht die Tochter irgendeines kleinen deutschen Fürsten.«

»Vielleicht auch nur die Gesellschafterin irgendeiner Anwesenden.«

»Eine Gesellschafterin mit einem Halsschmuck, den eine Königin tragen kann? Nein, es ist eine deutsche Prinzessin, und weil sie nicht französisch kann, unterhält sich niemand mit ihr.«

Der Obrist hielt jetzt einen kleinen, dicken Mann mit geistvollen Augen und grauem Haare auf, um Nachrichten über die Unbekannte einzuziehen. Es war der Graf Gondreville, der den geschäftigen Wirt spielte und von einer Gruppe zur anderen eilte, um sie wieder, nachdem er wenige Worte gewechselt, zu verlassen.

»Ich kenne sie nicht!« war die Antwort.

»Es ist deine Geliebte, du alter Epikureer!« lachte der Obrist.

»Wahrhaftig nicht! Meine Frau ladet lauter Leute ein, die kein Mensch kennt.« Nach diesen Worten entfernte er sich wieder, mit dem Argwohn des Obristen sehr zufrieden.

Auch der Staatssekretär Martial mischte sich unter die Gäste, um Erkundigungen einzuziehen, da trat der Obrist wieder zu ihm und flüsterte ihm zu: »Martial! die Veaudremont ist aufmerksam auf Sie geworden und verfolgt Sie mit Blicken einer stummen Verzweiflung.«

»Eine alte Kriegslist! Ich bin wie der Kaiser, was ich erobert habe, weiß ich zu behalten!«

»Wie, Ungeheuer? Sie, der erklärte Liebling der Veaudremont, den sie sogar heiraten will!«

»Eine schöne, zweiundzwanzigjährige Witwe mit 80 000 Franken Revenuen, die Ihre Gunstbezeigungen mit solchen Diamanten bezahlt (er deutete bei diesen Worten auf Martials linke Hand, an welcher ein kostbarer Diamant blitzte), und Sie wollen sich Dinge erlauben wie unsereiner, der stets Gefahr läuft, mit der Garnison die Geliebte zu verlassen – oh, schämen Sie sich!«

»Ich weiß meine Freiheit zu schätzen.«

»Hören Sie, Martial, wenn Sie meine schöne Unbekannte umschwärmen, so erobere ich mir die Veaudremont.«

»Das steht Ihnen frei, Sie schmucker Kürassierobrist, allein, ich zweifle an dem Erfolg.«

»Mit eben dem Rechte darf ich an dem Erfolg zweifeln, den Sie bei der schönen Unbekannten erringen werden.«

»Wetten wir, daß sie eher mit mir als mit Ihnen tanzt?«

»Hundert Napoleon?«

»Ich setze meinen Schweißfuchs dagegen.«

»Topp!«

Der Kürassierobrist war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, von hohem Wuchse, wie die Kürassiere der kaiserlichen Garde fast sämtlich. Er trug, nach der damaligen Mode, Beinkleider von weißem Kaschmir und konnte in seiner Uniform, bei seinem militärischen Anstande allerdings einer Dame gefallen, die nicht eben den demütigen Sklaven in ihrem Anbeter sehen wollte.

Der Baron Martial de la Roche-Hugon war dagegen viel jünger. Napoleon überhäufte ihn mit besonderen Zeichen seiner Gnade. Er besaß in einem hohen Grade alle Talente eines Höflings; seine dichten, dunklen Locken beschatteten ein zartes Gesicht voll Anmut und Geist.

In diesem Augenblick erneute sich die Tanzmusik, und die beiden Freunde schieden mit einem Händedruck voneinander, der ihre Wette bestätigte.

Bevor indessen der Tanz begann, nahm eine andere Erscheinung die Aufmerksamkeit aller Anwesenden in Anspruch. Herr von Soulanges und die Komtesse von Veaudremont wurden angemeldet, und die Damen erhoben sich zum Teil ein wenig von ihren Sitzen, die Herren eilten aus den Nebenzimmern herbei und drängten sich nach dem Eingang des Hauptsaales.

Die Gräfin Veaudremont hieß die schönste Frau in Paris. Sie gab der Modewelt Gesetze und empfing als Königin eines jeden Festes die Huldigungen aller Anwesenden. Aber es war auch eine der wenigen Schönen, die alles, was ihre äußere Gestalt verspricht, durch innere Eigenschaften rechtfertigte; der einzige Vorwurf, den man ihr machen konnte, war der, daß sie ihre Gaben alle ins höchste Licht zu stellen liebte. Sie pflegte nie eher zu erscheinen, als bis das Fest im vollen Gange war und der reizende Strudel, der die schöne Welt mit sich fortriß, bereits auf die Zierlichkeit der Toiletten und die Frische der Gestalten einigen Einfluß geäußert. Sie verschwand auch, ehe noch eine Blume ihres Putzes welk die Blätter neigte, oder eine Locke aus dem künstlichen Bau ihres Haares sich gelöst hatte. Flüchtig wie ein glänzender Traum, begnügte sie sich damit zu erscheinen, und verschwand, nachdem sie gesehen worden war. Ihr zur Seite ging der Graf Soulanges, einer der ausgezeichnetsten Offiziere bei der Armee, ein Dreißiger, bleich und schlank, aber kräftig. Still und bescheiden im Äußeren, flößte er, wie es schien, ebensoviel Teilnahme ein wie die Dame, die er führte; vielleicht (wie in diesem Augenblick ein witziger Kopf bemerkte) weil Damen ebensogern einen getreuen und beständigen Anbeter sehen wie Männer eine schöne und liebenswerte Frau.

Dies merkwürdige Paar schien indessen mit dem allgemeinen Aufsehen, welches es erregte, unzufrieden und beschloß, nicht länger vereint zum Gegenstand der Neugier zu dienen.

Als der Sekretär Martini die Gräfin eintreten sah, mischte er sich unter die Herren, welche am Kamin standen, und beobachtete die Veaudremont aus dem Hintergrunde mit Blicken der glühendsten Eifersucht. Sein Nebenbuhler schien ihm gefährlich, und er glaubte demnach, nicht mit Sicherheit auf die Beständigkeit seiner Angebeteten rechnen zu dürfen, als die Gräfin mit kalter Höflichkeit sich zu ihrem Begleiter dankend wandte, mit einer reizenden Bewegung der Hand ihn verabschiedete und sich auf einem Sofa zu der Gräfin Gondreville niederließ.

Aber der Graf von Soulanges tat, als ob er nichts hörte noch sehe, blieb unbeweglich vor ihr stehen und betrachtete aufmerksam die glänzende vierfache Reihe der Damen. Martial war noch von keinem Blicke der schönen Gräfin begünstigt, die sich um keinen einzigen ihrer Anbeter zu kümmern schien. Die Ruhe seines Gegners brachte ihn völlig außer sich; ungeduldig trat er aus seinem Hintergrunde hervor, um seine Dame zu begrüßen. Der Graf sah ihn mit einem spöttischen Blicke an und wandte verächtlich das Haupt, daß jener wie versteinert stehen blieb.

Die Neugier der Anwesenden war auf den höchsten Gipfel gestiegen. Jedermann erwartete oder fürchtete einen Auftritt, der dem Feste keineswegs geziemte.

Plötzlich aber schrak der Graf sichtlich zusammen, errötete, senkte die Augen, um seine Bewegung zu verbergen, sodann entzog er sich den Blicken und eilte in eines der nahen Spielzimmer. Niemand erriet den Grund seiner Erschütterung; zufällig aber hatte er die schöne Unbekannte bei dem Kandelaber sitzen sehen, und dieser Anblick übte den beschriebenen Einfluß auf ihn aus.

Martial dachte nicht anders, als der Graf habe ihm gutwillig den Platz eingeräumt, der ihm, als dem begünstigteren Nebenbuhler, zukam, und nahm stolz den Sitz zur anderen Seite der Gräfin ein. Diese flüsterte ihm unter ihrem Fächer zu: »Martial! Tragen Sie mir zu Gefallen heut den Diamantring nicht, den Sie von mir haben; Sie sollen wissen, weshalb, wenn Sie mich nachdem zur Prinzessin von Wagram begleiten.«

Er hörte kaum, was sie ihm sagte, denn sein Auge ruhte ebenfalls auf der schönen Unbekannten. –

»Warum haben Sie auch die Hand des verhaßten Grafen angenommen?« fragte er.

»Ich traf ihn auf der Treppe,« antwortete sie – »aber gehen Sie, denn man ist aufmerksam auf uns.«

»Ich bin stolz darauf!« versetzte Martial, dennoch erhob er sich und ging.

Was Martial beim Anblick der Unbekannten beunruhigt hatte, daß er die Worte seiner Geliebten überhört, war folgendes:

Der verwegene Kürassier-Obrist war bereits der dritte, den die Gegenwart dieser Schönen zu ungewöhnlichen Unternehmungen aufforderte, und schien jetzt einen glücklichen Angriff auf sie ausführen zu wollen. Des Tanzes halber standen eine Menge Stühle ledig, und mit vieler Geschicklichkeit wandte sich der kühne Krieger durch die Pallisadenreihe, mit bunten Schals, gestickten Tüchern usw. bedeckt, eine Verschanzung, welche nur sehr schwach von einigen Müttern und ältlichen Damen, welche dem Tanze schon lange entsagt hatten, verteidigt wurde.

Er begrüßte bald diese, bald jene Gräfin-Mutter, und von Komplimenten zu Komplimenten und Grüßen zu Grüßen gelangte er endlich in die Nähe der Unbekannten, und nachdem er herzhaft dem Feuer widerstanden, welches der Kandelaber mit geschmolzenem Wachse auf ihn niederspie, gelang es ihm, zu Martials größtem Mißvergnügen, den leeren Sitz bei der Schönen einzunehmen.

Er war viel zu gewandt, um sie ohne weiteres anzureden, sondern wandte sich zu der Nachbarin rechts, welche übrigens häßlich genug war, mit den Worten:

»Ein schöner Ball! welche Eleganz! welche Heiterkeit überall, und wahrlich, lauter schöne Damen. – Sie allein tanzen nicht! – Ist das böser Wille?« – Vergebens wandte der Offizier seinen Reichtum von Phrasen auf, welche alle auf den Übergang: »Aber Sie, Madame,« zielten, um die schöne Unbekannte so anzureden; diese widmete dem Obristen nicht das leiseste Zeichen der Aufmerksamkeit. Die häßliche Nachbarin zur Linken nahm das Gespräch auf und erklärte mit vieler Weitläufigkeit, daß man in ihrem Alter die häuslichen Freuden den rauschenden Gesellschaften vorzöge. Der Obrist bestritt es und behauptete, daß nur ein höheres Alter diesen Grundsatz rechtfertige; die Nachbarin zur Linken erwiderte, diese Grundsätze wären zu einer glücklichen Ehe erforderlich, worauf die Unbekannte mit Teilnahme zu hören schien.

Da wagte der Obrist endlich die Frage: »Madame sind wohl verheiratet?«

»Ja, mein Herr!«

»Ist es aus diesem Grunde, daß Sie eigensinnig diesen Winkel behaupten, oder verbergen Sie sich deshalb, weil Sie wissen, daß man Sie suchen wird?«

»Gewiß nicht!« sprach die Unbekannte, schwermütig lächelnd.

»So gönnen Sie mir die Ehre, für den folgenden Kontertanz Ihr Tänzer zu sein; dicht bei dem Kamin steht ein leerer Sessel, darf ich Sie dahin führen? Alles bemüht sich, hier zu herrschen, die Schönheit ist die Göttin des Abends, zögern Sie nicht länger, den Titel der Königin des Festes anzunehmen, den Sie verdienen.«

»Ich werde nicht tanzen, mein Herr,« versetzte die Schöne kurz, aber mit einem so sanften Ton der Stimme, daß der Obrist nicht zürnen konnte, obgleich ihm alle Hoffnung geradezu geraubt war; er wollte sich entfernen.

Martial, mit der Gräfin tanzend, sah aus der Bewegung des Obristen, daß sein Anschlag verunglückt, und lachte selbstgefällig.

»Warum lachen Sie?« fragte seine Tänzerin.

»Der Obrist hat soeben einen Korb bekommen.«

»Habe ich Sie nicht gebeten, den Diamantring zu verbergen?«

»Ich habe nichts gehört!«

»Sie hören überhaupt nichts heute abends,« versetzte die Gräfin unmutig.

»Wer ist der junge Mann mit dem herrlichen Brillantring?« fragte die Unbekannte den Obrist, der im Begriff war, sie zu verlassen.

»Der Baron Martial de la Roche-Hugon, einer meiner nächsten Freunde.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, mir den Namen genannt zu haben – es ist ein recht angenehmer Mann!«

»Freilich! nur ein wenig leichtsinnig.«

»Man sollte glauben, die Gräfin Veaudremont sehe ihn gern.«

»Seit kurzem!« antwortete der Obrist: die Unbekannte erschrak.

»Aha!« dachte der junge Krieger, »sie liebt den Teufel von Martial!«

»Ich dachte, die Gräfin Veaudremont habe seit lange den Herrn von Soulanges zum Anbeter.«

»Seit acht Tagen hintergeht sie ihn, haben Sie wohl bemerkt, als er kam, der arme Soulanges? – Es scheint, als wolle er an sein Unglück immer noch nicht glauben.«

»Jawohl! jawohl!« seufzte jene schmerzlich und fügte hinzu, »mein Herr, ich bin Ihnen sehr verbunden,« mit einem Tone, der nach einer Entlassung klang.

In diesem Augenblick war der Kontertanz zu Ende, der Obrist verließ sie.

»Nun, mein wackerer Kürassier!« rief der Baron triumphierend, »du bist aus dem Felde geschlagen!«

»Nicht doch, mein Freund, sie ist verheiratet.«

»Verheiratet! Nun, was tut das?«

»Ei! mein Freund, ich habe Grundsätze, übrigens hat sie mir erklärt, daß sie gar nicht tanzen würde.«

»Sie tanzt mit mir!«

»Meinst du?«

»Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Sie läßt mich nicht aus den Augen. Sie ist verliebt in mich – oder ich verstehe mich nicht auf Weiber.«

»Aufrichtig,« sprach der Obrist, »ich glaube es selbst, denn sogar den Diamant hat sie gelobt, den du am Finger trägst – meine Wette fängt an, mich zu gereuen.«

»Ist's möglich?« rief jener. – »Nun, so lasse ich sie noch eine Weile schmachten, dann fordere ich sie zum Tanze auf.«

Der Obrist ging in ein Spielzimmer, dort fand er seinen Kameraden Soulanges bleich und mit irren Augen; er wagte so große Summen am Roulette, als sei er willens, sich zugrunde zu richten. Aber nach dem Sprichwort, wer Unglück in der Liebe hat, hat Glück im Spiel, gewann er zu seinem eigenen Verdrusse. Es schien, als ob er sich Glück und Leben verwünsche.

Der Obrist hielt für geraten, Soulanges vom Spieltische zu entfernen. »Mein Freund,« sprach er zu ihm tretend, »ich habe dir eine frohe Nachricht mitzuteilen.« Soulanges wickelte den Haufen von Gold und Papier, der vor ihm lag, in ein Schnupftuch und eilte seinem Freunde nach.

»Was willst du?« fragte er mit wirren Blicken.

»Der Kaiser hat diesen Morgen gnädig sich deiner erinnert: deine Beförderung unter der Garde ist außer Zweifel.«

»Das ist mir heut einerlei.«

»Demungeachtet verpflichte ich dich zu einem Gegendienst. Kennst du die schöne Dame, die im Tanzsaal bei dem Kandelaber sitzt?« –

Er hatte noch nicht vollendet, als der Graf mit blitzenden Augen sprach: »Wärst du es nicht, – fragte mich das ein anderer, mit dieser Masse Gold würde ich ihm das Hirn einschlagen.« Drohend schwang er sein Schnupftuch.

»Lieber Freund, beruhige dich nur! Ich rede ja nicht von der Gräfin Veaudremont, sondern von einer schönen, trauernden Dame, welche dich kennt, auch Martial überläßt dir deine Gräfin, um mit der Unbekannten sich einzulassen.«

»Er unterstehe sich's! – Ich schlage ihn so platt, daß man ihn in die Tasche stecken soll,« rief jener außer sich und sank verzweiflungsvoll in ein Sofa. »Hölle und Teufel! Ich bin entehrt, betrogen, verspottet, gedemütigt und kann mich nicht rächen noch retten.«

»Ich begreife dich heute nicht,« sprach der Kürassier und ging in den Tanzsaal zurück.

Ein Sitz neben der Gräfin Veaudremont war leer; der Obrist nahm ihn ein und fragte:

»Sie sind nicht heiter, schöne Gräfin?«

»Ich wollte nur, ich wäre fort von hier. Ich habe versprochen, auf den Ball der Großherzogin von Berg zu kommen, und muß zuvor noch bei der Prinzessin von Wagram erscheinen.«

»Was wetten wir, daß Sie heut die ganze Nacht uns mit Ihrer Gegenwart beglücken?«

»Wieso?«

»Darf ich die Wahrheit sagen?«

»Bösewicht,« sprach die schöne Gräfin und gab dem Obrist einen leisen Schlag mit dem Fächer. »Nun! Sagen Sie es. Ich kann Sie vielleicht dafür belohnen, wenn Sie es raten.«

»Nun. Sie fürchten, daß Martial plötzlich zu Füßen sinkt.« –

»Wem?«

»Jener Säule dort!«

»Das ist nun schon die zweite Warnung; die alte Frau von Marigny – wie kommt sie hierher, da sie doch sonst niemals Bälle besucht? – hat mir bereits auch schon gesagt, daß der Baron de la Roche-Hugon Gefahr laufe, sich in eine hier anwesende Dame zu verlieben. Wer ist sie denn, die bleich und stumm wie ein Gespenst dasitzt und dennoch so unverschämt reizend ist? – Was will sie, wenn sie nicht tanzt? – Nun, Martial soll's mir büßen. Sie sind sein Freund – sagen Sie ihm, er möge mich nicht erzürnen. – Ich ertrage keine Zurücksetzung, am wenigsten vor aller Welt Augen.«

»Ich weiß jemand, der ihm eine Kugel durch den Kopf jagt, wenn er Ernst machen sollte. Es ist der Graf von Soulanges, mit dem sich nicht spaßen läßt, und der hat es geschworen. – Übrigens, schöne Frau, um Ihrer Ruhe willen sei es gesagt, er muß mit ihr tanzen, wir haben um 100 Napoleons gewettet.«

»Wirklich!«

»Mein Ehrenwort!«

»Ich danke Ihnen, Herr Obrist.«

»Danken Sie mir durch die Tat und reichen Sie mir Ihre Hand zu diesem Tanze.«

»Zum nächsten, denn ich bin begierig, wie diese Intrige sich fortsetzt, und muß zu erforschen suchen, wer jene unbekannte Dame ist.«

Der Obrist merkte, daß Madame Veaudremont allein zu sein wünschte, und entfernte sich, zufrieden mit seinem ersten Erfolg. »Mag Martial,« sprach er bei sich, »die zweite Wette gewinnen, die erste dünkt mich gewinnenswerter.«

Frau von Marigny, die allein die schöne Unbekannte zu kennen schien, war eine der verschlagensten alten Damen, eine ehemalige Herzogin am Hofe Ludwigs XVI. Wie sich also von selbst versteht, in allen Gattungen der Intrige wohl unterrichtet und erfahren. Sie wußte eine jede Bewegung der Augenlider, den erhöhten Glanz der Iris, die leiseste Stirnrunzel, die leiseste Regung des Busens zu deuten, und keine Neigung konnte ihr so leicht verborgen bleiben. Tief in einem Gespräche mit einem Diplomaten begriffen, entging ihr keine Bewegung der Veaudremont, und weil diese so geschickt und mit so großer Leichtigkeit den Liebesharm zu verbergen wußte, gewann sie ihre volle Gunst.

Martial hatte sich indessen vergeblich nach dem Namen der schönen Unbekannten erkundigt. Niemand kannte sie, selbst die Gräfin Gondreville wußte nichts weiter als: die alte Herzogin von Marigny habe sie ihr vorgestellt; ihm blieb also nichts übrig, als sich an diese zu wenden, obgleich er sich nicht zum besten mit ihr stand.

»Gnädige Frau!« wandte er sich zu dieser, da sie gerade freundliche Blicke mit der Unbekannten wechselte, welche auf ein genaues Einverständnis zielten, »Sie bewachen einen kostbaren Schatz.«

»Bin ich etwa ein Drache?« fragte sie – »Was meinen Sie damit?«

»Ich meine diese herrliche, reizende Unbekannte in jener Ecke dort, wohin die Eifersucht aller hiesigen Schönen sie bannte, und der alle Triumphe in den Winkel nachfolgen – Sie kennen sie.«

»Allerdings!«

»Warum tanzt sie nicht – die Schöne? – Hören Sie ein Wort. Ich setze hier meine Ehre zum Pfande, daß Ihr Gesuch um die Wiedervereinigung der Wälder von Marigny mit der Domäne beim Kaiser eifrig unterstützt werden soll, wenn Sie mich jetzt von allem benachrichtigen, was ich zu wissen wünsche.«

»Mein Herr Baron!« sprach die Alte mit seltsamer Wichtigkeit, »führen Sie die Veaudremont her, ihr will ich das Geheimnis, das jene Schöne so anziehend für alle Welt macht, enthüllen. – Nicht wahr, alle Herren interessieren sich in gleichem Grade dafür wie Sie? – Aller Augen wenden sich unwillkürlich nach jenem Wandleuchter, wo die Holde Platz gefunden. Glücklich, wer mit ihr tanzen kann. – Ich denke mir, daß es Ihnen lieber sein wird, ihren Namen von den schönen Lippen der Veaudremont zu vernehmen als von den meinigen.«

Die Gräfin Veaudremont erhob sich jetzt von ihrem Sitze, ging auf die Marigny zu und sprach mit seinem Lächeln, indem sie sich auf den Stuhl niederließ, den Martial ihr einräumte:

»Ich errate, Madame, daß hier die Rede von mir ist; aber ich fühle meinen Unwert und kann nicht wissen, ob in gutem oder bösem Sinne.«

Die Marigny drückte ihre Hand und sprach mit einem Tone des Wohlwollens und der Rührung: »Arme Kleine!«

Die Gräfin wandte sich zu Martial und sprach gebieterisch: »Lassen Sie uns allein!«

Er aber blieb und wandte einen seiner vielsagendsten Liebesblicke auf die Gräfin, welche ihren Befehl wiederholte.

Martial ging und tröstete sich, seine Geliebte eifersüchtig gemacht zu haben.

»Mein Engel!« begann Frau von Marigny zur Gräfin, »ich bin viel älter als ich scheine, denn wenn ich fünfundsechzig Jahre alt bin, habe ich wenigstens ein Jahrhundert erlebt. Sie, meine Liebe, sind in dem Alter, in welchem ich große Fehler beging. – Ich sehe Sie in diesem Augenblick leidend und glaube, manche nützliche Dinge Ihnen mitteilen zu können. Mit zweiundzwanzig Jahren Fehler begehen, heißt, seine Zukunft verderben, das Kleid vernichten, welches man zeitlebens tragen will. Fahren Sie fort, meine Liebe, edle Männer wider sich aufzubringen und Gecken und Taugenichtse sich zu Freunden zu machen, und sehen Sie, wohin Sie dies reizende Leben führt.«

»Ach! Madame, es ist schwer, glücklich zu sein.«

»Mein Kind! Glück und Vergnügen muß man in Ihrem Alter zu unterscheiden wissen. Hören Sie: Sie wollen Martial Ihre Hand reichen, er ist weder einfach genug, um ein Gatte zu sein, noch gutmütig genug, um Sie glücklich zu machen. Er hat Schulden! – Er kann Ihr Vermögen brauchen; er ist ein trefflicher Geschäftsmann, schwatzt allerliebst, aber ist zu sehr Egoist, um wahres Verdienst zu haben. Ist es so schwer einzusehen, daß es ihm mehr um die 200 000 Franken als um die liebenswerte Person zu tun ist? – Wollen Sie sich aber verkaufen, wollen Sie ohne Liebe, aus Konvenienz heiraten? Ei, mein Kind, da findet sich wohl ein Marschall, ein Herzog für Sie. – Was also ist Ihr Entschluß? – Wollen Sie etwa die gefährliche Rolle einer Kokette spielen? – Dies Spiel erfordert ebenfalls Überlegung. Verschenken Sie Ihr Herz nicht leichtsinnig! Sind Sie indessen genial genug, alles für Ihre augenblickliche Neigung zu wagen, wohlan, prüfen Sie sich, ob Sie Mut haben. Sie haben Gewalt genug, manchen häuslichen Frieden, manches Eheglück zu stören, manche liebende Gattin unglücklich zu machen! – Auch ich, meine Gute, habe ein so gefährliches Spiel gewagt. – Für einen Triumph meiner Eitelkeit opferte ich so manches sanfte Geschöpf, so manche treue, zärtliche Gattin. Ach, Liebe! hätte ich's doch nicht getan. – Gutes Kind, meinen Sie es gut mit sich, wollen Sie ein hohes Alter friedlich erreichen, tun Sie es nicht! – Soulanges betete Sie an! Sie haben ihn einem andern geopfert. – Wissen Sie, was Sie alles verschuldet? – Er ist verheiratet, ein sanftes, gutes Geschöpf liebt ihn. Seit er an Ihrem Triumphwagen zog, lebte sie in Trauer und Tränen. Hier,« fuhr die Marigny fort, indem sie auf die zitternde und bleiche Unbekannte blickte, »hier ist meine Nichte, die Komtesse von Soulanges. – Sie gab heute meinen Bitten nach und verließ ihre Marterkammer, wo der Anblick ihres Kindes ihr nur schwachen Trost gewährt. – Sehen Sie sie? Sie ist allerliebst! Nicht wahr, meine kleine Charmante? – Stellen Sie sich vor, was sie damals war, wo Glück und Liebe ihren Glanz noch über die jetzt welke Gestalt ausgossen.«

Schweigend wandte sich die Gräfin und schien sich sehr ernsthaften Betrachtungen hinzugeben; die Herzogin führte sie aber nach dem Spielzimmer, steckte den Kopf hinein, als ob sie jemand darin suchte, dann sagte sie mit tiefer Stimme: »Hier sehen Sie Soulanges.«

Die junge, herrliche Frau erstarrte fast, als sie im finstersten Winkel des Spielzimmers die bleiche, gebeugte Gestalt wahrnahm. Herr von Soulanges hatte der Türe fast den Rücken zugewendet; die Schlaffheit seiner Glieder, die Starrheit seiner Züge verkündeten den höchsten Schmerz, den er in der Seele trug. Er saß einsam, verlassen, die Spielenden gingen und kamen an ihm vorüber, ohne seiner zu achten, gleich als wäre es ein Toter.

Dieses Schauspiel, die Gattin in Tränen, der finstere und schweigsame Gatte, welche mitten auf einem glänzenden Feste getrennt voneinander saßen, wie zwei Hälften eines vom Blitz getroffenen Baumes – dieses Schauspiel war der jungen Gräfin nicht nur entsetzlich, sondern es lag auch eine Warnung vor ihrer eigenen Zukunft darin. Sie fürchtete die Strafe des Himmels für das Unheil, das sie anstiftete; noch war ihr Herz nicht so verdorben, um dem Mitleid und der Reue allen Zugang zu versagen. Sie drückte der Gräfin die Hand, ihre Züge, ihre nassen Augen verkündeten mehr als Worte ihre Dankbarkeit für diese zur rechten Zelt gegebene Warnung.

»Meine Kleine!« flüsterte die Alte ihr ins Ohr, »bedenken Sie, daß es ebensogut in unserer Macht steht, die Huldigungen der Männer zurückzuweisen, als sie an uns zu ziehen.«

»Sie ist die Ihrige, wenn Sie kein Kind sind!« flüsterte Madame Marigny fast im selben Augenblick dem Obrist ins Ohr, und die schöne Gräfin stand da und überließ sich noch einmal ganz der Reue, die Soulanges' schmerzlicher Zustand in ihr erweckte. Sie liebte ihn noch aufrichtig genug, um ihn dem Glücke wiedergeben zu wollen, und nahm sich innerlich fest vor, ihre ganze verführerische Gewalt, die sie dennoch über ihn ausübte, anzuwenden, um ihn in die Arme seiner Gattin zurückzuführen.

»Je nun! ich will mit ihm reden« – sagte sie der Marigny.

»Damit werden Sie nichts erreichen, Schönste!« entgegnete diese und führte die Gräfin zu den früheren Sitzen zurück. »Suchen Sie sich seinet- wie Ihretwegen einen braven Ehegemahl; das heißt, meinem Neffen Tür und Tor versperren; vermeiden Sie ihn in allen Gesellschaften, und wenn er von seiner unglücklichen Leidenschaft geheilt sein wird, bieten Sie ihm Ihre Freundschaft.

Glauben Sie nur, ein Weib empfängt durch ein Weib niemals das Herz eines Mannes zurück; wenigstens ist sie tausendmal glücklicher in der Einbildung, es sich selbst wiedererobert zu haben. Ich glaube, meiner Nichte ein treffliches Mittel an die Hand gegeben zu haben, sich die Liebe ihres Gatten wiederzugewinnen, und sie ist deshalb hier. – Ich ersuche Sie, statt aller Verhandlungen mit Soulanges unseren schönen Kürassier-Obrist anzuhören.«

Die Gräfin lächelte, da die Marigny ihr den Freund des Staatssekretärs zeigte.

»Nun, schöne Gräfin!« fragte der Baron Martial mit etwas verdrießlichen Mienen die Komtesse, »wissen Sie endlich den Namen der schönen Unbekannten?«

»Ja!« erwiderte die Veaudremont und sah ihm scharf ins Auge, ihr Gesicht verriet dabei ebensoviel Schlauheit als Freude; das Lächeln ihrer Lippen, die erhöhte Röte ihrer Wangen, das schimmernde Licht ihrer schönen Augen, alles das hatte Ähnlichkeit mit Irrlichtern, die einen armen Wanderer auf Abwege führen sollten.

Martial glaubte sich noch immer geliebt, nahm eine Stutzermiene an wie jemand, der leichtsinnig seinen sicheren Siegen traut, und sprach mit selbstgefälligem Lächeln:

»Und werden Sie mir zuliebe den Namen nennen, auf den ich so großen Wert lege, wie Sie sehen?«

»Und werden Sie mir zuliebe,« spottete die Veaudremont ihm nach, »mir vergeben, daß ich Ihnen den Namen verschweige und Ihnen zuliebe verbiete, sich auf irgendeine Weise der jungen Dame zu nahen? – Wissen Sie, daß es Ihnen das Leben kosten kann!«

»Madame, Ihren Unwillen zu erregen, ist gefährlicher, als das Leben zu verlieren.«

»Martial!« sprach die Veaudremont ernsthaft, »es ist Madame Soulanges. – Ihr Gatte jagt Ihnen die Kugel durch den Kopf, wenn Sie anders einen haben.«

»Hahaha,« lachte der Baron, »wenn der Obrist den leben läßt, der ihm Ihr Herz geraubt hat, so wird er sich auch schon seiner Frau halber schießen! – Ich bitte, erlauben Sie mir nur einmal, mit der Kleinen zu tanzen. Überzeugen Sie sich, daß die Liebe des Grafen, die Sie zurückgewiesen, nur sehr gering war, denn wenn der Graf übelnimmt, daß ich mit seiner Frau tanze –«

»Aber sie liebt ihren Gatten,« unterbrach ihn jene.

»Also ein Hindernis mehr, um –«

»Aber sie ist verheiratet.«

»Ein Einwand, der in Ihrem Munde seltsam klingt.«

»Oh,« rief die Gräfin mit bitterem Lächeln. »Ihr Männer straft uns für unsere Fehler und Reue auf gleiche Weise, – und obendrein beklagt Ihr Euch über unsern Leichtsinn. – Der Herr wirft seinen Sklaven seine Sklaverei vor; wie ungerecht!«

»Nun seien Sie nicht böse!« rief Martial, »vergeben Sie mir! Ich bitte Sie darum. Sehen Sie nur, ich denke nicht mehr an die Soulanges.«

»Sie sind wert, daß ich Sie zu ihr sende.«

»Ich gehorche,« sprach lächelnd der Baron, »aber ich kehre zurück, mehr als je von Ihren Reizen eingenommen, und Sie sollen einen Beweis haben, daß es der schönsten Frau auf Erden nicht gelingt, ein Herz zu erobern, welches Ihnen gehört.«

»Warum sagen Sie nicht, daß Sie das Pferd des Obrist zu gewinnen Lust haben?«

»Der Verräter!« rief Martial, und drohte lächelnd dem Obrist, der eben hersah, mit dem Finger.

Der Obrist nahte sich. Martial räumte ihm seinen Sitz bei der Gräfin ein, der er mit sarkastischen Mienen sagte:

»Hier, Madame, steht ein Krieger, welcher sich rühmt, in einem einzigen Abend Ihr Herz zu erobern.«

Er entfernte sich sehr vergnügt, die Eigenliebe der Komtesse aufgeregt und die Angriffe des Obrist unschädlich gemacht zu haben. Aber trotz seines Scharfsinns, der ihn nie verließ, hatte er nicht erraten, woher alles das entsprungen war, was die Veaudremont ihm sagte, und noch viel weniger bemerkt, daß seine Geliebte seinem Freunde ebensoviel Schritte entgegen tat wie er ihr: freilich, ohne daß einer von beiden es wußte oder wollte.

Während sich der Staatssekretär in allerlei Wendungen dem blitzenden Kandelaber nahte, wo die Gräfin von Soulanges bleich und zitternd saß, daß nur ihre Blicke noch Leben verrieten, stürzte ihr Gatte in den Saal, mit wilden Mienen und Augen, die von Leidenschaft funkelten. Die alte Herzogin, deren Aufmerksamkeit nichts entging, eilte mit jugendlicher Schnelligkeit auf ihn zu, bat sich seinen Arm und seinen Wagen aus, unter dem Vorwande, daß sie tödliche Langeweile empfinde, in der geheimen Absicht aber, einem verdrießlichen Auftritte vorzubeugen. – Bevor sie ging, warf sie ihrer Nichte einen bedeutenden Blick zu, der zugleich auch dem kühnen Ritter galt, der sich allmählich ihr nahte. Wer sich auf die Sprache der Augen verstand, konnte in diesem Blicke lesen: da ist er, räche dich!

Die Veaudremont gewahrte diese Zeichen des geheimen Verständnisses zwischen Tante und Nichte. Ein plötzliches Licht ging in ihrer Seele auf; sie sah sich als Spielwerk einer intriganten, verschmitzten Dame und beschloß, auf ihrer Hut zu sein.

Sollte die Falsche wirklich, während sie mir soviel Moral predigte, nur im Sinne gehabt haben, mir einen Possen zu spielen? dachte sie.

Ihre Eigenliebe ward bei diesen Gedanken mehr noch als ihre Neugierde angeregt, den Faden dieser Intrige wollte sie auffinden, es koste, was es wolle. Ihre innere Unruhe raubte ihr nur allzuleicht die Herrschaft über sich selbst, und der Obrist, welcher die Befangenheit ihrer Bewegungen und Antworten zu seinem Vorteil auslegte, ward um so eifriger und dringender.

Auf solche Weise gewann der Abend mit jedem Augenblicke an interessanten und geheimnisvollen Auftritten. Die Gefühle des doppelten Liebespaares fingen an, jedem der Anwesenden merklich zu werden, und die Neugier malte sich in gar verschiedener Art auf allen Gesichtszügen.

Die alten Diplomaten, denen solche Szenen höchst willkommen waren, erinnerten sich keines Festes, das sie auf anziehendere Weise beschäftigt.

Endlich konnte sich der Baron Martial neben der Gräfin Soulanges niederlassen. Seine Augen ruhten entzückensvoll auf dem Schwanenhals, frisch wie der Morgentau und duftend wie liebliche Blumen. Die Schönheiten, die in der Ferne seine Verwunderung erregt, bewogen ihn in der Nähe zum Erstaunen. Er sah einen kleinen Fuß in dem allerzierlichsten Schuh, eine Taille, zart und anmutig. Damals trugen die Damen ihren Gürtel dicht unter der Brust, wie man es auf griechischen Statuen findet, eine freilich unvorteilhafte Tracht für manche, deren Wuchs hier mit dem ganzen übrigen Körper nicht harmonierte. Martial ließ seine verstohlenen Blicke auf ihren Busen schweifen, und die herrlichen Formen entzückten ihn, er war trunken von Hoffnungen und Freuden.

»Sie haben diesen Abend auch nicht ein einziges Mal getanzt,« hob er mit sanfter, schmeichlerischer Stimme an, »wahrlich, an einem Tänzer kann es Ihnen nicht fehlen.«

»Seit zwei Jahren besuche ich keine Gesellschaften mehr, ich bin hier unbekannt,« erwiderte die Gräfin kalt, denn sie hatte den Blick ihrer Tante wohl bemerkt, aber nicht verstanden, welcher sie aufforderte, diesen Baron in ihr Netz zu ziehen.

Dieser spielte inzwischen mit dem herrlichen Diamant, der den Ringfinger seiner linken Hand schmückte. Die Strahlen des funkelnden Edelsteins schienen tief in die Brust der jungen Gräfin zu dringen. Sie stieß einen Laut der Verwunderung aus, errötete und sah den Baron mit einem unbeschreiblichen Erstaunen an.

Dieser teilte die Verwunderung, doch wagte er noch nicht, nach der Ursache zu fragen.

»Tanzen Sie gern?« begann er.

»O sehr, sehr gern!« erwiderte die schöne Gräfin mit so inniger, sanfter Stimme, daß Martial nicht länger an seinem Glück zweifeln zu können glaubte, er sah lhr ins Auge, der Blick der Gräfin begegnete ihm.

»Wäre es nicht zu verwegen, wenn ich Sie um Ihre Hand zum nächsten Kontertanz bitte?«

Eine reizende Verwirrung malte sich auf den bleichen Wangen der Gräfin.

»Ach, – mein Herr! – ich habe bereits einem Tänzer dies verweigert.«

»Wäre es vielleicht der große Kavallerie-Obrist?«

»Ja, mein Herr, eben der.«

»Das ist ein genauer Freund von mir. Sie haben nichts zu besorgen, im Falle ich so glücklich sein soll.«

»In diesem Falle, mein Herr, von Herzen gern!«

Die schüchterne, klangreiche Stimme der Gräfin erregte ein so neues und tiefes Gefühl im Herzen des Staatssekretärs, daß er sich bis im Innersten erschüttert fühlte. Wie ein Schulknabe kam er sich in diesem Augenblicke vor, der nicht den Mut hat zu reden, er hatte seine gewöhnliche Geistesgegenwart zum ersten Male in Leidenschaft verloren, wollte reden, doch alles, was ihm einfiel, dünkte ihm fade, flach und abgeschmackt, dagegen voller Geist und Empfindung alles, was die reizende Gräfin ihm antwortete.

Glücklicherweise für ihn begann der Tanz wieder. Für manche Männer hat der Tanz einen eigenen Wert, sie glauben, wenn sie in demselben alle ihre körperliche und geistige Anmut entfalten, dadurch zwar minder auf den Geist, mehr aber auf das Herz einer Dame zu wirken. Der Baron wollte in diesem Augenblicke seine ganze Verführungskunst aufbieten, solch eine Zuversichtlichkeit sprach aus seiner Stellung wie aus seinen Mienen. Aus Eitelkeit führte er seine Tänzerin zur brillantesten Quadrille, die ersten Damen der Gesellschaft legten einen übergroßen Wert auf dieselben.

Das Orchester begann das Vorspiel. Der Baron empfand keinen geringen Stolz, indem er die Tänzerinnen in den Reihen des glänzenden Vierecks musterte und wahrnahm, wie der seinigen unbedingt der Preis der Schönheit gebühre. Ihr Anzug und Putz übertraf sogar den der Veaudremont, welche, durch einen vielleicht absichtlich herbeigeführten Zufall, dem Baron und der schönen Gräfin gegenüberstand. Alle Männer wandten ihre Augen auf Madame Soulanges, und ein schmeichlerisches Geflüster verriet, wie sie der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit war.

Sie aber, als schämte sie sich eines so ausgezeichneten Triumphes, errötete, schlug die Augen nieder und erschien nur um so reizender; wenn sie sie indessen erhob, so war es, um ihren Tänzer zu betrachten, als wolle sie ihm den Ruhm aller Huldigungen übertragen, als ob sein Beifall dem, den alle übrigen ihr im vollen Maße spendeten, vorzuziehen sei. Sie wußte ihre Schönheit, mit einem Worte, auf so unschuldige Art geltend zu machen, als ob alle diese Empfindungen ihr neu wären, als ob sie selbst die Bewunderung, die sie einflößte, bewunderte, und erschien so treuherzig, wie nur ein unerfahrenes und jugendliches Gemüt es sein kann.

Als sie tanzte, mochten die Zuschauer wohl glauben, daß alle Schlingen der schwierigen Pas, die sie mit entzückender Leichtigkeit ausführte, nur Martini gelten konnten. Diese ätherische Gestalt wußte so gut wie jede andere Dame, wann es geraten ist, das Auge emporzuheben oder es niederzuschlagen.

Als die Touren des Tanzes Martial und den Obrist zueinander führten, sprach jener leise und lächelnd:

»Ich habe dein Pferd gewonnen.«

»Freilich! aber du hast 80 000 Franken jährlicher Einkünfte verloren,« antwortete der Obrist, auf das ernste Antlitz der Veaudremont deutend.

»Kleinigkeit!« versetzte der Staatssekretär, »die Soulanges ist eine Million wert.«

Der Kontertanz war zu Ende, und mehr als eine flüsternde Stimme erhob sich. – Die am wenigsten Schönen erschöpften sich gegen ihre Tänzer in moralischen Betrachtungen über die nahe Verbindung des Barons mit der Veaudremont; die Schönsten erstaunten über einen solchen Leichtsinn. Die Männer konnten sich nicht genug über das Glück des Staatssekretärs verwundern, an dem sie nichts Verführerisches finden wollten. Nachsichtige und verheiratete Frauen sagten, man dürfe so streng nicht urteilen, es wäre ein Unglück für junge Leute, wenn ein ausdrucksvoller Blick, ein anmutiger Tanz dergleichen Argwohn verdiene.

Nur Martini begriff die ganze Größe seines Glückes. Bei der letzten Figur des Kontertanzes hatten alle Damen eine Mühle gebildet: seine Hand drückte die Hand der Gräfin, welche in der seinigen ruhte, und er glaubte, durch den feinen, wohlriechenden Handschuh einen zarten Gegendruck zu empfinden.

»Madame!« begann er hierauf, »ich beschwöre Sie, verfügen Sie sich nicht wieder in jenen verhaßten Winkel zurück, wo Sie bisher Ihre Schönheit und Anmut verborgen hielten: die Bewunderung ist das einzige Einkommen, das Sie von den Diamanten ziehen, welche Ihren zarten Hals und Ihre so reizend geordneten Flechten schmücken: – machen wir einen kleinen Gang durch den Saal, genießen Sie den Anblick des ganzen Festes und der Bewunderung, die man Ihnen zollt.«

Die Soulanges folgte dem geschickten Verführer, welcher sich einbildete, daß die Schöne um so eher sein wäre, wenn er sie auf diese Weise zeigen und ins Gerede bringen könnte. Sie machten einen Gang durch alle Säle und betrachteten die verschiedenen Gruppen der Gäste.

Ehe die Gräfin ein Gemach betrat, blieb sie jedesmal unruhig vor der Schwelle stehen, blickte hinein und prüfte die anwesenden Herren. Diese Schüchternheit entzückte den Baron, und er wagte es, seiner ängstlichen Dame zuzuflüstern:

»Beruhigen Sie sich, er ist nicht mehr hier.«

Sie gelangten endlich zu einer langen Bildergalerie, in einem Flügel des Hotels, wo eine Tafel für 300 Personen aufs kostbarste gedeckt war. Der Baron sah wohl, daß man bald zu Tische gehen würde, und führte, um keine Zeit zu verlieren, die Gräfin nach einem Boudoir, welches er in der Ferne bemerkt hatte.

Es war ein länglich-rundes Zimmer, welches auf einen Garten hinausging. Seltene Blumen und Gesträuche bildeten eine künstliche Laube, und hinter dem Laubwerk gewahrte man herrliche Draperien, der Lärm des Festes hallte nur fern und dumpf zu dieser heimlichen Stätte, und anfangs wollte die Gräfin durchaus ihrem Führer nicht folgen, da zeigte sich wieder die linke Hand mit dem Diamantring; dieser Talisman schien eine solche Gewalt auf die Schöne auszuüben, daß sie unbedingt gehorchen mußte, eintrat und sich auf einer Ottomane niederließ.

»Welch ein herrliches Gemach!« sprach sie, ein himmelblaues Zelt bewundernd, welches mit Perlenschnüren aufgebunden war.

»Alles atmet Liebe und Wollust,« entgegnete ihr Führer bewegt.

Beim geheimnisvollen Zwielicht, welches im Gemache herrschte, blickte er die Schöne an: ihre Augen begegneten den seinen, und ein Ausdruck der Unschuld, Schüchternheit, der Liebe und Scham verschönten ihr Antlitz. Dann lächelte sie wieder, und jener Kampf war ausgekämpft. Der Baron war außer sich vor Freuden.

Lächelnd faßte die Gräfin seine linke Hand, zog den Ring von seinem Finger und betrachtete ihn mit schalkhaften Blicken.

»Ein schöner Diamant!« sprach sie mit der Unschuld eines blutjungen Kindes, das über dergleichen Gegenstände erstaunt.

Martini schwamm in Wonne, die Gräfin hatte seine Hand berührt, sprach zu ihm mit liebevollem Vertrauen und betrachtete seinen Ring mit funkelnden Blicken.

»Tragen Sie den Ring«, sprach er, »zum Andenken dieser Stunde, der Liebe –.« Er vermochte nicht weiter zu reden und küßte ihre Hand.

»Wie?« rief sie verwundert, »Sie schenken mir solch einen Ring?«

»Die ganze Welt möchte ich Ihnen zu Füßen legen!«

»Ist es aber auch Ihr Ernst?«

»Werden Sie nicht mehr als diesen Ring von mir annehmen wollen?«

»Aber nehmen Sie ihn mir auch nicht wieder?«

»Niemals.«

Sie steckte den Ring an.

Martini, sein nahes Glück vor Augen sehend, machte eine Bewegung, um die Gräfin zu umfassen. Plötzlich aber erhob sich diese und sprach mit fester Stimme:

»Mein Herr! ich nehme diesen Ring um so eher, weil er mir gehört!«

Der Baron blieb sprachlos stehen.

»Soulanges nahm ihn vor einem halben Jahre etwa von meiner Toilette und sagte darauf, er habe ihn verloren.«

»Sie irren, Madame, diesen Ring gab mir die Veaudremont.«

»Ganz richtig! Mein Gemahl hat von mir den Ring geliehen, ihn ihr gegeben, und sie hat ihn Ihnen geschenkt. Wäre der Ring nicht mein, o, mein Herr! für den Preis, den die Veaudremont dafür bietet, kaufe ich keinen Ring, allein sehen Sie.«

Sie drückte an eine verborgene Feder, der Stein ging auf und zeigte eine Haargarbe.

»Hier«, fügte sie hinzu, »sind Soulanges Haare noch.«

Hastig eilte sie nach diesen Worten in den Garten, und Martial hatte keine Lust mehr, sein Glück ferner zu versuchen.

»Nun trau einer den Weibern!« rief er, da er sich allein glaubte.

Aber er war nicht allein, denn der Obrist und die Veaudremont waren in der Nähe Zeugen des ganzen Auftrittes gewesen.

»Willst du mein Pferd, um dieser unschuldvollen Spitzbübin nachzusetzen?« fragte der Obrist.

Der Baron fing an zu lachen (es war das Beste, was er tun konnte), um das Ganze in einen Scherz zu verkehren. Geduldig ertrug er die Neckereien des Obrist und seiner Braut, um so die Verschwiegenheit beider Augenzeugen zu erkaufen. So hatte denn der Obrist an diesem Abend sein Pferd vertauscht gegen eine junge, reiche und schöne Frau.


Nicht ohne Mühe hatte die Gräfin Soulanges endlich ihren Wagen erreicht und stieg ein, es war zwei Uhr morgens. Während sie den Heimweg zurücklegte, von der Chaussée d'Antin bis zum Faubourg St. Germain, wo sie wohnte, erduldete sie nicht geringe Gemütsbewegungen.

Ehe sie das Hotel Gondrevilles verließ, hatte sie in allen Sälen gesucht, ob sie nicht ihre Tante oder ihren Gemahl treffen würde; sie wußte nicht, daß beide schon heimgefahren. Ihr kleines Herz begann schwere Besorgnisse zu hegen. Sie hatte stille ihren Gemahl beobachtet, wie er litt, seit die Veaudremont ihn an ihren Triumphwagen gekettet. Voll Vertrauen hoffte sie, den Geliebten nächstens reuig in ihre Arme zurückkehren zu sehen: mit unglaublichem Widerwillen hatte sie endlich den Plänen ihrer Tante Marigny sich gefügt und fürchtete noch immer, etwas begangen zu haben, was nicht zu rechtfertigen sei.

Nur allzusehr war an diesem Abende ihre reine Seele gekränkt worden. Anfänglich erschreckte sie Soulanges wildes, leidendes Ansehen, sodann die Schönheit ihrer Nebenbuhlerin: endlich die Lockerheit der Sitten, wovon sie mehr als einmal im Laufe dieses Abends Proben gehabt. Als sie über den Pont Royal fuhr, warf sie die entweihten Haare des Ringes in die Seine. Sie waren ihr einst als Unterpfand einer reinen, unverbrüchlichen Liebe geboten.

Sie weinte, weil sie ihrer lang erduldeten Verschmutzung dachte, und seufzte mehr als einmal bei dem Gedanken, daß bei der Pflicht der Weiber, den Hausfrieden ungetrübt zu erhalten, sie dergleichen Ärgernisse in der Stille und ohne Murren ertragen müßten.

»Ach!« rief sie aus, »was sollen gar Frauen beginnen, die ihre Männer nicht lieben? – Wo ist die Quelle ihrer Nachsicht? – Ich glaube nicht, was meine Tante sagt, daß Vernunft hinreicht, sich in solchen Kämpfen aufrecht zu erhalten.«

Noch seufzte sie, als schon der Jäger den eleganten Kutschenschlag öffnete, über den sie niederschwebte zu dem Flur ihres Hotels. Hastig eilte sie die Treppe hinan, und als sie ihr Zimmer betrat, erstarrte sie fast vor Schrecken, weil ihr Gemahl sich darin befand, am Kamin sitzend.

»Seit wann, mein Liebe,« begann er mit zornigen Mienen, »besuchst du Bälle ohne mich? – ohne mich davon zu unterrichten? – Wisse: eine Frau ist da nur an ihrem Platze, wohin ihr Gemahl sie führt. – du hast dich schlecht genug in jenem Winkel ausgenommen, wo du verborgen warst.«

»Bester Leon,« hub sie zärtlich an, »ich konnte unmöglich die Freude mir versagen, dich ungesehen auf einem Feste zu beobachten: meine Tante hat mich auf den Ball geführt, und ich war so glücklich –«

Sie stockte, die wenigen Worte aber hatten den Zorn ihres Gemahls schon entwaffnet. Man konnte leicht erraten, welche bitteren Vorwürfe er sich selbst bereits gemacht, und wie er die Heimkehr seiner Gattin vom Balle, wo sie Zeugin seiner Untreue war, gefürchtet hatte. Nach der Weise der Liebenden, die sich nicht unschuldig wissen, versuchte er, indem er zuerst mit seiner Gattin zu schelten anhub, ihren Zorn zu betäuben. Aber sie schalt nicht, obendrein erschien sie ihm in ihrem Schmucke schöner als je!

Sie sah ihren Gatten wieder lächeln, fand ihn in einem Zimmer ihrer wartend, das er schon seit langer Zeit nur selten betreten halte, und glücklich, wie sie war, schienen ihre zärtlichen, bittenden Blicke ihn zu einem Geständnis aufzufordern.

Soulanges küßte beschämt die Hand seiner Gattin.

»Hortense!« rief er, »woher dieser Ring?«

»Mein Diamant! Du hieltst ihn für verloren, ich fand ihn wieder in einer Schieblade meiner Toilette.«

»Wie gütig du bist!«

»Ich habe Ursache, dem Himmel dankbar zu sein. Weißt du, daß die Veaudremont höchstwahrscheinlich sich mit dem Kürassierobrist vermählen wird?«

»Vergebung! Vergebung!« rief Soulanges und fiel auf seine Knie.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.