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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
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II. Die Herzlose

Aus Raphaels Papieren

Erstes Blatt

Der Dichter, der sein eigenes Leben beschreibt, liefert gleichfalls ein Kunstwerk, ein wahrhaftes, naives und lehrreiches, das aber freilich nur leicht und flüchtig ausgeführt ist. Seine Schilderung ist wahr, denn er schildert das Leben selbst, das nur insofern die künstlerische Reorganisation erleidet, als es aufgefaßt ist von einem dichterischen Gemüt. Im eignen Leben die Hauptfigur, sieht er alles um sich in wundersamer, vieldeutiger Beziehung stehen: die ihn umgebenden Nebenfiguren, den bunt ausstaffierten Vorgrund, die Landschaft, die Form, die Wolken und die Luft. Da ist kein Licht, keine Farbe, noch Schatten, Tinte, Helldunkel unnütz. Ein absichtsvoller Geschmack wollte das tiefsinnige Rätsel des einzelnen Daseins in alles berücksichtigender Dialektik erklären, aber die Massen waren zu groß: nur mit kecken, fast gebieterischen Strichen ließ sich die wundersame Lösung andeuten.

Unsere Kindheit ist nur ein Schlaf, ein embryonisches Geistesdasein. Erst zwanzig Jahre später gebiert sich der Geist, schmeckt zuerst die Weltluft und schreit über das schneidende Weh, erblickt zum erstenmal das Weltlicht und muß geblendet das Auge schließen. Ja, ja! Blendung und Weh sind die Symptome dieser Geburt, und es gilt, die Augen weit aufzureißen. Wem Kraft, Mut oder Wille fehlt, der läuft Gefahr, dem frühen Grabe oder dem Tollhause anheimzufallen, oder er sinkt auch in den fühllosen Blödsinn zurück, dem er zu entkommen nahe war.

Von meinen ersten zwanzig Lebensjahren weiß ich selbst nicht viel mehr als nichts. Ich lebte, lebte wie jeder andere jenes Schulleben, von der die Altklugheit späterer Jahre behauptet, es sei das glücklichste Dasein.

Mein Vater hielt mich in strenger Zucht. Ich bewohnte ein Zimmer, Wand an Wand neben dem seinen. Ich mußte früh um fünf Uhr aufstehen, mußte um neun Uhr zu Bette und einschlafen. Ich hatte törichte und lustige Gedanken, wie jedes andere Kind, aber das Wort: »Vater« konnte mich so ernst und bedächtig machen, wie er selbst es immer war.

Mein Vater, ein dürrer, hagerer Mann, bleichen Angesichts, kurz von Worten, lebte einen Tag wie den andern nach der Uhr, lachte nie, arbeitete stets, war in seinem ganzen Wesen eigen und in all seinem Tun und Handeln eigensinnig. – Ich weiß nicht, wie es kam, daß mir oft in seiner Nähe das Herz schwoll und ich Lust fühlte, mich an seinen Hals zu werfen, um mit einem innigen Freudenschrei: »Vater! Vater!« ein grenzenloses Glück zu feiern. Es geschah nie, denn ich befürchtete, eine Torheit zu begehen. – Gedenke ich noch dieser lichten Kinderaugenblicke, so steht mein Vater vor mir, wie er leibt und lebt, schmal und kerzengrade, im kastanienbraunen Überrock, oder ich bilde mir ein, er sitze arbeitend im Nebenzimmer, hinter jener Wand dort, und es wird mir rätselhaft, ich kann es nimmermehr fassen, daß er tot oder begraben sein soll.

Als ich mein zwanzigstes Jahr erreicht, versprach er, in die Welt mich einzuführen. Vier Wochen darauf nahm er mich mit auf einen Ball. Ein Verwandter von mir, der Herzog *– gab ihn.

Ich war sehr blöde und verlegen, wußte weder mich zu benehmen, noch etwas zu sagen, noch zu beantworten, was mir gesagt wurde. Ich setzte mich still in einen Winkel und verschlang mit den Augen alles Neue, zumal die schönen Damen, wie sie tanzten oder Gefrorenes aßen. –

Zum erstenmal sah ich hier Damen im Ballstaat! – Wo das Leben poetisch wird, übertrifft es die Kunst, die, wo sie erscheint, den Abdruck eines fremden Geistes uns entgegenträgt, dahingegen die Poesie des Lebens ein süßeres und allgemeineres Herumschweifen und Irren gestattet. – Als Kunstwerke, eigentümliche und wirklich lebende, erschienen mir die Tänzerinnen, und jede Eigentümlichkeit war eine Anmut und ihr Leben das heitere Bewußtsein derselben. Jede Schleife, jedes Band, der Kopfputz, der Besatz des Kleides, die Ohrgehänge, der Schmuck des Halses, des Busens und der Arme: alles deutete auf dieses innere Glück. Es blitzte in den Augen, lächelte in den Wangengrübchen, schwatzte aus den Purpurlippen, regte, drehte und bog sich in tausend zierlichen Wendungen. – Es war eine schuldlose Welt von Engeln, die sich mir in reizender Festlichkeit erschlossen, und nur die Herren ärgerten mich, die, neben diesen besseren Wesen so vertraulich, zuversichtlich und eitel sich gebärdeten, ihnen allerlei Unbedeutendes, Albernes vorschwatzten, selbstgefällig darüber lachten, mit ihren Ringen, Dosen, Stöckchen spielten oder gar zum Tanz sie aufforderten und ihre zarten Hüften dreist umschlangen, ohne das Glück zu achten, um das ich, wer weiß was, gegeben hätte, wenn ich den Mut, danach zu greifen, in mir gefühlt. – Jene aber schienen, mit überirdscher Anspruchslosigkeit und Huld, nicht einmal befremdet über so empfindungslose Dreistigkeit.

Ich fing endlich mit offenen Augen und alles um mich her wahrnehmend zu träumen an, oder vielmehr ich entfesselte meine Gedanken zum kühnen Spiel mit der ersten Wirklichkeit, die mir bedeutend aufging! – Wie – dachte ich – wenn erst die Poesie des Schmerzes dieses mannigfach reizende Leben erhöht, wenn jedes dieser zierlichen Geschöpfe, statt sich zu freuen, empfindet, wenn all diese glücklichen Augen, verklärt vom Schmerz, emporblicken, das Schmachten des Wehs den lieblichen Gestalten Tiefe und Bedeutung gibt und die Allgewalt der Gefühle eben so mannigfach sich verkörpert, wie jetzt das oberflächliche Glück der Anmut! Der Zerstörungstrieb liegt tief in unserer Seele, wir können, so scheint's, nur mittels dieses Triebes genießen. Ich verstand mit einem Male den Don Juan, ich war es selbst, und alle meine Geliebten, die rings um mich tanzten, hatte ich jede auf besondere Art erobert, entzündet, zerstört; nur in mir war ich derselbe, der alles glühend verdirbt, um selbst in Gluten zu verderben, und der zugleich der Gluten und des Mitleids spottet, das er dennoch für seine Opfer fühlt, die seines Lebens Speise sind und sein Dasein hHinhalten. – So kühn dachte ich, als eine Dame neben mir ihr Schnupftuch fallen ließ. Der Anstand erforderte, es ihr aufzuheben, aber ich hatte nicht den Mut dazu, sie mußte sich selbst danach bücken, und auf ihren flüchtig strafenden Blick hatte ich keine entschuldigenden Worte zu erwidern.

Da trat mein Vater zu mir. »Mein Sohn,« sprach er, »es scheint, du findest weder an diesem Feste noch an Frauengesellschaft Gefallen. Das ist mir lieb. Jedoch eine Leidenschaft hat der Mensch, in jenem Zimmer wird Bank gehalten, vielleicht findest du beim Spiel mehr Zerstreuung.« – Eine schwere Börse lag in meiner Hand, und fort war die Phantasie. Seltsame Macht des Geldes! – ich fühlte nur das Gewicht. Ein Gesetz der Schwerkraft, was noch kein Newton beobachtet und dennoch: ein Weltgesetz. – Wunderlich aber war's, daß mein Vater denken konnte, ich fände nicht Geschmack am Fest und an Damengesellschaft: ich hatte eben mit ganzer Seele mich darin vertieft.

Ich betrat das Spielzimmer und setzte mich an den grünen Tisch, vom Spiel verstand ich gar nichts. Ich sah das Gold hier- und dorthin gehen, hier- und dorther kommen, ich sah es an, wie man etwas Sinnloses mit ansieht. Ein alter, verlebter, bepuderter Kahlkopf warf stets zehn Goldstücke auf einmal auf den grünen Tisch, und der Bankier legte ihm allemal zehn Goldstücke hinzu, die er einstrich, alles übrige schnellten die Croupiers mit weißen Stäben auf einen großen Haufen hin. – Ich sollte spielen, zog ein Goldstück aus der Börse und warf es auf den Tisch. »Ungerade?« fragte der Bankier und schob es zurecht. Ich hatte keine Antwort! – Bald wich meine Aufmerksamkeit vom Spiel auf jenen alten, gepuderten Herrn. Er strich immerfort Gold ein, und meine Gedanken wünschten sich sein Glück. – Ich sah mich als Besitzer eines unermeßlichen Vermögens, fein gekleidet, in einer stattlichen Equipage, einen goldstrotzenden Diener hinter mir, zur Seite ein edles, herrliches, junges Weib, zu Very fahren, um dort zu speisen – als der bleiche, gepuderte Herr mich anstieß. Er deutete auf einen Haufen Goldstücke, auf der Stelle, wohin ich mein Goldstück geworfen. Es wird gefragt: wem das Goldstück gehört. – »Riskieren Sie es und lassen Sie es noch einmal stehen?« – Ich verstand wohl, daß ich das alles gewonnen hatte, bevor ich mich aber mit diesem Gedanken vertraut gemacht und den Mut gewann, zuzugreifen, ließ der Bankier von neuem die Kugel rollen, und der glänzende Haufen ward eingestrichen. »Das war vorherzusehen«: meinte der Gepuderte. »Achtmal hintereinander hat ungerade gewonnen.« Ich setzte ein neues Goldstück: – der Bankier warf ein zweites hinzu. »Lassen Sie es wieder stehen?« fragte er. Da ich nun wohl merkte, was zu tun sei, und nicht länger Lust hatte, mich als Neuling verlachen zu lassen, strich ich die Goldstücke ein und spielte nicht weiter. Im Verlauf des ganzen Abends hatte ich die bitterste Langeweile.

Bei unserer Nachhausekunft gab ich meinem Vater die Börse zurück: er schüttelte den Inhalt aufs Kamin aus und überzählte. »Du hast nicht gespielt?« fragte er; ich glaubte mit »nein« antworten zu dürfen. »Gut!« fuhr er fort und hielt nach seiner Art bei jedem Worte mehr oder weniger bezeichnend inne. »Mein Sohn – du zählst nun 20 Jahr – und ich – bin mit dir zufrieden. – Du bist ein Mann – dich lockt nicht Gold, noch Spiel, noch Weiber – das ist mir lieb! Du mußt jetzt mit Geld umgehen lernen« – bis auf den heutigen Tag hatte ich nicht einen Heller in Händen – »mußt sparen lernen – mußt kaufen lernen – von heut an erhältst du monatlich 100 Franken zu deiner Verfügung. – Hier ist fürs erste Quartal!« – Bei den letzten Worten überreichte er mir ein Goldröllchen.

Seine Güte hatte sich mir noch nie offenbart, und jetzt – ich hätte zu seinen Füßen sinken mögen. Ich dünkte mich ein arger Sünder, unwert solch eines Vaters! Was hatte ich getan, das zu verdienen? Lag es an mir, daß ich nicht als zweiter Don Juan im rohsinnlichen Genuß, im Verzehren des Erdenstaubes mich zugrunde richtete? Ein Glück nur, daß meine Zaghaftigkeit ebenso groß war, wie die ausschweifende Kühnheit meiner Wünsche. Ich wollte mich in seine Arme stürzen. »Vater!« wollte ich rufen, »ich bin so gut nicht, wie du denkst, ich bin aufgelegt zu allem Bösen; nur Feigheit, Blödigkeit und Mattherzigkeit halten mich zurück, und das ist's, was du lobst. Ich bin ein Lügner obendrein, denn ich habe gespielt!« – Die Umarmung hinderte mein Vater, und Scham und Tränen raubten mir die Sprache.

»Liebes Kind!« nahm er das Wort, »was ich hier tue, ist gering und einfach und begehrt keinen Dank – trockne deine Tränen. – Wenn ich ein Recht auf deine Erkenntlichkeit habe, Raphael – so ist's, weil ich vor einem Verderben dich sicherte, das alle Jugend in Paris verzehrt. – Jetzt bist du ein Mann. Raphael! ich habe dich geprüft und bewährt gefunden. – Künftig reden wir nicht mehr wie Vater und Sohn, sondern wie Freunde. In einem Jahr bist du Doktor der Rechte. Du hast nicht ohne Mühseligkeit und Entbehrung so mancher Freuden gründliche Kenntnisse dir erworben. Du hast Genie, Fähigkeit. Kopf und Herz, liebst die Arbeit – und das ist ein Glück und wesentlicher Vorteil im Leben. – Du wirst mich kennen lernen, Raphael; ich wollte nie einen simpeln Advokaten aus dir bilden, sondern einen Staatsmann, der den Ruhm seines verarmten Hauses mit neuem Glanz verherrlicht. – Morgen sollst du mehr hören.«

Mit diesem geheimnisvollen, gütigen Winke verließ er mich, und von jener Stunde an schenkte er mir sein ganzes Vertrauen, was ich an keinem Tage weniger verdient zu haben glaubte. Aber freilich, ich erkannte damals weder mich, noch meinen Vater, noch die Welt mit jener Welterkenntnis, die erst später kommt. Ich wollte alles mit dem eignen Herzen erkennen, das ewig mit sich selbst im Hader liegt und stets sich selbst verdammt.

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