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Lebensbilder - Band 2

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 2 - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 2
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume2
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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2.

Der erste, der in Paris ein Maler-Atelier für Damen eröffnete, war ein gewisser Herr Servin, ein Künstler von Ruf, der streng auf Sitte hielt, ganz seiner Kunst lebte und aus Zuneigung die Tochter eines Generals ohne Vermögen geheiratet hatte. – Es lag in seinem Plane, nur Schülerinnen aus den reichsten und geachtetesten Häusern anzunehmen, um jeder möglichen Nachrede auszuweichen. Sogar den Malerinnen von Profession, oder denen, die sich dazu bildeten, weigerte er den Zutritt. Diese Sorgfalt, wie auch die ganze Lebensweise des Künstlers, erwarben ihm ein unbedingtes Zutrauen, und wenn anfänglich die Mütter selbst ihre Töchter nach dem Atelier begleiteten, bald hielten sie sich der Wachsamkeit überhoben, in der festen Ueberzeugung, ihre Kinder dort in gesitteter und wohlerzogener Gesellschaft zu wissen. –

Bald hatte Servins Atelier ebensoviel Ruf wie Leroys Moden oder Chevets Pasteten usw. Wollte eine junge, vornehme Dame zeichnen oder malen lernen, so hieß es: gehen Sie zu Herrn Servin, und nahm eine Unterricht bei ihm, so wußte man, daß sie über alle Bilder des Museums ein Urteil hatte, daß sie ein Porträt zeichnen, ein Ölbild kopieren und ein Genrestück anfertigen konnte. – Servin genügte allen Kunstbedürfnissen der guten Gesellschaft, obschon er selbst ganz der freie Künstler blieb.

Das Atelier nahm den ganzen Giebel eines Hauses ein. Eine innere Treppe führte zu dem Künstlerinnen-Harem, welcher den Eintretenden, der, nachdem er so viel Stufen erstiegen, vielleicht aufs Dach zu gelangen erwartete, mit seiner Größe überraschte. Hohe Fenster erhellten überflüssig den ganzen Raum, und mittels grüner Vorhänge konnten die Malerinnen beliebig jedes Licht sich schaffen. Auf die dunkelgrau angestrichenen Mauern waren Karikaturen, Köpfe, Gestalten aller Art mit der Messerspitze schraffiert, zum Beweis, daß vornehme, junge Damen ebensoviel Unnützes im Kopfe hegen als Männer irgend. Die langen Röhren eines kleinen Ofens in der Mitte beschrieben ein fürchterliches Zickzack, bevor sie den höchsten Winkel des Daches erreichten. Eine Wand, die ringsum lief, stützte die schönsten Gips-Modelle, aufgestellt in wilder Verworrenheit; einige weiß, andere halb gereinigt, die meisten mit einem gelblichen Staub überzogen; darüber offenbarte hin und wieder das Haupt der Niobe, an einem Nagel hängend, seinen steinernen Schmerz, oder eine Venus lächelte holdselig; oder gar ein Arm streckte frech sich aus und breitete die Hand zum unverschämten Betteln hin; anatomische Glieder schienen wie aus Gräbern gestohlen; Gemälde, Zeichnungen, Mannekins, Rahmen ohne Leinewand, Leinewand ohne Rahmen vollendeten den bunten Anblick, das prächtige Elend, den zerlumpten Reichtum, das prangende Chaos, die Mischung roher Stoffe, die des Künstlers zu harren scheinen, der etwas aus ihnen bilde. – So sieht's in einer Werkstatt aus, in manchem Künstlerkopf nicht besser.

Hell schien die Julisonne, und zwei mutwillige Strahlen, durch zwei unverhängte Fenster dringend, durchflimmten die ganze Tiefe der Galerie mit durchsichtigem Gold und blitzenden Staubkörnchen. Die Staffeleien erhoben ihre spitzen Häupter wie Schiffe im Hafen. Die Malerinnen saßen davor, mit jugenlichen Gesichtern, heiterem Anstand und doch ganz verschieden die eine von der andern, und verschiedener noch eine jede durch ihren Putz. – Die starken Schatten der grünen Vorhänge bildeten seltsame Lichteffekte, wundersame Massen von Helldunkel. Das Atelier selbst war würdig, Bild eines Ateliers zu sein.

Wenn auch Rang und Glücksgüter nicht in eine Künstlerwerkstatt gehören, dennoch verrieten zwei Gruppen hier zweierlei Gesellschaft.

Sitzend oder stehend, von ihren Farbenkästchen umgeben, die Pinsel rührend oder die zierliche Palette bereitend oder malend, lachend, schwatzend, singend, kurz, dem natürlichen Behagen überlassen, offenbarte die eine Gruppe ein Schauspiel, das Männern unbekannt bleibt, gelingt es ihnen nicht, es zu belauschen. Es war die Klasse der Reichen, aber Unadligen, Bankiers-, Notaren- und Beamten-Töchter; die andere Klasse, stiller und einförmiger, war die der Adligen. Ihr Wesen war voll Würde, ihr Benehmen gemessen, man erriet leicht, daß sie der Welt angehörte, wo der Anstand die Charaktere modelt, wo es zu scheinen gilt und nicht zu sein, wo man für Geselligkeit und nicht für Einsamkeit erzogen wird, wo Äußerlichkeiten das innere Leben ersticken.

Es war Mittag und Herr Servin noch nicht angelangt. Man wußte, daß er in einem andern Atelier an einem Bilde für die Ausstellung arbeitete und erwartete ihn nicht mehr. – Da erhob sich Fräulein Monsaurin, eine junge Marquise, die vornehmste der adligen Klasse, sagte etwas leise zu ihrer Nachbarin, diese teilte es einer anderen mit, und plötzlich herrschte tiefe Stille unter dem Adel.

Darüber wunderte sich die demokratische Partei und schwieg ebenfalls, bis das Geheimnis endlich an den Tag kam.

Die Monsaurin erhob sich, nahm eine Staffelei, die ihr zur Rechten stand, und stellte sie weit weg von der adligen Gruppe, nahe bei einem Verschlag, der das Atelier von einer Dachkammer trennte. Die Mittelmauer bildete hier in einem sehr tiefen Winkel ein finsteres, unregelmäßiges Gemach, wohin zerbrochene Gipsbilder oder Gemälde, die Herr Servin mißbilligte, geworfen wurden; wo man im Sommer den Ofen ließ und im Winter Holz bewahrte.

Die Tat der Monsaurin erregte allgemeinen Unwillen, allein die vornehme Dame kümmerte sich nicht darum, wälzte den Kasten mit Malereigerät ebenfalls der Staffelei nach und trug zuletzt den Bock und ein Gemälde von Rubens hin, mit dessen Kopie die also verbannte Abwesende beschäftigt war. – Kleine Umstände entscheiden oft über ein ganzes Menschenleben, die gegenwärtige Tat der Monsaurin veranlaßte die ganze traurige Geschichte, wie sie hier wahrhaft berichtet werden soll.

Die linke Seite unterließ nicht, ihren Unwillen über diese Tat auszusprechen.

»Was die Piombo wohl sagen wird?« begann Fanny Planta.

Eine andere von derselben Seite sprach: »Sie ist eine Korsin und wird nichts sagen, aber nach fünfzig Jahren gedenkt sie der Beleidigung wie heut. – Ich möchte nichts mit ihr zu tun haben.«

»Es ist unrecht!« sprach eine dritte. »Ginevra ist seit kurzem sehr betrübt, ihr Vater ist um seinen Abschied eingekommen, des Unglücks sollte man schonen. – War sie nicht stets zuvorkommend gegen alle diese Fräuleins? Hat sie jemals irgendwen auch mit einem Worte nur beleidigt? Sie hat jedes politische Gespräch vermieden, nur um keinem Ärgernis zu geben.«

»Sie soll bei mir sitzen,« rief Fanny Planta und erhob sich – doch plötzlich blieb sie gedankenvoll stehen. – »Mit der Piombo«, fuhr sie fort, »ist nicht zu spaßen. Wer weiß, wie sie meine Artigkeit aufnimmt.«

»Sie kommt,« sprach eine schmachtende junge Dame mit dunklen Augen. – Wirklich schwebte etwas die Treppe hinauf. »Sie kommt, sie kommt!« ertönte es von Mund zu Mund, und die tiefste Stille trat wiederum ein.

Es muß zur Erklärung des Ostrazismus der Monsaurin gesagt werden, daß dieser Auftritt im Juli des Jahres 1815 stattfand, wo die zweite Rückkehr der Bourbonen manches enge Band, das der ersten Restauration widerstanden, gelöst hatte. Ginevra, die Tochter des Baron Piombo, verehrte Napoleon bis zur Anbetung und hielt ihren Kummer über seine Gefangenschaft keineswegs geheim. Die anderen adligen Schülerinnen gehörten dagegen der streng royalistischen Partei an und waren schon längst entschlossen, sich von der Bonapartianerin zu entfernen, doch hatte es noch keine gewagt, ihre Gesinnung zu verraten, bis heut, wo die Monsaurin den ersten entscheidenden Schritt tat.

Ein süßes Schweigen feierte also den Eintritt der hohen Jungfrau, die unbefangen sich nahte und, durch ihre Gefährten schreitend, mit Anstand grüßend fragte: »Weshalb sind Sie so stille heute, meine Damen?«

Ohne die Antwort abzuwarten, ging sie auf ein kleines Mädchen mit blonden Haaren zu, welches fern von allen anderen saß, denn es war die Ärmste, aber auch die Bescheidenste und Fleißigste. Sie prüfte ihre Arbeit und sprach: »Du machst Fortschritte, liebe Laura, deine Inkarnation ist noch etwas zu rosig, aber der Kopf ist gut gezeichnet.«

Dankbar blickte Laura auf sie, und die Italienerin ging weiter, blickte nachlässig auf die Zeichnungen und Bilder der übrigen Malerinnen, grüßte eine jede und schien der Neugier, mit der man sie betrachtete, so wenig zu achten wie eine Königin, von ihrem Hofstaat umgeben.

Sie setzte sich endlich vor ihre Staffelei, bereitete ihre Pinsel, öffnete die Farbenschachteln, zog die Ärmel an, band ihre Schürze vor, doch ihre Gedanken, wie es schien, waren ganz wo anders.

»Merkt sie denn nichts?« fragte die Planta.

Ginevra richtete den Blick nach der Stelle hin, welche sie sonst innezuhaben pflegte, dann wandte sie sich wieder zu ihrer Arbeit zurück.

»Sie ist nicht böse,« sprach die Planta, »denn ihre Mienen haben sich nicht einmal verändert.«

Ginevra schien nichts zu hören, langsam schritt sie längs der Wand, die das finstere Gemach bildete, blieb träumerisch und gedankenvoll stehen und schien das Licht zu prüfen, das durch die großen Fenster fiel. Sie bestieg einen Stuhl, um den Vorhang viel höher aufzuziehen, und gewahrte in dieser Höhe, ungefähr einen Fuß über ihrem Haupte, eine Spalte in jener Wand; ihre Freude darüber ließ sich nicht verkennen. – Sie ging auf ihren Platz zurück, ordnete ihr Bild, stellte sich wie unzufrieden mit dem Lichte, holte einen Tisch herbei, stellte einen Stuhl darauf, bestieg diese Höhe und konnte nunmehr durch die Spalte blicken. Das Gemach war erhellt, und was sie sah, erschütterte sie heftig.

»Sie fallen, gnädiges Fräulein,« rief die besorgte Laura.

Alle Mädchen sahen die Verwegene wanken, aber die Furcht, ihre Gefährtinnen könnten ihr zu Hilfe eilen, lieh ihr Mut; mit unglaublicher Geschicklichkeit schwang sie sich ins Gleichgewicht zurück, und sich lächelnd zu Laura wendend, sprach sie: »Liebes Kind, dies Gerüst steht fester als ein Thron.«

Hierauf zog sie den Vorhang ganz in die Höhe, schob dann Tisch und Stuhl weit weg und schien mit der Stellung ihrer Staffelei nicht eher zufrieden, als bis sie sich dem Verschlusse gänzlich genaht hatte. – Hierauf ergriff sie Pinsel und Palette, aber sie malte nicht, sondern lauschte. – Bald vernahm sie dasselbe Geräusch, das vor einigen Tagen ihre Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregt, viel deutlicher: die tiefen, gleichförmigen Atemzüge eines Schafenden. Sie hatte jenseits der Wand den kaiserlichen Adler auf einer geächteten Uniform und beim schwachen Tagesschein, der durch eine Luke fiel, einen Offizier, auf einem Feldbette schlafend, erblickt. Sie erriet alles, fühlte, welch schwerer Verantwortlichkeit sie sich unterzogen, und beschloß, alles anzuwenden, damit nicht eine ihrer Gefährtinnen dieselbe Entdeckung mache und der arme Geächtete der Verschwiegenheit und Willkür einer Leichtsinnigen preisgegeben würde.

Ginevra also war ihrerseits mit der ihr zugefügten Kränkung wohl zufrieden, aber ihren Mitschülerinnen blieb sie ein Rätsel. Niemand hatte es der Korsin, trotz aller guten Eigenschaften, die man an ihr wahrnahm, zugetraut, daß sie eine Beleidigung vergeben würde. Zum ersten Male war ihr jetzt eine Kränkung widerfahren, aber sie schien nicht einmal darauf zu achten. Demoiselle Planta wollte endlich in Ginevras Benehmen eine über alles Lob erhabene Seelengröße entdecken, und ihr Anhang schonte keine Worte, um die aristokratische Partei ihres rangsüchtigen Benehmens halber zu demütigen. Er hatte auch bereits seinen Zweck vollkommen erreicht, als Madame Servin eintrat und sprach: »Meine Damen, ich muß meinen Mann heut entschuldigen, er kann nicht kommen.« Sie begrüßte hierauf noch eine jede Schülerin insbesondere, empfing und erteilte Liebkosungen und Schmeicheleien in Gebärden, Worten, Mienen und Umarmungen, wie dies Art der Weiber ist. Hierauf ging sie zu Ginevra, die vergeblich sich bemühte, ihre Unruhe zu verbergen. Ein Gruß reichte zwischen ihnen aus. Ginevra malte, die Servin sah zu. Die Atemzüge hinter der leichten Wand wurden immer hörbarer, der Schlafende regte sich sogar, das Bette knisterte. Ginevra sah mit einem bedeutenden Blick auf die Servin, welche aber entgegnete:

»Ich wüßte wahrlich Ihre Kopie vom Original nicht zu unterscheiden, wenn ich Sie nicht daran arbeiten sähe.«

»Sollte Servin sie nicht in dies Geheimnis geweiht haben?« dachte Ginevra und begann eine vaterländische Kanzonette, damit das Geräusch des Schlafenden nicht gehört würde.

Madame Servin ging wieder, und die Malerinnen bereiteten sich ebenfalls, das Atelier zu verlassen. Nur Ginevra ließ sich nicht stören und tat, als sei sie willens, noch lange zu arbeiten, aber mit stets unruhigeren Blicken verfolgte sie eine jede bis zur Tür. Die Monsaurin beobachtete sie genau und geriet auf die Vermutung eines Geheimnisses. Sie ging ebenfalls, vergaß aber absichtlich ihren Arbeitsbeutel. Ginevra hatte in aller Eile wieder ihr Gerüst erbaut, um ihre Beobachtungen durch die Spalte fortzusetzen, als die Monsaurin ganz leise wieder eintrat, so daß jene nichts merkte. Die Monsaurin hustete endlich. Ginevra erschrak, errötete über und über und beeilte sich, eines Vorwandes halber, den Fenstervorhang gänzlich niederzulassen, aber schon war ihre Feindin wieder verschwunden. Unwillig verließ sie das Gerüst, ordnete alles wieder und ging. Sie hatte noch einmal den schönen Schläfer belauscht. – Wer mochte er sein? – So jung und schon geächtet. – Hat die Monsaurin mich belauscht? – Hat meine ungezähmte Neugier den Ärmsten verraten? Diese Gedanken beunruhigten sie an diesem und an dem folgenden Tage und blieben die einzigen, deren sie fähig war.

Am dritten Tage konnte sie endlich das Atelier wieder besuchen, aber so sehr sie sich auch beeilt hatte, die erste zu sein, die Monsaurin, um ihr den Rang abzugewinnen, war hingefahren. Beide Mädchen beobachteten sich schweigend, ohne einander zu erraten. Die Monsaurin hatte ebenfalls durch die Spalte geguckt, den Kopf des schlafenden Jünglings gesehen, aber ein günstiger Zufall wollte, daß der Adler und die Uniform der Lauscherin nicht sichtbar wurden, und sie erschöpfte sich über das Gesehene in fruchtlosen Vermutungen.

Die übrigen Damen fanden sich ebenfalls nach und nach ein, zuletzt erschien auch Herr Servin.

»Mademoiselle!« fragte er Ginevra sogleich, »warum sitzen Sie dort? Sie haben kein gutes Licht!« – Er begab sich hierauf zu Laura und korrigierte ihre Arbeit. »Wahrhaftig,« sprach er, »Sie haben Anlagen und können noch einmal eine zweite Ginevra werden.« – Er ging von einer Staffelei zur andern, erteilte Lob und Tadel, besserte und scherzte, doch so, daß man mehr seinen Scherz, als seine Vorwürfe zu vermeiden, Ursache fand.

Während der Zeit entwarf Ginevra auf einem Blättchen Papier den Kopf des Schläfers und führte ihn in Sepia aus. Seine Züge hatten sich ihr tief eingeprägt, ihr Wohlwollen lieh denselben eine eigne Vollkommenheit und Idealität. In unglaublich kurzer Zeit entstand ein kleines Meisterstück, in welchem Lust und Liebe den genialsten Eingebungen der Begeisterung gleichgekommen war. Ginevra hatte vollendet, ohne aufzusehen, und hatte daher auch die feindselige Lorgnette der Monsaurin nicht gemieden, welche in der bedeutenden Entfernung den schönen Schläfer nur allzugut wiedererkannte.

»Sind Sie immer noch hier?« fragte Servin, da er endlich auch zu Ginevra trat.

Ginevra stellte sich vor ihre Staffelei, legte das getuschte Bild auf das Ölgemälde und sprach: »Sehen Sie, Herr Servin, Ginevra hat besseres Licht, als Sie denken.« Servin stand betroffen vor dem enthüllten Geheimnis und überrascht vor dem Kunstwerke; aber der Kunsteifer gewann bald die Oberhand, und er rief aus: »Ja, mein Fräulein, wie Sie auch dahintergekommen sein mögen, das ist ein Meisterstück.« Bei diesen Worten erhoben sich alle Damen und drängten sich um die Staffelei. Ginevra aber hatte die Zeichnung rasch entfernt und verbarg sie in ein Portefeuille, während Servin, um seine Übereilung gutzumachen, die Schönheiten der Kopie Ginevras den jungen Damen anpries. Nur die Monsaurin ließ sich nicht täuschen, und um Ginevra es fühlen zu lassen, langte sie nach dem Portefeuille, das diese aber zu sich nahm und vor sich hinlegte.

»An die Arbeit, meine Damen,« sprach Servin, »um es eben so weit zu bringen, dürfen Sie nicht Moden und Bälle stets im Munde führen, sondern müssen sich hübsch wacker dran halten.«

Man gehorchte ihm, er aber blieb bei Ginevra, die ihm leise sagte:

»Besser ist's, ich habe diese Entdeckung gemacht als irgendeine andere dieser Damen.

Der Maler erwiderte: »Ja! denn Ihnen darf ich trauen.«

»Wer ist's?« fragte Ginevra dreist.

»Ein treuer Freund Labedoyères. Er und der unglückliche Obrist haben das meiste zur Vereinigung des 7ten Regiments mit den Grenadieren von Elba getan; er focht auch zu Waterloo als Eskadrons-Chef in der Garde.«

»Warum ist seine Uniform mit den kaiserlichen Adlern nicht verbrannt? warum hat er keine bürgerliche Kleidung?« fuhr sie lebhaft fort.

»Er erhält sie heut!«

»Sie hätten das Atelier für diese kurze Zeit schließen sollen. Sehen Sie nur, wie die Monsaurin herlorgnettiert.«

»Er wird abreisen.«

»Wohin, um Gottes willen?« rief Ginevra. – »Verbergen Sie ihn doch nur in der ersten Schreckenszeit. Nur in Paris ist ein Geächteter sicher. – Ist es Ihr Freund?«

»Nur seines Unglücks halber. Mein Schwiegervater rettete ihn glücklich aus den Händen derer, die Labedoyère gefangen nahmen, der Rasende wollte seinen Verteidiger spielen.«

»Nennen Sie das rasend?« fragte Ginevra stolz und bitter.

Der Maler schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: »Man beobachtet meinen Schwiegervater zu scharf, bei sich konnte er ihn nicht verborgen halten, vorige Woche nachts führte er ihn zu mir, und in diesem Winkel glaubte ich ihn am sichersten im ganzen Hause aufgehoben.«

»Ich kann Ihnen nützlich sein,« versetzte Ginevra leise, »bauen Sie auf mich.«

»Wir reden nachdem mehr davon,« erwiderte der Maler und ging, damit ihr Gespräch nicht noch auffallender werde, als es schon zu sein schien.

Für heute blieb er im Atelier. Die Stunde, die die Sitzung endete, hatte längst geschlagen. Die Schülerinnen gingen eine nach der andern.

»Fräulein Monsaurin! Ihren Strickbeutel!« rief Servin der letzten zu. – Die Monsaurin schien betroffen, war aber doch nicht willens, ihre Neugier und Rachepläne aufzugeben. Mit vielem Geräusch ging sie die Treppe hinunter, um leise wieder hinaufzuschleichen und durchs Schlüsselloch zu gucken.

Sobald der Maler und Ginevra sich allein glaubten, pochte ersterer auf gewisse Weise an den Verschluß, und die inneren Riegel schoben sich im Roste kreischend zurück, die Klappen schlugen auseinander, und ein hoher, schlanker Jüngling bückte sich, um durch die enge Öffnung herauszusteigen: er trug die kaiserliche Uniform und den rechten Arm in der Binde. Als er außer dem Maler noch die Anwesenheit einer unbekannten dritten Person gewahrte, stieß er einen Schrei aus und wollte sich wieder verbergen.

Der Schrei hatte die glückliche Folge, daß die Lauscherin am Schlüsselloch den Mut verlor. Sie hatte den Jüngling bereits gesehen, jetzt seine Stimme gehört; die Adler waren ihr zum Glücke wieder nicht zu Gesichte gekommen, und sie entfernte sich, mit ihrer Ausbeute zufrieden.

»Mein Herr!« sprach der Maler, »dies ist die Tochter des Barons von Piombo, des treuesten Anhängers Bonapartes. Fürchten Sie nichts, denn sie hat sich erboten, Ihnen nützlich zu sein.«

Der junge Krieger blickte die hohe Jungfrau an und schien vollkommen Vertrauen zu ihr zu fassen.

»Sie sind verwundet?« fragte Ginevra.

»Leicht nur, mein Fräulein!«

»Unglücklicher! Wie kommen Sie in diese Lage?«

»Mein Fräulein! der Kaiser war mein Vater, – Labedoyère mein Freund; jener ist gefangen, dieser wird morgen erschossen. Jetzt bin ich eine Waise, allein, vielleicht schon entdeckt und morgen verurteilt; es gilt mir gleich. Meine letzte Barschaft habe ich zu Labedoyères Freiheit vergeblich geopfert, ich habe nichts mehr, ich weiß nicht, weshalb ich mich verberge, mir ist der Tod erwünscht, ich will sterben und sinne nur darauf, wie ich mein Leben am vorteilhaftesten verkaufe. Zwei für dies eine wäre schon ein annehmbarer Spottpreis. Wo nicht gar ein Dolchstoß, wert der Unsterblichkeit.«

Der wilde und plötzliche Anfall von Verzweiflung erschreckte den Maler. Doch Ginevra blieb gefaßt und sprach tröstend, wie edle Weiber in solcher Lage am besten vermögen, wo ihre Erscheinung etwas Himmlisches hat:

»Erlauben Sie mir, mein Herr, für Sie zu sorgen. Mein Vater ist reich. Ich bin das einzige Kind. – Hier habe ich 800 Franken – mein Eigentum! – Ohne Umstände nehmen Sie an. – Was wir haben, danken wir dem Kaiser, seinen braven Kriegern beizustehen, ist unsere heilige Pflicht, ich biete Ihnen diese Kleinigkeit – es ist nur Gold – Sie sollen auch Freunde finden.«

Ihre Augen leuchteten von Stolz und Würde, da sie also sprach. Der Fremde stand verlegen vor ihr, und da er sich ermannte, rief er: »Ich bin nicht wert, daß mich solch ein Engel rettet, retten Sie Labedoyère, wenn Sie es vermögen.«

»Könnt ich's,« rief Ginevra, »ich tät's bei Gott.« Und dem Fremden dünkte es in diesem Augenblick, als umfloß ein Heiligenschein ihr dem Himmel zugewendetes Haupt.

»Ich möchte ihn rächen und sterben!« sprach er leise mit korsischem Akzent.

Ginevra stutzte bei den vaterländischen Lauten und betrachtete ihn aufmerksam.

Er sank ihr zu Füßen und rief, sich selbst vergessend: »O Dio! che non vorrei vivere dopo averta veduta! (O Gott! wer möchte nicht leben und diese sehen!)«

»Mein Herr!« versetzte Ginevra zornig in italienischer Sprache, »ich bin in Korsika geboren. Ich vergebe Ihnen dies, Ihrer Lage halber, aber seien Sie vorsichtig, ruhig und klug, wenn Sie meine Hilfe begehren!«

»Alles, alles! wie Sie wollen!« versetzte der Jüngling, »befehlen Sie nur.«

»Sie sehen mich morgen wieder,« sprach Ginevra und schickte sich an zu gehen.

»Morgen gewiß?« fragte der Fremde beklommen.

»Setzen Sie sich jetzt,« gebot der Maler. »Ihre Wunde bedarf der Pflege.« Er wollte ihm den Verband von derselben nehmen, aber der Jüngling kam ihm zuvor und riß unmutig die Binden und den Ärmel auf, daß sein Arm von neuem zu bluten anfing.

Ginevra, durch ein unerklärliches Mitleid gefesselt, war noch nicht fort, und da sie den Arm des Fremden, den ein Säbelhieb hart getroffen hatte, bluten sah, stieß sie einen Schrei aus.

»Vergeben Sie!« rief der Jüngling. »Nein, es ist nicht die Wunde, die mich schmerzt, ich habe aber bis jetzt noch nicht gefühlt, daß ich unglücklich bin, jetzt weiß ich's – verkennen Sie mich nicht. – Gott, ich bin sehr elend!« rief er heftig und fing bitterlich an zu weinen.

Der Maler winkte, und Ginevra ging schweigend, denn sie fühlte, wie nahe auch ihr die Tränen waren.


Am folgenden Tage hatte sie sich beizeiten wieder eingefunden, auch Servin hatte eine Arbeit im großen Atelier und gestattete dem Gefangenen, nachdem er den Saal verschlossen, sein finsteres Versteck zu verlassen.

Der junge Krieger erzählte den Malenden seine Schicksale. Er hatte im neunzehnten Jahre den russischen Feldzug mitgemacht, war der einzige von seinem Regimente, der über die Beresina gekommen war, und beschrieb mit ehrenwertem Feuer die unglücklichen Schlachten von Leipzig und Waterloo. Ginevra ließ Pinsel und Palette sinken; sie war zu stolz und einfach, um die Teilnahme zu verleugnen, welche sie der natürlichen Beredsamkeit des jungen Kriegers weihte. Bald erzählte dieser auch seine früheren Schicksale und nannte sich Luigi Porta.

»Haben Sie gar keine Erinnerungen aus Ihrer frühesten Jugend in Korsika?« unterbrach sie den eifrig Redenden.

»Ich war erst sechs Jahre alt, als ich meine Heimat verließ, unser Haus brannte, und meine Wärterin, die mich den Flammen entriß, erzählte mir weinend, daß meine Eltern und Geschwister alle umgekommen. Sie starb bald darauf in Mailand.«

»Haben Sie meinen Namen niemals gehört, niemals von den Piombos vernommen?«

»Niemals als gestern hörte ich den teuren Namen meines Rettungsengels.«

Ginevra wandte sich erst zu ihrem Bilde zurück und fing emsig an zu malen, ihr Ernst raubte dem Jüngling alle Lust, weiter zu erzählen, er rückte ihr so viel als möglich näher und sah ihr aufmerksam zu.

Die Zeit rief Ginevra heim, sie erhob sich, fragte den Fremden gleichgültig: »Es scheint, als ob es Ihnen Vergnügen macht, malen zu sehen.«

»Wie glücklich wär ich,« rief er, »besäße ich Ihre Kunst!«

Er wollte ihre Hand begeistert an die Lippen drücken, Ginevra riß sich mit Entsetzen los.

Der Jüngling erschrak.

Ginevra beruhigte ihn durch einen wohlwollenden Blick und versprach während der Stunden im Atelier ihm alle politischen Neuigkeiten, die Bezug auf ihn haben könnten, mitzuteilen, er solle nur auf die korsischen Lieder merken, die sie bei der Arbeit singen würde. –


Am folgenden Tage war die Monsaurin wieder die erste und vertraute einer jeden der Ankommenden unter dem Siegel des Geheimnisses, daß Ginevra di Piombo ein Liebesverständnis mit einem schönen, jungen Manne unterhielt, der in der finstern Kammer verborgen wäre.

Ginevra kam und wurde mit aller Neugier, deren junge Mädchen bei solcher Gelegenheit fähig sind, beobachtet; man belauschte auch ihre bald heiteren, bald schwermutvollen Gesänge, erspähte jeden ihrer Blicke und deutete ihr sorgfältiges Lauschen nach dem Kabinett hin auf die verschiedenartigste Weise. Sie aber kümmerte sich um nichts, blieb ruhig und heiter; das Atelier war ihr von jeher der liebste Aufenthalt gewesen.

Nach Verlauf von acht Tagen hatte jede Schülerin des Herrn Servin Gelegenheit gefunden, durch die Spalte den schönen Schläfer zu beobachten, und eine jede hatte aus Schwatzhaftigkeit oder Scheintugend zu Hause gleich alles, so gut sie es wußte, wiedererzählt; in allen Familien wurde darüber geredet, und eine Schülerin nach der anderen blieb aus, bis auf die kleine Laura, welche, trotz allem Zureden der Monsaurin, nicht zu bewegen war, nur einmal durch die Spalte zu blicken.

Laura war seit einigen Tagen schon Ginevras einzige Gesellschafterin, und es herrschte Totenstille in dem sonst fröhlichen Atelier, als der Gefangene hinter der Wand eines Tages das verabredete Zeichen mit dem Knopf einer Stecknadel gab, um anzufragen, ob er erscheinen dürfe.

Ginevra blickte umher, sah niemand als Laura, ging auf sie zu und sagte:

»Sie sind ja sehr fleißig, liebes Kind, wollen Sie den Kopf heut noch vollenden?«

»Fräulein von Piombo,« antwortete Laura, »möchten Sie mir wohl den Kopf korrigieren, ich hätte gar zu gern ein Andenken von Ihnen.«

Still setzte sich die hohe Jungfrau auf den Platz des Kindes, um seinen Wunsch zu erfüllen, da fiel ihr dieses plötzlich um den Hals und rief weinend: »Wie gut Sie sind, Fräulein von Piombo, wie engelgut.«

»Was hast du, liebes Kind? Was kommt dir an mit einem Male?«

»Ich sah Sie heut zum letzten Male und nimmer, nimmer wieder. Sie waren so gut gegen mich, haben sich so viel Mühe mit mir gegeben. Ich habe so viel bei Ihnen gelernt, ich bin Ihnen ewig meine Liebe und Dankbarkeit schuldig.«

»Wirst du Herrn Servin ferner nicht besuchen? In Wahrheit, das tut mir leid.«

»Merken Sie denn nicht, daß ich seit einigen Tagen die einzige um Sie bin?«

»Was haben denn die anderen Damen, daß sie nicht kommen?«

»Daran, Fräulein von Piombo, sind Sie ganz allein schuld.«

»Ich?«

»Zürnen Sie mir nicht, mein bestes Fräulein, aber auch meine Mutter will nicht mehr, daß ich herkomme. Jene Damen alle behaupten, daß Sie einen Liebhaber hätten, der sich in jener finstern Kammer dort aufhielte. – Ich habe wahrhaftig kein Wort zu Hause davon gesagt. Aber gestern sprach Madame Planta meine Mutter und fragte sie, ob ich immer noch hierher gehen dürfe, und hat alles erzählt, was man Ihnen nachsagt. Meine Mutter war sehr böse auf mich, weil ich ihr nicht alles gesagt und kein besseres Vertrauen ihr erwiesen hatte. Liebstes, bestes Fräulein, blicken Sie nicht so schrecklich mich an. Ich sage nur die Wahrheit und will Sie nicht beleidigen. Mögen Sie recht oder unrecht haben, ich weiß nur, daß Sie um mich Dank verdienen, wenn meine Mutter es auch nicht glauben will. – Nein, Sie zürnen mir nicht. Sie blicken schon wieder so mild und gütig, wie ich ganz allein angeblickt wurde von allen Damen, die hierher kamen. Sagen Sie mir auch zum Abschiede, daß ich nach wie vor Ihre liebe Laura bleibe.«

Ginevra schüttelte den Kopf. »Gutes Kind!« sprach sie, »ich liebe dich mehr als ich dachte, und es ist mir schwer genug, dich auf immer zu lassen. – Indessen, meine kleine Freundin, bewahre dies Herz, das du mir jetzt zeigst, und es ist dir besser, als wäre Ginevra stets um dich.«

Laura konnte vor Schluchzen keine Worte finden.

»Ja!« sprach Ginevra gerührt, »seltsam geht es in der Welt zu. Was schaden unsere unschuldvollen Bande, was hat die Liebe eines guten Kindes zu ihrer Lehrerin Trennenswertes, daß man dich gewaltsam von mir entfernen will? Je nun! Gott will es so und – denke nichts Böses von mir, obwohl ich vielleicht sehr leichtsinnig gehandelt haben mag.«

Servin trat in diesem Augenblick ein. Laura verbarg ihre Tränen, küßte Ginevra noch einmal herzlich, nahm ihr Bild und ging.

Servin rief triumphierend: »Mein großes Bild ist fertig! Es geht doch nichts über die Freude, eine große Arbeit vollendet zu haben.«

»Wissen Sie auch, daß alle Ihre Schülerinnen Sie verlassen haben?« fragte Ginevra.

»Wieso?«

»Daß ich schuld bin an diesem Verlust, daß ich unwillkürlich Ihren ganzen Ruf untergraben habe?«

»Meinen ganzen Ruf? Und mein großes, neues Bild für die Ausstellung? Ei, Mademoiselle! nehmen Sie sich zusammen! Wissen Sie, mit wem Sie reden?«

»In allem Ernst! mein Herr. Ihre Schülerinnen ahnen von unserem Geheimnis; freilich wissen sie's nur halb, aber um so boshafter ist ihre Deutung. Es geht das Gerede, ich hätte einen Anbeter hier, den Sie mir zuliebe in jener dunkeln Kammer – –« Ginevra stockte, von Scham und Unwillen übermannt.

»Sollte dies so ganz ohne Wahrheit sein?« fragte Servin mit einem feinen Lächeln.

Ginevra senkte das dunkle Auge still sinnend zu Boden.

»Die Eltern hätten klüger sein sollen,« fuhr Servin fort. – »Wenn sie mich wahrhaft achten, warum kommen sie nicht zu mir, warum stellte mich denn kein einziger zur Rede? – Ei! was kümmert's mich! – Ist mein Bild doch fertig. Das Leben ist gar zu kurz, man muß malen und sich nicht um derlei kümmern.«

Der Fremde verließ jetzt sein finsteres Gefängnis. »Ich habe schuld, Herr Servin!« sprach er, »daß Ihre Schülerinnen Sie verließen. Ich habe den Ruf des edelsten, herrlichsten Wesens unter der Sonne vernichtet. – Je nun! Seit ich dem Kaiser diene, wandte sich ja auch sein Glücksstern, und ein Freund nach dem andern fiel ab von ihm. Ich liebte ja auch Labedoyère, und darum ward er vorige Woche erschossen. – Ich bin ein Heilloser, der stets, ohne zu wollen, den trefflichsten, besten Menschen zum Verderben gereicht. Lassen Sie mich fliehen in die fernste, entlegenste Einöde, ehe meine fürchterliche Nähe noch mehr Böses anstiftet. Ja, ich fühl's, die höheren Mächte haben mich verworfen – glauben Sie mir nur, alles Unheil, das ich anrichte, trage ich in dieser Brust.« Flehend nahte er sich Ginevra, welche das Wort nahm:

»Herr Servin! ich bin reich, ich entschädige Sie.«

»Warum nicht gar?« rief der heitere Maler. »Lassen Sie nur bekannt werden, daß ich ein Opfer der royalistischen Verleumdung bin, so senden mir die Liberalen ihre Töchter, und ich bin besser daran und obendrein Ihr Schuldner. – Ich mache mir aus nichts etwas und besorge nichts als – meine Frau. Ach Gott! Madame Servin wird ihren Kopf aufsetzen, und es gibt eine Gardinenpredigt.«

»Herr Porta!« begann Ginevra plötzlich entschlossen, »eine hohe Person, welche der Tochter des Baron von Piombo nichts abschlagen darf, hat gegenwärtig ein Gesuch von mir in Händen, anlangend Ihre stille Begnadigung.«

»Herrliches Mädchen!« rief Servin.

»Ich bin meiner Ehre eine Genugtuung schuldig!« fuhr Ginevra fort, »und bin zu einem Schritte entschlossen, zu dem kein anderer Augenblick mich bewogen hätte. Herr Porta, wenn Ihre ersten Worte, Ihre Blicke und Ihr ganzes bisheriges Wesen mich nicht getäuscht haben, so lieben Sie mich, und vielleicht habe ich Ihnen eine viel zu große Teilnahme bewiesen, um mir selber ferner noch verheimlichen zu dürfen, daß Sie mir nicht gleichgültig sind. – Doch das gilt gleichviel. Ich wähle Sie zu meinem Gatten, wenn nicht Verhältnisse, die Ihnen annoch unbekannt sind, Sie bestimmen, zurückzutreten, oder meine Eltern bewegen, ihre Einwilligung mir zu versagen.« –

Der Jüngling stürzte zu ihren Füßen. »Worte,« rief er, »nennen Ihren Wert nicht, noch die Anbetung, die ich für Sie hege. – Ich soll Napoleon entsagen, dem Verlorenen? soll dem Könige dienen. Oh, daß ich störrisch dem Willen eines Engels mich widersetzen konnte! Hinweg, Napoleon! mein Vater, mein Wohltäter, mein Held! Es lebe der König! Ginevra will es, oh, was tät ich nicht alles, um ihrer wert – ihrer wert? – nein, das bin ich nicht und werde es nie – nur um in den Augen der Welt einer solchen Gattin wert zu sein! – Ich bin nicht unglücklich mehr. Sie sind mein guter Engel!«

»Junger Mann!« sprach Ginevra ernst, »Sie kennen weder sich noch mich. Frohlocken Sie darum nicht zu früh. – Herr Servin!« begann sie darauf zum Maler, »sobald die Begnadigung erschienen, verfügen Sie sich zu den Müttern der leichtsinnigen jungen Damen und erklären ihnen alles, was vorgefallen ist, und auch, was Sie mich soeben haben tun sehen!«

Ehrfurchtsvoll verbeugte sich der Maler vor der jungen Baronesse, welche, den Jüngling freundlich grüßend, sich entfernte.

»Sie liebt mich!« sprach dieser, »nicht wahr? Sie hat es ja zugestanden, ich bin ihr nicht gleichgültig? Nein! Sie liebt mich nicht! Was besitze ich wohl ihrer Liebe Würdiges? Von Teilnahme hat sie nur gesprochen, meines Unglücks halber. Und meine politischen Grundsätze billigt sie, nicht mich. Ihrer verletzten Ehre halber reicht sie mir die Hand, nicht aus Liebe!« –

»Stille! mein Freund,« versetzte Herr Servin. »Lernen Sie Ihre stolze Braut verehren, die zu hoch denkt, um sich ihren Gefühlen zu demütigen.«


»Schon sechs Uhr vorüber und Ginevra noch nicht heim!« rief Bartholomeo unwillig.

»So lange blieb sie noch nie im Atelier,« versetzte die Baronesse besorgt.

Bartholomeo war zu unruhig, um länger sitzen zu können. Er ging zweimal im Zimmer auf und nieder, mit ziemlich raschen Schritten für einen Greis von siebenundsiebzig Jahren.

Seit seiner Ankunft in Paris hatte sich sein Haar gebleicht und war auf dem Schädel gänzlich geschwunden. Das Alter hatte tiefe Furchen in Antlitz und Wange ihm gezogen, nur seine Augen blitzten noch zuweilen in jugendlichem Feuer, hatten samt den Brauen ihre furchtbare Beweglichkeit behalten, und er hielt sich immer noch schnurgrade. Er verdankte seine Baronschaft mehreren Sendungen, zu welchen der Kaiser ihn gebraucht. Dieser Titel war der geringste für einen Geschäftsträger bei einer auswärtigen Macht, im übrigen war Bartholomeo einfach, strenge und unbestechlich wie ein Korse geblieben, wie auch ein abgesagter Feind aller Höflinge. Er bewohnte das Hotel der Grafen Givry, welches er um eine mäßige Summe, die Madame, die Mutter des Kaisers, für seine Güter in Korsika ihm eingehändigt, erstanden. Er haßte die Pracht wie sein Kaiser; die wenigen Möbel, die er vorfand, genügten ihm. Die großen, hohen Zimmer, die breiten Spiegel, die düstern Wände mit Schnitzwerk paßten ganz zu seiner Lebenswelse.

Zweimal ging er im Zimmer auf und nieder, dann blieb er stehen und schellte. Ein Diener trat ein.

»Geh' dem Fräulein entgegen, Jean!« gebot er dem Eintretenden.

Der Diener wollte sich entfernen.

»Bleib, Jean!« rief der ungeduldige Greis, »du gehst mir nicht schnell genug.« – Rasch glättete er hierauf mit seinen breiten Händen die Schöße seines Überrocks, drückte den Hut in die Stirn und nahm sein Rohr.

»Du hast's nicht weit.« rief die Baronesse erfreut. »Ich höre die Haustüre gehen.« Der Greis lauschte einige Sekünden, bald ließ sich das Rauschen des seidenen Gewandes in rascher Bewegung auf der Treppe vernehmen. Hastig eilte Bartholomeo aus der Tür seiner Tochter entgegen.

Mit Ginevra auf dem Arme kam er wieder. – »Ginevra,« rief er, »Ginevrina, Ginevrola, Ginevretta, Ginevra-Bella – da ist sie ja. – Ich habe sie dir hergehext, Mutter, weil du besorgt warst.«

»Sie tun mir aber weh! lieber Vater,« versetzte die Tochter sanft, und der Greis ließ sie zur Erde nieder.

Das bleiche Gesicht der Mutter schien wirklich von Freude leicht gerötet, und der Baron rieb heftig sich die Hände. Ein Zeichen der Freude, das er sich bei Hofe angewöhnt, wenn Bonaparte seine Minister oder Generale ihrer Fehler oder Ungeschicklichkeit halber ausschalt.

»Zu Tische, zu Tische!« rief er jetzt. »Fräulein von Piombo, kann ich die Ehre haben?« Höflich bot er ihr den Arm. »Aber weißt du auch,« fuhr er fort, »daß, wie deine Mutter sehr richtig bemerkt hat, seit acht bis zehn Tagen du länger als gewöhnlich im Atelier bleibst? Das ist eine schlechte Kunst, die dem Vater das Töchterchen stiehlt.«

»Lieber Vater!« flehte Ginevra.

»Ei! so ernsthaft und den Tränen nah, habe ich dir weh getan?«

»Ich muß jetzt sehr fleißig sein,« versetzte Ginevra errötend.

»Also eine Überraschung! eine Überraschung hat's zu bedeuten. Nun so überrasche mich nur recht bald mit einem großen Bilde. Es soll hier am Fenster hängen, sonst ist es doch zu dunkel im Zimmer. Liebes Kind, du hast viel zu tun, ehe du diese breiten Wände mit deinen Bildern füllst.«

»Was fehlt dir?« fragte sie die Mutter, »du wechselst stets die Farbe.«

Sie versetzte plötzlich mit Entschlossenheit: »Vater! Mutter! Ginevra hat gelogen, zum ersten Male in ihrem Leben. Mit einem Worte: ich liebe!« Errötend hielt sie inne. Die Eltern blickten mit Befremden auf ihre Tochter.

»Das ist ja wohl ein Prinz, der Ginevras Zuneigung erwarb,« sprach streng und ingrimmig der Vater.

»Ihre Tochter hat Rang und Reichtümer zu verachten, von Ihnen gelernt,« antwortete Ginevra. »Es ist ein unglücklicher Freund Labedoyères, ein treuer Anhänger und Soldat des Kaisers, den man seiner edlen Ergebenheit halber erschossen hätte, wenn ich nicht persönlich beim Herzog von Felters um seine Begnadigung eingekommen wäre. Ja, lieber Vater, ich ging zu weit, ach, viel zu weit, ich kannte mein Herz nicht, sonst wär' es dennoch nicht geschehen. Ich habe mich verleiten lassen, ein Verständnis hinter Ihrem Rücken einzugehen, habe mich meinen Mitschülerinnen bei Servin verraten, die mich fliehen und meinethalben das Atelier nicht mehr besuchen. Aber ich kannte mich selbst nicht. Jetzt kenne ich mich, und wie ich mich kenne, glaube ich in dem, was ich tat, mein Glück zu finden. Ein Glück, das wert ist, von Ihnen erbeten zu werden, und so zu meiner Rechtfertigung mich anklagend, bitte ich um Ihren Segen.«

Es lag so viel Offenherziges und Rührendes in Ginevras Worten, daß ihre Mutter sich nicht länger hielt und weinend ihrer Tochter um den Hals fiel.

»Sie verstehen mich, teure Mutter«, rief Ginevra. »Sie haben den Vater so ebenfalls geliebt. Erinnern Sie ihn daran, denn seine Zuneigung hat ihn ja auch nicht betrogen. Lieber Vater«, fuhr sie, einmal im Flusse der Rede begriffen, fort, »habe ich je in den Pflichten einer Tochter gegen Sie gefehlt? Habe ich nicht Glück und Beruhigung in dem gefunden, was anderen Kindern nur einfache, leere Schuldigkeit dünkt? Seit fünfzehn Jahren bin ich Ihnen nicht von der Seite gewichen, und war es mir gegeben, irgend etwas zu Ihrer Freude vollbringen zu können, wahrlich, mit meinem Wissen ward es nicht verabsäumt. Ach Gott, bedenken Sie ja alles, alles, vergessen Sie niemals, wie innig Sie Ihr einziges Kind lieben, denn wenn ich weiter gehe und Ihnen sage, wer mein Bräutigam ist, – o Gott, mir ahnet Böses!«

»Fängst du an, mit deinem Vater zu rechnen?« fragte der Greis mit Bitterkeit. »Ja,« fuhr er unwillig fort, »ich will dir's nur gestehen, ich dachte, nie würdest du dich vermählen, ganz wie und was du bist, würdest du dich der Pflege deines alten Vaters widmen. Oh! ich Narr! wie konnte ich mir das einbilden? So etwas ist ja nicht geschehen, seit die Welt steht. Kinder lieben ihre Eltern nicht. Das hat man von den schönen Töchtern, die man groß zieht, daß sie dem Manne folgen. Ich alter Esel, eifersüchtig bin ich auf jeden, den du liebst.«

»Lieber Vater,« versetzte Ginevra sanft, »ich erschrecke vor Ihnen. So liebt ja ein Vater seine Tochter nicht; was Sie von mir begehren, ist wider die Natur, und keine Pflicht befiehlt es mir. – Gestehen Sie lieber, Sie können nicht billigen, was ich ohne Ihren Willen tat, und suchen Ihren Unwillen darüber auf diese Weise zu rechtfertigen, um Gottes willen, lassen Sie heut den Eigensinn, sonst bin ich verloren.«

»Du willst dich also verheiraten! Ich soll kein Kind mehr um mich haben,« rief der Greis wie trostlos.

»Zwei! lieber Vater!«

»Ich kann nicht ohne dich leben.«

»Sie konnten's!« versetzte Ginevra strenger. »Monatelang sind Sie auswärts gewesen und fern von mir. Viel besser könnten Sie es als mein Bräutigam, denn ihm bin ich alles. Er stirbt heute ohne mich, er betet mich an. Oh, hätten sie es gesehen!«

»Der Laffe liebt dich?« rief Bartholomeo zornig über den dreisten Widerspruch, »oh, liebte er dich, längst hätte er mich umgebracht, wie ich Lust habe, ihn zu erdolchen.«

Ginevra blickte ihn erschrocken an.

»Still, liebes Kind!« fuhr der Alte fort, »es überrascht mich, du siehst, ich muß mich in alles finden. – Es gibt also doch jemand, den du lieber hast als mich.«

»Lieben Sie meine Mutter mehr als mich oder mich mehr, als meine Mutter? – Gestehen Sie doch, daß diese Empfindungen unvergleichbar miteinander sind.«

»Du bist klüger als ich, mein Kind! Du schlägst mich mit meinen eigenen Waffen. So gib du heut nach, damit ich mich finden lerne. Kind! ich habe keinen Kaiser mehr, kein Vaterland mehr, nur die einzige Ginevra. Unter dem Kaiser hätte ich dich gern einem Grafen, einem Herzog hätte ich dich gegeben! Ginevra, warum hast du damals keinen Fürsten geheiratet?«

»Sie wollen mich nicht verstehen! Ich rede kein Wort mehr,« rief Ginevra zornig. »Mein Vater, ich muß Ihnen vertrauen; gut, die Wahrheit habe ich Ihnen gesagt, – nenne ich Ihnen meinen Bräutigam und Sie weigern ihn mir, so weigern Sie mein Glück, so wünschen Sie meinen Tod oder machen mich den Ihren wünschen. – Verzeih mir Gott, ich bin in einer Lage, wo ich das Äußerste wagen muß.«

»Oh. ich überleb' dich!« rief der Greis, »denn Kinder, die ihre Eltern nicht ehren, sterben früh.«

Ginevra fiel ihrem Vater weinend um den Hals, schlang liebevoll die Arme um seinen Nacken, küßte ihm Stirn und Locken: der Vater war besänftigt, er nannte sie wieder sein Kind und Ginevra-Bella, Ginevretta, nahm sie auf den Arm, trug sie im Zimmer umher. Seine natürliche Zärtlichkeit grenzte an Wahnwitz, ans Närrische. Er löste ihre Flechten, ließ ihr Haar herabfallen. Ginevra ward böse, doch liebkoste sie ihn scheltend und bat, ihren Bräutigam ihm vorstellen zu dürfen, wer es auch sei, den sie liebte. Der Vater schien dies ebenfalls scherzend zu weigern, beide stritten sich liebkosend miteinander. Zuletzt gab Bartholomeo nach und versprach, mit allem zufrieden sein zu wollen, unter der Bedingung, daß Ginevra heut nicht mehr davon rede. – Man ging zu Tische.


Seit dem Tage fand sich Ginevra nur spät auf dem Atelier ein und verließ es früher als gewöhnlich; erwies sich zärtlicher und zuvorkommender als je gegen ihren Vater und schien im voraus die große Schuld der Dankbarkeit abtragen zu wollen, die eine solche Einwilligung ihr aufzulegen schien.

Nach Verlauf einer Woche gab ihr ihre Mutter einen Wink. Ginevra hielt ihr Ohr hin und flüsterte leise: »Ich habe mit deinem Vater gesprochen, er ist mit allem zufrieden, führ' deinen Bräutigam nur her, wann du willst.«

»Mutter!« klagte Ginevra, »wie wird das werden, so oft ich von meinem Bräutigam zu reden anfing, läßt mich der Vater nicht zu Worte kommen?«

»Du hörst ja, er ist mit allem zufrieden, und heut hat er seine beste Laune.«

»Wenn's nun sein Todfeind wäre?«

»Wenn's auch der schmiegsamste Höfling des Königs ist.«

»Wenn auch ein Porta?«

»Ein Porta? – Kind du erschreckst mich, doch die Portas sind ja alle tot.«

»Mutter!« rief Ginevra, »mir wäre besser, ich hätte nie meinen Bräutigam gesehen, das Unglück hätte nie ihn mir näher gebracht, nie hätte seine Verzweiflung mich gerührt, und nie hätte ich gewußt, daß ich sein guter Engel bin! Dies alles ist nun geschehen, und wahrlich! ist der Vater eigensinnig oder Sie – ich werde es auch sein – denn ich habe zehnmal besseren Grund dazu.«

»Ginevra – wär's möglich – nein, doch, nein, wie könnte es sein?«

So rief die Baronesse erschrocken, aber Ginevra war bereits aus dem Zimmer und hatte auch bald das Haus verlassen.


Auf dem Atelier erzählte sie ihrem Freunde, welch einen Kampf sie seinethalben mit dem Vater gehabt, und als dieser die herrliche Braut umarmen wollte, wies sie ihn sanft zurück. – »Es wartet noch etwas bei weitem Schlimmeres im Hintergrunde,« sprach sie.

»Was?« fragte Luigi.

»Ich habe es dem Vater nicht gesagt, Ihnen will ich's auch nicht sagen, ich werde sehen, welcher von beiden Männern Ginevra am meisten liebt.«

»Sie sind mir ein Rätsel. Wollen Sie mich auf die Probe stellen? halten Sie es für nötig? immerhin! doch nein! das sieht Ginevra nicht ähnlich. Sie sind zu stolz, um eines Argwohns fähig zu sein, wo Sie lieben.«

»Das Schicksal stellt Sie auf eine Probe, mein Freund! ich wahrlich nicht!«

Luigi stand eine Weile stumm, dann sich ermannend, rief er: »Ich habe in blutigen Schlachten nicht gezittert, ich ging dem feuerspeienden Tode entgegen, der ganze Kolonnen niederriß, und verlor den Mut nicht, als ganze Bataillone in dem Eis der Beresina erstarrten. Jetzt zittere ich, denn ich soll Ginevra verlieren!«

»Beweisen Sie's, daß Sie mich lieben!«

»Oh. Sie mißtrauen mir dennoch!«

»Folgen Sie mir,« sprach Ginevra und reichte Luigi den Arm. Er führte sie zu ihrem Wagen, hob sie hinein und setzte sich zu ihr.


Finster und kalt, mit gefalteter Stirn und Brauen, saß Bartholomeo schon wieder in seinem Lehnstuhl und harrte seiner Tochter.

Diese trat ein nebst ihrem Bräutigam und redete zu ihren Eltern: »Ich bringe Ihnen jemand, der Ihre Liebe verdient, selbst wenn er ihr Todfeind ist.«

Mit militärischem Anstand, aber furchtsam und schüchtern, im Bewußtsein, ein besseres Glück zu verdienen, als ihm gegenwärtig geworden, stand Luigi Porta vor dem Alten, dessen bewegliches Auge von oben bis unten ihn maß. Es war dies das einzige Zeichen des Lebens, man hätte ihn sonst für ein Marmorbild gehalten.

Endlich fragte er: »Sie haben dem Kaiser gedient?«

»Mit Leib und Seele.«

»Wie kommt's, daß Sie nicht dekoriert sind?«

»Seit dem 8. Juli trage ich die Ehrenlegion nicht mehr.«

Ginevra, über diesen Empfang unwillig, holte einen Stuhl herbei und nötigte Luigi mit ungewöhnlicher Zartlichkeit, die zugleich ihn besänftigen und der Rauheit des Vaters trotzen konnte, Platz zu nehmen.

Der Vater hatte den Jüngling unverwandt angeblickt. »Mein Herr,« begann er wieder, »ich bin geradeaus, wie ein Korse! Sie gefallen mir, und alles wäre mir recht – nur gewisse Züge – mit einem Worte – eine vermaledeite Ähnlichkeit mit den Portas empört mein Innerstes. Frau, was sagst du?«

»Ich bin ein Porta!« versetzte der Jüngling.

»Unglücklicher, wärst du Luigi Porta?« rief der Greis mit fürchterlicher Stimme und leuchtenden Blicken. –

»Der bin ich! Ich dächte, Ihre Tochter hätte Ihnen gesagt.«

»Er ist es« – versetzte Ginevra und faßte seine Hand.

Bartholomeo war keines Wortes mächtig – er stand auf – und wankte – faßte die zitternde Gattin beim Arm und zog sie mit Blicken des Entsetzens zur Tür hinaus.

Bleich und unbeweglich wie eine Bildsäule starrte Ginevra ihren Eltern nach.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Luigi erschrocken.

»Unglücklicher! Du fragst?« rief Ginevra plötzlich außer sich. – »Und ich soll es sagen? Nun so höre: Du hast den Mörder deiner ganzen Familie soeben gesehen, der all die deinigen getötet, der dich ans Bett festgebunden, um dich in den Flammen deines eignen Hauses zu Asche zu brennen: das ist mein Vater, Bartholomeo Piombo, und dein Vater, Luigi Porta, hat meine Brüder getötet, hat mein Haus niedergebrannt, oh! unsere Geschlechter sind sich keine Bluttat schuldig geblieben. Und wir wollen uns vermählen? Glück zur Hochzeit!«

»Ginevra! kann ein holdes Weib so fürchterlich sein? Die Erinnerungen meiner Kindheit tauchen schrecklich empor. Ginevra, ich hätte das meinem ärgsten Feinde nicht geglaubt.«

»Luigi Porta, so stehen unsere Verhältnisse. Dem Unglücklichen schenkte ich mein Mitleid, dem Verzweifelnden, weil er meine Gesinnungen teilte, meine Liebe; dem, um den ich meine Ehre aufs Spiel gab, die Hand. Nun, wie spricht jetzt Luigi Porta zu Ginevra Piombo, weil Blutrache unter ihnen waltet?«

»So war es gemeint? – Ha! ich könnte rasend werden!« rief der Jüngling voller Schmerz. – »O Ginevra, die Väter bekämpfen sich wie Männer, die Sitte, man könnte sagen, die Ehre verlangt es so. Allein du! – Den Verzweifelnden, der sein Leben wegwerfenswert achtete, den kettetest du ans Dasein, fülltest ihn mit Mut, Hoffnung, Freude, verhießest ihm deine Liebe, deine Hand, um ihn zehntausendmal schlimmer zu morden, daß er der Liebe, dem Leben, dir und sich selbst fluchen möchte? – O Ginevra, würdige Piombo, ja, deine Blutrache, das ist eine Blutrache. Frohlocke nur, schämst du dich nicht, denn eine Schmach bist du deinem Geschlechte! – Leb wohl in den Flüchen, die deine Tat dir erworben.«

»Du verkennst mich, Luigi,« versetzte jene sanfter. »Die Absicht, die du denkst, hatte ich nie. Ich will dich ruhiger fragen: Kannst du aus Liebe zu mir die Blutrache vergessen, die in unsern Häusern waltet?«

»Ob ich sie vergessen kann!« rief Luigi plötzlich hocherfreut. »Zur Hölle damit, mit allem, was mich von Ginevra trennt. Den Fuß setze ich auf die blutigen Leichen meiner nächsten Anverwandten, und deine Hand fassend, frohlocke ich: ›Ich bin keine Waise, denn Ginevra liebt mich!‹«

»Du sprichst kühn, allein so wollte ich's, ich liebe dich darum. Mein Freund, du hast mein Herz erleichtert und allen Zwiespalt geschlichtet, der bisher es zerriß. Ja, ich liebe dich, obgleich du ein Porta bist, Blut erbt sich nicht, unsere Liebe muß den wütenden Haß unserer Vorfahren aussöhnen, und sprichst du kühn, ich kann es auch und sage dir's: Sollte mein Vater und meine Mutter mir fluchen, mich verstoßen, mich als Feindin auf den Tod verfolgen, ich liebe dich! Luigi, nie hätte ich so leichtsinnig meinen Ruf preisgegeben, nie hätte ich ja dies alles gewagt und herbeigeführt, wenn ich dich nicht viel, viel mehr liebte, als ich selbst es wußte. – Jetzt höre, mein Teurer, was zu deiner Sicherheit not ist. – Wie du dies Haus verlässest, hast du vor meines Vaters Dolch zu fürchten, nur hier in seinem Hause bist du sicher, wie du es verlässest, steht dein Leben in Gefahr. Er hat auch zwei Korsen in seinem Dienste, entgehst du dem einen, fällst du in die Hände des anderen. – Allein ich werde schon zu erforschen wissen, wo Gefahr dir droht, und dich benachrichtigen. Für jetzt begleite ich dich und werde dich aufmerksam machen, wo ein verdächtiges Gesicht dir nahe will. – Mein Vater ist, was das anbelangt, kurz entschlossen.«

»Oh, süße Gefahr und süßerer Schutz!« rief Luigi.

»Verlaß dich auf Ginevra,« versetzte sie.

Luigi durfte sie umarmen und wagte zum ersten Male einen Kuß. »Ja,« rief er entzückt, »der Erbhaß ist erstorben, wie lieben sich nun die Portas und die Piombos.«


Ginevra war vom Zufluchtsort ihres Geliebten heimgekehrt und folgte sanft und ergeben, aber mit dem stillen Bewußtsein ihres kräftigen Entschlusses, von dem ihr ganzes Glück, wie sie glaubte, abhing, ihren Eltern zu Tische. Ihre alte Mutter hatte rotgeweinte Augen, es rührte sie, und sie durfte ihre Empfindung nicht verraten. Bartholomeo schien Empfindungen zu hegen, die keine andere Äußerung fanden als Todesblässe, Grabesschweigen und Regungslosigkeit. Das Mahl wurde aufgetragen. Niemand vermochte einen Bissen zu genießen, niemand wagte ein Wort, nur stumme Blicke wurden gewechselt, als täte es jedem einzelnen not, sich zu überzeugen, ob er sich auch wirklich unter den längst bekannten Mitgliedern seiner Familie befände. Aber jeder vermied, des andern Augen zu begegnen, deren bedeutungsvolles Dunkel gemeinsame Familienähnlichkeit war. Nur körperlich waren sie beieinander, jedes geistige Band schien fürchterlich zerrissen.

Sie verließen den Speisesaal, das feierliche, beängstigende Schweigen dauerte fort.

Piombo wollte etwas sagen, die Stimme versagte ihm. – Er schellte.

»Mach' Feuer im Kamin, Jean!« gebot er dem Diener. »Mich friert!«

Ginevra erschrak; sie blickte den todbleichen Vater an, es war ihr, als müsse sie für sein Leben fürchten.

»Können Sie denn von Ihrem Haß nicht lassen,« begann sie endlich, »wo es meinem Glücke gilt? – O Vater! hätten Sie gesagt, er ist arm, ist an Rang und Geburt mir nicht gleich, es wären mindestens Gründe, die ein Vater einer Tochter einwenden darf.«

»Ginevra!« fragte der Alte, »willst du dich mit dem Erbfeind deiner Familie verbinden?«

»Ich danke meinem Schöpfer, daß ich in Ihrem blutigen Glauben nicht aufgewachsen bin. Vater, ich erschrecke vor Ihnen. Fürchten Sie Gott nicht? Hat Ihr Kaiser diesen Bluthaß Ihnen nicht genommen? Fünfzehn Jahre sind Sie hier. Können Sie denn solche abscheuliche Wut nicht vergessen? Ich und er, wir sind rein von dem Verbrechen, das unsere Häuser besudelt. Hätte ich je ein unschuldiges Kind ans Bett festbinden können, damit die Flammen des eigenen Hauses seine zarten Glieder verzehrten, und ich fände solchen Frevel ungeschehen, ich fände einen herrlichen Jüngling, meine Gesinnungen teilend, meinen Helden anbetend, unglücklich im Eifer für meine Sache und mir als Hilfsbedürftiger zugewiesen, die Füße würde ich ihm küssen und ihn als einen Erlöser von so großer Sünde anbeten. Und liebte er meine Tochter, einen Wink des Himmels würde ich darin anerkennen.«

»Du bist gelehrt, ich habe dich viel lernen lassen, aber ich heiße Bartholomeo di Piombo.«

»Bedeutet der Name Piombo: ich will, was ich einmal will, mit tausendmal besserem Rechte heiße ich Ginevra di Piombo.«

»Wähle zwischen mir und ihm.«

»Ich habe gewählt.«

»Was hat er vor mir voraus, daß du ihm folgen, mich verlassen willst?«

»Er liebt mich mehr als Sie. Sie lieben sich selbst nur. können von Ihrem Haß nicht lassen, mir zuliebe. Ich verlasse Sie, weil Sie so denken, denn nicht er noch ich können unter Ihren Augen leben!«

»Willst du in meine Rache hineinheiraten? Ich denke, du kennst mich?«

»Ich kenne Sie! Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß ich einen Dolch habe und keinen Menschen fürchte.«

»Und ich fürchte keinen Dolch!«

»Dein Glück, daß wir in Paris sind,« rief der Alte mit einem fürchterlichen Blick und schlug mit der geballten Faust auf die Marmorplatte des Kamins, daß es im weiten Zimmer hallte.

Ein wenig erblaßte Ginevra. Sie sah ihren Vater an, der wie ein fürchterliches Gespenst ihr erschien.

»Treiben Sie es so weit,« sprach sie, »damit ich mit vollem Rechte den Vater hassen kann, denn weil ich Ihre Tochter bin, habe ich wohl nichts auf der Welt zu erwarten als meinen Tod in Unschuld. – Ich danke Ihnen, dies Wort hat mich sicher gemacht. Der letzte Liebesfunke für meinen Erzeuger ist nun erstickt in meinem Herzen.«

Ginevra wollte einen höheren Heldenmut behaupten als sie besaß. Sie nahm ihre Harfe aus dem Winkel und versuchte, ein Lied zu spielen. Aber wild rührte sie die Saiten, und ihre Brust hatte keinen Atem zum Gesang. Dröhnend stieß sie die Harfe in den Winkel zurück, rang die Hände, Tränen brachen aus ihren Augen. »Lieber Vater!« rief sie, »ich bitte, sagen Sie, ist dies alles ein fürchterlicher, garstiger Traum?«

Sie wollte ihn umarmen, er stieß sie mit Widerwillen von sich.

»Oh, sehen Sie, Mutter!« rief Ginevra weinend, »den Mann liebten Sie, von dem konnten Sie sich Zärtlichkeiten gefallen lassen, arme, arme, beklagenswerte Frau! Ja, ich verlasse Sie auch, denn Sie sind einem Manne vermählt, dessen Grundsätze ich verabscheue; ich verabscheue mein Vaterland und alle Korsen. Weil ich eine Korsin bin, bin ich dem Unglück geweiht.« Sie verließ das Gemach.

Am folgenden Morgen hatte Ginevra alles das, was sie das Ihrige nennen konnte, zusammengepackt und wollte mit dem frühsten das Haus verlassen. Der Portier weigerte sich, ihr die Tür zu öffnen, und berief sich auf den strengen Befehl des gnädigen Herrn. Ginevra kehrte zurück. Die Diener des Hauses alle waren ihr ergeben, und eine Kammerfrau trug einen Brief heimlich zu Luigi Porta und brachte die Antwort zurück. Diese heimliche Korrespondenz dauerte fort. Ginevra gab sich selbst Zimmerarrest. Einen Tag lang blieb sie ohne Nahrung, weil es der Vater also wollte, aber schon am zweiten Tage ließ es sich die Mutter nicht nehmen, ihr Speise auf ihr Zimmer zu senden.

Der 30. August brach an, es war Ginevras zwanzigster Geburtstag. Sie begab sich an diesem Tage zu ihren Eltern in die Gemächer, und wieder trat die unheilvolle Stille ein, man wagte nicht mit einem lauten Worte, an die entsetzlich zerstörten Familienverhältnisse zu rühren.

Da trat Jean in den stillen Familienkreis und meldete die Ankunft zweier Notaren. – Sie wurden eingelassen. Bartholomeo faßte die Ehrenmänner scharf ins Auge. Ihr gerichtlicher Anstand bildete einen seltsamen Kontrast zu den leidenschaftlich aufgeregten Gemütern der Piombos. Ginevra suchte vergebens, ihre innere Unruhe zu beherrschen, ihre große Bewegung verriet, welch ein entscheidender Auftritt hier stattfinden sollte.

Der älteste Advokat begann. »Ohne Zweifel, mein Herr, sind Sie der Baron von Piombo?«

Bartholomeo neigte langsam und würdevoll sein Haupt, worauf der Notar ebenfalls mit einem leichten Kopfnicken den Gegengruß andeutete. Hierauf zog er eine Tabaksdose aus der Westentasche, nahm eine große Prise, die er aber in sehr kleinen Portionen, bald rechts, bald links, einschnupfte, indem er folgende wohlgeordnete Rede begann, mit Absätzen, welche, hier mit einem Gedankenstrich bezeichnet, sein oratorisches Schnupfen bedeuten sollen.

»Mein Herr – wir sind gekommen – ich – und mein Kollege – um das Gesetz in Anwendung zu bringen – und den Zwist zu schlichten – welcher – wie es scheint – sich angesponnen hat zwischen Ihnen und Ihrem Fräulein Tochter. – Anlangend dero Heirat mit meinem Klienten, dem Herrn Rittmeister außer Dienst, Luigi Porta. – Aber, –« begann er nach dieser wohlgeordneten Einleitung mit einer Geschäftsmiene den zweiten Satz, »aber – in solchen Fällen sieht sich das Gericht genötigt, auf eine mögliche Versöhnung zu dringen. Haben Sie die Gnade, wohl zu erwägen, das gnädige Fräulein – ich habe die Ehre (wandte er sich zu Ginevra) – das gnädige Fräulein sind heute zwanzig Jahr geworden, folglich haben Sie das Recht, gerichtlich um Dispensation von der elterlichen Einwilligung anzuhalten. – Allein – es ist wiederum gebräuchlich – in Familien, die ein gewisses Ansehen haben, die der vornehmen Welt angehören, die – wie soll ich sagen – es nicht laut werden lassen mögen – dergleichen Zwistigkeiten in der Stille und gütlich beizulegen – denn dergleichen Aktenstücke haben nichts Erfreuliches, wenn sie einmal da sind, und sind sie da, so bleiben sie leider als unverwüstliche Denkmale von Familienzwistigkeiten für immer. – Von dem Augenblick an, mein Herr – (fuhr er fort) – wo eine junge Dame Zuflucht zu den Gerichten nimmt, – offenbart sie den entschiedenen Vorsatz, trotz dem Vater und trotz der Mutter – ich habe doch die Ehre, – (wandte er sich zur Baronin, welche stumm die Hände rang) – ihrer Neigung zu gehorchen. Der elterliche Widerstand also ist fruchtlos – sodann – folglich – muß ein vernünftiger und gütiger Mann nach der letzten Vorstellung – die an ihn ergangen ist . . .«

Der Notar schwieg, über Bartholomeos grimme Blicke betroffen. Er sah seinen nicht minder geängsteten Kollegen an, gab ihm einen Wink, und beide traten zum Fenster.

»Mit dem Alten ist's nicht richtig!« versetzte der Kollege. »Du richtest nichts aus, in deiner Stelle würde ich ihm kurz den Bescheid vorlesen und um seine Erklärung bitten.«

Der Notar zog hierauf ein gedrucktes Papier aus der Busentasche, reichte es dem Greise hin und fragte ihn, welchen Bescheid er hierauf gebe.

»Gibt's also in Frankreich Gesetze wider den heiligen Willen des Vaters?« fragte der Korse wütend.

»Mein Herr,« begann mit seiner süßlichen Stimme der Notar.

»Die einem Greise die Freude seines Alters rauben?«

»Mein Herr! Ihre Tochter ist in väterlicher Gewalt, so lange –«

»Seinem Leben den Trost entreißen?«

»Mein Herr!«

»Die ihm das Herz brechen, ihn zur Grube fördern?«

»Erlauben Sie!«

Die Kälte des Notars und seine höfliche Stimme machten den Korsen vollends rasend. Er stürzte nach dem Kamin, riß ein langes Messer dort vom Nagel, und wie ein Tiger sprang er auf seine Tochter zu.

Die Notare, die Mutter wollten dazwischen treten. Bartholomeo warf sie zu Boden. Ginevra stand starr vor Schrecken, ihre Glieder schienen gelähmt.

»Nein! Nein!« rief Bartholomeo und schleuderte das Messer rückwärts, daß es tief in die Balken fuhr. »Du sollst leben, zu gut für dich ist der Tod. – Meinen Feinden schneide ich die Gurgel ab, aber wenn sich mein eigen Blut und Fleisch empört wider mich, dem fluch' ich's tot! – Ja! ich bin ein Korse, bin Bartholomeo di Piombo und fluche dir, so lange ich Atem habe, und jeder Fluch soll dich empfänglicher machen für Entsetzen und Verzweiflung, und jeder Fluch soll mit neuem, scheusaligeren Schreck sich um dich lagern! – O all' ihr bösen Höllenmächte, heiligt diesen Augenblick des tödlichsten Hasses, nehmt ihn hin, er ist euer, und legt ihn dieser vatermörderischen Kreatur Tag und Nacht, schlafend und wachend, stets an die Seele, macht ihr Blut starren, sträubt ihr Haar zu Bergesspitzen auf, verwildert sie zum elenderen Jammerbild stündlich, wie in dieser Stunde, daß sie im lautlachenden Wahnsinn die Haare rauft, den nackten Schädel am ersten, besten Stein zerschlägt, dann versagt ihr stets die Mittel, die fluchwürdige Last des Daseins abzulegen! – Fort, mir aus den Augen, du Natter! du Seuche! du Hexe! du Pest! – O pfui! pfui! –«

Der Alte hätte seinen Fluch noch nicht geendet, wenn nicht der jüngere Notar, empört über diese tierische Wut, Ginevra beim Arm aus dem Zimmer gezogen, die willenlos ihm gefolgt war, und draußen erst in einem Tränenstrom ihr Entsetzen lindern konnte.


Als sie in Luigis kleinem Gemach angelangt war, rief sie unter bangen Seufzern und Tränenströmen: »O Luigi! welch ein entsetzlicher Mensch ist mein Vater! o meine unglückliche, blödsinnige Mutter. – Wie konnte ich so lange mit diesen Leuten leben? Welch boshaftes Geschick gab mir solche Eltern? – Oh, ich fange an, den Glauben an einen guten Gott zu verlieren. Böse Geister ergötzen sich daran, unser Leben zu verwirren, daß Wahnsinn und Verzweiflung uns ergreift. Luigi! wärst du wie mein Vater! Betrögst du mich, wie er meine Mutter betrog! Luigi! wenn eben das in unserem Alter aus uns würde! O Gott! es wäre fürchterlich.«

Lange dauerte es, ehe Luigi aus Ginevras unzusammenhängenden Reden den Grund ihres Entsetzens erfuhr. Als sie ihm endlich alles Vorgefallene, und was sie in den letzten Tagen erlitten, geklagt hatte, beruhigte er sie tröstend:

»Gern wollte ich, du schmähtest mich, wüßte ich nur, daß es dir Erleichterung gewährte. Mißhandeln solltest du mich, mit Zärtlichkeit wollte ich es dulden, wenn du nur ein eigensinniges, verzärteltes Kind wärest, dem man auf solche Weise zu willen sein muß – das bist du nicht! Du bist Ginevra, die herrliche Jungfrau, die ich beim ersten Anblick anbeten mußte. Diese Tränen, dieser rücksichtslose Schmerz, diese innere Empörung gelten der Grausamkeit und Niedrigkeit, mit der man dich behandelt! Dein ahnungsloses Herz hätte das nimmer von einem Vater erwartet, den du sonst liebtest! Doch was muß ich sehen? Schon jetzt bist du beruhigt, beim ersten herzlichen Worte fand dein Geist sich selber wieder. O sieh, Ginevra! ich kenne dich und liebe dich, wie ich dich kenne; und glaube nur, ich gleiche dir und nicht deinen Eltern!«

In der Tat war Ginevra beruhigt, zärtlich drückte sie Luigis Hand und sagte: »Dein bin ich auf ewig. Ich habe deinethalben Vater und Mutter verlassen und bereue es so wenig, daß ich es noch einmal täte, stände es noch einmal zu tun.«

Die Liebenden besprachen darauf ihre zukünftige Einrichtung. Noch am selben Tage bezog Ginevra ein Zimmer in einem Hotel, um bis zu ihrer Vermählung es zu bewohnen.

Am Morgen darauf sandte ihr die Mutter ihr Eigentum, ohne auch die mindeste Gabe zur Aussteuer ihrer Tochter hinzuzufügen. Ein beifolgender Brief benachrichtigte sie, daß dies das letzte sei, was sie für ihre Tochter tun könne und wolle, und sie habe ferner von ihren Eltern nichts mehr zu hoffen.


Drei Jahre waren seitdem verstrichen, Bartholomeo und seine Gattin saßen auf den großen Lehnstühlen, jeder in seinem Winkel, vor dem Kamin, dessen Glut das breite Zimmer nicht durchgehends erwärmte. Ein Freund war soeben von ihnen gegangen. Sein Sessel war nicht beiseite geschoben, es war Ginevras Sessel, und stand an Ginevras gewöhnlichem Platze, die beiden Greise saßen da, wie wieder kindisch gewordenes Alter, und blickten umher gedankenlos, als sähen sie nichts.

Aber endlich brach der Alte das einförmige Schweigen. »Marie,« sagte er mit weicher Stimme, »setze den Stuhl weg!«

»Ich sitze hier so warm!«

»Ich bitte dich, setze den Stuhl beiseite!«

»Er kann dir nicht im Wege sein, er hat hier oftmals gestanden.« Sie konnte sich der Tränen hierbei nicht erwehren.

»Warum weinst du?« fragte Piombo seine Gattin.

»Ich denke an mein Vaterland, ich werde bald sterben und hätte gern die liebe Heimat wiedergesehen.«

»Das ist nicht wahr,« sagte Bartholomeo, »sag mir, warum du weinst?«

»Ich denke an meinen lieben Gregorio, jetzt wär' er siebenundzwanzig Jahre alt, und wir hätten doch jemanden, mit dem wir ein Wort reden könnten, statt daß wir jetzt vor Langerweile sterben.«

»Auch das ist es nicht,« versetzte Bartholomeo streng, »ich will es wissen, warum du weinst?«

»Nun ja,« brach die Alte heftig aus, »ich denke an meine liebe Ginevra. Es ist schändlich, daß Eltern so unversöhnlich sind wie wir. Aber ich kann dafür nicht. Du hast nicht einmal gelitten, daß ich binnen drei Jahren ihren Namen nannte, ich habe dir gehorcht, aber nachts, wenn du schliefst, habe ich mein Kopfkissen Ginevra genannt und es mit Tränen und Küssen gebadet.« –

»Ich schlief nicht,« versetzte der Korse, »ich hörte dich schluchzen und stöhnen und stellte mich schlafen, um deinen einzigen Trost dir nicht zu rauben.«

»Wenn du dies getan hast, warum scheinst du viel hartherziger als du bist? Seit vierzehn Tagen steht Luigi Porta vor unseren Türen Schildwacht. Der arme Junge sieht sich nicht mehr ähnlich. Die Nachbarn alle wundern sich und betrauern den großen, bleichen Mann, der in Sturm und Schnee nicht vom Flecke weicht und sehnsüchtige Blicke nach unsern Fenstern wirft. Aber du hast seitdem das Haus nicht einmal verlassen, aus Furcht, ihm begegnen zu können. – Ach Gott! ach Gott! wenn es meiner Ginevra traurig geht. – Sie hat vielleicht kein warmes Zimmer.«

»Dafür muß der Porta sorgen.«

»Vielleicht leidet sie Hunger und Not.«

»Der ist ein ehrloser Mensch, der sein Weib hungern läßt und sich nicht lieber totarbeitet.«

»So ist sie vielleicht krank – todkrank und möchte ihre Eltern gerne sehen, bevor sie stirbt.« –

Da erweichte sich endlich das Vaterherz, dessen Stolz so lange den natürlichen Regungen widerstanden, der eisgraue Korse fing bitterlich an zu weinen und rief: »Ja, du hast recht, liebe, gute Marie, wir wollen unser Kind wiedersehen, ich will auch den Fluch zurücknehmen, will sie lieben, ihr alles abbitten! Ach! ich hätte es ja schon längst getan, hättest du mit mir geredet wie heut.«

»Und Luigi Porta? Wenn er wiederkommt, willst du ihn sehen? – Er hat sich sehr verändert. Die dir so verhaßten Züge der Portas hat er ganz aus dem Gesichte verloren.«

»Ja, liebes Weib!«

Hurtig verließ die Alte ihren warmen Sitz und eilte ans eisbedeckte Fenster. – Sie konnte nicht hindurchsehen.

»Gib dir keine Mühe,« sprach der Greis, »er steht heute nicht mehr da – und das hat mich umgestimmt. Aber ich will zu ihm senden, meine Liebe, beruhige dich.« – Er schellte, und Jean wurde abgesandt, Luigi Porta und seine Gattin herbeizurufen.

»Er war schon wieder früh hier im Hause,« versetzte der treue Diener, »aber ich wagte nicht, ihn einzulassen, weil es der gnädige Herr mir streng befohlen.«

Eine Viertelstunde brachten die beiden Alten in Angst und Hoffnung zu, da trat Jean ein und meldete mit bekümmertem Gesicht, Luigi Porta sei ihm gefolgt, nicht aber Ginevra.

In diesem Augenblick trat auch Luigi ein, bleich, mit rotgeweinten Augen und abgehärmten Wangen, wie ein Gespenst anzusehen.

»Hier, Porta, hast du Piombos Hand,« redete der Greis ihn an. »Wir wollen jetzt Frieden machen.«

»Wozu?« fragte Luigi. »Es gibt keine Rache mehr unter uns. Ginevra ist tot. Ich folge bald ihr nach, und Ihr seid auch vom Grabe nicht weit mehr, wir nehmen uns nicht viel, wenn wir uns das Leben nehmen.«

»Tot! Ginevra?« fragten beide Eltern wie aus einem Munde.

»Tot?« versetzt der blasse, entstellte Jüngling, »unerbittlich wie das Geschick und die Vergangenheit! In der vorigen Nacht ließ Ginevra mich zu ihrem unglücklichen Wochenbette rufen. Ich kam. Die Wärterin mußte hinausgehen. ›Lieber Lugi,‹ sprach sie, ›ich weiß, daß ich sterben muß, und wüßte ich es nicht, dein rotgeweintes Auge, dein liebes, gramzerstörtes Angesicht würde meinen Tod mir verkünden. – Erfülle noch meine letzte Bitte. Laß mich, ehe ich sterbe, noch einmal den Himmel sehen und die reine Nachtluft einatmen.‹

›Liebes Weib,‹ sagte ich, ›es ist eine grimmig kalte Nacht.‹

›Der Tod ist kälter, und ich fühl' ihn schon in meinen Gliedern. Schlag einer Sterbenden nicht aus eigensinniger Pflege die letzte Bitte ab. Der Anblick des hohen Himmels und deine Gegenwart wird mich beruhigen. Mit euch beiden habe ich es nicht verdorben, und ich habe um mich, was mein ist, und ich lieben darf.‹

Ich hatte meine Besinnung nur in Tränen und schob die schwere Bettstelle zum Fenster hin. Sie sah, wie ich mich mühte, lächelte dankbar, ach! es war das letzte, was ich für sie tat. – Ich mußte das Fenster ihr öffnen und in einen wollenen Schal gehüllt sie aufrichten, daß sie sich auf die Brüstung lehnen konnte.

›Lieber Luigi‹ sprach sie, ›so hoch reicht kein Vaterfluch, o welche sternenhelle, reine Nacht! Der Himmel würde nicht so ernstvoll-heiter blicken, wäre er auf Ginevra erzürnt wie der Vater. Wenn das unseres Todes Aussehen ist, wahrlich, es ist herzerhebend und ermutigend. Wir sollten uns dann nicht vor dem Tode fürchten, denn es gibt keinen erhabeneren, wünschenswerteren Anblick. Lieber Mann, höre mir zu. Ich habe dir noch viel zu sagen.‹

›Liebst du mich noch,‹ fragte ich außer mir vor Schmerz, ›hat der Fluch des Vaters mich nicht aus deinem Herzen gejagt?‹

›Bei Gott, vor dem ich noch in dieser Nacht stehen werde, in diesen meinen letzten Augenblicken liebe ich dich wie im ersten, da ich dich sah, und mehr, inniger noch. Diese Frage, ich weiß wohl, richtest du an mich, weil ich dich von meinem Krankenbette entfernt hielt. – Ich nahm wahr, wie du, um mich zu pflegen, deine Arbeit versäumtest und die Nacht zu Hilfe nahmst, um nicht zurückzubleiben. Teurer Gemahl! Du hast mehr für mich getan, als ich billigerweise hätte zulassen dürfen, wüßte ich nicht, wie süß die Mühe um den Geliebten ist. – Nicht als eine einfache Offiziersgattin, die ich nunmehr geworden, sondern als die Baronesse di Piombo hieltst du mich. Hätte ich zugelassen, daß du die Nächte in angestrengter Geistestätigkeit, mit dem Leid um mich im Herzen, zugebracht, deinen Tod hätte ich auf dem Gewissen gehabt. – Mein Luigi! Der Fluch des Vaters hatte keine Macht über dieses Herz, du warst mir in keinem Augenblick gleichgültig. Gedenkst du noch – Luigi – jenes feierlichen Tages, wo wir Hand in Hand vor den Altar traten? Wir standen allein, die übrigen Vermählungspaare hatten ein großes Gefolge von Freunden und Anverwandten. Wir waren einfach gekleidet, sie hoch ausgeschmückt; wir still und ernst, sie machten ein leichtsinniges Fest aus der hohen Feierlichkeit. – Und als die verfeindeten Namen Luigi Porta und Ginevra di Piombo durch die Kirche hallten, als durch die bunte Menge ein Geflüster streifte (man erzählte sich, daß kein Vatersegen auf dem Bunde ruhte), da schwuren wir uns die Treue, die wir fühlten, mit einem Worte, einem Blicke, die der Seele angehörten und uns allein verständlich waren. Und dies Gelübde haben wir gehalten, wie nur ein Mensch es vermag. Jede schöne Empfindung verläßt uns zu Zeiten, weicht der schlechteren Natur in uns, ermattet und schläft wie der Leib. Ich weiß aber keinen Augenblick, wo ich meinen Luigi nicht liebte. Nicht mit dem Jugendfeuer der ersten erwachten Zuneigung, nicht in dem Künstlerrausch, wie die Malerin damals, die Luigi Portas herrliche lebende Gestalt zuerst sah. – Mit der Treue und Sorgfalt einer Gattin, die ihre Pflichten kennt, und in der Erfüllung derselben zu jeder Zeit Beruhigung fühlt. Und du auch hast dich stets zärtlich, nachsichtig, zuvorkommend und treu gegen mich erwiesen, vom ersten Tage unserer Verlobung bis jetzt in meiner Sterbestunde. – Wir haben befolgt, was Gott angeordnet, und dürfen mit unserer Liebe vor seinen hohen Richterstuhl treten, damit er den Vaterfluch löse, der darauf ruht. – Drei Jahre lang, mein Teuerster, warst du mit mir zufrieden, ach! vergib mir, wenn ich in den letzten Wochen dich bisweilen quälte, den schwangern Frauen muß alles verziehen werden. Die Furcht vor der schweren Entbindungsstunde, die beängstigende Last des Leibes bewegt sie zu seltsamen Grillen und Launen. – Da gab es Augenblicke, wo der fürchterliche Vater gräßlich fluchend vor mir stand und ich im inneren geheimen Schauder das Dasein jener finstern Mächte zu erkennen glaubte, die er zu Zeugen seines Fluchs beschworen und mich ihnen geweiht. Nein! nein! Luigi – ich darf in meiner Todesstunde nicht lügen – nein! wisse: auch früher schon konnte ich der Bangigkeit nicht Herr werden, soviel ich auch meine Überlegung und meinen Verstand zu Hilfe nahm, so sehr auch deine Liebe mich tröstete. Ich glaube wahrlich nicht, daß es der Fluch, die Worte waren. – O nein! aber ich sollte meinen Vater nie wiedersehen. – Ach, was ist die Abwesenheit doch für eine wunderbare Pflege der Liebe! Es ward mir so lebendig, wie er mich ehedem geliebt, wie er als Kind mich gepflegt, wie er auf der Reise hierher, ermüdet wie er war, mich auf seinen Armen meilenweit getragen, mich gefüttert mit der Nahrung, die er sich abgedarbt, wie er als Greis ganz in mir lebte und ohne mich nicht sein konnte. – Ach, ich bin nicht ganz unschuldig, schwer habe ich ihn gekränkt, sein wildes Herz blutig gereizt. – Gott wird barmherziger sein als er und mir vergeben! – Dann schien es mir zu Zeiten, als ob unsere Ehe deshalb kinderlos bliebe, weil der Fluch ihr den Segen der Fruchtbarkeit geraubt. Ich bin viel schwächer, als ich je zu sein mir eingebildet. Dies Gefühl übermannte mich im Wochenbette, das hat mein Kind getötet und tötet jetzt mich. Diese Erregbarkeit der weiblichen Natur brachte in Erfüllung, was zu denken widersinnig, schrecklich wäre. Gott sei Dank, ich kann so in der Sterbestunde reden.‹

Ich hielt mich nicht länger, unterbrach Luigi seine Klage. Ich sank vor ihr auf die Knie und benetzte ihre welke Hand mit Küssen und Tränen. – ›Was Menschen möglich ist, habe ich getan‹, rief ich. ›Seit vierzehn Tagen stand ich unbeweglich vor seiner Tür, jedermann kannte und entsetzte sich vor dem starren Jammerbild. Er hielt die Tore eigensinnig verschlossen. Ich schrieb mit verstellter Hand, erfand alle erdenkliche Namen, damit er die Briefe nicht erkenne und lese. – Oh Ginevra! ich ging weiter als du weißt, – ich klagte mich als deinen Mörder an, den du verabscheutest, schilderte dich als reuige Büßerin, die sterbend sich mit ihren Eltern versöhnen möchte. Und diesen Erguß meines Schmerzes sandte ich deiner Mutter zu, hoffend, ein weibliches Herz sei versöhnlicher! – Sie müssen wenigstens einige der Briefe empfangen haben, es ist nicht anders möglich.‹«

»Ich nicht!« jammerte die Baronesse, »es hätte mir das Leben gekostet, er unterschlug sie alle.«

Bartholomeo stand sprachlos!

»Das ist nun alles eins«, fuhr Luigi fort – »Ginevra rief: ›Wie können Eltern so unnatürlich hart sein? Das Tier haßt seine Jungen nicht, der Pelikan tränkt sie mit seinem Blute, die Wurzel nährt die Blüte und ihre Frucht mit ihren kostbarsten Säften, und Menschen fluchen der Frucht, die sie gezeugt, geboren, genährt, großgezogen!‹ – Es war ihre letzte leidenschaftliche Regung. ›Luigi,‹ sprach sie matt, ›ruf jetzt den Geistlichen und bleibe um mich, denn du liebst mich, und ohne dich bangt mir vor dem Tode, den die wünschen, die mir das Leben gaben. Und bin ich hingeschieden und kalt und starr und unempfindlich für deine Liebkosungen, so schneide mir das Haar ab und bringe es meinen Eltern. Sag' ihnen, wie Ginevra starb, und daß sie ihnen ihr Haar sende, es gilt bei uns zu Lande für ein Liebeszeichen, sie werden es annehmen und versöhnt sein.‹

Keines Wortes mächtig, reichte ich ihr zum Zeichen des Gehorsams meine Hand, die sie drückte. – ›Du bist gut,‹ sprach sie – ›sehr gut – ich werde dich jenseits auch noch lieben.‹ – Der Geistliche trat ein. Und während der feierlichen Sterbe-Handlung fühlte ich kein Leid mehr. Sie starb, ich wünsche, ebenso zu sterben. – Hier ist ihr Haar. – Bis morgen bleibt sie unbeerdigt. – Ihr könnt sie sehen!« –

Bei diesen Worten zog er Ginevras rabenschwarzes, reiches Haar, mit Gold und Perlenschnüren zierlich durchflochten, aus dem Busen, legte es auf einen Tisch und wollte gehen. In der Tür wandte er sich noch einmal um. »Gib deine Blutrache nicht auf!« rief er zu Bartholomeo, »glücklich wäre ich, wenn dein Dolch mich träfe. Gib deine Blutrache nicht auf, ich hoffe es! – Gibst du sie auf, so trage ich mehr Elend, als dein Dolch je angestiftet!« –

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