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Lebensbilder - Band 2

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 2 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 2
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume2
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Bild

Der Geizhals

Sehr spät endeten die Soirees bei der Vicomtesse von Grandlieu. Schon war eine Stunde nach Mitternacht vorüber, und eben erst hatte ein schöner junger Mann sich verabschiedet. – Das Rollen seines Wagens hallte von der Straße her in den leeren Saal hinein, und die Scheiben klirrten. Die Vicomtesse sah sich um, gewahrte nur noch zwei Gäste vor einem Spieltische und nahte sich dem Kamin, wo ihre Tochter stand.

»Camilla,« sprach sie möglichst leise, »ich sage es dir noch einmal, wenn sich dein Benehmen gegen den jungen Grafen von Restaud nicht ändert, so nehme ich seine Besuche ferner nicht an. –«

»Soll ich mich unartig einem Manne erzeigen, der mit so ausgezeichneter Artigkeit mich behandelt?« fragte das schöne Kind.

»Liebe!« antwortete die Mutter, »du bist meine einzige Tochter, reich und eines reichen Gatten würdig, du kennst die Welt nicht. In deinen Jahren hat man noch keine Erfahrung. – Hör' nur dies eine: Ernst ist ohne Vermögen, doch besäße er Millionen, seine Mutter brächte ihn darum. Er liebt und unterstützt sie mit einer kindlichen Zärtlichkeit, die musterhaft ist, er sorgt auf bewunderungswürdige Weise für seine Geschwister, aber solange seine Mutter lebt, wird jede edelgesinnte Frau Anstand nehmen, dem Grafen Restaud das Schicksal eines geliebten Kindes anzuvertrauen.«

»Gnädigste!« unterbrach sie hier einer der Spielenden, »darf ich den Vermittler zwischen Ihnen und Ihrer schönen Tochter abgeben? – Ich habe gewonnen, mein lieber Vicomte,« wandte er sich zu seinem Gegner, »ich eile jetzt Ihrer liebenswürdigen Nichte zu Hilfe.«

»Das nenne ich ein feines Gehör.« sagte die Vicomtesse, »wie war es Ihnen möglich, in der Entfernung zu vernehmen, was ich meiner Camilla beinahe ins Ohr flüsterte?«

»Ich höre mit den Augen,« versetzte jener schlau und nahte sich dem Kamin. – Er ließ sich in einen Lehnstuhl nahe demselben nieder. Die Marquise setzte sich auf ein Sofa, und der alte Oheim nahm neben seiner Schwägerin Platz. Camilla aber blieb in der zierlichen Stellung, leicht an die Marmorplatte des Kamins gelehnt, vor ihnen stehen.

»Meine Freunde,« hub der Gast an, »ich muß Ihnen eine Geschichte erzählen, welche zweierlei Verdienste hat; erstlich wird sie dieser artigen jungen Dame hier eine tüchtige Lehre geben, sodann aber auch die edeldenkende gnädige Frau hier bewegen, sich eine etwas bessere Vorstellung von dem Vermögen des jungen Grafen Ernst zu machen.«

»Ich höre gern Geschichten erzählen.« sprach Camilla, »und nehme gute Lehren mit Dank an, haben Sie es aber darauf abgesehen, mich durch irgend etwas, was Sie mit Ihren hörenden Augen bemerkt haben wollen, in Verlegenheit zu setzen, so sind wir die längste Zeit gute Freunde gewesen.«

»Die besten Freunde werden wir heut noch.« rief jener lächelnd, »und alle junge Damen in Ihrer Lage werden Sie um den Freund beneiden, der solche Geschichten erzählt. Ach! werden sie seufzen, käme doch auch zu mir jemand und erzählte mir und meiner Mutter solch eine allerliebste, herrliche, scharmante Gesichichte! Merken Sie nur auf.«

Camilla errötete.

»Ja, ja! mein Fräulein, so hört man mit den Augen.«

Der also sprach, war ein Mann von etwa vierzig Jahren. Ein berühmter, allgemein geachteter Rechtsgelehrter, Hausfreund und Kurator der Vicomtesse, der er durch seine Kenntnisse und Geschicklichkeit bereits wichtige Dienste geleistet hatte.


»Ich selbst,« hub er an, »spiele eine Hauptrolle in der kurzweiligen Erzählung, welche ich Ihnen vorzutragen gedenke, deshalb werden Sie mir hoffentlich erlauben, daß ich ganz meiner Laune folge und, wohlgefällig bei der Erinnerung des Selbsterlebten verweilend, ein wenig ins Breite gehe. Damit Sie jedoch sogleich erfahren, woran Sie sind, sage ich ihnen in aller Kürze, der Held meiner Geschichte ist ein Wucherer.

Sie, schöne Camilla, können unmöglich von einem solchen Geschöpf schon einen Begriff haben, und ich muß es Ihnen daher beschreiben. Denken Sie sich einen Menschen, dürr wie der Mond im ersten Viertel. Seine Gesichtsfarbe wie Silber, dessen Vergoldung abgenutzt, mit sorgfältig glattgekämmten und aschgrauen Haaren, ausdruckslosen Zügen; mit Augen, gelblich wie ein Kater und fast ohne Wimpern, mit spitzer Nase und eingekniffenen Lippen. – Ein grüner Augenschirm schmückt seine Stirn, sein Anzug ist schwarz und seine Jahre ein Rätsel. Es läßt sich ebenso wenig bestimmen, ob die karge Lebensart ihn vor der Zeit alt machte, oder ob er seine Lebenszeit geschont, um sie länger benutzen zu können. – Sein Zimmer ist sauber, wie der Frack eines Engländers, aber alles in demselben, vom Bettvorhang bis zur grünen Decke des Schreibtisches, alt und verbraucht. – Sein Leben fließt geräuschlos dahin, wie der feine Staub einer alten Standuhr. Seine Verrichtungen vom ersten Erwachen bis zum späten Abend gehen den regelmäßigen Perpendikelgang. Er selbst ist eine Menschenuhr, gleichsam die der Schlaf aufzieht und die wachend abläuft. Wenn ein Wagen vorüberfährt, und er ist mitten in der Rede, so schweigt er still, um seine Stimme zu schonen. Er meidet alles, was ihn ereifern, aufregen, rühren kann, um nicht mehr Lebenskraft zu konsumieren, als eben notwendig ist. Wenn er jemandem im Geschäfte die Haut über die Ohren gezogen, und der nun böse wird, so schweigt er still und denkt an etwas anderes, um weder sein Gehör noch Gefühl unnütz zu verbrauchen. Hat sich aber das Schlachtopfer heiser geschrien, so fängt er wieder an zu reden und gegenwärtig zu sein, und das Geschäft geht seinen Gang fort.

Um acht Uhr abends indessen fängt dieses Menschenuhrwerk an aufzuleben, reibt sich die Hände, freut sich seines Tagewerkes und Gewinnes. – Sein feuchtes, finsteres Haus, Rue de Grec, gehörte ehemals zu einem Kloster, die Zimmer desselben sind alle von einerlei Größe, gehen alle auf einen Korridor hinaus und empfangen ihr Licht von einer und derselben Seite. Ich bewohnte dies Haus, seinem Hausherrn ähnlich wie die Austernbank der Auster, sieben Jahr lang und war das einzige Wesen, mit dem er mehr als das Notwendigste sprach. Er holte Feuer bei mir, borgte sich Bücher, und abends war es mir sogar erlaubt, ihn in seiner Zelle zu besuchen. – Ob er Eltern hat, ob Anverwandte? – Ich weiß es nicht! – Morgens macht er sich selbst seinen Kaffee. Ein Speisewirt bringt ihm sein Mittagsmahl, und eine alte Portiersfrau säubert täglich sein Zimmer. – Durch einen Zufall, den Poeten aus der neuen Schule vielleicht als Sympathie des inneren Menschen mit seinem äußeren Schicksal betrachten würden, heißt dies seltsame Wesen Trockenschling.

›Gott grüß Euch! Vater Trockenschling,‹ sprach ich (eines Abends in sein Zimmer tretend), da er, seine Geschäfte überlegend, in einem Lehnstuhle saß und sich die Hände rieb. ›Ihr seht ja heut so bös aus, wie damals, als Ihr den Bankerott des . . . erfuhrt.‹

Er antwortete mit leiser Stimme: ›Ich bin sehr froh!‹

›Seid Ihr's bisweilen?‹

Er zuckte die Achseln, spreizte die Finger, blickte mich an mit seinen Katzenaugen und sprach: ›Mein lieber Sohn, es gibt kein spaßhafteres und vergnüglicheres Leben als das eines Geldwechslers.‹

›Wie ist das möglich?‹ fragte ich.

›Wüßtest du, mein Sohn, was ich diesen Morgen alles erlebt habe, du müßtest eingestehen, daß es kein reicheres und lustigeres Leben gibt als das meinige. Höre zu!‹ – Er erhob sich, schob die Riegel vor seiner Tür, zog einen alten Vorhang zu, dessen Ringe auf der rostigen Stange kreischten, und setzte sich nieder.

›Ich hatte diesen Morgen nur zwei Wechsel einzukassieren,‹ hub er an. ›Ein hübscher, junger Mann hatte mir das erste Papier überreicht, er kam in einem Tilbury angefahren, es war von einer Gräfin, einer der schönsten Frauen in Paris, der Gattin eines reichen Gutsherrn, unterzeichnet und lautete auf 1000 Franken. – Wie kam es in die Hände des hübschen jungen Mannes? – Je nun, das kümmert mich nicht! – Das zweite Papier, nur 100 Franken wert, war mit Fanny Malvaut unterzeichnet. Ein Kaufmann hatte es mir dargereicht. Die reiche Gräfin wohnte Rue de Helder und Fanny Malvaut Rue Mont-Martre. – Ich dachte mir unterwegs: wie, wenn diese Damen nun auf meinen Besuch nicht vorbereitet wären, mit welchen Ehrenbezeigungen werden sie mich alsdann wohl empfangen? – Was tut man nicht um 1000, um 100 Franken? – Welche freundliche Mienen, welche süße Stimmen erwarten wohl den Inhaber dieses Papiers? – Welche zärtlichen Worte, welche Bitten halten sie wohl in Bereitschaft? – Trockenschling! du hast ein weiches Herz – darum halt dich tapfer. Was sind Bitten und süße Worte, sie gehen zu einem Ohr herein und zum andern hinaus, aber Franken! die sitzen fest in der Tasche. – Trockenschling! für dein Geld haben sie sich lustig gemacht, und du hast gedarbt, gearbeitet. – Sei unerbittlich – zeig dich als Rachegeist. – Steh fest wie das böse Gewissen. –

Ich betrat das Hotel Rue de Helder.

›Die gnädige Frau ist noch nicht aufgestanden,‹ sagte ein Kammerkätzchen.

›Wann wird sie zu sprechen sein?‹

›Um zwölf Uhr!‹

›Ist die gnädige Frau krank?‹

›Nein, mein Herr! aber sie ist erst um drei Uhr vom Balle gekommen.‹

›Gut! Sagen Sie der gnädigen Frau, ich sei da gewesen und käme wieder punkt zwölf. Mein Name ist Trockenschling.‹

›Hierauf ging ich nach der Rue Mont-Martre, ich fand ein sehr einfaches Haus, ein alter Torweg führte auf einen finstern Hof, den die Sonne nie beschien. Ein grauer Portier öffnete das verwitterte Fenster seiner dunklen Loge.‹

›Mamsell Fanny Malvaut?‹

›Ist ausgegangen! Aber wenn Sie Herr Trockenschling sind, so ist Geld für Sie da.‹

›Ich komme wieder,‹ sagte ich, denn wie ich hörte, daß der Portier das Geld habe, war ich auf die Bekanntschaft der Dame neugierig. Sie ist noch jung, dachte ich mir.

Den Vormittag brachte ich auf den Boulevards zu.«

»Ach! was ist ein solcher Spaziergang doch wert!« –

»Wert? Sie könnten glauben, daß ich von den Annehmlichkeiten einer Morgenpromenade rede? Um frische Luft und Sonnenlicht zu genießen, braucht man kein Millionär zu sein. – Es war meiner Gesundheit zuträglich! – Je nun, dieser Vorteil fällt mir jetzt erst bei! – Ich sah mir die in den Läden aufgehängten Kupferstiche an. Es machte mir Vergnügen! – Aber das ist ein Vergnügen, das jeder Bettler haben kann, man hat's umsonst. – Es wurde lebhafter! Wagen fuhren die Kreuz und Quer. Von allen, die vorüberfuhren, ritten, gingen, eilten, war keiner glücklicher als Trockenschling. – Ei! welch eine elegante Equipage kommt daher, bespannt mit vier Schimmeln. – Du Mann, der drinnen sitzt, solltest wo anders sitzen, denn du bestiehlst das Vaterland. Solltest lieber deine Stiefeln beschmutzen wie Trockenschling als deine Hände durch Raub. – Da! eine Chaise mit zwei Braunen. Wirf dich nicht in die Brust, du Bankerottierer! Laß nur gewisse Wechsel fällig sein, und du hast nicht Wagen noch Pferde mehr, nicht Haus noch Hof, wenn du nicht inzwischen vielleicht in der Lotterie gewinnst. Besser zu Fuß gehen, wie Trockenschling, als zu fahren wie du. Es heißt, besser schlecht gefahren als gut gegangen, aber du fährst schlecht bei deinem guten Fahren, und um dein gutes Fahren wird Schlechtes dir widerfahren. – Da! eine Kutsche mit adligem Wappen. Der Baron da drinnen hält sie aus Rücksicht für seine Ahnen, aber seine Kinder berücksichtigt er nicht und läßt sie darben. Besser reich, wie Trockenschling, als adlig wie der. – Da trabt einer auf einem stolzen Engländer. – Hopp, hopp! Das geht ja schön! – aber wie lange, so geht's zu Ende damit und mit dem ganzen väterlichen Erbteil, und dann, mein Lieber, hast du nichts gelernt, um dir ein Fortkommen in der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Besser alt, wie Trockenschling, als jung wie der. – Dies alles, lieber Sohn, ist Wahrheit! – Wir sind einige dreißig Geldwechsler zu Paris und versammeln uns wöchentlich in einem Kaffeehaus beim Pontneuf. Dort tauschen wir alle finanziellen Familienverhältnisse miteinander aus. Wir haben ein schwarzes Buch, darin werden über den Kredit eines jeden Bemerkungen eingetragen, und die mindeste seiner Handlungen dünkt uns nicht unbedeutend. Da, mein Sohn, da gibt es Wahrheit! – Der Tugendhafte kann fallen, der Gelehrte verrückt werden, der Virtuose sich ein Gelenk verstauchen, der Handwerker eine Lähmung bekommen. Aber wer reich ist, bleibt reich, wenn er ordentlich wirtschaftet. Das Gesetz, der Staat, die ganze bürgerliche Einrichtung steht ihm bei. – Wer kann sagen: ich bin weise, tugendhaft, gelehrt, geschickt, genial? Niemand. – Aber wer reich ist, kann sagen: ich bin reich – und zwar so und so reich. – In ganz Paris weiß ich, wieviel ich jedem Kredit geben kann. Das ist die Trockenschlingsche Philosophie!!! – Das Geld, mein lieber Sohn, ist das eifersüchtigste Geschöpf auf der Welt. Es will ganz allein geliebt sein. Lieben wir irgend etwas mehr auf der Welt als das Geld, gleich geht's dafür hin, und keine verscherzte Gunst läßt sich von ihm wiedergewinnen. – Aber Trockenschling weiß das Geld zu lieben. – Ich sah mir alles an, was in den glänzenden Läden des Boulevards zum Verkauf ausgeboten war. Manches reizte meine Begierde, ich fragte nach dem Preise; aber als ich den Preis hörte, dünkte mich der Preis besitzenswerter als die Ware, und ich behielt mein Geld. Leichtfertige Mädchen gingen vorüber, sie waren schön, machten mich lüstern, aber mein Geld dünkte mich schöner und machte mich lüsterner, und ich behielt mein Geld. Zuletzt ging ich in einen Speiseladen und ließ mir ein Weißbrot mit Butter für drei Sous geben. Ein junger Mensch dicht bei mir hatte zwanzig Franken zum Frühstück verzehrt. Er gab einen Napoleon, das Agio war für den Garçon. Auch ich gab einen leichten Napoleon, bekam nach Abzug des Frühstücks zwanzig Franken, zwei Sous heraus, ließ die zwei Sous dem Garçon und hatte mein Frühstück und ein paar Sous obendrein verdient. Ein paar Sous machen nicht arm noch reich, aber der Geldwechsler schlägt sie zu einer runden Summe, und sie müssen das ihrige ihm jährlich eintragen. – Ja, mein Sohn, so lebt und freut sich ein Geldwechsler! –

Punkt 12 Uhr war ich im Vorzimmer der Gräfin.

›Die gnädige Frau sind soeben aufgestanden, noch fürchte ich, sind sie nicht zu sprechen.‹

›Ich warte,‹ versetzte ich und pflanzte mich in einen vergoldeten Lehnstuhl.

Die Kammerjungfer kam endlich zurück und sagte: ›Treten Sie näher!‹ Der Akzent, womit dies: Treten Sie naher! gesprochen wurde, war mir schon verdächtig. Ich folgte indessen. Das Boudoir der Gräfin erschloß sich mir. Aber Himmel! welch eine schöne Frau sah ich! Ein Kaschmirschal sollte in aller Eile die weißen Schultern verhüllen, aber nur allzugut verriet der feine Stoff die herrlichen Formen. Sie hatte ein schneeweißes Negligé an, ihr rabenschwarzes Haar entfiel einem Turban, der phantastisch den Scheitel umgab. Ihr Bett stellte eine malerische Verwirrung dar. Man glaubte zu sehen, daß sie unruhig geschlafen. Einem Maler muß so etwas Geld wert sein. Unter den lüstern aufgebundenen Vorhängen schimmerte der feine Spitzenüberzug auf dem blauseidenen Eiderdaunenkissen wie Sterne an ihrem Azurhimmel. Auf einem ausgebreiteten Bärenfell, am Fuße der Mahogonibettstelle mit vergoldeten Löwenklauen, lagen zwei niedliche weiße Atlasschuhe in aller Unachtsamkeit und Müdigkeit eines schwelgerischen Festes dahingeworfen. Die Ärmel eines kostbaren und zerdrückten Kleides berührten den Boden: Strümpfe, mit denen ein Zephyr hätte spielen mögen, waren in die Lehne eines Stuhles geschlungen, und darüber flatterten rosenrote Strumpfbänder. Blumen, Handschuhe, Geschmeide und Diamanten lagen hier und dort. Die verschiedenartigsten Wohlgerüche durchdufteten das Zimmer. Ein kostbarer, halbverbogener Fächer schmückte das Kamin. Die Schiebladen der Kommoden standen offen. Alles verriet Unordnung und Reichtum, Blüte und Zerstörung, Schönheit und Genuß. Ich sah die schmachtende Gräfin an. Ich dachte mir all diesen zerstreuten Putz am Abende vorher zu ihrer Zier vereint. Es hätte manchem den Verstand rauben können. Ich gestehe, lange hatte mir kein Weib so gefallen. Ich war bezahlt, ich fühlte mich wieder jung, und das ist mir lieber als tausend Franken.

Sie erhob sich und rückte mir einen Stuhl her, auf den ich mich niederließ. ›Mein Herr,‹ hob sie mit schmelzender Stimme an, die ein schmachtender Blick aus schönen Augen begleitete, ›haben Sie die Güte und warten bis –‹

›Bis morgen mittag, Madame!‹ nahm ich ihr das Wort aus dem Munde und faltete den Wechsel wieder zusammen. – ›Erst nach vierundzwanzig Stunden kann ich protestieren.‹

›Wie, mein Herr!‹ sprach sie mit einem stolzen Unwillen, der mir fast zu Herzen gegangen wäre, ›können Sie die Rücksichten gegen ein Frauenzimmer von meinem Stande aus den Augen setzen?‹

›Frau Gräfin,‹ sagte ich, ›ich achte Sie so hoch wie den König! Bezahlt mein König mich nicht, so hat er in vierundzwanzig Stunden Protest.‹

Bei mir aber dachte ich: Mach solchen Luxus, erfreu dich deiner Schönheit! Genieße aller Freuden auf deine, aber nicht auf meine Kosten, wenn du willst. Für arme unglückliche, brotlose Menschen gibt es Gerichte, Richter und Strafen. Für dich, die in seidenen Betten schläft, mit indischen Vogelnestern sich nährt, Arabiens Wohlgerüche verschwendet, gibt es Gewissensbisse, Verzweiflung, Zähneknirschen und Reue, die mit ehernen Krallen dein Herz zerpressen werden.

In diesem Augenblick ließ sich ein leises Klopfen an der Tür vernehmen.

›Ich kann niemanden empfangen,‹ rief die Gräfin gebieterisch.

›Liebste! ich muß dich sprechen,‹ antwortete eine Stimme draußen.

›Nur jetzt nicht,‹ fuhr jene sanfter fort.

›Du scherzest wohl, es ist ja jemand drinnen bei dir!‹

Die Tür öffnete sich, und der Eintretende konnte niemand anders sein als der Graf.

Die Gräfin sah mich an. Der Blick sagte so viel als: ›Mein Mann darf nichts von allem wissen.‹

›Aha!‹ dachte ich, ›nun bist du in meinen Händen. Ehemals wäre ich vielleicht dumm genug gewesen, mich vom Mitleid zur schönen Frau verlocken zu lassen und ihrer zu schonen.‹

›Was will der Herr?‹ wandte sich der Graf zu mir.

Die Gräfin erblaßte. ›Dieser Herr,‹ sagte sie. ›ist einer meiner Lieferanten.‹

Ich lachte in der Stille. Der Graf wandte mir den Rücken. Ich zog den Wechsel halb aus der Brusttasche hervor. Sie bemerkte es, hastig eilte sie auf mich zu und zeigte mir einen Diamant. ›Nehmen Sie, und packen Sie sich fort,‹ flüsterte sie voller Angst und Zorn.

›Von Herzen gern« sprach ich,‹ und wir wechselten unsere Effekten. Ich grüßte sehr ehrerbietig und ging. Draußen sah ich den Edelstein mir an, er war seine zwölfhundert Franken wert. – Eine Opernsängerin gibt mir vielleicht 1500 dafür. – Ich sah im Hofe zwei prächtige Equipagen reinigen, viele Diener bürsteten ihre Livreen aus. Ich blieb stehen und tröstete mich damit, daß alles dieses nicht auf meine Kosten geschehe. Trockenschling könnte auch eine Equipage und reich galonierte Diener halten, allein er hält lieber das Geld, wofür man sich alles halten kann. – Da öffnete sich auch der Torweg, und der junge Mensch, von dem ich jenen Wechsel empfangen hatte, kam in seinem Tilbury angefahren. Er stieg aus.

›Mein Herr!‹ redete ich ihn an, ›sagen Sie der gnädigen Frau, daß ich das Pfand, das sie mir gegeben, acht Tage lang zu ihrer Disposition liegen lasse, von der Zeit an es aber als mein Eigentum ansehen werde.‹

Der junge Mann lächelte. Sein Lächeln bedeutete so viel als: Sie hat also bezahlt, desto besser! und wir gingen unserer Wege.

Ich ging hierauf nach der Rue Mont-Martre. Ich mußte eine gar schmale Treppe erklimmen, um vom vierten nach dem fünften Stockwerk zu gelangen. Dafür betrat ich aber auch ein ganz allerliebstes Zimmerchen, wo alles von Reinheit glänzte, keine Spur von Staub auf den geschmackvoll angeordneten Möbeln, alles glänzte spiegelblank und lachte die liebliche Bewohnerin an, die mit kastanienbraunem Haar und hellblauen Augen wie ein Püppchen dasaß! Sie nähte emsig an einem kostbaren Spitzenbesatze, aber ihre geistreichen Züge verrieten, daß sie zu solcher Arbeit nicht geboren sei.

›Ich war schon einmal hier, Mademoiselle‹ redete ich sie an.

›Das Geld lag beim Portier.‹

›Sie gehen schon frühmorgens aus.‹

›Man muß sich wohl dem Willen seiner Kunden fügen,‹ entgegnete sie heiter, holte ihre fünf Goldstücke aus der Kommode, legte sie mir, ohne nach dem Schein zu fragen, auf den Tisch und ging ruhig wieder an die Arbeit.

›Madamoiselle verdienen wohl leicht hundert Franken bei Ihrem Geschäft?‹

›Ich wollte, es wäre so, aber ich habe manche Nacht zu Hilfe nehmen müssen.‹

›Ich meine, weil es Ihnen gleichgültig scheint, ob ein Wechsel von 100 Franken, auf Sie lautend, vorhanden ist oder nicht.‹

›Den Wechsel, mein Herr!‹

›Hier ist er. – Ich habe das Geld schon lange zu vielem anderen gesteckt und hätte, wie es scheint, mich samt dem Papiere gern entfernen können, wenn es mir in den Sinn gekommen wäre, Ihre Unerfahrenheit zu benutzen.‹

›Durfte ich Ihnen zutrauen, daß Sie mich betrügen würden?‹

›Nicht ich! aber einem anderen hätten Sie Gelegenheit gegeben, und Gelegenheit – Sie kennen das Sprichwort. – Nehmen Sie mir nicht übel, daß ich Sie darauf aufmerksam mache. Ein alter, erfahrener Mann tut wohl, jungen Damen Lehren zu geben.‹

›Sie haben recht, mein Herr! Ich war leichtsinnig, und es gibt allerdings schlechte Menschen, die sich kein Gewissen daraus machen, ein armes Mädchen um ihren schweren Erwerb zu betrügen. Je nun, es ist zum ersten Male in meinem Leben, daß ich einen Wechsel ausstelle, wird auch das letztemal sein. Es geschah aus Rücksicht für meine kürzlich verstorbene Mutter. Sie hinterließ diese kleine Schuld, nachdem sie von ihrem langwierigen Krankenbette erlöst war, und ich hielt mich für verpflichtet, sie zu entrichten, wie sie selbst es sicher getan haben würde, wäre sie am Leben geblieben. – Aber Ihre Warnung, mein Herr, ist dankenswert, und ich bin Ihnen für diese gute Lehre sehr verbunden.‹

Ich stand wie bezaubert. Ich hätte dem lieben Kinde in diesem Augenblick ihr Geld samt dem Diamant nebst allem, was ich bei mir trug, gegeben. Ich stellte mir ihre Freude recht lebhaft vor, wenn sie mit einem Male alle diese Schätze ausgebreitet sähe und ich ihr sagte: Du schönes Kind, das alles ist dein; soviel verdienst du nicht mit jahrelanger Arbeit. Du sollst nun nicht mehr nachts aufsitzen, denn Schlaf tut deiner Jugend not. – Nachdem ich diese Freude in meinem Geiste satt genossen, dachte ich mir auch wieder: Je nun! sie kann durch dieses Geld weder glücklicher noch zufriedener werden, wenn sie edel gesinnt ist, – ja! wenn sie weiblichen Stolz besitzt, darf sie solch ein Geschenk nicht einmal annehmen. Ist sie aber weder stolz noch edel, so verdient sie ein so reiches Geschenk nicht, und ist sie beides, weshalb sollte ich ihre Tugend in Versuchung führen, es könnte ja sein, daß sie einer solchen Versuchung unterläge, und dann hätte ich ihr Verderbnls auf dem Gewissen. – Ferner ist sie leichtsinnig, gutmütig und schön, also ganz dazu geeignet, betrogen zu werden. Ein plötzlicher Glückswechsel könnte nur um so eher die Katastrophe herbeiführen, und sie findet einen Liebhaber, der sich aus diesem blitzenden Steinchen eine Tuchnadel machen und ihre paar Franken sich wohlschmecken läßt. Aber Trockenschling will nicht, daß man für seine Franken wohl und guter Dinge sei, er versagt sich alle Freuden der Welt und erlaubt sich nur geistige, nur Phantasiegenüsse, darum sollen andere nicht genießen, was er sich entzieht. Ich behielt also lieber Geld, Diamant und alles miteinander und ging meiner Wege.«

»Nun!« begann nach einer kurzen Pause Trockenschling, »was hältst du, mein Sohn, von dem Leben eines Geldwechslers? Dies ist die Ausbeute eines einzigen Tages! – Ich besuche kein Schauspielhaus, mein Leben ist mir Schauspiel genug. Tag für Tag sehe ich tiefe Herzenswunden, tödlichen Kummer, Liebesverhältnisse; Leiden, die sich nach dem tiefsten Grund der Seine sehnen; Freuden, die zum Schafott führen, und ich sage dir, meine Schauspieler spielen mit mehr Natur und Wahrheit als Talma und spielen obendrein für mich ganz allein, und es kostet nichts.«


»Nun, schöne Camilla!« unterbrach hier der Rechtsgelehrte seine Erzählung, »wie gefällt Ihnen mein Goldwechsler?«

»So abscheulich, wie mir nur irgend jemand mißfallen kann,« versetzte das junge Mädchen unwillig.

»Sie werden sich noch heut mit ihm versöhnen! – aber die Gräfin! –«

»Die Unglückliche nimmt meine ganze Teilnahme in Anspruch, die arme schöne Frau, warum hat sie keinen Freund, der sie warnt?«

»Sie werden sie noch besser kennen lernen und sie noch bedauernswerter finden,« versetzte der Rechtsgelehrte, »begnügen Sie sich vorläufig mit dem Gegensatz, den sie zum Wucherer bildet. Sie ist ebenso bereit, alles Geld den augenblicklichen Vergnügungen zu opfern, wie Trockenschling, des Geldes halber, allen Vergnügungen entsagt.«

»Aber was sagen Sie von Fanny Malvaut?«

»Das liebe Kind bewegt mich einzig und allein, Ihre Erzählung weiter zu hören; wüßte ich ein Mädchen, so treu und anhänglich seiner toten Mutter, so ergeben seinem Schicksale, das sie zur mühseligen Arbeit verdammt, sie müßte meine Freundin sein, ich bäte meine Mutter, sie zu mir ins Haus zu nehmen, und niemals trennte ich mich von ihr.«

»So auch dachte ich, aber Ihre Geschichte ist aus, denn kurz und gut, Fanny Malvaut ist meine Frau.«

»Oh, das ist schön von Ihnen!« rief Camilla herzlich.

»Woher dieses Feuer?« fragte der Rechtsgelehrte lächelnd.

»Und Sie sagen so laut,« sprach die Vicomtesse, »daß Ihre Frau Gemahlin nur eine arme Grisette war? Es macht Ihrem Herzen allerdings Ehre, doch was brauchen wir es zu wissen, nicht jeder wird Sie darum nach Verdienst schätzen.«

»Ich weiß, weshalb ich's tat, und schäme mich vor der ganzen Welt deswegen nicht.«

Camilla gab dem Rechtsgelehrten einen heimlichen Wink, wie zufrieden sie mit der Äußerung dieser seiner Gesinnungen sei. Laut aber bat sie ihn, doch forzufahren in der schönen Erzählung (wie sie sie nunmehr nannte), die ihre ganze Teilnahme in Anspruch genommen.


»Wenige Tage nach dieser Unterredung mit Trockenschling promovierte ich. Ich gewann dadurch in den Augen des Wucherers bedeutend an Ansehen. Er konsultierte mit mir stets über die verwickeltsten Angelegenheiten, ohne daß aber von Bezahlungen die Rede war, und obgleich er sich sonst nicht leicht etwas sagen ließ, nahm er meine Vorschläge mit einer Art von Ehrfurcht an. Übrigens stand er sich gut dabei, wie ich mir selbst gestehen muß.

Ich arbeitete anfänglich für einen Advokaten, der mir Tisch und Wohnung anbot. Ich verließ also das Haus meines Wucherers, der weder erfreut noch betrübt darüber schien. Acht Tage darauf besuchte er mich in meiner neuen Wohnung und setzte seine Konsultationen mit einer Dreistigkeit fort, als ob er sie mit schwerem Gelde mir bezahle. Nach Verlauf von zwei Jahren fing mein Prinzipal an zu kränkeln und trug mir seine sämtliche Praxis für die Summe von 70 000 Franken an, wenn ich imstande sei, sie bar zu schaffen. Ein wahrer Spottpreis, denn in zwei Jahren ließ sich das Geld gewinnen. Ich selbst hatte freilich keinen Heller und kannte niemand, der mir eine solche Summe vorschießen würde, außer etwa Trockenschling. – Ich ging zu ihm.

Er empfing mich mit den Worten: ›Nun, mein Sohn, dein Prinzipal verkauft seine Praxis?‹

›Woher wißt Ihr's, denn ich bin der einzige, dem er sie angetragen?‹

›Ich weiß alles – um 70 000 Franken – wo ist diese Summe?‹

›Vater Trockenschling,‹ hub ich an, ›ich will meine Worte nicht verlieren, um Euch meine gegenwärtige Lage zu schildern, ich bin arm, eine Waise, ohne Bekannte, und kann jetzt ein großes Glück machen. – Ihr könnt mir helfen; und da habt Ihr alles. Bei Geschäften geht es nicht wie in Romanen zu, daß man durch Sentimentalität Leute gewinnt. – Ihr wißt aber, daß die Praxis meines Prinzipals jährlich 30 000 Franken einträgt und unter meinen Händen vielleicht 50 000. Wollt Ihr mir also 70 000 Franken auf zwei Jahre leihen, so ist mein Glück gemacht.‹

›Mein Sohn,‹ hub Trockenschling an, ›du hast wie ein Geschäftsmann gesprochen.‹ – Er reichte mir seine Hand. – ›So alt ich bei meinem Handel geworden, fand ich noch keinen, der mit so kurzen Worten mich um eine so große Summe ansprach. – Ja, mein Sohn, dies Zimmer, kahl und ärmlich, ist der Tempel des Erdenglücks. Der ärgste Raufbold, den ein Wort erzürnt, der um einen scheelen Blick den Degen zieht, hier steht er mit gerungenen Händen; hier wird der Stolze demütig; hier suchen Könige Gnade; hier wird ein Welteroberer zahm wie ein Schäfchen; der größte Held, der gekrönte Dichter, der berühmteste Gelehrte, und jeder, der seines Nachruhms sicher ist, hier steht er wie ein sterblicher Mensch, denn Geld braucht jeglicher. – Nun. mein Sohn, ich soll dein Glück hier machen! sprich, – wie alt bist du?‹

›Siebenundzwanzig Jahre!‹

›Deinen Taufschein! mein Sohn.‹

Ich reichte ihm denselben aus meiner Brieftasche. Er las ihn von Anfang bis zu Ende, prüfte jeden Buchstaben, jeden Stempel, jedes Siegel und zuletzt auch das Papier. Endlich sagte er: ›Wir wollen das Handelchen machen.‹

Ein Stein fiel mir vom Herzen.

›25% zieh' ich jährlich von meinen Kapitalien.‹

Ich erblaßte.

›Aus alter Freundschaft will ich von dir nur 24½% nehmen.‹

›Seid Ihr von Sinnen?‹

Er schmunzelte. ›Überleg' dir's, mein Sohn! Leiht dir ein anderer Geld? Ich glaube, du hast nur den einzigen Freund, – du gefällst mir. Leute, die sogleich auf alles eingehen, mag ich nicht.‹

›Wie ist es möglich, daß ich diese ungeheueren Zinsen in einem Jahre aufbringe?‹

›Du sollst sie nicht bezahlen, mein Sohn, sondern deine Klienten.‹

›Nein, bei allen Teufeln!‹ rief ich. ›lieber hau' ich mir die Hand ab, als daß ich Leute betrüge.‹

›Wie du willst, mein Sohn,‹ sprach er mit süßlicher Stimme.

›Adieu!‹

›Höre, mein Sohn! sei nicht so hitzig. Ich werde dich als den besten Rechtsgelehrten allen meinen Kollegen empfehlen. Du sollst so viel zu tun bekommen, daß alle anderen Advokaten vor Neid platzen. Warbrust, Palma, Gigonnet, meine Kollegen, sollen dir alle ihre Pfändungen übergeben, du sollst die doppelte Praxis für diesen halben Preis erlangen.‹

›Das ließe sich hören.‹

›Aber zu meiner Sicherheit muß ich selbst deinem Prinzipal seine Praxis abkaufen.‹

›Ich gebe jede Sicherheit.‹

›Du gibst mir die 70 000 Franken in siebzig Wechseln auf 1000 Franken in blanco akzeptiert.‹

›Wenn nur die hohen Interessen anerkannt werden.‹

›Das ist eine Sache für sich, gilt der andern Praxis, die ich in deine Hände spiele.‹

›Meinethalben.‹

›Meine Prozesse führst du gratis!‹

›Bis auf die Auslagen, die dabei zu machen sind.‹

›Freilich! Und wann kann ich dich besuchen?‹

›Wann Ihr wollt.‹

›Des Morgens hat es seine Schwierigkeiten, wir haben beide unsere Geschäfte.‹

›Des Abends also.‹

›Des Abends mußt du deinen Klienten die Aufwartung machen, und ich muß ins Kaffeehaus beim Pontneuf.‹

›Dann Mittags.‹

›Mittags! mein Sohn, mittags! Nach der Börse. Vorläufig esse ich zweimal in der Woche bei dir. Mittwochs und Sonnabends. – Oh, du kennst mich noch nicht, wie aufgeräumt ich bei einem Glase Wein sein kann. Übrigens nehme ich mit Hausmannskost vorlieb: ein Fasan und ein Gläschen Champagner. – Nicht so?‹

›Dies ist aber das letzte, was ich zugestehe, Vater Trockenschling, kommt noch eine Bedingung, so will ich lieber ein armer Schlucker bleiben.‹

›Nein, mein Sohn! Du bist ein gemachter Mann! Komm nur morgen mit deinem Prinzipal hierher, und wir bringen alles in Ordnung.‹

›Warum habt Ihr so sorgfältig nach meinem Taufschein geforscht?‹

›Mein Sohn, bis zum dreißigsten Jahre darf man sich auf das Wort und die Talente eines jungen Mannes verlassen. Geh, mein Kind, ich baue auf dein Wort, und mache dein Glück.‹

Wir schieden. Die Sache kam in Ordnung. Einen Monat darauf legte ich den Eid ab, damals übernahm ich auch Ihren Prozeß, gnädige Frau, gewann Ihnen Ihre Erbgüter, trotz allen verwickelten Schwierigkeiten der Kaiserherrschaft und der zwiefachen Restauration; dies entschied meinen Ruf, und eher als ich dachte, konnte ich dem Trockenschling sein Darlehn zurückerstatten.

Eines Tages ward ich von einem meiner Kollegen zu einem Garçon-Dejeuner eingeladen. Er gab es infolge einer verlornen Wette einem übelberüchtigten jungen Manne zu Ehren. Dies war ein Original von einem Gecken. Sein Ruhm war, daß kein Frack besser saß als der seine, daß keiner mit so vielem Anstande essen, trinken, spielen und ein Tilbury kutschieren konnte. Er verstand sich auf Pferde, Gemälde, Moden und Damenputz, verzehrte jährlich 100 000 Franken und hatte keinen Heller im Vermögen. Dies unangenehme Wesen drängte sich gewaltsam an mich, so widerwärtig er mir auch war, und so sehr ich ihn zu meiden suchte. Es geht ziemlich bunt bei einem Garçon-Dejeuner her. Ich trank viel, auch er, doch der Wein hatte so wenig Gewalt über ihn, daß er bei aller scheinbaren Trunkenheit auf seinen Vorteil bedacht sein konnte. – Selbst weiß ich nicht, wie es kam, daß, als wir um 9 Uhr abends den Saal verließen, er das Versprechen von mir erhalten hatte, ihn morgen Trockenschling vorzustellen.

Ich hatte mich am andern Morgen eben angekleidet, als das saubre Herrchen eintrat, um mich beim Wort zu nehmen.

»›Mein Herr Vicomte!‹ redete ich ihn an, ›ich glaube nicht, daß Sie meiner bedürfen, um mit Herrn Trockenschling Geschäfte zu machen. Er ist der artigste und umgänglichste von allen Geldwechslern. Wenn Sie ihm Bürgschaft leisten und wenn er Geld vorrätig hat, gibt er es Ihnen gern.‹

»›Mein Herr,‹ entgegnete der Spitzbube dreist, ›es kommt mir nicht in den Sinn, Sie zu einer Gefälligkeit zu zwingen, wenngleich Ihr Wort Sie bindet. Ich hatte gestern die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich mich mit Herrn Trockenschling überworfen, und bat Sie, mich mit ihm auszusöhnen. – Aber wenn es Ihnen unangenehm ist, reden wir nicht mehr davon.‹

Er machte hierbei eine höflich unverschämte Miene, als sei er willens zu gehen, im Fall ich ihm mein Wort nicht halten würde.

Mir blieb nichts übrig, als ihm den Willen zu tun, und ich bestieg mit ihm das Tilbury.

Als wir in der Rue de Grec anlangten, suchte der junge Mensch mit einer Ängstlichkeit und Unruhe umher, die mir auffiel. Er erbleichte, wechselte mit jedem Augenblick die Farbe, er zitterte. Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Wir hielten endlich vor Trockenschlings Haustür und stiegen aus. In diesem Augenblicke entdeckte sein Falkenauge in der Ferne einen Fiaker, worin eine Dame saß. ›Kommen Sie! kommen Sie jetzt!‹ rief er plötzlich wieder hocherfreut. Ein kleiner Knabe wurde herbeigerufen, das Pferd zu halten.

Wir traten ins Haus.

›Herr Trockenschling,‹ hub ich an, ›hier stelle ich Ihnen einen Freund vor, den ich Ihrem unbedingten Vertrauen empfehle. Keinen Heller borgen Sie ihm‹, fügte ich leise hinzu.

›Willkommen, Herr Vicomte!‹ sprach Trockenschling. Dieser ließ sich auf einen Sessel nieder und nahm eine seiner gewöhnlichen, unverschämt liebenswürdigen Stellungen ein. ›Ich brauche Geld.‹ versetzte er kurz.

›Ich habe nur Geld für meine Kunden,‹ antwortete Trockenschling.

›Es ist Ihnen wohl nicht recht, daß ich mich von andern Ihresgleichen plündern ließ,‹ rief jener lachend.

›Sie? – plündern –‹ versetzte Trockenschling ironisch.

›Wollen Sie damit sagen, daß derjenige, der nichts hat, nicht zu plündern sei? – Finden Sie in ganz Paris eine bessere Beute als mich?‹ rief er hitzig, erhob sich und machte eine Pirouette. ›Bin ich nicht der eleganteste Industrieritter auf Erden, kann irgendeine Dame mir eine Summe, so hoch sie sei, verweigern? Leute Eures Schlages‹, fuhr er fort, ›machen einen Schwamm aus mir. Mitten in der großen Welt muß ich mich vollsaugen. damit Ihr mich ausdrückt. – Nur Geduld. Ihr seid auch Schwämme, die der Tod auspreßt.‹

›Das ist möglich.‹

›Was fingt Ihr Geizhälse wohl an, wenn es keine Verschwender gäbe? Wir sind notwendig bedingte Gegensätze.‹

›Das ist wahr!‹

›Das ist möglich, das ist wahr! Ei was! Hier ist meine Hand. Vater Trockenschling, seid christlich!‹

›Sie kommen zu mir‹ entgegnete der Geizhals ruhig, ›weil Girard, Palma, Warbrust und Gigonnet die Möglichkeit von Ihren Wechseln auf dem Halse haben und sie zu 50% allerwegen ausbieten. Weil sie aber wahrscheinlich nur 50% gezahlt, so sind sie keine 25% wert.‹

›Der Mann kennt mich!‹ rief der Vicomte mit unglaublicher Dreistigkeit.

›Kann ich jemandem einen Heller borgen, der 30 000 Franken schuldig ist, kein Vermögen hat und erst vorgestern bei Herrn Lafitte auf dem Balle 10 000 Franken verspielte?‹

›Mein Herr!‹ rief der junge Mensch und ging keck auf den Wucherer zu. ›Was kümmern Sie meine Angelegenheiten, vor dem Termin bin ich nichts schuldig, wissen Sie das?‹

›Gewiß!‹

›Meine Wechsel werde ich bezahlen, wenn sie fällig sind.‹

›Möglich!‹

›Und gegenwärtig handelt sich's darum, ob ich für die begehrte Summe hinlänglich Sicherheit stellen kann?‹

›Getroffen!‹

›Jetzt hole ich, was Sie befriedigen wird.‹

Während des Gesprächs hatte sich das Rollen eines Wagens vernehmen lassen, welcher vor dem Hause hielt. – Der Vicomte verließ das Zimmer.

Trockenschling sprang auf und breitete mir die Arme entgegen. – ›Mein Sohn,‹ rief er, mit der Gier und Freude eines Raubtieres, das sein Futter sieht, – ›oh, welch einen Dienst hast du mir geleistet – das Leben hast du mir gerettet – denn es wäre mein Tod gewesen – Warbrust und Gigonnet wollten mich betrügen, aber jetzt lache ich auf ihre Kosten, hahahahaha! –‹ Er fing an zu lachen, daß mir ein Grausen ankam. – ›Bleib hier, mein Sohn! bleib bei mir‹, fügte er sodann ängstlich hinzu; ›denn so sicher ich meines Anschlags bin, ich fürchte mich vor dem jungen Menschen, er könnte bös werden und mir was zuleide tun.‹

Nach diesem Paroxysmus der Geldgier wurde er wieder ruhig. – ›Ich höre Weibertritte,‹ fuhr er fort, ›gleich, mein Sohn, wirst du eine sehr schöne Dame sehen, von der ich dir schon erzählt habe.‹

Wirklich führte der junge Mann eine hohe Frau von etwa vier- bis fünfundzwanzig Jahren ins Zimmer. Sie war ausnehmend schön. Ich erkannte die Gräfin in ihr, die Trockenschling an jenem Abende geschildert. Der Vicomte war jener junge Mensch mit dem Tilbury. Die schöne Frau mit edlen, stolzen Zügen machte mein ganzes Mitleid rege.

›Mein Herr!‹ hob sie mit schüchterner Stimme an, ›ist es möglich, daß ich den Wert dieser Diamanten in barem Gelde empfange, mir aber zugleich das Recht vorbehalte, sie nach Jahresfrist wieder anzukaufen?‹ – Sie reichte ein Schmuckkästchen hin.

›Allerdings, gnädige Frau!‹ sagte ich. ›Man überträgt den Besitz eines beweglichen oder unbeweglichen Gutes auf eine bestimmte Zeit einem andern und tritt nach Ablauf derselben durch die zurückgestattete Summe wieder in alle Eigentumsrechte.‹

Der junge Mensch runzelte die Stirn. Er dachte vielleicht, auf solche Weise eine geringere Summe für die Diamanten zu erhalten.

Trockenschling betrachtete die Steine durch die Lupe. Seine Wangen röteten sich, seine Augen leuchteten. Er trat ans Fenster, hob bald die Armbänder, bald die Nadeln, bald den Halsschmuck, bald das Diadem aus dem Kästchen, prüfte das Wasser, die Reinheit, das Feuer. ›Schöne Steine,‹ murmelte er. ›Vor der Revolution hätte ich 300 000 Franken dafür gegeben. Schönes Wasser! Zur Kaiserzeit hätte ich noch 200 000 Franken dafür gegeben. – Jetzt‹ – er zuckte die Achseln. ›Brasilien und Asien überschwemmen uns mit Edelsteinen. Man trägt sie nur bei Hofe. – Aber sie sind rein! – Hier ist ein Fleck, hier ein Splitter, hier ein Körnchen – schöne Steine!‹

So gefiel er sich darin, dem schönen Paare, das erwartungsvoll vor ihm stand, erst alle Hoffnungen zu geben, um eine nach der andern wieder zu rauben. Er aber ward freudiger, je länger er die Steine betrachtete. ›Wieviel brauchen Sie?‹ fragte er den Vicomte.

›100 000 Franken auf drei Jahre!‹

Trockenschling langte eine Wage aus einer Schublade seines Schreibtisches hervor, legte den ganzen Schmuck darauf und hielt sie mit sicherer Hand im Gleichgewichte.

Stumm und unbeweglich stand die schöne Gräfin, ihr Begleiter wagte kaum zu atmen.

›Gehören Ihnen die Diamanten?‹ fragte ich.

›Allerdings, mein Herr! Wem sonst?‹ erwiderte sie mit einer stolzen Hebung des Hauptes.

›Willst du den Handel machen?‹ fragte Trockenschling erzürnt.

›Sind Sie verheiratet?‹ fuhr ich fort.

›Ja!‹

›So kann ich die Akte nicht aufsetzen,‹ sprach ich entschlossen.

Eine Träne trat in das Auge der schönen Gräfin, der junge Mensch zitterte.

›Warum?‹ fragte Trockenschling kalt.

Ich sagte: ›Die Frau steht in der Gewalt des Mannes, die Akte ist null und nichtig, und Ihr könnt Euch nicht mit der ignorantia iuris entschuldigen, weil –‹

Mit einer ungeduldigen Bewegung mich unterbrechend, rief Trockenschling: ›80 000 Franken gebe ich.‹

›Aber!‹ – rief der junge Mensch.

›Ja oder nein!‹ – versetzte jener rasch.

›Teure, gnädige Frau!‹ sagte ich ihr leise ins Ohr, ›werfen Sie sich Ihrem Gemahl zu Füßen! Gestehen Sie ihm alles, es ist besser.‹

Trockenschling warf mir einen wütenden Blick zu, der junge Mensch zitterte und bebte. Die Gräfin stand im stummen Schmerze unentschlossen.

Der Vicomte rief endlich in Verzweiflung: ›Leb wohl, Emilie! Sei glücklich mit deinem Gatten und vergiß mich, bald bin ich von allen Sorgen befreit.‹

›Ich nehme Ihr Anerbieten an!‹ sprach die Gräfin hastig und entschlossen.

Der Wechsler stellte eine Anweisung von 50 000 Franken auf die Bank aus und reichte sie der Gräfin. ›30 000 Franken,‹ sagte er zum Vicomte, ›gebe ich Ihnen in Papieren, die so gut sind wie Goldbarren.‹

Boshaft lächelnd überreichte er demselben die eigenen Wechsel, welche sämtlich am Tage vorher mit Protest belegt waren und die er vermutlich sehr wohlfeil von Warbrust und Gigonnet erhandelt hatte.

›Verfluchter Betrüger!‹ rief der junge Mensch in einem Anfall von Zorn, daß ich ihn zu achten anfing.

Trockenschling nahm eine geladene Pistole aus dem Schreibtisch.

›Die Wechsel sind protestiert, die Frau Gräfin hat diese Diamanten für sie verpfändet, ich nehme sie in Beschlag. Madame mag sie reklamieren. Für die Injurie gibt es eine Klage, und gegen Gewalt habe ich Waffen.‹ Kaltblütig spannte er den Hahn seiner Pistole.

›Entschuldigen Sie sich!‹ gebot die hohe Frau dem Marquis.

Dieser stammelte gehorsam: ›Ich wollte Sie nicht beleidigen!‹

›Das weiß ich wohl,‹ sprach Trockenschling, ›Sie wollten bloß Ihre Wechsel nicht bezahlen!‹

Die Gräfin empfahl sich, der Vicomte mußte ihr folgen, aber an der Tür wandte er sich noch einmal um: ›Hör', du goldfressendes Ungeheuer,‹ rief er Trockenschling zu, ›30 000 Franken hast du mit deinen Zähnen und Krallen mir entrissen. Behalt sie, es ist gut. Sieh aber, in welcher Stimmung ich bin, und erlaube dir jetzt die mindeste Indiskretion, sei es um welchen Vorteil es sei, und ich schaffe dich hin, wohin dir alles Gold nichts nützt. – Verstehst du mich! und Sie ebenfalls, mein Herr Rechtsgelehrter,‹ wandte er sich drohend zu mir. ›Ihnen gilt dasselbe.‹ Er ging.

›Die Diamanten sind mein! die Diamanten sind mein!‹ jubelte Trockenschling und hüpfte vor Freuden, – ›welche Diamanten! schöne Diamanten! – O Warbrust und Gigonnet, wollt ihr den alten Trockenschling anführen? Die werden Augen machen, wenn ich's ihnen heut abend bei einer Partie Domino erzähle. Ja, mein Sohn! heut esse ich bei dir, und du wirst Wein und Speisen die Möglichkeit auftischen, denn ich bin sehr froh und muß mir was zugute tun! Solch ein Coup gelang mir seit langem nicht.‹

›Ich habe nichts mit dir zu schaffen!‹ versetzte ich mit einem inneren Schauder. – ›Mensch! wie magst du bei deiner Bosheit leben? – Brennt dir das Geld nicht auf der Seele? Kannst du nachts ruhig schlafen? Wie mag solch ein Mensch, wie der Vicomte, nur leben, oder wie mag's die Gräfin, und sie ist verheiratet, hat auch wohl Kinder? – Wie beklagenswert seid Ihr alle.‹

›Gehst du so mit deinem Wohltäter um?‹ sprach Trockenschling erzürnt. ›Du Hungerleider! habe ich deshalb dich zu einem ordentlichen Menschen gemacht, damit du mir Moral predigst? Geld! ja, Geld soll Trockenschling einem jeden borgen, wenn er es nicht verdient; – du siehst ja, nicht einmal ein Mittagbrot kann man umsonst erhalten, obendrein von einem Menschen, den man glücklich gemacht.‹

Mürrisch setzte er sich in einen Winkel, öffnete die Ofenröhre, wo sein Frühstück noch stand. Er goß die Milch zum Kaffee, den er ohne Zucker trank, und tauchte ein kleines Weißbrot hinein. – ›Willst du mit mir frühstücken, mein Sohn?‹ fragte er; ›ich bin nicht wie du, ich gebe dir gerne eine Tasse Kaffee ab.‹

Hastige Schritte ließen sich auf dem Korridor vernehmen, und bald klopfte es heftig an die Tür.

›Herein!‹ rief Trockenschling.

Ein feingekleideter Mann von etwa fünfunddreißig Jahren mit bleichem Gesicht und zornigen Mienen trat ein.

›Mein Herr!‹ wandte er sich zum Wechsler, ›war das nicht meine Frau, welche soeben von Ihnen ging?‹

›Kann sein!‹

›Nun, mein Herr?‹

›Nun?‹

›Haben Sie nicht gehört, ob meine Frau bei Ihnen war?‹

›Ich habe weder die Ehre, Sie noch Ihre Frau Gemahlin zu kennen. Es waren allerlei Menschen diesen Morgen schon bei mir, Damen ebenfalls, und es wäre viel gefordert, sie alle zu kennen.‹

›Ich rede von der Dame, welche Sie soeben verließ.‹

›Kann ich denn wissen, ob es Ihre Frau war, habe ich Sie oder Ihre Frau Gemahlin jemals im Leben gesehen?‹

›Allerdings! mein Herr! Ich fand Sie bei meiner Frau im Zimmer. Sie brachten einen Wechsel, den meine Frau unterzeichnet und dessen Wert sie nicht erhalten hatte.‹

›Was kümmert's mich, wer den Wert erhalten, ich hatte jenen Wechsel von meinem achtbaren Freund, Herrn Gigonnet, gekauft, übrigens, mein Herr (er schlürfte behaglich seinen Kaffee), ist dies mein Zimmer, und ich kann hier sagen und nicht sagen, was ich will, denn ich bin mündig!‹

›Sie haben eben Diamanten gekauft, und zwar zu sehr niedrigen Preisen.‹

›Was gehen meine Geschäfte Sie an, Herr Graf?‹

›Die Diamanten sind Familiengut.‹

›So hätten Sie Zirkulare an alle Juweliere in Paris umhersenden sollen. Übrigens hätte Ihre Frau Gemahlin sie dann immer noch einzeln verkaufen können.‹

›Kennen Sie meine Frau?‹

›Gewiß.‹

›Die Frau steht unter der Gewalt des Mannes!‹

›Möglich.‹

›Folglich kann sie nicht über Diamanten verfügen.‹

›Wenn Ihre Frau Gemahlin Wechsel ausstellt, kann sie auch Diamanten verkaufen, und ich kenne Ihre Familienkleinode nicht.‹

›Gut, mein Herr, das wird sich vor Gericht finden.‹

›Glück zu!‹

›Dieser Herr ist Zeuge des Kaufs!‹

›Kann sein!‹

Der Graf wollte zornig das Zimmer verlassen, ich rief ihn zurück und sagte: ›Mein Herr, ich bin es meinem Gewissen und meinem Stande schuldig, Ihnen zu erklären, daß Herr Trockenschling die Diamanten gekauft hat, und zwar zu einem sehr niedrigen Preise, wie er selbst als ein ehrlicher Mann eingestehen muß, zumal, wenn ich als Zeuge des Kaufes es behaupte. Aber der Wiederkauf steht Ihnen nach einer freundschaftlichen Übereinkunft zu. Herr Trockenschling kann nichts dawider haben. Zu einem Prozesse indessen rate ich nicht, er würde immer zweifelhaft bleiben, und die Ehre ihrer Frau Gemahlin leidet nicht allein darunter.‹

Der Wechsler blickte mich an, als wolle er sagen: ›Du Undankbarer, habe ich dich deswegen zum Rechtsgelehrten gemacht?‹ Er tauchte hierauf ruhig das Brot in den Kaffee und fragte essend den Grafen: ›Wollen Sie die Diamanten für meine Auslage wiederhaben? Ich gab 80 000 Franken dafür.‹

›Die erstatte ich Ihnen sogleich mit tausend Dank.‹

›Schreib es unter die Akte, mein Sohn,‹ wandte er sich mit sanfter Stimme zu mir, ›daß ich den ganzen Handel für meine Auslage dem Grafen übertrage. – Mein Herr Graf, die Ehre gilt mir mehr als das Geld, der Handel könnte mich in ein nachteiliges Licht stellen.‹

Die Übertragung ward in Richtigkeit gebracht, der Graf dankte dem Wucherer und drückte mir die Hand.

›Mein Herr!‹ begann Trockenschling mit einem Male wieder, ›haben Sie Kinder?‹

›Wozu die Frage?‹

›Oh, meinem Scharfblicke entgeht nichts, ich errate Ihre ganze Lage. Ihre Frau Gemahlin ist, mit Permission, ein kleiner Teufel, indessen Sie lieben sie, und wer sollte die schöne Frau nicht lieben? – Aber Sie möchten gern Ihren Kindern das Vermögen sichern, nicht so? – Ihre Frau Gemahlin hat viele Gewalt, zumal über Sie, und dürfte bei Ihren Lebenszeiten noch gar viel verschwenden. – Stürzen Sie sich zum Schein in den Strudel der großen Welt, besuchen Sie Spielhäuser, oder kommen Sie nur oft zu mir, so wird es von selbst schon heißen: ich habe Sie ruiniert. Ich mach' mir nichts daraus. – Alsdann verkaufen Sie mir zum Schein alle Ihre Güter, ich gebe Ihnen Gegenpapiere vom selben Wert in die Hände; machen Sie ruhig Ihr Testament und deponieren Sie dasselbe bei den Gerichten, dann hat Ihre Frau Gemahlin keinen Kredit mehr, die Notwendigkeit macht sie vielleicht anderen Sinnes, denn Not hat vielen Einfluß auf das menschliche Gemüt, wenigstens können Sie mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß sie Ihnen die letzten Lebenslage nicht verkümmert, wie sicher geschehen würde, wenn Sie bei so gerechten und notwendigen Plänen offen zu Werke gingen.‹

Der Graf stand traurig nachdenkend.

Trockenschling fuhr mit aller Gutherzigkeit, die er in den Ton seiner Stimme irgend legen konnte, fort: ›Den Leichtsinnigen bin ich ein Feind, den Unterdrückten, Leidenden, Gerechten helfe ich gern, zumal wo es mich nichts kostet. – Die Leichtsinnigen betrachte ich als meine natürliche Beute: so stellen Tiger den Gazellen nach, Wölfe den Schafen, Falken den Tauben. Aber wie die Ägypter die Schlangen verehren, die ihnen das Ungeziefer wegfangen und verspeisen, so solltet Ihr wackeren Leute die Geizigen verehren, welche euch die Verschwender auffressen. Viele habe ich ruiniert, aber da (er deutete auf mich) steht ein gemachter Mann durch mich. Was ich an ihm getan, wiegt hundert Verschwender auf, die ich zugrunde richten half, weil sie selbst sich zugrunde richten wollten. Gewissermaßen habe ich ihren Weg zur Besserung nur beschleunigt, denn nicht eher bessert sich der Verschwender, als bis er sein Vermögen durchgebracht. – Mein Herr Graf, was ich Ihrer schuldigen Gemahlin geraubt, wende ich den unschuldigen Kindern zu. Hier steht ein Rechtsgelehrter, er mag urteilen, ob ich Ihnen einen guten Rat gebe oder nicht, – mir aber erlauben Sie, den ganzen Handel ohne den mindesten Profit zu betreiben, denn ich halte dies für Menschenpflicht.‹

Ich sah den Geizhals groß an, zum ersten Male in meinem Leben hörte ich ihn auf solche Weise reden, zugleich hatte er aber diese Worte mit einer Pretention auf seine Tugend und Menschenliebe gesprochen, daß ich ihm nicht trauen durfte.

›Edler Mann!‹ sprach der Graf matt und leise, ›wir reden weiter darüber.‹ Er faßte Trockenschling und mich bei der Hand. ›Welche guten, herrlichen Menschen habe ich bei dieser Gelegenheit kennen lernen!‹ rief er mit nassen Blicken, sodann empfahl er sich und ging.

›Er muß dir die Akte bezahlen, denn er hat den ganzen Handel übernommen,‹ rief Trockenschling, wie der Graf kaum das Zimmer verlassen hatte.


Kurze Zeit nach diesem Auftritt besuchte mich der Graf auf meinem Zimmer. – Er hatte sich sehr verändert, der Gram hatte sein Gesicht verzerrt, ihm alle Lebensfarbe geraubt, er glich einer wandelnden Leiche.

›Mein Herr!‹ redete er mich an, ›Sie haben mein volles Vertrauen gewonnen: ich komme sehr wichtiger und delikater Angelegenheiten halber.‹

›Ich steh' zu Diensten!‹ Wir setzten uns.

›Ich fühle mich sehr matt und bin darauf bedacht, meine Geschäfte für diese Welt in Ordnung zu bringen. – Mir bleibt kein anderer Weg, als den mir Herr Trockenschling vorgeschlagen, um meinem ältesten Sohne alle meine Güter zu vermachen.‹

›Sie wollten Ihre Frau und Ihre jüngeren Kinder enterben?‹

›Dem Arzt und Advokaten darf man nichts verschweigen,‹ begann der Graf schmerzlich. ›Ich habe Grund, sie nicht für meine Kinder zu halten. Sie sind jenes Wüstlings, den Sie kennen, der mein teures Weib verführt und verdorben hat.‹

›Mein Herr! die Gesetze verlangen, daß Sie Frau und Kinder auf ein Pflichtteil setzen, wenn Ihr Testament gültig sein soll.‹

›Das soll geschehen! Aber meine Gattin darf von dem Testament nichts wissen, sie muß glauben, daß ich mein Vermögen verspielt, verschwendet, durchgebracht. Ich habe ihr schon allen Anlaß gegeben, daß sie es glaublich findet, doch auf Kosten meines Lebens. Dies Schwärmen in der großen Welt, ohne Lust daran, hat mich krank und schwach gemacht, ich habe auch keinen Mut mehr, ihr geradezu entgegenzutreten, und muß zu dem segensreichen Betrug mich entschließen.‹

›Trauen Sie dem Wucherer nicht, mein Herr.‹

›Oh! Sie verkennen den lieben, edlen Mann. Er weiß, wie Sie von ihm denken; Sie sind, wie er mir sagte, zu gutherzig, um sein strenges Verfahren gegen leichtsinnige Verschwender zu billigen. Er hilft dafür manchem wackeren Mann. War er nicht Ihr Wohltäter?‹

›Um 50%, o ja!‹

›Von mir nimmt er keinen Heller für das Geschäft.‹

›Um so gefährlicher! Er muß seinen Vorteil haben, wenn ich ihm trauen soll.‹

›Es soll geschehen, wenn Sie wollen, und er sich nicht beleidigt findet, übrigens bin ich ihm mein Vertrauen schuldig, er durchschaute meine traurigen Verhältnisse beim ersten Blicke, er erfand diese heilsame List. Ich erspare mir das Erröten vor einem dritten, wenn ich Sie beide in meinen Plan ziehe, von einem minder redlichen Manne hätte ich obendrein zu befürchten, daß er alles der Gräfin entdeckte, die es ihm lohnen, mich aber totquälen wird.‹

›Ich werde ihm auf die Finger sehen.‹

›Er hat Sie als Inhaber der Reversalien vorgeschlagen.‹

›Das ist gut, denn er ist reich und sicher, und habe ich nur Reversalien, so ist nichts zu fürchten.‹

›Wann kann ich Sie deshalb sprechen?‹

›Wann Sie wünschen.‹

›Ich werde zu Ihnen kommen, wo ich aber zu matt und krank werden sollte, sende ich nach Ihnen.‹

Er erhob sich von seinem Sessel und wankte, – ich eilte ihm zu Hilfe, er fiel in meine Arme. ›Lassen Sie nur,‹ sprach er tonlos, ›es geht schon vorüber.‹ – Ich geleitete ihn zu seinem Wagen und half ihm einsteigen. –


Der Scheinkauf mit Trockenschling war zustande gebracht, aber um die Gräfin nichts merken zu lassen, sollte ich erst am andern Tage gerufen werden, um die Reversalien in Empfang zu nehmen.

Der schlaue Geizhals indessen hatte es zu hintertreiben gewußt: mit seinen Papieren in der Tasche war er zur Gräfin gegangen und hatte ihr gesagt: ›Schöne, gnädige Frau! Sie sind eine alte Kundschaft von mir, und ich habe Proben, daß ich meinen Profit finde, wenn Sie Vermögen und Kredit haben. Hören Sie also. Ich weiß, es wird Sie nicht erschrecken, wenn ich Ihnen sage, Ihr Gemahl liegt auf dem Sterbebette, und er ist willens, sein Testament zu machen. Sie werden leicht einsehen, wieviel vorteilhafter es für Sie ist, wenn er ab intestato stirbt, weil Sie alsdann das Vermögen in Händen behalten. Übrigens kann ich Ihnen soviel versichern, daß der Herr Graf aus kränklicher Laune und mürrischer Grillenhaftigkeit behauptet, daß Sie eine Verschwenderin und die jüngeren Kinder nicht die seinigen sind. Hüten Sie sich also vor einem Testamente, er könnte Sie samt Ihren Kindern enterben. Sie werden das alles selbst erfahren, wenn Sie seine Äußerungen auf dem Krankenbette belauschen. Sie sind Frau im Hause, sollte er nach einem Advokaten oder nach den Gerichten verlangen, lassen Sie niemand zu ihm. Leben Sie wohl.‹

Die Worte des Wucherers fruchteten nur allzuwohl. Die Liebe der Gräfin zu ihren jüngeren Kindern, die Besorgnis vor ihrer eigenen Zukunft machten sie zu allem fähig. Schon als der Graf auf Trockenschlings Rat sich zum Schein in die Freuden und Zerstreuungen der großen Welt gestürzt hatte, war es zwischen beiden Eheleuten zum offenbaren Bruch gekommen. Jetzt, da ihr Gemahl krank und bettlägerig geworden, war sie unumschränkte Gebieterin im Hause und traf ihre Maßregeln nur allzugut. Sie verließ das Haus nicht mehr, saß den ganzen Tag in einem Zimmer, welches durch eine leichte Wand von der Krankenstube getrennt war, und in welchem sie jedes Wort und jede Bewegung des Sterbenden belauschen konnte. Nachts schlief sie in demselben Zimmer auf einem Feldbette, das Abend für Abend dicht an die Wand bereitet und morgens wieder weggetragen werden mußte. Niemand als der Arzt und ein Kammerdiener, Joseph, durften um den Kranken sein, beide waren zum Vorteil der Gräfin gestimmt; ersteren, vermutlich ihrer Anbeter einen, hatte sie durch Tränen, durch Zeichen des Kummers und des Vertrauens, welche bei einer schönen Frau um so verführerischer sind, ganz auf ihre Seite gebracht, den letzteren hatte sie durch Geld gewonnen.

Mir blieb indessen dies alles ein Geheimnis, und weil mehrere Wochen bereits verstrichen waren, ohne daß der Graf zu mir schickte, suchte ich Trockenschling auf, den ich fragte, wie es mit dem Testament und dem Scheinkauf der Güter des Grafen stände.

Dieser erwiderte: ›Es läßt sich bei dem besten Willen mit dem Grafen nichts anfangen. Er ist ein Schwächling, hat alle Warnungen und guten Ratschläge, die ich ihm gegeben, aus jenem Egoismus der Kränklichkeit vermutlich unterlassen, die Sache also bleibt beim alten, wir müssen ihr den Lauf lassen, denn es ist schlimm, sich zwischen Eheleute mitten inne zu stellen.‹

Ich konnte dies nach meiner letzten Unterredung mit dem Grafen nicht glauben und beschloß, mich selbst von dem Stand der Angelegenheiten zu unterrichten.

Ich begab mich nach dem Hotel Rue de Helder, man führte mich zur Gräfin. Ich fand sie in Trauer und Tränen, zu beiden mochte sie wohl Ursache haben; sie spielte die zärtliche Gattin und die sorgliche Krankenpflegerin und schlug mir die Bitte, den Grafen zu sprechen, rund ab.

›Gnädigste Frau!‹ versetzte ich, ›nicht Neugier noch sonst ein nichtiger Umstand, sondern die dringendsten Angelegenheiten machen ein Gespräch zwischen mir und dem Grafen notwendig.‹

›Können Sie es mir nicht vertrauen, mein Herr?‹ versetzte sie mit einem schmachtenden Blicke, ›meines Gatten und meine Angelegenheiten sind dieselben.‹

›Was mich hierher führt, gnädige Frau, betrifft allein den Grafen.‹

›Er schläft in diesem Augenblick, bei seinem Erwachen will ich ihn von Ihrem Besuche benachrichtigen. Sie haben wohl die Güte, Ihre Adresse hier zu lassen.‹

›Der Graf weiß meine Wohnung‹, versetzte ich und stand auf.

›Sehr wohl, mein Herr,‹ entgegnete die Gräfin. ›Der Graf soll von Ihrem gütigen Besuche unterrichtet werden, wie sein Befinden es nur einigermaßen erlaubt.‹ Nach diesen Worten verabschiedete sie mich auf keine besonders freundliche Art, und ich empfahl mich, weil ich nicht weiter in dieser Sache gehen durfte.

Die ganze Welt lobte das Benehmen der Gräfin gegen ihren Gemahl, hielt ihre Anstalten für zärtliche Aufmerksamkeit gegen den Sterbenden und pries sie als ein gutherziges, gefühlvolles Weib. – Ich dachte nicht anders, als daß beide sich versöhnt hätten und die Ränke, zu denen Trockenschling geraten, unterblieben wären.

Eines Morgens, da der Graf erwachte, es mochten wohl zwei Monate nach meinem Besuche verstrichen sein, befand sich niemand um ihn als Ernst, sein ältester Sohn.«

»Ernst?« unterbrach die schöne Camilla den Erzähler.

»Ja, Ernst!« sprach der Rechtsgelehrte, »und ich erzähle Ihnen die Geschichte des Grafen und der Gräfin Restaud. Hören Sie nur aufmerksam zu, damit Sie die Dame kennen lernen, die Sie – der Verlauf meiner Geschichte wird es rechtfertigen, daß ich so sage – die Sie zur Schwiegermutter wünschen.«

»›Wie geht es dir, lieber Vater, leidest du noch sehr?‹

Der Graf legte die mageren Finger auf die Brust. ›Bald, mein Sohn,‹ sprach er, ›habe ich ausgelitten, es zieht sich schon alles zum Herzen.‹

Ernst weinte. Sein Vater gebot ihm, hinauszugehen und Joseph, den Kammerdiener, zu ihm zu senden; dieser kam. ›Joseph!‹ sprach der Kranke mit matter Stimme, ›sieben- oder achtmal bist du bei meinem Advokaten gewesen, warum kommt er nicht? Geh' gleich zu ihm, er muß auf der Stelle zu mir kommen, ich muß ihn sprechen, ehe ich sterbe, wo nicht, stehe ich auf und gehe selbst zu ihm, und sollte es mein Tod sein!‹

Joseph ging zur Gräfin und fragte, wie er sich zu verhalten habe. Sie befahl ihm, sich zu stellen, als ob er ginge, und bei seiner Rückkehr den Bescheid zu bringen, daß ich eines wichtigen Prozesses halber eine Reise angetreten, von der ich erst nach acht Tagen zurückerwartet würde. Vielleicht dachte sie, der Kranke bilde sich ein, bis dahin noch zu leben, der Arzt aber hatte ihr schon bessere Auskunft gegeben, daß der Graf nämlich den dritten Tag nicht mehr erleben würde.

Als Joseph mit der falschen Nachricht heimkehrte, ward der Sterbende sehr unruhig. ›Großer Gott! gütiger Gott!‹ hörte ihn die Gräfin im Nebenzimmer rufen, ›jetzt bau ich ganz allein auf dich!‹ –

Bald darauf kam Ernst wieder zu ihm. Der Vater sah ihn lange schweigend an. Endlich wandte er sich liebkosend mit folgenden Worten zu ihm:

›Ernst! du bist zwar noch jung; und wenn dein Geist auch noch nicht reif ist, dein gutes Herz wird leicht begreifen, welch' heilige Pflicht es ist, den letzten Wunsch eines Sterbenden, eines Vaters zu erfüllen.‹ –

Ernst schluchzte laut.

›Mein Sohn!‹ fuhr der Kranke fort, ›du weißt, ich habe dich mehr als alle deine Geschwister geliebt, mehr als deine Mutter selbst dich liebte. – Heut, mein liebes Kind, bist du der einzige, dem ich mich anvertrauen kann, denn alle verraten sie deinen armen, sterbenden Vater. – Sei du mir treu und verschweige, was ich dir jetzt anvertraue, so daß selbst deine Mutter nichts davon weiß. – Versprichst du mir das?‹

›Gewiß, mein Vater.‹

›So höre, mein liebes Kind! Ich will dir ein Paket geben, das meinem Advokaten zukommen muß. Verbirg es vor jedermann. Suche, unbemerkt aus dem Hause zu kommen, und wirf es in die erste, beste Briefschachtel auf der Straße. Willst du das tun?‹

›Ja, lieber Vater!‹

›Kann ich mich darauf verlassen?‹

›Sicherlich!‹

›Küsse mich mein Kind! – Du erleichterst mir die Sterbestunde, und wenn du einst zu Jahren gekommen, dann wirst du die Wichtigkeit dieses Geheimnisses einsehen: dann wirst du reichlich für deine Treue und Geschicklichkeit belohnt sein: dann wirst du wissen, wie sehr ich dich liebte. Jetzt geh, mein süßer Knabe, laß mich allein und sorge dafür, daß niemand mich überrascht.‹

Ernst ging. An der Tür stand seine Mutter. Das Schluchzen des Kindes hatte sie herbeigelockt, sie hatte das Ohr ans Schlüsselloch gelegt, und kein Wort des Grafen war ihr entgangen.

›Ernst!‹ sprach sie, ›komm einmal her!‹ Sie fühlte, daß dieser Augenblick der entscheidende sei, und, sich vergessend, schloß sie ihren Sohn in die Arme, benetzte ihn mit ihren Tränen und rief laut: ›Kind! was habe ich dir getan, daß du mich unglücklich machen willst?‹

›Ich, liebe Mutter?‹

›Wenn du tust, was dein Vater dir geheißen; so wirst du freilich ein reicher Mann, aber ich und deine Geschwister werden betteln müssen. Lieber Ernst! ich habe dich von jeher geliebt, habe dich gepflegt und für dich gesorgt. – Willst du das in meinem Alter aus mir machen?‹

›Liebe Mutter! Ich will dir nichts zuleide tun.‹

›Ach, liebes Kind! Böse Menschen haben mich bei deinem Vater angeschwärzt. Er ist kränklich, mürrisch, argwöhnisch, er haßt mich und deine Geschwister. Er will uns arm, unglücklich machen, und weil er krank ist, kann ich nicht mit ihm reden und es hindern. Mein teurer Sohn, wenn du dem Vater gehorchst, bin ich und deine Geschwister ewig unglücklich.‹ Mit einem heftigen Schrei unterbrach sie die unvorsichtigen, lautgeführten Klagen. Sie hatte nicht bedacht, daß der Graf in seinem Zimmer ebensogut hören könne, was in dem ihrigen gesprochen würde, wie sie, was in jenem vorging.

Plötzlich stand er vor ihr, bleich, schmal, entstellt wie ein Gespenst. – ›Oh, du Schändliche!‹ sprach er mit hohler Stimme, ›das tust du einem Sterbenden?‹

›Um Gotteswillen, lieber Mann! wenn du mich je geliebt, enterbe die Kinder nicht. Zürne auf mich, mich laß hungern und betteln, aber die kleinen, unschuldigen, zarten Geschöpfe, was können sie für die Laster ihrer Mutter? – Ja, ich gestehe, ich habe dich beleidigt, doch was ich auch verbrochen, laß nur die Kinder die Rache nicht fühlen. Dir tut auch bald Gnade not, du stehst mit einem Fuße im Grabe, vergib – nicht mir – nur den lieben, unschuldigen Kindern.‹

Sie wollte seine Knie umfassen. Mit einem Schauder wandte sich der Graf von ihr. – ›Rühr' mich nicht an! Du machst mich starr und eiskalt, du tötest mich!‹ – Tot sank er zu Boden. Die unglückliche Gräfin stürzte ohnmächtig auf ihres Gatten Leichnam nieder.

Ernst fing an zu schreien. Alle Diener eilten hinzu, der Graf ward in's Bette getragen. Die Gräfin erholte sich; kaum hatte sie ihre Besinnung wieder erhalten, als sie Ernst nebst allen Dienern befahl, sie allein zu lassen. Das verständige Kind jedoch war kaum aus dem Zimmer, als es spornstreichs zu mir eilte und mit allem Entsetzen und kindischem Schmerze, welchen sein junges Herz über einen solchen Auftritt empfinden mußte, das Vorgefallene mir erzählte. – Ich eilte mit ihm zurück. Die Tür war verschlossen, ich sprengte sie, und welch ein Anblick eröffnete sich mir!

Es war kaum eine halbe Stunde seit dem Tode des Grafen verstrichen, und schon hatte die Gräfin alle Schatullen, Schränke, Kommoden, Schreibtische erbrochen, um nach dem Testamente zu suchen, von welchem Trockenschling ihr gesagt hatte. Der Boden war mit Papieren, Briefen, Büchern und Schriften bedeckt. Sie selber stand in dem unordentlichen Zimmer wie eine Furie mit fliegenden Haaren, die Gewänder in Unordnung; und neben ihr lag der Leichnam mit gräßlich entstellten Zügen, die die letzten fürchterlichen Gemütsbewegungen verrieten, die ihm den Tod zugezogen. Das irre Auge der Gräfin starrte nach dem Kamin. Meine Blicke folgten den ihren dahin. Die Flamme verzehrte ein versiegeltes Paket, dessen Aufschrift, an mich lautend, noch zu lesen war. Sie mußte es kurz zuvor gefunden haben, als es mir gelang, die Tür zu erbrechen.

›Um Gotteswillen!‹ rief ich, ›Gnädige Frau! was tun Sie? Sie vernichten Ihr Vermögen und das Ihrer Kinder.‹ Ich stürzte nach dem Kamin, riß das an allen vier Ecken glimmende Paket aus den Flammen, verbrannte mir Hände und Kleider – zu spät! Was ich gerettet, konnte höchstens nutzen, meinen Argwohn zu rechtfertigen. Ich zeigte der Gräfin, daß sie die Reversalien des Scheinkaufs verbrannt nebst dem Testament, welches keine Rechtskraft gehabt haben würde, weil es nicht gerichtlich war. Die Gräfin stand versteinert. –

In diesem Augenblick trat Trockenschling mit Gerichtsdienern ein. Hastig verbarg ich die halbverbrannten Papiere in der Brusttasche. Als er die Unordnung des Zimmers, die erbrochenen Kisten und Kasten gewahrte, verfärbte er sich. ›Diebe! Betrüger!‹ rief er, ›dies Haus ist mein mit allem, was darin ist. Der Graf ist mir 800 000 Franken schuldig!‹

Die Gräfin wollte reden. Ein bedeutender Blick von mir verwies sie zum Stillschweigen.

›Mäßigen Sie sich, Herr Trockenschling,‹ sprach ich, ›es existieren die Papiere, daß Sie die 800 000 Franken nie gezahlt haben.‹

›Setzen Sie der Gräfin doch solche Dinge nicht in den Kopf. Mein ist der ganze Nachlaß des Grafen, und ich bitte Sie, dies Haus zu räumen, ehe ich gezwungen bin, Gewalt zu gebrauchen.‹

›Wollen Sie mich in meinen Augen zum Betrüger stempeln? – Oh!‹ fügte ich mit mehr Erbitterung hinzu, als einem Rechtsgelehrten ziemte, – ›Ihr Spiel ist gefährllcher als Sie denken.‹

Die Gräfin begann wieder mit Tränen der Verzweiflung: ›Barmherziger Himmel, rechne mir nicht zu, was ich tat. Ich bin ein unvernünftiges Weib, eine Mutter, die ihrer Kinder halber zur Verbrecherin ward. Dieser lachende, bleichsüchtige Teufel hat mich vermocht, meinen Gatten totzuquälen, das Vermögen meiner Kinder zu vernichten! Wenn du Witwen und Waisen schützest, laß diesen schändlichen Anschlag nicht gelingen!‹

›Um Gotteswillen, schweigen Sie,‹ unterbrach ich die Gräfin; ich fürchtete nämlich, daß sie dem Wucherer das Schicksal der Papiere verriete, und es lag mir alles daran, ihn darüber in Unwissenheit zu lassen, um ihn auf diese Weise in seinem betrügerischen Vorhaben irre zu machen.

Trockenschling versetzte: ›Schöne Frau! Ich habe Nachsicht mit Ihrer Lage, die allerdings traurig ist, und vergebe Ihnen von Herzen gern die Beleidigung.‹

›Frau Gräfin,‹ hob ich an, ›Gott wird Ihr Gebet erhören. Sie und Ihre betrogenen, verwaisten Kinder stehen unter meinem Schutze. Denn so wahr ich ein Rechtsgelehrter bin, hoffe ich, zum großen Nachteil Ihres Räubers den Raub ihm zu entreißen. – Von einer Pfändung, Herr Trockenschling, zu der Sie alle Anstalten gemacht haben, kann nicht die Rede sein. Die Gräfin muß ihr Eigentum erst völlig von dem ihres Gemahls trennen.‹

›So müssen wenigstens die Zimmer versiegelt werden,‹ rief jener.

›Das kann geschehen,‹ versetzte ich.

Nachdem alle Zimmer mit dem Siegel des Gerichts belegt waren, verließ ich das Hotel. Ein Diener eilte mir nach und gestand mir, Trockenschling habe ihn bestochen, ihn täglich vom Befinden des Grafen sowie von allem, was im Hause geschehe, zu benachrichtigen, vor allem aber es ihm anzuzeigen, wenn der Graf sich seinem Ende nahe.

Er hatte also darauf gerechnet, daß bei dem Zwiespalt, den er zwischen beiden Eheleuten angestiftet, der Graf sterben würde, ohne seiner Gattin die Reversalien einzuhändigen. Er selber wollte dann den ersten Schreck und die Verwirrung benutzen, sich in den Besitz des ganzen Hauses versetzen, um der Papiere sich zu bemächtigen und sie zu vernichten. Dies wäre auch geschehen, hätte die Gräfin nicht ihres Mannes Zwiegespräch mit Ernst belauscht und hätte das verständige Kind mich nicht zur rechten Zeit herbeigerufen.

Dieses alles habe ich Ihnen in der Zeitfolge, wie es geschah, erzählt. Ich erfuhr den Zusammenhang erst nach und nach im Laufe des Prozesses.

Jetzt bleibt mir nicht viel mehr zu sagen übrig. Der Prozeß wurde eingeleitet. Mein Zeugnis, die Aussage der Gräfin und des Dieners wurden auf eine Weise abgelegt, daß der ärgste Schein sogleich gegen Trockenschling sprach; sein erster Sachwalter trat zurück und wollte mit einer so unsaubern Angelegenheit nichts zu schaffen haben. Direkte Beweise ließen sich indessen nicht aufbringen. Die Papiere, wie sie waren, konnten nicht gebraucht werden, und ich hatte der Gräfin eingeschärft, nichts von dem Verbrennen derselben laut werden zu lassen.

Trockenschling war auf die Grafschaft wie versessen. Er bezog allein das große Hotel des Grafen und verkaufte kein einziges der vielen und reichen Möbel. Ich wußte den Umstand, der ganz von seiner sonstigen Lebensweise abwich, mir wohl zu erklären. Er suchte Tag und Nacht nach den entscheidenden Papieren, deren Vernichtung ihm erst den Besitz der Grafschaft zusicherte. Natürlich konnte er sie nicht finden, und darauf bezog ich die Veränderung, die sich in seinem ganzen Wesen zeigte: er ward bleicher, älter, sein Benehmen ward unsicher, zerstreut. Die ernsten Folgen seines Frevels wirkten sichtbar zerstörend auf ihn ein, und es ließ sich absehen, wieviel Schlimmeres im Hintergrunde noch auf ihn wartete. Doch um Sie nicht mit der Erzählung des Prozesses zu ermüden, will ich nur kurz berichten, auf welche Weise ich ihn gestern zur Entscheidung brachte. – Nach jahrelanger Mühe hatte ich Trockenschling dahin gebracht, daß er einen Eid ablegen mußte, dem Grafen wirklich die Summe von 800 000 Franken bar geliehen zu haben. – In dem Augenblick, da er hintreten wollte und den Eid ablegen, rief ich: ›Halt! Ich muß Herrn Trockenschling, bevor er schwört, noch ein Wort sagen.‹

Es wurde mir gestattet.

›Gewisse Papiere, Herr Trockenschling, sind noch nicht vernichtet,‹ begann ich mit lauter Stimme. ›Ich warne Sie daher, einen Eid abzulegen, solange die Existenz derselben möglich ist.‹

›Was wollen Sie damit sagen?‹ fragte Trockenschling.

›Ich weiß, daß Sie die Papiere nicht gefunden. Gut, schwören Sie, oder besser, Sie schwören nicht und geben das Eigentum dem rechtmäßigen Besitzer zurück.‹

Sie können leicht denken, welch ein Aufsehen diese Reden bei Richtern und Zuhörern erregten.

Trockenschling war anfangs erschüttert, bald sammelte er sich jedoch, warf einen Blick auf mich, als wolle er sagen: ›Hältst du mich für einen Neuling, um mich einzuschüchtern?‹ – Entschlossen nahte er sich dem Kruzifix und legte den Eid ab.

›Meine Herren,‹ wandte ich mich hierauf zu den Richtern, ›vor Ihrem Urteile habe ich noch folgenden Umstand zu erzählen. In der Bettstelle, in welcher der Graf vor zehn Jahren starb, und welche die Gräfin als ihr eingebrachtes Eigentum aus dem Nachlasse erhielt, befand sich ein geheimes Schiebfach, von welchem niemand wußte. Erst gestern ward dasselbe bei einer Ausbesserung des nunmehr morsch gewordenen Möbels entdeckt, und in diesem Schiebfache befand sich ein Paket, an mich adressiert, welches ich in Ihrer Gegenwart zu erbrechen wünsche.‹ – Ich zog ein altes, gelb gewordenes Paket aus der Busentasche. ›Sehen Sie!‹ sprach ich zu Trockenschling, ›ist es nicht die Hand des seligen Grafen?‹ Dieser zitterte an allen Gliedern. Ich erbrach jetzt das Paket und musterte die Papiere. – ›Meine Herren!‹ wandte ich mich zu den Richtern, ›hätte ich dies Paket früher erbrochen, so hätte ich einen Meineid verhütet und einen Menschen vor lebenslänglicher Galeerenstrafe retten können. Jetzt habe ich dies Versehen begangen und erwarte die Strafe dafür.‹ Den Inhalt des Pakets übergab ich den Richtern. – ›Herr Trockenschling!‹ fragte der Präsident, ›erkennen Sie diese Handschrift an?‹ Trockenschling ergriff die Papiere, an allen Gliedern zitternd, hielt sie gegen das Licht, prüfte Unterschrift, Siegel und alle geheimen Zeichen, deren er sich bei wichtigen Sachen zu bedienen pflegte, und die ich sehr wohl kannte. ›Betrüger!‹ rief der Präsident mit Donnerstimme, und Trockenschling fiel in Ohnmacht.

›Mein Herr!‹ begann der Präsident zu mir, ›Sie sind mir als ein achtungswerter Mann bekannt, deshalb wundert mich Ihr Benehmen sehr, über das ich Sie streng zur Rechenschaft ziehen muß.‹

›Meine Rechtfertigung ist sehr einfach: die Papiere, welche Herrn Trockenschlings Ohnmacht verursacht haben, sind falsch. Sie dienten nur, den Betrüger zu entlarven. Die echten Papiere sind hier in einem Zustande, daß ein Prozeß darüber wohl unser aller Leben, wie wir hier sind, verschlingen dürfte. Ich bitte jetzt, den Ohnmächtigen an einen Ort zu bringen, wo niemand ihn benachrichtigen kann, wie er überlistet ist. Meine Herren, wie das Gift ein Heilmittel gegen Gift ist, so ist der Betrug anwendbar gegen Betrüger: um indessen von meinem Mittel sagen zu können: probatum est, mußte ich Trockenschling aufs äußerste bringen, das heißt, ihn sich festschwören lassen. Tamen fiat iustitia. Ich erbitte mir meine Strafe, und hätte ich selbst meine Praxis hier verwirkt, so würde ich jetzt nach London gehen, wo mir dieses Prozesses halber schon ein bedeutender Ruf vorangehen wird.‹ Ein lautes Bravorufen und Händeklatschen erscholl von seiten der Zuhörer.«

»Ich habe von diesem außerordentlichen Prozesse schon gehört,« begann der Vicomte von Gondreville, »und freue mich, jetzt vollständig darüber unterrichtet zu sein.« –

»Ich war diesen Morgen bei Trockenschling,« fuhr der Rechtsgelehrte fort. »Der Prozeß wird ihm das Leben kosten. – Er befand sich heut im Hotel Rue de Helder und hatte Wache bei sich auf dem Zimmer. Bleich und krank empfing er mich nicht, wie ich erwartet hatte, mit Vorwürfen, sondern voll Leid und Wehmut.

›Ich hätte nicht von dir erwartet, mein Sohn,‹ sprach er sanft, ›vor allem damals nicht, als ich dir bare 70 000 Franken gab, – daß du ein Nagel zu meinem Sarge sein würdest. – Man droht mir mit lebenslänglicher Galeere. Es wird so weit nicht kommen, der barmherzige Tod wird mich früher ablösen.‹

›Beruhigt Euch, Vater Trockenschling,‹ sprach ich. ›Man wird so hart mit Euch nicht verfahren, Ihr werdet eine ansehnliche Geldstrafe erlegen, und man schlägt die Untersuchung nieder.‹

›Geldstrafe! Geldstrafe! das ist das empfindlichste. Wer mir mein Geld nimmt, nimmt mir mein Leben! Der ist mein Mörder! – Hast du nicht von einem Geizhals Pater Hellas gehört, dem man die Seele begrub? – Das Geld ist meine Seele! Was ist nun die Unsterblichkeit, wenn ich mein wohlerworbenes Eigentum nicht mit hinübernehmen kann? Wie habe ich mich in der Zeitlichkeit schon gelangweilt, wenn ich keine Geldgeschäfte machte, – und gar die Ewigkeit, die endlose Ewigkeit! Ich mag nicht unsterblich sein. Sieh her, mein Sohn, diese Kiste voll Gold. – O wunderbares Metall!‹ fuhr er fort. ›Schau! mein Sohn, das ist die Allmacht. Alles ist für Gold feil. Ganz Paris ist für Gold erbaut, alle Häuser und alles, was darin ist. Es gibt kein Ding auf Erden, dessen Wert nicht dieses Metall ermißt. Selbst Künste und Wissenschaften wählen diesen Maßstab. Hier hast du Gesundheit, Freude, Wohlleben, was du willst. Dies Metall beherrscht sogar die freie Willkür des Menschen und fesselt den Knecht, die Magd an den Befehl des Herrn, den Bauer an seinen Edelmann, den Bürger an seine Obrigkeit, die Obrigkeit an den König.‹

›Und die herrlichste Kraft des Metalls,‹ unterbrach ich ihn, ›ist sicher die, daß man damit Glück verbreiten kann. Oh, wie viele Liebe und Dankbarkeit, welche aufrichtige Ergebenheit und Zuneigung läßt sich durch solche Reichtümer erwerben, wenn man sie zum Wohltun anwendet!‹

›Ach! du verstehst mich nicht. – Liebe gibt es nicht! Man heuchelt dergleichen nur den Reichen vor. – Dankbarkeit? – gib den Bettlern auf den Boulevards ein Almosen, sind sie dankbar? Mein Sohn, dies alles ist nur des Gelderwerbes halber erfunden, denn Gelderwerb ist das menschliche Streben. – Aber hör', mein Sohn! will nicht der junge Graf Restaud die Tochter der Grandlieu heiraten? – Sie hat ein hübsches Vermögen und er die Grafschaft dazu. Es kommt viel Geld auf diese Weise zusammen. – Ich hinterlasse nicht Weib noch Kind noch Freund noch Anverwandte und nichts als dies mein Geld. – Dafür will und muß ich sorgen. Der junge Graf soll mich beerben, soll alles erben, was die vermaledeiten Gerichte mir übriglassen!‹

›In der Tat! das wolltet Ihr, Vater Trockenschling?‹ rief ich. – ›Ihr seid demnach ein edler Mann! denn Ihr macht Euer Vergehen wieder gut.‹

›Bleib mir mit deiner ekelhaften Liebe vom Halse. Ich bin gut, nicht wahr? weil ich Geld gebe. Ich gebe es, weil ich's nicht mitnehmen kann. – Aber unter der Bedingung vermache ich ihm mein Vermögen, daß die Grafschaft ein Majorat werde: samt dem Vermögen der Vicomtesse und dem meinigen bleibt auf diese Weise ein artiger Reichtum beisammen. – Sorge dafür, mein Sohn, daß dies alles so veranstaltet werde – alsdann will ich mein Testament machen! – So will ich nun für euch sorgen, ihr lieben, blanken Tälerchen!‹ rief er, indem er mit Tränen sich über die Goldkiste beugte.«

»Nun gnädigste Frau!« wandte sich der Erzähler wiederum zur Vicomtesse, »haben Sie noch Gründe, der Neigung Ihrer Tochter zuwider zu sein?«

»Wenn es wird, wie Sie sagen, gebe ich von Herzen gern meine Einwilligung.«

Die schöne Camilla fiel ihrer Mutter weinend um den Hals, dann, ihre Tränen trocknend, reichte sie dem Rechtsgelehrten ihre Hand. Dieser sprach:

»Sie haben Ursache, meine Liebe, dem Himmel dankbar zu sein, denn das Ende aller Verbrechen, aller Bosheit, die bis hierher geübt wurde, ist Ihr Glück.«

Camilla weinte von neuem.

»Habe ich's Ihnen nicht gesagt,« fuhr der Rechtsgelehrte fort, »daß wir heut noch die besten Freunde werden, und daß gar manches Mädchen wünschen wird: ach! daß auch mir jemand solch eine artige Geschichte erzähle?«

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