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Lebensbilder - Band 2

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 2 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 2
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume2
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Teil

Erstes Bild

Die tugendhafte Frau

Rue de Tourniquet St. Jean war noch vor fünf Jahren die unregelmäßigste und finsterste im ganzen Viertel um das Hotel de Ville. – Ihren Namen verdankte sie einem Drehkreuz am Eingang derselben. Erst im Jahre 1823 ward es weggenommen, weil man einen Ballsaal erbaute zur Feier der Rückkehr des Herzogs Angoulême aus Spanien.

Die größte Breite dieser Straße betrug, an der Ecke der Rue de la Trixanderie nämlich, nur fünf Fuß. Bei Regenwetter überströmte sie das Wasser dermaßen, daß kein Fußgänger einen trocknen Pfad fand, und schwarze Fluten, wie die des Kozytus, durch die Enge der Mauern wogten und den Unrat, der aus allen Häusern nur vor die Tür geworfen wurde, hinwegspülten.

Bei der heißesten Julisonne fiel mittags nur ein schmaler, goldener Streif auf die Straße. Im Juni mußten die Bewohner dieser Häuser schon um fünf Uhr ihre Lämpchen anstecken, die im Winter nie erloschen.

Ehe das Eckhaus der Rue de Tourniquet und de la Trixanderie eingerissen wurde, bemerkte man zwei eiserne Ringe in der Mauer befestigt. Es waren die Überbleibsel einer Kette, womit die Straße zur Sicherheit nächtlich gesperrt wurde.

In eben diesem Eckhause entdeckte man vor zwei Fenstern im Erdgeschoß zwei Frauenzimmer. Die erste war eine Alte, mit grauen Augen und so viel Runzeln im Angesicht, als die Mauer des Hauses Ritzen hatte: sie klöppelte Spitzen, aber ihre Finger waren vor Alter steif, und ihre Augen mußte sie mit einer Sehbrille bewaffnen.

Vor dem andern Fenster aber saß ein reizendes junges Mädchen. Sie zeigte freilich den Vorübergehenden nur den schimmernden Nacken und war so emsig bei ihrer zarten Putzarbeit, daß sie niemals in die Höhe blickte.

Niemand konnte an diesen Fenstern vorübergehen, ohne wehmütige Empfindungen beim Anblick des zarten, fleißigen Kindes in der schlechten, freudeleeren Wohnung zu hegen. Der eine wunderte sich über die Frische ihrer Gestalt in so ungesunder Gegend, der andere wollte wissen, daß sie zu der ärmlichen und schlechten Lebensart nicht geboren sei. – Kaufleute fragten sich: Was wird aus ihr werden, wenn die Stickereien aus der Mode kommen? Jünglinge schwelgten in Phantasien, wie sie die ärmliche Umgebung verschönern möchten. Lüsterne, alte Stutzer machten sich Hoffnung, durch ihre Reichtümer die Gunst der schönen Stickerin zu gewinnen.

Fünfzehn Personen indessen gingen täglich, und jeder zu einer gewissen Stunde des Tages, vorüber, wenn es das Wetter erlaubte. Zum Teil waren es solche, die einen Posten auf dem Stadthause bekleideten, zum Teil andere Geschäftsleute, die, um zu ihrer Arbeit sich zu begeben oder davon heimkehrend, an diesen Fenstern vorbei mußten. Wenn ein solcher nun einen neuen Überrock anhatte oder eine Dame führte, bewog ein Ausruf der Alten wohl, die alles, was draußen vorging, beobachtete, daß auch das junge, hübsche Mädchen den Kopf auf einen Augenblick erhob, um ihr funkelndes, blaues Auge, ihren Rosenmund, ihre zartgeröteten Wangen zu zeigen. Aber nur auf einen Augenblick zeigte sie dies alles, denn sogleich senkte sie das Haupt wieder, und der Vorübergehende hatte nichts weiter zu bewundern als den weißen Nacken, dessen Glanz noch mehr durch das rabenschwarze Haar sich hob, welches zu einem zierlichen Knoten auf dem Schädel glatt in die Höhe gestrichen war.

Nach allen diesen Voraussendungen wird der Leser folgende Worte verstehen, welche die Alte mit grauen Augen an einem Augustmorgen des Jahres 1815 der jungen Arbeiterin zuflüsterte:

»Karoline, jetzt geht ein neuer Nachbar hier vorüber, dem keiner unserer alten Passagiere das Wasser reicht!«

Das hübsche junge Mädchen blickte empor, da es schon viel zu spät war, und fragte: »Ist er schon vorbei?«

»Er kommt um vier Uhr wieder,« versetzte die Alte, »und wie ich ihn sehe, will ich dir auf den Fuß treten. Er geht schon seit drei Tagen regelmäßig zu der Zeit vorüber und kommt mir sehr bekannt vor, sicher ist es ein Präfekturbeamter, der seine Wohnung verändert. – Oh, sieh einmal, da kommt unser Nachbar Graurock, er hat sich eine Perücke zugelegt, wie das den Mann alt macht.«

Der Nachbar Graurock war gewöhnlich der letzte Passagier, und weil es nun weiter nichts zu sehen gab, setzte die Alte wieder ihre Brille auf und machte sich an die Arbeit.

Nachmittags um vier Uhr hielt sie Wort und gab dem schönen Kinde das verabredete Zeichen mit dem Fuße. Jene erhob diesmal zeitig genug ihr niedliches Köpfchen, um die neue Erscheinung, die den Schauplatz betreten hatte, kennen zu lernen.

Der Unbekannte war etwa ein Dreißiger und groß, schlank und bleich: er kleidete sich schwarz. Sein Wesen hatte etwas Feierliches. Mit scharfem, durchbohrenden Blicke betrachtete er die Alte, als wolle er sie durch und durch schauen. Er hielt sich sehr gerade. Die Blässe seines Antlitzes war entweder unermüdlicher Arbeit oder einer Krankheit zuzuschreiben, so dachte nämlich die Alte. Karoline wollte in seinen Zügen den Ausdruck des tiefsten Leides finden. Auf der leise gefurchten Stirn, in seinen hohlen Wangen schienen Gram und Schmerz zu wohnen, sie konnte ihn ohne Teilnahme nicht betrachten.

Es war das erstemal, daß einer der Vorübergehenden so viel Gedanken in ihr rege machte. Sie pflegte sonst nur allen Bemerkungen ihrer Mutter mit einem schmerzlichen Lächeln zu begegnen, zumal wenn diese, stolz auf die schöne Tochter, in jedem der Vorübergehenden einen Anbeter Karolinens sehen wollte.

Acht Wochen vergingen, und Madame Crochard, so hieß nämlich die Alte, mußte zu ihrem Verdruß wahrnehmen, daß der schwarze Herr, denn diesen Namen hatte man ihm zur Bezeichnung vor den anderen Vorübergehenden gegeben, weder so regelmäßig wie jene vor ihren Fenstern erschien, und wenn er sich wieder zeigte, den Blick zu Boden geschlagen oder gen Himmel erhoben hatte, als wolle er seine Zukunft aus den Sternen lesen.

Eines Morgens früh indessen, als Karoline das Fenster geöffnet und ihr Köpfchen über die Blumen vor demselben hinausbog, kam der Fremde wieder die Straße her, und sein Auge traf sie mit einem seltsamen Ausdruck von Zartlichkeit. Karoline zog sich zurück, aber unwillkürlich hatte sie seinen Blick erwidert, und beide wußten, infolge dieses Blickes, daß sie aneinander dachten. Als der Unbekannte abends wieder kam, erkannte Karoline seinen Tritt. Er lächelte, weil sie aufsah: sie errötete. Von jenem Tage an ward sein Erscheinen regelmäßiger, täglich ging er zweimal vorüber, woraus die beiden Arbeiterinnen schließen wollten, daß sein Posten keine so regelmäßige Beschäftigung erforderte wie der eines unteren Beamten.

Bald ward die Erscheinung des Unbekannten der jungen Arbeiterin ein Bedürfnis, es fehlte ihr etwas, wenn er morgens nicht vorüberging. Der einzige Blick, mit dem beide sich begrüßten, war eine ganze Unterhaltung für sie. Karoline erriet oder glaubte zu erraten, wann der Fremde Kummer, Sorge, Verdruß gehabt. Der Unbekannte dagegen sah, daß Karoline den Sonntag benutzt hatte, ein Kleid zu vollenden. Wenn die Mietszeit vor der Türe war, dünkte es ihm, als ob er Bekümmernis auf ihrem reizenden Gesichte lese. Auch wenn sie die Nacht hindurch gearbeitet, glaubte er, es ihr ansehen zu können.

Der Winter trat mit vollem Grimme ein, und die Blumen erfroren in ihren Töpfen vor allen Fenstern. Der Unbekannte konnte jetzt seine geliebte Stickerin viel genauer betrachten, auch ihr reinliches Stübchen konnte er in Augenschein nehmen, nebst allem, was sich in demselben befand, und was von keinem Überflusse zeugte. Eines Tages sah er, wie das arme, fleißige Kind sich auf die Hände hauchte, um sie zur Arbeit zu geschmeidigen. Es schien ihm, als ob ihr Zimmer nicht geheizt sei, und das tiefste Gefühl des Mitleids faßte ihn an. Aber Karoline hob das Köpfchen und blickte mit ihren funkelnden Augen so freundlich ihn an, als ob sie nichts litte.

Demungeachtet kamen sie einander nicht näher. Einer kannte nicht einmal die Stimme des anderen. Es schien, als ob eine Ahnung, daß ihre Vereinigung nicht zum Glücke ausfallen würde, sie voneinander entfernt hielt, und am unzufriedensten darüber war die Mutter. Zu keiner Zeit hatte sie sich bitterlich darüber beschwert, in ihrem Alter noch kochen zu müssen. Sie hustete lauter, schien kränker als sonst und versicherte, mit ihren zitternden Händen nicht so viel Tüll verfertigen zu können, als Karoline nötig hatte.

Gegen Ende des Dezembers stiegen die Brotpreise dermaßen, daß man anfing, eine Teuerung zu befürchten, die auch wirklich eintrat und den Winter des Jahres 1816 den Armen so furchtbar machte. Damals bemerkte der Unbekannte zuerst Wolken auf Karolinens sonst so heiterer Stirn, auch ihre Augen schienen ihm minder strahlend und angegriffen von den durchwachten Nächten.

In einer stürmischen Winternacht führte der Heimweg den Fremden noch spät vor Karolinens Fenstern vorbei. Schon in der Ferne vernahm man die weinerliche Stimme der Alten und Karoline, die schmerzlich bemüht war, sie zu trösten.

Er schlich näher, und auf Gefahr, als ein Dieb ergriffen zu werden, blieb er lauschend vor den Fenstern stehen und bemühte sich, durch die Offnungen der Vorhänge, was sich im Zimmer begab, zu erspähen.

Auf dem Tische lag ein Papier, worauf beide hin und wieder blickten oder deuteten. Es schien der Grund ihrer Klagen. Die Alte weinte. Karoline wollte ihr Mut einflößen, aber ihre Stimme verriet, wie sehr sie dessen selbst bedurfte.

»Warum trostlos? liebe Mutter,« sprach sie. »Herr Rigolet wird unsere Möbeln und Betten nicht verkaufen und uns nicht eher aussetzen wollen, als bis ich das Kleid fertig habe. Nur noch zwei Nächte Arbeit, und ich bringe es zur Gignard.«

»Und wenn sie dich aufs Geld warten läßt, wie immer? – und wenn sie es dir auch gleich gibt, reicht es hin, den Bäcker zu bezahlen?«

Es erfolgte ein neuer Ausbruch von Klagen, den Karoline nicht zu lindern imstande war. »Ich will arbeiten,« sprach sie, »das Klagen mindert nicht die Not.«

Bald veränderte sich der Schauplatz: die Mutter begab sich zur Ruhe, die junge Stickerin saß bei ihrem Werke und arbeitete mit unermüdlicher Emsigkeit. Ein Stück trockenes Brot lag vor ihr, unentschieden, ob es ihr die Nacht hindurch zur Nahrung dienen oder ihr den Lohn ihrer Mühe vergegenwärtigen solle.

Der Fremde weinte vor Mitleid und konnte sich nicht von dem zarten Bilde der fleißigen Stickerin trennen. Er hatte eine Börse mit etwa zehn Goldstücken bei sich. Rasch war sein Entschluß gefaßt, er drückte eine Scheibe ein und warf die Börse hindurch, der jungen Stickerin gerade in den Schoß, und eilte, ehe sie sich noch von ihrem Schrecken erholt hatte, mit pochendem Herzen und glühenden Wangen davon.

Am andern Morgen ging er, scheinbar ganz ruhig und den Kopf voller Geschäfte, vorüber, dennoch entging er der Belohnung nicht, die seiner wartete.

Karoline öffnete das Fenster, blickte ihren Wohltäter mit nassen Augen an und mit einer stummen Gebärde, als wollte sie damit verkünden: »Nicht Worte sprechen den Dank aus, nur das Herz fühlt ihn.«

Der Fremde schien nichts von all dem verstehen zu wollen. Nur am Abend spät schlich er leise noch einmal an den Fenstern vorüber, sah eine Weile dem lieben Kinde bei seiner Arbeit schweigend zu, und ehe sie noch seine Anwesenheit ahnen konnte, machte er sich kopfschüttelnd auf den Heimweg. –

Von der Zeit an erschien der schwarze Herr nicht mehr in der Rue de Tourniquet und schlug einen andern Weg ein, wenn er an seine Geschäfte ging.


An einem heiteren Maisonntage, wo die schmale Strecke Himmel recht heiter über die schwarzen Mauern, die sie begrenzten, erschien, sprach Karoline zu ihrer Mutter, indem sie die neuen Blumentöpfe begoß und pflegte:

»Liebe Mutter, laß uns heut nach Montmorency gehen, wir haben in sechs Monaten keine frische Luft genossen!«

Madame Crochard zog einen rotbraunen Merinoüberrock an, setzte einen Seidenhut auf und nahm ihr unechtes Kaschmirtuch um und ging so mit ihrer Tochter nach der Ecke der Rue du Faubourg St. Denis und der Rue Enghien zu, um sich dort ein Fuhrwerk auszusuchen. Karoline, in einem weißen Kleide mit staubfarbigem Gürtel und ebensolchen Schuhen, folgte ihr. Ein Strohhut mit rosenfarbnem Futter verbreitete ein wundersames Kolorit über die zarten Züge. Ihre Haare waren mitten auf der Stirne gescheitelt, die wie Alabaster glänzte und samt den heiteren Augen, die von Vergnügen und Zufriedenheit strahlten, ein Bild ihrer Seelenreinheit gewährte.

Bevor sie die Ecke erreichten, um unter den Fuhrwerken von der mannigfachsten Gestalt und Form das bescheidenste sich auszusuchen, sahen beide Spaziergängerinnen ihren schwarzen Herrn ruhig dastehen, als warte er auf irgend etwas.

Lange schien er unentschlossen, ob er sich den Damen nicht zum Führer anbieten sollte. Endlich mietete er ein Kabriolett nach Saint-Leu-Taverny und bot Mutter und Tochter einen Platz an. Die Alte ließ sich nicht lange nötigen. Erst als der Wagen schon auf dem Wege nach St. Denis war, fiel es ihr ein, dem Fremden einige Artigkeiten zu sagen, der Ungemächlichkeiten halber, die sie und ihre Tochter ihm verursachten.

»Sie wollten vielleicht allein nach Saint-Leu fahren,« begann sie mit großer Freundlichkeit, aber sie unterließ auch nicht, sich über die Mittagshitze zu beschweren und über ihren Katarrh, der, wie sie versicherte, sie nachts kein Auge zutun ließ.

Man war auch kaum bis St. Denis gefahren, als die Alte in sanften Schlaf versunken schien.

Ihre lauten Atemzüge jedoch kamen dem Fremden verdächtig vor, er runzelte die Stirn und sah die Alte mit sehr argwöhnischen Blicken an.

Allein Karoline versetzte ganz unschuldig: »Sie schläft! – Sie muß sehr müde sein, denn der Husten hat ihr keine Ruhe gegönnt.«

Statt aller Antwort lächelte der Fremde Karoline mitleidig an, als ob er sagen wollte: »Gutes, schuldloses Geschöpf, du kennst deine Mutter nicht.«

Nach Verlauf einer halben Stunde aber, als der Wagen auf der Pappelallee, die nach Eaubonne führt, im Sande ging, glaubte der schwarze Herr, annehmen zu dürfen, daß Madame Crochard wirklich schliefe, oder hielt er es nicht weiter für rätlich zu untersuchen, ob der Schlaf der Alten verstellt sei oder nicht.

Wirklich schien es, als ob der heitere Himmel, die reine Landluft, der würzige Hauch des jungen Laubes und der Blüten sein Herz erweiterten. Ein längeres Schweigen schien ihm lästig. Karolinens blitzende Augen teilten die Unruhe der seinigen, und er begann mit seiner schönen Nachbarin ein Gespräch, lieblich und zwecklos wie die schwankenden Zweige und die gaukelnden Schmetterlinge. In dieser Jahreszeit gleicht die Natur einer sehnsüchtigen Braut im Hochzeitsfeierkleide, und selbst Unempfindliche müssen ihre Reize und Liebe anerkennen.

Karoline hatte zum ersten Male im Jahre ihre finstere Straße verlassen. Hier im malerischen, sonnigen Tale von Montmorency, den unermeßlichen blauen Himmel vor sich und neben sich Augen, die nicht minder liebreich lachten als die Welt ringsum: mußte sie sich hier nicht in aller Stille glücklich fühlen?

Der Fremde fand Karolinen mehr heiter als geistreich, mehr herzlich als unterrichtet; wenn ihr Lächeln eine Schalkheit verriet, so dienten ihre Worte, ein wahrhaftes Gefühl an den Tag zu legen. Den schlauen Fragen ihres Gefährten antwortete sie mit einer herzlichen Aufrichtigkeit, und das Gesicht des schwarzen Herrn erheiterte und belebte sich bei jedem ihrer Worte. Die Trauer schwand allmählich aus seinen Zügen, die ihre Jugend und Anmut wieder zu erlangen schienen. Karoline war stolz und glücklich darüber, denn sie bemerkte es nicht so bald, als sie sich auch für den Grund dieser Verwandlung hielt.

Sie erriet bald, daß ihr Begleiter Liebe, Vertrauen, Freude und Glück lange entbehrt haben mochte. Sie plauderte unaufhörlich weiter, bis endlich ein glücklicher Scherz die letzte Runzel aus der Stirne des Unbekannten glättete, die in voller Jugendlichkeit wieder strahlte: es schien, als ob er mit einem Male den Sorgen, dem Verdrusse und dem Kummer ihren Abschied gab, um sich ganz der Heiterkeit und Lebensfreude zu überlassen.

Beide waren in ihrem Gespräche so vertraut geworden, daß, als der Wagen vor den ersten Häusern des weitläufigen Dorfes St. Leu hielt, Karoline den Unbekannten schlechthin Herr Eugen nannte, und dieser liebe Karoline sagte. Da erwachte die Mutter.

»Sicher hat sie alles gehört,« flüsterte Eugen seiner Dame ins Ohr.

Karolinens unbefangenes und reizendes Lächeln aber zerstörte allen Unmut, den ein Verdacht im Herzen des Fremden zu erregen anfing.

Madame Crochard merkte alles und wunderte sich über nichts, sie folgte dem jungen Paare in den Park von Saint-Leu, wo sie die lachenden Wiesen, die balsamischen Blumenbeete und alle Schönheiten betrachtete, womit die Königin Hortense diesen Garten ausgestattet.

»O Gott! wie schön ist's hier!« rief Karoline, als sie die Bergspitze zu Anfang des Waldes von Montmorency erreicht hatte, und zu ihren Füßen die unermeßliche Ebene sich ausbreitete mit den lieblichen Hügeln, den reizend gelegenen Dörfern mit ihren Turmspitzen, mit Wiesen und Auen und den fernen Bergen, deren Umrisse in blauer Luft sich verloren.

Unsere Reisenden lustwandelten am Ufer eines künstlichen Flusses nach dem Schweizertal, nach der Hütte, in welcher Napoleon mit Hortense oft geweilt hatte.

Mit scheuer Ehrfurcht ließ Karoline sich auf eine bemooste hölzerne Bank nieder auf der Könige, Kaiser und Prinzessinnen geruht hatten. Madame Crochard hatte Lust, eine Brücke näher zu besehen, die zwei Felsen miteinander verband. Sie ließ ihre Tochter unter dem Schutze des Herrn Eugen, dem sie versicherte, daß sie ihn nicht aus den Augen lassen würde.

»Wie, teure Karoline,« fragte Eugen, »haben Sie nie nach dem Glanze und den Freuden des Reichtums begehrt? –«

»Ich würde unwahr sein, wenn ich sagen wollte, daß ich niemals das Glück des Reichtums begehrt. – Ach, ich denke nur gar zu oft, zumal wenn ich schlafen gehe, wie herrlich es wäre, wenn meine gute Mutter nicht nötig hätte, bei schlechtem Wetter auszugehen, um unsere täglichen Bedürfnisse einzukaufen. – In ihrem Alter! Dann wünschte ich auch, daß eine Wirtschafterin ihr morgens ihren Kaffee mit Hutzucker vors Bett brächte. Sie liest gern Romane, die arme Frau! Es wäre doch besser, sie gebrauchte ihre Augen zu dieser Lieblingsbeschäftigung, als daß sie von früh bis spät mit dem Tüllklöppeln ihr Gesicht verdirbt. Auch sollte sie dann hin und wieder ein Glas Wein trinken, mit einem Worte, meine Mutter sähe ich gerne glücklich, denn sie ist so gut.«

»Sie hat Ihnen also viel Beweise ihrer Güte gegeben?«

»Ach, freilich!« antwortete Karoline bewegt.

Madame Crochard erschien jetzt oben auf der Brücke und drohte Karolinen mit dem Finger.

»Wohl hat sie mir Beweise davon gegeben,« fuhr diese fort, »wie hat sie von meiner Kindheit an nicht für mich gesorgt! Ihr letztes Silberzeug verkaufte sie, um mich bei einer Stickerin in die Lehre zu geben. Und mein armer Vater! – wie hat sie an seinem Sterbebette mit ihm gelitten.«

Eine Träne trat bei diesen Worten in ihr Auge. »Ei!« rief sie, sich ermunternd, »was denken wir an einem so schönen Tage, wie der heutige, an Unglück!«

Eugen sah gerührt auf sie, sie merkte es, errötete und konnte seinen Blicken nicht begegnen.

»Wer war Ihr Vater?« fragte er.

»Vor der Revolution ein Operntänzer,« versetzte sie unbefangen, »meine Mutter sang im Chor. Ebenso wie er auf dem Theater seine Evolutionen kommandierte, führte er auch die Reihen der Kämpfenden gegen die Bastille. Er erhielt den Charakter eines Hauptmanns, machte alle Kriege mit. Als Major focht er zu Lützen, ward verwundet, kehrte nach Paris zurück und starb nach einer zweijährigen Krankheit. Wir haben viel gelitten. Als die Bourbonen wiederkamen, meine Mutter ihre Pension nicht erhielt, sanken wir immer tiefer in Armut, so daß wir jetzt sehr fleißig sein müssen, um uns zu ernähren.

Seit kurzem kränkelt nun die arme Frau und fängt an ungeduldig zu werden und die Ergebenheit in ihr trauriges Schicksal zu verlieren. Sie beklagt sich mehr als je. Sie hat einst bessere Tage gesehen. Ich meinesteils werde den Verlust eines Reichtums nicht beklagen, dessen Freuden mir unbekannt sind, und begehre nur ein einziges vom Himmel.«

»Und was?« fragte Eugen mit teilnehmendem Lächeln.

»Daß die Damen immer Tüllstickereien tragen, denn so reicht meine Arbeit zu meinem Unterhalt aus.«

Dies freimütige Geständnis entzückte den jungen Mann, der auch Madame Crochard jetzt mit minder feindseligen Augen betrachtete. Sie nahte sich langsamen Schrittes.

»Nun, Kinder,« rief sie, »habt ihr genug geschwatzt! Wissen Sie wohl, Herr Eugen, daß der kleine Korporal oft auf der Stelle gesessen hat, die Sie inne haben? – Wenn man das bedenkt,« fuhr sie nach einer Pause fort, »der arme Mann! – Mein Gatte hing an ihm mit ganzer Seele. – Ja. Crochard, du bist glücklich, weil du tot bist, denn du hättest nicht überlebt, daß sie deinen Kaiser dorthin gebracht, wo er sich jetzt befindet.«

Eugen legte mit einer bedeutenden Miene einen Finger auf seine Lippen.

Die Alte zuckte die Achseln und versetzte: »Genug – der Mund bleibt zu, die Zunge still. Aber«, fuhr sie fort und zog ein Kreuz an einem roten Bande aus dem Busen, »niemand soll mir wehren zu tragen, was der Bewußte meinem Crochard gab, nur ich nehme es mit ins Grab.«

Bei diesen Worten, welche zur dermaligen Zeit gefährliche Gesinnungen verrieten, erhob sich Eugen rasch und lud die Damen ein, ihm zu folgen. Er führte sie durch die herrlichen Anlagen des Parks, dann verließ er sie einen Augenblick, um bei einem der besten Traiteurs von Taverny die Mahlzeit zu bestellen. Dann verfügte er sich wieder zu seiner Gesellschaft und führte sie auf den Fußsteigen des Gehölzes zum Traiteur.

Das Mahl ward mit Heiterkeit verzehrt: Eugen glich dem schwarzen Schatten, der in der Rue de Tourniquet gesehen worden, nicht im geringsten mehr. Ein lebenslustiger, offenherziger Jüngling, saß er zwischen den Damen, die sorglos heute des Überflusses genossen, ohne des Mangels am morgenden Tage zu gedenken.

Als um 5 Uhr das Mahl mit einigen Champagnerflaschen beendet wurde, tat Eugen den Vorschlag, den ländlichen Ball im Dorfe unter den Kastanienbäumen zu besuchen. Er tanzte mit Karolinen, ihre Hände ruhten, sich zärtlich und leise drückend, ineinander, ihre Herzen klopften höher vor Hoffnung und Freuden. Unter dem heiteren Himmel bei der untergehenden Sonne trafen sich ihre Blicke, und jedem war des anderen Auge mehr als Himmel, Stern und Sonne.

»Der schöne Tag ist zu Ende,« sprach Eugen, da es zu dunkeln begann, mit einer Wehmut, die an sein früheres finsteres Wesen erinnerte.

Karoline versetzte teilnehmend: »Werden Sie in Paris nicht so glücklich sein wie hier – wäre das Glück nur in St. Leu zu Hause? Von heute an werde ich nie wieder unglücklich sein.«

Die Teilnahme hatte sie verleitet, mehr zu sagen, als sie sagen gewollt. Eugen drückte ihre Hand. Sie schlug errötend das Auge nieder.

Man suchte wieder den Wagen auf, Madame Crochard ging dem mutwilligen jungen Paare zu langsam, welches Hand in Hand längs der dichtverwachsenen Allee zu laufen anfing und bald der Mutter aus dem Gesichte kam.

Eugen blieb stehen. – »Teuere Karoline!« rief er heftig. – Diese fühlte die ganze Bedeutung dieses Augenblicks und wich zwei Schritte zurück. Eugen behielt aber seine flehende Stellung, lächelnd reichte sie ihm die Hand, die er heftig an seine Lippen drückte. In diesem Augenblick erschien Madame Crochard, die aber nichts bemerken wollte, als ob sie irgendeine Nebenrolle in der Oper spiele.


Es gibt in Paris Häuser, die eigens erbaut erscheinen, damit junge Eheleute darin ihre Flitterwochen verleben. Frisch und bunt, wie ihr Leben, sind die Tapeten und Gemälde, alle Zieraten der Gemächer so neu und glänzend wie ihre Liebe. Alles stimmt darin zu jugendlichen Wünschen, weckt und erfüllt freudige Hoffnungen und Sehnsucht.

Mitten in der Rue de Helder stand ein Haus von weißen Quadersteinen. Die Säulen des Portals waren noch unbeschmutzt, und die Mauern glänzten noch von bleiweißer Farbe, mit denen sie übertüncht waren. Im zweiten Stockwerke befand sich eine Wohnung, vom Architekten mit besonderer Vorliebe ausgeschmückt, als hätte er eine Vorahnung von der Bestimmung derselben gehabt.

Ein niedliches Vorzimmer, bis zur Brüstung mit Marmor bekleidet, führte in einen Saal und ein Speisezimmer. Vom Saal aus gelangte man in ein herrliches Schlafgemach, und neben diesem war eine Badestube. Über die Kamine waren große Spiegel angebracht, mit reicher Einfassung. Alle Türen waren mit Arabesken geschmückt.

Seit ungefähr vier Wochen bewohnte eine schöne, junge Frau diese Zimmer. Ein kunstreicher Tapezierer hatte ihr das Ameublement besorgt, und die Beschreibung des einen Gemaches wird genügend sein zu beweisen, mit welchem Geschmacke er seinen Pflichten sich entledigt. Eine Tapete von silbergrauem Zeuge mit einer lebhaften grünen Borte schmückte das Schlafzimmer. Die Möbel, mit hellgrünem Kaschmir beschlagen, offenbarten die leichten und anmutigen Formen der letzten Mode. Eine Kommode von einheimischem Holze, mit braunen Leisten belegt, verschloß die Geheimnisse der Toilette, ein gleicher Sekretär bewahrte das wohlriechende Papier zu süßen Briefchen.

Das antike Bett diente mit seiner Draperie von Musselin, seiner Weiche und seinen verführerischen Faltenwürfen, Lüsternheit zu wecken. Die grauseidenen Vorhänge mit grünen Fransen waren so gefaltet, daß sie eine angenehme Dämmerung verbreiteten. Eine bronzene Wanduhr stellte Amor vor, der die Psyche bekränzte. Ein Teppich mit gotischem Muster auf rotem Grunde erhob alle Zieraten dieses heimlichen und wohlbehaglichen Aufenthalts.

Im Angesicht der glänzenden Psyche saß die junge, schöne Frau an ihrer Toilette, ungeduldig, wie es schien, über die langwierigen Künste ihres Friseurs.

»Wird mein Kopfputz heut noch fertig?« fragte sie.

»Aber, Madame, haben Sie langes und starkes Haar, ich weiß damit nicht zu bleiben.« antwortete der berühmte Haarkräusler Plaister.

Die schöne Dame lächelte. Die absichtslose Schmeichelei des Künstlers rief ihr alle eifrigen Lobeserhebungen ihres Freundes ins Gedächtnis znrück.

Endlich hatte Herr Plaister das Werk vollbracht, und eine Kammerfrau trat ein, um sich mit Madame über die Toilette zu beraten. Die Frage war, was dem Herrn am meisten gefallen würde. Es war kalt, (denn im November des Jahres 1816 fand gegenwärtiger Auftritt statt) und ein Kleid von grüner Seide mit kostbarem Besatze ward für den heutigen Tag bestimmt.

Als die Toilette geendet, eilte die schöne Dame zum Salon, öffnete ein Fenster, welches auf den Balkon hinausging, schlang die Arme ineinander und stützte sich auf das Geländer von Bronze. In dieser zierlichen Stellung kümmerte sie sich nicht um die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden, die unaufhörlich ihre Köpfe zu ihr wandten, sondern blickte mit unausgesetzter Spannung nach der kleinen Strecke des Boulevards, die von ihrem Fenster aus sichtbar war. – Diese enge Aussicht, welche sich mit der Öffnung in einem Theatervorhang vergleichen läßt, durch welche die Schauspieler zu blicken pflegen, gewährte ihr den Anblick vieler Wagen und Fußgänger, die aber mit einer Schnelligkeit erschienen und verschwanden wie die Gestalten eines Schattenspiels.

Die junge Frau wußte nicht, ob der Erwartete zu Wagen oder zu Fuße ankommen würde, und suchte ihn bald in dem Gedränge, bald in den Wagen. Schon eine Viertelstunde hatte sie gewartet und fing an, die Geduld zu verlieren, als endlich der Kopf eines braunen Pferdes sich zeigte, welches nach der Rue de Helder einbog. Sie erhob sich auf den Zehen und erkannte auch bald das Tilbury an der weißen und grünen Farbe.

»Er ist's! er ist's!« rief sie hocherfreut, »dort lenkt er in die Straße ein.«

Nach wenigen Minuten hielt das Tilbury vor dem Hause. Die Kammerfrau hatte bereits beim ersten Freudenruf ihrer Gebieterin alle Türen geöffnet. Bald lag das schöne Paar sich in den Armen, und so schritten sie miteinander in das beschriebene Gemach und setzten sich dort auf einen Sofa neben dem Kamin.

»Bist du endlich wieder bei mir, mein Eugen?« hub die Dame an, »seit zwei langen Tagen habe ich dich nicht gesehen! Aber was fehlt dir, hast du neuen Verdruß gehabt?«

»Arme Karoline!« seufzte Eugen.

»Was bedeutet das? Arme Karoline!«

»Lache nicht, mein Engel, denn ich komme, dir eine Freude zu nehmen. Wir werden heut nicht miteinander ins Theater Feydeau gehen.«

»Was liegt mir daran? – Ich sehe dich wieder, und ist mir das nicht das beste Schauspiel, daß ich nach keinem andern frage?«

»Ich muß zum Chef des Generalstabs. Wir haben ein kitzliches Geschäft in diesem Augenblicke vor; er begegnete mir heute, und weil ich das Wort führen muß, hat er mich zu Tische bei sich gebeten. Du aber, Liebe, magst mit deiner Mutter nach dem Schauspiele gehen, wenn unsere Konferenz früh zu Ende ist, treffe ich Euch dort.«

»Ich will ohne dich nicht nach dem Schauspiel gehen,« rief Karoline, »ich will kein Vergnügen, das ich nicht mit dir teile.« – Zärtlich umarmte sie ihn.

»So leb' denn wohl!« sprach Eugen.

»Wie, du willst schon gehen?«

»Ich muß mich ankleiden, von hier bis zum Marais ist's weit und meine Geschäfte –«

»Oh, ich Ärmste!« unterbrach ihn Karoline, »meine Mutter pflegte zu sagen, wenn die Männer Geschäfte vorschützen, um ihre Frauen zu verlassen, dann lieben sie sie nicht mehr.«

»Karoline! – ich bin ja hier, ich habe diese Stunde trotz der strengen, unbeugsamen –«

»Still!« rief sie. »an Entschuldigungen fehlt es Euch nie! – je nun, ich will dir glauben.«

Eugens Blicke fielen in diesem Augenblicke auf ein Möbel, welches am Morgen erst vom Tischler gebracht war. Es war der ehemalige Werktisch von Rosenholz, an welchem Karoline sonst ihr tägliches Brot kümmerlich und mühsam sich erwerben mußte. Der Tischler hatte es neu aufpoliert, und ein Tüllkleid lag darauf ausgebreitet, mit einem reichen Muster zum Sticken vollkommen eingerichtet.

»Ich werde diesen Abend fleißig sein!« sprach Karoline, auf den Werktisch deutend, »arbeitend werde ich mich in die Zeiten unserer ersten Liebe zurückträumen, wo du stumm an meinem Fenster vorübergingst und kaum einen einzigen Blick mir schenktest. – Ja, mein Freund, obschon du mir dies Möbel nicht geschenkt, ist es mir doch das liebste Stück in meinem Zimmer.«

Eugen hatte sich wieder in einen Lehnstuhl niedergelassen. Karoline setzte sich auf seinen Schoß.

»Mißverstehe mich nicht,« fuhr sie fort, »den Erwerb meiner Nadel werde ich zu wohltätigen Zwecken verwenden. – Du hast mich ja so reich gemacht, daß ich dessen nicht mehr bedarf. – Wie herrlich dünkt mich das Gut Bellefeuille, das du mir geschenkt hast. – Sage mir, mein Freund, kann ich mich nicht Karoline von Bellefeuille nennen? Du wirst es doch wohl wissen.«

Eugen nickte lächelnd mit dem Kopfe, und Karoline sprang in die Höhe und schlug die kleinen Hände vor Freude zusammen.

»So bin ich doch,« rief sie, »meinen Familiennamen los, den andere Mädchen gegen den ihres Gatten vertauschen, den ich freilich –«

Errötend schwieg sie, nahm ihren Freund bei der Hand und führte ihn zu einem Klavier.

»Jetzt habe ich die schwere Sonate vollkommen inne,« begann sie, um das Gespräch vom vorigen Gegenstand abzubringen, zum Überfluß ließ sie die leichten Hände mit großer Fertigkeit über die Tasten eilen.

Eugen umarmte sie. »Karoline,ich sollte weit von hier sein.«

»So willst du gehen? ich dachte, die Sonate würde dich erfreuen, und du solltest mehr mich deshalb lieben.«

»Ich habe weit länger hier zugebracht, als ich billig durfte.«

»Wohl mir, daß ich dich noch fesseln kann!« entgegnete Karoline.

»Auf Wiedersehen! Frau von Bellefeuille,« sprach Eugen lächelnd. Sie schieden mit einer zärtlichen Umarmung, und Karoline stellte sich wieder auf den Balkon. Ihr Geliebter ergriff die Zügel, blickte sie noch einmal freundlich an, dann schwang er die Peitsche, der Wagen rollte fort und verschwand um die Ecke.


Karoline hatte fünf Jahre in ihrer angenehmen Wohnung zugebracht, als ein neuer, dem vorigen ähnlicher Auftritt sich ereignete, um die zarten Bande, die beide Liebende einten, fester zu knüpfen.

Mitten im Saale, dem Fenster, welches auf den Balkon ging, gegenüber, saß ein vierjähriger Knabe mit einem Schaukelpferde, machte einen entsetzlichen Lärm und peitschte dasselbe, weil es für seine Wünsche nicht schnell genug auf seinem runden Fußgestell vorwärts wollte.

Da sprach seine Mutter vom Sopha her zu ihm: »Sei nicht so laut, Karl! du wirst deine kleine Schwester wecken.«

Das liebliche Kind verließ sogleich sein Spielwerk, schlich gehorsam auf den Zehen, um ja keinen Lärm weiter zu machen, nach der Wiege und hob mit beiden Fingern behutsam den Schleier auf, der das frische Gesicht des kleinen, schlafenden Mädchens verhüllte.

»Sie schläft also?« fragte er mit kindischer Verwunderung. – »Wie kommt es denn, daß sie schläft, weil wir doch munter sind?«

»Sie ist ja viel kleiner noch als du,« sprach die Mutter und erhob sich, um in dem Speisesaal den Mittagstisch zu besorgen.

Es war der 6. Mai des Jahres 1822, folglich der Jahrestag des Spazierganges nach dem Park de Saint-Leu, der über ihr Leben entschieden hatte. Dieses Fest ward jährlich ebenso heimlich wie freudenvoll gefeiert.

Karoline besorgte das Damastgedeck, bestellte und ordnete das Dessert an und versäumte nichts, was auf die gute Laune ihres geliebten Eugen von Einfluß sein konnte. Dann kehrte sie zur Wiege zurück, und weil die kleine Eugenie immer noch süß schlief, trat sie auf den Balkon, um nach dem Boulevard zu blicken, ob Eugen nicht bald einträfe.

Diesmal ließ er so lange nicht auf sich warten. Das Kabriolett, welches er gegen sein Tilbury vertauscht, weil er es paßlicher für seine reiferen Jahre hielt, bog bald um die Ecke. Eugen stieg aus, eilte in den Saal, ward aufs zärtlichste von seiner Karoline bewillkommnet, hörte sich von dem kleinen Knaben unter allerlei drolligen Schmeicheleien Papa rufen, dann trat er zur Wiege, betrachtete das sanftruhende, kleine Wesen und wandte sich wieder zu seiner Gattin, der er mit den Worten ein Papier übergab:

»Hier, Karoline, ist das Vermögen dieses kleinen Schreihalses.«

»Warum empfängt Eugenie 3000 Franken Einkünfte,« fragte die Mutter, »weil Karl doch nur die Hälfte hat?«

»Einem Manne müssen 1500 Franken jährlich genügen,« sprach Eugen, »welche ihn vor Mangel schützen. Sollte er kein ausgezeichnetes Talent besitzen, so möchte ich wenigstens einen braven Mann aus ihm machen, der keine Torheiten begeht, wozu Überfluß leicht verleitet. Hat er Ehrgeiz, so wird er sich anstrengen, durch Arbeit ein besseres Los sich zu verschaffen.«

Nach Tische spielten Vater und Sohn miteinander aufs freundschaftlichste, und als es dunkel geworden, mußte eine Laterna magica auf einem ausgespannten Tischtuche ihre Künste und Geheimnisse zum größten Erstaunen des kleinen Karl darlegen. Die seltsame Freude des Kindes entlockte den Eltern gar oft ein herzliches Lachen.

Als der Knabe endlich zu Bette gebracht wurde, erwachte das kleine Mädchen und verlangte schreiend seine Nahrung. Eugen betrachtete schweigend und entzückt die reizende Mutter, wie sie so zärtlich ihr Kind ernährte. Niemals hatte er die Geliebte schöner gefunden. Sie selbst schien zu ahnen, was ihr Eugen in diesem Augenblicke für sie empfand, denn sie lächelte ihn mit zärtlichen Blicken an.

»Liebe!« sprach Eugen in einer schalkhaften Laune, »ich muß gehen. Ein wichtiges Geschäft erfordert meine Gegenwart. Die Pflicht geht allem anderen vor.«

»So geh!« sprach sie verdrießlich, »denn bleibst du noch, so lasse ich dich nicht fort.«

»O nicht doch, mein Engel! Ich habe drei Tage Urlaub, man glaubt, ich sei zwanzig Meilen weit fortgereist.«

Dankbar umarmte ihn die Geliebte, und beide gestanden sich, daß sie einer durch den andern die glücklichsten Geschöpfe wären.


Wenig Tage nach diesem Feste befand sich Frau von Bellefeuille auf dem Wege nach dem Marais. Sie pflegte ein sehr einfaches Haus in der Rue de St. Louis einen Tag um den andern zu besuchen. Ein Bote hatte ihr die Nachricht gebracht, daß ihre Mutter infolge ihrer Rheumatismen und Katarrhe sehr krank darniederläge.

Während der Fuhrmann auf die Pferde des Fiakers lospeitschte, wozu ihn Karoline durch die Aussicht auf ein reiches Trinkgeld vermochte, hatten mehrere alte Frauen, mit denen Madame Crochard während der letzten Zeit Bekanntschaft gemacht, einen Geistlichen zu ihr gebracht.

Die alte Magd derselben wußte nicht, daß die junge, schöne Dame, bei der ihre Gebieterin so oft zu speisen pflegte, ihre Tochter sei, und war die erste, die einen Geistlichen herbeizurufen für geraten hielt, der ihr ebenso nützlich wie der Kranken werden sollte.

Die drei alten Freundinnen der Witwe Crochard hatten sich alle Mühe gegeben, in der Kranken einige Skrupel über ihr vergangenes Leben, Aussichten auf das Jenseits, Furcht vor den ewigen Strafen und Hoffnung auf Vergebung ihrer Sünden, wenn sie reuevoll zum Glauben zurückkehrte, rege zu machen.

An diesem feierlichen Tage hatten sich alle in ihrem Krankenzimmer eingefunden und lösten sich ab in ihrem Dienste. Bald trat die eine und bald die andere vor ihr Bett, suchte sie zu trösten und versicherte der armen auf dem Sterbebett Ächzenden, daß es gar keine Gefahr mit ihr habe.

Als eine gefährliche Krise indessen eintrat und der am Abend zuvor herbeigerufene Arzt erklärte, daß er für das Leben der Kranken nicht länger bürge, schüttelten sie ihre Köpfe und traten zu einer Beratung zusammen. Franziska, die Magd, stimmte dafür, daß man Madame Bellefeuille durch einen Kommissionär benachrichtigen solle, aber die alten Frauen fürchteten deren Einfluß auf die Sterbende und gaben erst nach, als sie hoffen durften, die junge Dame würde zu spät eintreffen.

Das Frauen-Kollegium hielt nämlich dafür, daß Madame Crochard einige tausend Taler hinterlassen würde, und weil sie keine Erben vorhanden wußten, außer der Bellefeuille etwa, fürchteten sie, ihr Lohn für ihren Beistand in der letzten Stunde dürfte durch die Gegenwart derselben gemindert werden.

Der Geistliche trat unter salbungsvollen Reden ein. Die drei alten Frauen führten ihn zur Sterbenden und zogen sich in eine entferntere Ecke des Zimmers zurück, um der Beichte nicht hinderlich zu sein. Franziska ging ab und zu, um von den leise gewechselten Reden zur Befriedigung ihrer Neugier soviel als möglich zu erlauschen.

»Mit Freuden sehe ich,« sprach der Geistliche, »daß du, o meine Tochter, dein Herz reuig dem Himmel zuwendest, du trägst da eine Reliquie bei dir.«

Madame Crochard machte eine schmerzliche Bewegung und zeigte wehmütig das Kreuz der Ehrenlegion. Der Geistliche erschrak und trat einen Schritt zurück, doch bald nahte er sich der Büßerin wieder und setzte seine leise Unterhaltung mit ihr fort.

»Wehe mir!« rief plötzlich die Sterbende laut, »verlassen Sie mich nicht, Herr Abbé, verlassen Sie mich nicht! Glauben Sie wirklich, daß ich die Seele meiner Tochter auf dem Gewissen habe?«

Der Geistliche antwortete mit leiser, unhörbarer Stimme.

»Leider!« rief jene wieder. »Der Bösewicht hat mir nichts hinterlassen, um in meiner letzten Stunde darüber zu verfügen. Als er meine Tochter heiratete, trennte er mich von ihr, gab mir 3000 Franken von einem Kapital, das meiner Tochter zufällt.«

Dies beschleunigte die feierliche Handlung, und der Abbé schickte sich an, das Haus zu verlassen, die drei alten Frauen erhoben sich ebenfalls, um mit ihm zu gehen, und bald war Franziska allein um die Sterbende.

»Ach!« rief sie. »wie unglücklich bin ich, dies ist schon die vierte Herrschaft, die ich begrabe. Die erste ließ mir nur 100 Franken, die zweite nur 50 Taler, die dritte nur 1000 Taler, und das ist alles, was ich auf meine alten Tage besitze.«

Madame Crochard konnte jetzt rufen und schellen, so viel sie wollte, höchstens ein: »Ja. ich komme schon!« ward ihr erwidert, denn Franziska war beschäftigt, alle Kisten und Kasten auszuleeren, und entledigte sich so gewissenhaft dieses Geschäfts, daß jedwede Nachlese unmöglich bleiben mußte.

So von aller Welt verlassen, fand Karoline ihre Mutter.

»O arme Mutter! Ich Unselige! Du littest, und ich wußte es nicht, mein Herz sagte es mir nicht, aber hier bin ich.«

»Karoline!«

»Was, liebe Mutter?«

»Sie haben mir einen Geistlichen gebracht.«

»Und keinen Arzt? – Franziska! einen Arzt. Warum haben die Freundinnen der Madame keinen Doktor holen lassen?«

»Sie haben mir einen Geistlichen gebracht,« stöhnte die Alte.

»Wie sie sich quält! Und nicht einmal ein kühlender Trank ist da, gar nichts auf dem Tische?«

Die Mutter gab ein Zeichen, Karoline verstand es, schwieg, um sie reden zu lassen.

»Sie haben mir einen Geistlichen gebracht, unter dem Vorwande, mich beichten zu lassen,« – ihre Schmerzen hinderten sie, weiter zu reden. »Sei auf deiner Hut, Karoline.« sprach die Alte mit ihrer letzten Kraft, – »dem Geistlichen, wenn ich nicht irre, habe ich den Namen deines Wohltäters genannt.«

»Aber, liebe Mutter! woher wußtest du seinen Namen?«

»Ich –« aber die Alte hatte nicht Zeit mehr, die Antwort zu vollenden, der Todeskampf trat ein, und bald lag sie entseelt in den Armen ihrer Tochter.

Um dem Leser zu offenbaren, welche Bewandtnis es mit diesem Namen hatte, sind wir genötigt, in eine frühere Zeit und auf frühere Begebenheiten zurückzugehen.


Am 30. März des Jahres 1806, gegen drei Uhr morgens, kam ein Jüngling von etwa siebenundzwanzig Jahren aus dem Hotel des Erz-Reichskanzlers die große Treppe herunter und sah sich im Hofe nach einem Wagen um. Weil er in kurzen Hosen und seidenen Strümpfen, schwarzem Frack und Weste war und eine grimmige Kälte herrschte, stieß er einen lauten Seufzer aus, obschon ihm der frohe Mut nicht zu fehlen schien, der den Franzosen gegen Ungemach zu waffnen pflegt.

Vergebens spähte er indessen nach einem Fuhrwerk auf dem Hofe, ein einziges hielt nur, und das war die Equipage des Justizministers.

Mit einem Male klopfte jemand dem Jüngling freundlich auf die Schulter; dieser wandte sich und stand vor dem Justizminister, dem ein Lakai den Schlag der Staatskarosse öffnete. Der Justizminister erriet die Verlegenheit des Jünglings und versetzte aufgeräumt:

»Bei Nacht sind alle Katzen grau. Ein Minister vergibt sich nichts, wenn er nachts mit einem Advokaten im Wagen sitzt, zumal wenn dieser Advokat der Neffe seines alten Kollegen ist, eines Mitglieds jenes großen Staatsrates, von welchem Frankreich den Code Napoléon empfing.«

Auf ein Zeichen des Justizministers hüpfte der junge Mann in den Wagen, und schwerfällig folgte das Oberhaupt der Gerechtigkeit ihm nach.

Ehe der Schlag vom Lakaien wieder geschlossen wurde, erwartete dieser die Befehle seines Herrn.

»Wo wohnen Sie?« fragte der Minister den Advokaten.

»Auf dem Quai des Augustins, gnädigster Herr.«

»Quai des Augustins, Joseph,« rief die Exzellenz.

Der Schlag flog zu, und der junge Advokat war mit einem Male dem Minister gegenüber, an den er während der ganzen Soirée nicht ein einziges Wort zu richten sich getraut hatte.

»Nun, Herr von Grandville, Sie sind auf gutem Wege!«

»Allerdings, solange ich neben Ew. Exzellenz zu sitzen die Ehre habe.«

»Nein, ich spaße nicht. Sie haben einige schwierige Prozesse mit großer Geschicklichkeit geführt und haben dem Erz-Kanzler heut besonders gefallen. Sie werden sich ohne Zweifel eine Gerichtsstelle wünschen; es fehlen uns tüchtige Mitglieder; der Neffe eines Mannes, dem Cambacérès und ich so befreundet waren, soll aus Mangel an Protektionen nicht Advokat bleiben. Ihr Oheim hat mir in sehr stürmischen Zeiten beigestanden, junger Mann, und das vergißt sich nicht so leicht!«

Der Minister schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: »Binnen drei Monaten sind drei Stellen erledigt, suchen Sie sich diejenige aus, die Ihnen am besten zusagt, besuchen Sie mich alsdann; bis dahin aber arbeiten Sie und finden Sie sich nicht in meinen Vorzimmern ein. Ich selbst bin jetzt mit Arbeiten überhäuft, und Ihre Mitbewerber, wenn sie erst wissen, daß Sie gleiche Zwecke mit ihnen haben, dürften Ihnen bei Ihren Vorgesetzten schaden. Wenn ich heute abends kein Wort mit Ihnen gesprochen, so geschah es, um Sie vor den Gefahren meiner Gunst sicherzustellen.«

Der Minister hatte kaum geendet, als der Wagen auf dem Quai des Augustins stille hielt. Der Jüngling dankte seinem großmütigen Beschützer in einer ziemlich lebhaften Herzensergießung und stand nun vor der Tür eines der schönsten Häuser des Quai des Augustins, an welches er mit lauten Schlägen pochte, denn der Nordwind wehte unbarmherzig durch seine leichten Kleider.

Ein alter Pförtner öffnete endlich und rief mit heiserer Stimme: »Herr Grandville! Herr Grandville! hier ist ein Brief für Sie.«

Der Jüngling empfing ihn, und trotz der Kälte prüfte er beim fahlen Schein einer Laterne, deren Docht zu erlöschen drohte, die Handschrift.

»Von meinem Vater,« sprach er bei sich, erhielt das Wachslicht, welches der greise Pförtner mit zitternder Hand endlich angezündet hatte, und begab sich hastig in seine Gemächer, um sich sogleich von den Worten seines Vaters zu unterrichten. Sie lauteten:

»Mein Sohn! Eile, was Du kannst, hierher, und wenn Du bald hier bist, ist Dein Glück gemacht. Angelika Bontemps hat ihre Schwester verloren, jetzt empfängt sie von ihrer Mutter 20 000 Franken Einkünfte an Ländereien, den Brautschatz ungerechnet. Alles ist vorbereitet, man wird Dir auf alle Weise entgegenkommen. Leb' wohl!«

P. S. »Unsere guten Freunde wundern sich vielleicht, daß ein Jüngling von so gutem Adel, wie der Deinige, sich mit der Bontemps verbindet, deren Vater eine rote Mütze trug und Nationalgüter zu sehr niedrigen Preisen kaufte. Aber Angelika hat 300 000 Franken. Ich gebe Dir 200 000 Franken, die Güter Deiner Mutter machen 50 000 Thaler, folglich kannst Du, wenn Du zur Magistratur übergehst, ebensogut Senator werden wie jeder andere. Mein Schwager, der Staatsrat, wird Dir deshalb nicht freundlich sein, aber er ist unverheiratet und muß Dich doch einst zum Erben einsetzen. Leb' wohl!«

Mit tausend schönen Aussichten ging der junge Grandville diese Nacht zu Bette. Er vermochte nicht zu schlafen, so müde er auch war. Er sah sich im mächtigen Schutze des Erz-Kanzlers, des Justizministers und seines Oheims (eines der Verfasser des Code Napoléon) und jung, wie er war, einen beneidenswerten Posten am ersten Hofe der Welt bekleiden, vielleicht ein Mitglied des Rates gar, aus welchem der Kaiser die höchsten Staatsämter zu besetzen pflegte. Auch stellte sich seinen Augen ein hinreichendes Vermögen dar, um seinem Range angemessen zu leben, denn die geringen Einkünfte von dem Nachlasse seiner Mutter mußten sich mindestens verzehnfachen.

Mitten unter den glänzenden Träumen der Jugend und des Ehrgeizes erschien aber auch Angelika, die Gespielin seiner Kindheit. Bis zu seinem fünfzehnten Jahre hatten die Eltern nichts wider seine Zuneigung zur schönen Nachbarstochter einzuwenden, später aber, als die Ferien ihm erlaubten, seine Eltern in Bayeux zu besuchen, und diese die wachsende Liebe zu dem schönen Mädchen wahrnahmen, verboten sie ihm, stolz auf ihren guten Adel, ferner an sie zu denken.

Seit zehn Jahren hatte Grandville also diejenige, die er ehemals seine kleine Gemahlin zu nennen pflegte, nur auf Augenblicke gesehen. In solchen verstohlenen Augenblicken konnten beide nur wenig miteinander reden. Die Wachsamkeit ihrer Eltern ließ keine andere Gelegenheit zu, sich einander näher zu kommen, als etwa in einer Gesellschaft oder beim Tanze.

Die schönsten Tage ihrer Liebe waren die öffentlichen Tanzfeste, in der Normandie Assembleen genannt, wo sie wenigstens nach Herzenslust einander betrachten konnten. Der junge Grandville erinnerte sich sogar, während seiner letzten Anwesenheit Angelika nur dreimal gesehen und jedesmal sie traurig und niedergeschlagen, wie unter einem fremden Joche seufzend, gefunden zu haben.

Punkt sieben Uhr morgens eilte der junge Advokat mit Sturmschritten nach dem Bureau der Messagerie in der Rue Notre-Dame de Victoire. Glücklicherweise fand er einen Platz im Wagen, welcher nach Caen abging.

Nicht ohne tiefe Rührung sah er nach langer Zeit den Kirchturm der Kathedrale zu Bayeux wieder. Noch hatte keine Hoffnung ihn betrogen, und sein Herz öffnete sich willig allen Eindrücken und Empfindungen, welche die Jugend so gerne hegt.

Nach der herzlichsten Bewillkommnung von seiten des Vaters und einiger Freunde ward der Jüngling zu einem gewissen ihm sehr wohlbekannten Hause in der Rue Tenture geleitet. Sein Herz pochte lauter fast als der Vater (den man in der Gegend nur den Grafen von Grandville nannte) an der sehr niedrigen Haustür.

Es war gegen vier Uhr abends. Eine junge Magd, mit einer Kattunkappe nach der Sitte des Landes geschmückt, grüßte die Ankommenden herzlich und dreist und versicherte, daß die Damen bald aus der Vesper heimkehren würden.

Das Zimmer, in welches die Gäste geführt wurden, war mit poliertem Holze ausgetäfelt, und an den Wänden ringsum standen gepolsterte, hohe Lehnstühle. Das Kamin hatte keine weiteren Zierate als einen Spiegel von grünlichem Glase, und von beiden Seiten waren Armleuchter angebracht, deren Fasson aus den Zeiten des Utrechter Friedens herzurühren schien. Dem Spiegel gegenüber befand sich im Tafelwerk der Wand ein ungeheures Kruzifix aus Ebenholz und Elfenbein, mit großer Kunstfertigkeit geschnitzt und mit gebohntem Holze umgeben. Mehrere Kirchenbilder hingen den Fenstern gegenüber. Vermutlich hatte der alte Bontemps sie während der Revolution gekauft, denn als Chef des Distrikts hatte er sich selber nie vergessen. Vom sorgfältig mit Wachs gebohnten Fußboden an bis zu den karierten Fenstergardinen verriet alles eine klösterliche Ordnung.

Eine unwillkürliche Ängstlichkeit befing den Jüngling, indem er bedachte, daß seine Angelika im Schoße dieser finstern Einsamkeit lebe. Die täglichen Feste in den Pariser Salons und der Strudel von Vergnügungen aller Art hatten ihn der friedlichen Stille, die in den Provinzen herrscht, gänzlich entfremdet.

In der Tat war es einer der seltsamsten Kontraste, die sich jemals im Leben ereignen können. Er kam aus einer Assemblee bei Cambacérès, wo die reichste Fülle des Genusses sich entfaltet, wo die Anwesenden einen so weiten Wirkungskreis beherrschten, wo die Gunst eines Kaisers in vollem Glanze strahlte, und sah sich plötzlich in einem prunklosen Gemach, eng wie die Gedanken und die Wünsche der Bewohner. Wenn jemand plötzlich von Italien nach Grönland hingezaubert würde, so dächte er vielleicht wie unser junger Advokat, der bei sich selbst sprach: »So zu leben, heißt nicht leben.«

Der Graf merkte, was im Herzen seines Sohnes vorging, faßte ihn bei der Hand, zog ihn in ein Fenster, wo es noch ein wenig hell war, und während die Magd die alten Wachslichter auf den Armleuchtern anzündete, redete er ihm folgendermaßen zu:

»Hör', mein Sohn! die Witwe Bontemps ist über alle Maßen fromm. Wenn der Teufel alt wird – du kennst das Sprichwort. Dir behagt es hier nicht, weil du an die Pariser Luft gewöhnt bist. Je nun, die Sache ist die: Die Alte ist von Pfaffen umlagert, sie haben sie überzeugt, daß man in jedem Alter noch selig werden kann. Übrigens, um sich St. Peters und seiner Schlüssel noch besser zu versichern, läßt sie was drauf gehen. Sie besucht die Messen täglich, hört jedesmal das Amt, nimmt alle Sonntage, die Gott werden läßt, das Abendmahl und bessert die baufälligen Kapellen aus. Die Kathedrale verdankt ihr so viele Zieraten, Chorhemden und Kleider, sie hat den Baldachin mit so vielen Federn geschmückt, daß es bei der letzten Prozession eine Pracht war, die alle Beschreibung übertrifft. Die Priester waren herrlich angezogen und alle Kreuze neu vergoldet. Hier das Haus ist eine wahre Heiligenstätte. Wenn ich nicht wäre, hätte die alte Närrin sogar diese drei Bilder fortgegeben, dies ist ein Domenichino, jenes ein Raphael und dies da ein Andrea del Sarto und sind viel Geld wert.«

»Aber Angelika?« fragte der Jüngling bewegt.

»Ist verloren! wenn du sie nicht heiratest,« versetzte der Graf. »Unsere guten Apostel haben ihr den Rat gegeben, eine Jungfrau zu bleiben und Heilige zu werden; was habe ich für Mühe gehabt, die Liebe zu dir in ihrem Herzchen wieder zu erwecken, als sie nämlich die einzige Tochter war. Du wirst leicht einsehen, wenn sie verheiratet ist, wird sie dir nach Paris folgen, wo Moden, Feste, Edelsteine, Schauspiele und die Heirat auch sie von der Beichte, Fasten, Vespern und Messen auf andere Gedanken bringen werden, denn das ist so das Leben der Weiber hier.«

»Aber ihre 20 000 Franken Einkünfte?«

»Da liegt der Hund begraben!« rief der Graf mit schlauen Blicken. »In Berücksichtigung dieser Heirat, denn die Eitelkeit der Bontemps fühlt sich nicht wenig geschmeichelt, in den Stammbaum der Grandville aufgenommen zu werden, gibt besagte Mutter alle ihre Güter der Tochter zu eigen und behält nur den usus fructus davon. Die Pfaffen freilich widersetzen sich deiner Heirat, aber ich habe euch schon aufbieten lassen, und alles ist vorbereitet. Binnen acht Tagen bist du außer dem Bereiche der Mutter und der Pfaffen und im Besitz des schönsten Mädchens von Bayeux. Die kleine Frau wird dir sicher im Leben kein Ärgernis geben, denn sie hat Grundsätze! Sie ist vom vielen Beten und Fasten und mehr noch durch die Behandlung ihrer Mutter, einer Frommen im großen Stil, jetzt beinahe ganz aufgerieben. Du wirst sie bleich und mager und ihre Augen hohl finden, aber – du verstehst mich doch, das wird sich geben!«

Ein bescheidenes Pochen hemmte den Fluß der Rede des Grafen. Er glaubte schon, daß die Damen angekommen waren; die Tür des Gemaches öffnete sich, aber nur ein kleiner Lakai trat mit geschäftiger Gebärde ein. Beim Anblick der Fremden blieb er schüchtern am Eingange stehen und winkte der Magd, die sich ihm näherte.

Er trug eine blaue Jacke mit sehr kleinen Schößen, die kaum bis zu seinen Hüften reichten, und blau- und weißgestreifte Beinkleider. Seine Haare waren rund geschnitten, und seine Gestalt hatte Ähnlichkeit mit der eines Chorknaben, denn sie drückte eine gewisse erzwungene Zerknirschung aus, welche die Bewohner eines devoten Hauses sich in der Regel aneignen.

»Mademoiselle,« fragte er, »wissen Sie, wo die Gebetbücher zum Amte der heiligen Jungfrau sind? Die Damen von der Kongregation werden eine Prozession in der Kirche halten.«

Die junge Magd holte die Bücher.

»Wird's noch lange dauern. Kleiner?« fragte der Graf den Harrenden.

»Höchstens eine halbe Stunde, gnädigster Herr!«

»Laß uns hingehen, es gibt schöne Frauen darunter,« versetzte der Graf, »auch kann es uns nichts schaden, wenn wir dort gesehen werden.«

Unentschlossen folgte der Jüngling seinem Vater.

»Was fehlt dir?« fragte der Graf.

»Mir, lieber Vater, mir? – Ich habe doch recht!«

»Du hast noch nichts gesagt!«

»Ich dachte mir: Sie, lieber Vater, haben 20 000 Franken Einkünfte, und ich wünsche, sie so spät als möglich zu erben. – Wenn Sie mir aber 200 000 Franken zu einer unklugen Heirat geben wollen, so werden Sie erlauben, daß ich mir lieber 100 000 ausbitte, um einem Unglück, wie dieses sein würde, auszuweichen.«

»Bist du von Sinnen?«

»Nein! mein Vater. Der Grund ist der: Der Justizminister hat mir gestern einen Posten mit 10 000 Franken jährlich versprochen. Ihre 100 000 Franken mit dem, was ich besitze, machen ein Einkommen von 20 000 Franken, und ich habe in Paris Aussichten, welche tausendfach diejenigen aufwiegen, die eine Verbindung, so arm an Glück, wie reich an Gütern, mir gewähren kann!«

»Da sieht man's,« lächelte der Vater, »daß du nicht im ancien régime gelebt hast, sonst würdest du wissen, daß eine Gattin niemals ein Hindernis ist.«

»Aber, lieber Vater, heutzutage ist die Ehe –«

»Wirklich?« unterbrach ihn der Graf, »so ist denn alles wahr, was meine alten Emigrationsgefährten mir sagen, die Revolution hat alle lustigen Sitten vertilgt, hat die jungen Leute mit zweideutigen Grundsätzen angesteckt. – Du sprichst ja wie ein Bruder Jakobiner von der Nation, von der Sittenreinheit, von Uneigennützigkeit und was weiß ich's – o Gott! was würde ohne den Kaiser und seine Schwester aus uns werden.«

Als der alte Herr diese Worte vollendet, standen sie vor der Kirchtüre. Beide traten lächelnd ein, und der muntere Greis sogar, als er sich mit Weihwasser bekreuzigte, brummte eine Arie aus der Oper »Rosa und Cola«. Er führte seinen Sohn längs dem Seitengang und stand bei jedem Pfeiler still, um die Köpfe zu betrachten, die wie Soldaten in Reihe und Glied über die Kirchensitze hervorragten.

Das Amt begann. Die Damen, welche die Kongregation bildeten, saßen dem Chor zunächst. Der Graf und sein Sohn nahten sich dieser Gruppe, und um sie ungestört betrachten zu können, lehnten sie sich an den finstersten Pfeiler, von wo aus ihnen die zierlichen Köpfe wie Blumen auf einer Wiese erschienen.

Mit einem Male hub eine Stimme, sanfter als irgend zu erwarten war, wie die erste Nachtigall nach dem Winter, den Gesang an. Deutlich vernahm man die klangreichen Töne, obschon tausend Weiber mitschrien und die Orgel gleichfalls dazu brummte, die Stimme hallte ebenso süß im Ohre wie im Herzen des Jünglings wider und ergriff sein Innerstes wie der zu reiche und lebhafte Ton des Kristalls.

Er wandte sich und entdeckte ganz in seiner Nähe ein junges Frauenzimmer, aber ihr Gesicht blieb durch eine Wendung ihres Hauptes hinter ihrem weißen Hute verborgen. Er glaubte, Angelika zu erkennen, trotz des braunen Nonnenkleldes von Merino, und stieß seinen Vater mit dem Ellenbogen an. der hinblickte und ihm ins Ohr flüsterte: »Ja, sie sind's!«

Hierauf machte er durch eine Gebärde auch seinen Sohn auf eine alte, blasse Frau aufmerksam. Ihr Auge, von einem starken, dunklen Reif umgeben, hatte den Fremden mit einem falschen Blicke, der vom Gebetbuche, welches sie dicht unter der Nase hielt, sich nicht entfernt zu haben schien, schon bemerkt. Die Wolken des Weihrauches drangen bis zu den Pfeilern, Angelika hob das Haupt zum Altar empor, und beim geheimnisvollen Schein der Altarkerzen erkannte der junge Graf ein Antlitz, das ihn innig rührte.

Es war überaus regelmäßig, ihr Haar ein falbes Blond, die Augenbrauen bildeten zwei zarte Bogen über den klaren, hellblauen Sternen, in welchen die Herzensreinheit nicht zu verkennen war, die Adlernase war ebenso fein wie fest gezeichnet, und die Lippen glichen zweien aufblühenden Rosenknospen. Obschon viel Kaltsinn in ihren Zügen zu lesen war, so deutete Grandville dies lieber auf die strenge Erziehung, als daß er die Gefährtin seiner Jugend der Unempfindlichkeit hätte beschuldigen mögen.

Eine Bewegung des stummen Lauschers zog auch die Aufmerksamkeit der Betenden an. Sie wandte sich, und obschon sie den Gespielen in der Dunkelheit nicht recht erkennen konnte, färbte eine zarte Röte ihre Wangen, der junge Advokat deutete dies zu seinem Vorteil und war nicht wenig erfreut darüber. Der Vater triumphierte, Angelika aber senkte den Schleier und betete eifrig und inbrünstig weiter.

Das Amt war endlich zu Ende, wie der junge Grandville es lange gewünscht. Als die Damen sich erhoben, zügelte er seine Sehnsucht nicht länger und eilte, seine ehemalige Gespielin zu begrüßen.

Die Wiedererkennungsszene war von beiden Seiten mehr schüchtern als herzlich, denn sie fand unter dem gotischen Portal der Kathedrale und in Gegenwart rechtgläubiger Seelen statt. Madame Bontemps war aber hoch erfreut und nahm eine sehr stolze Miene an, als Herr von Grandville den Arm ihr bot, dieser indessen war mit der zärtlichen Ungebühr seines Sohnes wenig zufrieden, die ihn in Gegenwart aller Leute zu dieser Artigkeit genötigt hatte.

Erst vierzehn Tage nach diesem Auftritte sollte, nach Angelikas Wunsche, die Vermählung stattfinden. Grandville besuchte seine schöne Geliebte täglich in ihrer finstern Klause und gewöhnte sich an die Einförmigkeit. Die häufigen Besuche sollten ihm dazu dienen, Angelikas Charakter kennen zu lernen, denn glücklicherweise vermochte die Leidenschaft nicht das Urteil in ihm zu ersticken.

Gewöhnlich überraschte er sie, vor einem hölzernen Bilde der heiligen Lucia sitzend und beschäftigt, das Leinenzeug zu ihrer Aussteuer selbst zu zeichnen. Niemals brachte sie das Gespräch auf Religion; wenn es dem jungen Rechtsgelehrten einfiel, mit ihrem kostbaren Rosenkranz zu spielen, welcher in einem Beutel von grünem Samt aufbewahrt wurde, und er mit einer allzuweltlichen Miene die Reliquien zählte, womit diese Werkzeuge der Andacht gewöhnlich verziert sind, nahm ihm Angelika mit einem flehenden Blicke das Spielzeug aus den Händen und schob es, ohne ein Wort zu sagen, in das Behältnis zurück.

Wenn Grandville in einer boshaften Laune es wagte, wider einige Religionsgebräuche zu reden, antwortete sie ihm mit einem wohlwollenden Lächeln:

»Man muß entweder nichts glauben oder alles, was die Kirche lehrt. – Wollten Sie, daß Ihre Frau keine Religion hätte? Gewiß nicht! Nun, wie darf ich antasten, was die Kirche befiehlt? Welch ein Mensch kann sich zum Schiedsrichter aufwerfen zwischen dem Unreligiösen und Gott, den die Kirche vorstellt?«

Ihre liebliche Stimme gewann bei solchen Reden eine so salbungsvolle Anmut und ihr Auge einen so seligen Ausdruck, daß der Jüngling in Versuchung geriet zu glauben, was sie glaubte. Angelika fühlte sich glücklich, aus Pflichtgefühl, sich ihrer ersten Zuneigung überlassen zu dürfen. Ihr Anbeter war zu leidenschaftlich, um wahrnehmen zu können, daß, wenn die Religion diese Gefühle der Geliebten nicht erlaubt hätte, sie ebenso leicht wie eine Blume im Froste erstorben wären.

Der Tag brach an, an welchem der verhängnisvolle Kontrakt unterzeichnet werden sollte. Madame Bontemps vermochte ihren Schwiegersohn, daß er heilig beschwor: den Religionsübungen seiner Gattin nichts in den Weg zu legen, ihr gänzliche Gedankenfreiheit zu gestatten, sie, so oft sie es wollte, zur Kirche, Beichte oder zum Abendmahl gehen zu lassen und endlich ihr in der Wahl ihres Beichtvaters völlige Freiheit zuzugestehen.

In diesem feierlichen Augenblicke stand Angelika mit so reinen, verklärten Zügen vor ihrem Bräutigam, daß er den Schwur, der ihn ewig mit ihr verband; ohne Bedenken und mit freudigem Herzen ablegte. Der bleiche Beichtvater des Hauses konnte aber das hoffnungsreiche Lächeln auf seinen Lippen bei diesem Auftritte nicht ganz unterdrücken. Angelika neigte ihr Haupt zu ihrem Gatten, als wolle sie ihm versichern, sein Versprechen nie zu mißbrauchen, und der alte Graf brummte seine Arie aus der Oper »Rosa und Cola«.


Nach den Feierlichkeiten der Vermählung reiste Grandville mit seiner jungen Gattin unverzüglich nach Paris ab, wohin er, durch seine Ernennung zum Substitut des Generalprokurators am kaiserlichen Hofe, berufen war.

Das junge Ehepaar sah sich nach einer Wohnung um. Angelika benutzte das Übergewicht, welches sie über ihren Gatten hatte, und bewog ihn, ein großes Quartier in einem Hotel an der Ecke der Veille Rue du Temple und der Rue Neuve St. François zu mieten, denn wenig Schritte weit, in der Rue d'Orleans, war eine Kirche, dicht dabei eine kleine Kapelle.

»Du bist eine gute Wirtin,« sagte der junge Mann lachend, »du machst dir die Zukunft recht bequem.«

Sie erwiderte hierauf sehr verständig, daß das Viertel du Marais in der Nähe des kaiserlichen Palastes liege, und alle Magisiratspersonen, mit denen ihr Mann zu tun habe, eben in der Gegend wohnten, und der schöne Garten übrigens, der mit dem Quartier verbunden sei, würde einst ihren Kindern, wenn Gott ihr welche gebe, sehr ersprießlich und nützlich sein. Grandville hätte freilich gern in einem Hotel der Chaussée d'Antin gewohnt, wo alles lebt und sich regt, die Moden in ihrer ersten Entstehung sich zeigen, wo es von eleganten Spaziergängern wimmelt, wo alle Schauspielhäuser und Vergnügungsorte in der Nähe sind: allein er mußte den Bitten seiner jungen Frau nachgeben, welche dies als erste Gunst von ihm erbat, und ihr zuliebe vergrub er sich im Marais.

Weil seine Funktionen gleich beim Antritte unermüdliche Anstrengung und Fleiß erforderten und ihm noch eben so neu wie schwierig waren, sorgte er vorläufig nur für die Ausstattung seines Studierzimmers und die Einrichtung seiner Bibliothek. Seiner Gattin überließ er dagegen die Ausschmückung und Ameublierung des ganzen Hauses. Es freute ihn, sie gleich in so angenehme Geschäfte verwickeln zu können, weil er sie doch öfter verlassen mußte, als es einem jungen Ehemanne in den Flitterwochen ziemte.

Nach vierzehn Tagen war er indessen mit seinen ersten Arbeiten aufs reine gekommen, nahm seine Frau bei der Hand, führte sie aus seinem Studierzimmer, um ihre Anordnungen in Augenschein zu nehmen, wozu er bisher noch nicht Zeit gehabt.

Es gibt ein Sprichwort: An der Türschwelle läßt sich erkennen, welch' eine Frau im Hause waltet, und die Zimmer geben von ihrem Geist noch viel bessere Auskunft.

Wie groß war daher Grandvilles Erstaunen, als er die Gemächer durchschritt. Sollte er die Schuld der Geschmacklosigkeit der Arbeiter oder ihrer eigenen Unerfahrenheit zuschreiben, oder sollte er gar annehmen, daß seine Gattin nicht den mindesten Sinn für das Gefällige und Anmutige habe?

Nichts fand er in den Gemächern, was irgend Geschmack verriet, eines paßte nicht zum andern, alles erinnerte ihn an die Klause von Bayeux, und statt der gehofften freudigen Überraschung nach langer Arbeit in seinem Kabinette fühlte er in den unangenehmen Zimmern seine Brust beengt und schämte sich im voraus, wenn er dachte, daß irgend jemand ihn besuchen würde.

Er bemühte sich indes, immer noch seine Frau zu entschuldigen. Noch einmal kehrte er um, durcheilte noch einmal die Gemächer. Die braune Farbe des Wohnzimmers, welche seine Gattin ausdrücklich beim Maler bestellt, war zu dunkel, die grünsamtnen Stühle paßten übel zu den Wänden.

In einem andern Zimmer hing eine antike Lampe, in den übrigen war nirgends ein Zierat angebracht. Die Tapeten stellten bemooste Quadersteine vor und hatten eine Einfassung von weißem und schwarzem Marmor. Mitten auf einer Wand war ein Thermometer befestigt, um die Leere des Zimmers noch deutlicher merken zu lassen.

»Aber um Gottes willen, beste Angelika! was hast du denn gemacht?« fragte der Rechtsgelehrte.

Sie aber schien so zufrieden mit den roten Fransen der Perkalvorhänge, mit dem Thermometer, mit der verschleierten Figur des Ofens, daß sie ihren Mann nicht verstand, weil er dies alles mißbilligte.

Endlich maß Grandville sich selbst alle Schuld bei, er hätte sich der jungen Frau annehmen sollen, die erst vor kurzem die Provinz verlassen und mit den Gebräuchen einer Hauptstadt nicht bekannt sein konnte.

Andere Versuche jedoch, den Geschmack seiner Gattin zu bilden, fielen noch schlimmer aus. Beim Anblick einer Karyatide stieß Madame Grandville einen Schrei aus. Mit Unwillen verwarf sie einen Kandelaber, eine Lampe oder ein anderes Möbel, weil sie einen ägyptischen Torso darauf gewahrte. Unglücklicherweise stand Davids Schule damals auf der Mittagshöhe ihres Ruhms. Ganz Frankreich rühmte die Korrektheit seiner Zeichnung, und der antiken Formen halber nannte man seine Kompositionen eine farbige Bildhauerkunst. Aber alle Produkte des kaiserlichen Luxus konnten in Grandvilles Wohnung kein Bürgerrecht gewinnen, noch der jungen Gemahlin die verdiente Achtung abnötigen. Nichts gefiel ihr so gut wie die bemooste Quaderstein-Tapete. Nirgends ließ sie ein Sofa oder eine Bergère zu; so kam es, daß man in keinem einzigen Winkel der ganzen Wohnung sich heimisch fühlen konnte, und als Grandville sich gar nach den Preisen der Möbel erkundigte, ergab sich zu seiner Verwunderung, daß die verschlagenen Pariser Kaufleute die junge, gottesfürchtige Dame dazu benutzt hatten, ihr die älteste und verlegenste Ware zu unmäßig hohen Preisen aufzuschwatzen.

Angelika war sehr betrübt, daß keines von all den schönen Dingen, welche sie eingekauft, ihrem Manne gefallen wollte, und als dieser obendrein alles unmäßig teuer fand, traf er gerade den wunden Fleck ihres Herzens, und sie fing bitterlich an zu weinen.

Der arme Mann mußte am Ende sie zu trösten und zu erheitern suchen.

»Teure Angelika!« sprach er, »das Glück besteht nicht in der Schönheit der Wohnung und der Möbel, es hängt von der Sanftmut, der Gefälligkeit und Liebe einer Gattin ab.«

»Aber dich zu lieben, ist ja meine Schuldigkeit!« versetzte Angelika weinend, »und keine Pflicht habe ich noch mit innigerem Wohlgefallen erfüllt!«

Was sollte Grandville beginnen? Er liebte sein Weib, und die angehäufte Arbeit machte ihn für seine äußeren Umgebungen unempfänglich. Die größte Hälfte des Tages brachte er im Palaste zu, wo ihm das allgemeine Wohl des Staates, die Sorgen über Glück und Leben der Menschen so viel zu schaffen machten, daß ihm die Lust verging, sich um seine häuslichen Angelegenheiten zu kümmern. Wenn er Freitags auf seiner Tafel nur Fastenspeisen fand und er fragte, wann denn das Fleisch oder der Braten aufgetragen würde, so wußte seine Frau durch tausend Ausflüchte ihr religiöses Interesse zu verbergen, schob bald die Schuld auf ihre Nachlässigkeit oder Zerstreutheit und sorgte auf solche Weise für das Seelenheil ihres Gatten wider seinen Willen.

Die jungen Beamten zu der Zeit wußten damals im Kalender und mit den Fastentagen weniger Bescheid als heutzutage. Madame Grandville sorgte obendrein dafür, daß die Fastenspeisen aufs beste zubereitet wurden, und Grandville lebte weit orthodoxer, als er es wußte oder je geglaubt hätte.

Die Messen besuchte sie wider Wissen ihres Gemahls; am Sonntage pflegte er sie selbst zur Kirche zu begleiten. Den Besuch der Schauspielhäuser schlug sie unter allerlei Vorwänden ab, im Sommer schützte sie die allzugroße Hitze vor, im Winter Übelbefinden, und so blieb die verschiedene Lebensweise der Eheleute lange Zeit, ohne daß die beiderseitigen Mißverständnisse zur Sprache kamen.

Aber im November des Jahres 1807 kam der Kanonikus der Kathedrale zu Bayeux, der ehemalige Beichtvater der Bontemps und ihrer Tochter, nach Paris, in der Hoffnung, eine Pfründe in der Hauptstadt zu erwerben, die er bei seinen ehrgeizigen Plänen für eine Stufe zur Erwerbung des Bischofsstabes ansah. Er nahm allen Einfluß, den er über sein Beichtkind zu haben pflegte, wieder in Anspruch und seufzte, sie vom Hauch der Pariser Luft so verändert zu finden.

Angelika ward bei den Reden des Exkanonikus von Bangigkeit ergriffen. Es war ein Mann von etwa achtunddreißig Jahren und brachte alle Provinzialgesinnungen und Orthodoxie mit, während die Pariser Geistlichkeit damals, ihrer Toleranz und Aufklärung halber, Bewunderung verdiente. Seine strengen Grundsätze, seine Starrheit in der Ausübung religiöser Pflichten und der Stolz, womit er dies alles zur Schau trug, machten einen zu lebhaften Eindruck auf Angelika, sie beschloß, die Pflichten, die der Glaube ihr auflegte, nicht länger im geheimen zu üben, und legte so den ersten Grund zu häuslichen Zwistigkeiten.

Madame Grandville hatte sich stets bereitwillig zu Assembleen, Mittagsmahlen, Konzerten und Festen aller Art eingefunden, doch seit einiger Zeit fing sie an, den Bällen auf alle mögliche Weise auszuweichen. Sie beklagte sich an solchen Tagen stets über Migräne, allein Grandville merkte bald die List, unterschlug eine Einladungskarte zum thé dansant, hinterging seine Frau mit einer mündlichen Einladung und bewog sie auf diese Weise, weil ihre Gesundheit diesmal ihr kein Hindernis in den Weg legte, an einem herrlichen Feste teilzunehmen.

»Geliebte!« sprach er, da er seine Frau sehr mißvegnügt vom Balle heimführte, »als meine Gemahlin, des Ranges, den du einnimmst, und des Vermögens halber, welches wir besitzen, liegen dir Pflichten ob, an denen kein religiöses Gesetz dich hindern kann. Bist du nicht der Stolz deines Gatten? Deshalb mußt du erscheinen, wo er sich zeigt, und dich zeigen, wie es dir zukommt.«

»Aber, mein Lieber! was war denn so Unglückliches in meiner heutigen Toilette?«

»Ich rede von deinen Mienen! meine Teure. Wenn ein junger Mensch zu dir kommt oder mit dir redet, so wirst du so ernsthaft, daß man nicht weiß, was man aus dir machen soll. Ein aufgeweckter Jüngling wird deine Tugend sehr in Zweifel ziehen; es scheint, du fürchtest, durch ein Lächeln dir etwas zu vergeben, du siehst wirklich aus, als betetest du zu Gott, alle Sünden, die auf dem Feste begangen werden sollten, zu vergeben. Die Welt, mein Engel, ist kein Kloster, aber weil du deiner Toilette erwähnst, so will ich dir nur gestehen, daß du dich billigerweise wohl den Moden und Gebräuchen wie alle anderen deines Geschlechts fügen solltest.«

»Soll ich mich wohl wie jene frechen Weiber kleiden, die vor aller Welt Augen ihre Schultern entblößen?«

»Es gibt hier einen Mittelweg. Dein dreifacher Tüllbesatz, der dein Kinn verhüllt, ist dem Auge nicht angenehm. Du hast deine Schneiderin bewogen, deinem Wuchs und deiner Taille alle Reize zu nehmen. Wenn eine Kokette sich bemüht, die geheimsten weiblichen Formen durch den Schnitt ihrer Kleider geltend zu machen, so bist du das Gegenteil von einer Kokette, denn du bemühst dich, jedes Auge von deiner Gestalt fortzuscheuchen. Ich will dich nicht beleidigen, sonst könnte ich dir sagen, wie fremde Leute in meiner Gegenwart, weil sie nicht wußten, daß du meine Frau bist, sich über dich aufgehalten.«

»Leichtsinnige Menschen sind nicht befugt, über meine Fehler zu urteilen,« sprach Madame Grandville in einem gewissen Lehrton.

»Warum hast du nicht getanzt?«

»Ich werde niemals tanzen,« versetzte sie streng.

»Auch nicht, wenn ich es begehre?« fragte der junge Ehemann etwas heftig. »Du mußt tanzen, meine Liebe, mußt dich nach der Mode kleiden, mußt Putz und Edelsteine tragen, es ist die Pflicht reicher Leute, und wir sind es, aus ihrem Überfluß den Luxus emporzuhalten. – Besser ist es. den Manufakturisten einen Verdienst zu gönnen, als den Armen durch fremde Hände Almosen spenden zu lassen.«

Der Zank ward endlich bitter. Madame Grandville blieb keine Antwort schuldig, obschon sie ihre christliche Fassung nicht verlor und ihre glockenreine Stimme niemals lauter noch leiser ertönte, kurz, sie offenbarte einen Eigensinn, in welchem der priesterliche Einfluß sich nicht verkennen ließ.

Indem sie auf solche Weise ihr Recht behauptete, gestand sie, daß ihr Beichtvater das Tanzen ihr ausdrücklich untersagt. Grandville bemühte sich, ihr darzutun, daß der Priester in seinen kirchlichen Pflichten zu weit ginge, und der Streit ward von beiden Seilen heftiger. Um endlich den verderblichen Einfluß des Kanonikus gänzlich zu vernichten, schritt Grandville zum äußersten Mittel. Madame Grandville sollte nämlich nach Rom schreiben, um zu fragen, ob eine Gattin, unbeschadet ihrem Seelenheil, dem Manne zuliebe ihren Hals entblößen und Bälle und Schauspiele besuchen dürfe.

Die Antwort des ehrwürdigen Papstes Plus VII. blieb nicht lange aus; verdammte die Widersetzlichkeit der Gattin ausdrücklich und gab dem Beichtvater obendrein einen Verweis. Der ganze Brief überhaupt, ein wahrer Ehekatechimus, schien der Feder Fénelons entflossen, so anmutig und milde war er abgefaßt. Es hieß unter anderem darin:

›Eine Gattin ist überall gut aufgehoben, wenn ihr Gemahl sich bei ihr befindet, wenn sie auf seinen Befehl Sünden begeht, so hat sie sie nicht zu verantworten.‹

Madame Grandville aber beschuldigte in Gemeinschaft mit ihrem Beichtvater lieber den Papst der Ketzerei, als daß sie sich diesen heilsamen Lehren fügte.


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Dreizehn Jahre verstrichen, ohne daß in diesem traurigen Verhältnis irgend etwas Erzählenswertes sich ereignete.

Angelika war ganz dieselbe geblieben. Jetzt, wo sie das Herz ihres Gatten verloren, wie damals, wo seine Liebe sie beglückte. Sie ermangelte nicht, ihre eifrigen Gebete zu Gott und allen Heiligen zu richten, um vom Himmel sich Licht zu erflehen über die Fehler, die ihr die Liebe ihres Gatten geraubt, den sie als einen armen Verirrten betrachtete und als verlorenes Schäfchen so gern in die Hürde der heiligen Kirche zurückgeführt hätte. Je eifriger ihr Gebet wurde, je mehr entfernte Grandville sich von ihr. Seit fünf Jahren hatte er höhere Funktionen bei der Regierung erhalten und eine andere Etage, obwohl im selben Hause, bezogen, um jede unangenehme Begegnung mit seiner Gattin zu vermeiden.

Morgen für Morgen ereignete sich jedoch ein Auftritt, der, wenn man boshaften Zeugen trauen darf, in gar manchen anderen Häusern noch bis auf den heutigen Tag auf ähnliche Weise vorfällt.

Früh acht Uhr kam eine Kammerfrau, die ziemlich einer Nonne glich, und schellte an der Tür der Wohnung Grandvilles. Ein Kammerdiener pflegte ihr zu öffnen, sie in die Vorgemächer zu führen, wo sie auf gleiche Weise täglich sprach:

»Die gnädige Frau schickt mich, um den gnädigen Herrn zu fragen, ob der gnädige Herr gut geschlafen und es dem gnädigen Herrn gefällig wäre, mit der gnädigen Frau zu frühstücken?«

Der Kammerdiener ging hierauf zu seinem Herrn ins Kabinett und kehrte regelmäßig mit dem Bescheid zurück:

»Der gnädige Herr läßt der gnädigen Frau recht sehr danken und um Entschuldigung bitten, denn ein wichtiges Geschäft bescheidet ihn zum Palais.«

Eine Weile darauf klingelte die fromme Kammerjungfer wieder und fragte, ob es der gnädigen Frau erlaubt sei, den gnädigen Herrn, ehe er ausführe, zu sprechen.

»Der gnädige Herr sind schon aus,« antwortete hierauf der Kammerdiener, obgleich die Equipage noch im Hofraum stand.

Wie gesagt, fiel diese Unterhandlung täglich vor. Der Kammerdiener, ein Liebling seines Herrn, gab überdies der Gräfin noch großes Ärgernis durch seine Irreligiosität und seine lockeren Sitten. Oft ging er sogar nur zum Schein in das Kabinett, wo sein Herr sich nicht einmal befand, und brachte den gewöhnlichen Bescheid, mit einer durch tägliche Übung gewonnenen Geläufigkeit.

Die betrübte Gattin stellte sich ihrem Gemahl oft in den Weg, um seine Heimkehr zu erwarten. Wie das böse Gewissen erschien sie ihm; durch ihren Fanatismus waren die sonst so sanften Züge erstarrt. Infolge der Kasteiungen und Fasten sah sie bei weitem älter aus, als sie wirklich war; auch ihre unvorteilhafte Kleidung gab ihrem Wesen etwas Unangenehmes und Zurückstoßendes. Grandville pflegte alsdann, nur des Dekorums halber, sich in ein Gespräch mit ihr einzulassen, folgte ihr bisweilen auch in ihre Wohnung, obschon selten, denn er setzte sich den Bekehrungsversuchen seiner frommen Hausfrau aus. Im ganzen mied er, soviel als er konnte, ihre wenig erfreuliche Gegenwart: ein neues Ereignis diente indessen, Angelikas Kummer über dies Benehmen ihres Gatten zu vermehren.

Der Graf Grandville und seine ganze Familie standen seit der Restauration bei Hofe in großem Ansehen, denn er gehörte zu einem der ältesten Geschlechter der Normandie. Eine Präsidentenstelle an einem königlichen Gerichtshof wurde ihm angetragen, die er aber ausschlug, weil er deshalb Paris verlassen sollte. Die Ablehnung dieses hohen Postens gab Angelikas Beichtvater zu den seltsamsten Gedanken Anlaß. Grandvilles Ernennung zum Präsidenten wäre das sicherste Mittel gewesen, die Pairschaft zu erlangen. Woraus entsprang dieser Mangel an Ehrgeiz? Woraus entsprang diese gänzliche Entsagung früherer Pläne? Wo verbrachte Grandville binnen der letzten sechs Jahre seine Zeit, daß er dem Hause seiner Gattin, seinen Geschäften und allem, was ihm sonst teuer war, wie entfremdet schien?

Der Ex-Kanonikus setzte, um die Bischofswürde zu erhalten, allen Einfluß der Häuser, worin er galt, in Bewegung, nicht minder auch das Ansehen seiner Kongregation, der er durch seinen kirchlichen Eifer wichtige Dienste geleistet hatte. Aber auf Grandville hatte er am meisten gerechnet und sah sich mit einem Male durch dessen Ablehnung eines so hohen Postens in seinen Rechnungen gestört.

In seinem Verdrusse darüber behauptete er, des Grafen Abneigung, in der Provinz zu leben, rühre vermutlich daher, daß er dort ein einfacheres Leben führen, durch seine Sitten den Untergebenen ein Beispiel sein müßte und sich von seiner Gattin nicht so entfernt halten könne wie hier. Er lobte die Engelsgeduld und die Seelenreinheit der Gräfin, die dem Benehmen ihres Gemahls eine so grenzenlose Nachsicht schenkte.

Die alten Weiber, welche schon seit langer Zeit Angelikas tägliche Gesellschaft bildeten, fanden diese Vermutungen sehr einleuchtend und erklärten dies unbedingt als Wahrheit.

Madame Grandville stand wie vom Schlage getroffen. Sie kannte weder die Welt noch ihre Sitten, weder die Liebe noch ihre Torheiten und wäre nie darauf verfallen, daß Grandville Dinge begehen konnte, die ihr ein Verbrechen dünkten: seinen Kaltsinn hätte sie für seinen natürlichen Charakter gehalten. Mit einem Male glaubte sie einzusehen, daß die Anleitungen ihres Beichtvaters schuld an der Abneigung ihres Gatten wären. Die Beleidigungen. welche der Mönch sich gegen sie und ihren Gemahl erlaubte, vernichteten mit einem Male die Täuschungen, die so künstlich gewoben waren. Sie verteidigte ihren Gemahl lebhaft, widersprach mit Heftigkeit dem Verdachte einer Untreue, deren Vorhandensein sie aber im Innersten ihres Herzens nicht leugnen konnte. Der Gedanke, daß sie die Liebe ihres Gatten verloren, der sie einer andern Person geschenkt, erregte, so fromm sie auch war, so heftige Gemütsbewegungen in ihr, daß sie davon erkrankte.

Ein heftiges Fieber stellte sich ein, und unglücklicherweise gerade zur Fastenzeit. Sie wollte weder ihre Andachtsübungen noch Fasten aufgeben, und die Krankheit nahm einen so heftigen Charakter, daß man in der Tat anfing, für ihr Leben Sorge zu hegen. Vor allem verursachte ihr Grandvilles Kaltsinn die größten Schmerzen. Seine Sorgfalt und Pflege, welche er ihrem Krankenlager weihte, glichen ganz den erzwungenen Beweisen der Achtung, die ein Neffe vielleicht dem Oheim spendet, den er zu beerben hofft.

Obschon die Gräfin ihre Bekehrungsversuche aufgegeben und ihrem Gatten mit sanften und gefühlvollen Worten begegnete, konnte sie doch nicht hinlänglich ihre wahren Gesinnungen verbergen, und ein einziges Wort zerstörte den günstigen Eindruck wieder, den sie bisweilen auf ihn hervorgebracht.

Gegen Ende des Mai hatte die günstige Witterung und eine nahrhaftere Diät ihre Gesundheit einigermaßen wieder hergestellt. Eines Morgens, als sie aus der Messe kam, setzte sie sich auf eine steinerne Bank in ihrem Garten, um die Frühlingsluft zu genießen.

Dort überdachte sie reiflich ihr ganzes vergangenes Leben und stellte Betrachtungen an, in welcher Hinsicht sie ihre Pflichten gegen ihren Gemahl oder ihre Kinder wohl vernachlässigt haben mochte. Ihr Beichtvater trat plötzlich zu ihr und verursachte ihr kein geringes Erschrecken.

»Ist Ihnen ein Unglück begegnet, mein frommer Vater?« fragte sie, nachdem sie sich erholt, mit voller Ergebenheit, »Sie sehen so blaß und bestürzt aus.«

»Oh! daß doch der Himmel,« rief der Mönch, »alle Strafen, die er über Sie verhängt, auf dieses Haupt häufen wollte. – Ehrwürdige Freundin, dies sind Prüfungen, denen man sich unterwerfen muß.«

»Ach!« seufzte die Kranke, »gibt es noch ärgere Leiden als die, mit denen die Vorsehung mich schon heimgesucht, indem sie sich meines Gatten als Werkzeuges ihres Zornes gegen mich bedient?«

»Bereiten Sie sich zu größeren Leiden vor, als wir im Verein mit Ihren frommen Freundinnen je geglaubt.«

»So will ich Gott danken, daß er mich würdigt, durch einen solchen Boten seinen Willen zu vernehmen; so stellt er neben den Fluten seines Zornes die Schätze seines Trostes hin, wie er vor alten Zeiten Hagar segnete und ihr einen Quell in der Wüste zeigte.«

»Ihre Leiden sind gemessen nach dem Maße Ihrer Kräfte und nach dem Gewichte Ihrer Schuld.«

»Reden Sie! ich bin bereit, alles zu hören.«

Dieser begann: »Seit sieben Jahren begeht Herr Grandville die Sünde des Ehebruchs mit einer Konkubine.«

»O Himmel!«

»Zwei Kinder hat er mit ihr; und hat zu ihrem trefflichen Haushalt mehr als 500 000 Franken verschwendet, die seiner rechtmäßigen Familie gehören.«

»Ich muß mich mit eigenen Augen hiervon überzeugen!« sprach die Gräfin.

»Hüten Sie sich wohl, liebe Tochter,« rief der Mönch. »Sie müssen Vergebung üben und warten, bis Gott Ihrem Gemahl die Augen öffnet. Sonst könnten Sie indes auch von gesetzlichen Mitteln Gebrauch machen.«

Die lange Unterredung des Geistlichen mit seinem Beichtkinde verursachten eine heftige Veränderung in dem Gemüte der Gräfin. Sie verabschiedete ihn, und fast zornig betrat sie wieder ihr Haus. Sie kam und ging mit ungewöhnlicher Unruhe: sie gab Befehl anzuspannen, was sehr selten von ihr geschah, dann ließ sie wieder ausspannen; ihre Befehle widersprachen sich zehnmal in einer Stunde. Endlich gewann sie einen festen Entschluß, noch einmal mußte ihr Wagen vorfahren, und alle Welt erstaunte über die plötzlich in ihr vorgegangene Veränderung.

»Kommt der Herr zum Essen nach Hause?« fragte sie den Kammerdiener, den sie bisher noch keines Wortes gewürdigt.

»Nein! Madame.«

»Ist er diesen Morgen zum Palais gefahren?«

»Ja! Madame.«

»Ist heute nicht Montag?«

»Ja! Madame.«

»Am Montag ist im Palais nichts zu tun.«

»Geh zum Teufel!« rief der Diener lachend, als seine Gebieterin davonfuhr.


Weinend und in tiefer Trauer saß Karoline von Bellefeuille in ihrem niedlichen Gemache. Eugen hielt ihre Hand in der seinigen und betrachtete bald den kleinen Karl, der nichts von Trauer wußte und seine Mutter stets fragte, warum sie so schwarz gekleidet ginge, bald die kleine Eugenie, welche friedlich in ihrer Wiege schlummerte, bald Karolinens Antlitz, das in Tränen, wie die Sonne durch Regen, strahlte.

»Nun, mein Engel!« sprach Eugen, »du weißt nun das große Geheimnis, ich bin mit einer anderen vermählt! – doch eines Tages, so hoffe ich, werden wir eine Familie bilden. Meine Frau ist seit dem März gefährlich krank; ich wünsche ihren Tod nicht, aber wenn es Gott gefällt, sie zu sich zu nehmen, so wird sie im Himmel droben wohl besser daran sein als im Geräusch einer Welt, deren Freuden sie so wenig kennt als ihr Leiden.«

»Wie hasse ich sie! – wie konnte sie dich so unglücklich machen? – Und doch verdanke ich mein Glück deinen Leiden mit ihr.«

»Hoffen wir, Karoline,« rief Eugen und küßte die Geliebte. »Fürchte jenen Geistlichen nicht, es ist der Beichtvater meiner Frau, das ist wahr! Aber sollte es ihm einfallen, unser beider Glück zu zerstören, so ist mein Entschluß gefaßt.«

»Und was wirst du beginnen?«

»Ich gehe mit dir nach Italien! ich fliehe –«

Ein Schrei aus dem nächsten Zimmer unterbrach ihn mitten in seiner Rede. Erschrocken schwieg er; Karoline zitterte. Hastig eilten beide der Stimme entgegen und fanden die Gräfin von Grandville ohnmächtig am Boden.

Sie erholte sich, und da sie sich zwischen ihrem Gatten und ihrer Nebenbuhlerin sah, stieß sie einen schmerzlichen Seufzer aus. Unwillkürlich machte sie eine Bewegung des Widerwillens, um Karolinens hilfreiche Hand fortzustoßen. Diese wollte sich entfernen.

»Sie sind hier zu Hause,« sprach Grandville und hielt seine Geliebte beim Arm zurück.

Er umfaßte seine halbtote Gemahlin, erhob sie und trug sie in den Wagen, setzte sich neben sie und befahl dem Kutscher zuzufahren.

»So wünschest du also meinen Tod! willst mich fliehen!« sprach mit schwacher Stimme die Gräfin und betrachtete ihren Gatten mit einem Blicke voll Schmerz und Unwillen. »Ich war auch jung! – Du hast mich einst schön gefunden. – Was hast du mir vorzuwerfen? Wann hinterging ich dich? War ich nicht keusch und sittsam? Hat je ein anderes Bild in meinem Herzen gelebt als das deinige? Worin habe ich denn gefehlt? Womit habe ich dich beleidigt?«

»Madame!« sprach Grandville mit fester Stimme, »war unser Leben ein glückliches? Sie wissen, es gibt zweierlei Arten, Gott zu dienen. Gewisse Leute sind der Meinung, daß, wenn sie zu bestimmten Stunden in die Kirche gehen und Paternoster sagen, wenn sie die Messe regelmäßig hören und die Fasten halten: das Himmelreich ihnen gewiß sei; alle diese, Madame, werden zur Hölle fahren, denn sie haben Gott nicht um seiner selbst willen geliebt, ihn nicht angebetet, wie er angebetet sein will, haben ihm kein Opfer gebracht, waren nur dem Scheine nach fromm und im Herzen gottlos, den Buchstaben des Gesetzes haben sie gehalten, aber um die Deutung sich nicht gekümmert; und auf solche Weise haben Sie Ihren Gemahl behandelt. Mein Glück brachten Sie Ihrem vermeinten Seelenheil zum Opfer. Wenn ich mit einem Herzen voll Liebe Ihnen nahen wollte, beteten Sie; wenn ich mich bei Ihnen erlustigen, erholen, zerstreuen wollte, zerknirschten Sie sich, – nicht eine einzige heitere Stunde in der langen Zeit unserer Ehe verdanke ich Ihnen!«

»Sollte ich denn mein Seelenheil verlieren, um dich glücklich zu machen?« rief die Gräfin.

»Es wäre ein Opfer gewesen,« entgegnete er kalt. »Ein anderes Frauenzimmer, das mehr mich liebt, hatte den Mut, es mir zu bringen.«

Die Gräfin rang die Hände.

»O mein Gott!« rief sie in Tränen, »du hörst es, ist der Mann der Fürbitten und Zerknirschungen wert, denen ich mich unterzog, um seine Fehler abzubüßen, – was hilft die Tugend, wenn –«

»Den Himmel zu gewinnen! Liebe. Man kann nicht die Gattin eines Mannes sein und obendrein die Braut Jesu Christi, das wäre Bigamie. Sie haben die Wahl gehabt zwischen einem Manne und einem Kloster, das letzte haben Sie gewählt. Um Ihres Seelenheiles willen haben Sie alle Liebe in Ihrem Herzen, alle Zuneigung, die Gott zu meinem Eigentum darin erweckte, erstickt, und nur mit den Gefühlen des Hasses können Sie die Welt betrachten.«

»Ich habe dich wohl nie geliebt?«

»Nein!«

»Was ist denn Liebe, wenn ich dich nicht liebte?«

»Liebe! meine Beste,« begann Grandville mit spöttischem Tone, »ist ein Etwas, was du niemals begreifst, der kalte Himmel der Normandie ist nicht der spanische. Die Sache ist die: sich den Launen eines anderen fügen, ihn erraten, in einem gewissen Schmerze Freude finden, die Meinung der Welt, die Selbstliebe, die Religion sogar, einem anderen zum Opfer bringen und alle diese Gaben nur für Weihrauch halten, die man zu Ehren seines Abgottes verbrennt, – daran erkennt man Liebe.«

»Ja, das nennen Operntänzerinnen Liebe,« versetzte die Gräfin mit bitterem Spotte. »Oh, solch ein Feuer ist nicht von Dauer, bald läßt es Asche und Kohlen, das heißt Reue und Verzweiflung. Eine Gemahlin, mein Freund, muß nach meiner Meinung wahre Freundschaft, ein stets gleiches Wohlwollen hegen und vor allem eine gewisse Würde zu behaupten wissen. –«

»Du sprichst von der Liebe, wie ein Neger vom Eis reden würde. – Das zarte Veilchen lockt uns mehr als die stolze Hyazinthe. Die Blumen, die im Frühling am lebhaftesten blühen und am stärksten duften, sind Dornenrosen; übrigens lasse ich dir Gerechtigkeit widerfahren, du hast dich so vollkommen innerhalb der Grenzen der Pflicht gehalten, welche das Gesetz vorschreibt, daß, wenn ich dartun wollte, worin du dich gegen mich vergangen, ich mich auf Dinge einlassen müßte, welche du nicht anhören kannst: ich müßte dich in Geheimnisse einweihen, welche deine ganze Moral umstoßen.«

»Wagst du es noch, von Moral zu reden?« rief die Gräfin, »kommst aus einem Hause, wo du das Vermögen deiner Kinder vergeudest und –«

»Madame! hierüber schweigen Sie!« unterbrach der Graf kaltblütig seine Gattin. »Wenn die Bellefeuille reich ist, so ist es nicht auf unsere Kosten. Mein Onkel ist Herr seines Vermögens, hat viele Erben und hat bei Lebenszeiten aus bloßer Freundschaft zu derjenigen, die er als seine Nichte betrachtet, zu ihrem Vorteile sich seines Gutes Bellefeuille entäußert, alles übrige sind ebenfalls Geschenke von ihm.«

»Sein Benehmen ist eines Jakobiners würdig! –«

»Vergessen Sie nicht, Madame, daß Ihr Vater einer der Jakobiner war, welche Frauen Ihrer Art so unbarmherzig verdammen. Der Bürger Bontemps hat Todesurteile unterzeichnet, während mein Oheim nur auf Frankreichs Wohl bedacht war.«

Angelika schwieg, aber die Erinnerung dessen, was sie soeben gesehen, erregte in ihrer Seele eine Eifersucht, die eben so neu wie schmerzlich ihr war. Mit leiser Stimme, als spräche sie mit sich selbst, hub sie wieder an:

»Ist's möglich, sein eigenes und anderer Seelenheil so leichtsinnig zu vernichten?«

»Vielleicht haben Sie einst alles zu verantworten,« rief der Graf ungeduldig.

Angelika erschrak.

»In den Augen eines nachsichtsvollen Richters werden Sie allerdings zu entschuldigen sein, denn mein Lebensglück haben Sie mir geraubt, ganz im Glauben: es müsse so sein. Nicht Sie hasse ich, sondern die Leute, die Ihr Herz so verstockt haben. Sie beteten für mich, da Karoline mir ihr Herz weihte und mit Zärtlichkeiten mich überhäufte: Sie hätten beides tun können; hätten Sie nicht abwechselnd meine Geliebte und die Heilige am Fuße des Altars sein können? Lassen Sie mir auch Gerechtigkeit widerfahren, ich bin kein Wüstling, kein Leichtsinniger; meine Sitten sind rein, denn erst nach sieben unglücklichen Jahren bewog mich das Bedürfnis nach Behaglichkeit, die Sehnsucht nach Glück und Liebe, meine Zärtlichkeit einer anderen Person zu weihen und eine andere Familie als die meine mir zu erwerben; glauben Sie übrigens nicht, ich sei der einzige, tausend Eheleute gibt es hier in Paris, die alle samt und sonders aus ähnlichen Gründen eine doppelte Wirtschaft sich halten.«

»Großer Gott!« rief die Gräfin, »wie schwer wird mir, mein Kreuz zu tragen: wenn der Gatte, den du in deinem Zorn mir gegeben, hienieden nur durch meinen Tod seine Glückseligkeit finden kann, warum rufst du mich nicht heim zu dir?«

»Hättest du stets solche Gesinnungen gehabt, so wären wir miteinander niemals unglücklich gewesen.«

»Nun denn,« rief Angelika und vergoß einen Strom von Tränen, »vergib alles, was ich beging. Ja, mein Gemahl, ich will dir von nun an in allem gehorchen, denn ich hoffe, du wirst nichts Ungerechtes und Unnatürliches von mir begehren: alles, was eine Gattin ihrem Gatten sein kann, sollst du künftig in mir finden.«

»Madame, wenn es Ihre Absicht ist, mein Geständnis zu vernehmen, daß ich Sie nicht mehr liebe, ich habe den fürchterlichen Mut, es abzulegen. Kann ich meinem Herzen gebieten, kann ich die traurigen Erinnerungen einer fünfzehnjährigen unglücklichen Ehe im Augenblick aus meinem Gedächtnis tilgen? – Ich liebe Sie nicht mehr! Diese Worte verkünden ein Geheimnis, eben so tief und gewaltig wie das süße Wort: Ich liebe Sie! – Achtung, Ehrfurcht, Vertrauen kommen, schwinden und kehren wieder, aber nicht die Liebe; ich kann jahrelang danach ringen, ohne sie wieder zu erwerben.«

»Gut, Herr Graf! Mögen Sie nie diese fürchterlichen Worte von derjenigen vernehmen, die Sie lieben, und zwar mit dem Ausdruck und der Stimme, wie Sie sie mir eben sagten, dies ist mein aufrichtiger Wunsch.«

»Wollen Sie heute mit mir zur Oper fahren und ein Kleid à la grecque tragen?«

Unwillkürlich schauderte Angelika bei dieser Frage.


In den ersten Dezembertagen des Jahres 1829 zeigte sich spät abends in der Rue de Gaillon ein Mann, der wohl mehr Leiden als Jahre zählte, denn höchstens war er ein Fünfziger, und sein Haar war schon silberweiß.

Er trat vor ein unansehnliches Haus, welches nur zwei Stockwerke hoch war, und schaute mit unverwandten Blicken nach zwei Fenstern im Dachgeschoß, welche ein schwaches Licht nur spärlich beleuchtet; hin und wieder fehlten auch die Scheiben, und die Öffnungen waren mit Papier verklebt.

Mit unbeschreiblicher Neugier blickte er nach dem gelblichen, bald heller, bald dunkler schimmernden Glanze, als plötzlich ein junger Mensch aus dem Hause trat. Das Licht einer nahen Laterne fiel auf das Antlitz des Neugierigen, so daß der junge Mann stutzte, aufmerksam ward, zögernd naher kam und immer noch fürchtete, sich zu täuschen.

»Wie? was?« rief er endlich, »sind Sie es denn wirklich, Herr Graf? – Allein, zu Fuß, um diese Stunde, und so weit von der Rue Lazare? Erlauben Sie mir, Ihnen den Arm zu bieten, das Pflaster ist heut abends, oder besser, heut morgens so glattgefroren, daß, wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen, wir mit jedem Schritte zu fallen Gefahr laufen.«

»Aber, mein teurer Herr!« begann der Graf Grandville, »ich zähle erst fünfzig Jahre, schlimm genug für mich, und ein so weit berühmter Arzt wie Sie sollte billigerweise wissen, daß man alsdann noch in seinen besten Jahren ist.«

»So haben Sie ein Liebesabenteuer?« fragte der Arzt. »Wie ich glaube, ist es nicht Ihre Gewohnheit, zu Fuße Paris zu durcheilen. Sie haben so schöne Pferde.«

»Wenn ich nicht in Gesellschaft bin,« antwortete Grandville, »gehe ich zu Fuße vom Palais Royal oder Herrn von Livry.« –

»Und tragen gewiß große Summen Geldes bei sich,« rief der Arzt. »Aber heißt das nicht, die Dolche der Meuchelmörder herausfordern?«

»Ich fürchte sie nicht,« entgegnete Grandville traurig und sorglos.

»Wenigstens steht man nicht stille,« sprach der Arzt und führte den alten Regierungsbeamten zum Boulevard. »Wenig fehlt, so glaube ich, Sie wollen mir Ihre letzte Krankheit stehlen und von einer anderen Hand sterben als der meinigen!«

»Sie haben mich überrascht, als ich aufs Spionieren aus war,« antwortete der Graf. »Ich mag nun zu Fuß oder zu Wagen und zu welcher Stunde der Nacht es sei hier vorübergehen, seit einiger Zeit bemerke ich in dem dritten Stockwerke eben des Hauses, aus welchem Sie kamen, den Schatten eines Frauenzimmers, die mit einem heroischen Fleiße die Nacht hindurch zu arbeiten scheint.«

Bei diesen Worten machte der Graf eine Pause, als träfe ihn ein jäher Schmerz.

»Für dieses Dachgeschoß interessiere ich mich ebensosehr,« fügte er hinzu, »wie ein Pariser Bürger für die Vollendung des Palais-Royal.«

»Wohl!« rief der junge Arzt lebhaft, »ich kann Ihnen –«

»Sagen Sie mir nichts!« unterbrach Grandville die Reden desselben. »Nicht einen Centime geb' ich drum zu wissen, ob jener Schatten einem Manne oder einer Frau gehört, einem Glücklichen oder Unglücklichen. Wenn ich heute wider meine Gewohnheit den Schatten nicht traf und deshalb stehen blieb, so geschah es nur, um mich allen Phantasien und Schlüssen zu überlassen, die eine so plötzliche Veränderung in mir erzeugen mußte.«

Der Graf schwieg von neuem, machte eine schmerzliche Bewegung und rief dann wieder:

»Nein! ich will Sie nicht meinen Freund nennen. Zuwider ist mir alles, was im entferntesten nur auf Empfindungen anspielt. Seit zwei Jahren wundert's mich nicht mehr, daß Greise so gerne Blumen warten, Bäume ziehen – die Ereignisse ihres Lebens haben sie dahin gebracht, der menschlichen Zuneigung nicht mehr zu trauen – und – ich bin vor der Zeit zu solch einem Greise geworden. Nur noch mit Tieren lasse ich mich ein, denn sie denken nicht, mit Pflanzen, denn es ist etwas Äußerliches, sie haben kein Herz, und alle Herzen betrügen. Ein Pas der Demoiselle Taglioni ist mir mehr wert als alle menschlichen Gefühle! Ich verabscheue eine Welt, auf der ich einsam und allein stehe. Nichts,« fügte der Graf mit einem Tone hinzu, der dem jungen Hörer bis in das Innerste des Herzens drang – »nichts rührt mich, nichts erregt mehr meine Teilnahme.«

»Haben Sie Kinder?«

»Kinder?« fragte er mit einem bittern Lächeln. »Je nun, meine Töchter sind alle reich verheiratet, lieben ihre Gatten und werden geliebt. Sie haben ihre Wirtschaft, müssen an ihre Kinder und vor allem an ihre Männer denken. – Meine Söhne – alle haben sie ihr Glück gemacht. – Der Älteste ist ein Muster von einem Regierungsbeamten. Sie haben ihre Sorgen, ihre Bekümmernisse, ihre Geschäfte. Oh, daß doch ein einziges von allen Herzen sich mir geöffnet, hätte doch ein einziger mit seiner Liebe die Leere dieser Brust ausgefüllt. Freilich hätte er sein Lebensglück vielleicht eingebüßt, hätte sich mir geopfert – und wozu das?

Um die wenigen Jahre zu verschönen, die mir noch bleiben? – Wär's ihm auch gelungen? Hätte ich es nicht vielleicht für eine Schuldigkeit von seiner Seite angesehen? Aber –« hier verzogen sich die Züge des Greises zum höhnischen Lächeln, »aber, mein Herr, nicht umsonst lernt man in Schulen rechnen. Und meine Kinder können rechnen. – Jetzt berechnen sie meine Erbschaft.«

»Bester Herr Graf, wie können Sie solche Gedanken hegen, Sie, der beste, hilfreichste, großmütigste Mensch? Wahrlich, wenn ich selbst nicht ein lebendiges Zeugnis Ihrer Wohltätigkeit wäre, die Sie in so hohem und vollem Maße üben.«

»Das geschieht zu meiner Zerstreuung! – Ich bezahle ein Gefühl, wie ich morgen mit einem Goldstücke das allerkindischste Entzücken bezahlen möchte, wenn es meinem Herzen nur nahe geht. Meinem Nächsten helfe ich meinethalben, aus demselben Grunde bin ich ein Spieler. Nur auf Dank rechne ich bei keinem. Ich könnte Sie, mein Herr, sterben sehen, ohne eine Miene zu verziehen, und eben diese Kälte erwarte ich auch bei Ihnen. – Mein lieber, junger Mensch! die Ereignisse meines Lebens haben sich um mein Herz gelegt, wie die Lava über Herkulanum, die Stadt blieb aber – tot.«

»Wehe denen, die ein so warmes, empfängliches Gemüt, wie das Ihrige, zu solcher Unempfindlichkeit verhärten!«

»Kein Wort mehr!« rief der Graf mit einer heftigen Gebärde.

»Sie leiden an einer Krankheit,« sprach der Jüngling gerührt, »deren Heilung Sie mir erlauben mögen.«

»So geben Sie mir ein Mittel, das Tod bringt!« versetzte der Greis ungeduldig.

»Nun wohl, Herr Graf! ich habe ein Mittel, Ihr Herz zu erwärmen!«

»Reden Sie etwa von Talma?«

»Mein Herr Graf! die Natur ist so über Talma erhaben, wie Talma als Schauspieler über mir steht. Hören Sie an: das Dachgeschoß, das Ihre Neugierde rege machte, wird von einem etwa dreißigjährigen Frauenzimmer bewohnt. Ihre Liebe geht bis ins Unendliche, der Gegenstand ihrer Neigung ist ein junger, siebzehnjähriger, hübscher Mensch, den eine böse Fee mit allen erdenklichen Untugenden begabt hat. Er ist ein Spieler, und es ist zweifelhaft, ob er die Weiber mehr oder den Wein liebt. Er hat Dinge begangen, die eine polizeiliche Strafe verdient hätten.

Nun! die unglückliche Frau hat ihr ganzes Vermögen geopfert, – einen Mann, der sie anbetete, von dem sie Kinder hatte. Aber was fehlt Ihnen, Herr Graf?«

»Nichts! fahren Sie fort!«

»Er brachte sie um alles, was sie hatte. Und die ganze Welt, glaube ich, möchte sie ihm obendrein geben. – Sie arbeitet Tag und Nacht. – Und oft sah sie ohne Murren, wie der Schändliche, den sie liebte, ihr sogar das Geld nahm, das sie zur Kleidung ihrer Kinder, zur Nahrung für den anderen Tag bestimmt.

Vor drei Tagen verkaufte sie ihr Haar. Niemals sah ich schönere Flechten. – Ihr Geliebter kam, sie versteckte nicht geschickt genug das Goldstück, das sie dafür bekommen. Eine Liebkosung, ein Lächeln reichte hin, und sie gab es ihm. – Es ist rührend und entsetzlich zugleich, es zu hören. Die Arbeit, die Not bleicht ihre Wangen, sie schwindet täglich mehr hin. Das Schreien ihrer Kinder nach Brot zerreißt ihre Seele. – Heut ist sie krank, liegt auf hartem Lager, die Kinder haben nicht Kraft mehr zu schreien! Ach, welch ein Auftritt, ich komme daher.«

Der Arzt schwieg, und der Graf hatte wie unwillkürlich seine Hand in die Westentasche gesteckt.

»Ich begreife, wovon sie lebt, wenn Sie ihr Arzt sind,« sprach der Greis.

»Das arme Geschöpf, wer möchte ihr nicht helfen? Wäre ich doch reich! denn ich hoffe, sie von ihrer Liebe zu heilen.«

»Aber,« sprach der Graf und zog die Hand aus seiner Tasche, ohne daß der Arzt, wie er gehofft, Geld darin gesehen. »Aber wie wollen Sie, daß ich einer Unglücklichen mein Mitleid schenken soll, deren Schicksal ich mit meinem ganzen Vermögen erkaufen möchte? Sie liebt, sie fühlt, folglich lebt sie. Hätte Ludwig XV. nicht sein ganzes Königreich darum geschenkt, um einmal nur seinen Sarg zu verlassen und einen Tag zu leben und jung zu sein? Ist das nicht die Geschichte von tausend Toten, tausend Sterbenden und tausend Greisen?«

»Oh, arme Karoline!« seufzte der junge Arzt.

Bei diesem Namen erbebte der Graf, packte seinen Arm wie mit ehernen Krallen.

»Karoline Crochard?« fragte er.

»Sie kennen sie?« rief der Arzt erstaunt.

»Sie ist's, ist's! – Ja. Sie haben Wort gehalten. Sie wollten mich rühren. Sie haben mein Herz zur fürchterlichsten Bewegung erregt, die es nur geben kann. Für dieses Gefühl bin ich nicht reich genug, Ihnen zu danken.«

Der Graf und der Arzt standen in diesem Augenblick an der Ecke der Rue Chaussée d'Antin. Ein Lumpensammler betrieb unfern der Redenden sein nächtiges Werk und suchte nach in der Gosse.

»Findest du oft Banknoten von 1000 Franken?« fragte ihn der Graf aufgeräumt.

»Freilich.«

»Gibst du sie wieder?«

»Wenn die Belohnung danach ist.«

»Das ist ein Mann!« rief der Graf, »hier sind 1000 Franken. Versteh' mich aber wohl, du sollst sie in die Schenke tragen, dich betrinken, Streit anfangen, dich hinauswerfen lassen, sodann heimkehren, deine Frau schlagen und deinen Kindern die Augen auskratzen; das bringt die Wachen in Bewegung, die Wundärzte, die Richter und Henker. – Vergiß nichts von allem diesen, sonst rächt sich der Teufel früh oder spät an dir.«

Der Lumpensammler stand da und sah den Geber groß an; zweifelhaft, ob er sie nehmen sollte oder nicht, hielt er die Note in der Hand.

»Nun ist die Rechnung mit der Hölle geschlossen,« rief der Graf, »und ich habe mich für mein Geld amüsiert. – Was Karoline Crochard betrifft, so mag sie vor Hunger und Durst meinetwegen umkommen, möge das Geschrei ihrer sterbenden Kinder sie ersticken. Nicht einen Heller gebe ich, ihr Leid zu mildern: sie hat einen anderen lieb, mag der ihr helfen, den sie liebt.«

Nach diesen Worten verließ er den Arzt, der erstaunt dem Sonderling nachsah, wie er mit jugendlich-schnellen Schritten nach der Rue Lazare eilte.

Bald hatte der Graf seine Wohnung erreicht und wunderte sich nicht wenig, einen Wagen vor seinem Hotel halten zu sehen.

»Der Herr Vicomte ist hier,« meldete der Kammerdiener, »und wartet im Schlafzimmer auf den gnädigen Herrn.«

Grandville gab seinem Diener ein Zeichen zu gehen und öffnete die Tür jenes Gemaches.

»Welch ein besonderer Grund bewog dich, meinen Befehl, daß keines meiner Kinder ungerufen vor mir erscheinen soll, zu übertreten?«

»Lieber Vater, ich hoffe, Sie werden mir vergeben, sobald Sie alles wissen.«

»Die Antwort eines Gerichtsbeamten. Gut, setze dich.« Er reichte seinem Sohn einen Sessel. »Was mich betrifft, so kümmre dich nicht darum, ob ich sitze oder stehe.«

»Lieber Vater! heut nachmittag um 4 Uhr ward ein sehr kleiner junger Mann durch einen meiner Freunde auf Verdacht eines sehr bedeutenden Diebstahls in Verhaft genommen. Er beruft sich auf Sie und nennt Sie seinen Vater.«

»Wie heißt er?« fragte der Graf zitternd.

»Karl Crochard.«

»Genug. O Karoline! so bist du mir treu geblieben, dein Sohn also war mein Nebenbuhler.«

Schweigend ging er eine Zeitlang im Zimmer auf und nieder. Sein Sohn kannte ihn zu gut, als daß er ihn zu stören wagte.

»Mein Sohn,« hub er an, mit so zärtlicher Stimme, wie der junge Vicomte lange nicht gehört. »Karl Crochard hat dir die Wahrheit gesagt. Ich danke dir von Herzen, mein lieber Eugen, daß du heut noch gekommen bist. Hier hast du Geld!« Er reichte ihm einen ziemlich großen Haufen Banknoten. »Verwende es ganz nach deinem Dafürhalten. Ich verlasse mich gänzlich auf dich und billige im voraus alles, was du jetzt und künftig zu tun gedenkst.

Eugen, geliebtes Kind! komm in meine Arme, denn heut sehen wir uns zum letzten Male, morgen reise ich nach Italien, in Florenz laß ich mich nieder für immer. Ein Vater ist seinem Kinde keine Rechenschaft von seinem Leben schuldig, aber ich hinterlasse dir die Erfahrungen, die ich teuer erkauft habe, und sieh dies als den wichtigsten Teil deiner Erbschaft an. Höre! es klingt einfach: Wenn du heiratest, begehe dies wichtigste Geschäft deines Lebens nicht leichtsinnig. – Prüfe sorgfältig den Charakter deiner Geliebten, ehe du dich mit ihr verbindest. Die Ungleichheit der Gemüter zweier Eheleute zieht heilloses Unglück nach sich, und früh oder spät rächt sich der Leichtsinn auf traurige Weise.

Ich werde dir von Florenz aus alles entdecken. Ein Vater braucht nicht zu erröten vor einem guten Sohne.«


Der Brief aus Florenz lautete:

»Mein Sohn! Du hast eine zweite Mutter. Wohl dir, daß deiner zarten Jugend die mißlichen Verhältnisse deiner Eltern entzogen. Friede mit der Toten! Ich vergebe ihr, was sie unbewußt mir für Leiden schaffte. Meine Karoline fand ich ihres Vermögens beraubt, krank und schwach wieder. Kannst du ein Wiedersehen zweier Liebenden, die sich nie vergessen konnten, nach jahrelangen Leiden denken? Mein Taugenichts von Sohn hat ihr alles Vermögen, womit ich sie reichlich ausgestattet, durchgebracht. – Sende mir den Windbeutel her, da er unschuldig ist. Wenn er noch Ehrgefühl hat, wird ihn der Verdacht eines Diebstahls, den er sich in Paris zugezogen, mit Hilfe meiner Zucht bessern.

Meine Karoline hat sich, was man nennt, gut konserviert, ihr ältester Sohn schien eher ihr Liebhaber, zumal da man unmöglich glauben konnte, daß Mutterliebe so weit reichte wie die ihrige. Doch das sieht ihr ähnlich. Sie ist meine erste und einzige Liebe, und ich bin wieder – was ich nie geglaubt – glücklich!«

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