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Lebensbilder - Band 2

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 2 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 2
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume2
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
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Drittes Bild

Glanz und Elend

Noch vor kurzem stand mitten in der Rue St. Denis, fast am Ende der Rue du petit Lion, eines jener seltsamen Häuser, welches Romanschreibern und Antiquaren einen Begriff vom alten Paris zu machen geeignet ist. Die Mauern desselben waren vom Einsturz bedroht und gleichsam mit Hieroglyphen besät: denn welch ein anderer Name kommt den X und V zu, welche die Quer- und Diagonalbalken, die, so oft ein schwerer Wagen vorüberfuhr, in ihren Fugen zitterten, zusammenklammerten? Ein spitzes Dach krönte das ehrwürdige Gebäude, wie in Paris kaum ein gleiches mehr zu finden ist. Es schützte, drei Fuß weit vorragend, nicht nur den Boden, der aus übereinandergenagelten Brettern bestand, sondern sogar auch die Schwelle des Hauses vor dem Einfluß feuchter Witterung.

An einem regnerischen Märztage stand morgens früh ein junger Mann, sorgfältig im Mantel gehüllt, dem Hause gegenüber und schien das alte Gemäuer mit kunst- und wissenschaftlichem Eifer zu betrachten.

Am liebsten hob sich sein Auge nach einem der kleinen, grünlichen Fenster des zweiten Stockwerks, sooft aber sein forschender Blick sich wieder zum Erdgeschoß hinabsenkte, umschwebte seine Lippen ein seltsames Lächeln.

Das Erdgeschoß nämlich hatte einen Ausbauer, welcher zum Laden benutzt wurde; so verkündeten nämlich die auf den noch geschlossenen Fensterladen abgebildeten Zeuge und Waren. Mitten auf diesem Ausbauer war statt des Aushängeschildes ein ziemlich groteskes Gemälde angebracht. Es stellte eine ballspielende Katze vor: wohl schwerlich kann ein neuerer Maler einer Katze ein ernsthafteres Ansehen geben und mit mehr Würde solch artiges Tier eine große Raquette halten lassen, wie auf jenem Bilde geschehen war. Ein größerer, fetterer und ehrwürdigerer Schwanz, als dieser ballspielenden Katze beigegeben war, läßt sich ebenfalls schwerlich heutzutage von der Phantasie eines Künstlers erhoffen. Das Gemälde hatte übrigens von der Zeit gelitten, und die erloschenen Stellen erweckten in dem Betrachter eine gewisse Wehmut über die Vergänglichkeit der Kunstwerke: unter dem Bilde stand mit großen Buchstaben, die aber ebenfalls von den Einflüssen der Luft und Witterung gelitten, folgende Inschrift:

»Guillaume, Karls Nachfolger.«

Dergleichen Anstalten, welche die heutigen Pariser zum Lächeln nötigen, waren den Kaufleuten des fünfzehnten Jahrhunderts nicht minder ersprießlich als die gegenwärtige reiche Ausstattung der Kaufläden den unsrigen. Jene Bilder waren Porträts lebender, merkwürdiger Tiere, die durch ihre Monstrosität oder Dressur die Vorübergehenden in Erstaunen setzten. Das spinnende Schwein, der grüne Affe und, wie hier, die ballspielende Katze mußten das Renomee des Ladens, dem sie bei Lebenszeiten, im wörtlichen Sinne, vorgestanden, nach ihrem Tode aufrechterhalten.

Mehr als die ballspielende Katze verdient indessen ihr Betrachter unsere Betrachtung. Es war ein schöner, junger Mann mit geistreichen Zügen, sein Mantel schlug malerische Falten: er trug Schuhe und seidene Strümpfe, die sehr zierlich ließen, obgleich er damit mitten im Kote stand, und dieser Umstand genügt anzudeuten, daß er von einem Feste kam. Eine zweite Vermutung war die, daß er besondere Gründe haben mußte, weshalb er stets nach einem gewissen Fenster jenes abenteuerlichen Hauses blickte.

Da öffnete sich eine Bodenluke; der Jüngling wandte unwillig das darauf gerichtete Auge ab. Es waren drei feiste, wohlgenährte Gesichter, welche herniederschauten. Das heiterste dieser Gesichter deutete mit spöttischer Miene auf den Fremden, entfernte sich, kam aber bald wieder zum Vorschein. Wenige Augenblicke darauf ward ein Becken mit Seifenschaum über den stillen Betrachter ausgegossen; die drei lächelnden Gesichter oben hatten sich vermutlich eben barbiert, sie entfernten sich jetzt alle von der Luke, um sich an dem Zorn des Getroffenen zu weiden.

Der Jüngling indessen begnügte sich, mit einem einzigen Blicke seine Verachtung ihnen auszudrücken, schüttelte den Schaum von seinem Mantel und blieb nach wie vor wie angewurzelt stehen.

Da öffnete sich aber ein Fensterlein in der zweiten Etage: es erschien eine weiße, zierliche Hand, welche das Fenster befestigte, und bald darauf ein herrliches Madonnaköpfchen, eben vom süßen Schlafe erwacht, wie die höher geröteten Wangen und die noch in Träumen schwelgenden Augen verrieten. Die jugendlichen Formen von Hals und Brust, die Weiße und Frische der Haut standen in einem gar seltsamen Kontraste mit dem altertümlichen, schwarzen Gemäuer, aus welchem sie hervorblickte. Sie schaute mit ihren himmelblauen Augen erst gen Himmel, dann über die Nachbarsdächer, zuletzt ließ sie dieselben, wie aus Gewohnheit, nieder zur Erde sinken und errötete, weil sie dem Fremden im Nachthäubchen und Nachtgewande sich zeigte. Hastig verbarg sie sich und machte das Fenster wieder zu. So verbirgt sich der herrliche Morgenstern plötzlich hinter einer Wolke.

Jetzt öffneten sich die Riegel des Hauses, die Türe drehte sich kreischend in ihren Angeln, ein grauer Pförtner trat hervor, entfaltete ein viereckiges Stück Tuch, worauf noch einmal mit gelber Seide die klassische Firma: »Guillaume, Karls Nachfolger,« gestickt war.

Der Diener zog sich zurück, und Herr Guillaume trat hervor, besah sich ernsthaft die ganze Straße, ob sie auch während seines Schlafes sich nicht verändert, nahm endlich den Fremden wahr und sah ihn an. – Dieser, der Vergeltung halber, sah ihn wieder an, und wir müssen untersuchen, wer von beiden am meisten Recht dazu hatte.

Wie der Jüngling ungefähr aussah, wissen wir. Der wohlbeleibte Herr Guillaume aber trug einen karierten Schlafrock, karierte Beinkleider und eine karierte Mütze; er hatte glattgestrichene, greise Haare, kleine, funkelnde Augen und im Gesichte so viel Runzeln, als ein Fächer Falten hat.

Er hielt auf kaufmännische Sitten, wie die wilden Völker auf ihre Traditionen, war als Hausherr der erste im Hause auf den Beinen und schalt mit allen, die nicht zur rechten Zelt auf dem Platze waren.

Die Ladendiener erschienen endlich ebenfalls, und der Älteste derselben, welcher bemerkt hatte, wie sein Prinzipal und der Fremde sich mit Blicken bekämpften, trat plötzlich über die Schwelle, blickte zum zweiten Stockwerk empor nach eben dem Fensterlein, aus welchem das schöne Mädchen hinausgeschaut, und betrachtete den Fremden hierauf wieder mit argwöhnischen Zügen. Dieser hielt es endlich für geraten, sich zu entfernen: er rief einen Fiaker an, den er hastig bestieg und im Innern desselben verschwand. Herr und Diener beruhigten sich wieder.

»Nun,« begann jener, »was steht Ihr und legt die Hände in den Schoß, das gilt hier nichts! Da ich noch bei Chevral diente, hatte ich um diese Stunde schon ein ganzes Stück Tuch nachgesehen.«

»Damals ward es wohl früher hell,« brummte der zweite Kommis, der dies Geschäft zu versehen hatte.


Um die ganze Bedeutung jenes Auftrittes zu erklären, sehen wir uns genötigt, auf eine frühere Zeit zurückzugehen.

Ein junger Maler, dessen Arbeiten bereits mehrmals den Preis gewonnen, und der sich dadurch schon ein bedeutendes Renommee erworben halte, war aus Rom nach seiner Vaterstadt Paris zurückgekehrt. Seine Seele, trunken von Raffaels und Michel Angelos Meisterwerken und Heimat, strebte besonders danach, weibliche Ideale zu erschaffen: minder aber schwebten ihm die leidenschaftlich ausgebildeten italienischen Muster vor, als vielmehr die sanften, anmutsvollen, ergebenen Gestalten, welche sich um so seltener finden, weil Schönheit und Anspruchslosigkeit nicht häufig beieinander getroffen werden.

Eines Abends jedoch, als ihn der Weg vor der ballspielenden Katze vorbeiführte, blieb er erstaunt vor einem Anblick stehen, der seinem Künstlerauge sich darbot.

Das dunkle Magazin bildete einen schwarzen Vordergrund, hinter demselben war der Speisesaal erleuchtet. Eine Astrallampe verbreitete ein reizendes Licht, wie man auf niederländischen Gemälden oft findet, das schweeweiße Gedeck, das Silberzeug, die Kristallflaschen und Gläser vereinten sich zu einem seltenen Spiel von Licht und Farben. Der ehrwürdige Familienvater, die essenden Ladendiener, die Mutter und Töchter, vor allem aber die Hauptfigur, Augustinens himmlische Gestalt, und neben ihr eine wohlbeleibte Wirtschafterin, bildeten die malerischste Gruppe, daß der Künstler glaubte, kein herrlicheres Bild je schaffen zu können, als die Wirklichkeit ihm hier bot, ohne alle Zutaten der Phantasie.

Augustine nahm wenig teil an den gemütlichen Gesprächen wie am Mahl. Still saß sie da, die Lampe ergoß das volle Licht, wie ein Heiligenschein, über sie. So forderte sie den Künstler gleichsam auf, sie zu malen, dem sie wie ein aus seiner jenseitigen Heimat verbannter Engel erschien.

Der Maler eilte heim, er konnte nicht schlafen, nicht essen noch trinken, als bis er in seinem Atelier jenes Bild entworfen. Aber ach! die Hauptfigur wollte den schwärmerischen Wünschen seines Herzens nicht genügen. – Er ging oft vor der ballspielenden Katze auf und nieder, betrat unter diesem oder jenem Vorwande das Haus, um noch einmal seinem Ideale zu begegnen.

Endlich vermißten ihn alle seine Freunde, er war nigends mehr gesehen, und alle Besucher wurden bei ihm abgewiesen.

Girondet aber, der mit allen Kunstgriffen, womit Künstler ihre Einsamkeit sichern, bekannt war, wußte seine Vorkehrungen zu vereiteln, gelangte zu ihm und weckte ihn aus den langgehegten Träumen mit der Frage:

»Nun! was wirst du zur Ausstellung bringen?«

Schweigend faßte der Jüngling die Hand seines Freundes, führte ihn vor eine Staffelei und enthüllte ein Porträt und ein großes Gemälde.

Girondet betrachtete beide Bilder mit Erstaunen und Freude, warf sich sprachlos an die Brust des Jünglings und rief:

»Du liebst! Tizian, Raffael, Leonardo da Vinci verdanken der Liebe ihre herrlichsten Gebilde. Glücklicher! Du kommst aus Italien und findest dergleichen hier? – Oh, bring' diese Bilder nicht zur Ausstellung! Diese Wahrheit, dieser Fleiß wird nicht anerkannt werden: unsere Bilder sind Pfuschereien dagegen. Es ist besser, den Anakreon zu versinnlichen, und man hat mehr Erfolg zu hoffen.«

Diese beiden Bilder kamen dennoch auf die Ausstellung und erregten unglaubliche Teilnahme. Das eine veranlaßte die vielen Genrestücke, die in so häufiger Anzahl sich noch zu den Ausstellungen einfinden, daß man glauben möchte, sie würden durch mechanische Vorkehrungen verfertigt.

Das Porträt lebt bis auf den heutigen Tag in der Seele so manches wackeren Künstlers fort. Girondet selbst setzte ihm den Kranz auf.

Eine unzählbare Menge von Zuschauern umringte das Bild beständig: man zerdrückte sich, wie die Damen sagten, um es zu betrachten. Spekulanten, vornehme Herren usw. boten Gold auf Gold, um das Bild zu erstehen, der Künstler wollte es nicht feil geben, es nicht einmal kopieren oder in Kupfer stechen lassen, um so mehr interessierte man sich jetzt dafür.

Selbst bis zur Rue St. Denis drang der Ruhm des jungen Künstlers. Madame Vernier, die Frau eines Notars, der von Guillaume oft gebraucht wurde, verkündete ihn in der ballspielenden Katze.

Augustine bat ihre Mutter, auf zwei Stunden mit Madame Vernier nach dem Louvre gehen zu dürfen, und diese mußte dem unmäßigen Zureden der Vernier endlich nachgeben.

Beide Damen gelangten endlich vor das Bild, und wie groß war Augustinens Erstaunen und Entsetzen, als sie sich selbst zweimal porträtiert sah. Sie blickte sich nach ihrer Tante um, sie war durch das Gedränge schon weit von ihr geschieden. Plötzlich trat ein Jüngling zu ihr, sie erinnerte sich, ihn gesehen zu haben, und daß er sich öfter zu ihr gedrängt.

»Es ist mein Werk!« flüsterte er ihr zu, »dazu vermochte mich Liebe!«

Auguste gewann Kraft zu fliehen, gelangte wieder zu ihrer Begleiterin. – »Um Gottes willen, lassen Sie uns heimkehren, es ist ein Gedränge hier zum Ersticken,« rief sie.

Jene sprach: »Darum also drängen sich die Menschen so? Deines Vaters Haus und Ihr alle, wie Ihr leibt und lebt! Mich dünkt, das kann ich alle Tage besser und bequemer bei Euch sehen.«

Immer noch verfolgte sie der Maler. – Sollte sie seine Blicke erwidern? – Sie vermochte es nicht; ihm schnöde begegnen? – Er war der Held und Liebling des Tages und weihte alle seine Triumphe ihr.

Er begleitete sie bis zum Wagen, da wandte sich Augustine, sah ihn mit einem bittenden und zärtlichen Blick an, daß der Jüngling von seiner dreisten Verfolgung augenblicklich abstand. Ehrfurchtsvoll verneigte er sich vor seinem holden Ideale und war überglücklich, als ein Abschiedsblick seiner Angebeteten aus dem Wagenfenster ihn traf.

Augustine wußte nicht, wie ihr geschehen war, ihr war so unbehaglich und weh: endlich weinte sie, und als sie nach Hause kam, beklagte sie sich über Kopfschmerzen.

»Das hat man davon,« sagte ihre Mutter, »wenn man überall hingeht, wohin die närrischen Menschen sich drängen. Wärst du daheim geblieben, würdest du statt zu weinen jetzt lachen.« Als aber die geschwätzige Vernier ihr erzählte, daß das berühmte Bildnis sie mit samt der ganzen ballspielenden Katze vorstelle, da machte sie große Augen und beschloß, auch hinzugehen. Herr Guillaume sagte, das kann mir viele Kunden zuführen. Augustine erschrak über den Vorsatz ihrer Mutter, obschon ihre Furcht unnötig war. Der zartfühlende Künstler hatte unmittelbar nach Augustinens Besuche die Bilder zurückgenommen. Madame Guillaume fand sie nicht mehr, verlor obendrein ihren schwarzen Spitzenschal und kam sehr bös nach Hause; Augustine war dagegen recht seelenfroh und wußte selbst nicht warum.


An einem Sonntagmorgen stand Herr Guillaume sehr früh auf, und nachdem er sich säuberlich barbiert und gewaschen, zog er einen feinen braunen Frack an, dessen Dauerhaftigkeit und Güte ihm stets von neuem Zufriedenheit abnötigte. Er befestigte die weiten schwarzseidenen Beinkleider mit goldenen Schnallen und schmückte die Schuhe auf ähnliche Weise.

Um sieben Uhr war er fertig und lenkte seine Schritte nach einem kleinen Kabinette, dicht beim Laden im Erdgeschoß.

Mit sinnenden Blicken betrachtete er das zweisitzige Pult, die Stelle, die er, und die, welche seine Gattin inne zu haben pflegte, betrachtete seinen Armsessel und den gepolsterten Kontorbock, auf welchem er zu Lebzeiten des Herrn Chevral, seines seligen Prinzipals, gesessen hatte. Diese Rückerinnerungen versetzten ihn in eine seltsame Bewegung, und mit zitternder Hand zog er die Klingel.

Sein ältester Kommis, Joseph Lebas, trat ein.

»Setz dich,« sprach Herr Guillaume.

Jener gehorchte freudig, denn nie zuvor durfte er vor seinem Prinzipal sitzen.

Dieser, um sich zu sammeln, suchte einige kurz zuvor eingelaufene Wechsel, betrachtete sie und fragte seinen Diener:

»Was meinst du zu diesen Papieren?«

»Werden schwerlich ausgezahlt werden.«

»Weshalb?«

»Vorgestern haben Leroux & Co. alle Zahlungen in Gold gemacht.«

»Man muß auch damit zufrieden sein. – Aber von etwas anderem. Joseph, wir haben die Bilanz gemacht!«

»Ja, Herr! und das Resultat war eins der besten, das wir je gewonnen.«

»Pfui! Resultat, ein neues Wort: du mußt Fazit sagen. Dir verdanke ich zum Teil das gute Fazit, mein Sohn! Du sollst von nun an auch keinen Sold mehr haben. Meine Frau hat mir ein Mittel an die Hand gegeben, dir einen Anteil am Geschäft zuzuweisen. – Was meinst du. Joseph? Guillaume, Lebas & Co. wird nicht übel klingen.«

Die Tränen traten dem guten Joseph in die Augen. »Bester Herr Guillaume,« rief er, »womit habe ich so viele Güte verdient? Ich habe ja nur meine Schuldigkeit getan, und es ist schon viel –«

Er spielte mit seinen Fingern und wagte nicht, weiter zu reden, noch seinen Prinzipal anzublicken.

»Eigentlich«, fuhr dieser fort »verdienst du es nicht, daß ich so viel für dich tue, denn du erzeigst mir nicht so viel Vertrauen, wie ich dir erweise.«

Der erschrockene Kommis machte große Augen.

»Sieh, Joseph, du hast meine Kasse in Händen und weißt seit zwei Jahren um alle meine Geschäfte: ich ließ dich von einer Fabrik zur andern reisen. – lch habe also nichts auf dem Herzen, was du nicht weißt. Aber du hast was auf dem Herzen, was ich nicht wissen soll.«

Joseph errötete.

»Halt!« rief Herr Guillaume und faßte ihn beim Ohr, »willst du mich alten Fuchs hintergehen? Habe ich nicht den Bankrott von Locay ein Jahr früher sogar gewittert und mich aus der Sache gezogen?«

»Sie wissen also?«

»Ich weiß alles. Schelm, und vergebe dir.«

»Und geben Ihre Einwilligung?«

»Meine Einwilligung und 50 000 Taler.«

Von neuem weinte Joseph.

»Was fehlt dir?«

»Ach! ich bin Ihnen so vielen Dank schuldig und bin ihr so gut!«

»Und sie ist dir wieder gut, mein Sohn, und das eben ist es.«

»Wie? was?« rief Joseph, »Augustine liebt mich? O Augustine, Augustine!«

»Was sprichst du von Augustinen ? Ich meine Virginie.«

Wie vom Schlage getroffen stand Joseph und ließ die Unterlippe hängen.

»Joseph!« fuhr der Prinzipal fort, »das tut mir leid, denn ich werde Augustinen nicht vor der älteren Schwester vermählen; aber dein Kapital soll dir 10% Interessen tragen.«

Der Kommis gewann den Mut eines unglücklich Liebenden. Er faltete die Hände, bat, flehte eine halbe Stunde lang, mit so viel Eifer, Gefühl und Ungestüm, daß der alte Kaufmann ganz irre ward.

»Hör' an! Joseph, du weißt recht gut, daß meine Töchter zehn Jahre auseinander sind. Virginie ist nicht schön, aber sie soll keine Ursache haben, sich über mich zu beschweren, je nun, vielleicht wird noch mal was daraus, wo nicht, muß man denn just ein Seladon sein, wenn man heiratet? – Nun! Nun! – Du weißt, meine Frau ist religiös; hör', mein Sohn, geh mit ihr zur Kirche und reiche Augustinen deinen Arm.«

Joseph küßte seinem Prinzipal inbrünstig die Hand, diesem aber war es nicht so wohl ums Herz wie seinem Handlungsdiener. ›Was wird Madame Guillaume dazu sagen?‹ fragte er sich und wußte keine bündige Antwort darauf.

Beim Frühstück ward Joseph von Madame Guillaume freundlich empfangen; sie wagte sogar einige Scherze über seine Verlegenheit, die ihr übrigens sehr wohl gefiel, weil sie sie für Schamhaftigkeit hielt. Herr Guillaume legte sich aber sogleich ins Mittel, verbat sich alle Anspielungen auf das zukünftige Verhältnis und befahl dem Handlungsdiener, seiner jüngeren Tochter den Arm zu reichen, um sie zur Kirche zu führen. Auch darin wollte Madame Guillaume nur Anstalten erkennen, die der Anstand erforderlich machte.

Unterwegs erzählte Joseph der schönen Augustine viel von den Vorteilen des Kaufmannsstandes, bis sie die Kirche betraten und die Mutter wieder ihre Rechte geltend machte. Virginie mußte sich zu Joseph und Augustine zur Seite ihrer Mutter setzen.

Der Gottesdienst begann, und nur Augustine nahm wenig teil an der allgemein verbreiteten Andacht. Eine Gestalt hinter einem Pfeiler zog ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich; es war der junge Maler, der keinen Blick von seinem schönen Ideale, das ihm einen seltenen Preis gewonnen, und das er als schöneren Preis zu gewinnen dachte, wandte.

Augustinens seltene Unruhe fiel der Mutter endlich auf: sie folgte mit ihrer Brille Augustinens verstohlenen Blicken, sah die anmutige Jünglingsgestalt hinter dem Pfeiler sehnsüchtig nach ihrer Tochter spähen.

»Augustine!« rief sie, »was soll ich von dir denken? Daß du dich nicht wieder unterstehst, die Augen vom Gebetbuch zu erheben, sonst hast du es mit mir zu tun. Nach der Messe werde ich und der Vater ein Wörtchen mit dir reden.«

Diese Worte waren ein Donnerschlag für das arme Kind. Sie fühlte sich mitten in der Kirche beschämt: Tränen perlten aus ihren Augen auf das Gebetbuch. Sie hatte keinen Mut mehr, weder zu beten, noch das Auge wieder aufzuschlagen.

Der junge Maler wußte nicht, wie ihm geschehen war, da kein einziger Blick seiner Angebeteten ihn ferner traf. – Endlich glaubte er, die Ursache zu entdecken, die falsche, schimmernde Brille der Nachbarin Augustinens wandte sich stets nach ihm hin; voll Unmut verließ der Jüngling die Kirche, aber seine Leidenschaft hatte eine Höhe erreicht, daß er entschlossen war, um jeden Preis sich seine Geliebte zu erwerben.


»Geh auf dein Zimmer,« sprach Madame Guillaume bei ihrer Nachhausekunft zur jüngeren Tochter, »bis du gerufen wirst. Vor allem aber untersteh dich nicht, einen Fuß über die Schwelle zu setzen.«

Beide Familienhäupter ließen sich hierauf in eine Unterredung ein, sie ward sehr heimlich geführt. Augustine zitterte. Virginie aber, von tausend süßen Hoffnungen belebt, tröstete ihre Schwester. Sie schlich sich hinab, um an der Tür des Konferenz-Zimmers zu lauschen. Lange konnte sie nichts von den leise gewechselten Reden verstehen, endlich rief aber Herr Guillaume ungeduldig: »Aber Mutter, willst du denn dein Kind umbringen?« und Virginie eilte zu ihrer Schwester zurück und sagte: »Beruhige dich, Augustine, der Vater nimmt deine Partei.«

Von neuem machte sie sich ans Lauschen, aber diesmal eilte sie nicht so froh und leicht zu ihrer Schwester zurück. Die Eheleute waren heftiger geworden und redeten lauter, und Virginie vernahm, daß Joseph nicht sie, sondern seine Schwester liebte.

So war denn nun mit einem Male der Friede in dem sonst so stillen Hause gänzlich zerstört, einer wollte nicht wie der andere. Augustine weinte, Virginie klagte über Kopfweh, Joseph wußte nicht, was er anfangen sollte, die Mutter keifte, und der Vater zuckte über alles die Achseln.

Endlich erschien Augustine zitternd und mit verweinten Augen vor ihren Eltern. Offenherzig erzählte sie ihre ganze Liebesgeschichte: wie der junge Maler sie abends von der Straße aus bei Tische sitzen gesehen und von der Zeit an sich stets bemüht habe, sie wiederzusehen; wie sie ihn im Louvre getroffen, und wie er von der Zeit an ihr Briefchen hatte zukommen lassen, die seine redlichen Absichten und sein gutes Herz hinlänglich verbürgten.

Sie zeigte die Briefe, der Maler hieß Heinrich Sommervieux, war von adligem Herkommen, und sein Pinsel hatte ihm große Reichtümer verschafft.

»Und du willst einen Maler heiraten?« schrie die Mutter.

»Ich wäre sehr unglücklich,« versetzte das arme Kind, »wenn Ihr mich zwingt, einen anderen zu nehmen.«

»Liebe Frau!« nahm Herr Guillaume das Wort, »ich dächte, du wolltest mir es überlassen, diesen Handel zu schlichten. Liebes Kind,« fuhr er, zu seiner Tochter gewendet, fort, »diese Künstler sind gewöhnlich Hungerleider; ich habe deren genug gekannt, Joseph Vernet, Lekain, Noverre, alle stehen noch in meinem Buche, wüßtest du, was sie deinem Vater für Streiche gespielt! Diese alle, liebes Kind, waren Leute von gutem Herkommen.«

»Das ist aber auch Heinrich von Sommervieux, seine Eltern führten sogar vor der Revolution den Grafentitel.«

Bei diesen Worten blickte Herr Guillaume auf seine Ehehälfte, die aber ungern in ihren Ansichten sich widersprechen hörte, und sagte:

»Wahrhaftig! gegen deine Töchter bist du so schwach, daß man glauben möchte –«

Das Rollen eines Wagens, welcher vor der Tür anhielt, unterbrach ein Gespräch, das anfing, sehr heftig zu werden; bald aber trat Madame Vernier zu den streitenden Eheleuten ins Zimmer.

»Ich errate, was hier vorgeht,« sprach sie, »und komme wie die Taube mit dem Ölzweig in Noahs Arche!«

»Weißt du, mein Kind,« begann sie zu Augustinen, »daß dein Heinrich ein ganz allerliebster Mensch ist? Heute morgen hat er mir mein Porträt geschenkt, ein Bild, das seine 6000 Franken wert ist.«

»Ich kenne Herrn von Sommervieux,« wandte sie sich zu den Eltern, »und komme als sein Anwalt. Er liebt Augustinen und verdient sie. – Schütteln Sie nicht den Kopf, Madame Guillaume, ich kann Ihnen versichern, daß Sommervieux nächstens baronisiert wird, zum Ritter der Ehrenlegion hat ihn der Kaiser selbst vor kurzem erst ernannt. Er hat 24 000 Franken jährliche Einkünfte, und der Schwiegervater eines solchen jungen Mannes kann es zu etwas bringen; zum Beispiel kann er Viertelsmeister werden. Ist nicht Dupont zum Reichsgrafen ernannt, weil er den Kaiser bei seinem Einzug in Wien bewillkommt? – Oh, ich versichere Euch, diese Heirat ist ein Glück für Euch alle, ein Glück, wie es kaum in Romanen zu finden! Augustine,« fuhr sie fort, »der Kaiser hat begehrt, dein Bild zu sehen, und beim Anblick desselben zum Großkonnetabel geäußert, könnte er ebensoviel Weiber von solcher Schönheit bei Hofe sehen, als jetzt Könige daselbst sich finden, so wolle er nie wieder Krieg führen, sondern Europa den Frieden schenken.«

Mit einem Worte, die Vernier sparte keine Worte, wußte alle schwachen Seiten des Vaters wie der Mutter zu ihrer Absicht zu benutzen, brachte es am Ende dahin, daß beide vorläufig die Partie nicht verwarfen.


Wenige Tage darauf war der Speisesaal in der ballspielenden Katze festlich erleuchtet. Herr und Madame Vernier hatten sich als Gäste eingefunden, Heinrich saß bei seiner geliebten Augustine und Joseph Lebas, der sich in sein Geschick ergeben, bei Virginie, die ihrerseits vergessen und vergeben hatte. Herr und Madame Guillaume, zufrieden, daß sich für die ballspielende Katze ein würdiger Nachfolger eingefunden, waren froh und guter Dinge.

Beim Dessert ließ der junge Maler sein Bild bringen und machte es den Eltern zum Geschenk.

Herr Guillaume machte große Augen, als 30 000 Franken dafür geboten waren.

»Wie natürlich alles ist!« rief Madame Guillaume, »ich sehe sogar die Haare auf meinem Kinn.«

»Und die Waren!« sprach Joseph, »man möchte sie mit Händen greifen.«

»Alle diese Zeuge so auszubreiten, wird einem Maler gar nicht leicht und erfordert viel Studium.«

»So haben Sie wohl die Waren ordentlich studiert?« fragte der alte Kaufmann.

»Allerdings! insofern jeder Genremaler es muß.«

»Ei! mein junger Freund, wenn Sie Warenkenntnis haben, schlagen Sie ein, hier ist meine Hand! Der Künstler, der Waren studiert, achtet den Handelsstand, und sehen Sie, Handel ist das ganze Leben. Die Welt fing an mit Handel, Adam hat das Paradies für einen Apfel verkauft.«

Er brach in ein lautes Gelächter aus, der Champagnerwein, der um die Tafel herumging, hatte ihn in die heiterste Laune versetzt.

Heinrich von Sommervieux war so glücklich, daß er nicht nur seine Braut, sondern ihre Eltern und Geschwister und alles, was nur einigermaßen mit ihr in Berührung stand, liebenswert fand.

Als die Tafel aufgehoben, zog der Vater sein geliebtes Kind beiseite.

»Augustine,« sprach er, »weil du denn doch aus den Fußstapfen deiner Eltern trittst und dich über deinen Stand vermählen willst, versprich mir eins: Tue nichts, ohne mich zu fragen, vor allen Dingen unterschreibe nichts, als was ich oder Lebas, dein Schwager, zuvor gesehen und gebilligt haben.«

»Ich verspreche es,« sagte die sanfte Augustine.


Wenige Wochen nach diesem denkwürdigen Sonntage wurden zwei ganz verschiedene Paare in der Kirche St. Leu getraut.

Augustine und Heinrich von Sommervieux erschienen in allem Glanz des Reichtums, der Liebe, des Glückes und der Schönheit, umringt von vornehmen und reichgeschmückten Herrn und Damen. Virginie, am Arm des bescheidenen Joseph, erschien in ihrem einfachen Aufzuge nur als eine Folie ihrer schönen Schwester.

Herr Guillaume hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben, um die Trauung seiner älteren Tochter zuerst vollziehen zu lassen, aber die ganze Geistlichkeit war dawider und gab zuerst das reichste Paar zusammen.

Überdies wünschten die Nachbarn ihm viel herzlicher zur Vermählung Virginiens Glück, welche ihrem Stande, ihren Eltern und ihrem Hause sogar treu blieb. Augustine dagegen zog sich mancherlei Reden zu, die ihr neiderregendes Glück wohl mitbewirken mochte. Ein alter Kaufmann sagte: Ein ehrliebender Tuchhändler dürfe gar keinen Adligen zum Schwiegersohn annehmen; ein Detailverkäufer meinte: Der junge Verschwender würde seine Gattin bald aufs Stroh legen, aber Vater Guillaume lachte dieser Reden, denn er hatte den Ehekontrakt zum Besten seines Kindes viel zu sorgsam abfassen lassen, um dergleichen zu befürchten.

Abends wurde ein prächtiger Ball gegeben, dem eine glänzende Abendmahlzeit folgte. Herr und Madame Guillaume übernachteten in dem Hotel Rue de Colombier, als die Vermählungsfestlichkeiten stattgefunden. Herr und Madame Lebas kehrten in das alte Haus Rue St. Denis zurück, als nunmehrige Beherrscher der schwarzen Katze. Der Maler und seine schöne Augustine nahmen glückestrunken von einem herrlichen Hotel Besitz, wo aller Reichtum, Eleganz und Luxus miteinander wetteiferten, ihrem Glück und ihrer Freude nachzukommen.


Fünf Jahre waren verstrichen. Augustine hatte ihr zweiundzwanzigstes Jahr erreicht und stand in der Fülle weiblicher Schönheit und Blüte, aber ihre bleichen Wangen, der schmachtende Blick ihrer Augen gehörten dem Glücke nicht an.

Binnen dieser ganzen Zeit hatte sie weder Eltern noch Schwester gesehen. Die glänzenden Feste und Gesellschaften, in denen sie stets ihrem Manne zu Gefallen schwärmen mußte, sagten ihrem Herzen wenig zu, und auch das Herz ihres Gatten war ihr entfremdet. Seine Liebe war mehr Künstlerrausch als wahrhafte Zuneigung und hatte sich durch die Dauer nicht bewährt.

Wie verlangte Augustine danach, ihre Eltern und Schwester wieder zu umarmen, die ihrer Kindheit so viel Zuneigung und Anhänglichkeit erwiesen, beides mangelte ihr jetzt, und die glänzende, volkreiche Welt dünkte ihr deshalb eine Einöde.

Sie sah nach langer Zeit das stille Haus wieder, in welchem sie ihre Kindheit verlebt. Seufzend betrachtete sie das Fensterlein, vor welchem sie ihrem Heinrich erschienen war, als er noch so heiß und zärtlich sie liebte. Sie trat ein, das Innere des Hauses war ganz unverändert, der merkantilische Geist hatte sich verjüngt. Virginie hatte den Platz inne, auf welchem die Mutter sonst zu sitzen pflegte, und Joseph, die Feder hinterm Ohr, trat der betrübten jungen Frau ziemlich unachtsam entgegen. Er war so beschäftigt, daß er sie kaum ansah. Virginie empfing ihre Schwester sehr frostig.

Als Gattin des verständigen Lebas fürchtete sie, der ungewöhnliche Morgenbesuch dürfte Geldangelegenheiten betreffen, und hütete sich, ein inniges, vertrauliches Gespräch mit ihrer Schwester anzuknüpfen.

Es war Zeit zum Frühstück. Virginie führte ihre Schwester in den Saal und nötigte sie, von allen Schüsseln zu kosten, obgleich sie keinen Bissen essen mochte. Augustine nahm viele Veränderungen wahr, die Joseph Lebas Ehre machten. Alles atmete Wohlstand und Überfluß, und die Eheleute behandelten sich gegenseitig mit unvergleichlicher Achtung und Aufmerksamkeit.

Die Ankunft des alten Guillaume und seiner Gattin belebte endlich diese einförmige Szene. Er trat mit den Worten ein: »Gut, daß ich dich einmal wiedersehe, mein liebes Kind! Ich habe mir schon lange gewünscht, mit dir zu reden.«

Augustine erblaßte.

»Wir sind hier unter uns,« fuhr der Vater schonungslos fort. – »Ist es wahr, mein Kind, daß dein Mann sich mit nackten Weibern einschließt, und du gutmütig genug denkst, es geschehe, um sie zu malen?«

»Aber, lieber Vater, das tun alle Maler.«

»Das hat er mir nicht gesagt, als er um deine Hand warb, ich hätte sonst wahrlich meine Einwilligung nicht gegeben, denn das ist der Religion und der Sittlichkeit völlig zuwider. Und ist es wahr, daß er um ein Uhr nachts erst heimkehrt?« –

»Aber, lieber Vater –«

»So ist er ein Spieler, denn solche Leute nur kommen so spät nach Hause. Und dir gönnt er auch nachts nicht Ruhe: du siehst, ich weiß alles. Du mußt nachts auf ihn warten, und wenn er Lust hat, mit ihm spazierengehen.«

»Bester Vater, ein Künstler hat viel Sonderbares im Leben: um sein Talent anzuregen, muß er ganz anders leben als unsereiner. – Er liebt sehr die nächtlichen Szenen.«

Jetzt fing auch die Mutter zu keifen an. »Ich wollte ihm nächtliche Szenen machen.« unterbrach sie die Tochter, »daß er daran denken soll. Wie kannst du mit einem solchen Manne leben, es ist ja ein Tollhäusler! Wie darf ein Ehemann, ohne ein Wort zu sagen, zehn Tage lang aus dem Hause bleiben, und dir macht er weiß, er sei in Dieppe gewesen, um die See zu malen, ja, es malt sich auch was, die See – ich weiß besser, wo er war.«

»Liebe Mutter!«

»Still! Ich will von dem Menschen nichts mehr wissen; niemals hat er einen Fuß in die Kirche gesetzt, außer einmal, um dich zu heiraten, und Leute, die nichts von der Kirche halten, sind zu allem fähig.«

»Beste Mutter, du urteilst von einem Künstler gar zu unbarmherzig.«

»Ein Künstler? – Ich habe ihn einmal in den elisäischen Feldern reiten sehen, bald jagte er im gestreckten Galopp, bald wieder ging sein Pferd, als wollte es einschlafen, und grüßt er deine Eltern wohl, wenn er ihnen auf der Straße begegnet? – Und obenein, wie behandelt er dich? – Man sagt, er mache es dir stets zum Vorwurf, daß du eine Kaufmannstochter bist, er lacht dich aus, wenn du über Bilder sprichst, er quält dich Tag und Nacht, und was noch mehr ist, er ist dir untreu und bricht die Ehe mit einer verrufenen welschen Gräfin Carigliano!«

»Ja, mein Kind,« fiel der Vater ein, »das alles wissen wir, und weil du einmal hier bist, so sage ich es dir gerade heraus: Du sollst dich von dem Manne scheiden lassen, der dich bei Tage quält, bei Nacht dir den Schlaf nicht gönnt, um sich deiner zu entledigen, weil er dich nicht mehr liebt – und kurz und gut, du sollst hier bleiben und das Haus des schlechten Menschen gar nicht wieder betreten. – Ich als Vater halte es für Pflicht, dich gegen solche Mißhandlungen zu schützen, die ärger nicht sein können.«

Da aber erhob sich Augustine weinend, erklärte, daß sie diesen Auftritt bei ihren Eltern nach langem Wiedersehen nicht erwartet, und versicherte mit aller Kraft ihrer Seele, daß sie nie einen Mann verlassen würde, den sie von Herzen liebe, und selbst wenn er ihr tausendmal ärgere Mißhandlungen zufügte.

Sie verlangte ihren Wagen, nahm in Tränen von ihren Eltern und ihrer Schwester Abschied und sagte, daß sie nach den Beleidigungen, die man sich hier gegen ihren Gatten erlaubt, das Haus nie wieder betreten würde.

Von aller Welt sich verlassen fühlend, kehrte sie heim. Sie durcheilte unruhvoll die großen Säle ihrer Wohnung, alles war öde, unheimlich, und kein einziger Gegenstand war, der ihr Trost einflößen konnte. »Was fange ich an,« seufzte sie, »das Herz meines Gatten wieder zu gewinnen? Kein Mittel will ich scheuen, selbst solche sollen mir willkommen sein, die ich bisher verabscheut. Läßt sich meines Gatten Herz nur durch Buhlerkünste gewinnen, ich will sie ihm zuliebe erlernen, bin ich nicht jünger, schöner als die geschminkte welsche Gräfin? Ich will zu ihr, wenn sie gut gesinnt ist, will ich von ihr das Herz meines Gatten zurückerbitten, wo nicht, von ihr lernen, durch welche Mittel ich es mir wieder erwerben kann.«

Sie hielt Wort. Mit dem Mute, den ein gutes Gewissen ihr verlieh, bewaffnet, bestieg sie eines Nachmittags ihre prächtige Kutsche, um diese berühmte Kokette zu besuchen, welche vor dieser Stunde vor keinem sichtbar war.

Augustine kannte die antiken und prächtigen Hotels in der Faubourg St. Germain noch nicht; ihr Herz pochte hörbar, als sie die prächtigen Flure, die grandiosen Marmortreppen betrat. Sie waren trotz dem strengen Winter mit südlichen Blumen geschmückt. Augustine hatte bisher von diesem Geschmack, von dieser Eleganz keinen Begriff gehabt. »Das ist es vielleicht, was mein Gemahl auch in seinem Hause wünscht,« sprach sie, »und was ich bisher nicht für möglich gehalten; doch kann das mir seine Liebe wiedergeben, so werden sich auch wohl Künstler finden, die mit ihrem Geschmack dem meinigen zu Hilfe kommen.«

Als sie die Zimmer der Gräfin betrat, konnte sie einer aufwallenden Eifersucht nicht Herr werden: sie bewunderte die eleganten Dekorationen, Möbel und Teppiche, jede Unordnung war reizend, die Reichtümer waren mit verschwenderischer Überladung angebracht.

»Jawohl!« seufzte sie, »ein einfaches, redliches Herz genügt einem Künstler nicht.«

Sie wurde angemeldet. Furchtsam und schüchtern trat sie vor die allgewaltige Nebenbuhlerin, welche sie, nachlässig in einer Ottomane ruhend, empfing.

»Wem verdanke ich das Glück, Sie zu sehen?« fragte die Gräfin.

Augustine wußte nichts zu erwidern, denn sie sah eine dritte, unberufene Person neben der Gräfin, einen jungen, schmucken Offizier.

Diese merkte an Augustinens Verlegenheit, daß sie heimlich mit ihr zu reden wünsche.

»Nun denn, lieber Obrist,« sprach sie, »auf Wiedersehen in dem Bois de Boulogne.«

Der Obrist verneigte sich schweigend und ging.

»Madame!« begann Augustine, da sie allein mit der Gräfin war, »mein Besuch dürfte Sie befremden, aber das Unglück und die Verzweiflung haben ihre Eigenheiten und bedürfen der Nachsicht. Ich kann es mir recht gut erklären, woher mein Gemahl Ihr Haus dem meinigen vorzieht, woher Sie eine solche Macht über sein Herz besitzen. – Leider, ich brauche nur an meinen Unwert zu denken, um hinreichende Gründe zu finden. Aber, gnädige Frau, ich bete meinen Gatten an, fünf schmerzvolle Jahre haben sein Bildnis in diesem Herzen nicht ausgelöscht; in meiner Verzweiflung kam ich auf den Gedanken, mit Ihnen einen Wettkampf zu wagen und Sie selbst um die Mittel zu befragen, durch welche ich über Sie triumphieren kann.

O beste, gnädige Frau!« rief Augustine, und ergriff die Hand der Gräfin, die ruhig sie ihr ließ, »so will ich zu Gott nie um mein Heil beten wie um das Ihrige, wenn Sie mir beistehen wollen, ich will nicht sagen, die Liebe! – nur die Freundschaft meines Gatten mir wieder zu erwerben. Alle meine Hoffnung beruht auf Ihnen! Ich beschwöre Sie, wie vermochten Sie es, so ganz sein Herz zu gewinnen?«

Augustine schwieg in Tränen und barg ihr Antlitz ins Schnupftuch.

Die Gräfin, wider ihren Willen von diesem ebenso unerwarteten wie neuen Auftritt gerührt, nahm das Wort.

»Beruhigen Sie sich, liebe, kleine, schöne Frau! – Ich muß Ihnen vor allen Dingen empfehlen, Ihr reizendes Auge nicht durch Weinen zu trüben; vor allen Dingen müssen Sie Ihres Kummers Herr zu werden suchen, denn nur im Anfang leiht uns Schwermut einigen Reiz, aber dauernd welkt sie die Gestalt und gibt unseren Zügen eine unangenehme Härte. Die tyrannischen Männer übrigens begehren, daß wir Sklavinnen ihrer Eigenliebe stets heiter sein sollen.«

»Könnte ich doch meinen Schmerz beherrschen!« rief Augustine, »soll ich es mit Geduld ertragen, daß ein Antlitz, das ehemals von Liebe und Glück in meiner Nähe strahlte, jetzt kalt, fremd, mürrisch und mißvergnügt meinethalben aussieht?«

»Liebes Kind! ich errate jetzt Ihr ganzes Unglück, aber glauben Sie nur, ich bin keine Mitschuldige des Verbrechens Ihres treulosen Gatten. Freilich, ich sah ihn gern bei mir, er zeigte sich nirgends und ist ein berühmter Mann. Schon liebe ich Sie zu sehr, schönes Kind, um Ihnen zu sagen, was er für Torheiten meinethalben beging. Nur eine einzige sollen Sie erfahren, denn sie wird Ihnen ersprießlich sein, ihn für die Kühnheit zu strafen, mit der er sich zu mir drängt. Ich weiß wohl, die Folge davon wird sein, daß er mich in den Augen der Welt kompromittiert; ich kenne die Welt zu wohl, um mich auf die Diskretion eines Mannes von Talent zu verlassen. Als Liebhaber sind sie erträglich, als Eheleute unerträglich, einen Künstler heiraten, heißt, hinter den Vorhang gucken und die bemalte Leinwand in Augenschein nehmen, statt sich in den Logen an der glänzenden Täuschung zu ergötzen. Weil aber bei Ihnen, Liebe, das Übel einmal vorhanden ist, müssen Sie sich dagegen waffnen.«

»Ach, gnädige Frau! als ich Ihr Haus betrat, merkte ich schon die Waffen, die Sie zu führen wissen.«

»Wenn das ist, besuchen Sie mich öfter. Sie werden die Kleinigkeiten, die übrigens bisweilen wichtig genug sind, bald erlernen. Geistlosen Menschen ist das Äußere alles, die Talentvollen sind nicht besser daran; ich wette. Sie haben Ihrem Heinrich nie etwas verweigert.«

»Wie konnte ich?«

»Wie ich Sie liebe, kleine, unschuldvolle Seele! Vernehmen Sie: Je mehr wir jemand lieben, desto weniger darf er es merken. Ein Ehemann zumal darf niemals um unsere Leidenschaft wissen, je härter wir ihm begegnen, desto mehr liebt er uns.«

»Wie, gnädigste Frau! muß man denn unwahr sein, alles berechnen, ein künstliches Betragen annehmen, und das für immer? Wer vermag dies?«

»Liebste! Wenn Sie von der Liebe und ich von der Ehe rede, so werden wir uns bald ganz und gar nicht mehr verstehen. Sehen Sie in der Geschichte nach, wie große Männer, Herrscher sich von Weibern beherrschen ließen. Jedermann hat seine schwachen Seiten, bei denen man ihn fassen muß, und bei dem festen Willen ihn zu beherrschen, auf welchen wir alle Gedanken, Handlungen, unsere gefälligen Künste wie unsere Seelenkräfte richten, bringen wir diese Erdengötter, eben ihres Wankelmutes halber, leicht unter den Pantoffel.«

»So ist also das ganze Leben ein Kampf.«

»Man muß ihn immer drohen, und darin besteht unsere Allmacht; ein Mann muß nie uns verachten dürfen, indessen will ich Ihnen ein Mittel geben, Ihren Mann wieder an sich zu fesseln.«

Sie erhob sich und führte ihre junge Schülerin in ihre innersten Gemächer.

Vor einer Türe blieb sie stehen. »Sehen Sie,« sprach sie, »der Graf Carigliano betet mich an, aber dies Gemach wagt er nicht zu betreten, obschon er ein Held ist, der Batterien stürmt und Heere befehligt.«

Augustine seufzte.

Die Gräfin öffnete die Tür des Kabinetts, Augustinens Porträt, als Mädchen, welches auf der Ausstellung bekränzt worden, befand sich in demselben.

Augustine schrie laut auf: »Ich wußte wohl, daß er sich meines Bildes entäußert, doch es hier zu finden, vermutete ich nicht!«

»Ich begehrte es, um zu ergründen, wie weit ein Mann von Talent in seinen törichten Leidenschaften geht. Früher oder später hätten Sie es zurückerhalten. Ich träumte nicht, das Original neben der Kopie eines Tages bewundern zu können. Folgen Sie mir zum Frühstück; das Bild lasse ich in Ihren Wagen bringen, mit diesem Talisman löse ich die Leidenschaft, die ihn an mich fesselt; bringen Sie ihn damit nicht unter Ihren Pantoffel, so sind Sie kein Weib oder verdienen Ihr Geschick.«

Augustlne küßte der Gräfin die Hand, die voll Zärtlichkeit und Rührung sie umarmte.


Mitternacht war vorüber, als Herr von Sommervieux in das Portal seines Hotels einfuhr.

»Wie kommt es, daß meine Frau noch Licht auf ihrem Zimmer hat?« fragte er die Kammerfrau.

»Die gnädige Frau wartet auf den gnädigen Herrn.«

Neugierig eilte Heinrich zu ihr.

Wie erstarrt blieb er vor dem Bilde stehen. Augustine hatte sich gerade so gekleidet und sich in eben solch ein Licht ihrer Astrallampe gesetzt. – Sie wollte den Augenblick benutzen und flog ihrem Gatten an die Brust: dieser stieß sie von sich.

»Wie kommst du zu dem Bilde?« fragte er mit Donnerstimme.

»Die Gräfin Carigliano gab es mir,« versetzte sie furchtsam.

»Du hast sie darum gebeten?«

»Wußte ich, daß es bei ihr war?«

»Ja! das sieht ihr ähnlich.« rief der Maler wütend – »aber ich räche mich! ich will sie malen, daß sie vor Scham vergeht. Als Messaline soll sie verstellt aus Claudius' Palast schleichen.«

»Heinrich!« rief eine sterbende Stimme.

»Es wird ihr Tod sein!«

»Heinrich!«

»Der kleine Obrist steckt ihr im Kopfe!«

»Heinrich!«

»Fort, Scheusal!« rief der Maler, und seine Stimme versagte. Er erlaubte sich Worte und Taten, die einem Wahnsinnigen geziemt hätten, wir übergehen diesen Auftritt. – –

Am anderen Morgen fand Madame Guillaume ihre Tochter bleich, mit verweinten Augen und aufgelöstem Haar, die Trümmer eines zerrissenen Bildes, die auf dem Boden zerstreut lagen, betrachtend.

»Armes Kind,« sprach sie, »ich weiß alles! Deine Kammerfrau hat mir alles gesagt, ich bin hier, um dir Schutz und Trost anzubieten. – Nun, liebes Kind, ich sagte es dir ja, daß dein Mann ins Tollhaus gehört; glaube nur, am zärtlichsten wird man immer von der Mutter geliebt.«

»Ich folge dir, liebe Mutter,« sprach sie, »doch unter der Bedingung, daß sein Name nie über deine Lippen kommt! Ich will mich bemühen, alles zu vergessen, ihn, die ganze Zeit, wo ich Glanz und Elend kennen lernte, ich will wieder deine Tochter sein, die dich nie verlassen wird.«


Auf dem Kirchhof zu Montmartre steht ein Stein mit einer bescheidenen Inschrift, welche dem Wanderer verkündet, daß Augustine im siebenundzwanzigsten Jahre ihres Alters zum ewigen Frieden einging.

Gar manche Frauen finden nicht das Herz, würdig des ihrigen, und gefühllos geht man an einer Ruhestätte, wie dieser, vorüber, ohne zu bedenken, wie leicht ihr Grabstein gegen die Lasten ihres Lebens wiegt.

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