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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
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Zweites Blatt

Meine Mutter hatte ich früh verloren. Mein Vater, letzter Sprößling eines geschichtlichen, jetzt fast vergessenen Hauses der Auvergne, begab sich früh nach Paris, gelangte unter Ludwig XVI. zu Macht und Ansehen, verlor beides in der Revolution, heiratete zur Kaiserzeit die Erbin eines reichen Hauses und sah sich von neuem auf dem Punkt, seinen Namen im alten Glanze herzustellen, als die Restauration, obschon sie meiner Mutter beträchtliche Güter zurückgab, ihn abermals zugrunde richtete. Er hatte mehrere Landgüter, welche der Kaiser seinen Generalen geschenkt, an sich gekauft und stritt nunmehr schon zehn Jahre lang mit Liquidatoren und Diplomaten, mit preußischen und bayrischen Tribunalen herum. In dieses unerforschliche Labyrinth endloser Prozesse, von dem unsere ganze Zukunft abhing, weihte mein Vater mich ein. – Wir liefen Gefahr, nicht nur den Prozeß zu verlieren, auch alle von den Gütern erhobenen Gelder und selbst das Holz, das wir von 1814–1817 hin und wieder gefällt hatten, erstatten zu müssen. Dann aber reichten die Güter meiner Mutter kaum hin, die Ehre unseres Namens zu retten. Es galt einen Streit, schlimmer als der Kampf auf dem Schlachtfelde. Tag und Nacht mußte ich aufmerken und ausharren, mußte Staatsmänner besuchen, ihre Gesinnung erforschen, sie für mich einzunehmen, für meine Sache zu gewinnen suchen, sie und ihre Weiber, Diener und – Hunde. Oh, es war ein trauriges Geschäft und mußte obendrein in eleganten Kleidern und mit der Miene angenehmen Scherzes verrichtet werden. Mir ward's klar, woher die matte, dürre, lebensmüde Gestalt meines Vaters! –

Etwa ein Jahr lang arbeitete ich so mit unerhörter Anstrengung, lebte äußerlich wie ein Weltmann, innerlich gar nicht; als Herr de Villele ausschließlich für uns ein kaiserliches Dekret erneute, das unserer Rechte uns verlustig machte und uns zugrunde richtete.

Ich unterzeichnete den Verkauf meiner Güter, behielt nur eine einzige kleine Insel auf der Loire, die nichts enthielt als die Asche meiner Mutter, und fühlte mich groß bei dieser Handlung, ja groß! voll Feuer und Liebe. Mein Notar nannte sie eine Torheit, aber mein Vater hatte eine Träne im Auge, der kalte, starre Mann eine Träne!

Seine Gläubiger waren zufriedengestellt, der Name gerettet und – mein Vater starb zehn Monat darauf vor Gram und Sorgen um mich. – Solange er lebte, hatte er sich rauh und kalt gegen mich erwiesen; nur ein einziges Mal, wie ich erzählt, hatte er mich sein Kind genannt, was mich zerschmolz in Rührung – und er starb aus Gram um mich, weil ich verarmt und unversorgt dastand in der Welt! – Schmerzen machen uns groß, das fühlte ich jetzt; vielleicht ist's Stolz auf ein gutes Bewußtsein, vielleicht auch Trotz, wenn wir den Fügungen uns gewachsen fühlen, die uns das Schicksal auferlegt. –

»Gott ist mein Zeuge, edler Vater!« sprach ich laut, dem Leichnam die kalten Augenlider schließend; »ich habe dich geliebt, so trocken, dürr und hölzern du dich auch mir zeigtest. Solange du lebtest, durfte ich nicht ein einzig Mal dich umarmen! Törichte Scham! die mich oft zurückhielt. Das Leben ist voll dummer, sinnloser Fratzen. Um nichts fährt man mit diesen Stangen wohl tausendmal durch die Luft, und ich, ich habe nicht ein einzig Mal den Wunsch erfüllen können, den Vater an mein volles Herz zu schließen. – Doch einmal nannte er mich sein Kind, einmal weinte er eine Freudenträne um mich! Sieh, Vater, eine bessere Erbschaft hinterläßt du mir als die mütterliche, die ich deinethalben hingab. Ruhe sanft, du kalter, müder Mann!«

Es war im Frühling des Jahres 1826, und ich zählte 22 Jahre, als ich ganz allein meinen Vater, meinen ersten, einzigen Freund, zu Grabe geleitete. – Wenigen Jünglingen begegnet es wohl, so ganz einsam, bis auf ihre Gedanken, solch einem Sarge zu folgen. Aussichten, Hoffnungen hatte ich nicht. Eine Waise, ein Findling darf auf das Mitleid der Menschen zählen, der Tagelöhner verrichtet niedre, grobe Arbeit und weiß, nicht jedermann wird sie verrichten; doch so zu hoffen, versagte mir mein Stolz und dennoch – keinen Augenblick noch graute mir vor der Zukunft.

Indes kam's auch besser, als ich erwartet. Kurze Zeit nach jenem ernsten, verhängnisvollen Gang übergab mir ein Gerichtsbote 11 120 Franken, soviel war liquidiert aus dem ganzen Nachlaß. – Freilich war alles Mobiliar mit verkauft und auch das darunter, was ich ungern mißte, weil sich so manche liebliche Erinnerung der Kindheit daran knüpfte. – Ein alter Kammerdiener, der mir sehr zugetan war und dem meine Mutter noch eine lebenslängliche Pension von 400 Franken ausgesetzt, sagte mir, in Tränen Abschied nehmend: »Sein Sie nur ja recht sparsam, Herr Raphael.«

»Das verspreche ich dir, alter, ehrlicher Bertram! Du siehst ja! einen Verschwender will das Schicksal nicht aus mir bilden.«

Aber ist der nicht der eigentliche Verschwender, der sich freudig dem Nichts gegenüber sieht? der alles verloren hat und sagt: nun bin ich der Sorgen ledig! – Das Haus, in welchem ich wohnte, war schon nicht mehr mein: die Säle und Zimmer waren öde, möbellose Vierecke. Ich besaß kein wirkliches Eigentum außer dem Grabe meiner Mutter, und meines Herzens Besitztum lag im Grabe meines Vaters. Ich war wie losgeschält von der Welt, niemand kümmerte sich um mein Leben, so wenig wie mein Tod jemand bekümmert haben würde, und gleichgültig und fremd, wie ich allen Menschen, waren alle Menschen mir. – Doch war mein jetziges Dasein erfreulicher als mein Aktenleben! – armer Vater, die Sorge für das Deinige verödete dein Leben! Meine Habseligkeiten packte ich in einen Mantelsack, und sollte Frankreich noch eine Revolution, Kaisertum, Restauration und Invasion erleben, wer kann leichter fliehen mit all dem Seinen als ich? Selbst meine Theater, Soirees, Kunstausstellungen, Unterhaltungen, Zerstreuungen, meine Freunde, Freundinnen, Geliebten, meine Gattinnen, meinen Harem konnte ich mit mir nehmen: einen kleinen Bücherbord mit englischen, spanischen, italienischen und deutschen Dichterwerken.

Ich hatte stets mit Eifer fremde Sprachen getrieben, und vor allem Englisch und Deutsch. Dort fand ich die Heimat der Romantik! – Romantik – törichtes Wort! auch die Klassizität war zu ihrer Zeit eine Romantik.

Die Dichter lernt man erst lieben und erkennen, nachdem man Schmerz und Mißgeschick erkennen und lieben gelernt. Drei Dichter jetzt – ich darf sagen – machten mir mein Dasein lieb. Shakespeare, der den Weisenstein der Poesie gefunden, der alles in Gold verwandelt und stets sich jung erhält. Er fühlte die höchsten Schmerzen und gab sie hin, daß selbst Fühllosigkeit sie nachfühlen muß, nachfühlen in aller Shakespearschen Schmerzensfreude, in aller Shakespearschen Erhabenheit des Trostes. Er hat gewiß auch viel im Leben geduldet, getragen, erlitten, aber niemals wollte er Teilnahme für Unglückliche einflößen, sondern eine gewisse Leidensweisheit, nicht Mitleid, sondern menschliches Mitgefühl. Er klagte nie, wie Lord Byron etwa und dessen Nachahmer, er triumphierte stets in Freuden und Leiden, die allen Zeiten, Menschen, Völkern angehören.

Goethe dagegen lehrt uns das Eigene, Selbsterlebte lieben: alles sei uns teuer, selbst unsere Verirrungen, unsere Versäumnisse. Der selbstmörderische »Werther«, der verzweifelnde »Faust« sind Gedanken, Besitztümer, die sorgfältig und sauber und geschützt wider jegliche Zerstörung in dem Schrein der Erinnerung aufbewahrt werden. Er ist ganz Deutscher! – die deutsche Nationalität ist aber eine Zersplitterung, darum konnte ein deutscher Shakespeare nicht ganz erstehen, er mußte sich zersplittern in dem nationalen Goethe, zu national, um ganz Dichter zu sein, und in dem poetischen Tieck, zu sehr Dichter, um so ganz national zu werden.

Tieck ist der Absolutist im Dichterstaate. Er ist nur für Dichter Dichter und ergötzt nur seinesgleichen. Andere Dichter muß man studieren, er gibt die Erholung nach solchen Studien, eine Erholung, bei der man kaum merkt, daß man eigentlich nur seine Studien repetiert. Dichter werden geboren, Tieck gebar sich noch einmal in seiner ganzen Eigentümlichkeit aus allen andern Dichtern, die er mit geschmeidigem Geiste durchlief. Man träumt, schwärmt, phantasiert, lächelt, lacht und faselt bei ihm und stets mit Vernunft und Weise.

Was sind unsere französischen Dichter gegen diese! Ein wirklich poetisches Talent haben nur drei: Scribe, Dumas und Balzac, für Lustspiel, Tragödie und Novelle. Ihre Werke sind aber nur quantitativ, nicht qualitativ. Erfindung, Stoffe sind genial, die Ausführung ist matt, seele- und geistlos. Sie gleichen ganz dem Leben, sie produzieren tausendfach, aber der ordnende Geist fehlt, die Eigenheit des Kunstwerkes, wodurch es sich über der Zeit für alle Zukunft erhält. Denn das nur Geborne muß wieder vernichtet werden, aber der Geist ist ewig und das einzige Präservativ wider Zerstörung. Keinem unserer Dichter ist es noch eingefallen, wie absurd und kleinlich es ist, einen welthistorisch wichtigen Moment in ein Kompliment an die Zuschauer auslaufen zu lassen und ein angeregtes menschlich-wichtiges Interesse in einem mächtigen Theatercoup lächerlich abzubrechen. Wie das Leben, das sie vor sich sehen, und über welches sie noch nicht hinaus sind, paaren sie Bedeutendes mit Unbedeutendem, Sinn mit Unsinn, Erhabenes mit Gemeinem. Und woher gleichen sie und gehören sie ganz und gar dem Leben an? Weil sie für das Leben selbst dichten, für das Händeklatschen des Parterre, für das Amüsement der Damen in den Rängen. Drum keine Lorbeeren ihnen! keine Bildsäulen! keine Unsterblichkeit! – das Geklatsche von Männerhänden, Weiberzungen und Journalistenfedern zahlt ihre Verdienste; die Menschheit ist an ihnen quitt. Auch Aristophanes huldigte seinem Volke in all dessen Eigenheiten, doch – als Dichter, der seinen Charakter behauptet, dem das Volk wiederum huldigen muß. Nur der darf die Gebrechen der Zeit rügen, der sich frei davon weiß. Doch alle unsere Dichter und selbst die Satiriker und Epigrammatisten huldigen, die Gebrechen der Zeit verspottend, den Gebrechen der Zeit. – Die französischen Novellisten sind treffliche Kenner des Lebens, aber ohne Lebensweisheit; sie betrachten scharf die Welt, doch fehlt ihnen jede Weltanschauung. Sie lassen das Leben vielgestaltig, musivisch-zerstückt, heterogen, verworren, trivial und unsittlich, wie es ist; denn wo Dichtergeist, Phantasie und Seele anfangen, sind sie zu Ende. Was gibt es Lächerlicheres, als jene allgemeine Sucht, zu porträtieren, zu bezeichnen und zu beschreiben?! Ein Dichter muß den ganzen Charakter in all' seinen Eigenheiten fühlen lassen. Das Beschreiben ist eine allzubequeme Art – der Maler hat nur äußere Gestalten, aber er weiß die innerste Seele darin abzudrücken. Wäre es nicht ein Unsinn, wenn er die Seele einer Gestalt durch allerlei kleine Symbole andeuten wollte? Mindestens ist es des Dichters ebenso unwürdig. Rock, Nase, Schuhschnallen und Manschetten einer Nebenperson, die dem Helden eines Romans nur die Tür öffnet, oder die Schuhe putzt, oder einen Brief ihm überbringt, oder überhaupt von gar keiner Bedeutung ist, zu beschreiben. Freilich, hier ahmen die Novellisten wieder ganz das Leben nach, denn eine Person, die uns auf der Straße begegnet, trägt ebenfalls einen Rock von gewisser Farbe, hat eine gebogene oder spitze Nase, Manschetten, Schuhschnallen usw. Diese Fehler alle hat sich freilich auch Balzac oft zuschulden kommen lassen, ja, nicht mit Unrecht werfen ihm die Kritiker Unsittlichkeit vor. Aber das war Musik in seinen Ohren; denn nicht umsonst hat er gesagt: er schriebe nur, um gelesen zu werden, er entziehe sich jeder Kritik. Bisher schilderte er nur das äußere Leben, und Sittlichkeit lebt nur inwendig. Darum gestehen seine unkeuschen Heldinnen ein: sie leben fürs Hospital! Darum sind seine vollkommnen Weiber, Mädchen und Hausfrauen Puppen, die man an- und auszieht, und er beschreibt, was sie an- und ausziehen; die man zu Bette bringt und wieder aufnimmt, und er beschreibt ihre Schlafkammern und Bettvorhänge und Betten. Darum basiert sich bei ihm alles Lebens- und häusliche Glück auf eine tüchtige Jahresrente und das allerliebst eingerichtete, tapezierte, dekorierte Haus, und er beschreibt jede Litze, jeden Nagel, alles Hausgerät: Tassen, Tischzeug, Silber; alles modisch, in neuster Fasson, mit Angabe des Ateliers, wo es zu haben. – O, seine Kritiker waren nur allzu gütig gegen ihn; er ist unsittlich durch und durch: denn der Dichter ist es, der nur die geistlos äußere Lebenshülle zum Ziel seines Schaffens setzt – aber gebt acht, gebt acht! – er wird auch sittlich dichten!

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