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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
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Viertes Blatt

Die vollendete Arbeit ist für den Augenblick dem Autor selbst eine tote. Nur solange er zu bessern hat, kann er in den Geist sich hineinfühlen: ist alles gut, sind auch die Freuden aus; der Gedanke will frisch genossen sein. Was uns in einem Moment begeistert, entzückt uns im folgenden nicht noch einmal. Wir müssen es zurücklegen, vergessen, um nach geraumer Zeit von neuem davon überrascht zu werden. – Auch zur mühseligen Grundlage einer andern Arbeit findet man sogleich nicht Lust, denn die Freude, etwas getan zu haben, will auch erst genossen, ausgekostet und vorüber sein. Dem Autor bleibt in solchen Zeiten nichts – als wie ein Acker brach zu liegen. – Selbst meine Übersetzungen, die nun vollendet, nötigten mich jetzt, müßig zu sein, und meine Freude hatte ich auch daran, denn ich durfte mir sagen: so einfach, kräftig und gefühlvoll sei das Französische noch nie gesprochen worden.

Es war zu Anfang Dezember, das Wetter winterlich heiter, und ich durchirrte die lebhaftesten, geräuschvollsten Gegenden der Hauptstadt, deren buntes und lautes Leben, Lärmen und Treiben mir einigermaßen wieder neu erschien. Mitten im Gedränge begegnete mir einer meiner ehemaligen Bekannten. Rastignac faßte ohne Umstände meinen Arm und erkundigte sich mit sehr zudringlicher Herzlichkeit nach meinem Befinden, Leben, Tun und Treiben. – Ich hatte keine Ursache, irgend etwas zu verheimlichen.

»Also ein Dichter willst du sein?« fragte er laut lachend. »Und warum nicht?«

»Es heißt so viel, als wollest du nichts sein. Heutzutag ist jeder Dichter, das heißt: er verachtet alle Dichter bis auf sich selbst, denn nur seine vielfältigen wichtigen Geschäfte und Sorgen halten ihn ab, seine sämtlichen klassischen Werke zu schreiben. Du aber willst alle wichtigen Geschäfte und Sorgen des Lebens hintansetzen, um für andere das zu sein, was sie zu sein verschmähen, genial, empfindungs-, phantasie- und ideenreich? Welche Anmaßung!«

»Dennoch hat man nie mehr das Bedürfnis nach Dichtern und Künstlern gefühlt als heute. Wann wurde je so viel gelesen, wann galten Theater, Konzerte, Kunstausstellungen so viel in allen Salons, Zeitungen und Gesprächen?«

»Also in die Reihe der Scribe, Rossini, Paganini. Sontag und Taglioni willst du treten? Ja! das ist ein anderes und läßt sich besser hören. Der erste gewinnt 100 000 Franken jährlich mit seinen Lustspielen, der zweite das zweifache mit seinen Opern, der dritte das dreifache mit seiner Geige, die vierte das vierfache mit ihrer Kehle und die fünfte das fünffache mit ihren Fußzehen. Da gehört's denn freilich nicht bloß zur Mode, zum Ton, sondern zur Kultur, hinzugehen, um solche wunderbare Kehlen, Finger und Füße sich anzusehen, die in einem Abend so viele silberne Frankenstücke und goldene Napoleons ausmünzen, nebenbei auch zu berechnen, wieviel Sous davon auf jeden Buchstaben, jede Note, jeden Entrechat kommen. Zugleich sind das auch die Wunder der Zeit, in der keine Tote mehr lebendig werden, keine Gelähmten mehr ihr Bett auf den Rücken nehmen und davon gehen, und keine Felsen mehr Wasser geben, wenn man mit dem Stabe daran schlägt. Man wundert sich jetzt darüber, daß, wenn von 100 000 Menschen jeder zwei Franken einem Künstler gibt, dieser eine Summe von zweimal hunderttausend Franken sogleich zusammen hat, und wer wollte da mit zwei Franken knausern, um einer derjenigen zu sein, die dies merkwürdige Experiment mitmachen: ob es sich denn auch wirklich bestätigt? Übrigens weiß jeder, daß Kunst und Künstler etwas ganz anderes sei, als man da zu sehen, zu hören und zu lesen bekommt. Aber Gedanken sind zollfrei, und da die Hörer, Leser und Zuschauer den Künstlern das bare Gold gönnen, überlassen diese, aus angeborner Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, jedem, der dafür bezahlt, sein eigenes Urteil. Andere Beurteiler, die sie bezahlen, haben freilich diese Gedankenfreiheit nicht, das aber gehört nicht hierher, denn es heißt: leben und leben lassen, und wenn der Künstler leben will, muß er die Journalisten loben lassen.

»Und dennoch sagt man, die Zeit sei nicht wundertätig?«

»O es findet nur kein Wunderglaube statt, sonst müßte die Zeit vor Verwunderung närrisch werden, statt närrisch zu sein, ohne sich drüber zu verwundern!«

»Und deshalb sollte ich nicht Dichter sein wollen?«

»Dichter sein? was willst du damit sagen? Freund: gewöhne dir eine Sprache an, die ein ehrlicher Mann versteht. Denke, du beträtest einen Salon! Wer ist der feine Jüngling? fragen die Damen, Antwort: Ein Dichter! – aber das ist keine Antwort; denn es heißt: es ist kein Bankier, Diplomat, Schauspieler, Baron, Kammerherr usw.; nach Genie wird nicht gefragt.«

»Und es kann gefragt werden, wer protegiert ihn? Ist er der Gemahl einer Sängerin oder Tänzerin, oder der jüngere Bruder eines Majoratsherrn, oder sonst ein mauvais sujet?«

»Nichts von allem; er hat 10 000 Franken, die er in einem Dachstübchen Rue des Cordiers verzehrt, wo er, der Menschheit zuliebe, Shakespeare und Goethe übersetzt.«

»Was? Aber der junge Mensch ist toll? Warum nicht den Waller Scott oder Lord Byron?«

»Und mit diesen Reden« – fragte ich – »die nicht ohne Poesie sind, willst du das Dichtertum verdammen?«

»Verdamm' ich's denn? – Ich tadle nur deine Art, es anzugreifen. Der Dichter, der in Paris Glück machen will, muß sich in die Mode bringen, muß ganz Paris von sich erfüllen, und dazu nützt Unsinn mehr als Sinn. Du, ein Jüngling aus so gutem Hause! Bist du nicht Marquis?«

»Ja!«

»Ein Jüngling, ganz gemacht, alle Weiberherzen einzunehmen, du mußtest in der elegantesten, modischsten, kleidsamsten Tracht als Marquis von Valenti in allen Salons erscheinen, deines Talents nur ganz flüchtig erwähnen, so beiläufig sagen, mit dem ungeheuern Erfolge, den deine ersten flüchtigen Versuche erwarben, seist du nicht unzufrieden. Unsere Welt ist viel zu gebildet, um jemandem in den Ansprüchen, die er macht, entgegen zu sein, wenngleich kein Jota davon wahr ist. Was würde aus allen unsern Künstlern werden, wenn sie nicht solche Ansprüche, und zwar im Luxus, in der Eleganz, in Wagen, Pferd und Dienerschaft geltend machten?«

»Und reicht mein Vermögen dazu aus?«

»Was? willst du ein Kapitalist sein und vor Sorgen und Bedenklichkeit nicht essen, trinken, schlafen, und dennoch beim Fall der Staatspapiere oder durch einen Bankerott alles auf einmal einbüßen? Ei, brauch' dein Geld, iß, trinke, reite, fahre, tanze, und ist es unvorhergesehenerweise oder durch einen sonstigen Zufall alle geworden – heirate eine reiche Frau, geh' ins Kabinett über, werde ein Gesandter oder eine andere Sorte Muße- oder Wohlhabender. Übrigens hast du dir während eines solchen Lebens reiche, mächtige Gönner und Protektoren erworben, denen an einem so lustigen Gesellschafter und rastlosen Teilnehmer an jeder Gattung von Ausschweifung so viel liegt, daß sie ihn schon werden unterzubringen suchen. Was? Willst du mit deinem Genie auf die Nachwelt und kannst nicht einmal durch die Mitwelt damit? Ei, wer ein Künstler sein will, der sei genial!«

»Ich würde mich selbst verachten, wenn ich so leben wollte: auch weiß ich, daß es schwer hält, von reichen, angesehenen Leuten irgendeine Gunst zu erlangen, wenn man nicht ihren Schwächen und Lastern huldigt!«

»Höre, Freund! Du fängst schon an, dumpfig und gedrückt, wie die Luft in einer Dachstube, zu denken. – Du mußt in die Welt. Ich bitte dich, laß dich heut einmal von mir irgendwohin führen!«

»Von dir?«

»Wundert's dich? Zu jemand, der dich rascher zu deinem Ziele, welches es auch sei, fördert als irgendein anderer: zur Fürstin Feodora. Gefällst du ihr, so ist dein Glück gemacht in ganz Paris, und du kannst erreichen, was du willst.«

»Wer ist Feodora?«

»Du kennst nicht Feodora, das weibliche Wunderwerk, die Zierde des sechsten Schöpfungstages und das Schlußwerk des lieben Herrgotts, der nun nichts Besseres tun konnte, als die Hände in den Schoß legen und Sabbat machen?«

»Ich habe nie sie nennen hören.«

»Die schön ist, daß keine Pariserin schöner zu sein wünschen kann, tugendhafter als keine Russin (denn sie ist ein Zwittergeschöpf, geboren in Rußland und gedeihend in Paris), als keine Russin tugendhafter sein kann und steckte sie im Schnee bis an die Oberlippe? – die reicher scheint als irgend jemand reich scheinen kann: um die jeder sich bewirbt und die niemand bekommt, der man Herz, Hand, Rang. Vermögen, Adel, Würde, Protektionen, Menschen- und Völkerglück zu Füßen legt und die nichts nimmt? – außer was man ihr schenkt und was sie begehrt, und dies nur aus purer Weisheit, weil sie selbst am besten weiß, was ihr nützlich ist, und aus purer Güte, um den armen Erdensöhnen Gelegenheit zu vergönnen, ihr zu huldigen und zu opfern; Feodora endlich kennst du nicht – denn diese Periode muß zu Ende, so unendlich auch Feodorens Lobposaune sein mag – die tugendhafte Aspasia, die keusche Lais von Paris, vor der sich Helden, Staatsmänner, Fürsten und Künstler beugen? – Aber weißt du, wer Lais war?«

»Ja!«

»Und weißt du, wer Aspasia?«

»Ja!«

»Nun, wenn du die möglichen Vollkommenheiten beider in einer Person kennen lernen willst, nebst so viel Reizen an Seele und Körper, um ihrer noch ein Dutzend damit auszustatten, wenn du die Macht sehen willst, die heutzutage regiert, die heutige Weltallmacht, so suche mich diesen Abend in meiner Wohnung auf; – wo nicht, so bleib in deinem Dachstübchen bei deinen römischen und griechischen toten Dirnen und (um mit Shakespeare zu reden): laß dich hängen! Lebe wohl, denn wir verstehen uns nicht mehr: Du hast Feodora nicht gesehen, ich habe sie gesehen!« Nach diesen Worten drehte er mir den Rücken zu und ging. Aber er hatte mir genug gesagt, um meine Neugier rege zu machen.

Abends suchte ich meine Galakleider hervor, die seit geraumer Zeit unbenutzt im Schrank gehangen, und machte meine Toilette mit größerer Sorgfalt als je im Leben. – Liebte ich etwa Feodora wirklich schon, bloß nach Rastignacs zuversichtlicher Lobrede, dessen Gascognaden ich schon kannte? – Gewiß nicht! Aber ich suchte mir einzubilden, das Glück habe ihn mir in den Weg geführt, mich rasch zum Ziele zu geleiten. Ein einziger Erfolg im Salon einer schönen Fürstin, die en vogue war, konnte von Entscheidung sein. Und ich wollte, da ich zum erstenmal wieder in einem neuen Charakter die Welt betrat, den Dichter auch äußerlich vertreten. Schon meine Erscheinung sollte den edleren Geschmack verkünden, der sich aller Sitte, jeglichem Gebrauche fügt, ohne irgend kleinlich zu sein. – Unsere jetzige Kleidung ist nicht so ganz unpoetisch, wie sie im Vergleich zu allen früheren erscheinen dürfte. Freilich, sie entgöttert den Apoll, den Athleten macht sie gemein: dem Cäsar nimmt sie die Großheit, dem Apostel das Ehrwürdige: den Ritter würde sie zu einem Räuber und den Hofmann unter Ludwig XIV. zu einem Affen umgestallen, weil sie Individualität und Charakter erlöscht, ja in ihr das Ungewöhnliche, Markierte entstellt und lächerlich erscheint. Sie ist einförmig in Form und Farbe und strebt daher allem Auffallenden entgegen. Dennoch hat sie etwas Ideales, was freilich von dem Antikidealen himmelweit verschieden ist. Die Antike ist nackte Natur. Ein schöner, moderngekleideter Mann kann für ein sittliches Ideal gelten. Feinheit, Einfachheit, Vornehmheit, Reinheit bilden den sittlichen Geschmack. So entspricht das Kostüm dem Geist des Jahrhunderts, denn im allgemeinen mag dies auch wohl der Geist sein, wonach zu streben die Aufgabe der Zeit ist, und es geschieht am Ende auch unbewußt in aller Verkehrtheit, Unsinnigkeit und Wildheit des Lebens. – Als ich mich im Spiegel sah, war ich mit meinem Aussehen zufrieden. Mein arbeitsames Leben hatte mir einen Ausdruck verliehen, der mich, meiner Meinung nach, nicht entstellte. Und war es eine verdammliche Eitelkeit, die mir dies alles zuflüsterte? Wer freut sich nicht, ganz so zu erscheinen, daß sein Äußeres schon für sein Inneres bürgt? Pauline und Madame Gaudin erwiesen mir große Ehrfurcht, als ich ihnen gute Nacht wünschte und meinen Fiaker bestieg.

Rastignac lächelte über meine Metamorphose, sagte aber nichts und gab mir nur – wie er es nannte – Verhaltungemaßregeln für den Abend. »Sie ist«, so beschrieb er die Fürstin, »habsüchtig, gefallsüchtig und mißtrauisch. Allein habsüchtig, um die höchste Pracht rings um sich zu verbreiten, gefallsüchtig in scheinbarer Bescheidenheit, mit einer Anspruchslosigkeit, worin der auserwählteste Geschmack sich kundgibt, und mißtrauisch, wenn sie ganz Herz und Seele scheint. Sei auf deiner Hut in allem, was du sprichst und tust, denn sie vergißt nie. Sie ist geschickt genug, um einen Diplomaten zur Verzweiflung zu bringen, und scharfsinnig genug, die Wahrheit, die er verbirgt, aus der Art, wie er sie verbirgt, zu erraten. Endlich war sie, unter uns gesagt, nie verheiratet; auch mit ihrer Fürstlichkeit steht es nur so so! Der russische Gesandte lachte mich aus, als ich der Fürstin Feodora erwähnte; auch sieht er sie nicht bei sich und grüßt sie nur ganz obenhin, wo er sie trifft. Allein man findet sie in den Assembleen der Madame von F . . ., der Herzogin V . . ., der Vicomtesse G . . ., der Marschallin B . . . Letztere sogar, die hochfahrendste der Bonapartischen Sippschaft, bittet sie jedesmal zur Saison auf ihr Landhaus. Kurz, in Frankreich ist ihr Ruf entschieden unantastbar. Viele junge Gecken, sogar der Sohn eines Pair von Frankreich, einige junge Grafen, alte Deputierte und Diplomaten haben ihr Hand, Herz und Vermögen geboten; sie hat aber alle auf die niedlichste Art von der Welt abgewiesen. Und somit weißt du alles, denn mehr kann ich dir nicht sagen, deshalb, weil wir an Ort und Stelle sind. Je nun! Du wirst dich in diese verführerische Sirene nicht verlieben; einmal bist du zu solide dazu, zum andernmal fehlt dir Mut und Unternehmungsgeist, und endlich bist du ein Dichter, das heißt, ein melancholischer Idealelefant, der höchstens bis an die Knöchel in dem Sand des Lebens watet und dem der Anblick des gewöhnlichen Erdengewürms nur Bauchgrimmen verursacht!«

Der Wagen hielt, wir betraten das Peristil und erstiegen die breite, blumengeschmückte, mit herrlichen Teppichen belegte Treppe, überall herrschte die ausgesuchteste englische Komfortabilität. Wie war mir das alles so neu geworden, wie wundersam stimmte es mich wieder! Was können doch drei in einem Dachstübchen verlebte Monate aus einem Menschen machen!

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