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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
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Hermann Schiff

Zu Eckermann äußerte sich Goethe einmal: »Der persönliche Charakter des Schriftstellers bringt seine Bedeutung beim Publikum hervor, nicht die Künste seines Talentes. Napoleon sagte von Corneille: ›S'il vivait, je le ferais Prince‹ – und er las ihn nicht. Den Racine las er; aber von diesem sagte er es nicht. Deshalb steht auch der Lafontaine bei den Franzosen in so hoher Achtung, nicht seines poetischen Verdienstes wegen, sondern wegen der Großheit seines Charakters, der aus seinen Schriften hervorgeht.« – Damit hat Goethe allen Literaten, deren Charaktere anfechtbare Züge aufweisen, das Todesurteil gesprochen. In dieser Allgemeinheit trifft indes die Behauptung nicht zu, und Goethe selbst hat ja dem unglücklichen Johann Christian Günther, dem sein Leben wie sein Dichten zerrann, nachdem er schon als Leipziger Student Günthers dichterischen Spuren gefolgt war, ein Erinnerungszeichen gewidmet, das den Unglücklichen, in seinem Leben sicher nicht ganz Einwandfreien keineswegs in Grund und Boden verdammt. Aber mit kleinen Einschränkungen trifft Goethes Anschauung zweifellos das Richtige; der persönliche Charakter der Schriftsteller entscheidet sehr oft die Bewertung nicht nur bei der Kritik, sondern auch bei der Menge. Heine und Grabbe leiden unter dieser moralisierenden Einschätzung beträchtlich, und ihr völliges Durchdringen ist in Deutschland noch immer durch die Tatsache erschwert, daß ihr Lebenswandel nicht allgemein gültigen Sittlichkeitsbegriffen entspricht. Die Einbeziehung des moralischen Wertes eines Schriftstellers bei seiner ästhetischen Beurteilung ist unschwer verständlich; da die große Menge ein Buch nicht nur als Bildungs-, sondern auch als Erziehungsmittel betrachtet, erwählt sie zur Lektüre immer lieber das eines gefesteten, einwandfreien als das eines anrüchigen oder auch nur verdächtigen Charakters. Daß dabei nur allzuoft blasphemisches Spießbürgertum das maßgebendste Urteil spricht, mag bedauerlich sein; verkennen und übersehen läßt sich diese Wahrheit nicht.

Sie ist die stichhaltigste Erklärung für die völlige Ignorierung des Balzacumdichters Hermann Schiff, der vielleicht von den tragischesten Verhängnissen heimgesuchten dichterischen Persönlichkeit Deutschlands. Soviel Elend hat das Schicksal selten über einen deutschen Dichter gebracht, von denen ja auch sonst viele nicht gerade Schoßkinder des Glückes waren und sind. Aber im Erdulden des fast kettenartig geschlossen über ihn hereinbrechenden Ungemachs übertrifft Schiff sie alle, wie bös den andern auch Mühsal und Jammer mitgespielt haben mögen. Im Leben wie nach dem Tode blieb ihm nichts erspart von all dem Leid, das Menschen treffen kann. Gewiß schloß sich auch für andere Dichter die Pandorabüchse nicht früher, als bis sie alles über sie geschüttet hatte, was jenen an Not und Qual zugedacht war. Jedoch die meisten führten wenigstens ein glücklicheres Leben nach dem Tode, indem ihnen eine gerechtere Nachwelt das zu vergelten suchte, was die Mitwelt schmählich versäumt hatte. Schiff ist bisher auch diese Ehrenrettung versagt geblieben; er wird nur selten genannt; und wo es geschah, waren Böswilligkeit, Verkennung, Urteilslosigkeit und Fahrlässigkeit zur Stelle, um auch noch des Toten Namen zu verunglimpfen.

Nun ist Schiff zweifellos kein Charakter gewesen, der subtilerer moralischen Begutachtung standhielte. Und in vollem Maße trifft auf ihn der Ausspruch Goethes zu, daß der persönliche Charakter des Schriftstellers seine Bedeutung beim Publikum hervorbringe. Wenn Schiff deshalb heute vergessen ist und nicht mehr gelesen wird, wie er eigentlich auch zu seiner Zeit nicht allzuviel gelesen wurde, so ist das von Goethes Standpunkte aus und vieler anderen Umstände wegen begreiflich. Aber viel zu hart ist es, wenn die repräsentativste Persönlichkeit der deutschen Literaturwissenschaft, Karl Goedeke, – schroff wie sonst niemals – über ihn den Stab bricht, ihn beweislos einen Zuchthäusler nennt und zu den verkommenen Genies rechnet. Denn das war Schiff nicht. Die gewissenhaftesten Nachforschungen und die amtlichen Bekundungen all der Behörden, mit denen Schiff zu tun hatte, beweisen, daß er niemals in Korrektionshäusern saß. Er hat dreimal kleine Anstände mit der Leipziger Polizeibehörde gehabt (welcher politische Schriftsteller hatte solche im Vormärz nicht?) und wurde in Hannover wegen Ehrenbeleidigung eines literarischen Gegners zu einer dreiwöchigen Arreststrafe verurteilt. Das ist alles, was ihm nachgewiesen werden kann. Schiff war gewiß ein zügelloser Mensch, ein Phantast, ein schwacher Charakter voll der bizarrsten Schrullen und Launen; aber er saß keine Sekunde im Kerker, wenn auch die Hamburger Polizei, der er wegen seiner Eigenheiten sehr unbequem war, es versuchte, ihn festzusetzen. Damit war Schiff großes Unrecht widerfahren, und er mußte nach kurzer Haft wieder freigelassen werden, hat also nicht, wie Goedeke meint, »meistens in Polizeihaft gelebt«, wie er auch nicht im Armenhause gestorben ist.

Goedeke teilt leider nicht mit, woher er seine für Schiff diffamierenden Nachrichten bezog. Das ist um so beklagenswerter, als seine Angaben in allen Kompendien, die Schiffs Namen erwähnen, Aufnahme gefunden haben. Niemand, der Goedekes Ausführungen nachdruckte, nahm sich die Mühe, die Berechtigung der erhobenen Anklagen zu erforschen. Kritik- und bedenkenlos wurden sie abgeschrieben; nur Adolf Bartels machte in seinem »Handbuch der deutschen Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts« einen knappen Zusatz, worin er Goedeke naiv nennt, weil dieser meinte, die Juden hätten mit Schiffs unmoralischem Lebenswandel nichts zu tun. Es wäre verdienstlicher gewesen, wenn Bartels Goedekes Bericht erst nachgeprüft hätte, ehe er sich zu der doppelten Verurteilung Schiffs und Goedekes entschloß.

Jedenfalls erhellt schon aus der Berichtigung dieser weittragenden falschen Mitteilung Goedekes, daß seine Schiffbiographie (wie alle andern bisher erschienenen, die sämtlich mehr oder weniger wörtliche Paraphrasen der Goedekeschen sind) nicht stichhält. Deshalb soll hier eine neue gegeben werden, die sich bemüht, alle Schiffs Namen anhaftenden falschen Behauptungen aus der Welt zu schaffen und ein richtiges Porträt dieser durchaus originellen und beachtenswerten Persönlichkeit zu entwerfen. Es wird sich zeigen, daß damit nicht nur einem mit Unrecht vergessenen Schriftsteller die verdiente posthume Ehrenrettung zuteil wird (die sich freilich von jeder Überschätzung sorgfältig fernhalten wird), sondern daß auch ein bedeutungsvoller Zeitraum deutscher literarischen Entwicklung nach verschiedenen Seiten hin neue Belichtung erfährt. Für die Geschichte der deutschen Romantik – dies sei vorweg hervorgehoben – ist die Darstellung der schriftstellerischen Laufbahn Schiffs von besonderer Bedeutung.

In einem reichen jüdischen Kaufmannshause zu Hamburg wurde David BärDen Vornamen Hermann bekam er erst mit vierzig Jahren bei der Taufe; als Schriftsteller führte er ihn schon früher. Schiff am 23. April 1801 geborenDie Angaben aller Handbücher, die Schiffs Namen nennen, geben einen falschen Geburtstag und auch sonst unrichtige Daten in Hülle und Fülle an. Im einzelnen verweist diese Darstellung, die durchwegs im Hamburger Staatsarchive aufbewahrtes Aktenmaterial benützt, für dessen Überlassung den Herren Beamten an dieser Stelle herzlichst gedankt sei, nicht auf alle von einem Buche in das andere hinübergeschleppten Fehler, schon weil dies zu weitläufig wäre, sondern verbessert diese stillschweigend. In vielen Fällen war Schiff selbst an der Entstehung von Irrtümern schuldtragend. In autobiographischen Angaben sind ihm arge Gedächtnisfehler und Verwechslungen unterlaufen; auf solche wird gelegentlich aufmerksam gemacht. –. Väterlicher- und mütterlicherseits stammte die Familie aus dem damals noch dänischen Altona. Ein Onkel des Dichters war Günstling des Dänenkönigs, dem zu Ehren er Synagogenfeste veranstaltete, wofür er der königlichen Tafel beigezogen wurde. Der Großvater war zweimal verheiratet, in zweiter Ehe mit seiner Schwägerin Mathe (Mathilde), die aus erster Ehe mit Löb Heine sechs Kinder hatte, darunter Samson Heine, den Vater des Dichters. David Bär Schiff war also nicht, wie man immer wieder liest, ein Vetter Heinrich Heines, sondern nur ein solcher zweiten Grades, außerdem aber, wenn man in Betracht zieht, daß der beiden Väter Stiefbrüder waren, ein Stiefvetter. Soviel zweifellos Richtiges ergibt sich aus einer sonst sehr mit Vorsicht zu benutzenden Schrift Schiffs »Heinrich Heine und der Neuisraelitismus« (Hamburg 1866), die schon Adolf Strodtmann in seiner Heinebiographie (I, 355, Anmerkung 1 und I, 368, Anmerkung 111) an entscheidenden Punkten berichtigen mußte.

Ein vertrauterer Umgang zwischen Heine und Schiff in ihrer Knabenzeit war nicht nur infolge der Verschiedenheit der Aufenthaltsorte ausgeschlossen. Schiffs Vater war damals sehr wohlhabend, während der Heines bekanntlich nicht gerade reich war. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die verschiedenartige soziale Lage die beiden Stiefbrüder, die auch Vettern waren, von vertrauterem Umgange abhielt. Denn nirgends findet sich ein Hinweis, daß irgendeine nähere Beziehung zwischen Samson Heine und Hertz Bendix Schiff (dem Vater von David Bär) stattgefunden hätte.

Das Glück blieb indes Schiffs Vaterhause nicht treu; der Vater scheint zugrunde gegangen zu sein (worüber Schiff selbst gelegentlich Andeutungen macht.) Aus sehr gewissenhaften Nachforschungen J. Heckschers (in den »Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde«, Heft XVI, Seite 124) geht hervor, daß Schiffs Vater seit 1828 sein Manufakturwarengeschäft nicht mehr betrieb, von Jahr zu Jahr seine Wohnung wechselte (vielleicht weil er die Miete nicht bezahlen konnte) und 1840 in Wandsbek starb. Fünf Jahre vor ihm war seine Frau heimgegangen, ein von dem Dichter, der gleich Heine auf das zärtlichste an seiner Mutter hing, tiefbeklagter Verlust!

Die Hamburger Jugendjahre sind für Schiff von der größten Bedeutung gewesen. Er besuchte das Johanneum (von den Lehrern rühmt er namentlich Gurltit), von 1821 – 1822 das akademische Gymnasium. Ostern 1822 ging er an die Universität Berlin ab, um dort Jura zu studieren. Er hat also verhältnismäßig lange zur Absolvierung des Gymnasiums gebraucht. Vielleicht war schon damals seine exzentrische Natur schuld, daß er erst spät zum Abiturium kam, vielleicht war er durch burschenschaftliche Bestrebungen, die damals in Hamburg eine große Rolle spielten, zu sehr abgehalten, um seine Pflichten als Gymnasiast zu erfüllen. Er berichtet wiederholt, daß er sich damals mit burschenschaftlichen Fragen beschäftigte, den breiten altdeutschen Kragen trug und sein Deutschtum immer stolz betonte. Damals war Schiff – recht im Gegensatze zu Heine – ein Franzosenfeind, was vielleicht sein Vater bewirkt hatte, der, wie Schiff selbst erzählt, mit Heines Vater wegen dessen Franzosen-Freundlichkeit oft in scharfe Dispute geriet. Allerdings waren bei beider Zu- und Abneigung sehr persönliche Interessen im Spiele. Samson Heine stand auf Seite der Franzosen, weil diese den Juden die Gleichberechtigung gewährt hatten, Hertz Bendix Schiff war jenen gram, weil er während der Hamburger Belagerung durch Davoust starke geschäftliche Verluste erlitten hatte. So schwärmte auch der junge Schiff für die deutschen Studenten, die dem Vaterlande die Befreiung von dem französischen Joch erkämpft hatten; und noch in seinem späten Alter gedenkt er der herrlichen Tage, als man das Deutschtum und die Freiheit besang, sich an Liedern und Schriften der Patrioten berauschte und sich in der begeisterten Verehrung der Romantiker gefiel. Aus dieser jugendlichen Schwärmerei hat Schiff die nachhaltigsten Anregungen für seine spätere Dichtung empfangen. Man pflegt ihn spöttisch den »letzten Romantiker« zu nennen; aber er ist sicherlich ein durchaus echter Romantiker, in seinem Dichten ebenso wie leider – in seinem Leben, in das er immer romantischen Überschwang hineinzutragen liebte.

Dieses Aufgehen in romantischen Ideen und das unbedingte Bekenntnis zum Deutschtum berührt bei Schiff wegen seiner jüdischen Abkunft merkwürdig. Er hat indes vor keiner Forderung der Romantiker haltgemacht; sogar ihr extremes Hinneigen zum Katholizismus ist auf ihn völlig übergegangen. Das kann sehr wohl der Umgang in seinen Jugendjahren und die Erziehung im väterlichen Hause veranlaßt haben. Denn Schiff hat – wie er selbst erzählt – niemals hebräisch gelernt und nie ein jüdisches Gebet gesprochen. Von der Synagoge wurde er ferngehalten, dagegen war es ihm nicht verwehrt, am christlichen Religionsunterrichte teilzunehmen. Allerdings war die große Judenverfolgung, die er 1819 in Hamburg mitmachte, nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben: aber dieser war nicht stark genug, um Schiff seiner Religion näher zu führen oder ihn gar zum frommen Juden zu machen.

Dieser Judensturm findet in Schiffs Altersdichtung, als er selbst Christ geworden war und dem Judentum skeptisch und kritisch gegenüberstand, oft Erwähnung, wie auch Heine seiner voll Erbitterung in einem Briefe an Sethe gedenkt. Sehr bedeutend waren diese Krawalle nicht gewesen; man hatte den Juden die Fenster eingeworfen und prügelte sie; ein behördliches Plakat, das mit dem scharfen Schießen der Garnison drohte, brachte die Bewegung nach zwei Tagen zum Abschlusse. Den jungen Schiff haben diese Exzesse, obwohl er sie aus der Nähe besehen konnte, nicht sonderlich berührt, da er ganz in seinen altdeutschen Ideen aufging.

Als er Ostern 1822 in Berlin einzog, stand dort die Romantik noch in hohem Ansehen. E. Th. A. Hoffmann, der bereits auf dem Krankenlager hinsiechte und nicht viel später starb, wird er nicht mehr kennen gelernt und den überwältigenden Reiz dieser eigenartigen Persönlichkeit nicht mehr eingesogen haben. Aber die Unterhaltung in den studentischen Kreisen, deren Teilnehmer Schiff war, wird sich stark um Hoffmann gedreht haben. In Rahel Varnhagens Haus könnte er gekommen sein. In Varnhagens Tagebüchern findet sich – zwar aus späteren Jahren – sein Name wiederholt, und das Interesse, das diese an dem Schicksal und einzelnen Werken Schiffs nimmt, ist doch wohl nur daraus zu erklären, daß sie Schiff in Berlin kennen gelernt hatte. Ein Verkehr in dem gastlichen Hause Rahels ist um so wahrscheinlicher, als Schiff in Berlin mit Heine zusammentraf und mit diesem sogar – wenn man ungedruckten Erinnerungen Schiffs glauben will, die eine Fortsetzung seines Buches »Heinrich Heine und der Neuisraelitismus« bilden und Adolf Strodtmann vorlagenVgl. seine Heinebiographie I, 164. – 1822 in einem Hause (es ist das Schlesingersche Unter den Linden, unfern dem Palais des Prinzen Wilhelm) Stube an Stube wohnte. In dieser Zeit des gemeinsamen Berliner Aufenthalts bestand zwischen den beiden jungen Leuten jedenfalls ein lebhafter Verkehr; Heine trug Schiff das Du-Wort an und bediente sich oft seiner Kasse»Heinrich Heine und der Neuisraelitismus«, Seite 56 und 98.. Auch die poetischen Erstlinge Schiffs, die Phantasiestücke in Callots Manier gewesen sein sollenibidem; erhalten ist nichts davon., ließ er sich vorlesen, bewunderte an ihnen »echten Naturmystizismus« und nannte sie das Beste, was in neuester Zeit geschrieben wurde, mit Ausnahme von dem, was er selbst geschrieben hatte. Diese Mitteilungen Schiffs müssen nicht unbedingt zuverlässig sein (sie stammen aus dem Jahre 1866); und aus Briefen Heines an Freunde geht sogar hervor. daß er über ihn nicht gerade günstig dachteVgl. den Brief an Moses Moser vom 17. Mai 1824 aus Göttingen (in der Ausgabe der Werke Heines von Karpeles VIII, 420), worin er Schiff einen »Kerl« nennt, der ihn nochmals um Briefporto bringen werde. Freundschaftliche Gefühle verrät diese Briefstelle wohl nicht.. Vielleicht verstimmten ihn schon damals Schiffs exzentrische Neigungen, die im Keim sichtbar waren und ihn als Stichblatt aller mehr oder weniger bösen studentischen Witze sehr geeignet erscheinen ließenEine charakteristische Anekdote teilt Strodtmann a. a. O. I, 322 mit..

Am 28. Oktober 1824 wurde Schiff in Jena inskribiert. (Eintrag im »Akademischen Album der Jenaer Universität«). Er studierte Jura, reichte aber 1825 bei der philosophischen Fakultät eine Dissertation »De natura pulchri et sublimis« ein, auf Grund deren er am 8. Juli 1825 unter dem Dekanate des Geheimen Hofrates Dr. Luden zum Doktor der Philosophie promoviert wurde. (Vgl. Intelligenzblatt der Jenaer Literaturzeitung, 1825, Nr. 61, Seite 483). In Göttingen hat Schiff niemals studiert; alle diesbezüglichen Mitteilungen sind unrichtig, über den Inhalt der Dissertation laßt sich nichts Zuverlässiges mitteilen; aber aus einer autobiographischen Novelle Schiffs, »Der Fibel-Philosoph« (im »Novellenbukett« 1858) geht hervor, daß er sich als Student in Schillers Abhandlung »Über das Erhabene« (er nennt sie »Über das Schöne und Erhabene«) vertieft habe; und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Untersuchung Schiffs von der Schillers ihren Ausgang nahm. –

Nach der Promotion begab sich Schiff nach Leipzig, um dort als freier Schriftsteller zu leben. Leipzig halte damals als Zentralsitz des deutschen Buchhandels für junge Literaten seine besondere Anziehungskraft. Gutredigierte Zeitschriften ließen den Aufenthalt ebenfalls angenehm erscheinen. Für Schiff, dessen materielle Lage nicht mehr so günstig gewesen zu sein scheint wie während der Berliner Studentenjahre, da der Vater inzwischen sein Vermögen verloren haben dürfte, ergab sich die Notwendigkeit, da er als Jude zu keinem staatlichen Amte gelangen konnte, von schriftstellerischer Produktion zu leben. Er setzte quantitativ gleich sehr lebhaft ein; drei größere Werke in Buchform sind die Frucht seines ersten Leipziger Aufenthaltes vom Ende 1825 bis Ende 1826. Außerdem redigierte er eine Monatsschrift »Dichterspiegel«, die freilich sehr kurzlebig war, und von der sich leider auch nicht ein Exemplar erhalten hat. Mitredakteur war Wilhelm Bernhardi, der Neffe Tiecks, Sohn seiner Schwester Sophie, Schiffs steter Begleiter auf seinen verschlungenen Lebenspfaden. Immer wieder begegnen die beiden wesensverwandten Naturen gemeinschaftlich. Sie waren beide in romantische Schrullen verrannt, verkannten sehr bedeutungsvoll die tiefliegenden Unterschiede zwischen romantischem Empfinden und romantischer Lebensführung, und beide gingen an dieser argen Begriffsverwirrung zugrunde. Beider äußeres Leben war wüst und exzentrisch; sie glaubten an eine Durchsetzung des Lebens mit romantischen Irrlehren – denn allzu geordnet waren auch ihre dichterischen romantischen Anschauungen nicht – und hofften, diesen zum Siege zu verhelfen, wenn sie sich wild, verwegen und von keinem Lebenszwange beengt gebärdeten. Leben und Dichten sollten eine Einheit bilden, wie es schon die Schlegel jugendlich-ungestüm gefordert hatten. Aber nicht aus innerer Übereinstimmung und veredelter Abgeklärtheit sollte diese innige Vereinigung erwachsen, sondern aus trotziger Auflehnung gegen alles Hergebrachte, ja, gegen die einfachsten Anstandsbegriffe.

Man wird weder Schiff und noch weniger den ganz unproduktiven Bernhardi deshalb mit Grabbe vergleichen dürfen. Diese Einheit von Leben und Dichten, die Schiff erträumte, herstellen zu wollen, war nur der Gedanke eines Phantasten; ein Märtyrer seiner Kunst war Schiff nicht. Ihm könnte kein Freiligrath nachrufen:

»Der Dichtung Flamm' ist allezeit ein Fluch! . . .
Durch die Mitwelt geht
Einsam mit flammender Stirn der Poet;
Das Mal der Dichtung ist ein Kainsstempel!«,

weil ja das dichterische Schaffen für Schiffs zügelloses Leben nur ein Vorwand war, während sein Leben seine Dichtung nicht bedingte. »Riesen-« oder »titanenhaft« ist Schiffs Aufbäumen gegen des Lebens Notwendigkeiten kaum zu nennen; es waren nur Versuche eines ungezügelten Menschen, sich über alles Hergebrachte hinwegzusetzen und unangefochten tolle Streiche zu begehen.

Leider war Schiff zeitlebens von der fixen Idee, daß er als romantischer Dichter keinerlei Gesetz über sich dulden müsse, nicht abzubringen. Er war gewiß nicht verfolgt von dem »malheur d'être poète«, wie es August Sauer in glücklicher Erweiterung des berüchtigten d'Alembertschen Wortes »malheur d'être« von Sappho und ihrem Dichter Grillparzer geprägt hat. Schon deshalb nicht, weil bei Schiff nicht die exzentrische Dichtung, sondern das exzentrische Leben das Primäre war. Er wollte ungezügelt dahinleben und suchte, diesen Trieb in seiner Dichtung zu rechtfertigen. Von ihr kam ihm kein Leid; nur seine Lebensführung brachte es ihm, aus der seine seltsamen, häufig fast an Wahnsinn grenzenden Werke erwuchsen. Übrigens kann vielleicht die bizarre, von Rechts- und Unrechtsbegriffen wenig angefochtene Art, wie sich Schiff betrug, echt gewesen sein; aber in seinen Dichtungen war er ein oft recht nüchterner Verstandesmensch, dessen erzwungene Kälte und raffiniert-psychologische Behandlung seiner Stoffe nicht selten die frostigsten Eindrücke hinterläßt. – –

Schiffs erste dichterische Periode, die 1825 einsetzt – von den Jugenddichtungen hat sich nichts erhalten – zeigt ihn als getreuen Schüler der Romantik. E. Th. A. Hoffmann und Ludwig Tieck sind seine ersten Vorbilder. Eine Fortsetzung des »Kater Murr« ist das erste Buch, das er veröffentlichte. Es führt den Titel »Nachlaß des Katers Murr. Eine Fortsetzung der Lebensansichten des Katers Murr von E. Th. A. Hoffmann. Nebst einer Vorrede des Herausgebers.« (Leipzig 1826, bei Wilhelm Lauffer). Diese Fortsetzung des Hoffmannschen Fragmentes wird am prägnantesten durch eine Äußerung Heines charakterisiert, der an Moser schriebSämtliche Werke ed. Strodtmann, XIX, 237.: »Hast Du schon gehört, daß mein Vetter Schiff Hoffmanns ›Kater Murr‹ fortsetzt? Ich habe von dieser Schreckensnachricht fast den Tod aufgeladen.« Dieses Urteil, das ohne Kenntnis der Schiffschen Arbeit gefällt wurde, trifft trotz seiner Impulsivität ins Schwarze. Ein neuerer Beurteiler, Franz Leppmann, in seinem anregenden Buche »Kater Murr und seine Sippe«Eine Katzendichtung, die Leppmann entgangen ist, rührt von Eduard Maria Öttinger her. (»Argus« (Hamburg) 1837 Nr. 32.) Es ist ein »Tiergespräch zwischen einer Katze und einem Mops«. (München 1908, Seite 26 ff.) ist geneigt, der Fortsetzung nicht allen Wert abzusprechen. Sie ist aber, was wohl den schwersten Vorwurf bedeutet, stillos und vom Geiste des Originals ganz und gar nicht erfüllt. Sie knüpft recht äußerlich an Hoffmanns Dichtung an, hat aber innerlich mit ihr sehr wenig zu tun. Auch in der Form, die bei Schiff unheimlich verkünstelt und wenig übersichtlich ist, hält er sich nicht an das große Vorbild. Er wollte anscheinend der Hoffmann des Hoffmann sein, wie Karoline Schlegel von Tieck meinte, daß er im »Gestiefelten Kater« den Tieck des Tieck habe spielen wollen.

Schon in diesem Erstlingswerke begegnet Schiffs später immer wiederkehrende Vorliebe für Binnenerzählungen. Das geht wohl auf die Vorliebe der Romantiker für das Theater im Theater, für Rahmen- und Binnenerzählungen zurück, die Schiff bei ihnen kennen zu lernen, vielfach Gelegenheit hatte. Da er im »Kater Murr« die eigenartigste Form der Einschalterzählung gefunden hatte, fühlte er sich wohl zu der Fortsetzung angeregt. Allerdings verzerrte er das Hoffmannsche Vorbild bis zu den äußersten Grenzen des Möglichen. Im »Nachlaß des Kater Murr« finden sich nicht nur ineinandergeschaltete Erzählungen, sondern auch noch zwei Supplemente, die mit der Hauptgeschichte in den engsten Beziehungen stehen. Nur erfolgt die Verknotung der Geschehnisse recht äußerlich; von einem Ineinanderweben, wie etwa der Begebenheiten in den »Bekenntnissen einer schönen Seele« in die Fäden der eigentlichen Handlung von »Wilhelm Meisters Lehrjahren«, ist bei Schiff keine Rede.

Um von dem Inhalte des »Nachlasses des Katers Murr« auch nur eine schwache Vorstellung zu geben, ist es nötig, die einzelnen Geschichten gesondert und ausnahmsweise etwas breiter zu charakterisieren.

In der Vorrede versichert Schiff den Leser zunächst weitläufig seiner Hochachtung und behauptet, daß das Werk wirklich von einem Kater herrühre und von ihm nur herausgegeben werde. Allerdings verkennt er nicht, daß die Leser sehr gelehrt sind und wissen, daß Tiere nur in der Fabel reden, und daß nichts für wirklich gehalten wird als das, wovon sich die Existenz beweisen läßt. So obliegt es ihm also, diese Existenz wissenschaftlich darzutun. Vorher aber bespricht er den Inhalt seines Buches, das aus dem ersten Hefte der Reisen des Katers besteht (anscheinend waren also mehrere Hefte solcher Reisen geplant) nebst hindurchlaufenden Makulaturblättern (vermutlich eines Manuskriptes, das der Autor auf seinen Reisen gefunden und verbraucht hat). Da des Katers Manuskript für einen Band nicht völlig ausgereicht, ein zweites Heft seiner Reiseschilderungen den Band aber zu unförmig gemacht hätte, habe der Herausgeber (Schiff) von dem zweiten Hefte des Katers so viel abgerissen, als für das Ausmaß des Buches nötig war. So entstanden die zwei Makulaturblätter des Anhanges. Das zerrissene Heft war aber nichts anderes als die Biographie Johannes Kreislers. Es folgt eine eingehende Beweisführung über die Existenz des Katers in Form einer unendlich weit verzweigten Disposition. Die Vorrede schließt damit, daß Schiff seinen eigenen bis dahin gebrauchten ernsten, wissenschaftlich tuenden Ton verwirft und (als echter Romantiker) »das freundliche Antlitz der geliebten Ironie« zu Hilfe ruft.

Im ersten Abschnitt geht Murr auf Reisen. Das Werk fährt unmittelbar dort fort, wo Hoffmann aufgehört hat. Meister Abraham klagt, daß die weiße Glaskugel seit dem Verschwinden der Chiara nicht wieder ertönte. Er ist ganz melancholisch, ebenso wie Kreisler, von dem der Kater es fühlt, daß ihn sein musikalischer Enthusiasmus zum Wahnsinn treiben müsse. Um ihn diesem zu entreißen, schilt er seine musikalische Begeisterung, die nicht der höchste Zweck des Daseins sei; denn wäre sie das, so hätte sie nicht einem einzelnen Menschen wie Kreisler zuteil werden dürfen, sondern allen Menschen, damit der Schöpfer gegen die anderen Geschöpfe nicht ungerecht hätte erscheinen müssen. Diese Argumentation versetzt Kreisler in solche Wut, daß er den Kater schlägt, der mit Mühe entwischt und nun beschließt, in die Welt zu gehen. Der Anfang seiner Wanderung entzückt ihn, nur der Hunger quält ihn. Plötzlich sieht er Abraham, der ihn mit Kreisler zu versöhnen sucht. Abraham eröffnet Murr, daß er der Sohn einer Prinzessin sei, die, in eine weiße Katze verwandelt, von einem Kater entführt worden sei. Er verschafft ihm ein leckeres Mahl und fordert ihn auf, nach einem Schmetterlinge zu haschen; wenn er ihn erreiche, so werde er ein Prinz sein und die schönste Prinzessin werde ihm gehören. Der Kater setzt zum Sprunge an, da sieht er sich von Hunden verfolgt. Er bittet einen Herrn und eine Dame, die im Wagen fahren, ihn aufzunehmen. Es geschieht. Als Verfasser der »Lebensansichten«, die Hoffmann herausgegeben hat, wird er freundlich auf das Schloß des Paares geladen. In dem Wirtshaus, in dem bald darauf gespeist wird, sind anwesende Bauern über Murr erbost, da sie sein Benehmen und seine Fähigkeit zu sprechen für Hexerei halten, die sie nicht dulden wollen. Sie bewerfen ihn mit Steinen, er muß flüchten, was den Grafen sehr betrübt, der sich schon früher vergeblich bemüht hatte, den Gespensterglauben unter seinen Untertanen zu vertreiben. In einer Soiree, bei der die bedeutendsten Literaten zugegen sind, gibt Murr Aufschlüsse über die Abfassung seines Erstlingswerkes. Er kommt ins Theater, worüber die Zeitungen ausführlich berichten. »Der Hund des Aubri« wird gegeben, aber der Pudel, den man bewundern wollte, tritt hinter dem Interesse der Zuschauer für den Kater zurück. Das Zeitungsblatt, das seinen Ruhm verkündet, sendet Murr an Kreisler. Er spricht sich in seinem Briefe an ihn auch eingehend über die Gestalt des Baron von Wallborn (in Fouqués »Gefühle, Bilder und Ansichten«. 1819, Seite 145) aus. Auf die Naturphilosophie fallen immerfort Ausfälle. Dem Kater wird bewiesen, daß es nach den Lehren der Naturphilosophien mehr Geschöpfe seiner Art gebe. Endlich wird ihm in Aussicht gestellt, über seine tierischen Schicksalsgenossen unterrichtet zu werden. Da bricht das Fragment ganz unvermutet abEin Bruchstück daraus ist abgedruckt In Pappes »Lesefrüchten« 1825, III. Band, 2. Stück, Seite 337–347..

In diese Geschichte sind »Makulaturblätter« eingeschaltet, die mit Hoffmanns Erzählung nichts zu tun haben. Ein glänzendes Fest am herzoglichen Hofe. Der Prinz Ludowigo küßt eine Sängerin Giovanina, mit der sein Vertrauter Laelio im tête-à-tête gewesen war. Ein Hofnarr, der bei Shakespeare in die Schule gegangen ist (Wortgefechte sind seine liebste Unterhaltung), bittet, seiner Funktion enthoben zu werden, da er sich zu alt fühle. Der Prinz Ludowigo ist mit seinem Los unzufrieden, er verzweifelt an Gott und verschmäht seine Unendlichkeit. Da bemerkt er nachts im Garten eine schlafende Schöne, und das entreißt ihn seiner Verzweiflung. Er bittet sie um ihre Liebe, sie stößt ihn zurück. Laelio grollt ihm, da er bei Giovanina keine Erhörung findet, die meint, der Prinz küsse ganz anders als er. Deren Mutter hat eine phantastische Oper komponiert, die das zum Inhalt hat, was der Prinz Ludowigo einmal geträumt hat. Die Heldin der Oper erklärt ihrer Mutter, daß sie den Prinzen, ihre Kunst und sie (die Mutter) als eine Einheit liebe. Die Mutter flucht ihr, wenn sie den Prinzen erhöre. Die Liebesgeschichte zwischen dem Prinzen und einer Sängerin Paula, die plötzlich unmotiviert erzählt wird, ist durchaus verworren. Die Mutter ist gegen diese heiße Liebe; da erkrankt sie am Nervenfieber und stirbt. Die Tochter klagt sich an, daß sie die Mutter durch ihre Liebe ins Grab gebracht habe. Sie gibt dem Prinzen den Abschied, um das Gebot ihrer Mutter, sich mit dem Prinzen nicht einzulassen, nicht zu übertreten. Der Prinz will erst sterben, dann Einsiedler werden. Da er aber eine irdische Liebe im Herzen trägt, gerät er in Konflikt mit einem Einsiedler, der die Inquisition anrufen will, um einen von dem Prinzen einem Muttergottesbild angeblich angetanenen Schimpf zu rächen. Von Paula kann Ludowigo nicht lassen, daneben liebt er auch Giovanina. Die erstere sucht ihn zu fesseln, die zweite ist unnahbar. Fast mit Gewalt reißt er Paula an sich, die ihm flucht. Da erschießt sich Ludowigo. Nun verzweifelt auch Paula, die das Schreckliche nicht geahnt hatte. Sie wird wahnsinnig, und diese ergreifende Szene hat Schiff wirklich vortrefflich ausgemalt, wie er immer in grausigen Wahnsinnsszenen erschütternde Wirkungen zu erzielen verstanden hat. –

Einen dritten Teil dieses kaum entwirrbaren Buches bildet die Biographie Kreislers. Schiff hatte nicht die Fähigkeit, diese Biographie so in die Reiseberichte des Katers und die Liebesgeschichte des Prinzen einzuspinnen, daß er zwei eingeschachtelte Erzählungen hätte gestalten können. Deshalb nimmt er zu dem Ausweg seine Zuflucht, daß er diese Biographie anhangsweise mitzuteilen – – – vorgibt. Denn in Wirklichkeit hat er es damit gar nicht eilig, sondern er läßt Meister Abraham Kreislern eine Geschichte erzählen. Also wieder eine Binnennovelle in der eigentlichen Erzählung. Diese eingeschobene Novelle soll Kreisler beweisen, wie im Leben jede Sehnsucht unbefriedigt bleiben müsse. Bekanntlich ist Abraham bei Hoffmann in Neapel mit den fürstlichen Brüdern oft in Berührung gekommen. Nun weilt der Prinz Hektor in Neapel und belauscht, wie eine Zigeunerin der Prinzessin Angela prophezeit, daß sie aus einer Verwünschung erlöst werden solle, wenn sich ein Prinz in sie verliebe und sie befreie. Kaum hat sie das ausgesprochen, als der Prinz hervorstürzt und der verzauberten Prinzessin seine Liebe gesteht. Die Zigeunerin nennt ihn sofort beim Namen und wirft ihm seine Flatterhaftigkeit vor. Das setzt ihn so in Erstaunen, daß er erklärt, er sei von diesem Augenblicke an ein anderer. Bald aber kommt er mit seinem Gefühl in Widerspruch und bereut sein Versprechen. Natürlich ist Angela niemand anders als Angela Benzoni, die Tochter des Fürsten Irenäus und der Rätin. Diese Angela wird bekanntlich der Zigeunerin Magdala Sigrun übergeben, die Mittel treffen soll, den Flecken der Geburt, der auf dieser fürstlichen Tochter ruht, auszulöschen. – Dem Prinzen fehlt leider der ernste Wille dazu, sein Herz sprechen zu lassen. Plötzlich überkommt ihn wieder das Gefühl der Liebe für die unbekannte Prinzessin, aber nun weiß er sie nicht aufzufinden. Da kommt Abraham nach Neapel, um dort seine Kunststücke zu zeigen. Die Zigeunerin besitzt den Ruf, jedermann die volle Wahrheit zu verkünden. Abraham ist überzeugt, daß seine Chiara dahinterstecken müsse, die allein ein fremdes Wesen völlig durchschauen könne. Er und der Prinz treffen zusammen, und nun, da Hektor Abraham alles erzählt, weiß dieser sofort, daß die Chiara hier sein müsse. Er forscht die alte Zigeunerin aus und erkennt Angela, die sich seiner auch dunkel aus ihrer Kindheit erinnert. Inzwischen hat die alte Zigeunerin, um des alten Fürsten Wunsch zu erfüllen, und da Hektor unschlüssig ist, die Prinzessin mit dem Prinzen Antonio verheiratet. Hektor ist sehr erbittert, zumal er mit Antonio, seinem Bruder, nie auf gutem Fuße stand. Es klingt leise das Motiv aus der »Braut von Messina« an: Zwei Brüder, die unerkannt dasselbe Mädchen lieben. Aber bald erfährt Hektor, daß Antonio mit Angela verheiratet sei. Er schleicht in ihre Wohnung, findet dort Antonio und ersticht ihn. (Schiff war unfähig, etwas anders als tragisch ausgehen zu lassen; hier war diese Lösung gewiß nicht am Platze.) Auch Angela stirbt auf sehr eigenartige Weise durch Gift, das ihr Antonio in ein Medaillon gegeben hat. Dieses Gift wird durch Körperwärme flüssig. (!) So endet also Hoffmanns Geschichte plötzlich tragisch, wie bei Schiff in der Folge alles einen tragischen Ausgang nahm. Später erfährt auch Abraham, daß die Chiara auf Veranlassung der Benzon vom Fürsten der Zigeunerin mit dem Auftrage übergeben worden sei, sie streng verborgen zu halten. Antonio erhält durch ein Wunder neu das Leben. –

In einem zweiten Supplement (der »Differenz«, wie es Schiff nennt) wird das Schicksal Angelas enthüllt. Die Benzon will Abraham die Chiara ausliefern, wenn er ihr sage, wo Angela sei (die von der Zigeunerin während des allgemeinen Tumultes, den die zwei Todesfälle hervorriefen, entflohen ist). Er will das nicht tun. Hektor, der in Julia verliebt ist, wird wahnsinnig; er erinnert sich immer wieder Angelas und glaubt, in Julien ein Spukbild, das Angela vorstelle, zu sehen. Inzwischen ist Kreisler Mönch geworden, und das erregt den Wahnsinn des Prinzen aufs neue. Er sieht den Leichnam seines Bruders und wie vom Donner gerührt – – damit schließt das Buch.

Diese verworrene, lose und äußerlich an Hoffmann anknüpfende Fortsetzung des »Kater Murr« zeigt schon, wie wenig befähigt Schiff war, dort fortzufahren, wo sein Vorgänger, der den in einer »Nachschrift des Herausgebers« versprochenen dritten Band des »Kater Murr« niemals erscheinen ließ, abgebrochen hatte. Schiff war Hoffmanns Art nur wenig homogen; er war wohl von der besten Absicht erfüllt, sie weiterzubilden. Aber die Ausführung blieb, wie in diesem Werke so auch in späteren, weit hinter dem guten Willen zurück. Eine künstlerische Manier kann eben nicht nur mit dem Verstande erfaßt werden, und niemand kann sich sie durch den bloßen Willen, sie nachzubilden, aneignen. Nur organische Wesensgleichheit ermöglicht das völlige Aufgehen in den Intentionen eines Vorgängers.

»Dein Kater Murr ist schlecht«, schrieb Heine kurz und bündig an Schiff. Er versüßte ihm diese bittere Pille dadurch, daß er eine gleichzeitig erschienene Novelle »Pumpauf und Pumprich« herzhaft lobte. »Schiff! Ich schreibe heute an Dich wie an meinesgleichen. Dein ›Pumpauf und Pumprich‹ hat mir gefallen. Es ist ein gutes Buch, ein braves Buch, ein Buch, dem ich mich nicht scheuen würde, meinen Namen vorauszusetzen, kämen nicht Bestialitäten darin vor.« Von dieser lustigen, durch den originellen Einfall bestechenden Geschichte behauptet Schiff im hohen Alter, sie sei nicht sein Werk, sondern das Bernhardis. Die Nachricht ist, wie alles, was in »Heinrich Heine und der Neuisraelitismus« steht, mit großer Vorsicht aufzunehmen. Er erzählt dort (Seite 103–105), daß er, Bernhardi und der Sohn eines Dresdner Beamten, namens Müller, öfter kein Geld, ja, nicht einmal ein Stück Brot hatten. Da führte Schiff das »hochromantische Kleeblatt« eines Samstags zu einem jüdischen Gastwirte, der ihnen zu essen gab, sich aber weigerte, an diesem Tage Geld zu nehmen (das die drei ohnehin nicht hatten). »Sollst doch gesegnet sein, Moses, weil du solche Gesetze gegeben«, sprach Bernhardi, der auch meinte, das sei ein Novellenthema, das er sogleich auf Schiffs Zimmer ausführteIn Göttingen wurde die Novelle verboten, damit die akademische Jugend durch die Lektüre nicht zum Schuldenmachen verleitet würde..

Diese Angabe ist, wie erwähnt, mit Vorsicht aufzunehmen. Strodtmann (Heines Leben I, 164) und Goedeke schreiben die Autorschaft der Novelle, deren Stil unbedingt auf Schiff hinweist, Bernhardi zu. Dagegen spricht indes zunächst Heines Brief; wäre Schiff nicht der Verfasser der Novelle gewesenStrodtmann meint, Bernhardi habe Schiffs Namen auf Wunsch des Verlegers auf das Titelblatt gesetzt, weil Schiff damals schon bekannter gewesen sei. Das trifft aber nicht zu. Schiff war 1826 ebensowenig bekannt wie Bernhardi., so hätte er kaum Heines Lob ruhig eingesteckt, sondern es abgelehnt. Aus einer Charakteristik Schiffs von Alexis geht übrigens deutlich hervor, daß man diesem die Autorschaft der Novelle zu Unrecht absprechen wollte. Wenn Schiff dies im hohen Alter selbst tat, so muß ihm bei seiner Angabe eine Verwechslung mit einem anderen Werke, das seinen und Bernhardis Verfassernamen gemeinsam aufweist, unterlaufen sein; gegen die Verwendung seines Namens gelegentlich des Erscheinens eines »Gespensterbuches« von H. Paulmann, Dr. Schiff und W. Bernhardi sandte er am 21. Oktober 1838 aus Emden an Gutzkows »Telegraph« die Erklärung, daß er an diesem Buche nicht den geringsten Teil habe. Wäre also sein Name widerrechtlich auf »Pumpauf und Pumprich« gekommen, so hätte sich Schiff wohl sofort dagegen verwahrt und hätte nicht erst volle vierzig Jahre später seinen Widerspruch erhoben, der übrigens in einem wichtigen Punkte beweist, daß Schiffs Erinnerung stark getrübt war. Er behauptet nämlich, daß die Novelle bei Wilhelm Lauffer in Leipzig erschienen sei (wo der »Kater Murr« herauskam), während sie in Zerbst verlegt wurde.

Endlich aber spricht ein drittes, sehr wichtiges Argument für Schiff als Verfasser der Humoreske. In dem Jahre 1826 erschien noch ein drittes Werk von ihm, zwei Novellen, denen er den gemeinsamen Titel »Höllenbreughel« gab. Darin legt er sich Rechenschaft über seine ganze schriftstellerische Existenz ab. Nach einem einzigen Buch pflegt man solche Resumés wohl nicht abzuhalten. Die Annahme ist nicht ungerechtfertigt, daß Schiff bereits einiges veröffentlicht hatte, ehe er vor dem Publikum mit sich selbst abrechneteDaß von Schiff vor 1826 bereits eine Novelle »Marienkind« gedruckt worden wäre, wie Alberti im Lexikon der Schleswig-Holstein-Eutinschen Schriftsteller ohne nähere Angaben behauptet, ist falsch. Diese 1831 in München anonym erschienene Erzählung rührt vielmehr (vgl. Lindner »Die Schriftsteller und die um Wissenschaft und Kunst verdienten Mitglieder des Benediktinerordens«, II, 113) von Ludwig Aurbacher her.. In der zweiten Novelle dieses Buches »Die Genialen«, einer bitteren Satire auf die ganze zeitgenössische Literatur (die große Absicht wurde in der Ausführung nur zum kleinsten Teile verwirklicht) urteilt ein literarisch genußfreudiger Weber über Schiff: »Er trägt die Spuren der Krankhaftigkeit nicht minder wie die ganze Zeit, seine ganze Erfindung und Empfindung ist stets auf die höchste Spitze hinaufgeschraubt. Was läßt sich überhaupt von einem jungen Menschen sagen, der sich nur mit Bagatellen abgibt? Er ist nur ein Schiffchen, ohne gehörigen Ballast, das keine große Fahrt antritt, nicht in die offene See sticht, was untergeht, scheitert, vielleicht auch nur leck wird.« »Höllenbreughel« nennt der Weber ein Produkt des Übermutes, in dem der Autor die Charaktere der Dichtung über sich selbst reden lasse, wodurch das Werk in den Augen des Lesers sofort verliere.

Diese Selbstcharakteristik ist sehr bezeichnend und bereits eine Vorahnung der Urteile, die Schiff in den »Lebensbildern von Balzac« den französischen Autor über sich selbst aussprechen läßt. Das ist der alte romantische Kniff, sich über sich selbst lustig zu machen, wie etwa im romanischen Lustspiel die Bühne mit sich selbst Scherz treibt. Bei Tieck fand Schiff hierfür wohl die wirksamste Anregung, wie er dessen Jugendlustspielen in dieser Novelle »Die Genialen« auch sonst die bedeutsamsten Einwirkungen verdankt. Denn recht tieckisch-übermütig ist Schiffs Abrechnung mit der Literatur seiner Zeit, vornehmlich ihrem größten Schädling, Clauren. Zweimal verspottet er diesen aufs kräftigste, als Erzähler und Lustspieldichter. In einem »Claurenschen Roman« »Assessor Winchen oder die Liebe ist das höchste Leben« ist die unerträgliche Süßlichkeit Heuns wohl auf das schlagendste verhöhnt. Verfertigt ist diese Parodie von einem Barbier, der »Verfasser der Romane in allen möglichen Manieren« ist, ein deutlicher Hinweis auf Adolf von Schaden, der beständig in der Manier anderer schrieb. Schiff zeigt schon äußerlich, daß es ihm nur um satirische Wirkungen zu tun sei. Er verflicht in den Pseudoclaurenschen Roman einen zweiten, der denselben Inhalt hat wie der erste; er läßt auch die herbsten Urteile über diese Dichtung aussprechen, so z. B. daß man derartige Bücher nicht in aller Ewigkeit zu Ende lesen könne, oder »die Poesie unserer Zeit ist vor Altersschwäche kindisch geworden«, vielleicht die kürzeste, aber treffendste Verurteilung Claurens und seines Gefolges. Diese Parodie, die sich auch offen als solche gibt, steht hoch über der Hauffs, der die satirischen Absichten nicht so ohne weiters anzumerken sind. Schiffs Humor, der schon in »Pumpauf und Pumprich« kräftig zum Vorschein kommt, übt die stärkste Wirkung aus. Keine geringere auch in dem Schauspiel »Tugend nur allein macht glücklich«, das ein Schuljunge verfaßt hat, und in dem alle Personen vor Edelmut und Selbstlosigkeit überfließen. Wenn am Schlusse zwei Bewerber um ein Mädchen dieses einander unaufhörlich gegenseitig in die Arme werfen, damit einer hinter dem anderen an Entsagungsfähigkeit nicht zurückstehe, so ist das wohl die anschaulichste, aber auch wirksamste Persiflage auf die übertriebene Tugendduselei Claurens. Als bedeutsames Vorspiel für die Balzacparodierung haben diese beiden Verhöhnungen des Berliner Dichters zu gelten. Nur ist die satirische Absicht hier weit stärker zum Durchbruch gelangt; Schiff schwächt die Mittel des Dichters, dessen Manier er verspotten will, nicht ab, sondern verstärkt sie wesentlich und macht dadurch seine eigenen Absichten weit offenkundiger.

Diese beiden Parodien bekunden Schiffs Talent, sich in eine fremde dichterische Manier einzufühlen, weit besser als die ernstgemeinte Fortsetzung des »Kater Murr«. Seine Art war, wie dies auch sein ganzes Leben offenbart, weit eher destruktiv als konstruktiv. Das können die unter dem Titel »Höllenbreughel« vereinigten zwei Novellen sehr deutlich lehren. Der Titel weist bereits den Weg, den der Autor nehmen will. Der Fratzenmaler Callot soll durch den »Höllenbreughel« übertrumpft werden. Schiff begnügt sich also nicht mehr damit, Hoffmann nachzufolgen, sondern sucht, dessen wildphantastische Wirkungen zu übertreffen. In der ersten Novelle »Die Hexen« ist ihm das eher geglückt als in der zweiten. Zwar operiert Schiff zum Teile mit Hoffmanns Mitteln; Gespenster und Hexen beleben die Handlung, die sich in wilden Sprüngen gefällt. Sie soll Grauen hervorrufen, kann aber im besten Falle nur Mitleid mit einem irregeleiteten Dichter erregen, der um jeden Preis aus einem unglaubhaften Stoffe Wirkungen hervorholen will, die in diesem nicht gelegen sindHeine soll sich nach Schiffs Mitteilung (»Heine und der Neuisraelitismus«, Seite 105) über das Werk geäußert haben: »Entweder du bist meschugge (verrückt) oder du gehst direkt darauf aus, es zu werden.«.

»Der Leser weiß nicht, woran er ist; und wenn er meint, der Verfasser wolle sich über ihn lustig machen, mag er wohl auf richtiger Fährte sein«, meinte die »Jenaische Literaturzeitung« (Ergänzungsblätter 1829, Nr. 36, Seite 288) in arger Verkennung der Absichten Schiffs, der sich ernstlich bemühte, das Hineinspielen der Geisterwelt in menschliche Geschicke, wie es bei Hoffmann vor sich geht, bis auf den Gipfel emporzutreiben. Auf diesem Wege übertreibt aber Schiff maßlos; er wirkt unglaubwürdig und nicht erschütternd, sondern ernüchternd.

In der ersten Novelle treiben die Hexen (ein abscheulicher Kater hilft ihnen dabei) ihre heillosen Künste mit dem Blute, das einem Jüngling abgezapft wurde, der in ein (man weiß nicht recht irdisches oder himmlisches) Mädchen verliebt ist. Ein Arzt und sein gespenstischer Famulus suchen, der Hexe ihr Opfer zu entreißen; sie soll verbrannt werden, entflieht aber, während des Jünglings Liebste wirklich auf dem Scheiterhaufen umkommt. In dieser Szene, die in keinerlei Geisterspuk hineinspielt, ist Schiff ein packendes, sehr realistisches Genrebildchen gelungen. Die Verbrennung des schuldlosen Mädchens, das seine letzten ergreifenden Klagen dem Geliebten, der der Hinrichtung beiwohnt, zuruft, ist von stärkster Wirkung. Dieser Schluß, der wieder Schiffs Vorliebe für tragische Ausgänge offenbart, kann mit der ganz auf äußerliche Effekte berechneten Mache der Novelle einigermaßen versöhnen. Das gelingt der zweiten »Die Genialen« nur in den parodistischen Szenen; ihr sonstiger Inhalt (insbesondere die Sticheleien auf Gelehrteneitelkeit und die schwächlich funktionierende Gespenstermaschinerie) läßt die Frage, was Pieter Breughel damit zu schaffen haben sollte, für immer offen. Denn der vorgeblich so schauerliche Gespensterspuk, der aber schließlich seine natürliche optische und mechanische Erklärung findet, wirkt kalt und leer.

Dagegen zeigen ein paar Gedanken über den Unterschied zwischen der poetischen Schönheit und Wahrheit, die wohl Schiffs Dissertation entstammen mögen, daß er sich mit diesen Fragen eingehend beschäftigt habe. Er meint, das Schöne könne wahr sein, doch sei das kein unbedingtes Erfordernis. Die Schönheit der Homerischen Gedichte würde dadurch nicht beeinträchtigt, wenn Achill und Hektor niemals gelebt hätten. Selbst das Häßliche könne schön wirken, wenn es sich an dem richtigen Orte befinde. Das sind, ohne daß Schiff damals Balzac schon kannte, auch dessen ästhetische Ansichten, die leider von dem Deutschen später nicht mehr anerkannt wurden. –

Den drei Erstlingsbüchern Schiffs war kein größerer Erfolg beschieden: man nahm von ihnen kaum Notiz. Das mag ihn verdrossen haben, und so kehrte er Ende 1826 nach Hamburg zurück, wo damals (vgl. mein Lyserbuch Seite 58 ff.) namentlich auf journalistischem Gebiete eine beängstigende Überproduktion um sich gegriffen hatte. Schiff erhoffte wohl, in der Heimat tiefergehende Anerkennung zu finden als in Leipzig und durch Zeitungsmitarbeit rascher zu einem halbwegs gesicherten Einkommen zu gelangen. Daß ihn Heine schon 1827 (wie Strodtmann a. a. O. II, 52 nach Schiffs Mitteilung behauptet)In »Heinrich Heine und der Neuisraelitismus« (Seite 57) verlegt Schiff diese Empfehlung in das Jahr 1826. an Campe empfohlen hätte, ist nicht ganz glaubwürdig. Denn erst 1836 ist eine Verbindung zwischen dem Verleger und Schiff nachweisbar. Diese Hamburger Zeit war zwar nicht unproduktiv (vieles, was erst später gedruckt wurde, muß bereits in Hamburg entstanden sein; von einem Werke läßt sich das sogar mit Sicherheit behaupten), aber an die Öffentlichkeit gelangte nur wenig. Schiff war damals Mitarbeiter der berüchtigten »Originalien« von Georg Lotz; leider sind von seinen Beiträgen für dieses Blatt nur zwei zuverlässig nachzuweisen. Doch geht aus einer Anmerkung Lotz' zu einem von Schiff mitgeteilten Romanfragment »Flucht der Gräfin Elisabeth aus ihrem Schlosse«Aus dem damals und bis heute noch ungedruckten Roman »Agnes Bernauerin«; »Originalien« 1828, Nr. 145–150. hervor, daß dieser schon früher Aufsätze in der Zeitschrift veröffentlicht habe. Mit diesem Romane übertraf Schiff, nach Lotz' Behauptung, seine bisherige literarische Produktion bei weitem. Doch ist von dieser, wie erwähnt wurde, in dem Hamburger Blatte nur noch der polemische Beitrag »Schiller, Madame Weißenthurn und Terpsichore« (1826, Nr. 106) Schiff zuzuschreiben, eine heftige Anklage gegen das Theaterpublikum, bei dem Schiller nur wenig Anklang finde.

Diese überaus geringfügige Produktion Schiffs während drei Jahren wirkt befremdlich. Erklärlich ist sie vielleicht dadurch, daß er sich in dem rohen journalistischen Getriebe, das Hamburg damals erfüllte, nicht Bahn brechen konnte. Seine durchaus sensitive Natur, der viel Schüchternheit anhaftete, die ihm niemals gestattete, sich vorzudrängen, sondern immer zu stiller Resignation trieb, verhinderte es wohl, daß er in Hamburg zur Geltung kam. Noch 1866 beklagt Schiff sein »einsames, selbstbehagliches Streben«, von dem abzulassen ihn Heine immer ermahnte. Aber »wer nur Gewinnes halber seiner Zeit dienen will, erniedrigt sich zu einem Komödianten seiner Zeit.«

Mit solchen Grundsätzen konnte Schiff die vor keiner Erniedrigung und Korruption zurückschreckende Hamburger Journalistik der ausgehenden zwanziger Jahre nicht aus dem Felde schlagen. So kehrte er der Alsterstadt den Rücken und wandte sich anfangs 1830 nach Berlin. Hier konnte Heine für ihn eintreten. Wie er August Lewald, den Gefährten aus seiner Hamburger Zeit, an Willibald Alexis für den »Freimütigen« empfahlVgl. den Brief an Hering (Heines Werke ed. Strodtmann, XIX, 408)., so bemühte er sich für Schiff bei Gubitz, dem Herausgeber des »Gesellschafters«, und ebenfalls bei Alexis. Für die Zeitschriften beider hat Schiff von 1830 – 1835 eine Überfülle von Beiträgen geliefert; daneben erschienen in diesem Lustrum eine Reihe von Buchgeschichten und Theaterstücken. Man »nahm mir ab, was ich liegen hatte, und verlangte, soviel ich leisten konnte. So ward denn aus mir ein Licht, wenn auch kein großes. Die Frauen lasen mich gerne . . .«Heinrich Heine und der Neuisraelitismus, Seite 57..

Diese fünf Jahre bedeuten den Höhepunkt der literarischen Produktion Schiffs. Es war sein eigenes Verschulden, wenn dieser Zeitraum, der ihn zu einem gekannten und auch geachteten Schriftsteller machte, nur so kurz war. Denn ruhelos, wie er immer war, brach er plötzlich, ohne daß man die Ursachen hierfür erkennen könnte, seine Zelte in Berlin ab, wobei er sicherlich nicht ahnte, daß damit seine glücklichste Lebensperiode für immer zu Ende sein sollte. In Berlin eroberte sich Schiff überraschend schnell eine literarische Position, die er indes vielleicht nur einer Opposition zu verdanken hatte, die gegen – Tieck ankämpfte. Damals war es ja Mode, auf Tieck loszuschlagen, wie dies z. B. Müllner jahrelang tat, der Tieck wirklich, um mit Raumers Worten in den »Briefen aus Paris« (I, 154) zu sprechen, auf nichtsnutzige Weise verleumdete. Auch nach Müllners Tode (1829) verstummten diese Angriffe nicht; in den meisten Zeitschriften der Dreißigerjahre begegnet man ihnen immer wiederNoch 1839 ein Tiecks Novellistik hart und oft ungerecht befehdender Aufsatz in den »Hallischen Jahrbüchern« (Spalte 2476 ff.), und die Jungdeutschen waren nicht die einzigen, die gegen ihn Front machten. Selbst ihre Gegner waren in der Bekämpfung Tiecks eines Sinnes mit ihnen. –

In Schiff sah man nun allgemein denjenigen, der als Novellist Tieck den Kranz von der Stirne reißen könne. Immer wieder wurde er gegen diesen ausgespielt, von ihm erwartete man eine Erneuerung und Belebung der novellistischen Kunst. Nun läßt sich gewiß nicht verkennen, daß in den späteren Novellen Tiecks die reine novellistische Form nicht immer gewahrt ist, daß er alles mögliche, oft sogar einfache Anekdoten, als Novellen ausgegeben hat. Auch das mußte befremden, daß Tieck in seinen späteren Novellen seine eigene romantische Vergangenheit Lügen strafte, daß er gegen die Schwärmerei in der »Waldeinsamkeit«, die er selbst im »Blonden Eckbert« verherrlicht hatte, Stellung nahm, daß er sich von seiner Vorliebe für den Katholizismus und katholische Kirchenmusik losmachte u. s. w. Wenn man ihn den »Talmi-Goethe« nannte, weil er, wie Goethe, seine Personen nur im feinsten Salontone sprechen ließ und niemals bürgerliche Milieus darstellte, so lag in dieser Bezeichnung der Angriff auf Goethe ebenso wie auf Tieck, die ja beide von der Generation um 1830 mit gleichem Hasse bedacht wurden.

Aus dieser Entartung der Romantik sollte Schiff, nach dem Wunsche aller maßgebenden Kritiker, die deutsche Literatur erretten. Niemand war weniger dazu geeignet als er. Allerdings hatte er sich, in den beiden ersten Werken, die er in Berlin veröffentlichte, in den Balzacnovellen nämlich, als unbedingten Verehrer der romantischen Doktrin bekannt, und diese sehr energische Bevorzugung der romantischen Poesie vor jeder anderen konnte erwarten lassen, daß Schiff den von ihm so ostentativ betonten Grundsätzen immer treubleiben werde. Wenn er wirklich, wie er insbesondere im »Elendsfell« vorgab, in der Wunderwelt der romantischen Poesie den Inbegriff aller Dichtung erblickte, dann stand zu hoffen, daß die selbst von Tieck preisgegebene Romantik durch Schiff wieder neu durchgesetzt werden könnte. Und sicherlich hatte er, als er in den »Lebensbildern« die realistischen Schilderungen Balzacs im romantischen Sinne umgestaltete und im »Elendsfell« sogar mit heißen Worten für die Neubelebung der Romantik eintrat, im Sinne, der von ihm selbst so laut gepriesenen literarischen Richtung treuzubleiben und ihr zu frischen Siegen zu verhelfen. –

Schiffs Berliner Dichtung ist denn auch bestes romantisches Gut. Nur enttäuschte er alle, die in ihm den Besieger Tiecks sahen, schon im »Elendsfell« damit, daß er für Tieck entschieden Partei nahm. Noch lebhafter tat er das in einem gegen Franz Horn gerichteten Aufsatze des »Gesellschafters« (1831, Nr. 207–208); dieser hatte Tiecks Ansichten über den »Hamlet« bekämpft und wurde dafür jetzt von Schiff heftig zurechtgewiesen. Wie er auch sonst (vgl. z. B. »Gesellschafter« 1832, Nr. 55 »Goethes und Tiecks Kommentare«) immer als wärmster Anwalt Tiecks auftrat, gegen den er sich niemals, wie es von ihm so heftig verlangt wurde, in Gegensatz stellte, dessen neue Werke er vielmehr immer begeistert begrüßte. So rühmte er z. B. dessen 1833 verfaßten, 1834 im »Novellenkranz« erschienenen »Tod des Dichters« (»Gesellschafter« 1834, Nr. 44), der ihm als Künstlernovelle und damit als ein recht dem Boden der Romantik entsprossenes Produkt besonders zusagen mußte, ebenso »Die Vogelscheuche« (ib. 1834, Nr. 191), deren Persiflage des Dresdner Liederkreises Schiffs Vorliebe für parodistische Wirkungen sehr entgegenkam. Allerdings verkannte er nicht, daß die Zeit einem Erstarken der romantischen Tendenzen keineswegs günstig sei, und die Titelfrage seines Aufsatzes »Ist unsere heutige Poesie noch eine romantische?« (»Gesellschafter« 1834, Nr. 119–120) nannte er selbst »eine Paradoxe«. Darüber war er sich eben allmählich klar geworden, daß die alte Romantik, wie sie das beginnende 19. Jahrhundert gesehen hatte, nicht mehr zum Leben erweckt werden könne und seine pompösen Streitrufe für sie nur geringes Echo gefunden hatten. So blieb denn auch Schiff mehr im Herzen als in seinen Werken Verehrer dieser infolge der Geschmacksveränderung des Publikums überlebten Richtung. Aber was zu ihren Gunsten ausschlagen konnte, tat und sagte er redlich. Er wußte genau, daß die jämmerliche Modeliteratur der Clauren und Raupach, der Schaden und Wachsmann sowie all der seichten Almanachnovellisten dem echten romantischen Geiste am meisten Abbruch getan hatte. Und so war er unermüdlich in der Bekämpfung ihrer trostlos trivialen, den ödesten Publikumsinstinkten entgegenkommenden Plattitüden. Wie er Raupach angriff (in dem Aufsatze des »Freimütigen« 1834, Nr. 175–178, »Raupach von innen. Eine Epistel an die Provinzialdichter«; vorangegangen war ein lobender Essay von Alexis »Raupach von außen«, ib. Nr. 173–174) oder Wachsmann namentlich wegen dessen hämischer Angriffe auf Börne abfertigte (»Glosse über sechs Novellen«, »Gesellschafter« 1834, Nr. 165–166)Von Michael Holzmann in seinem Börnebuche, Seite 270, aber unter falschem Titel herangezogen. und die ganze Almanachnovellistik wirklich fein verspottete, das gehört zu den anregendsten und ehrlichsten kritischen Kundgebungen Schiffs. Daraus sprach jemand, der in einer wenig gesinnungstüchtigen Zeit den Mut hatte, unparteiisch über literarische Gerechte und Sünder zu urteilen. Ein unerschrockener Wahrheitsfanatismus und gefestete, unerschütterliche Grundsätze sind aus diesen anklagenden Aufsätzen immer erkennbar. Es ehrt Schiff, daß er es sogar wagte, in der Zeitschrift, deren Redakteur Alexis war, gegen diesen in der Auseinandersetzung mit Raupach aufzutreten. Wie er sich auch sonst, trotz seiner materiellen Abhängigkeit vom »Freimütigen«, nicht scheute, gegen Alexis anzukämpfen. Als dieser in dem 1833 bei Brockhaus erschienenen Buche »Wiener Bilder« sein royalistisches politisches Glaubensbekenntnis veröffentlichte (Seite 425–453), worin er den Begriff der Volkssouveränität für eine Chimäre erklärte, für den Geburtsadel und die Legitimität eintrat und von einem »Völkerfrühling« nichts hören wollte, trat ihm Schiff in einem Aufsatze des »Gesellschafters« (1833, Nr. 179, 181) »Auch mein politisches Glaubensbekenntnis. Von einem dummen Teufel«So unterfertigte sich schon Lyser in Aufsätzen, die er in Hamburg publizierte, gern. aufs schroffste entgegen. Furcht scheint er überhaupt nicht gekannt zu haben; denn sogar mit Wolfgang Menzel rechnete er zweimal in den schärfsten Ausdrücken ab. Dem konnte er seinen Goethehaß nicht verzeihen; er warf ihm literarische Unzurechnungsfähigkeit vor (»Gesellschafter« 1834, Nr. 42–44) und trat in dem Aufsatze »Goethes literarisches Porträt« (ib. Nr. 139) voll Begeisterung für den von Menzel, Müllner und Pustkuchen Befehdeten ein, die er mit loderndem Ingrimm angriff. Auch Heine verschonte er nicht; seine Selbstbespiegelung in »Adler und Lorbeerbaum«, die auch Johann Peter Lysers Mißfallen erregt hatteVgl. mein Lyserbuch, Seite 72., forderte den ersten seiner Ausfälle gegen Heine heraus, die er später heftigst fortsetzte, freilich zu seinem argen Schaden. –

Aus den theoretischen Ausführungen Schiffs wird seine literarische Stellung viel klarer ersichtlich als aus seinen eigenen dichterischen Arbeiten in dieser Zeit. Hier fließt alles; Romantik, Realismus, falsche Sentimentalität, wie sie sich in den flachsten Almanachnovellen austobte, Deutschtümelei und Franzosenfreundlichkeit – alles ist anzutreffen. Ein zutreffendes Bild der dichterischen Persönlichkeit Schiffs während seines ganzen Lebens ergibt sich nur, wenn man ihm chronologisch durch das Auf und Ab und Kreuz und Quer seiner literarischen Sprünge folgt. Um sein Schaffen zu beschreiben, ist nur der eine Weg gangbar, seine Jahr um Jahr entstandenen Schriften zu betrachten, die Widersprüche, die zwischen einer und der anderen liegen, aufzuzeigen und nicht etwa die zusammenzustellen, die inhaltlich zusammengehören. Schiffs Denken und Dichten war eben immer krummlinig, und deshalb muß man diesem Dichten wohl auch auf all seinen Zickzackläufen nachgehen, um die richtigen Vorstellungen davon zu erwecken. Gleich diese Berliner Zeit zwingt zu dieser chronologischen Betrachtungsweise. Schiff überarbeitete aus den »Contes de l'Atelier« von Michel Raymond, einer Kompagniefirma von vier literarischen Teilhabern, die nur allzu gerne gesellschaftliche Sümpfe aufdeckte und für Verbrechen und Hinrichtungen schwärmte, eine »Waise vom Tandel-Markt« (»Gesellschafter« 1832, Nr. 92–101), nach einer nicht eruierbaren französischen Vorlage die Selbstbiographie »Der redliche Josef« (in »Mußestunden«, herausgegeben von Friedrich Bertram; Berlin, Vereinsbuchhandlung 1832) nach Lewalds »Gonzales de la Mara« die Novelle »Der schwarze Manufrio« (»Gesellschafter« 1831, Nr. 72–79). Was er an frei erfundenen Novellen den Zeitschriftenlesern bot, unterschied sich nicht wesentlich von den von ihm so sehr verurteilten Almanachsnovellen. Ob es nun »Sittengemälde« (diese realistische Terminologie hatte sich Schiff rasch angeeignet), »Schwänke« oder »Episoden« warenDie Titel und genauen bibliographischen Angaben finden sich in dem an den Schluß gestellten »Verzeichnis der Werke Hermann Schiffs«., immer sind es Augenblickswünschen des Publikums angepaßte, oft wie hingeschleudert anmutende novellistische Skizzen, die von einer Reform des Genres, wie man sie von Schiff erhoffte, nichts merken ließen. Er machte (diese Arbeiten erschienen sämtlich im »Gesellschafter« und im »Freimütigen«) offensichtlich den Bedürfnissen der Herausgeber und der Leser Zugeständnisse, wenn er derartige Nichtigkeiten publizierte. Anderes und Besseres wollte man in Journalen nicht; deshalb mußte sich Schiff, der auf den materiellen Ertrag seiner Schriftstellerei angewiesen war (was nur ein mildernder, kein entschuldigender Umstand ist), vielleicht sehr gegen seinen Willen Liebedienereien gegen das Publikum schuldig machen.

Er vergaß darüber nicht, sich, wenn er nur konnte, nach seinen eigenen Neigungen literarisch auszuleben. Noch immer glühte in ihm die alte Hoffmannbegeisterung, jetzt vielleicht noch stärker als in der Zeit des »Katermurrnachlasses«. Als Fortsetzer Hoffmanns hatte er seinen ersten dichterischen Versuch gemacht; jetzt kam er auf dem Umwege über Frankreich unter der Führung Balzacs wieder zu Hoffmann zurück. Die kleinen Geschichtchen »Die Geistererscheinungen«, »Ein orientalisches Märchen«, die schon 1832 im »Gesellschafter« (Nr. 200) abgedruckte Episode »Der starke Bär« aus der erst 1838 erschienenen Märchennovelle »Gevatter Tod« u. a. zeigen die stärkste Beeinflussung Schiffs durch Hoffmann. Dagegen wird man in den Berliner Jahren eine Einwirkung anderer Romantiker nicht wahrnehmen können. Nur ganz äußerlich wurde er mit einem, nämlich mit Clemens Brentano, zusammengekoppelt, dessen »Drei Nüsse« mit einer Novelle Schiffs »Varinka oder die rote Schenke« zu einem Bande vereinigt wurden. Das war nur das Werk des Verlages, der Gubitz gehörigen Vereinsbuchhandlung, daß diese beiden »Volkserzählungen« aneinandergefügt wurden. Gubitz hatte Brentanos Novelle 1817 im »Gesellschafter« (Seite 521–523) zuerst veröffentlicht, und so mochte er sich jetzt für berechtigt halten, sie der zu wenig umfangreichen Erzählung Schiffs beibinden zu lassen. Unrichtig sind natürlich Heckschers Angaben (a. a. O. Seite 135), daß »Die drei Nüsse« unter Clemens Brentanos Namen erschienen seien, also Schiff zugehörten, und die Goedekes, der der Ansicht gewesen zu sein scheint, die beiden Novellen seien ein gemeinsames Werk Schiffs und Brentanos.

»Varinka oder die rote Schenke« geht auf ein französisches Werk zurück: L´hermite en Russie par Dupré de St. Maure. In einer Übersetzung von A. Kaiser erschien dieses unter dem Titel: »Rußland, wie es ist.« (Zwei Bände, Leipzig, Rank, 1830.) In dem französischen Original finden sich zwei Novellen, die für russische Verhältnisse charakteristisch sein sollen. Sie sind keine Originaldichtungen des Franzosen; die eine, »Varinka«, ist eine Übersetzung einer Geschichte Meißners, die sich in dessen »Skizzen« findet. Das wußte Schiff nicht, der mit seiner Bearbeitung der französischen Vorlage eigentlich nur eine Rückübersetzung ins Deutsche lieferte. In den Voraussetzungen und ihrem Aufbau ist die Novelle ungewöhnlich geschickt. Ein sehr entschlossener, strenger russischer General hat eine schöne Tochter, Varinka, um die sich sein Adjutant Fedor bewirbt. Das Mädchen erwidert die Neigung und gestattet dem Geliebten, mit dem Vater zu sprechen. Nur darf er dabei nichts davon erwähnen, daß sie ihm gewogen sei. Sie ist eine durchaus verschlossene Natur geworden, und zwar durch den Einfluß einer englischen Erzieherin, die ihr nichts anderes predigte, als den Männern kalt und streng gegenüberzustehen. Fedor muß von dem General abgewiesen werden, und zwar deshalb, weil dieser das Mädchen schon vor vielen Jahren einem andern versprochen hat. Diese Abweisung empört Varinkas Stolz, sie ergibt sich Fedor, was von einem Kammerdiener dem General verraten wird. Dieser will in das Zimmer des Mädchens eindringen, wo sich gerade Fedor aufhält, der mühsam in einem schweren Kasten verborgen wird. Während der General lange die Zimmer untersucht und dann, da er nichts findet, eine halbe Stunde lang eine englische Abhandlung vorträgt, erstickt Fedor. Varinka und ihr Kammermädchen wissen sich keinen anderen Rat, als daß sie den Toten von dem Kutscher Peter fortschaffen lassen. Peter gilt als verschwiegen. Da er aber nach der Tat mit Geld sehr verschwenderisch umgeht, fällt das dem Kammerdiener auf, der ohnehin Verdacht hat, und er sucht, Peter zum Sprechen zu bewegen. Sie befinden sich einmal im roten Kabak (= Schenke), wo Peter wettet, er vermöge es, sein Fräulein zum Besuch der Schenke zu bewegen. Sie muß dies tatsächlich tun, da sie fürchtet, Peter könnte im Rausch verraten, daß sie eigentlich einen Mord (dessen sie sich selbst anklagt, übrigens fürchtet sie natürlich auch um ihren guten Ruf) verübt habe. Sie geht in die rote Schenke, bringt einen mit Opium vermischten Likör mit und gibt ihn den Anwesenden zu trinken; diese sinken in Schlaf, und dann zündet Varinka die Schenke an, wobei alle Anwesenden umkommen. Sie geht nach Hause, macht den Karneval lustig mit, aber in den Fasten erfaßt sie Reue, sie beichtet, und da der Pope ihr die Absolution nicht geben will, ist sie ganz verzweifelt. Durch diesen Popen kommt die Geschichte an den Tag; er verletzt das Beichtgeheimnis seiner Frau gegenüber (das Motiv aus Chamissos »Die Sonne bringt es an den Tag«), ihr Kind belauscht das Gespräch, und einmal in einer Kirche beschuldigt dieses Varinka, daß sie die rote Schenke habe anzünden lassen. Varinka geht in ein Kloster, wo sie büßt und bereut.

Diese »Varinka«, mit ihren wilden und brutalen Effekten, bedeutet bereits eine starke Abkehr Schiffs von den Wegen der romantischen Poesie. Allerdings könnte man in der Heldin eine Gestalt sehen, die ein Abbild der bei den Romantikern so oft vorgeführten Amazonen ist. Denn die vor nichts zurückschreckende Grausamkeit und Kälte Varinkas macht sie einer Penthesilea und Wanda nicht unähnlich. Auch das slavische Milieu ergibt einen Anklang an romantische Vorbilder. Aber die ganze Entwicklung des Themas, vor allem die Hingabe der Heldin in freier Liebe, bekundet schon aufs stärkste, daß Schiff sich den Einwirkungen der Tendenzen des »jungen Deutschland« nicht ganz zu entziehen vermochte. Varinka stellt noch eine Mischung romantischer und jungdeutscher Dichtweise dar. (Der versöhnende Schluß, das Zurückziehen in ein Kloster, ist sicherlich wieder durchaus romantisch.) Zwischen diesen beiden Extremen pendelte Schiffs Novellistik jetzt immer hin und her. Ein 1835 erschienenes Bändchen, das fünf ungleichwertige und ungleichartige Erzählungen vereinigte, denen der Autor den gespreizten Titel »Novellen und Nichtnovellen« gab (er meinte unter den Nichtnovellen Märchen), offenbart dieses Schwanken aufs deutlichste. Rein romantische Märchen stehen neben einer brutalen Tendenznovelle. Wie von einem strahlenden Abendsonnenglanze übergoldet, grüßt aus diesem Band noch Schiffs letztes rein romantisches Gebilde, das feine, zarte Märchen »Der Kristall«, als sein warmer Abschied von der Dichtung seiner Jugend. In diesem Märchen zeigt er, wie ausgezeichnet er das Erbe der Romantiker hätte verwalten können, wenn ihm die Zeit und ihr Geschmack mehr entgegengekommen wären. Es ist eine einfache Liebesgeschichte zweier jungen Menschen, die sich wegen ihrer Armut nicht heiraten können. Die Eltern versprechen ihre Tochter einem reichen Jüngling. Das Mädchen träumt, eine Zauberin überbringe ihm einen Kristall, der ihm die Zukunft offenbare. Diese ist traurig genug; denn der verschmähte arme Geliebte werde es erschießen und sich dann selbst den Tod geben. Diesen Traum glaubt die Braut wirklich erlebt zu haben, und es ist plastisch und glaubhaft dargestellt, wie sie sich in diese Phantasie immer mehr hineinredet, bis sie zugrunde geht. In diese Geschichte spielt das alte lukianische Thema von der vergessenen Entzauberungsformel ebenso wirksam hinein, wie in ein zweites Märchen, »Alban und Alba«, das Hoffmannsche Doppelgänger- und das Oberonmotiv von der Belohnung eines Liebespaares, das sich unbedingt die Treue hält und dem eine Gottheit dafür einen Talisman verleiht, der es aus schweren Gefahren befreit. »Alban und Alba« ist ebenfalls ein echtes und rechtes romantisches Produkt. Helden sind ein fahrendes Sängerpaar, das – wie Tiecks Sternbald, Dorothea Schlegels Florentin u. v. a. – improvisierte Lieder vorträgt; die beiden ziehen als echte Romantiker zweck- und ziellos umher, und ihr liebster Aufenthalt ist der Wald, dessen Poesie Schiff begeistert preist. Er ist sonst niemals so weich und lyrisch gewesen wie in diesem Märchen, und diesmal ist ihm auch neben manchen schwachen ein hübsches Lied gelungen, von dem zwei Strophen hier wiedergegeben seien:

»Wir Vögel schweben in himmlischen Räumen,
Wir singen von lieblichen, glänzenden Träumen,
Tief unter uns die Wolken ziehn
Über Berge und Seen und Felder dahin.
Tirilei, Tirilei, Tirilei!
Und der Wind spielt auf die Melodei.

Wenn Lüfte durch prangende Fluren wehn.
Da nicken die Blumen mit Häuptern so schön,
In tausend Farben mit Funken und Glanz
Verübt das Licht seinen goldenen Tanz.
Tirilei, Tirilei, Tirilei!
Und der Wind spielt auf die Melodei.«

Der Reiz dieses Märchens liegt lediglich in dem anmutigen und wirklich keuschen Ton, in dem es vorgetragen wird; stofflich weist es zu viele Anklänge an sehr bekannte Vorläufer auf, als daß es völlig befriedigen könnte. Außer den bereits hervorgehobenen Anlehnungen verwendet Schiff auch in stärkster Weise das Amphitryonmotiv, nur daß diesmal nicht ein Gott, sondern eine Göttin in der Gestalt einer Ehefrau auftritt, um ihre Verführungskünste zu üben. Geschmackvoll ist diese Variante kaum zu nennen, schon deshalb nicht, weil eine Frau, die sich solcher Mittel bedient, um einen Ehebruch zu begehen, niemals erfreulich wirken kann. Gelten lassen kann man diese Änderung nur darum, weil der Ehebruch nur versucht und nicht vollbracht wird. Das Märchen klingt nämlich, wie bei Schiff fast immer, tragisch aus: der Ehemann sieht seine Gattin in doppelter Gestalt; trotz der verschiedensten Proben, die er anstellt, kann er nicht herausfinden, welche die richtige sei. Endlich glaubt er, diese erkannt zu haben, und tötet die vermeintlich falsche Gattin. Zu spät erkennt er, daß er sein eigenes Weib erschossen habe. Als blinder Spielmann irrt er dann durch die Lande.

Eine dritte Novelle »Zwei Fliegen mit einer Klappe«Erstdruck im »Freimütigen«, 1833, Nr. 229–236. steht auf der Scheide zwischen Romantik und »jungem Deutschland«. Zwei Männer geraten in Zwist wegen ihrer romantischen bzw. realistischen Neigungen. Während der eine namentlich Jean Paul verherrlicht, findet der andere ihn und alle Dichter, die in unbestimmt schwärmenden Gefühlen aufgehen, lächerlich. Schiff entscheidet sich nicht, für welchen von beiden er Partei ergreifen soll. Seine Stellung bleibt – und das ist ein bemerkenswertes Zeugnis für seine allmählich ins Wanken geratene Auffassung – unentschieden.

Eine vierte Novelle »Gundlingen«1846 ließ Schiff die Geschichte unter dem Titel »Das Tabackskollegium« in Pappes »Lesefrüchte« (IV. Band, Seite 358 ff.) wieder erscheinen. kann insofern noch der romantischen Periode Schiffs zugezählt werden, als die Vorliebe der Romantiker für Neubearbeitungen alter Volksbücher, Chroniken usw. zur Geltung kommt.

Die Figur des Gundlingen mag Schiff wohl wegen seiner eigenen ähnlichen Veranlagung zur Darstellung gereizt haben. Wie Gundlingen war auch er dem Trunke ergeben, und obwohl beide graduierte Leute waren, dienten sie den Zechkumpanen als Stichblätter oft sehr roher Scherze. Die Autobiographie Gundlingens, die Schiff vorträgt, geht auf Daniel Faßmanns »Elisäische Felder« zurück. Nur ist vieles gekürzt, anderes verbessert, die Sprache teilweise modernisiert, das ganze neu geordnet. Es ist wenig interessant, was man von Gundlingen aus dieser Icherzählung erfährt; die Schwänke, die mit dem immer Volltrunkenen aufgeführt wurden, sind roh und meist widerwärtig.

In dieser Novelle liegt die Bedeutung dieses Buches nicht. Sie ist vielmehr in der nach dem Französischen geschriebenen Novelle »Johann Faust in Paris 1463« zu sehen. Denn hier schwenkt Schiff offenkundig von der Romantik ab; er ist unverfälschter Rationalist geworden, der sich namentlich von dem Wunderglauben und den katholisierenden Neigungen seiner früheren Zeit vollständig abgewendet hat. Auf welche Einflüsse diese Abkehr zurückzuführen sein mag, ist kaum zu ergründen. Aber die Richtung, die Schiff in diesem merkwürdigen »Faust« einschlägt, hält er von jetzt ab eine Zeitlang fest. Dieser »Faust in Paris« stellt die Vereinigung zweier Persönlichkeiten dar, nämlich des Schwarzkünstlers und des Erfinders der Buchdruckerkunst. Faust will, da er vor der deutschen Inquisition fliehen mußte, in Paris seine Bibeln verkaufen. Gleich seinem Namensbruder aus dem Volksbuche ist er von sinnlichen Begierden stark erfüllt. Er läuft hinter Freudenmädchen einher und verbindet sich mit einem solchen, das ihm, da es Freunde in den höchsten weltlichen und geistlichen Kreisen hat, dabei behilflich sein soll, die gedruckten Bibeln abzusetzen. Das Mädchen erzählt einem Pater, zu welch niedrigen Preisen man jetzt Bibeln kaufen könne; der ist nach diesem billigen Gewinn lüstern, besucht Faust, kann aber mit ihm nicht ins reine kommen. Deshalb schürt er in ganz Paris gegen den Schwarzkünstler und Zauberer, predigt auf den Kanzeln und erwirkt bei der Inquisition das Recht, Faust zu verhaften. Das Mädchen macht aber den Pater trunken und verrät Faust die gegen ihn gerichteten Anschläge. Er verbrennt sein Pariser Haus und entkommt glücklich.

In diese lebendige Geschichte verflicht Schiff den wüstesten Haß gegen den Katholizismus und seine Priester. Ihm ist kein Wort des Angriffes zu scharf, um es nicht auszusprechen. Er verhöhnt den Wunderglauben, wobei er sich nicht scheut, arge Blasphemien einzuflechten, läßt Priester von der Kanzel herab predigen, daß jede Frau, die an Wunder nicht glauben wolle, demnächst eine tote Katze, eine Ziege oder ein Mondkalb zur Welt bringen werde usw. Der heftigste Groll gegen das Christentum, für das er selbst oft so glaubensstarke Worte gefunden hatte, lodert aus dieser Erzählung.

Persönliche Erfahrungen, die Schiff verstimmten, mögen diesen auffallenden Umschwung vollbracht haben; die Erkenntnis wird sich ihm nicht mehr verschlossen haben, daß zu einer Zeit, in der die Jungdeutschen, von Regierungen und Zeitungen verfolgt und verfemt, dennoch sich und ihre Tendenzen immer nachdrücklicher durchsetzten, auch er dieser Geistesrichtung entgegenkommen müsse. Ärger haben freilich die führenden Bekenner des Jungdeutschtums und alle ihre blinden Nachläufer eine der Tendenzen dieser Bewegung – den Kampf gegen Religion und Kirche – nicht geführt als Schiff in diesem »Faust«. Er ist damit nicht originell: in der Zeit von 1832–1834 findet man in Romanen und Novellen auf Schritt und Tritt diese wüsten antikirchlichen Ausschreitungen. Bei ihm muß freilich der jähe Wechsel zwischen hingebendster Gläubigkeit und schärfster Gehässigkeit sehr befremden. Denn damit vollzieht Schiff den entscheidenden Bruch mit der Romantik und nähert sich in einem wichtigen Punkte dem »jungen Deutschland«. Allerdings hat Schiff seinen romantischen Gesinnungen nicht für alle Zeit den Abschied gegeben; immer wieder sickern sie bald schwächer, bald stärker durch, und es ist fraglos, daß ihn zur Annäherung an das »junge Deutschland« nicht innere Notwendigkeit getrieben habe, sondern der Wunsch, sich anerkannt zu sehen. Denn viel hatte er für diese neuerstandene Richtung eigentlich niemals übrig, wenn er auch Börne liebte. Aber wie wenig er auf Heines Seite stand, offenbarte er bereits in auffallendster und nachdrücklichster Weise ein paar Jahre später. Mit den übrigen befaßte er sich in dieser Berliner Zeit überhaupt nicht, wenn man von der nichtssagenden Rezension des Mundtschen »Basilisk« (»Der Freimütige«, 1833, Nr. 134) absieht. So verbindet also weder äußerlich noch innerlich Schiff irgend etwas mit den Bestrebungen der Jungdeutschen. Wenn er diesen dennoch in »Johann Faust in Paris« Zugeständnisse macht, mag ihn dichterische Notwendigkeit am allerletzten dazu getrieben haben. Doch läßt sich nicht verkennen, daß Schiff auch auf einem anderen Gebiete damals zwischen Romantik und Realistik planlos umherirrte; und so muß er jedenfalls allmählich an sich selbst irre geworden sein und daran gedacht haben, die unzeitgemäß gewordene romantische Schwärmerei nach und nach aufzugeben.

Auch der Dramatiker Schiff läßt nämlich die sich in seinem Innern bekämpfenden beiden kontrastierenden Richtungen sehr klar erkennen.

Mit der novellistischen Produktion Schiffs hält seine gleichzeitige dramatische gleichen Schritt. Die tiefliegenden Gegensätze seiner Epik begegnen auch hier; er schwankt zwischen der französischen Realistik und der deutschen Romantik unstet hin und her. Schiff setzt mit einer freien Bearbeitung des streng realistischen Dramas von Alexander Dumas »Heinrich III. und sein Hof« ein, jenem Trauerspiele, das die große literarische Umwälzung in Frankreich so sehr gefördert hatte. Diese Bearbeitung erschien zwar im Drucke, zu einer Aufführung wurde sie nicht benützt, wie sich ja das neuromantische französische Drama damals in Deutschland noch nicht durchsetzen konnteIn Berlin wurde das Drama in Ludwig Roberts Übersetzung (Juli 1830) dreimal gegeben, doch hatte es keinerlei Erfolg. (Vgl. »Gesellschafter«, 1830, Nr. 108.). Dagegen ging eine um ein Jahr später erschienene »dialogisierte historische Novelle«, die Agnes Bernauer zur Heldin hatte, wenigstens in Berlin flüchtig über die BühneErste Aufführung am 3. Januar 1831. Wie Schiff behauptet, verhinderte der Ausbruch der Cholera die Fortsetzung der Aufführungen. Die Buchausgabe ist dem Intendanten der Berliner Königlichen Schauspiele, Grafen Redern, zugeeignet.. Als Roman und Novelle hatte Schiff vorher den seit Hoffmann von Hoffmannswaldau immer wieder hervorgesuchten Stoff zu bearbeiten versucht, ohne ihn zu meistern. Erst als er die erzählende Form in die dialogische umgoß, war seiner Dichtung ein kurzes Bühnendasein beschieden. Das Charakteristische dieser Tragödie liegt in dem Schluß, der, wie A. Prehn in seiner Untersuchung »Agnes Bernauer in der deutschen Dichtung« (Wissenschaftliche Beigabe des Programms zu Nordhausen, Ostern 1907, Seite 7) richtig erkannte, niemals versöhnlich sein kann; deshalb griff Schiff zu dem einzig möglichen Ausweg, indem er den Herzog Albrecht an der Bahre seiner Gemahlin tot niedersinken läßt. Dieser Schluß ist übrigens nicht ganz unhistorisch. In Trithemii Chron. Hirsaugiens (II, 392) heißt es: »Et qui vivam ultra debitum amaverat, pro mortua, cadens in terram, ut mortuus iacebat.« Schiff geht weiter als seine Quelle, indem er Albrecht nicht nur »wie tot« daliegen, sondern wirklich sterben läßt. Er motiviert dies damit, daß er in Albrechts fernerem Leben nichts mehr Poetisches und Erfreuliches finde. Er sei in der Geschichte moralisch tot, physisch tot wünsche ihn das Gedicht. Jedenfalls habe der Dichter daher das Recht, den Rahmen seines Bildes da zu schließen, wo er seine Wirkung erregt zu haben glaube.

So künstlerisch der Schluß des Stückes berührt, so wenig Eindruck vermag die übrige Dichtung zu machen. Schiff hat sich stark von der »Agnes Bernauerin« des Grafen Törring beeinflussen lassen, und das hat seinem Drama nicht gerade genützt. Die Bearbeitung ist unbeholfen und undramatisch, die Charakteristik unlebendig, die Führung der Handlung verschwommen. Schiff war sich dessen wohl bewußt, »welcher Aufgabe er sich unterzogen habe, ein so viel gespieltes Stück, wie das des Grafen Törring, neu zu bearbeitenVgl. seine Bemerkung zu dem nicht aufgeführten, nur im »Gesellschafter« (1830, Beilage zu Nr. 207) abgedruckten Vorspiele des Dramas.. Nichtsdestoweniger hat das Stück den Zeitgenossen recht gut gefallen. Ein Berliner Theaterbericht der Dresdener »Abendzeitung« (1831, Nr. 51) meinte, daß niemand nach diesem ersten Versuch Schiffs Beruf »zum« Dichter verkennen werde; die Tragödie werde durch einige Veränderungen einen Gewinn für die deutsche Bühne bilden. Und der Buchausgabe dieses Dramas rühmte es dasselbe Blatt (1831, Nr. 230) sogar nach, daß es gewiß zu dem Besten gehöre, was die neuere Zeit in diesem Genre gebracht habe.

Im »Literaturblatte zum Morgenblatt« (1832, Nr. 48) meinte Wolfgang Menzel, daß das Stück besser sei als manche andere Jambentragödie. »Das schöne bürgerliche Mädchen, das von einem Prinzen geehelicht und dann von dessen stolzem Vater ermordet wird, muß in dieser anspruchslosen Darstellung die Teilnahme des Publikums erregen.« –

Das nächste dramatische Produkt Schiffs heißt: »Der Graf und der Bürger«. (Trauerspiel in vier Akten; Gubitz' »Jahrbuch deutscher Bühnenspiele, 12. Jahrgang, 1833, Seite 247–328.)

Das Motiv und seine Bearbeitung sind veraltet. Ein Gutsbesitzer Arnstein ist verlobt. Er erfährt lauschend (!), daß der regierende Minister vorgegeben habe, er sei in Beziehungen zu der Braut Arnsteins gestanden. Das ist freilich unwahr und nur gesagt worden, um einen rege gewordenen Verdacht, daß der Minister die Schwester seines Herzogs liebe, zu entkräften. Peinlich berührt schon in dieser Vorgeschichte, die stark in Sentimentalität getaucht ist, zweierlei: einmal, daß der Herzog nichts anderes zu tun hat, als einen Preis für den auszusetzen, der hinter das Geheimnis der Liebe seines Ministers komme (was taktlos ist und ihn nichts kümmern sollte), zweitens aber, daß der Bräutigam durch einen schwach motivierten Zufall horchend erfährt, seine Braut sei früher einmal dem Minister freundschaftlich zugetan gewesen. Durch Horchen Aufklärungen zu erhalten, ist immer ein naiver, wenig glaubwürdiger Zug. Noch abgeschmackter wird dieses Motiv dadurch, daß der Bräutigam zwar zuerst fest daran glaubt, seine Braut habe ihn belogen, ihr auch die heftigsten Vorwürfe zuschleudert, aber plötzlich, ohne daß man wüßte, warum, ihr alles abbittet. Damit wäre die Geschichte zu Ende, wenn nicht ein sehr stolzer Bruder der Braut seine Schwester noch immer für beschimpft hielte und die Hochzeit nicht stattfinden ließe. Inzwischen bekommt der Bräutigam die Aufklärung, daß der Minister sich einen Scherz mit seiner Braut erlaubt habe. Er stellt ihn zur Rede und erhält für sein Stillschweigen Geld angeboten. Nun folgen entsetzliche Tiraden über Bürgerstolz und Bürgerehre, die nicht um Geld feil seien. Der Minister wird dadurch so gerührt, daß er widerrufen will. Freilich auf die Aufforderung, zu bekennen, wo er in jener Nacht, als ihn der ganze Hof suchte, gewesen sei, kann er, um die Herzogsschwester nicht zu kompromittieren, nicht eingehen. Da ihm Arnstein droht, will er ihn verhaften lassen, um vor ihm sicher zu sein. Aber dieser Plan mißlingt, und der Bräutigam stiehlt im Zimmer der Herzogsschwester einen Brief des Ministers, der diesen kompromittieren muß. Darauf läßt ihn der Minister erschießen. Aber durch das von Arnstein gestohlene Schreiben, das er seiner Braut noch vor seiner Ermordung übergeben hat, kommt alles an den Tag. Der Minister wird als Mörder verhaftet und nur insoweit begnadigt, als ihm der Fürst Gift in das Gefängnis mitgibt, an dem er wohl sterben wird.

Diese Tragödie steht im vollen Widerspruche zu Schiffs sonstigen Anschauungen. Hier bricht seine antiromantische, demokratische Gesinnung wiederholt durch. Sogar der Minister hat demokratische Anwandlungen, müßte also darüber von Arnstein nicht belehrt werden. Eine Reihe von Fragen findet in dem Stücke keine Beantwortung. Warum muß Hugo Arnstein unschuldig sterben? Warum muß seine Braut Helene leiden, indem sie den Bräutigam verliert, sie, die doch gewiß nichts getan hat? Sie ist eine zweite Agnes Bernauer, nur daß nicht ihr Leben mit dem gewaltsamen Tode endigt, sondern das ihres Bräutigams, wie ja Schiff auch schon in der »Agnes Bernauerin« Albrecht sterben ließ. –

Von dem Lustspieldichter Schiff läßt sich ebensowenig Erfreuliches berichten, wie von dem ernsten Dramatiker. Sein »Aprilmärchen« oder »Der gefährliche Harnisch« ist kaum ein Aprilmärchen, weit eher ein recht langweiliger Aprilscherz.

Dieses weniger phantastische als parodistische Lustspiel, das mit Tieckschen Mitteln, aber nicht mit Tiecks Urkraft die Motive der spanischen Ritterstücke zu verspotten sucht, zeigt, wie Schiff zum Bühnendichter eigentlich alles fehlte. Er ist auch als Dramatiker Novellist, der endlose Reden für dramatisches Geschehen hält. Das Motiv des Stückes wäre nicht so übel. Es ist eine Parodie auf den Cidstoff, indem diesmal nicht ein toter Held den Mauren derartigen Schrecken einjagt, daß sie schon bei seinem Anblicke fliehen, sondern bloß die Rüstung eines siegreichen Heerführers, der sie aber einem feigen Seneschall umlegt, während er selbst zu einem Stelldichein mit einer sehr phantastischen Prinzessin eilt, in deren Dienst und zu deren Ruhm er alle seine Taten verrichtet. Manches ist in dem Stück lustig, und fast Shakespearischer Humor blitzt an ein paar Stellen auf. Aber wenn man auch über den Seneschall, das getreue Abbild des Shakespearischen Tobias von Rülp manchmal herzlich lachen kann, allmählich arten die beständigen Reden der Personen zu sehr ins Breitspurige aus, als daß man mit Behagen den Vorgängen folgen könnte. Wo Schiffs derber Humor durchbricht, ist das Stück am wirksamsten. Nur die fortwährenden Kopien der Manier Tiecks und Shakespeares werden lästig, und eine Schlußapostrophe, ganz nach dem Muster von »Was ihr wollt«, aber leider in etwas gezwungener Lustigkeit, erzeugt nur verstimmende WirkungSzenen aus diesem Lustspiele erschienen 1831 im »Gesellschafter« (Nr. 196–197); das ganze Werk in Gubitz' »Jahrbuch deutscher Bühnenspiele« (11. Jahrgang, Berlin 1832).. –

Der Dramatiker Schiff übt, wie die Analysen seiner Stücke zeigen konnten, einen wenig erfreulichen Eindruck aus. Immer wieder bricht die epische Veranlagung des Dichters durch, und ihr ist er auch fortan – mit der einen Ausnahme der Bearbeitung eines französischen Dramas – immer treu geblieben.

Daß Schiff sich zu der Übertragung dieses Dramas verstand, lag lediglich daran, daß ihm das Sujet, das Romantiker immer stark angezogen hatte, behagte. Es ist ein »Salvator Rosa« von Ferdinand Dugue, den Schiff überarbeitete. (Im Verlage des Hamburger Theateragenten C. A. Sachse in den Fünfzigerjahren (ohne Jahreszahl) erschienen.) Der Stoff des »Salvator Rosa« gehört in der Zeit der Romantiker zu den meist bearbeitetenVgl. mein Lyserbuch, Seite 155 ff, wo verschiedene Bearbeitungen besprochen werden.. Schiff mochte wohl eine innerliche Wesensverwandtschaft mit der Gestalt des »Salvator Rosa« fühlen, weshalb er die Bearbeitung des französischen Dramas unternahm. Allerdings scheint ihm auch diesmal ein theatralischer Erfolg versagt gewesen zu sein; eine Aufführung dieses »Salvator Rosa« ist nicht nachzuweisen.

Dieser letzte dramatische Versuch Schiffs fällt schon weit außerhalb seines Berliner Aufenthaltes, der gegen das Ende des Jahres 1835 jäh abgebrochen wurde. Voran ging diesem unseligen Schritte eine heftige Polemik mit Christian Dietrich Grabbe. Beider Dichter äußeres Wesen sollte eine Gegnerschaft von vornherein ausgeschlossen erscheinen lassen. Wie vieles sie miteinander gemein hatten, ist schon früher gezeigt worden. Aber so sehr sie einander in ihrer Lebensführung glichen (auch die Sehnsucht beider, schauspielerisch zu wirken, verbindet sie), so wenig stimmten sie in ihren poetischen Anschauungen überein. Das offenbarte sich am schlagendsten darin, daß Schiff Grabbes Hohenstaufendramen im »Gesellschafter« (1830, Beilage Nr. 80) scharf angriff. Er warf ihm vor, daß er mit großen Stoffen leicht fertig werde oder sie leichtfertig behandle und daß er seine Kräfte überschätze. Doch verkannte er nicht, daß, »wer solche Gedanken und Verse habe, ein Dichter sei.« In seinem »Cid« nahm nun Grabbe eine wenig vornehme Rache. Die Entstehung dieser Satire muß man mit Oskar Blumenthal (Grabbes sämtliche Werke, Detmold 1874, IV. Band, Seite 90) sicherlich erst in die Dreißigerjahre verlegen. Für mich ist kein Zweifel, daß schon die Wahl des Cidstoffes, um darin verschiedentlich literarische Rache zu nehmen, einen Angriff auf Schiff bedeutet, der im »Aprilmärchen« denselben Stoff satirisch vorarbeitet hatte. Grabbe hätte gewiß ebenso gut irgendein anderes heroisches Thema als Grundlage seiner recht lose zusammenhängenden Verhöhnungen erwählen können, die übrigens, soweit sie Schiff betreffen, weder allzu wirksam noch allzu treffend sind.

Von diesem einzigen Angriff abgesehen, verlief Schiffs Berliner Zeit ruhig und friedlich. (Grabbes »Cid« dürfte er wohl erst 1845 in Arthur Müllers »Moderne Reliquien« kennen gelernt haben, wenn ihm nicht vielleicht Immermann das Manuskript schon früher zeigte.) Dennoch begann ihm Berlin nicht zu behagen: seine Ruhelosigkeit scheuchte ihn fort. Die übergroße Nüchternheit, die Berlin in der Mitte der Dreißigerjahre erfüllte, mag den Entschluß, die preußische Hauptstadt zu verlassen, in ihm bestärkt haben. Von dem ungebundenen Wanderleben, wie es die Romantiker so oft verherrlicht hatten, erhoffte er sich die stärksten Impulse für seine Dichtung. Berlin bot seinem skurillen, phantastischen Dichtergemüte gewiß wenig Nahrung. Dort hatte neuerdings der Geist plattester Aufklärung um sich gegriffen, der Schiff unmöglich zusagen konnte. Und so verschwand er eines Tages und blieb monatelang völlig verschollen. Er fühlte nur zu gut, daß er in Berlin nichts mehr zu sagen hatte. Deshalb wollte er es versuchen, auf anderem Boden sein dichterisches Glück zu finden. Fehlgeschlagene Hoffnungen müssen es allein gewesen sein, die ihn dazu drängten; denn mit seinen literarischen Freunden stand er sich vortrefflich. Aber er lohnte ihnen nach seinem Ausmarsche aus Berlin ihre Zuneigung schlecht. Kaum hatte er ihnen den Rücken gekehrt, als er sie gänzlich ignorierte. Er ließ nichts mehr von sich hören, so daß man ihn allgemein für – – tot hielt. Willibald Alexis schrieb ihm sogar einen ausführlichen, warmen Nachruf, der die tiefsten Einblicke in Schiffs Wesen gewährt, und der wegen seiner Bedeutung ausführlich wiedergegeben werden muß.

In dieser Charakteristik (»Der Freimütige«, 5.–7. November 1835, Nr. 220–222) heißt es: »Erinnerungen an Daniel (sic!) Schiff. Es war in den ersten Monaten dieses Jahres, als der talentvolle Doktor Daniel Schiff Berlin verließ, um seine Vaterstadt Hamburg zu besuchen. Er schied von seinen Freunden mit der festen Zusicherung, sogleich nach seiner Ankunft von sich hören zu lassen, und auch dem damaligen Redakteur dieser BlätterWillibald Alexis, der Ende 1835 die Redaktion an W. Albrecht übergeben hatte. hatte er sein Wort gegeben, noch vom Wege aus Mitteilungen zu senden. Er versprach sich, in seiner eigentümlichen Weise die Dinge zu betrachten, einen besonderen, humoristischen Genuß von der Art, wie er diese Reise unternahm; denn trotz des regnerisch-unbeständigen, kalten Frühjahrs, trotz der durchnäßten, schlechten Wege war es sein fester Wille, sie ganz zu Fuß zu machen. In einem schlechten grauen Überrock, ohne anderes Gepäck, als was er in die Taschen stecken konnte, einen großen Stab in der Hand, wanderte er, nicht ohne Besorgnis seiner Freunde, aus den Toren von Berlin. Aber er selbst vergnügte sich schon in Gedanken, wie er regentriefend am Abend in der ersten besten Dorfschenke einsprechen und neben den Stammgästen und Honoratioren einen Platz am brennenden Herde erbitten würde, wie er auf ihre Fragen antworten, Geschichten erzählen und Geschichten hören wollte. Er freute sich auf die Gesellschaft von Handwerksburschen, Kärrnern, Gendarmen und allenfalls Transporten von Strafgefangenen, mit denen er des Wegs ziehen und, eine Pfeife rauchend, Gedanken auszutauschen und Menschenkenntnis einzusammeln hoffte. Aber der moderne Seume und Arndt täuschte sich, wenn er, trotz seiner unverkennbaren dichterischen Gaben, die er zu haben meinte, sich in die Menschen zu finden und sie glauben zu machen, er gehöre zu ihnen, hoffte. Schiff konnte alles eher, als sich in den Verhältnissen zurechtzufinden. Man muß es ihm auf die erste Frage, auf den ersten Blick, auf die erste Bewegung mit den Händen angemerkt haben, wer er war, wenigstens daß er nicht zu jener ehrenwerten Klasse gehörte, zu der er sich zu gesellen vorhatte . . .

Überdies sind die Anwohner auf der großen Kommerzialstraße nach Hamburg nicht mehr im Stande der Unschuld und ihre Blicke in realen Dingen schärfer als die des unglücklichen Dichters. Noch was die Besorgnisse seiner Freunde um vieles steigerte, trug er einen kostbaren Ring, den er mit einer Art abergläubischer Scheu nie vom Finger ließ. Auch beim Ausgehen aus Berlin war er nicht zu bewegen, ihn einzustecken, und der flimmernde Edelstein vertrug sich schlecht mit den baumwollenen Zwickelhandschuhen, dem Knotenstock und dem groben Rocke . . .

Er hat keine Mitteilungen eingesandt, er hat keinem seiner zahlreichen Freunde hier geschrieben, aus Hamburg verlautet nichts von seiner Ankunft, er ist fast seit einem Jahre verschwunden und der betrübtesten Vermutung ein weites Feld eröffnet. Der Weg, den seine Phantasie ihn vielleicht gedrungen, einzuschlagen, ist nicht bekannt; aber selbst auf dem bekanntesten weiß, wer die Hamburger Tour gemacht, welche Gefahren in den ausgefahrenen Hohlwegen jenseits der preußischen Grenze, in der Nähe von Britzenburg oder in den Marschländern der Elbe, dem verspäteten Reisenden drohen.

Müssen wir den Verschollenen als einen Verlorenen betrachten, so ging in ihm eines unserer originellsten Talente viel zu früh unter. Schiff kann kaum das dreißigste Jahr erreicht haben. Aber selten hat ein Dichter so entschiedenes Unglück. Ich rechne nicht dahin, daß er, in großer Wohlhabenheit erzogen, durch einen Vermögensumschlag in seiner Familie plötzlich arm wurde, denn sein Sinn war über diese Unglücksfälle hinaus. Echter Dichter aus der Zeit, wo es noch kein Bewußtsein und keine Spekulation gab, gingen seine Sorgen nicht über den Augenblick hinaus. Er jubelte, wenn er etwas hatte, und darbte, wenn er nichts hatte. In dieser Kunst, zu darben und dabei liebenswürdig und heiter zu bleiben, suchte er seinesgleichen. Aber sein Unglück war die merkwürdige Nichtanerkennung, die seine Dichtungen gefunden. Wenn das Schicksal lang ungerecht war gegen echtes Talent, irgendwie und wo kommt die Anerkennung! Und unsere Zeit, in allem rascher als die vorigen Jahrhunderte, holt gewöhnlich noch den Lebendigen ein, um ihm Balsam auf die Wunden zu träufeln und einen bescheidenen Kranz auf den kahl gewordenen Scheitel zu drücken. Schiff war wohl schon zehn Jahre öffentlich aufgetreten, aber noch hatte weder das Publikum noch die Kritik die Notiz von ihm genommen, auf die sein Talent Anspruch hat. Von seinem ersten Buch, einer Studentenhumoreske, die in ihrem Kreis gefallen hat, »Pumpauf und Pumprich«, wurde ihm sogar die Autorschaft abgestritten. Er selbst sprach nicht gerne davon, als einem Produkte jugendlichen Übermuts. Sie hat, wenn auch in barocker Manier, ihre Verdienste, doch bleibe sie immerhin vergessen. Eben desgleichen bleibt der Ruhm, den seine dramatischen Arbeiten in Anspruch nehmen, zweifelhaft. Seine »Agnes Bernauerin« bekundet freilich die ganze dichterische Innigkeit, den Naturhauch und Naturdunst der Empfindungen, in dem Schiffs Poesie ihren Kulminationspunkt hat, aber als Drama ist das Ganze allzusehr subjektiver Guß, der der Gestaltung entbehrt. . . .

Seine Märchen und Novellen gehören dagegen zu den sinnreichsten Phantasien und ausgebildetsten der neueren Zeit. Das Märchen »Alban und Alba«, die schauervolle Erzählung »Varinka«, die psychologisch humoristischen Novellen »Zwei Fliegen mit einer Klappe« und »Der Häßliche« und andere würden dem Verfasser einen Ehrenplatz in der Literatur sichern, wenn sein Unglücksstern nicht gewollt, daß sie in den Zeltungsblättern übersehen und, in Sammlungen erschienen, nicht beachtet wurden. An Tiefe der psychologischen Auffassung, an Schmelz in den lyrischen Partien wetteifern sie mit Tiecks Novellen und würden mehreren darunter wenig nachgeben, wenn Schiff Tiecks Weltblick besäße. Er kann aber nur kleine Segmente aus dem Globus herausschneiden, für das Umher ist er blind.

Am sichtbarsten war dieser Unglücksstern bei seiner Übersetzung der »peau de chagrin« von Balzac. Unter dem sinnvoll umgearbeiteten Titel »Elendshaut«Ein Flüchtigkeitsfehler von Alexis. Schiff schrieb »Elendsfell«. lieferte Schiff nicht eine Übersetzung, sondern eine der geistvollsten Parodien der Balzacschen Schrift. Kaum eine Seite in Schiffs Arbeit ist Eigentum des Franzosen. Die Charaktere der Fabel, den Dialog umschmelzend, bemühte er sich, die verkehrten Richtungen der französischen Romantik zu persiflieren, und glaubte nicht anders, als daß jeder Leser dies auf den ersten Blick sehen und anfangs sich verwundern, dann den Schalk erkennen würde. Denn so gegen sein eigenes Fleisch wüten kann kein Franzose. Schiff erwartete Ruhm und Ehre bei der Entdeckung. Aber sein Plan war zu fein angelegt für das Publikum. Man las die »Elendshaut« mit Vergnügen und gab sich nicht Mühe, darüber nachzudenken. In den gedruckten Kritiken wurde Schiffs Arbeit als eine recht gelungene, treue Übersetzung gerühmt! Das war selbst für seine Lebensphilosophie zuviel.

Daniel Schiffs Persönlichkeit war eine der merkwürdigsten und hat nicht wenig dazu beigetragen, dem Sukzeß des Schriftstellers zu schaden. Sein Wesen, sein Benehmen streifte über das Kindliche hinaus. Wer, ohne ihn zu kennen, den unsteten, zerstreuten Menschen sah und dabei Fragen hörte, die man gewöhnlich schon in Tertia abgetan hat, dachte an alles andere eher als an einen geistvollen Schriftsteller. Seine Zerstreutheit überschritt alles Maß. Unbeholfen in den Verhältnissen des Lebens, ging er oft mit einer Naivität auf sein Ziel los, welche heut zu den Wundern gehört . . .

Obgleich er in der Unterhaltung vom Hundertsten auf das Tausendste übersprang und durch Kreuzfragen die Sprechenden aus der Fassung brachte, wurde er doch plötzlich zum begeisterten Redner, wenn die Unterhaltung eine Ader traf, wo er zu Hause war. . . .

Ein Widerwille gegen alles Sentimentale war nicht Produkt seiner ästhetischen Anschauungsweise, sondern trug einen idiosynkratischen Charakter, der selbst belustigen konnte. Er wurde unruhig, seine Zerstreutheit nahm einen krankhaften Anstrich an, die innere Natur rebellierte, wenn er eine sentimentale Lektüre anhören mußte. Ja, instinktartig witterte er, wo etwas Derartiges kommen mußte, und seine Gesichtszüge bekamen einen Ausdruck, den man nicht besser als mit dem populären Worte »ihm wird schlimm« bezeichnen kann. So war für andere seine Angst belustigend, die er in der Nähe von Kirchhöfen empfand. Auf Spaziergängen mußte man ihnen ausweichen, wenn man ihn heiter erhalten wollte. Er konnte nicht begreifen, wie ein vernünftiger Mensch hingehen, sich auf Gräber setzen, die Inschriften lesen und mit geistiger Wollust der Gestorbenen gedenken könne. Daß es geschieht, hielt er für eine Krankheit der Zeit, die ihn besonders in Berlin anwiderte.

Als Kritiker war er oft ungerecht, wie er denn überhaupt nur traf, wo er eine verwandte Natur fand. Da aber sind seine Kritiken schlagend und dabei Meisterwerke in der Form . . . Am unglücklichsten, ja, recht verloren kam er sich in der jüngst vergangenen Periode politischer Aufregung vor. Hier fehlten ihm die gewöhnlichsten Begriffe, und während er im romantischen Zauber seiner sinnlichen Naturwelt fortwebte, sah er sich immer mehr außer Verständigung gesetzt mit seinen Freunden, deren Sinnen und Treiben von den Weltbewegungen affiziert und geleitet wurde. Vergebens arbeitete er, zu einem Verständnis zu kommen. Die Politik und er waren nicht Pole, sondern sich abstoßende Elemente. Es klingt wie eine Parodie, daß Dr. Schiff einst in seiner Jugend ein halbpolitisches Wochenblatt in Hamburg redigiert hat. Doch war es der Fall. In seiner treuherzigen Gutmütigkeit bekannte er aber selbst, daß ihm der Eigentümer gekündigt habe, weil er Artikel verwechselt und die Interpunktion als Nebensache außer acht gelassen hatte. Es passierte auch später wohl, daß er ein Buch rezensierte und in seiner Zerstreutheit den Titel eines andern über die Kritik setzte.

Nächst der Politik war ihm das klassische Altertum verschlossen. Er begriff nicht, wie man von Homer entzückt sein könne. Alles, was sich dem Klassischen in Auffassung und Form näherte, ließ ihn ebenso kalt, als das sentimentale Element ihn anwiderte. Mit Schiller und was ihm anhing, konnte er sich nie befreunden. Gegen Raupach war er animos. Man rechne seine Ausfälle gegen diesen verdienten Dichter nicht, wie einige wollen, einem boshaften Gemüt zu: der Naturmensch Schiff hielt es für Pflicht, zu hassen, was ihm schlecht erschien, und das christliche und Moralprinzip der Liebe gegen unsere Feinde war ihm unverständlich. »Was wollt ihr denn an mir putzen?« sagte er. »Ich bin nun einmal, wie ich geboren wurde, und ihr solltet euch freuen, wenn ihr in eurer Kulturwelt noch einmal einen Menschen findet, der kein Produkt der Bildung ist.«

Doch wäre es ungerecht, ihm in der Poesie einen Mangel an Fortbildung vorzuwerfen. Seine letzteren Novellen spielen in den feinsten Lebensnuancen der geistig bewegten bürgerlichen Welt, während seine früheren Dichtungen sich nur unter dem Moosschatten der romantischen bewegten. Er schildert hier Menschen und Verhältnisse mit einem so wahrhaften Pinsel, als man es einem Dichter, der wenig in jenen Kreisen sich behaglich fühlte, nicht zutrauen sollte. Aber die Wurzel, aus der jene wie diese Erzeugnisse hervorwuchsen, ist dieselbe. Aus der Physik der Empfindungen erzeugen sich hier wie dort seine Menschen. Nur soweit das Empfindungsvermögen reicht, läßt er sie handeln, sprechen und ist wahr. Ein richtiger Takt leitet ihn auch hier, nie über seine Sphäre hinauszugehen. Seit der Bearbeitung des Balzac hatte er sich in die sogenannte Romantik des Familienlebens hineinreißen lassen; glücklicherweise verließ er jedoch schnell diesen glatten, schlüpfrigen Weg. In dieser Blasiertheit der Gefühle ist das Feuer des echten Naturlebens längst erloschen, wie prasselnd auch die Flammen dann und wann herausschlagen.

Schwerlich konnte ein angehender Schriftsteller sich weniger durch sein persönliches Auftreten empfehlen, als es Schiff tat. Nicht daß diese Persönlichkeit abschreckend gewesen wäre, im Gegenteil hatten seine Züge etwas Edles, seine Gestalt war von Natur wohlgebildet. Aber er besaß die Kunst, alle diese Züge zu verwischen, und der Zufall spielte gewiß immer mit, was zu seinem Vorteil sprechen sollte, zu seinem Nachteil ausschlagen zu lassen. Zu einem Mann, der auf Eleganz hielt, kam er gewiß in einem dicken Mantel, bis an die Zähne zugeknöpft, und setzte sich so zu ihm auf das Sofa . . .

Es liegt in der Natur der Sache, daß ein so ungewöhnlicher Mensch nur von wenigen verstanden werden konnte, und daß die gar zu befremdende Außenseite auch solche abhielt, ihn zu würdigen, welche sonst nicht gewohnt sind, nach dem Schein zu urteilen. Daraus will ich die wenige Anerkennung ableiten, die Schiff bis jetzt gefunden hat, denn diese Annahme ist mir lieber, als an ein absolutes Unglück glauben zu müssen, das, wie ein Erbfluch auf ihm lastend, ohne eigene Schuld ihn verfolgte. Diese Rücksicht allein veranlaßt mich, ein flüchtiges Bild von ihm zu entwerfen, welches Züge enthält, die ein wohlwollender Biograph sonst lieber verschweigt . . .

In obligatorischen Dingen war insofern kein Verlaß auf ihn, als er materielle Dinge in ihrer Bedeutsamkeit, vermöge seiner Natur, nicht zu schätzen wußte. In allen ernsteren, tieferen Verbindlichkeiten bewährte sich sein treues Gemüt. Mit derselben Heiterkeit wie sein Familienunglück ertrug er auch das, was ihn als Schriftsteller verfolgte. Nie ging ihm die Hoffnung aus, mit ungeschwächtem Eifer ging er an jede neue Arbeit, immer gestählt von dem beseligenden Glauben »das muß doch endlich gelingen.« . . . In seine »Agnes Bernauer« war er verliebt, wie Kleist in sein »Käthchen von Heilbronn«. Er hat sie mehrmals umgearbeitet, erst als Erzählung, Roman, dann als Drama.

Heine wurde zuerst auf sein Talent aufmerksam.

Für die Beurteilung der Persönlichkeit Schiffs ist diese Leichenrede auf den damals noch Lebenden von der größten Bedeutung. Sie eröffnet Einblicke in das Wesen eines weltfremden Mannes, dem die primitivsten Realitäten des Daseins die ärgsten Unbequemlichkeiten bereiteten, die er niemals überwinden konnte. An Justinus Kerner, den immer Kind Gebliebenen, der zeitlebens die Münzen nicht voneinander unterscheiden konnte und an den naivsten Spielereien stets Gefallen fand, wird man gemahnt. Nur daß Kerner seinen Berufspflichten treu nachkam, indes Schiff niemals den Obliegenheiten selbst der kleinsten Anstellung gewachsen war. Daß er ein politisches Blatt redigiert hätte, wie Alexis behauptet, ist kaum glaublich. Es dürfte sich um die Mitarbeit an der Hamburger Zeitschrift »Die Biene« handeln, der Schiff 1823 eine Anzahl Theaterkritiken und sonstige kleinere Beiträge lieferte. Möglicherweise redigierte er das Blatt eine Zeitlang, wahrscheinlich aber recht unglücklich, wie er auch in seinem späteren Leben einer länger währenden redaktionellen Tätigkeit niemals gewachsen war. Er konnte sich eben in das Leben nicht schicken und klagte dieses immer an, es werfe ihm Prügel zwischen die Füße. Das Unterlassen jeder Benachrichtigung seiner Berliner Freunde von seiner Ankunft in Hamburg verrät wohl nichts anderes als einen Mangel jedes Taktgefühles. Schiff konnte sich ebensowenig in der großen Welt benehmen wie unter seinen Freunden, die er immer ohne jeden Grund vor den Kopf stieß. Sobald er innerlich mit ihnen fertig war, brach er jeden Verkehr ab. Das ist die einzige Erklärung für sein stillschweigendes Verschwinden. Aber er erreichte es, daß man sich in ganz Deutschland mit seinem unerwarteten Hinscheiden beschäftigte (vgl. besonders »Phönix«, 1835. Nr. 307) und den Verlust, den die Literatur erlitten habe, beklagte.

Das Dementi der Nachricht vom Tode Schiffs erfolgte am 16. November 1835 im »Freimütigen« Nr. 228:

»Herr Doktor Schiff ist nach glaubwürdigen Nachrichten wirklich in Hamburg angelangt und lebt daselbst zurückgezogen bei seinem Vater. Der Verlust seiner Mutter, der ihn inzwischen getroffen, hat ihn vielleicht so erschüttert, daß er für einige Zeit es selbst vorzog, den Verschollenen zu spielen. Doch arbeitet er gegenwärtig wieder an einigen Dichtungen, welche in Hamburg erscheinen sollen.«

Schiffs Tat mit einer seelischen Erschütterung, die dieser erlitten hatte, zu motivieren, konnte nur ein ihm wirklich gutgesinnter Freund, der nicht wußte, daß der von ihm Totgeglaubte später noch einigemale im Mittelpunkte sensationeller Affären stehen würde. Denn bei Schiff begegnet man häufig der Tatsache, daß in entscheidenden Abschnitten seiner literarischen Entwicklung ein merkwürdiges Ereignis eintritt, das ihn dem Interesse der Allgemeinheit naherückt. Ein Gutes hatte die falsche Todesnachricht jedenfalls, daß man nämlich – wie auch das »Morgenblatt« 1835, Nr. 306 meinte – auf ihn, der bisher so wenig gewürdigt worden war, aufmerksam gemacht wurde. Jetzt hatte Schiff nur die Pflicht, das rege gewordene Interesse durch sein Schaffen zu befestigen und zu erhalten. Anfangs gab er sich in Hamburg redlichste Mühe, dies zu tun. Er publizierte bereits 1836 zwei Novellen, die wenigstens seine neu erwachte Arbeitslust beweisen konnten. Eine davon erschien im Verlage von Hoffmann und Campe, mit dem ihn Heine jetzt in Verbindung brachte. In dessen Korrespondenzen mit Campe wird Schiffs gedacht (vgl. z. B. den Brief vom 28. Juli 1836: Werke ed. Karpeles, IX. 151); an ihn direkt schrieb Heine nur selten, sondern bediente sich immer Campes, um Schiff Antworten auf Briefe zukommen zu lassen. Es ist kaum ein Zweifel möglich, daß Campe nur auf die Empfehlung Heines Bücher Schiffs in Verlag nahm, die seinen buchhändlerischen Erwartungen kaum entsprochen haben dürften. Dies gilt besonders von der ersten Novelle »Glück und Geld«. In dieser findet Schiff den Weg zu Balzac zurück: wie dieser fast in allen seinen Werken spricht auch er eingehend über die Macht des Geldes, für das man sich alles erkaufen könne. Einzelne Details der Novelle erinnern auffallend an den »Geizhals« in den »Lebensbildern«.

Schiff hat in dieser Novelle wieder einmal drei Binnenerzählungen in eine Rahmenerzählung eingeschaltet. Drei Freunden (einem Schauspieler, einem Musiker und einem Journalisten), die es in ihrem Metier nicht sehr weit gebracht haben, wird von einem Juden ein Los angeboten. Sie lehnen den Kauf ab, weil sie mit dem Spiel ihre bösen Erfahrungen gemacht haben, die sie sich zum besten geben. Der Schauspieler hat als Kind größtes Glück im Lotterie- und Kartenspiel gehabt und dadurch 15 000 Taler angesammelt. Er ist aber so unerfahren, daß er sich von einem Juden falsches Geld aufschwatzen läßt. Bei der Ausgabe wird er verhaftet und verurteilt. Er verliert die Liebe seiner Braut, einer Schauspielerin, die ihn nur des Geldes wegen geliebt hat.

In die zweite Geschichte spielen wohl persönliche Erlebnisse Schiffs hinein. Er führt einen jungen Mann vor, der aus reichem Hause stammt und eine gute musikalische Ausbildung erhalten hat. Plötzlich stirbt ein Onkel, und das väterliche Haus muß fallieren. Jetzt heißt es Erwerb schaffen, und er komponiert eine Oper, zu deren Libretto Tiecks »Fortunat« verwendet ist, über dessen Novellistik Schiff kluge Anmerkungen macht. Da aber seine Geliebte (wohl eine Kusine), deren Eltern einen Lotteriegewinn gemacht haben, ihn jetzt, da er arm ist, wegen eines reichen Mannes aufgibt, wirft er allen Idealismus fort, verbrennt seine Partitur und wird Musiklehrer.

Der Journalist erzählt eine Novelle »Die Blondine«. Diese Geschichte ähnelt den »Bekenntnissen eines Gesinnungsflohes«, dem vorletzten Werke Schiffs. Die Heldin gleicht schon durch ihren Beruf als Putzmacherin der im »Gesinnungsfloh«. Sie liebt einen satirischen Schriftsteller (in der späteren Novelle einen radikalen Politiker). Die Handlung der »Blondine« geht von Tiecks »Jahrmarkt« aus. Bei Tieck wird von einer Frau erzählt, die 13 rote Hühner und 25 blaue Tauben hat, die zusammen 38 Eier legen, die 13 Krebse ißt und 38 Gläser Bier dazu trinkt und ihrem Mann 25 Perücken aufsetzt. Diese 3 Nummern (13, 25, 38) will die blonde Pauline in die Lotterie setzen. Der Schriftsteller Bertram, ihr Geliebter, soll dies für sie tun, er versäumt die Zeit, die Nummern werden gezogen, und er hat das Nachsehen. Nun ist es wirklich gut geschildert, wie dieser Schreck das Mädchen trifft, wie es vor Schmerz fast wahnsinnig wird und seine Liebe erkaltet. Es wird bald darauf die Geliebte eines reichen Mannes und sinkt immer tiefer.

Die Rahmenerzählung zu diesen drei Binnengeschichten (das Motiv aus »Lumpazi«, nur daß der Kauf des Loses von den drei Freunden abgelehnt wird, während ein vierter es allein kauft) ist dürftig und uninteressant.

Dem Band angeschlossen ist ein Fragment: »Der Haßliche«, eine Icherzählung. Der Häßliche erzählt seine Lebensgeschichte. Er ist ein bedeutender Rechtsgelehrter und haßt das weibliche Geschlecht wegen seiner Schönheit, die ihm völlig abgeht. Plötzlich verliebt er sich in eine Magd Lottchen und heiratet sie nach ein paar Zwischenfällen belangloser Natur. Er läßt sie ausbilden, sie kann alles, nur nicht schreiben, und Liebesbriefe, die sie erhält, beantwortet er so weibisch, daß seine Frau dadurch in den Ruf eines Schöngeistes gerät. Schiff läßt die Geschichte zur Wertherzeit spielen und glossiert Goethes Werk sehr hübsch. Schon hier, wie später in einer Schrift über Gutzkows Selbstmord, spricht er sich eingehend über den Selbstmord aus und läßt einen Marquis Werthers Selbstmord künstlerisch unmöglich finden. Bei den Franzosen töte man sich um großer Dinge willen, nicht aus Liebe. Dem gegenüber wird die Geschichte von der letzten Liebe der Ninon de Lenclos erzählt, in die sich der eigene Enkel verliebte, der sich, als er nicht erhört wurde, tötete. In der Novelle Schiffs heißt der Rechtsgelehrte Albert, die Magd Lotte. Schon in diesen beiden Namen liegt die deutliche Bezugnahme auf Goethes Roman vor, und wie bei Goethe leben Albert und Lotte in glücklichster Ehe, ein Schiffs sonstiger Eigenart, die sich immer in tragischen Ausgängen gefiel, widersprechendes Ende.

Die Novellen dieses Bandes haben bei der zeitgenössischen Kritik stärksten Beifall gefunden, der einigermaßen überraschen kann. Schiff eroberte sich jetzt einen ersten Platz in der damaligen Novellistik; man konnte sich kaum genug tun, ihn laut zu preisen. Außer dem »Phönix« (Literaturblatt 1835, Nr. 50) waren namentlich die »Literarischen und kritischen Blätter der Börsenhalle« aufs stärkste bemüht, seiner dichterischen Persönlichkeit gerecht zu werden. »Glück und Geld« gab sogar zweimal ausführlichen Anlaß, Schiffs literarische Wirksamkeit zu charakterisieren, wobei ein Referent seine Kunst unter die Tiecks stellte, der zweite hoch über diese.

Im Jahrgang 1836, Nr. 1236 urteilte Ph. von Leitner: »Die Novellen Schiffs sind immer problematischer Natur. Schiff kämpft gegen die Wirklichkeit, gegen das Leben, das ihm durchaus klein und erbärmlich erscheint, er bekämpft den Egoismus. Seine Novellen spielen immer im kleinen bürgerlichen Leben, die Liebe tritt nur weichlich und unkräftlg auf, oder sie erhält einen Beisatz, wodurch sie lächerlich und abgeschmackt wird. Er erinnert in stärkster Weise an Tieck, wiewohl dieser alles mehr auf die Spitze treibt und deshalb schärfer und markiger, dadurch auch interessanter und anregender ist. Es vereinigt sich bei Schiff, wie auch, aber in höherer Weise, bei Tieck, die Vorliebe für die Schilderung der engsten Verhältnisse der Gegenwart mit der Neigung für das Märchen, worin er sich auch schon mit viel Glück versucht hat, und diese Neigung für zwei scheinbar entgegengesetzte Gegenstände kann nur durch einen Sprung von einem Extrem ins andere ermöglicht werden. Die Charaktere weiß Schiff gut zu nuancieren und durchzuführen; hie und da fällt freilich ein Zug auf, der sich mit den übrigen nicht zu reimen scheint. Ton und Stil sind elegant und zierlich, die Ironie fein, der Verfasser kennt die kleinsten Details im Leben und weiß, sie mit Glück zu benutzen und auszumalen, die Verwicklung ist einfach und ungezwungen, sowie die Entwicklung ursprünglich und ungesucht ist.«

Auf einen völlig anderen Ton war ein Aufsatz von F. von Florencourt (ib. 1838, Nr. 1500) gestimmt: »Schiff hat bisher keine Anerkennung gefunden. Und doch ist er bei der heutigen Armut unserer Literatur eine so seltene als erfreuliche und erquickliche Erscheinung. Was die Novelle vor allem auszeichnet, ist die lebensfreundllche. poetische Stimmung seines Gemütes. Bei anderen fließen die Novellen mühsam, so bei Sternberg und – ich wage dies auszusprechen – die meisten Novellen Tiecks.« Florencourt meint dann, daß es ohne poetische Gegenstände kein poetisches Gemüt und ohne poetisches Gemüt keine poetischen Gegenstände gebe. Beides müsse sich durchdringen, ineinander verweben und zusammenleben, daß es völlig eins werde. Diese Forderung erfülle Schiffs Dichtung, diese Forderung erfüllten Tiecks Novellen nicht. Er erhebt dann auch weiter noch Schiff immer gegenüber Tieck, nur findet er, daß Schiffs Gedanken nicht so geistreich seien wie die Tiecks, seine Empfindungen nicht so tief wie die Jean Pauls. »Aber er hat Gedanken, er hat Empfindungen, er gibt Charaktere. Am meisten Ähnlichkeit hat er mit Hoffmann. So keck und kräftig wie dieser legt er freilich seine Zeichnungen nicht an, aber Darstellung und Lebensauffassung hat viel Verwandtes. Die Schilderung des häuslichen Lebens einer Tischlerfamilie in »Glück und Geld« ist so drollig und wahr, daß mir ein Lächeln über das Gesicht fliegt, so oft sie mir in Erinnerung kommt.« –

Eine zweite im Jahre 1836 erschienene Novelle »Die Ohrfeige« ist wegen ihres merkwürdigen Schicksals einigermaßen interessant. Während sie bei der Kritik starken Beifall fand (vgl. z. B. »Blätter für Literatur und bildende Kunst« [Beilage zur »Abendzeitung«] 1836. Nr. 38; »Literarische und kritische Blätter der Börsenhalle«, 1836, Nr. 1236), wurde von dem Buche kaum ein Exemplar abgesetzt; erst als B. S. Berendsohn das Werk dem »Magazin für Buchhandel« abkaufte und es (gegen Schiffs Willen) unter einem neuen Titel: »Linchen oder Erziehungsresultate« 1841 neuerdings erscheinen ließ, eroberte es sich das Publikum. Dem Verfasser schwebte die Idee vor, die Pädagogik seiner Zeit zu ironisieren. Leider ist dieser zweifellos glückliche Gedanke wenig durchgeführt. Nur ein einleitender Brief, in dem sich Schiff über Erziehungsfragen ernst ausspricht, kann interessieren, die Fabel läßt völlig kalt. Schiff schildert einen jungen Menschen, Heinrich Wolters, der immer gehofmeistert wird, niemals aufhört, ein Kind zu sein und alles über sich ergehen lassen muß. bis ihn endlich die Ohrfeige seines Erziehers zum Manne macht. Dieses Thema hätte eine konsequente ironische Behandlung sehr gut vertragen, wie etwa Kurz-Bernardon und Hensler im »Dreißigjährigen A-B-C-Schützen« mit demselben Sujet verfuhren. Schiff schwankt aber in der Verfolgung seines Zieles beständig hin und her zwischen Ernst und Satire, wodurch sich niemals ein einheitlicher Eindruck ergibt. – –

Nur ein Jahr litt es Schiff in Hamburg. 1837 und 1838 lebte er zuerst bei Verwandten in Ostfriesland, später in Emden. Namentlich der ostfriesische Aufenthalt ist für seine Entwicklung von der weitestreichenden Bedeutung. Hier fand er nämlich innerlich einigermaßen den Weg zum Judentum zurück, das er äußerlich bisher nicht aufgegeben hatte. Wagenseils merkwürdiges Buch »Die Kunst, hebräisch lesen zu lernen«, das er in Aurich bei einem Bankier aufstöberte, ergriff ihn so, daß er sich darin vertiefte und nun der Gedanke in ihm reifte, die Sagen der Juden zu sammeln und herauszugeben. Schon anfangs 1837 taucht in einem von Eduard Maria Oettinger in Hamburg herausgegebenen »Argus« (Nr. 1) die Nachricht auf, daß »der von dem Häringschen ›Freimütigen‹ längst totgesagte Dr. Schiff in Emden einen jüdischen Gil Blas vollende, der im nächsten Jahre bei Hoffmann und Campe erscheinen werde«. Vorläufig bestand indessen nur der Plan zu einem derartigen Werke, die Ausführung ließ noch auf sich warten, wahrscheinlich deshalb, weil Schiff mit seinen katholisierenden Neigungen noch nicht fertig war. Zu dieser Vermutung berechtigt die Tatsache, daß er 1838 sein vielleicht reifstes und echtestes romantisches Werk erscheinen ließ, die Märchennovelle »Gevatter Tod« (1838 bei Hoffmann und Campe). Goedeke hat »Gevatter Tod« Schiffs bestes Werk genannt, ein Urteil, dem man nicht zur Gänze beipflichten kann. Dieser »Gevatter Tod« verwebt eine Fülle alter Märchenmotive in von Schiff neu erfundene. Doch sind die ersteren weitaus besser und vor allem glaubhafter und künstlerischer. Schon der Doppeltitel »Märchen-Novelle« ist eigentlich ein Unding, weil sich märchenhafte Züge mit novellistischen nur sehr schwer vereinbaren lassen. So leidet denn Schiffs Komposition an den stärksten innerlichen Gebrechen, zumal sein unseliger Hang, Binnenerzählungen zu schaffen, hier am ärgsten ausartet. Immer wieder schiebt er eine Erzählung in eine andere und diese beiden in eine dritte. Eine Übersicht, ein Auseinanderhalten der Figuren der einzelnen Erzahlungen ist dadurch kaum möglich.

Mit einem ergreifenden Bilde setzt die Geschichte ein: Der Tod bei der Taufe eines Kindes. Dieses Märchenmotiv aus den Grimmschen »Kinder- und Hausmärchen« hat Schiff glücklich abgeändert. Weniger gelang ihm dies bei der Verwendung eines alten Sagenmotivs: Die Erscheinung des ewigen Juden ist verfehlt, zumal sie nicht im Zusammenhang mit dem Ganzen steht und mit diesem nur sehr lose verknüpft ist. Die gespenstische Figur der Ahnfrau ist eine schlechte Kopie der Grillparzerschen. Am unheilvollsten für das Werk ist freilich, daß Schiff sich krampfhaft bemüht, Tiecks novellistische Manier nachzubilden, womit er völlig in die Irre geht. Er führt einen kräftigen, leidenschaftlichen Ritter vor, der aber am Ende der Märchen-Novelle (ebenso wie die Helden in Tiecks Novellen der Dreißigerjahre) seine Kraft und Leidenschaft verliert und ganz in Weichlichkeit versinkt. Schiffs gefühlvoller Humor, der sonst so durchschlagende Wirkung übt, ist hier zu unpoetischer Ironie herabgesunken, die alles zerstört, was schön und heilig ist. Rühmenswert ist nur die eingelegte Lyrik, vor allem das prächtige SchmiedeliedVgl. auch das ablehnende Referat in den »Literarischen und kritischen Blättern der Börsenhalle«. 1838, Nr. 1593..

Dieses schwer entwirrbare Werk hat Schiff immer als sein bestes angesehen. Zweimal hat er es Umarbeitungen unterzogen, wobei er sich bemühte, straffer zu konzentrieren und zu motivieren. Aber die überreiche Handlung widerstrebte namentlich den gewaltsamen Verkürzungen: die Verwicklung wurde in den Bearbeitungen noch unübersichtlicher, und die einzelnen feineren Details des Kolorits und der Charakteristik gingen völlig verloren. Weder »Die beiden Königstöchter« (im »Almanach für Frauen auf das Jahr 1851«) noch »Regina oder das Haus Todtenstein« (Altona, 1858) – wie »Gevatter Tod« umbenannt wurde – bedeuten in irgendeiner Hinsicht Verbesserungen der ursprünglichen Märchen-Novelle, an der Schiffs Herz im stärksten Maße gehängt zu haben scheint, der es sich nicht verdrießen ließ, zur Korrektur jedes einzelnen Bogens aus Ostfriesland nach Leipzig zu kommen, um dann wieder nach Hause zurückzukehren. So erzählt in der »Europa« (1866, Nr. 7) ein anonymer Intimus Schiffs, der dort auch andere belangreiche Angaben über Schiffs Schrullenhaftigkeit und musikalische Begeisterung macht.

»Vor etwa zwanzig Jahren war Schiff eine Leipziger Merkwürdigkeit, die man sich zeigte, und von der man sich erzählte. Mit einem Freunde, dem ›Neffen Tiecks‹, repräsentierte er alles, was in Leipzig vom Nachwuchs der Romantiker noch übrig war. Beide waren Originale und Schiff das größte. Ein Kreisler des wirklichen Lebens, führte er den Geigenbogen noch besser als die Feder und war, solange seine Lebenssonne dem Zenith nahe stand, weit öfter Musiker als Dichter. Kenner, die ihn gehört haben, bezeichnen sein Geigenspiel als ein merkwürdiges, genial wildes, doch war nicht zu spielen, sondern ein Orchester zu leiten, seine Leidenschaft. Große Orchester konnte man ihm nicht übergeben, da er voll von Schrullen steckte und über Mode und Anstand Ideen hatte, die sich z. B. dadurch verrieten, daß er, zur Begleitung von Damen auf einem Spaziergange eingeladen; nach Hause eilte, um Toilette zu machen, und in Wasserstiefeln wieder erschien. Es waren das dieselben historischen Wasserstiefel, in denen er, so oft ein Korrekturbogen seines ›Gevatter Tod‹ fertig war, von Ostfriesland nach Leipzig lief, die Korrektur las und nach Ostfriesland zurücklief. Um seine Leidenschaft befriedigen zu können, leitete er die Musik kleiner Gesellschaften, bis schlimme Erfahrungen ihm das Pult des Dirigenten verleideten, worauf er die schriftstellerische Tätigkeit vorwalten ließ.«

Dieser Enthusiasmus für die Musik erfüllte Schiff während seines ganzen Lebens. Er entwickelte schon früh starke Begabung und spielte verschiedene Instrumente, fast leidenschllftlich die Bratsche, die er an Stelle der Violine zu Ehren bringen wollte. Hermann Landau (vgl. dessen »Neuer Deutscher Hausschatz«, 4. Auflage, Seite 1121 ff.) erzählt, Schiff sei der festen Meinung gewesen, die Bratsche mache jede Geige tot, wenn sie nur richtig gehandhabt werde. Er ging sogar damit um, eine eigens besaitete Bratsche zu erfinden, um darauf Konzerte zu geben. Tatsächlich trat er, da die Schriftstellerei ihm kaum den notdürftigsten Unterhalt gewährte, im Aktientheater zu St. Pauli als Bratschenspieler auf. Das machte ihn in Hamburg unmöglich, und er entschloß sich nun, neuerdings nach Leipzig zu übersiedeln, wo er von 1839 an weilte. Hier redigierte er sehr kurze Zeit gemeinsam mit Bernhardi die »Eisenbahn«, ein Blatt, das der Wiener Franz Wiest begründet hatte, der sich aber hier ebenso unmöglich machte wie in der österreichischen Hauptstadt. Schiff und Bernhardi leiteten »Die Eisenbahn« kaum drei Monate, dann übernahm Dr. Karl Tropus die Redaktion. (Vgl. »Nordlicht«, herausgegeben von Mettler und Hammer, 1840, Nr. 33.)

Wieder einmal hatte also Schiff rasch abgewirtschaftet – ein Los, das ihm noch oft in seinem ereignisreichen Leben beschieden sein sollte. Knapp vor dem Verluste seines eigenen Blattes traf ihn bei einer anderen Zeitung dasselbe Schicksal. Die »Halleschen Jahrbücher« öffneten ihm ihre Spalten, aber nur zwei Rezensionen, die freilich von besonderer Bedeutung sind, erschienen dort. Schiff eröffnete seine Referententätigkeit mit einer Besprechung der Immermannschen »Epigonen« (»Hallesche Jahrbücher«, 1839, Nr. 148–150). Schon im »Gesellschafter« (1834, Nr. 5) hatte er sich mit Immermann beschäftigt, dessen »Reisejournal« er würdigte. In seinem Jahrbuchreferate begegnen kritische Anschauungen Schiffs, die er bereits in der Novelle »Die Genialen« verfochten hatte. Wiederum vertritt er den Gegensatz von poetischer und historischer Wahrheit und das Entstehen aller Geschichte aus dem Mythos. Über die große poetische Leerheit, die die ganze Zeit erfülle, fallen die feinsten und melancholischesten Betrachtungen:

»Wohl möglich, daß gegenwärtig in der Literatur Aschermittwoch ist. Wir haben den Karneval lustig, zu lustig gefeiert. Wir haben die Maskenfreiheit übertrieben, alle ausgezeichneten und Charaktermasken verjagt, dann uns selber Larven und Dominos abgerissen, um uns die bittersten Schmähungen ins Angesicht zu werfen. Und der Lauteste, der Wildeste, der Rücksichtsloseste ward allemal König: wir hätten ihn gesalbt und gekrönt, hätten wir ihn seines raschen Nachfolgers halber nicht vergessen. Aber nun ist das Fest aus. Man ist satt und müde, die Lichter verlöschen, der Tag bricht an. Die Nachwehen des Rausches; die Leere in Kopf und Herzen und endlich das Gewissen: wir haben zu arg gewirtschaftet, zu viel verschwelgt! – Die Nachwehen wollen überstanden sein, die Erinnerungen müssen erbleichen, bevor wir wieder die Alten sein können! Immermann hätte uns daher noch eine Erholungsfrist gönnen sollen, bevor er mit seinen »Epigonen« uns heimsuchte, die, bereits drei Jahre alt, selbst heute noch zu früh kommen würden. Unsere Zeit ist nicht so unpoetisch, als sie gemeinhin verschrien wird. Die Gegenwart ist sich ihrer bewußt und fordert das geschichtliche Bewußtsein auch vom Dichter. Dazu hat sie ein vollkommenes Recht, und die Poesie kann es ihr nicht versagen. Historisches Bewußtsein ist Poesie, und zwar die höchste, folglich muß in kultivierten Zeiten die Poesie einen historischen Boden zu gewinnen streben, wie ja auch die Geschichte mit dem Mythos anfängt und zur faktischen Wahrheit sich vervollkommnet. Wer weiß, ob nicht Zeiten kommen, wo Poesie und Geschichte wieder ineinanderfallen, wie es Zeiten gab, wo Poesie und Geschichte im Mythos verbunden entstanden. Immermann hat sich nicht als den Dichter erwiesen, der mit seiner Zeit sympathisiert; im Gegenteil, er gefällt sich, mit ihr im Zwiespalt zu stehen, sich als ihr Gegenteil zu betrachten. Er schildert, überzeugt und benimmt sich überall als Dichter, die Zeit schilt und schildert er überall als unpoetisch. . . . Der Gegensatz von Natur und Kultur, der Zwiespalt zwischen Dichter und Stoff veranlaßte und erklärt alle Unvollkommenheiten des Buches. Der Dichter, statt sich für seinen Stoff zu begeistern, zürnte demselben, er ließ ihn roh und stellte sich nur als Dichter ihm gegenüber. Der Kritiker soll sich als Anwalt der Kunst betrachten. Bleibt die Zeit einem Dichter Anerkennung schuldig, so entspringt dem Dichter kein Recht daraus, ihr aus Vornehmheit und Bequemlichkeit das, was ein Dichter geben soll, schuldig zu bleiben. Der Kritiker aber hat das Recht, die Vornehmheit und Bequemlichkeit zu mahnen, und ich bin nicht gesonnen, Immermann etwas zu schenken.«

Er tadelt es, daß Immermann mit einem großen Effekte seinen Roman beginne, denn dieser Effekt sei sehr wohlfeil. Auch habe es Immermann nicht nötig gehabt, schon auf der ersten Seite sein Inkognito zu lüften und fortwährend zu versichern, daß er Wahres berichte. »Kommt es darauf an, ob eine Dichtung sich ganz, zum Teile oder gar nicht ereignet hat? Die Wirklichkeit einer Dichtung kann nur illusorisch sein, und diese Illusion läßt sich bewerkstelligen, wenn man den Leser einladet, sich der Täuschung hinzugeben. Für eine wahre Geschichte sind die Charaktere zu markiert, die Situationen fast sämtlich zu sehr auf die Spitze gestellt. Der Haupteffekt der Tieckschen Novelle ist das sogenannte »Umschlagen der Charaktere«, das heißt, infolge der Begebenheiten entwickeln die Novellencharaktere eine ihrem äußern Schein entgegengesetzte innere Wahrheit. Tiecks Novellen aber sind streng dramatisch, d. h. die Charaktere treten selbständig (objektiv) auf, handeln und reden ohne Nachhilfe des Dichters, und dem Leser wird nicht vorgeschrieben, was er über sie denken soll. Ganz anders verfährt Immermann. Er täuscht den Leser durch Schilderungen und schreibt ihm dann ein Urteil vor. Immermann glaubt, sich alles erlauben zu dürfen, wenn er sich nur einigermaßen aushelfen kann.« So tadelt Schiff fast das ganze Werk, besonders das achte Buch, nur den Anhang »Inhalt einer Brieftasche« lobt er sehr. »Ein meisterhaftes Genrebild, dessen Handlung charakteristisch ist, und wo jedes Wort die Handlung charakterisiert und motiviert.«

Diese Auseinandersetzung (weniger mit Immermann als mit der ganzen poetischen Richtung seiner Zeit) beweist, wie sehr sich Schiff über die gesamte, völliger Dekadenz stark zustrebende Literatur der ausgehenden Dreißigerjahre klar war. Mit einem der angesehensten Wortführer hatte er in der Immermann-Rezension abgerechnet; nun ging er noch um einen Schritt weiter und legte mit rücksichtsloser Schärfe die Schäden bloß, die Heine, der Tonangebendste dieser Periode, verschuldet hatte. Sein Gelegenheitswerk »Shakespeares Mädchen und Frauen« lieferte ihn den willkommenen Anlaß dazu. Wie sehr Schiff Shakespeare verehrte, hatte er bereits im »Elendsfell« dargelegt; in einer Rezension der von Philipp Kaufmann besorgten Übersetzung der dramatischen Werke (»Gesellschafter«, 1834, Nr. 20) und in »Glück und Geld«, der drei Jahre vor der Heinerezension erschienenen Novelle, hatte er seiner schwärmerischen Verehrung für den englischen Dichter ausführlichen Ausdruck gegeben. Schon in »Glück und Geld« geht er vom »Kaufmann von Venedig« aus, den er außerordentlich fein analysiert. Um so abstoßender mußte ihn Heines oberflächlicher Kommentar berühren, gegen den er mit erbarmungslosester Rücksichtslosigkeit ankämpft. (»Hallische Jahrbücher«, 1839, Nr. 160–161).

Er nennt Heines Erläuterungen eine der originellsten Literaturtorheiten, die es irgend gebe. Wenigstens seit langer Zeit habe sich keine Torheit so dreist und großartig hingestellt wie Heines jüdischer Kosmopolitismus und die abgedroschene Hohlheit dieser Erläuterungen, die nur Heines ausgepumpten Wißborn, keineswegs aber Shakespeare erläuterten. Ja, diesmal sei Heine redlich gewesen. »Er gibt sich, wie er ist, und sagt mit aller Unwahrheit nur die Wahrheit: daß er nichts mehr zu sagen hat.«

Die scharfe Stellungnahme Schiffs gegen Heine erklärt sich aus verschiedenen Ursachen, vor allem aus der, daß dieser den »Kaufmann von Venedig« gegen des Rezensenten Überzeugung als Tragödie aufgefaßt hatte. Von Christenhaß wollte Schiff in dem Stück nichts sehen, weil Shakespeare ebensogut als Türkenfeind angesehen werden müßte, wenn man die Gestalt des Prinzen von Marokko betrachte. Heine lasse Shakespeare das angebliche Wagnis, Juden auf die Bühne zu bringen, entgelten. Darin wollte Schiff keinen Frevel sehen; er sträubte sich mit aller Macht dagegen, in Shakespeare Shylocks wegen einen Judenhasser zu erkennen. Heine habe nur sein jüdischer Kosmopolitismus, der Schiff höchst verächtlich erscheint, verleitet, so sehr die tiefen dichterischen Absichten Shakespeares zu verkennen, dessen Shylock übrigens auch kein Schreier für jüdisches Menschenrecht sei, als den ihn die Schauspieler meistens auffaßten.

Aus dem heftigen Angriff Schiffs ergeben sich wichtige Schlußfolgerungen für seine Stellung zum Judentum. Er hatte noch immer nichts dafür übrig, obwohl er sich gerade in dieser Zeit mit der Sammlung jüdischer Volkssagen lebhaft beschäftigte. Aber sein Herz hing fest am Christentum, das warm zu preisen, er nimmermüde war. Noch zweimal kam er auf den »Kaufmann von Venedig« zurück, immer aber blieb er sich in der Darlegung seiner Anschauungen über das Stück gleich. In einem Aufsatze des »Komet« (Literaturblatt, 1844, Nr. 20) »Thema mit Variationen aus Shakespeares Kaufmann von Venedig« und in »Heinrich Heine und der Neuisraelitismus« (Seite 68 ff., wo er übrigens nur eine weitläufige Paraphrase seines Jahrbücheraufsatzes gab) betonte er ebenfalls offen seine Abneigung, das Stück im antijüdischen Sinne auszudeuten, was Shakespeare, »dessen Größe eine mythische sei, dessen Werke auf dem Gipfel des Menschenmöglichen stünden«, niemand zutrauen dürfe. Dagegen hat er für Heine auch hier nur Worte tiefster Gegnerschaft; seine Berühmtheit sei eine zweifelhafte und dürfte leicht eine Berüchtigtheit sein.

Der redlich gemeinte Jahrbücher-Aufsatz, der über Veranlassung Arnold Ruges geschrieben worden war und Schiff ein Dankschreiben des Herausgebers der »Jahrbücher« eintrug, hatte die bösesten Folgen. Die Rezension wurde übel aufgenommen und machte Schiff und die Jahrbücher mißliebig. »Ihr Artikel hat den Jahrbüchern mehr Schaden getan als Nutzen gebracht«, meinte Ruge und gestattete eine weitere Mitarbeit Schiffs nicht.

So war ihm also wieder eine Türe verschlossen worden. Mit vollem Unrecht, kann man heute wohl sagen. Gewiß war der Angriff auf Heine sehr stark und vielleicht manchmal sogar übertrieben streng. Aber Schiff konnte nicht lügen, und als Rezensent am allerwenigsten. Hier kam noch dazu, daß er in jüdischen Fragen seine unantastbaren Grundsätze hatte, an denen er nicht rütteln ließ. Er war kein blinder Anbeter und Bewunderer des Judentums und verargte es Heine immer, daß dieser trotz seiner Taufe innerlich Jude geblieben war. Gewiß war Schiff (wie dies »Johann Faust in Paris« bewiesen hat) damals kein rückhaltsloser Verehrer des Christentums mehr; aber sein Haß, wo sich dieser offenbarte, war immer ein Haß der Liebe; er fühlte, daß er trotz eventueller Konversion niemals als vollwertiger Christ angesehen werden würde, und das allein rief gelegentliche Ausfälle auf das Christentum hervor, dem Schiff immer noch wohlwollender gegenüberstand als seiner eigenen Religion. Er war kein Judenfeind, wie etwa im 16. Jahrhundert der getaufte Jude Pfefferkorn, der gegen seine früheren Glaubensgenossen in seinen Schriften mit Feuer und Schwert wütete. Aber er übersah niemals die schweren Gebrechen, die dem Judentum seiner Zeit anhafteten, das zwischen Assimilation und Aufrechterhaltung der angeborenen Stammeseigenart haltlos einherging. Namentlich gegen die jüdische Orthodoxie, die er für weit unduldsamer hielt als die christliche, wandte er sich immer wieder in der auffallendsten Weise. Ihm war jede Spur einer spezifisch jüdischen Sentimentalität, wie sie etwa Leopold Kompert eigen ist, völlig fremd. Er scheute sich nicht, auf Wunden im Leben seiner jüdischen Zeitgenossen unbarmherzig die Finger zu legen, aber bloß deshalb, um den Weg zur Heilung zu weisen. Natürlich konnte dieser nach Schiffs Auffassung nur der des vollständigen Aufgehens im deutschen Volke sein, dem er selbst seinen köstlichsten intellektuellen Besitz verdankte, und dem zu dienen, er sich mit seinen leider zu schwachen Kräften emsig bemühte. Deshalb war ihm jede Verherrlichung des Judentums, die notwendigerweise zu dessen dauernder Erhaltung führen mußte, gründlich verhaßt. Denn er sah nur zu gut, daß damit von selbst auch der feste Bestand seiner schlimmen Eigenschaften – vor allem seiner zelotischen Unduldsamkeit – gegeben war. Von diesem Standpunkte aus betrachtete er denn auch das Shakespearebuch Heines, der aus blindem Glaubenseifer eine Ehrenrettung des Judentums dadurch zu vollbringen glaubte, daß er Schiffs Abgott, wenn auch nur in der Kommentierung der einzigen Gestalt des Shylock, nahetrat.

Folgerichtig ergab sich aus diesen Grundsätzen Schiffs auch seine eigene Darstellung jüdischen Lebens und jüdischer Charaktere. Immer wieder begegnet man bei ihm fanatischen Juden, die noch immer in dem Wahne, die Verehrer der alleinigen wahren Religion zu sein, dahinlebten, denen jeder Blick für die Fortschritte der Zeit und Kultur fehlte, und die in einem erstarrten religiösen Konservativismus den Pferch des Ghettos jeder anderen freieren und freundlicheren Behausung vorzogen. Für solche Selbsterniedrigung und Selbstzurücksetzung fehlte Schiff der Sinn. Er kämpfte eigentlich für dasselbe, wofür sich Zunz, in dessen Haus er in Berlin auch verkehrt hatte, Moses Moser, Immanuel Wolf vergeblich exponiert hatten. Von Bestrebungen für eine Reform des Kults erwartete er ebensowenig wie Heine, nur daß sich bei Schiff niemals eine so ausgesprochen christenfeindliche Tendenz, wie etwa im »Almansor«, findet. Denn er war zu sehr in den Segnungen der deutschen Kultur und Literatur aufgewachsen, als daß er die Vorteile übersehen hätte, die sich für die Juden durch das unbedingte Aufgehen in der deutschen Nation ergeben mußten. Wer die Juden ob ihrer Besonderheiten, die er niemals als Vorzüge anerkannte, verherrlichte, gegen den trat er in die Schranken. So tadelte er es an Herder in seiner ersten Sammlung, die jüdische Sujets enthält, in »Hundert und ein Sabbath oder Geschichten und Sagen des jüdischen Volkes« (Leipzig 1842)Eine Geschichte daraus »Simon Abeles« ist bereits 1840 in der »Zeitung für die elegante Welt« (Nr. 24 ff.) veröffentlicht und erschien noch einmal, 1851 im Hamburger »Freischütz« (Nr. 144–152; hier aus »Hundert und ein Sabbath« auch »Die Geschichte von dem Fisch des Josef Moker Schabbes«); 1858 findet sich in einem »Novellen-Bukett«, das Fr. Willibald Wulff zugunsten Schiffs herausgab, »Das Tollhaus«. Von »Hundert und ein Sabbath« (Goedeke sagt fälschlich »Tausend und ein Sabbath«) ist leider nur das erste Bändchen erschienen., daß ihm die Poesie an sich nicht Tendenz genug war und er noch eine besondere Tendenz haben mußte, weshalb er nur solche jüdische Sagen bearbeitete, die zufällig einen moralischen Sinn haben. Das erschien Schiff nicht objektiv; er verlangte, daß man alle Sagen erzählen müsse, denn was sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbe, habe seine Bedeutung als Volkspoesie. Deshalb spottete er auch über alle von Judenfreundlichkeit überfließenden Emanzipationsnovellen, die ja seit der jungdeutschen Bewegung beängstigend um sich gegriffen hatten.

Auch nur einen beiläufigen Überblick über diese ganze Judenliteratur vor Schiff und zu seiner Zeit zu geben, wäre ein vergebliches Beginnen. Nur die bedeutendsten Produkte dieser Art (Tendenzschriften für und gegen das Judentum, sowie Belletristica) seien hier angeführt:

Für Schiff von der größten Bedeutung waren zwei Werke: »Die Sagen der Hebräer. Nebst einer Abhandlung über den Talmud« von Hurwitz, (Leipzig 1826, bei Engelmann) und »Eine gründliche Darstellung über das Erziehungswesen der Juden und ihren moralischen Standpunkt«. Von einem Glaubensgenossen der Juden (Marburg,1827). Hier wird Verbesserung der jüdischen Schulen und Entgegenwirken gegen den Einfluß der hartnäckigen Rabbiner gefordert. Ob Schiff eine Schrift »Das Judentum und seine Reform« von J. L. Glaser (Bayreuth, 1828), die viel Aufsehen machte, kannte, bleibt zweifelhaft. Auch hier wird die Abstellung von Mißbräuchen unter den Juden gefordert. Die jüdische Kirche solle eine ähnliche Verfassung wie die protestantische erhalten, der Klingelbeutel statt der öffentlichen Versteigerung der Thora eingeführt werden usw. Für ein bekanntes Werk von Joel Jacoby »Zur Kenntnis der jüdischen Verhältnisse« hatte Schiff wohl nichts übrig. Jacoby polemisierte gegen eine Schrift von Streckfuß, der für die Einführung einer strengen Judenordnung plädiert hatte. Joels Widerlegung schwelgte stark in süß-schmeichelnder Hegelscher Romantik, die Schiff keineswegs zusagte. Auch von Berthold Auerbachs Judenromanen »Ephraim Moses Kuh« und »Dichter und Kaufmann« (1836, beziehungsweise 1840; über das letztgenannte Werk vgl. besonders »Hallische Jahrbücher«, 1840, Seite 325–328 und Bettelheims Auerbachbiographie, Seite 125) wird Schiff nicht sehr erbaut gewesen sein. Die modischen Judenromane, die stark in wässeriger Sentimentalität herumplätscherten, behagten ja auch Auerbach nicht, der deshalb in seinem »Spinoza« eine Reihe historischer Zeit- und Sittengemälde nach der Natur beginnen wollte. Diese zahllosen judenfreundlichen Romane setzten bald nach der extrem antisemitischen dramatischen Literatur ein, die mit Maertens »Unser Verkehr« (vgl. darüber meine Ausführungen im »Anzeiger für deutsches Altertum«, 1902, Seite 90) anhob, größtes Gefolge und nur in Michael Beers »Paria« Widerspruch fand; dagegen sind die Romane überladen tendenziös, was verstimmend wirkt. Sie wollen für das Judentum Propaganda machen, gehen aber dabei über das Maß des dem guten Geschmacke Erlaubten weit hinaus, so z. B. die aus dem Dänischen von J. P. Sternhagen übersetzte Novelle »Der alte Israelit« (von B. S. Ingemann, Lesefrüchte, 1828, I. Band, 1. Stück), »Die Jüdin« von Eugenie Foa (Leipzig 1835), die zahlreichen Judenromane von dem Wiener Eduard Breier, »Jenny« von Fanny Lewald (von Levin Schücking in der Beilage der »Allgemeinen Zeitung«, 1845, Nr. 11, mit Recht als verlogen in der Emanzipationsidee bezeichnet), Ernst Ortlepps »Israels Erhebung und der ewige Jude«, Spindlers »Der Jude«, Sternbergs »Die Jüdin«, Heinrich Königs »Regine«, L. Buttlers »Kosciusko und der Jude« (Lesefrüchte 1847, IV. Band, Seite 225 ff.), Robert Saltgirts »Der Jude und die Christin« (ib. Seite 145 ff.), Elijas »Nur ein Jude« (Leipzig 1847), »Die Jüdin und der Großinquisitor« (Spanische Erzählung von Charles Rowley, Lesefrüchte 1848, Seite 1 ff.), »Des Juden Tochter« (von Gräfin Blemington, ib. Seite 209 ff.), »Nathanael, der Jude« (nach dem Schwedischen von Hans Wachenhusen, 1852 im »Freischütz« Nr. 136 ff.), »Der alte Rabbiner« von B. S. Ingemann (Lesefrüchte, 1857, I. Band, Seite 257 ff.), Romane von Ludwig Horwitz, der Chézy, Gundling, Caspari, Philippsohn, Wangenheim, Tauber, Formstecher, August Becker, Isidor Heller, Siegfried Kapper, Aron Bernstein u. v. a. Dagegen können Gutzkows »Sadducäer von Amsterdam« und sein »Uriel Acosta« schon teilweise als objektivere Darstellungen jüdischen Lebens gelten. Eine anscheinend scharf oppositionelle Judennovelle von David Russa rühmt Börne im 57. Pariser Brief (Ausgabe von Klaar, V, 268). Sie heißt »Jom Kippur, der Versöhnungstag« und »soll das Herz der Juden auflockern, damit man nach ausgejäteten Metalliques etwas Liebe und Menschlichkeit hineinsäen könne.« Das scheinen dieselben Ideen zu sein, die bei Schiff immer begegnenInwieweit diese auf die Gestaltung der Judenfiguren in Gustav Freytags »Soll und Haben« einwirkten, wäre einer eigenen Untersuchung wert..

In seinem Buche »Hundert und ein Sabbath«Der Titel ist Öttingers »Hundert und Eins« (1833), einer 1835 erschienenen Sammlung »Russisches Hundert und Eins« und Lysers »Abendländische Hundert und eine Nacht« nachgebildet., wovon aber nur acht Sabbathe geschildert werden, erzählt Schiff weniger Sagen als tendenziöse Judengeschichten. Er schlingt um diese einen Rahmen nach der Art der »Serapionsbrüder« oder des »Wirtshauses im Spessart«, indem er eine Gesellschaft an jedem Samstag zusammenkommen läßt, in der man die Geschichten vorträgt. Eingeleitet wird das Ganze durch drei Briefe, »Ein Genrebild aus dem heutigen Leben der Juden«, worin sich das unter Juden unerhörte Vorkommnis einer Entführung, die dann zur Heirat führt, begibt. Unter den eingeschalteten Erzählungen findet sich eine Sage »Ein Abenteuer Alexanders des Großen« (er kommt bis zum Himmel, erhält von Petrus zum Andenken einen Totenkopf, der so schwer ist, daß ihn niemand tragen kann, bis Aristoteles rät, Erde darauf zu streuen, worauf es gelingt, ihn aufzuheben), eine Geschichte voll talmudischer Spitzfindigkeiten; dann die schaurige Novelle »Das Tollhaus«, in der ein Rabbi seinen gesunden Sohn ins Narrenhaus sperren läßt, damit er dort weise werde (eingeschaltet ist die Wagenseils »Kunst, hebräisch lesen zu lernen«, Seite 326 nachgebildete Geschichte des Abba Chilkia), das unbedeutende Märchen »Die Weisheit Salamonis« und das beste Stück der ganzen Sammlung, die erschütternde Novelle »Simon Abeles«. Die Handlung geht im ausgehenden 17. Jahrhundert in Prag vor sich. Schiff nimmt hier energisch Stellung gegen jüdische Unduldsamkeit, die so weit geht, daß ein schuldloser Knabe, der von Christen geraubt wurde, um getauft zu werden, von dem eigenen Vater auf Wunsch der ganzen Judengemeinde grausam mißhandelt und sogar getötet wird. Für solche Barbarei findet der Erzähler Worte flammendster Empörung; er ist nicht mehr objektiv, indem er auch das Vorgehen der Jesuiten, die den Knaben zur Taufe zwingen wollten, anklagt, ihm handelt es sich nur um die Bekämpfung des jüdischen Fanatismus, dem sogar die Menschlichkeit völlig verloren gehe, wenn die Religion in Gefahr sei, verletzt zu werdenSchiffs Novelle geht zurück auf den »Processus inquisitorius« (Prag, bei Balthasar Joachim Endler, 1696), worin die gegen den Vater des Simon Abeles, »ex odio christianae fidei« anhängig gemachte Anklage geschildert ist.. – Die köstliche Satire auf jüdische Großsprecherei »Die Sabbathehre« mit der eingelegten »Geschichte von dem Fische des Joseph Moker Schabbes« (bei Wagenseil, Seite 324 ff.) bildet den Schluß des Buches. Diese Fischgeschichte weist Anklänge an den »Ring des Polykrates« auf, indem nämlich ein Börsenspekulant sein ganzes Vermögen zum Ankaufe eines unendlich kostbaren Ringes verwendet, damit ihm in der Zeit der Gefahr von seinem Reichtum nichts verloren gehe. Den Ring verschlingt ein Fisch, den ein armer Mann kauft, der seinen unversehens gewonnenen Reichtum mit dem arm gewordenen Reichen teilt. –

Die Erzählungen Schiffs besitzen ein zwiespältiges Aussehen; naive, anspruchslose Sagen stehen neben aufreizenden, dramatisch bewegten Novellen. Nirgends erkennt der Leser eine Lichtseite des Judentums, deren es gewiß manche nicht zu übersehende hat. Schiff ist immer nur unerbittlicher Richter, fast Scharfrichter. Ein grausamer, unbarmherziger Humor und Sarkasmus durchzieht jede einzelne Erzählung. Dialektische Kunststücke und bis zum Gipfel gesteigerte Spitzfindigkeiten sind immer anzutreffen. Das hat Schiff aus dem Talmud gelernt, den er zwar zu lieben vorgibt, dem er aber zweifellos feindlich gegenübersteht. Er sieht in der bohrenden Rabulistik der Rabbinen, die sich über unwürdige Nichtigkeiten die größten Bedenken machen, ein schweres Hindernis für eine tiefer schürfende Gelehrsamkeit. Mit ihrer Weisheit seien die Rabbinen seit jeher sogar dem lieben Gotte nur beschwerlich gefallen, mit dem sie, weil »Juden nicht genug bekommen können«, vollständig zerfallen seien. Ausgesprochene Oppositionsgesinnung ist also die sichtliche Tendenz des ganzen Buches, in dessen Einleitung Schiff zwar seine vollste Objektivität betont, an die indes kein Leser glauben kannVgl. die Besprechung im Literaturblatt des »Komet«, 1842, Nr. 30..

Von dieser überdeutlichen Abneigung gegen alles Jüdische und dem Abfall vom Judentum war nur mehr ein kleiner Schritt, und diesen mußte Schiff, der innerlich längst Apostat war, machen. Er hat sich denn auch in Glaubitz bei Großenhain (in Sachsen) taufen lassen. (Diese Tatsache wird hier nach amtlichen Ausweisen zum erstenmale mitgeteilt und widerlegt alle Behauptungen z. B. in Schröders »Lexikon der Hamburgischen Schriftsteller« VI, 52, in Haarbleichers »Zwei Epochen« (1867), Seite 316 ff., daß Schiff bis zu seinem Tode Jude geblieben sei.) Diese letzte Konsequenz aus seiner unverkennbaren Gesinnung mußte er ziehen. Wer innerlich mit dem Judentum so völlig fertig war wie Schiff, durfte ihm auch äußerlich nicht mehr angehören. Ein Umstand mag übrigens diesen Entschluß, Christ zu werden, beschleunigt haben; der Vierzigjährige hatte sich in eine neunzehnjährige Schauspielerin, Luise Karoline Auguste LeidholdSo ist die Schreibung des Namens im Trauscheine; in anderen Dokumenten erscheint er als Leuthold., die Tochter des Aufwärters in der Neukirche zu Leipzig, Gotthelf Leidhold, verliebt und heiratete sie am 27. November 1841 in der evangelischen Kirche zu SchkeuditzFrdl. Mitteilung des Pfarrers Bröse in Schkeuditz.. Es war die törichteste, folgenschwerste Tat seines an Extravaganzen überreichen Lebens. Schiff, der sich selbst dem leisesten Zwang niemals fügen konnte, dem der Begriff eines geordneten und geregelten Lebens stets fremd war, hätte vielleicht durch eine energische, kluge, feinfühlige Frau, die durch scheinbares Eingehen auf seine Schrullen ihren Willen durchgesetzt hätte, in ruhige Bahnen gelenkt werden können. So aber war er mit seinem rohen, undisziplinierbaren Naturell an eine leichtfertige Kokette geraten, der er übrigens das Leben recht schwer gemacht haben mag, weshalb sie ihm einen Tag nach der Trauung davonlief. Ein wichtiger und unbedingt glaubwürdiger Gewährsmann, von Corvin, erzählt in seinen »Erinnerungen aus dem Leben eines Volkskämpfers« (Band II. Kap. 9. Seite 330–331):

»Einst traf ich ihn im Hotel de Bavière (in Leipzig). Ich freute mich natürlich und setzte mich in seine Nähe. Nach einer Pause sagte er: ›Ich habe mich gestern verheiratet.‹ – Das klang fast noch unglaublicher als sein Geld habenDavon spricht Corvin im Vorhergehenden.. ›Mit wem?‹ rief ich erstaunt. ›Und wo ist denn Ihre Frau?‹ – ›Ach – sie ist mir heute wieder davongelaufen‹ sagte Schiff und kaute gleichgültig weiter. Die Sache war indessen genau, wie er mir sie erzählte.« – So gleichmütig hätte Schiff das Davonlaufen seiner Frau nicht hinnehmen dürfen. Denn er blieb verheiratet und mußte die Folgen dieser Tatsache auf das grausamste während vieler Jahre verspüren. Doch war er so taktvoll, der Frau, der er die bittersten Stunden seines Lebens verdanken sollte, nie ein gehässiges oder zorniges Wort nachzusagen. Er fand nicht einmal die Kraft, sich von ihr, die nie sein war, scheiden zu lassen oder die Vaterschaft der Kinder, die sie gebar, abzulehnen.

Drückende Not, der er überhaupt nicht mehr entrinnen konnte, mag das ihrige beigetragen haben, daß Schiff so lethargisch wurde. Er durfte sich in Leipzig nicht beklagen, daß er übersehen oder verkannt worden wäre. Die »Zeitung für die elegante Welt«, der »Komet« und dessen Literaturblatt standen ihm offen; sogar als ständiger Mitarbeiter der »Grenzboten« wird er auf dem Titelblatt des 2. Jahrganges angeführt, doch schrieb er nur zweimal für sie. Wichtig ist eine im 2. Novellenhefte der »Grenzboten« (1842) abgedruckte Märchennovelle Schiffs »Ohnespaß«, die Geschichte eines vom Himmel gefallenen Engels oder Marienkindes, die vielleicht identisch ist mit »Das Marienkind. Geschichte eines Engels«. Vom Verfasser des »Gevatter Tod«. (Leipzig. 1842. Hartung.) Die besten Beiträge finden sich in Herloßsohns »Komet«, vor allem drastische Parodierungen der Lyrik Heines, mit dem er jetzt wegen seiner Angriffe, die der unversöhnliche Hasser Heine nicht verzieh, schlechter denn je stand. Es klingt ganz Heinisch, wenn Schiff (»Das Teleskop«, Beilage des »Komet«. 1842, Nr. 2) singt:

»Die Träume sind verflogen,
Erstorben mein Jugendmut,
Mein Glaube hat mich betrogen.
Der Magen allein ist noch gut«Noch im hohen Alter rühmte er sich gegenüber Strodtmann (vgl. Heines Leben I, 374) dieser Parodien..

Was er an Novellen veröffentlichte, verrät leider durchwegs tiefgehende seelische Depression, die auf die Dichtungen höchst nachteilig einwirkte. »Die Schneehexe« und »Der Freischöffe« (in der »Zeitung für die elegante Welt«) sind kaum lesbar, und »Die Seherin« (1843 von Gubitz aus Erbarmen in eine »Novellenmappe« aufgenommen) ist derart unheimlich, krankhaft und wüstVgl. auch Lorenz Dieffenbachs vernichtendes Urteil im »Telegraph für Deutschland« 1844, Nr. 33., daß man von dem damaligen Geisteszustand des Verfassers nur die schlimmsten Vorstellungen haben kann. So mußten sich ihm denn auch allmählich alle Journale verschließen, und er war gezwungen, als Tänzer, Notenschreiber, Schauspieler und Fechtmeister seinen Unterhalt zu suchen. Damals fiel er auch der Leipziger Polizei beschwerlich: in den Jahren 1840 und 1841 wurden sub I17 887, I20 703 und I20 994 geringfügige Ordnungsstrafen gegen ihn erlassen. Am schlimmsten war es freilich, daß er nirgends recht seßhaft werden konnte; auch in Leipzig duldete es ihn nicht; nach einer Mitteilung von »Ost und West« vom 4. Oktober 1844, (Seite 327) »hauste der Ruhelose in Reidnitz«.

Die Nachricht von Schiffs bemitleidenswertem Zustande verbreitete sich damals in ganz Deutschland. Heinrich Landesmann schrieb darüber an Moriz Hartmann 29. September 1844 (vgl. Wittner, Briefe aus dem Vormärz, Seite 267): ». . . Hermann Schiff hat mir Herzbrechen gemacht, schon als ich in der »Allgemeinen« in einem, ich glaube, von Laube geschriebenen Artikel von seinem seltsam traurigen Schicksal gelesen. Vielleicht bewege ich den Todesco, ihn reich zu machen . . .« Laube scheint von Schiff viel gehalten zu haben. 1845 saßen sie oft zechend im Hotel de Pologne beisammen. Und der Gedanke ist wohl nicht ferneliegend, daß Laube Schiff auf bessere Wege leitete, ihn zur Schriftstellerei zurückführte, sie aber in seinem Sinne nachdrücklichst beeinflußte. Denn aus dieser Zeit stammt das Buch, in dem sich Schiff recht wie ein jungdeutscher Schriftsteller mit dem Katholizismus auseinandersetzte. (1846.) Es enthält zwei »katholische« Novellen: »Das Margaretenfest« und »Des Teufels Schwabenstreich«. In beiden wird der Katholizismus empfindlich lächerlich gemacht. Für den Wunderglauben hat Schiff diesmal nur Worte höhnendster Verachtung: recht im Gegensätze zu »Ohnespaß«, wo er noch in seiner schrankenlosen Verherrlichung schwelgt. Im »Margaretenfest«, der anspruchsloseren der zwei »katholischen« Novellen, wird ein Mönch, der sich für den Teufel Weltis ausgibt und in dieser Gestalt ein junges Mädchen verführen will – von dem Bräutigam des Mädchens jämmerlich geprügelt. Mit breitestem Behagen malt Schiff diese Prügelei ausDerartige rohe Szenen finden sich damals auch sonst bei Schiff, z. B. in seiner in Schumachers »Gegenwart« (Wien, 1845, Nr. 8–10) veröffentlichten Novelle »Spleen und Peitsche«.. Noch entschiedener tritt seine Gesinnnung in »Des Teufels Schwabenstreich« hervor, einer der bedeutungsvollsten Arbeiten Schiffs, deshalb nämlich, weil sie in vielen Zügen ein wichtiges Vorspiel seines Hauptwerkes, »Schief-Levinche«, ist.

Hier ist ein italienischer Maler in sich gegangen und hat nach einem tollen Jugendleben Aufenthalt in einem schwäbischen Kloster genommen. Der Teufel sieht das nicht gerne und trachtet, dem Maler Possen zu spielen. Er überzeugt die Mönche, daß ihr Konfrater ein junger Maler sei, und auf deren Geheiß muß dieser nun Altarbilder malen. Eines, wie Maria den Teufel mit Füßen tritt, wird ein Meisterstück und veranlaßt die zwanzig reichsten Jungfrauen des Ortes, den Schleier zu nehmen. Die schönste von ihnen, Hulda, ist aber auf das Bild eifersüchtig und weiß, durch List und Gewalt den Bischof zu überzeugen, daß Maria nicht dunkelhaarig, wie die auf dem Bilde dargestellte, sein könne, sondern blond sein müsse wie sie selbst. Der Maler muß das Bild abändern, und nun wird also das Mädchen, das alle leibhaftig kennen, als Gottesmutter verehrt. Bald aber wollen auch die anderen Mädchen als Gottesmütter angebetet werden, und der Maler überzeichnet immer seine eigenen Bilder, bis ihm dies lästig fällt und er aus dem Kloster mit großen Wertgegenständen fliehen will. Er wird aber entdeckt, in den Kerker geworfen, aus dem ihn der Teufel befreit, unter der Bedingung, daß er ihn selbst auf dem Altarbilde liebenswürdiger darstelle. Der Maler tut das. Bald glaubt man im Kloster an seine Unschuld, da sich der Teufel statt des gefangenen Malers in den Kerker begeben hat, wo ihn der Bischof exorzisiert. Der Maler wird Bischof und Erzbischof, alles aber als Freund des Teufels. Und da er als Erzbischof stirbt, setzt ihm der Teufel ein Grabmal mit der Inschrift: »Hier ruht mein bester Freund.«

Schon aus dieser Schlußpointe läßt sich der christentumsfeindliche Charakter der Absichten Schiffs gut erkennen: wenn das Eingreifen des Teufels und sein steter Beistand einem sehr weltlich gesinnten Maler zu den höchsten Ehrenstellen in der kirchlichen Hierarchie verhelfen kannDer Teufel als Helfer auch in »Ohnespaß«., so liegt darin ebenso eine satirische Spitze, wie in dem Motiv, daß man irgendein beliebiges Mädchen als Modell für ein Marienbild, das dann angebetet wird, verwenden könne. Vor allem zeigt aber der Zug, daß es der Eitelkeit von zwanzig jungen Mädchen sehr schmeichelt, als Gottesmütter dargestellt zu werden, und daß der Maler bei Ausführung eines Bildes nicht von göttlicher Inspiration, sondern von sehr irdischen Wünschen geleitet wird, welch starke Veränderung in Schiffs Anschauung über den Katholizismus jetzt vor sich gegangen war. Denn jetzt stand er ihm durchaus feindlich und ironisch gegenüber. Er blieb auf dieser Stufe nicht stehen, sondern ging noch um einen bedeutsamen Schritt weiter. Charakteristisch hierfür ist es, daß er in demselben Jahre 1846 noch eine antikatholische Dichtung bearbeitete, nämlich Eugen Sues »Ewigen Juden« (ein Lieferungsroman; Leipzig 1846, bei Naumburg; mit zweiundvierzig Stahlstichen). Dazu wird ihn wohl nur der Haß des französischen Dichters gegen den Jesuitismus, den Schiff in seiner Bearbeitung noch verstärkt hat, veranlaßt habenVon solchen populären, in Heftform erschienenen Werken lebte Schiff damals. 1846 veröffentlichte er die erste und zweite Lieferung einer volkstümlichen »Geschichte Napoleons« (mit zwei Stahlstichen, Leipzig 1846, Naumburg). Das ganze Werk – in fünf Lieferungen mit sechs Stahlstichen – erschien 1847.. Den Höhepunkt seiner antichristlichen Schriftstellerei erreichte er aber 1848 mit seinem besten und bekanntesten Werke, worin er in gleicher Weise Christentum und Judentum satirisch auf das bitterste verhöhnte. Es ist der komische Roman »Schief-Levinche mit seiner Kalle oder Polnische Wirtschaft«, ein Werk, das wieder bei Hoffmann und Campe erschien, nachdem Schiff 1847 aus Leipzig ausgewiesen worden und in seine Vaterstadt zurückgekehrt war. (Seine anhaltende Subsistenzlosigkeit hatte der Leipziger Polizei den willkommenen Anlaß hierfür geboten; seit 1835 verfuhr sie so mit allen im Verdacht des Liberalismus stehenden Schriftstellern, die nicht den Nachweis eines ausreichenden Unterhaltes erbringen konnten. Ein größeres Vergehen ließ sich Schiff nicht zuschulden kommen.)

»Schief-Levinche« variiert das Motiv aus: »Des Teufels Schwabenstreich«, daß ein seiner kleinen Gemeinde wohlbekanntes Mädchen als Modell für ein Marienbild dient. Nur geht der Dichter hier insofern weiter, als ein Judenmädchen aus dem Ghetto als Mutter Gottes gemalt wird. Eine arge Blasphemie enthalten beide Wendungen, ob der Maler veranlaßt wird, ein Mädchen, das sich bei einem Bischof in Gunst zu setzen weiß, als Gottesmutter zu malen, oder ob er dies mit einem Judenmädchen tut. Beide Male beabsichtigt Schiff nur, zu zeigen, wie wenig göttlich die Personen seien, die im Bilde angebetet werden. (Noch ein drittes Mal in der »Waise von Tamaris« begegnet dieser Zug in Schiffs Dichtung.) Wie sehr er übrigens im »Schief-Levinche« von »Des Teufels Schwabenstreich« abhängig ist, beweist auch der Umstand, daß die Schönheit der beiden Heldinnen auf dieselbe Weise erhöht wird: Hunger und Mißhandlungen machen sie blasser, dadurch schöner, durchgeistigter, himmlischer. –

Nun begnügt sich Schiff aber keineswegs damit, den Katholizismus und die Bilderverehrung satirisch zu verunglimpfen; in weit höherem Maße ist es ihm darum zu tun, auch hier die fanatische Unduldsamkeit des Judentums anzuklagen. Ihm erscheint religiöse Beschränktheit bei allen Konfessionen ein arges Übel, das er dadurch, daß er es lächerlich macht, ausrotten will. Deshalb zeigt er in »Schief-Levinche«, in vieler Hinsicht einem Seitenstück zu »Simon Abeles«, welche furchtbaren Mißhandlungen einem armen, gedrückten Judenkinde zuteil werden, wenn es ohne sein Hinzutun in unschuldige Berührung mit Christen komme. Daß darin auch nur die geringste Schuld liegen könne, daß darauf die schwersten Bußen gesetzt sein sollten – dagegen bäumt sich Schiff auf, dafür findet er nur die spöttischsten Worte der Entrüstung.

Dem Roman liegt das alte Motiv der Gegnerschaft zwischen Vater und Sohn bei der Bewerbung um ein schönes Mädchen zugrunde. Der alte Israel Levin und sein Sohn Levin Israel (Schief-Levinche genannt) sind in die schöne Rabbinerstochter Mariamne verliebt. Da Schief-Levinche für seinen geizigen Vater kein Geschäft mehr machen will, wenn er Mariamne nicht heiraten dürfe, gibt der Vater nach und gestattet die Hochzeit, unter der Bedingung, daß der Brautstand drei Monate dauern müsse. Denn er glaubt nicht, daß zwischen Mariamne und Schief-Levinche je Zuneigung zustande kommen könne.

Das kontrastierende Paar, die schöne Mariamne und der krummbeinige, schiefgewachsene Levinche, ist ausgezeichnet charakterisiert, wie sich überhaupt Schiffs Kunst der Charakteristik und der Milieuzeichnung hier am besten offenbart. Wie er Schief-Levinches groteske Verliebtheit und Ungeschicklichkeit, seine Sucht, um jeden Preis zu verdienen, selbst wenn er Prügel und Schelte erhält, schildert, das ergibt ein kulturhistorisch ungemein wertvolles Bild. Mariamne könnte von Balzacs Feder gezeichnet sein; die Zergliederung ihrer Schönheit in die kleinsten Einzelheiten und die Art, wie ihre Reize hervorgehoben werdenEine 1847 in der »Gegenwart« (Nr. 3–21) erschienene Novelle »Die Russen in Paris« ist in allen Details von Balzac abhängig., hat Schiff zweifellos Balzac abgelernt. Dagegen sind die anderen Gestalten des Romans vortrefflichen eigenen Beobachtungen erwachsen; der zelotische Rabbiner, der Geld leicht zugänglich ist, der zu Ehren seiner Religion die eigene Tochter seelisch und körperlich mißhandelt und in seiner Borniertheit sogar der eigenen Frau befiehlt, der Tochter das Gesicht zu zerfleischen, damit es dem Bild, auf dem sie gemalt ist, nicht mehr ähnlich sei, ist eine in ihrer erschreckenden Wahrheit ungemein glaubwürdige Gestalt; ebenso seine fanatische Frau, aus der – echt weiblich – ein bißchen Eitelkeit spricht, daß ihrer schönen Tochter fast göttliche Ehren erwiesen werden, und die sie deshalb mit wahrer Wollust entstellt; der Vater Schief-Levinches, ein Wucherer schlimmster Sorte, der aber in einer jüdischen Gemeinde die erste Rolle spielt, der Talmudist Löbel Kurzweil, der für hundert Taler zu allem fähig ist – er gleicht Zug um Zug dem Löbel Kurzweil aus »Hundert und ein Sabbath« – und die einzelnen Nebenpersonen, die vorzüglich differenziert und abschattiert sind – all das zusammen ergibt voll erbarmungsloser Wahrhaftigkeit ein plastisches, abgerundetes Bild eines jüdischen Ghettos.

Und aus diesem Milieu erklärt sich dann sehr leicht der schwere Konflikt, in den Mariamne gerät, die dem Maler für das Muttergottesbild Modell steht. Die ganze Judenschaft empört sich um so heftiger gegen das Mädchen, als Bilderverehrung nach jüdischem Glauben ein arger Frevel ist. Es verschlägt nichts, daß Mariamne, eine durchaus schwärmerische Natur, die immer vom Paradiese träumt und in Gedanken daran schon auf Erden Seligkeiten empfindet, fast durch hypnotische Gewalt von dem Maler überredet wird, sich malen zu lassen. Unbarmherzig wird sie gefoltert: aber wie sie als echtes Judenmädchen immer gehorsam ist und sich sogar dazu verstanden hat, einen häßlichen Schacherjuden auf Befehl ihrer Eltern zu heiraten, so erduldet sie jetzt alles mit stoischer Selbstüberwindung. Endlich flieht sie, aber nur weil sie geträumt hat, sie werde – eine zweite Jungfrau von Orleans – ihrem Volke eine Retterin werden.

Mariamne bei den Christen ist der schwächere Teil des Werkes. Es ist wieder nur eine Motivwiederholung (aus »Das Margaretenfest«), wenn Schiff das Mädchen von dem Pastor Vitepsky heiß lieben und diesen, um sie in seine Gewalt zu bringen, sogar ein Verbrechen begehen läßt. Auch der tragische Schluß, der sich dem Gefüge eines »komischen« Romans wohl nur schlecht anpaßt, muß als verfehlt, wenn auch dichterisch schön gelten. Unglaubhaft ist er nicht: Die seelischen Erregungen der letzten Zeit haben Mariamne so angegriffen, daß sie, die durch Hunger und Mißhandlungen ohnehin sehr geschwächt ist, bei der Exorzisierung von einem Nervenschlag getroffen wird und daran stirbt.

Aus der Erzählung Schiffs spricht der ungebändigte Haß gegen das Judentum; ihm scheint es nicht wie Heine (vgl. Alfred Meißners »Erinnerungen«, Seite 148) ebenso lächerlich wie ehrwürdig zu sein, sondern er findet es bloß lächerlich und erbärmlich. Die Gestalt des gepeinigten Judenmädchens soll tiefste Rührung, aber auch Erbitterung über einen Fanatismus erwecken, der es noch für Glaubenstreue hält, wenn er zur höheren Ehre Gottes martert und mordet. Es soll nur Schiffs Objektivität (im Hassen) beweisen, wenn er auch Schattenseiten des Christentums herausfindet und lächerlich macht (die Bestattung Mariamnes als einer Art Heiligen usw.). Ernstlich kam es ihm nur darauf an, den Schäden des jüdischen Klerikalismus heftig und wirkungsvoll zu Leibe zu gehenDer Roman erschien unter dem charakteristischen Pseudonym Isaak Bernays. Isaak Bernays war orthodoxer Rabbiner in Hamburg (vgl. »Schröders Lexikon der Hamburgischen Schriftsteller«, II. 233 ff.) und Schiff beabsichtigte wohl mit der Wahl dieses Decknamens gerade in den Kreisen, die er so unsanft angriff, erhöhtes Interesse zu finden. Bruchstücke aus dem Roman erschienen im »Freimütigen« (1848, Nr. 40–46) und im »Freischütz«. Über das Werk vgl. »Blätter für literarische Unterhaltung« (1848, Nr. 207)..

So vortrefflich die Tendenz und der satirische Ton des Verfassers ist, so wenig kann sein Vortrag befriedigen. Wieder macht sich der Hang Schiffs, Binnenerzählungen einzuschieben, unliebsam bemerkbar. Dabei ist er so skrupellos, von ihm bereits veröffentlichte jüdische Geschichten einzuflechten, wie zum Beispiel aus »Hundert und ein Sabbath« das Märchen vom »Rabbi Chanina« (allerdings in etwas veränderter Form). Von der größten Bedeutung ist die Vorrede des Romans, in der Schiff seine Absichten genau darlegt. Er schreibt an seinen Verleger:

»In der deutschen Literatur gibt es noch wenig komische Romane und in dieser Art vielleicht noch keinen; er ist kein satirisch-, kein fantastisch-, kein sentimental-, kein humoristisch-komischer Roman, sondern ganz einfach ein komischer Roman. Dieses Buch entspringt aus dem einzigen Spaß, der alle Situationen herbeiführt. Daß eine jüdische Rabbinerstochter als Mutter Gottes auf einem Hochaltar einer Kathedrale gemalt ist, bringt Katholiken und Juden in Harnisch.

Die Gegenwart hat mir den Stoff nahegebracht. Wir haben jetzt einen Neu-Katholizismus, einen Neu-Protestantismus. einen Neu-Israelitismus. Jeder hadert mit seiner Religion und die Gegenwart mit allen Religionen insgesamt. Ein Dichter lernt von seiner Zeit. Ursprünglich liebt er alle Religionen, jede hat ihre Merkwürdigkeiten, sinnreichen Mythen, und der Dichter kann sich keinen würdigeren Stoff wünschen als diesen. Aber zwei Religionen sind etwas anderes als eine, und zwei Religionen auf einmal anzunehmen, ist unmöglich. Zwei Religionen sind zwei Auguren, die sich nicht ansehen können, ohne sich auszulachen. Und deshalb kann ein Dichter aus zwei Religionen einen komischen Roman machen. Ernst läßt sich dieses Thema nicht behandeln. Wenn sich bei Calderon zwei Religionen begegnen, ergreift er für eine Partei. Lessing macht aus drei Religionen eine. Denn er ist Kosmopolit und will aufklären. Allerdings kann diese Versöhnung Lessings nur dauern, bis der Vorhang fällt. Diese eine Familie wird nie einen Hausstand bilden können – eine polnische Wirtschaft ist unausbleiblich. Nach meiner Ansicht schwindet sofort alles Würdige und Edle, wenn sich zwei Religionen im Geiste des schaffenden Dichters begegnen.« Schiff entwirft dann eine fiktive Charakteristik seines schriftstellerischen Lebens. Als Sohn blutarmer Leute mußte er Bittbriefe schreiben, man ließ ihn studieren, aber nirgends fand sich für ihn ein Amt, und deshalb wurde er Schriftsteller. Er will aber nur die »Sympathien und Antipathien der niederen Klassen« zur Sprache bringen. Er will ein literarischer Plebejer sein. »Die deutsche Literatur hat seit achtzehn Jahren nur in großen Worten geschwelgt, ohne etwas geleistet zu haben. Sie gleicht dem Zeitgeiste, der nicht demokratisch ist, obwohl er als solcher gerühmt wird. Er ist ein Geldgeist, ein Kaufmannsgeist, ein Rechengeist, ein Judengeist, der uns das Brot abknappt und uns unsere Weiber mißgönnt. Die deutsche Literatur hat sich durch siebzehn Jahre nur nach den Bedürfnissen der Reichen gerichtet, sie hat ihnen Pikantes serviert, weil Pikantes von ihr verlangt wurde. Der Reiche hat alles und kann alles bezahlen, der Arme hat nichts. Will er einmal für sein geringes Geld etwas genießen, so ist es ihm unmöglich; nicht einmal ins Theater kann er gehen. Nur eine Kunst kann sich des Armen annehmen: die des Dichters. Das Buch hat für alle denselben Preis.« Man hatte den Fürsten literarisch lange genug geschmeichelt, nun möge man einmal dem Volke schmeicheln. Man möge die Feinde des Volkes verhöhnen und nichts vom deutschen Michel erzählen, keine sentimentalen Dorfgeschichten, keine Polizeinovellen, keine Geheimnisse von Paris, übertriebene Schilderungen von Lastern (was er aber selbst sehr oft getan hat). Nicht dem Zeitgeiste, sondern dem deutschen Volksgeiste möge man huldigen, das sei der einzige wahre, ewige Gott, der Gott seiner Väter. Im Namen des Volkes und für das Volk will er die Willkür des Genies, seinen Übermut des Talentes rechtfertigen gegen seine Mitliteraten. Seine Devise ist: Es lebe der deutsche Geist.

Aus dieser Vorrede sprechen starke demokratische Anschauungen, die Schiff voll erbitterter Wut und Wucht vorträgt. Zweierlei mag dies veranlaßt haben: Die Zeitstimmung, in der »Schief-Levinche« entstand (die Revolution des Jahres 1848) und die Mißachtung, über die er sich gerade jetzt zu beklagen hatte. Die Volkserhebungen im »tollen Jahre« machten aus ihm einen begeisterten Demokraten. Er beabsichtigte damals die Abfassung einer Reihe von Flugschriften unter dem gemeinsamen Titel »Die Ehrentaten der Bluse oder die Revolutionen des Jahres 1848«, wovon jetzt nur das erste Heft »Die französische Revolution« (mit vier lithographierten Bildern, Hamburg 1849) erschien. Die Begeisterung für die achtundvierziger Revolution muß wundernehmen, denn gerade sie war der Anlaß, daß »Schief-Levinche« vollkommen spurlos vorüberging. So war es Schiff ja immer ergangen: jedem seiner bedeutenderen Werke (Agnes Bernauer, Gevatter Tod, Hundertundein Sabbath) wurde durch ein unvorhergesehenes äußeres Ereignis jedes Interesse geraubt. Wegen des Hamburger Brandes unterblieb die Fortsetzung von »Hundert und ein Sabbath«, und ebenso schrieb Schiff niemals den angekündigten zweiten Teil des »Schief-Levinche«, wovon der Titel lauten sollte: »Schlemiehligkeiten Löbel Kurzweils, des Missionärs«. Man darf es bedauern, daß dieses Buch niemals erschien (vielleicht war es verfaßt worden, und den Verleger hielt nur der geschäftliche Mißerfolg »Schief-Levinches« von der Drucklegung ab) und daß Schiff niemals mehr einen so echten, treffenden und wirkungsvollen Judenroman schrieb wie »Schief-Levinche«.

Es ist Heines Verdienst, auf das Buch, nachdem es drei Jahre hindurch völlig unbeachtet geblieben war, mit größtem Nachdruck hingewiesen zu haben. Zwar wollte ihm die erbarmungslose Kritik, die Schiff an den Fehlern des fanatisierten Judentums übt, nicht ganz gefallen, doch veröffentlichte er über das Buch ein herzliches Lob:

»Dieser dumme Kerl ist ein wahres Genie! Er hat mehr plastische Darstellungsgabe als alle neueren Poeten zusammen, die jetzt in Deutschland leben. Es ist kaum zu begreifen, daß er so wenig Anerkennung gefunden hat. Sein Buch ist tiefsinnig, voll sprudelnden Witzes, wahrhaft künstlerisch, und was die Hauptsache ist – es hat das Verdienst, mich unendlich amüsiert zu haben. Schiff hat jedoch die Schmutzseite des jüdischen Lebens zu grell beleuchtet. Hinter dem Schmutze der gemeinsten Schacherjuden aber ist sehr oft Edelsinn und Großmut verborgen. Sie verstecken diese Glanzseite oft absichtlich – wie sie in den Zeiten des Druckes ihren Reichtum hinter dem Scheine der Dürftigkeit vor den Augen der Habsucht zu sichern wußten.«

Mit dieser warmen Empfehlung Heines, die in allen, selbst den kleinsten deutschen Zeltungen erschien, war die Verstimmung zwischen ihm und Schiff geschwunden; sie nahmen schriftlich den Verkehr wieder auf, Heine gedachte in den Briefen an Campe sehr oft seines Jugendfreundes (vgl. u. a. Brief vom 29. September und 8. Oktober 1851, 28. Jänner 1852, 26. Juni 1854Vgl. »Hermann Schiff an Heinrich Heine«. (»Europa«, 1854, Nr. 43.), 1. November 1855) und noch einmal am 30. Mai 1854 kam er auf »Schief-Levinche« zurück (an Campe): »Von Schiffs Buch (es sind die 1854 erschienenen ›Luftschlösser‹) habe ich noch keine Zeile lesen können. Ich werde es mit größtem Interesse mir vorlesen lassen. Unterdessen grüßen Sie mir ihn dankbarlichst. Der närrische Kauz amüsiert mich sehr. Sein ›Schief-Levinche‹ war vortrefflich.« Auch sonst erinnerte man sich jetzt Schiffs allenthalben; Varnhagen notierte in seinem Tagebuche (VIII, 387): »Der von Heine gelobte Roman: toll genug, ernst und spaßhaft, ein gutgefaßter Stoff, aber nicht von Künstlerhand gefaßt, nur von kundiger und auch nicht ungeschickter.« »Der Freischütz« (1851, Nr. 33) brachte eine ausführliche Charakteristik der literarischen Wirksamkeit Schiffs, und sogar bis nach Frankreich drang sein Ruhm; die »revue des deux mondes« erging sich in Lobeserhebungen und stellte ihn dem französischen Dichter Gombert an die Seite.

Allerdings waren das durchaus ideelle Erfolge; ein materieller stellte sich bei dem Erscheinen des Buches nicht ein. Und so war Schiff wieder einmal gezwungen, seinen Aufenthaltsort zu verändern. Diesmal ging er nach Hannover, wo er von 1848 bis Mitte 1851 verblieb. Er ernährte sich recht kümmerlich durch Mitarbeit an dem von Wilhelm Schröder herausgegebenen »Hannoverschen Volksblatt für Leser aller Stände«, das er mit recht schwachen Novellen (»Aschenbrödels Lackstiefel, eine Schustergeschichte«, »Ali mit den sechs Fingern, eine marokkanische Geschichte«, »Die Odaliske«In orientalischem Milieu spielt auch Schiffs »merkantilisches Märchen« »Kredit und Gewissen«. (L. A. Frankls »Sonntagsblätter«, 1846, Nr. 4.)) und noch schwächeren politischen Aufsätzen anfüllte. Lange dauerten die Beziehungen zum »Volksfreund« nicht; als Schiff während einer kurzen Krankheit Schröders die Redaktion selbst führen mußte, beging er derartige Mißgriffe, daß der Verleger das Verhältnis rasch löste. Er gründete nun in Hannover zwei eigene Wochenblätter, den »Beobachter an der Leine«, der sehr bald einging, und den »Krakehler«, als dessen Redakteur er vom April bis Anfang Oktober 1851 auf dem Kopfe des Blattes genannt ist; er leitete es aber nur wenige Wochen. Als Politiker macht er eine recht traurige Figur; er ist in seinen Anschauungen recht wankelmütig. Gleich bleibt er sich nur in seinem Hasse gegen Oesterreich, von dem er befürchtet (vgl. z. B. »Krakehler« Nr. 5), daß es die Aufhebung aller deutschen Verfassungen durchsetzen und Schleswig-Holstein preisgeben werde. In vielen Gedichten und Aufsätzen betont er diese starke Abneigung gegen die österreichische Politik. Wichtig sind im »Krakehler« jüdisch-politische Gespräche (vgl. z. B. No. 6 »Rabbe Nachmanns Politik«), weil Schiff hier zum ersten Male, wie er es später noch oft tat, im deutsch-jüdischen Jargon politische Zustände persiflierte.

Im »Volksfreund« und in seinen eigenen Blättern machte Schiff aus seiner demokratischen Gesinnung kein Hehl. Auf konservative Gegner war er sehr schlecht zu sprechen (was mit der Gesinnung, die aus seinen poetischen Produkten spricht, schwer vereinbarlich erscheint) und wo es nur anging, bekämpfte er sie. So ist sein Aufsatz im »Volksfreund« (1848, Nr. 33) »Die Geheimnisse des Neuen Hannoverschen Volksfreundes. Ein konservativ-liberaler Skandal« eine scharfe Abrechnung mit seinen politischen Gegnern, die wegen der Schilderung eigener Erlebnisse Schiffs in Hannover und wegen der Darstellung seiner früheren Beziehungen zu bedeutenden Zeitgenossen ihren besonderen Wert hat. Leider beschränkte sich Schiff nicht darauf, gegen politische Gegner aufzutretenWegen Preßvergehens befand er sich 1848 in Untersuchung., er verwickelte sich auch in kleinliche literarische Plänkeleien, und eine davon trug ihm (im Juni 1851) eine dreiwöchige Arreststrafe ein. Er zieh nämlich Seelig, den Herausgeber des »Theaterfreund«, der Unverschämtheit und Lügenhaftigkeit, weshalb er verurteilt wurde. Während seiner Haft stellte es sich heraus, daß er den Abonnenten den »Krakehler« höchst unregelmäßig hatte zustellen lassen; deshalb beschimpfte ihn der Verleger öffentlich und übergab das Blatt einem anderen RedakteurBis Ende September 1852 hieß das Blatt weiter der »Krakehler«, von da an der »Flaneur«, doch ging es bald nach dieser Namensänderung ein..

Von eigenen Büchern Schiffs ist in Hannover nur ein »Almanach für Frauen« (1851; mit vier Stahlstichen) erschienen. Er enthält die bereits besprochene Neubearbeitung des »Gevatter Tod« und eine Novelle »Thusnelda«, die 1852 (Nr. 92–98) auch in der Hamburger »Reform« erschien. Dieses Blatt und sein Verleger Jakob Friedrich Richter wurden die Erhalter Schiffs, als er Anfangs August 1851 nach Hamburg zurückkehrte (vgl. die Notiz im »Freischütz«, 1851, Nr. 92). Er hatte in Richter nicht nur einen wirklich aufopfernden, gegen all seine Extravaganzen nachsichtigen Freund, sondern in der »Reform« auch ein Blatt gefunden, das ihm jederzeit offen stand. Ungetrübt verlief freilich – bei Schiffs Veranlagung wenig wunderlich – die Verbindung mit Richter nicht; auch hier gab es schlimme Mißhelligkeiten, die lediglich Schiff verschuldete, dem namentlich das Gefühl der Dankbarkeit immer fremd blieb.

Bevor er mit der »Reform« in Berührung kam, war er Mitarbeiter des Hamburger »Freischütz«, der in den fünfziger Jahren die skrupellose Manier, schauspielerische Leistungen nach Geldleistungen zu bewerten, aufgegeben hatte und ein gutgeleitetes, populär geschriebenes Blatt geworden war. Hier und in der »Reform« veröffentlichte Schiff hauptsächlich Hamburger Lokalnovellen, die zwar in der Erfindung und Ausführung oft viel zu wünschen übrig lassen, aber ihren lokalhistorischen Wert besitzen. Besonders die genaue Kenntnis der Lebensgewohnheiten kleinbürgerlicher und proletarischer Bewohner Hamburgs ist dem Verfasser nachzurühmen. Überraschend leicht und gewandt wußte Schiff in dieser Zeit zu erzählen. Seine schriftstellerischen Absonderlichkeiten, (gespreizter Stil, Einflechtung philosophischer Betrachtungen, Unübersichtlichkeit der geschilderten Gegebenheiten) hat er glücklich abgelegt. Seine Novellen aus dieser Zeit lesen sich angenehm, sie erzeugen immer Spannung und Interesse; Charakteristik und Milieuzeichnung weniger der vornehmen Stände als der niedrigeren Klassen sind immer gut angelegt und durchgeführt.

Gleich auf seine erste Novelle »Die Schuhflickerbude auf den Vorsetzen. Erzählung aus dem Anfang dieses Jahrhundertes« (»Freischütz« 1851, Nr. 32–42) treffen all diese Vorzüge zu. Es ist eine stark realistische Erzählung, in der die Liebe eines indischen Nabobs geschildert wird, die durch Intrigen und Betrug von Verwandten stark bedroht wird. Als er nach Indien reist und seine Geliebte in einem kleinen Hamburger Hotel zurückläßt, werden seine Briefe unterschlagen und der geliebten Amanda alle Subsistenzmittel von den Verwandten entzogen, bis sie stirbt. Diese Liebesgeschichte ist unwesentlich. Sehr gut charakterisiert sind ein Schuhflicker Emmerich, der aus den Schuhen, die ihm zur Reparatur übergeben werden, auf menschliche Berufe und Charaktereigenschaften schließen kann (also eine Art Sherlock Holmes ist) und sein Widerspiel, ein in Amerika reichgewordener Gastwirt, der voll Tücke und Neugier ist und für Gleichheit, die amerikanisch sein soll, schwärmt.

Recht unbedeutend ist die Lokalnovelle »Cavalier und Gauner« (1852, Nr. 78–85) im »Freischütz«, mit dem übrigens im Jahre 1853 die Beziehungen zu Ende waren, und den Schiff in einem »Silvesterscherz« der »Reform« (1853, Nr. 105) scharf angriff. Dieser gezwungene Scherz heißt »Agathe Frei-Schütz. Eine Grüneberger Lokalnovelle«; die handelnden Personen tragen, um eine Beziehung zu dem Titel der Zeitung »Freischütz« herbeizuführen, die aus der Oper bekannten Namen Max und Agathe.

Sie sind Weinhändler in Grüneberg geworden, konnten jedoch dabei nicht bestehen und gaben später den »Freischütz« heraus, der nur in Grüneberg gelesen wird. All die bekannten Wunderkräfte und Eigenschaften des Grüneberger Weines sind auf diesen übergegangen.

Für die »Reform« schrieb dann Schiff eine größere Anzahl von Novellen. Interessant ist, daß er auch jetzt seine Fähigkeit, sich in dichterische Vorbilder einzuleben, betätigte, wie er es schon zur Zeit der Abfassung der Balzacschen »Lebensbilder« getan hatte. In der »Reform« für 1851 war der Beginn einer Novelle »Die Proletarier« von Berthold Heitmann abgedruckt worden, die nicht weiter erscheinen konnte, da bei einer aus politischen Gründen erfolgten Verhaftung des Verfassers auch sein Manuskript beschlagnahmt wurde. Nun führte Schiff die Geschichte zu Ende.

Es ist ein hübscher Zug des Fortsetzers, daß er »Die Proletarier« mit einem Toast auf B. Heitmann schließen läßt. Man wünscht diesem, daß Not und Mißgeschick, welche manche edle Talente Deutschlands schon zugrunde gerichtet, ihm nichts anhaben mögen, damit er die reiche, ihm verliehene Gabe zu Ehren seiner Vaterstadt und seiner Mitbürger für alle Zukunft geltend mache. Sorgen und Gram mögen ihn nie mehr verbittern wider Welt und Leben, damit er, den Proletariern gleich, deren Interessen er vertrete, mit Ausdauer, Bescheidenheit und Lust seine Aufgabe vollende. –

Die umfangreichste von allen in der »Reform« veröffentlichten Novellen heißt »Luftschlösser«. (Eine Erinnerung an 1848; »Reform« 1851, Nr. 88–103; als Buch bei Hoffmann und Campe 1854.) Unter diesem gemeinsamen Titel vereinigt Schiff drei Novellen »Luftschlösser«, »Noch ein Luftschloß« und »Helden des dreißigjährigen Friedens«, durchaus verworrene, wildphantastische, durch die Sucht des Autors, immer neue grobe Effekte anzubringen, nicht sehr erfreuliche Geschichten, die märchenhafte mit novellistischen Motiven recht äußerlich vereinigen. Jede Einheitlichkeit und Planmäßigkeit, aber auch jeder Darstellungsstil fehlt. Relativ am besten sind noch die »Luftschlösser«, in denen Schiff ein Kontrastbild zwischen üppigem Wohlleben und tiefster Armut entrollt, die endlich zur Selbsthilfe greift und die Sturmtage des Jahres 1848 entfacht. Als echter Demokrat ergreift Schiff für die Armen und Gedrückten Partei. Er billigt die wüsten Ausschreitungen, die sie sich zuschulden kommen lassen. Auffallend ist, wie stark er auch hier noch unter Balzacs Einfluß sieht, in dessen Manier die handelnden Frauen und die prunkvolle Ausstattung eines Bankierhauses geschildert werden. Manche Szene ist direkt aus den »Lebensbildern« übernommen, wie z. B. die, in der sich ein Vater (vgl. »Der Ball im Freien«) vor seiner verwöhnten Tochter fürchtet, und der, ehe er sie empfängt, in seinem Arbeitszimmer peinliche Ordnung macht. – »Die Helden des dreißigjährigen Friedens« behandeln ein durch die Zeitereignisse etwas überholtes Sujet: Die Nichtigkeiten, mit denen man sich von 1815–1848 in Deutschland abgeben mußte, als man sich an Virtuosen, Tierkomödien, Wunderkindern und ähnlichen Abgeschmacktheiten bis zur Siedehitze begeisterte. In seinem »Duett« hatte schon Mundt diese Auswüchse des geistigen Lebens Deutschlands verhöhnt, und Schiffs Satire kam wohl etwas post festum. Wenn er sich über den Enthusiasmus, den Paganinis Auftreten in ganz Europa erregt hatte, in der bittersten Weise lustig macht, so borgt er dabei aus Laubes Parodie »Zaganini«, und nur Vergeßlichkeit mag es verschuldet haben, wenn er es verspottet, daß sogar »Bratschen-Heilande« sich bewundern ließen. Denn er selbst hatte ja versucht, Erlöser der Bratsche auf den Konzertpodien zu werden.

Schiffs novellistische Tätigkeit konnte ihm kaum den nötigsten Unterhalt erwerben. Im Hamburger Staatsarchive findet sich eine Abrechnung des Verlegers Richter über Honorare, die er seinem Mitarbeiter zahlte, aus der die wahrhaft kläglichen Summen bekannt werden, mit denen Schiff abgelohnt wurde. So erhielt er für den Schluß der »Proletarier« 12 Mark Banko, für »Luftschlösser« – 52 Mark. Dagegen mußte er für Kost und Logis monatlich 30 Mark an Richter bezahlen. Solche Honorare hätten einen festeren Charakter, als es Schiff war, moralisch verderben können; denn was er an Geld erhielt, damit würde sich heute kaum der letzte Reporter abfinden lassen. Natürlich mußte er trachten, sich andere Einkünfte zu verschaffen, und so begründete er unter Richters Beistand Mitte September 1851 in Altona ein politisches Volksblatt »Vetter Michel«, für dessen sechswöchige Redaktion er – 45 Mark erhielt. Von dieser Zeitschrift erschienen im ganzen elf Nummern, die zum größten Teil Schiff selbst schrieb. Wichtig sind darin jüdisch-politische Gespräche, wie solche in den Hamburger Zeitungen seit 1848 üblich waren. Die »Reform« brachte gelegentlich (1848–1851) Standreden und Briefe eines Isaak Moses Hersch aus Berlin über politische Angelegenheiten (mit stark antiösterreichischer Tendenz).

Schiff hat unter dem Titel »Schabbesschmuh der Familie Absatz« im »Vetter Michel« ständige Unterhaltungen des Kolporteurs Absatz, seiner Tochter Vögelche und Motje Schreiers eingeführt. Anfangs erschienen diese Gespräche unter dem Namen M. Cohen, in Nr. 3 des »Vetter Michel« gab sich aber Schiff als Verfasser zu erkennen. Es sind Klagen des Kolporteurs über die Lesebedürfnisse des Publikums, wobei Schiff diesen Stellung gegen das »junge Deutschland« nehmen läßt, das das Interesse für Romane vernichtet und proklamiert habe, jedes belletristische Werk müsse »Gesinnungen« enthalten. Die Ereignisse des Jahres 1851 werden ziemlich witzig glossiert, gegen Österreich sehr heftig Stellung genommen. Vögelche ist sehr gebildet, kennt Jean Paul und Goethe genau und wundert sich, daß Goethe in einer Zeit, wo alles verboten sei, nicht verboten werde, obwohl er gefährliche, anarchistische Grundsätze predige. Und sie staunt auch darüber, daß man die Schriften kleiner Literaten konfisziere, während die Goethes unbeanstandet bleiben. Sehr sonderbar findet sie es, daß man Kossuth in Österreich einen Galgen und in England eine Ehrenpforte baue, und ihr Vater erwidert: »Gönne Österreich den Galgen und England die Ehrenpforte«Dieser »Schabbesschmuh« erschien 1866 in Buchform bei Richter..

Eines langen Bestandes hatte sich der »Vetter Michel« nicht zu erfreuen. Im Oktober 1851 wurde er behördlich verboten und Schiff verhaftet. In Nr. 11 des »Vetter Michel« vom 21. Oktober befand sich nämlich unter der Überschrift »Unerhört, wenns wahr ist« ein Artikel, in dem ein Konflikt zwischen einem preußischen und einem in Rendsburg stationierten österreichischen Offizier erzählt und einzelne Bemerkungen daran geknüpft waren, die keine günstige Meinung von k. k. Offizieren erregen konnten. Infolgedessen wurde Schiff am 26. verhaftetÜber diese Verhaftung vgl. Varnhagens Tagebücher VIII, 397. und gleichzeitig die fernere Ausgabe des Blattes verboten. Bei der Hausdurchsuchung wurde (nach dem Bericht der »Reform« Nr. 87) nichts gefunden, zumal Schiff damals mit der »romantischen Volksbibliothek« beschäftigt war, deren Herausgabe er für Richter besorgen sollte.

Das Verbot machte (Bericht der »Reform« Nr. 88) großes Aufsehen, und man petitionierte (aber erfolglos) von allen Seiten um Wiedergestattung des Blattes. Als Verfasser des betreffenden Artikels im »Vetter Michel« meldete sich ein Advokat, Dr. H. Evers, in Hamburg (»Reform«, 88). Dennoch wurde Schiff erst am 25. November gegen eine Kaution von 1500 Mark, die Richter erlegte, aus der Haft entlassen, das Blatt aber blieb weiterhin verboten. Auf Schiff war die Hamburger Behörde nun nicht mehr gut zu sprechen, obwohl er nichts weiter getan hatte, als daß er den Aufsatz des Doktors Evers in sein Blatt aufnahm. Dennoch suchte man sich seiner zu entledigen, und am 23. Dezember 1851 wurde er aus Hamburg ausgewiesen. Natürlich war nur seine österreichfeindliche und radikaldemokratische Schriftstellerei Anlaß dieser unberechtigten Maßregel, die jedoch, da man in einer Republik gegen demokratische Anschauungen, die übrigens beinahe von der ganzen Hamburger Bevölkerung geteilt wurden, nicht öffentlich Stellung nehmen wollte, damit motiviert wurde, daß Schiff durch seine – Verheiratung mit einer Ausländerin sein Hamburger Bürgerrecht und damit den Aufenthalt in Hamburg verwirkt habe.

In der an Heine gerichteten Vorrede zu den »Luftschlössern« äußerte sich Schiff in sehr amüsanter Weise über diese Ausweisung. Er spricht darin zunächst Heine seinen Dank für die Anerkennung des »Schief-Levinche« aus und fährt dann fort:

»Ich will dir aufrichtig sagen, wer ich bin. Laut Dekret des Senats vom zwölften Januar achtzehnhunderteinundfünfzigEin Gedächtnisfehler Schiffs. Die Ausweisung war am 23. Dezember 1851 erfolgt. bin ich als geborner Hamburger aus Hamburg ausgewiesen.

Du wirst sagen, Ausweisungen aus Republiken sind klassisch. Themistokles, Miltiades, Cimon, Aristides usw. wurden aus Athen verwiesen, weil sie der Freiheit der Völker gefährlich schienen. Ich kann dir aber wirklich versichern, daß ich mich schämen würde, auf irgendeine Weise der Hamburger Freiheit gefährlich zu sein. Auch hat meine Ausweisung wenig Klassisches. Es wurde mir nicht einmal gestattet, Rekurs zu nehmen. Alle mir zustehenden Rechtsmittel wurden mir abgeschnitten mit dem Befehle: ›sofort Hamburg zu verlassen‹ und der Rekurs, den ich vom Auslande durch einen hiesigen Advokaten einreichen ließ, ward ignoriert.

Es gibt auch mittelalterliche Ausweisungen, namentlich von Gelehrten, und auch dazu ist die meinige leider nur ein seltsames Widerspiel.

Leibniz zum Beispiel wurde aus Leipzig verwiesen, denn der dortige Magistrat fand, daß er gefährliche Ideen habe.

Leibniz war damals, was man nach unseren heutigen Begriffen nennt, ein der Obrigkeit mißliebiges Subjekt.

Nun kann ich mich allerdings von dem Verdachte nicht reinbrennen, daß ich nicht bisweilen auch Ideen habe. Es sind aber nicht die Ideen der Zeit, diese sind gefährlich. Diese Ideen haben sich am sechsten März achtzehnhundertachtundvierzig bei dem Magistrate sehr mißliebig gemacht. Der Hamburger Senat müßte nach meinem Dafürhalten eher die Zeit mit ihren Ideen vom Hamburger Territorium verweisen als mich mit den meinigen.

Thomasius wurde ebenfalls aus Leipzig verwiesen, denn er schrieb gegen Hexenprozesse. Er eiferte wider das Bestehende.

Thomasius war damals, was man nach unseren heutigen Begriffen nennt, ein Wühler.

Ich aber bemühte mich, dem Bestehenden aus dem Wege zu gehen. Es ist mir zu langweilig, ich befasse mich lieber mit Luftschlössern, und Gedanken sind ja zollfrei. – Auch habe ich ein sehr zartes politisches Gewissen. Es gibt Stunden, wo ich es mir zum Vorwurf mache, in einer Stadt, die eine republikanische Verfassung hat, das erste Tageslicht erblickt zu haben. Mein Trost ist dann nur, daß ich, in einer jüdischen Familie geboren, mithin bescheidentlicherweise ohne Ansprüche auf Staatsämter zur Welt gekommen bin. Als am neunundzwanzigsten September achtzehnhundertneunundzwanzig das dreihundertjährige Jubiläum der Reform unserer republikanischen Verfassung gefeiert wurde, fühlte ich mich bewogen, Hamburg auf vierundzwanzig Stunden zu verlassen, um jeder Freude an republikanischen Formen aus dem Wege zu gehen.

Auch den Philosophen Wolf laß mich erwähnen, der aus Halle verwiesen wurde, weil man dem Könige Friedrich Wilhelm I. vorgestellt hatte, seine Lehren könnten die Potsdamer Grenadiere zur Desertion verleiten.

Wolf war damals in den Augen des Königs in Preußen, was man nach heutigen Begriffen einen Militäraufwiegler nennt.

Aber Novellen sind keine dogmatischen Sätze. Der Dichter schildert, aber lehrt nicht, und sämtliche Militärärzte des zehnten Armeekorps mögen meine Novellen prüfen, ob sie auch nur einen einzigen Hanseaten zum Desertieren verleiten können.

Kurz, meine Ausweisung hat auch nicht einmal etwas Mittelalterliches. Sie ist durchaus spezifisch-hamburgisch und unterscheidet sich von den Ausweisungen früherer Zeiten und fremder Staaten dadurch, daß der aus Hamburg verwiesene Hamburger gezwungen ist, in Hamburg zu bleiben . . .

Du wirst aber fragen: ›Woher kann man Hamburg als ausgewiesener Hamburger nicht verlassen?‹

Es hat damit folgende Bewandtnis. Als ich um einen Paß bat, um augenblicklich abzureisen, nicht um einen Kanzleipaß, wie ihn der geborene Hamburger erhält, sondern um einen Polizeipaß, den man jedem Fremden gibt, erhielt ich zur Antwort: »Ausgewiesene erhalten keine Legitimationspapiere.«

Da es mir unmöglich war, meiner Obrigkeit zu gehorchen, mußte ich allerdings bitten, meinen loyalen Gehorsam und guten Willen durch Zwangsmittel zu unterstützen.

Mein nächstes Ausland heißt Altona. Und bis dahin gab man mir einen einzigen Polizeidiener mit, der an der Grenze kehrt machte und wieder nach Hause ging. Als ich aber von der Altonaer Polizei eine Aufenthaltskarte verlangte, weil ich aus Hamburg verwiesen sei, wurde ich ausgelacht und augenblicklich wieder mit der Polizei zurückgeführt. Ich habe noch ein zweites Ausland, welches Harburg heißt, ein drittes Namens Wandsbeck, ein viertes Eimsbüttel und mehr dergleichen Ausländer. Auch nicht verwiesene Hamburger gehen bei schönem Wetter nach allen diesen Ausländern spazieren; mir aber wurde ein für allemal verboten, mich in den Ausländern blicken zu lassen, wenn ich nicht augenblicklich mit der Polizei nach Hamburg zurücktransportiert werden wollte.

Die Zwangsmaßregeln, welche meine Regierung in Anwendung brachte, waren offenbar viel zu schwach. Ein einzelner Polizeidiener, der mich bis an die Grenze bringt, ist zu wenig. Die ganze Bürgergarde, die ganze hanseatische Garnison, die Artillerie vom Dammtorwall und eine gefüllte Kriegskasse, dann könnte ich dem Beschluß meiner Obrigkeit im Auslande Anerkennung verschaffen.

Wie du weißt, lieber Heine, hat jeder Deutsche zweierlei Patriotismus. Einen allgemeinen für das große deutsche Vaterland und einen speziellen und konzentrierten für das engere spezifische, wenn dieses Vaterland auch nur eine Vaterstadt ist.

Nun glaubst du nicht, lieber Heine, was ein aus Hamburg verwiesener Hamburger bei diesem Konflikt des doppelten deutschen Patriotismus zu leiden hat. Ich bin ja nicht bloß der Obrigkeit meines engeren Vaterlandes meinen treuen Untertanengehorsam schuldig, sondern auch allen Obrigkeiten meines größeren, des gesamten deutschen Vaterlandes. Auf Befehl der Obrigkeit meines engeren deutschen Vaterlandes verlasse ich Hamburg mit aller Rührung, allen Dankgefühlen, mit der man aus solch einer von sechsundzwanzig Herren vortrefflich regierten Stadt scheidet. Und mit dem Stolz eines Deutschen, der noch einige dreißig andere Herren hat, betrete ich mein größeres und Gesamtvaterland, Altona. Dort wird mir befohlen, umzukehren und der Obrigkeit meines engeren Vaterlandes ungehorsam zu sein, hier wird mir befohlen, in mein größeres Vaterland zurückzukehren, um irgendeiner meiner vielen Obrigkeiten Gehorsam zu leisten. Kann man das von einem Deutschen verlangen?

Und ach! Hier in diesem Zimmer sitze und schreibe ich, ohne polizeiliche Erlaubnis dazu zu haben. Unter einem unlegitimen Obdach begebe ich mich nachts zu Ruhe, in ein unlegitimes Bette lege ich mich schlafen. Und ach! wie greift es meine Loyalität an, wenn ich Miete zahle. Dieses Sündengeld, womit ich mir Ungehorsam gegen meine Obrigkeiten erlaube! – Richard III. ist ein Knicker. – Ein einziges Königreich für ein Pferd! – Fünfunddreißig Bundesstaaten für eine Quadratelle deutschen Bodens, wo ein gewissenhafter Deutscher sich hinstellen kann, um sich auf dem Boden des Rechtes und Gesetzes zu erhalten.

Schon aus diesen Zeilen kannst du ersehen, welch ein Lokalschriftsteller aus mir geworden ist. Die Luftschlösser sind noch aus der früheren Periode. Bei der jetzigen trübseligen Jahreszeit und dem unwirtbaren geschichtlichen Boden ist fast nichts anderes als Luftschlösser zu haben.

Die sogenannte große deutsche Zeit, was hat sie anderes hervorgebracht als Luftschlösser?

Selbst das unbedeutende Portugal hatte seine große Zeit, die freilich auch nur sehr kurz war und spurlos dahinschwand, wie die große deutsche Zeit. Aber es hatte doch einen Dichter, der die Helden- und Kriegstaten seiner Völker besang.

Ich schildere nur Luftschlösser und Friedenstaten. Ich bin kein Camões, und das ist ein Glück.

Wenn ich die schleswig-holsteinischen Feldherren, die deutschen Grundrechte, den Gothaer Mittelmäßigkeitsverein, die deutsche Flotte, die Helden des passiven Widerstandes und der friedlichen Demonstrationen besingen sollte, es würde eine schreckliche Lustade werden.«

So heiter wie hier Schiff seine Ausweisung 1854 schilderte, war sie nicht. Da er sich dem Senatsdekrete nicht fügte, wurde er am 12. April 1852 verhaftet, weil er sich unberechtigt in Hamburg aufhielt. In einem Bericht an Sr. Hochweisheit Herrn Senator Meier, Dr. p. t., Patrono der Vorstadt St. Pauli, heißt es, »daß Schiff (51 Jahre alt), der von hier verwiesen ist, in der Gegend des Aktien-Theaters verhaftet wurde. Er wollte seine Wohnung nicht angeben, um die Leute, bei denen er sich heimlich aufhielt, nicht in Verlegenheit zu bringen.« Entscheidung: Verbot an den Arrestaten, sich wieder in Stadt und Geblet betreten zu lassen, welcher versprach, mit J. F. Richter vor dem Altonaer Magistrate zu erscheinen. Daraufhin wurde er mit Richter entlassen. Inzwischen war nämlich ein Brief Richters bei der Hamburger Polizei eingelaufen, worin er schrieb, daß er von Schiffs Verhaftung gehört und für ihn in Altona eine Kaution von 1500 Mark Bco. deponiert habe, welche ihm nicht früher ausbezahlt würde, bevor Schiff nicht in Altona verhört werden könne. Er bat, Schiff, den er seit vier Wochen vergeblich gesucht habe, zur Anhörung eines ihn betreffenden Erkenntnisses an den Magistrat zu Altona auszuliefern. Das geschah: Richter erhielt die deponierte Kaution zurück, und Schiff wurde in Altona entlassen.

Aber die Gefahr der Ausweisung und Verhaftung drohte ihm auch weiterhin, immer unter dem Vorwande, daß er unberechtigt eine Ausländerin geheiratet habe. Auf diese war der Hamburger Senat ebenfalls schlecht zu sprechen, zumal sie einen wenig einwandfreien Lebenswandel führte und ihren außerehelich geborenen Kindern immer wieder die Heimatsberechtigung in Schiffs Vaterstadt sichern wollte. Darüber erhob sich ein langwieriger Aktenwechsel zwischen dem sächsischen Ministerium des Äußeren und dem Hamburger Senat. Er ist ungemein lehrreich, weil er zeigt, mit welchen Nichtigkeiten sich deutsche Behörden monatelang beschäftigten, und wie ungerecht man gegebenenfalls vorging, um sich von einem unbequemen Menschen zu befreien. Schiffs Frau hatte schon 1843 und 1844 vergeblich versucht, für ihren Sohn einen Hamburger Heimatsschein zu erwerben. 1847 wurde auf ein neuerliches Ansuchen dekretiert, daß das Kind auf einen solchen keinen Anspruch habe, da Schiff als Vater wegen der Heirat sein Heimatsrecht verwirkt habe. 1854 erfloß indes eine günstigere und gerechtere Entscheidung in dieser kleinlichen Angelegenheit. Das königlich sächsische Ministerium des Äußeren schrieb damals an den Hamburger Senat:

»Luise Amalia Auguste geborene Leuthold hält sich gegenwärtig (11. November 1853) in Leipzig auf, und erscheint auch ihr Aufenthalt unbedenklich, so ist es doch nur unter der gewissen Voraussetzung der Fall, daß über die Staatsangehörigkeit derselben kein Zweifel obwalte, vielmehr solche gehörig festgestellt sei.

Da der Ehemann dieser Frau geborener Hamburger und sie von demselben nicht getrennt ist, so würde jene Staatsangehörigkeit sich hiernach einfach regeln, wäre nicht erinnerlich, daß, als im Jahre 1847 unter dem 29. Juli das unterzeichnete Ministerium in dem Falle war, den hochverehrlichen Senat der . . . Stadt Hamburg zu benachrichtigen, daß die hiesige königliche Regierung genötigt war, nächst anderen sogenannten Literaten auch den Doktor Schiff von Leipzig auszuweisen. Dagegen äußerte sich Hamburg am 20. Dezember desselben Jahres, weil sich Schiff 1841 zu Schkeuditz verheiratet habe, er dadurch sein Hamburgisches Heimatsrecht gesetzlich verloren und gehöre dem Hamburgischen Staatsverbande nicht mehr an. Die hiesige Regierung hatte an diesem Umstande damals kein Interesse. Jetzt aber wird es erforderlich, darüber Gewißheit zu erlangen.

Das unterzeichnete Ministerium vermag den Grund nicht einzusehen, weshalb Doktor Schiff lediglich wegen seiner Verheiratung mit einer Ausländerin seiner angeborenen Heimatsrechte verlustig gegangen sei. Wenn aber Schiff am 2. Mai 1848 (also lange nach seiner Verheiratung) ein Paß als Hamburger ohne allen Vorbehalt ausgestellt wurde, gleiches auch seiner Ehefrau gewährt wurde, so wäre zu schließen, daß die Wiedereinsetzung in seine früheren Rechte stattgefunden habe. Wäre dies der Fall, so gehört die Frau zum Manne und ist also auch Hamburgerin.

Königlich sächsisches Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, das mit Vergnügen zugleich auch diesen Anlaß benützt zu der erneuerten Versicherung seiner ausgezeichnetsten Hochachtung.«

Der Senat erwiderte am 5. Dezember, wie schon im Jahre 1847, »daß Schiff durch seine ohne Konsens der hiesigen Behörden erfolgte Verheiratung im Auslande seine hiesige Staatsangehörigkeit verloren und deshalb auch seine Frau kein Recht auf Hamburgische Staatsbürgerschaft habe. Schiff ist so wenig in seine Staatsbürgerrechte wieder eingesetzt worden, daß er im Juli 1852 polizeilich aus Hamburg ausgewiesen wurdeZum zweiten Male; die erste Anweisung war, wie ein vorhandener Senatsakt erweist, schon im Dezember 1851 erfolgt.. Seitdem ist von Schiff nichts wieder gehört worden, und deshalb kann der Senat über seinen Untertanenverband nichts angeben.«

Antwort des sächsischen Ministeriums vom 1. Februar 1854, daß es sich mit dieser Äußerung um so weniger abfinden könne, als dies mit dem zu Gotha abgeschlossenen Vertrage vom 15. Juli 1851 nicht vereinbar erscheine. Selbst wenn der Verlust der Hamburgischen Staatsbürgerschaft für Doktor Schiff unbestreitbar feststände, so müsse er nach § 1, lit. b, des Vertrages jetzt wieder rezipiert werden! Da die Gültigkeit der Ehe Schiffs unbestritten sei, gehöre seine Frau nach Hamburg. Nochmals verweist das Ministerium (das anscheinend nicht unvernünftig war) darauf, daß Schiff einen Paß bekommen habe, ebenso wie seine Frau.

Am 3. Februar 1854 fragte der Senat bei der Polizei an, ob sie den beiden wirklich Pässe ausgestellt habe. Daraufhin wurde aus dem Akt vom 29. Oktober 1849 von der Polizeibehörde an den Senat berichtet: »Die Erteilung des Passes war ›offenbar‹ nur dadurch möglich, daß Schiff den Verlust seiner Heimatszugehörigkeit verschwiegen hatte, und auch der Zeuge, der mit dabei war, vielleicht in Unkenntnis der staatsrechtlichen Folgen dieser Heirat, davon auf der Polizei nichts gesprochen hatte. Eine rechtliche Wirkung hat ein auf solche Weise gewonnener Heimatspaß nicht.«

Dennoch erging an das sächsische Ministerium des Äußern der einzig korrekte Bescheid vom 13. Februar 1854: »Der Senat verkennt nicht, daß nach dem Gothaer Vertrag die Verpflichtung bestehe, Schiff und seine Frau als heimatsberechtigt anzuerkennen.«

Der mitgeteilte Aktenwechsel beweist hinreichend, mit welch kleinlichen Mitteln Schiff gehetzt und gequält wurde. Obwohl man ihm rechtlich nichts anhaben konnte, drangsalierte man ihn jahrelang mit Verhaftungen, bis man endlich nicht mehr »verkannte«, daß man ein Unrecht an einem hilflosen Menschen begangen habe. Gutgemacht wurde dieses Unrecht freilich nie; die seelischen Qualen, die es Schiff bereiten mußte, erhöhten nur seine Widerstandsunfähigkeit. Der Alkoholgenuß, dem er immer schon gefrönt hatte, nahm jetzt in erschreckender Weise zu. Man darf Schiff deshalb nicht verdammen; wer vom Schicksal so ungerecht getreten wird, wie er, dem beginnt allmählich der Sinn für ein »moralisches« Leben zu schwinden.

Übrigens beschäftigte die Frage der Heimatsberechtigung der Gattin Schiffs den Hamburger Senat noch jahrelang. Daß die des Mannes zurecht bestehe, hatte man – durch das sächsische Ministerium sehr energisch belehrt – widerwillig zugeben müssen. Anders stand es mit der Frau, die man um keinen Preis als Hamburgerin gelten lassen wollte. Am 24. März 1853 gebar sie in Mainz ein Kind, Hermine Johanna Elisabetha Luise, das evangelisch getauft und, wie ein Senatsakt vom 19. Februar 1855 sagt, von ihr als ehelich bezeugt wurde. Der Senat forderte nun – – Schiff auf (!), alle Schritte zu tun, um das öffentliche Register der Stadt Mainz rektifizieren zu lassen, da er ja 1852 nirgends mit ihr zusammengetroffen sei und deshalb nicht der Vater dieses Mädchens sein könne.

Schiff erklärte zu Protokoll, daß er sich von seiner Frau ganz kurze Zeit nach seiner Hochzeit getrennt habe und mit ihr nie wieder zusammengetroffen sei. Einmal habe er sie auf der Gasse gesehen. Aufgefordert, Schritte zu tun, um das Taufregister zu berichtigen, erklärte er sich dazu bereit.

In dem Gesuch an den Senat bat die Gattin Schiffs um Anerkennung ihrer Heimatszugehörigkeit für sich und das Kind nach Hamburg, da ihr die hessische Polizei in Mainz einen Heimatsschein für das Kind verweigert habe. Das Kind wurde, wie aus dem Gesuch (Leipzig, 29. Januar 1855) hervorgeht, aus Leipzig ausgewiesen (mit zwei Jahren!!), weil es keine Heimatsberechtigung in Leipzig hatte. Schiffs Frau klagt, daß sie kaum zu leben habe und das Kind schwer erhalten könne. Sie bezieht sich darauf, daß das Kind zwar unehelich sei, aber »pater est, quem iustae nuptiae demonstrant

In einem Dekret an die Polizei in Potsdam (2. Juni 1854) erklärte der Senat von Hamburg, daß weder Schiff noch seine Frau in Hamburg heimatsberechtigt seien, sondern nur gemäß dem Gothaer Vertrag übernommen werden mußten. Eine Übernahme des Kindes, das unehelich sei, erkenne der Hamburger Senat nicht an.

Die Mainzer Polizei (8. September 1854) behauptete, daß das Kind, solange Schiff seine Vaterschaft nicht leugne, nach Hamburg zuständig sei. Erst wenn Schiff die Vaterschaft aberkannt werde, könne an eine Heimatsberechtigung in Mainz gedacht werden.

1855 war Schiffs Frau als Sängerin in Lübeck engagiert und wendete sich neuerdings an den Hamburger Senat mit der Bitte um einen Heimatsschein für das Kind. – Mit Dekret vom 19. Februar 1855 wurde ihr wieder bedeutet, daß, da die uneheliche Geburt des Kindes erwiesen sei, dieses in Hamburg nicht als heimatsberechtigt angesehen werden könne.

1860 war sie in Flensburg. Sie klagte in einem Briefe an den Senator Blumenthal in Hamburg Schiff an, daß er für das Kind und für sie nichts tue! Sie bat neuerdings um einen Heimatsschein für das Mädchen, das in der Leipziger Schule ohne diese Papiere nicht aufgenommen werde. Dieser Brief macht übrigens sonst keinen ungünstigen Eindruck. Sie sei bereit, ihrem Kind ein besseres Los zu bereiten, als sie selbst hatte, der ihr Mann alle möglichen Hindernisse in den Weg lege, und wolle nicht, daß es mit dem Theater in Berührung komme, sondern daß es eine einfache bürgerliche Erziehung erhalte.

Auch dieser Brief erhielt einen ablehnenden Bescheid, der freilich widerrechtlich war. Da niemand da war, der sich der Frau und ihrer zwei Kinder angenommen hätte, konnte der Hamburger Senat seiner Willkür freien Lauf lassen. –

Für Schiffs Produktion waren die Jahre aufreibenden Kampfes mit den Hamburger Behörden begreiflicherweise von größtem Nachteil. Er gab im Dezember 1854 ein kurzlebiges Blatt »Der freie Hamburger« heraus, plante die Gründung einer »Romantischen oder Norddeutschen Volksbibliothek«, die aber nicht von ihm, sondern von Otto Koch ins Leben gerufen wurde, und schrieb gelegentlich Novellen, die, da ihm damals alle Zeitungen verschlossen waren, nur in Buchform an die Öffentlichkeit traten. Von Bedeutung ist in mancher Hinsicht die 1855 bei Hoffmann und Campe erschienene Tanznovelle »Die Waise von Tamaris«.

Sie enthält vier deutlich erkennbare Motive. Ihr Beginn verfällt ganz in den Ton und Stil Balzacs, von dem sich Schiff eigentlich niemals recht frei machen konnte. Ein Souper, das einer berühmten Tänzerin gegeben wird, vereinigt ein paar Kavaliere in einem vornehmen Hotel. Die Schilderungen stehen gänzlich unter dem Einflusse Balzacs, die betonte Hervorhebung von Einzelheiten in der Beschreibung der Schönheit der Tänzerin, ihres Kostüms und ihrer Erscheinung ist nichts anderes als eine Nachbildung der Manier des Franzosen. Das zweite Motiv stammt aus »Schief-Levinche«: Ein armes Bauernmädchen aus der Provence steht einem berühmten Maler Modell für ein Altarbild. Es wird gegen den Willen seiner Pflegeeltern Tänzerin und bringt es darin zur höchsten Vollendung. Damit hängt das dritte Motiv zusammen: Eingehende Ballettschilderungen, die bis ins Kleinste und Feinste ausgeführt sind. Schiff schildert mit der minutiösesten Genauigkeit die Art des modernen Ballettanzes. Aus dieser Novelle geht mit unwiderleglicher Deutlichkeit hervor, daß er selbst auf diesem Gebiete tätig gewesen sein müsse. Denn soviel genaueste Fachkenntnis kann nur jemand aufbringen, der selbst seine Balletterlebnisse hinter sich hat. Schiff gibt die eindringlichsten Schilderungen von der Art verschiedener Tänzerinnen, ihre Rollen aufzufassen und durchzuführen, beschreibt ausführlich die Effekte, die sie beim Tanzen erzielen, und klagt über die immer mehr verfallende Kunst des Charaktertanzes. Viertens aber, und das ist der Hauptpunkt in der Novelle, schildert er eine fiktive Aufführung des Faustballetts von Heine. Zu diesem Zweck scheint die Novelle auch geschrieben zu sein, und vielleicht ist sie im Auftrage Campes verfaßt worden, um Bühnen zu animieren, das ursprünglich für den englischen Direktor Lumley verfaßte Ballett auf einer deutschen Bühne zur Darstellung zu bringen. Schiff erweist sich als vortrefflicher Regisseur, der wirklich geschickt die Schwierigkeiten, die sich dem technisch kaum zu bewältigenden Problem der Inszenierung von Heines Buch entgegenstellen, bewältigt. Er feiert in begeisterten Worten Heines Tanzgedicht als den Höhepunkt aller Ballettkunst: nur dieses Werk sei geeignet, dieses darniederliegende Kunstgebiet zu reformieren und ihm neues Leben einzuhauchen. Das gibt der übrigens auch sonst lebendig und frisch geschriebenen Novelle, in der vielleicht nur die allzu breit ausgemalten Ballettbeschreibungen ein wenig stören, weil sie den Fluß der Darstellung zu sehr unterbrechen, ihre besondere Bedeutung. Denn damit ist die Erzählung ein Freundschaftsdokument seltenster Art, aus dem Schiffs warmes Eintreten für den Genossen seiner Jugend und ein Werk von diesem, das sich nicht selbst Boden bereiten konnte, spricht.

Was in der »Waise von Tamaris« an rein novellistischen Vorgängen vorhanden ist, mutet weniger erfreulich an. Die Rivalität zweier Tänzerinnen und die Parteiungen, die sie in einem Duodezhauptstädtchen hervorrufen, sind ein stark abgebrauchtes Motiv. Nur daß Schiff es, wie es nun einmal in seiner Natur lag, nicht zum Guten wendet, sondern tragisch ausgehen läßt, indem die eine Tänzerin (die uneheliche Tochter eines reichen englischen Lords, der zu ihren Gunsten sogar die Regierung der Stadt, wo sie engagiert ist, mobilisiert) nach einer unvergleichlichen Kraftanstrengung auf der Bühne eines erschütternden Todes stirbt. Diesen tragischen Schluß verträgt die Geschichte nicht, die sich in einem so heiteren Milieu, wie es das des Balletts ist, abspielt. Aber als Tendenzwerk, das warm für den damals noch immer als gefährlich geltenden Heine eintritt, tut sie ihre volle Wirkung. –

»Zwei Novellen«, die 1856 im Hamburger Verlagskontor erschienen, sind Zugeständnisse an den Zeitgeschmack, der an Kurtisanenromanen Gefallen fand. In Wien und in Hamburg war damals dieselbe Mode im Schwange; Eduard Breier und Hermann Schiff waren dort und hier auf diesem Gebiete tätig. Diese Vorliebe für das Dirnenmilieu erklärt sich aus der Zeitströmung; man war leichtlebig geworden, huldigte sinnlichen Vergnügungen und wollte deshalb auch in der Literatur den Lebensgenuß dargestellt sehen.

Für verhüllte Erotik hatte Schiff immer seine Vorliebe. Ein leiser Zug von Sinnlichkeit durchzieht die meisten seiner Werke; er kokettiert aber immer nur mit der Darstellung der Lüsternheit, ohne sie deutlich zu Worte kommen zu lassen. Das erregt den Eindruck der Kälte. Schiff hat nicht den Mut, die Situationen – gewiß nicht breit auszumalen, was ja immer unkünstlerisch ist – aber sie leuchtend und zündend zu gestalten. Und immer ist das Laster bei ihm verschämt. Der Typ »Kameliendame« begegnet immer wieder. Gutherzig sind sie alle, die gefallenen Mädchen, die nicht innerer Notwendigkeit gehorchend Kurtisanen wurden, sondern gegen ihren Willen sanken. Und ein rechtes Stück Edelmut haben sie sich auch bewahrt. In einer dieser »Zwei Novellen« »Ballkleid und Demantschmuck« und in einer zehn Jahre später veröffentlichten »Das koschere Haus« finden sich beinahe dieselben Situationen und Gestalten, und merkwürdigerweise sind es immer Juden, die die Mädchen zu Falle bringen, denen diese aber gewaltig imponieren. In beiden Geschichten sind es Bankierhäuser, deren Geschicke von den gefallenen Mädchen beeinflußt werden. Schiff hält mit seiner Ansicht darüber nicht hinter dem Berge. Er verargt es den Juden, daß sie zu den Christinnen emporblicken, daß der Neuisraelitismus sie auf eine schiefe Bahn geführt hat, wobei sie ihr besseres Selbst verloren und in abenteuernde Gesellschaften gerieten. »Das koschere Haus« enthält übrigens in seiner Grundlage eine wirksame Satire. Es ist ein Tempel, nachdem es früher ein Tanzlokal zweifelhaftester Art gewesen war, in dem Dirnen mit Lebemännern Orgien feierten. Auch sonst ist dieses Werk Schiffs von funkelnder Satire erfüllt, namentlich über die Tugendschwärmerei der Judenknaben zu Beginn der zwanziger Jahre macht er sich lustig. Sie sind alle keusch, tragen langes, gescheiteltes Haar und den Hals entblößt, einen altdeutschen Rock mit gesticktem, übergeschlagenem Hemdkragen, und ihre Hauptbeschäftigung ist das Turnen. Damals galt es für schimpflich, der Sinnenlust zu frönen; die Kraft gehörte nur dem Vaterlande.

Ausgezeichnet sind die jüdischen Bankierstypen, wie sie Heine kaum besser gezeichnet hat. Gumpelino kehrt im »koscheren Haus« und »Ballkleid und Demantschmuck« wieder. Diese Juden sind gefräßig, sinnlich, ungeniert; sogar vor ihren Frauen und Kindern verfolgen sie die Christenmädchen. Ihnen opfern sie gerne viel Geld. Der Vater des Helden Emanuel im »koscheren Haus« freut sich sogar, daß sein Sohn mit einer Kurtisane eine Nacht verbrachte, statt ihm deswegen Vorwürfe zu machen. Ein feiner Zug ist es, wie der alte Arzt des Hauses alles ins Geleise bringt: er meint, daß der junge Mann lange genug keusch gewesen sei, heiraten dürfe er das gefallene Mädchen nicht, aber zu seiner Geliebten dürfe er es machen und reich aushalten. Wie der Jüngling dem Mädchen, das ihm nicht angehören will, weil es seine Eltern achtet, einen ausfälligen Brief schreibt und es gemein beschimpft, das ist von Schiff gut motiviert. Es ist der Aufschrei eines jungen Menschen, in dem zum ersten Male die Sinnlichkeit erwacht ist.

Technisch ist »Das koschere Haus« wiederum durch Binnenerzählungen verunstaltet. Zwei Jugendfreunde treffen sich nach vielen Jahren, und der eine erzählt dem anderen die Geschichte des koscheren Hauses, in dem er als junger Mensch bittere Liebeserfahrungen sammeln mußte.

»Redlichkeit und Schwindel«, in den »Zwei Novellen«, ist eine Kolportagegeschichte schlimmster Art. Ein verschuldeter Graf, der einen verbrecherischen Spießgesellen hat, rettet einem Hamburger Bankier und seiner Frau, deren Pferde sie in einen Abgrund zu werfen drohten, das Leben und wird dafür von ihnen finanziell gerettet, wobei sich die Frau, in die sich der Graf verliebt hat, als tugendhaft erweist. Horchen, scheuende Pferde usw. sind die Requisiten, die der Verfasser gebraucht, um diese Geschichte, die zu Schiffs schlimmsten Streichen gehört, zu inszenieren. Sehr wichtige Ausführungen über die »Gesinnungspoesie«, über den mangelnden Mut der Deutschen zu Taten, während sie sich nur an Worten berauschen, machen nebst Ausfällen auf die Übersetzungsliteratur und die Leihbibliothekenromane, deren schlimmsten einen er freilich selbst gerade in »Redlichkeit und Schwindel« verfaßt hat, den geringen Wert des Romans aus.

Wegen solcher künstlerisch verfehlten Produkte aus dieser Zeit darf man mit Schiff nicht hart rechten; denn er war in drückendster Notlage, die allmählich so arg wurde, daß er sich zu einem Schritte entschließen mußte, der wohl zu den erbarmungswürdigsten seines entsagungsreichen Lebens gehört. Anfangs 1857 ließ er sich nämlich in das Hamburger »Werks- und Armenhaus« aufnehmen, wo er nahezu fünf Monate verbleiben mußte. Das vielsagende Protokoll über diesen verzweifelten Schritt lautet:

Auszug
aus dem »Aufnahme-Register
des
Hamburgischen Werk- und Armenhauses«
Band: M I 1853/1865
Nr. 397

Aufnahme: 19. Februar

Datum: 1857

Name: Schiff, David Hermann, lebt getrennt von: Louise Amalie geb. Leutholdt, Schauspielerin, gegenwärtig engagiert in Bremerhaven

Eltern: Tot. Hertz Bendix Schiff, Manufakturwarenhändler en gros, Ester, geb. Oppenheim

Alter: 57 Jahre

Geburtsort: Hamburg

Wohnort oder Schlafstelle: Johannisbollwerk Nr. 29 bei Gastwirt Baumgarten

Gewerbe: Dr. phil. und Schriftsteller

Ursache der Aufnahme: Verarmt

Datum der Entlassung: 8. Juli 1857

Behörde, welche den Hospitant zugesandt: Polizei (vide Poliz.-Buch. pag. 237)

Religion: Geborener Jude, später: lutherisch getauft

Bemerkungen b. d. Aufnahme: Nicht in Totenladend. h. nicht in einer Leichenversicherung.

Bemerkungen b. d. Entlassung: Entlassen mit Genehmigung der Polizei

Eines Kommentars bedarf dieses Dokument des Elends nicht. Interessant ist, wie sich die Öffentlichkeit diesem Ereignisse gegenüber verhielt. Die Berichte des Hamburger »Freischütz« orientieren darüber.

Nachricht vom 17. Februar 1857 (Nr. 21): Ein hiesiger Schriftsteller, welcher in der Literaturgeschichte einen achtenswerten Namen besitzt, hat sich dem Vernehmen nach wegen momentaner gänzlicher Mittel- und Obdachlosigkeit genötigt gesehen, um die Aufnahme in eine milde Stiftung anzusuchen, und soll man an betreffender Stelle auch geneigt sein, diesem Verlangen zu entsprechen. Es ist höchlichst zu bedauern, daß eine mit seltenem Talente begabte Persönlichkeit durch die Verhältnisse bis zu einem solchen Schritte heruntergedrückt ist.

Nachricht vom 10. März: Herr Dr. Hermann Schiff, welcher, wie wir bereits vor längerer Zeit berichteten, um Aufnahme in das Werk- und Armenhaus nachgesucht, hat daselbst wirklich seinen Aufenthalt genommen.

Nachricht vom 24. März (Nr. 36): Dr. Schiffs Aufenthalt im »Werk- und Armenhaus« ist mit großer Schnelligkeit in alle deutschen Zeitungen übergegangen und hat überall eine unangenehme Sensation hervorgerufen. Die Augsburger Allgemeine Zeitung widmet dem bedauernswerten Schriftsteller bei dieser Gelegenheit einen längeren Artikel, der mit den beherzigenswerten Worten schließt: »Vielleicht dienen diese Zeilen dazu, auf diesen beachtenswerten Fall die Augen jener Männer hinzulenken, die gegenwärtig an der Spitze der Schillerstiftung oder des Leipziger Schriftstellervereins stehen, falls dieser noch existiert. Im Interesse der Literatur ganz Deutschlands wäre zu wünschen, daß hier von jenen Vereinen etwas geschähe, um einen Mann von Geist nicht am geistigen Hungertod sterben zu lassen, in einem Haus, das ihn zwar gegen Wind und Wetter schützt, ihm aber nicht diejenige Speise geben kann, die ein begabter, wissenschaftlich gebildeter Mann, ein produzierendes Talent zu beanspruchen das Recht hat.« Die Schriftstellerstiftung zählt auch in Hamburg ihre Vertreter, denen es leicht werden müßte, eine Summe aufzubringen, um Schiff in ein Hospital einzukaufen.

»Ein Besuch im Werk- und Armenhaus bei Herrn Dr. Schiff« (»Freischütz« 1857, Nr. 54). Am Sonntag und Mittwoch ist es erlaubt, einen Inwohner des Werk- und Armenhauses zu besuchen. Ich fühlte mich in der Seele des unglücklichen Schriftstellers gedemütigt, als ich den Raum betrat, in welchem er sich befand. Er hat kein eigenes Zimmer, sondern muß es mit zwanzig Personen teilen, worunter einige krank sind. Mag der geistvolle Mann durch verkehrte Lebensweise sein Herabkommen veranlaßt haben – diese sich selbst auferlegte Strafe ist zu hart. Daß er in seiner Buße ohne Hilfe gelassen wird, kann nur in Deutschland geschehen. In Hamburg, dem wohltätigen, gesinnungstüchtigen Hamburg, sollte auch ein versunkenes Talent nicht in solcher Umgebung gelassen werden, wo ein Aufrichten, ein neues geistiges Schaffen zur Unmöglichkeit wird. Der Schriftsteller im Werk- und Armenhaus, der nur an sich selbst fehlerhaft handelte, gereicht uns keineswegs zum Lobe. Es leben genug Personen unter uns, die Schiffs treffliche Novellen mit Vergnügen gelesen haben; ist ihnen der Verfasser nicht wert, daß sie ihn aus der auf ihm lastenden Schmach erlösen und den sich reich belohnenden Versuch anstellen, ihn der bürgerlichen Gesellschaft zurückzugeben? Er darf nur einmal im Monat ausgehen, wie muß seine Seele verkümmern inmitten von dem, was er sieht und hört? Welch schöne Anstalten hat England! Wie sorgen die Franzosen, die Dänen für ihre begabten Landeskinder! Schiff hat nur zum Trunke gegriffen, sich in seiner Not zu betäuben, sein Ehrgefühl abzustumpfen, weil er mit all seinem Wissen ein Bettler sein muß. Tätigkeit unter streng sittlichem Regime kann ihn retten. Und man läßt ihn im Werk- und Armenhause! Mich befiel eine mit Unwillen gepaarte Wehmut, als ich den auf der Universität graduierten Hamburger Mann in Holzpantoffeln mir entgegenkommen sah. Seine Bratsche hat er wieder, freilich, aber wo läßt er ihre Saiten erbeben? Die klagenden Töne sollten durch die Mauern der Zuchtanstalt dringen, zu den Ohren derjenigen, welche ihm helfen könnten und es nicht der Mühe wert finden, ihm zu helfen. Vielleicht spräche die jammernde Melodie an ihr Herz, da es nicht gerührt wird durch das, was Schiff geleistet hat, durch seine Bildung und seinen Jammer.

»Freischütz« Nr. 58: Infolge der neuesten Schicksale des Dr. Hermann Schiff hat sich das Publikum wie gewöhnlich wieder mehr den Werken des Autors als ihm selbst zugewendet. Wir machen daher auf seine neuesten Produktionen, die im vorigen Jahre im Verlagskontor erschienenen Novellen »Ballkleid und Demantschmuck« und »Redlichkeit und Schwindel« aufmerksam. Schiff beschäftigt sich darin mit der Demimonde der deutschen Handelsstädte, die er zum Hintergrunde seiner Erzählung wählte. In beiden Erzählungen werden eine Anzahl früherer Hamburgischer Persönlichkeiten mit Geschick in die Szene gesetzt. Die Schilderung ist in beiden Novellen dramatisch, lebendig und spannend. Die Charaktere sind anschaulich und scharf gezeichnet, die Situationen größtenteils ursprünglich ungesucht. Die Novellen bilden indes keine Lektüre für junge Mädchen; sie atmen eine gewisse Frivolität, welche schon welterfahrenere Gemüter und verwöhntere Gaumen voraussetzt.

»Freischütz«. 7. Juli, Nr. 81: Dr. Schiff wird seinen Aufenthalt im Werk- und Armenhause demnächst mit einem angenehmeren Asyle vertauschen. Durch eifrige Bemühungen und reichlich gespendete Geldbeträge mehrerer hiesiger Einwohner ist eine Summe aufgebracht worden, welche hinreichend ist, dem Schriftsteller, welchem in Neumünster ein Domizil ausgewirkt wurde, eine sorgenfreie Existenz zu bieten. – –

Eine erschütternde Schilderung aus dieser Lebensperiode Schiffs entwirft Hebbel in einem Brief an Christine (Briefe, VI, 24). Er lernte Schiff am 1. Mai 1857 (also während er noch im Armenhause wohnte) in Campes Laden kennen. Schiff wollte ihm nicht die Hand geben, weil er kein freier Mann sei, sondern zu den Leuten gehöre, die auf dem Stadthause ihre Konsorten suchen. (Vgl. auch Varnhagens Tagebücher XIII, 347.)

Von allen Seiten war man bemüht, Schiff jetzt emporzuhelfen: zwar konnte der deutsche Schriftstellerverein wegen seiner beschränkten Mittel nur zehn Taler spenden, aber der Redakteur der Leipziger »Modenzeitung«, Diezmann, erbot sich brieflich, eine Novelle Schiffs abzudrucken, und auch die Redakteure anderer Blätter erinnerten sich wieder des Vergessenen. Namentlich Richter nahm sich Schiffs wirksam an; er machte ihm seine »Reform« neuerdings zugänglich, der Schiff nun durch drei Jahre Beiträge lieferte. Seine wirksamste Hilfe erhielt Schiff nach der Gründung der deutschen Schillerstiftung, die ihn seit 1862 unterstützte (vgl. Goehler, »Die deutsche Schillerstiftung«, I, 82), weshalb sie aber in den Zeitungen angegriffen wurde (Goehler, I, 118). Auch Heines Verwandte sollen über seinen noch auf dem Totenbette ausgesprochenen Wunsch Schiff unterstützt haben. Am wichtigsten für ihn wurde es aber, daß er nunmehr freies Feld für die Veröffentlichung seiner literarischen Arbeiten hatte. Zu seinen Gunsten erschien 1858 ein von Friedrich Wilibald Wulff herausgegebenes »Novellenbukett«, in dem sich neben zwei alten eine neue Erzählung Schiffs »Der Fibelphilosoph« findet.

Sie enthält eine heftige Anklage gegen das Züchtigungssystem, wie es damals in den niederen Volksschulen geübt wurde, wo die Lehrer unschuldige Kinder blutig schlugen und sich auf andere Weise weder Ruhe noch Respekt zu verschaffen wußten. In dieser Novelle findet sich wieder das von Schiff so oft dargestellte Spielermilieu: Der reiche Bauer, der all sein Geld vertut, und der Sohn, der dem Vater vorlügt, er habe in der Lotterie gespielt und dabei Geld gewonnen, während er in Wahrheit nur von dem Gelde sparte, das er für seinen Lebensunterhalt bekam. (Dasselbe Motiv wie in »Glück und Geld«.)

In einer »Norddeutschen Volksbibliothek«, die Schiff 1858 im Altonaer Verlagsbureau ins Leben treten lassen konnte, befindet sich im ersten Bande eine Neubearbeitung seines »Gevatter Tod« unter dem Titel »Regina oder das Haus Totenstein«, im zweiten als Fortsetzung eines schon 1849 begonnenen Unternehmens »Die englische Revolution im Jahre 1687«. Der dritte bis fünfte Band enthält eine Übersetzung eines angeblich von Paul de Kock herrührenden Romans »Die Verschwörung in Paris«. Der sechste und siebente Band endlich »Clarinette oder die fahrenden Sänger. Ein Seitenstück zur ›Cerisette‹ des Paul de Kock.« Es sind durchwegs bedeutungslose Bücher, die von dem Verleger veröffentlicht wurden, weil sich das Leserinteresse Schiff nach seiner Aufnahme in das Armenhaus im stärksten Maße zuwandte. Von Band drei an scheint die Sammlung von Schiff nur herausgegeben worden zu sein, wenn man geneigt ist, diese Annahme, die auf Kaysers Bücherlexikon zurückgeht, überhaupt gelten zu lassen. Daß Schiff an den Bänden drei bis sieben irgendwelchen literarischen Anteil gehabt hätte, möchte ich keinesfalls annehmen, so sehr dafür einige Umstände sprechen. Zunächst der, daß eine »Verschwörung in Paris« von Paul de Kock nicht existiert, die der Übersetzer »nach dem Manuskript« bearbeitet haben will. Daß Kock dem Altonaer Verlagsbureau sein Manuskript übersandt hätte, ist kaum glaublich; es läge also ein Analogiefall zu den Balzac-Verfälschungen vor, indem der Übersetzer hier ein eigenes Werk als Übersetzung eines Paul de Kockschen ausgegeben hätte. Dann aber könnte auf Schiff als Autor namentlich eine Stelle im zweiten Teile des Romans (Seite 123) schließen lassen, weil dort nämlich über Paul de Kocks literarische Manier gesprochen wird, wie Schiff in den Balzacnovellen Balzac über sich selbst Urteile abgeben ließ. Und wenn endlich Paul de Kock ein »französischer Clauren« genannt wird, so erinnert man sich der oft betonten Abneigung Schiffs gegen Claurens Schriftstellerei. Aber all dem steht der brutal unterstrichene erotische Inhalt des Romans entgegen, der zu Schiffs sonstiger Schreibweise gar nicht passen will. So indezent und unverhüllt »pikant« – oft widerlich sexualorgiastisch – war seine Schriftstellerei niemals. Wenn das Werk also wirklich von Schiff wäre – er ist weder als Autor, noch Übersetzer, noch Herausgeber darauf genannt – dann hätte er sich damit zum Soldschreiber letzten Ranges degradiert. Und das möchte ich von Schiff, der seine Überzeugungen niemals so wesentlich verleugnete, nicht annehmen.

Endlich aber kommt als ausschlaggebender Umstand hinzu, daß Schiff in einer seinem Romane »Die Aristokraten« (1860) angefügten »Warnung« gegen das Altonaer Verlagskontor, in dem diese Paul de Kock-Bearbeitungen erschienen waren, heftig Stellung nahm. Er beschuldigte es, daß es unberechtigt »Neueste Novellen vom Verfasser des ›Schief-Levinche‹ ankündige«, worunter nur »Die Verschwörung in Paris« und »Cerisette« gemeint sein können. Dieses Altonaer Verlagskontor habe seine Mysterien (eine sichtliche Anspielung auf die »Verschwörung in Paris«), indem es Paul de Kocks Namen in unlauterer Weise benutze. Eine solche Warnung konnte wohl nur jemand erlassen, der, wie es Schiff auch behauptete, mit dieser »Verschwörung in Paris« nie etwas zu tun gehabt hatte.

Auch die Zeitungen brachten jetzt eine Reihe seiner Dichtungen, namentlich die »Reform«, die 1858 (Nr. 76–84) seine jüdische Novelle »Die wilde Rabbizin« – sie wird in anderem Zusammenhang besprochen – und in demselben Jahre (Nr. 118–139) sein größtes Werk aus dieser Zeit »Die Aristokraten« publizierte. (In Buchform 1860 erschienen, eine zweite Auflage unter dem Titel »Damenphilosophie« 1865.) Die verschiedenen Formen der Aristokratie, Geld-, Geistes-, Geburtsadel, werden darin geschildert, und unter dem Namen Brausewald charakterisiert sich Schiff selbst. Er ist durch finstere Kabalen gezwungen worden, aus der Residenz zu fliehen, und wird von einem Grafen auf sein Schloß genommen, wo er seine Damenphilosophie schreibt, d. h. richtiger: abschreibt, indem er ein Tagebuch des Grafen, das philosophische Themen bespricht, abschreibt und unter dem Namen des Grafen herausgibt. Das Buch erregt Aufsehen und erwirbt nach vielen Unannehmlichkeiten dem Grafen die Gunst eines reichen Judenmädchens, das er heiratet.

In dem zweiten Teile des Romans ist eine Episode »Die schöne Beterin« (schon 1852, Nr. 92–98 in der »Reform« unter dem Titel »Thusnelda« veröffentlicht) von besonderem Interesse.

Ein Maler Castor verliebt sich in Thusnelda, die Tochter eines Konditors, und malt sie als Beterin, sie verlieben sich ineinander und verloben sich heimlich: der Vater des Mädchens hat im voraus seine Zustimmung gegeben, daß es heiraten dürfe, wen es wolle. Diese Geschehnisse der Episode verflechten sich wie im »Wilhelm Meister« (Episode von der schönen Seele) mit den Vorgängen des Romans. Bankier Ruhland verkehrt bei dem Konditor und will Thusnelda heiraten. Ihr Bild kommt in die Kunstausstellung, macht höchstes Aufsehen (Motiv der »ballspielenden Katze«) und bringt dem Maler ein vierjähriges Reisestipendium. Der Vater sieht die Werbung Ruhlands gerne und zettelt eine Intrige ein, um das Mädchen von Castor abzubringen, indem er ihn bewegt, ihm das Preisbild zu verkaufen und heimlich abzureisen, ohne seine Braut wiederzusehen. Der schwache Mensch geht darauf ein, da er glaubt, der Konditor meine es ehrlich mit ihm. Dieser läßt einen Abschiedsbrief des Malers fälschen, worin dieser Thusnelda aufgibt und ihr rät, sich einen reichen Mann zu nehmen. Sie glaubt den Betrug, und als sie ihr Vater eines Tages öffentlich ohrfeigt, wird sie Ruhlands Gattin, da sich dieser ihrer annimmt und auch das Bild Castors an sich gebracht hat. Als der Maler auf der Reise nach Paris von der Heirat Thusneldas hört, begeht er Selbstmord. Nach Jahren, als Thusneldas Vater gestorben ist, entdeckt sie den echten Abschiedsbrief des Geliebten, was sie beinahe tötet. Sie wird indes gesund und lebt fortan nur ihrer Tochter, deren Heirat mit ihrem geliebten Baron sie durchsetzt.

Der Roman ist unendlich kompliziert und buntscheckig. Viele historische Reminiszenzen sind in die Handlung verflochten, ebenso national-ökonomische Exkurse über die Macht des neuerstandenen Geldadels, der sich alte Adelsgeschlechter untertänig macht. Ein stark konservatives Empfinden Schiffs geht daraus hervor; noch immer schwärmt er für das Altdeutschtum und seine Romantik und Ritterlichkeit, die er durch die neue Zeit stark gefährdet sieht. Sogar für den Fürsten Clemens Metternich hat Schiff, nur weil er der treueste Bekenner des konservativen Staatsgedankens war, Sympathie.

Seine noch immer nicht behobene materielle Notlage ließ ihn aber bei diesen Gesinnungen nicht lange verweilen. Er verfeindete sich mit Richter, den er in einer Broschüre und in Zeitungsaufsätzen sehr hart mitnahmEine Karikatur auf Schiff in der »Reform« (1860, Nr. 41) hatte den Anlaß gegeben. Schiffs Angriffe in seiner Broschüre »Der Hamburger Michel«, im »Freischütz« und im »Nordstern« (1860, Nr. 61 und 62) gehören zu seinen rüdesten Ausfällen., und wurde am 1. September 1860 Redakteur eines Hamburger Blattes, das unverhüllte sozialdemokratische Tendenzen zur Schau trug. Es ist »Der Nordstern«, dessen Feuilleton Schiff unter Mitwirkung seines alten Freundes Bernhardi ein paar Monate redigierte. (September bis Dezember 1860.) Von seinen Beiträgen verdienen zwei hervorgehoben zu werden. »Die Reitpeitsche« (freie Phantasie von einem Augenzeugen, »Nordstern«, 1860, Nr. 50) ist eine sehr lustige Satire auf die Novellen Sacher-Masochs, verquickt mit der Schilderung einer Hamburger Skandalgeschichte. Eine Sängerin will einen ihrer Anbeter, der verheiratet ist, in einem öffentlichen Lokale züchtigen, trifft ihn aber, weil er den Zigarrenrauch nicht verträgt, nirgends anVon einer Sängerin Albina di Rhona und einem Baron Schlechta berichteten damals Hamburger Blätter eine ähnliche Geschichte.. Die Humoreske ist voll sprudelnden Witzes und offenbart nach längerer Zeit wieder Schiffs kaustische Drastik.

Im geraden Gegensätze zu ihr steht die schauerliche Geschichte »Der gespenstische Rabbi«. («Nordstern«, 1860, Nr. 58 ff.) Hier hat Schiff Erinnerungen aus seiner Jenenser Studentenzeit geschickt verwertet. Der Novelle liegen nach einer Anmerkung historische Vorgänge zugrunde: Ein Verbrecher Gieraff wurde 1826 in Gotha hingerichtet, dem es Wollust bereitete, zwischen seinen Händen das Todeszucken kleiner Mädchen und das Herabrieseln des Blutes zu spüren. Bei Schiff handelt es sich um folgendes: Er führt einen verwachsenen jüdischen Studenten, Klein Zaches genannt, vor, der der aus Hoffmanns Märchen bekannten Figur gleicht. Er ist der Sohn eines Rabbiners aus Andernach, der mit einem berühmten Anatomen, als dieser noch Kind war, täglich Schach spielte. Der kleine Christenknabe war dem alten Juden bei weitem überlegen; sie spielten stets des Nachts in der Wohnung des Knaben zusammen, wobei den Rabbiner einmal plötzlich infolge der Aufregung der Schlag traf. Seit dieser Zeit quält den Knaben und späteren Professor die Erscheinung des häßlichen Rabbi. Er nimmt aber dessen ebenso häßlichen Sohn als seinen Famulus auf. Das ist der gute Teil der Novelle. Die hineinverwobene Geschichte von dem Lustmord, dessen Täter der Professor entdeckt (nachdem er selbst im Verdacht war, für die Anatomie die Kinder morden zu lassen, um ihre Leichen zu sezieren), ist grauenhaft und unangenehm. Im zweiten Teil des »Gespenstischen Rabbi« veruneinigen sich der Professor und des Rabbi Sohn, und nun erschreckt letzterer in der Tracht seines Vaters (ähnlich sieht er ihm ohnehin) den abergläubischen Professor. Dieser wirft ihm aber ein Tintenfaß an den Kopf und verwundet ihn schwer. Vom Krankenlager flieht der verwundete Student und stirbt bald darauf, so daß der Professor eigentlich der indirekte Mörder von Vater und Sohn ist.

Die Geschichte ist grausig, phantastisch und unangenehm peinlich. Wie sie unter dem Titel »Das verkaufte Skelett« kritische Anerkennung finden konnte (vgl. z. B. »Dresdener Journal«, 1865, Nr. 171, »Die Reform«, 1865, Nr. 76), bleibt unerfindlich.

Diese in gewagten Scheußlichkeiten wühlende Novelle ist für Schiffs Geistesrichtung in seiner letzten Periode sehr bezeichnend. Er wurde immer absonderlicher und verwunderlicher im Leben und im Dichten. Zahllos sind die Anekdoten, die heute noch in Hamburg über seine Eigenarten umhergehen. Sich selbst dem kleinsten Zwange zu fügen, vermochte er jetzt noch weniger als in seiner Jugend. Er ließ die Redaktionen immer im Stiche (Richter soll ihn einmal – Mitteilung des Herrn Robert Theen in Hamburg – tagelang in der Redaktion eingesperrt haben, um ihn zu zwingen, einen Roman zu vollenden), ging mittags im Schlafrocke über den Jungfernstieg, betrank sich in Gesellschaft Lysers und Paulmanns und machte selbst auf wohlwollende Beurteiler oft den Eindruck der Unzurechnungsfähigkeit. Von Mißgeschicken blieb er natürlich auch jetzt nicht verschont; die Teilnahme an der Gründung einer Theaterzeitung verursachte im Jahre 1861 Skandale und Prozesse (die Akten darüber erliegen im Hamburger Senatsarchive; interessant ist darin, daß sich Schiff mit Stolz auf sein Hamburger Bürgerrecht beruft).

Seine Schriften aus den Jahren 1861-1866 offenbaren deutlich den geistigen Verfall. Alles ist geschraubt, regel- und gesinnungslos. Von den feinen Einzelheiten, die man sonst immer bei ihm antreffen konnte, hat sich alles verflüchtigt. Schiff ging nur auf die gröbsten, selbst rohesten Effekte aus. Hauptsächlich warf er sich auf die Darstellung des kleinbürgerlichen jüdischen Lebens und die Bekämpfung des »Neuisraelitismus«. Aber seinen Angriffen fehlt jetzt die Wucht und die Kraft, man muß des Autors Absichten zu erraten suchen, die durchaus undeutlich zum Vorschein kommen. Eine Novelle »Die wilde Rabbizin« (übrigens schon 1858 in der »Reform« erschienen) gefällt sich darin, in hämischem, schadenfreudigem Tone die jüdischen Verhältnisse, die Schiff sooft und so kraftvoll angeklagt hatte, zu glossieren. Dem Ankläger fehlt aber jeder sittliche Ernst, und damit geht ihm wohl auch der Beruf zum Sittenrichter verloren. Aus dem Umstand, daß sich eine jüdische Gemeinde eine Rabbinersgattin, die unaufhörlich Ehebrüche begeht, nicht gefallen lassen will, kann man keinesfalls auf die Minderwertigkeit des Judentums schließen. Hier griff Schiff entschieden fehl, wie das jetzt überhaupt häufig geschah. Eine Betrachtung über Karl Gutzkows Selbstmord ist derart unzusammenhängend, daß man sich kaum zurecht finden kann. Schiff gibt die Schuld an dieser unseligen Tat dem Umstande, daß Gutzkow in der »Gesinnungspoesie« (er meint damit das »junge Deutschland«) tätig gewesen sei, die sich endlich überlebt habe. Daß Irrsinn Gutzkow dazu gebracht hätte, Hand an sich zu legen, leugnet der Verfasser, der nur Nahrungssorgen, Verkennung und Zurücksetzung als Selbstmordursachen gelten lassen will. Das war vielleicht ein Plaidoyer für Schiff selbst, der überhaupt mehr von sich und vielen anderen Dingen spricht als von Gutzkows Selbstmord. Auffallend ist, daß der tote Heine in dieser Schrift mit einer Unzahl grober Roheiten bedacht wird. Schiff hatte ihm anscheinend die Jugendzwistigkeiten und die Teilnahme an der jungdeutschen Bewegung noch immer nicht vergessen. Wie er sich überhaupt merkwürdigerweise bemühte, in dieser Zeit wieder zu den romantischen Neigungen seiner Frühzeit zurückzukehren.

Ungemein charakteristisch hierfür ist ein Brief – der einzige, der sich trotz eifrigster Nachsuche in öffentlichen Bibliotheken und bei privaten Sammlern auffinden ließ – den Schiff zu Beginn des Jahres 1865 an Julius Campe richtete. Er trug ihm einen Band »Legenden« zur Verlagsübernahme an; sein Lieblingsbuch »Gevatter Tod« sollte darin u. a. wiederum zum Abdrucke kommen. Bedeutungsvoll ist dieser Brief darum, weil Schiff seine ausgesprochen katholisierende Novellistik mit einem Male als – protestantisierend ausgibt. Er behauptet, daß er der einzige sei, der immer (im Gegensatze zu Goethe, Schiller und Tieck) protestantische Legenden verfaßt habe. Wie unwahr die Bemerkung ist, die nur gemacht wurde, um Campe, der als liberaler Verleger für katholische Schriftstellerei niemals etwas übrig hatte, zur Verlagsübernahme dieser Legenden zu bestimmen, geht schon daraus hervor, daß alle »Legenden« Schiffs die Bilderverehrung zur Grundlage haben, also einen wesentlichen Bestandteil des katholischen Gottesdienstes. Von dieser unwahren Behauptung abgesehen, ist der Brief in seinem sonstigen Inhalte für Schiffs letzte Lebensjahre sehr aufschlußreich.

Schiff schreibt:

Lieber Herr und Freund!

Unter dem vielen anderen haben Sie von mir meine Legenden

1. Geschichte eines EngelsWohl identisch mit dem 1842 erschienenen »Marienkind«. Druckbogen
2. Gevatter Tod (Volksbuch)          "
3. Des Teufels Schwabenstreiche (sic!)            "
 
in Sa.   14  Bogen oder 224 Seiten

 
Titel:
Engel, Tod und TeufelDer Titel sollte wohl an Dürers »Ritter, Tod und Teufel« anklingen, das Bild, das Fouqués »Sintram und seine Gefährten« so entscheidend beeinflußte.
Legenden
von
Dr. Hermann Schiff

Katholische Legenden gibt es zu Tausenden, und meine unerreichbaren Vorgänger Goethe, Schiller, Tieck und viele andere noch haben wohl Geschmack gefunden an dem Katholizismus. Den Protestantismus hingegen ließen sie als unpoetisch beiseite.

Ich bin der erste, welcher protestantische Legenden zu schreiben wagte. Im Jahre 1830 nämlich lernte ich Herrn Sigmund Wiese kennen. Dieser war ein Verehrer Schleiermachers, und Ludwig Tieck hatte Willibald Alexis aufgetragen, mich mit demselben bekannt zu machen.

Dies geschah, und ein Jahr lang waren wir die besten Freunde. Er aber schwärmte für Religion (auf Schleiermacherschem naturphilosophischen Standpunkt) und ich wollte Poesie. Er hatte keine Schule, und ich konnte seine Produktionen, wie genial sie auch angelegt waren, da ihnen alle Form fehlte, nicht anerkennen.

Seine Dramen erschienen bei Brockhaus und blieben unbeachtetSiegmund Wiese (1800–1864) schrieb u. a. einen »Jesus«, einen »Moses« (beide 1844 im Verlage des Berliner Lesekabinettes)..

Unser »Gevatter Tod« (nämlich der Roman in zwei Bänden), das erste Produkt dieser Art, wurde, wie Sie sich erinnern werden, im selben Jahre seines Erscheinens nachgedruckt in der »Newyorker Schnellpost.«

Alles das werde ich in einer Vorrede mit kritischer Genauigkeit behandeln.

Eine bewegte Gegenwart hat mich 30 Jahre lang nicht irre gemacht. Ich habe nicht nach dem Urteil der Menge gegeizt, sondern stets getrachtet, mir selbst zu genügen.

Nunmehr bricht eine stille Zeit an. Die Politik zieht sich in die fürstlichen Kabinette zurück, und es fehlt an Rohstoff zu publizistischen Fabrikaten. Aus Langeweile und Bildungsverlangen wendet man sich den schönen Künsten wieder zu. Aber ach, wie vernachlässigt und verflacht ist alles. Kein Mensch denkt selbst mehr, sondern läßt sich vom breiten Strome der Majorität treiben. Kein Kritiker hat was gelernt, kein Künstler hat Schule. Alles naturalisiert.

Vielleicht ist jetzt meine Zeit gekommen, doch das werden Sie besser wissen als ich, da Sie ein kluger Verleger sind, welcher den Puls des Lesepublikums stets zwischen den Fingern hat. Heine fand es unbegreiflich, daß die deutsche Kritik keine Notiz von mir nimmt. Und Sie werden mir einräumen, daß meine Schriften mit den Jahren nicht verlieren und ich immer noch eine Persönlichkeit bin, von der es sich der Mühe lohnt zu reden.

Wie aber spricht man von mir?

Nicht nur in Hamburg, sondern, wie ich glaube, auch in Dresden heißt es, ich sei im Säuferwahnsinn verstorben, als gänzlich unwürdig meiner Schillervereinspension.

Daß man so von mir reden zu dürfen glaubt, ist einzig und allein die Schuld meiner hiesigen Herren Verleger, welche mich vernachlässigen. Sie kaufen mir meine Manuskripte ab und lassen sie ungedruckt im Pulte liegen, statt sie in die Welt zu schicken.

Seit den »Aristokraten« (J. F. Richter, 1859) ist nichts von mir erschienen. Jetzt muß ich mich endlich einmal wieder rühren und zeigen, daß ich noch vorhanden bin.

Eugen Richter als Nachfolger von J. F. Richter hat dies eingesehen und aus freien Stücken sich verpflichtet, alles, was er von mir liegen hat, zu drucken.

Von Herrn Julius Campe wünsche ich, daß der Kern und Glanzpunkt meiner lebenslänglichen Schriftstellertätigkeit zutage gefördert werde, nämlich:

Engel, Tod und Teufel – Legenden von Hermann Schiff – (ohne Doktortitel).

Lieber Campe! Vierzig Jahre lang kennen wir uns, und das sind nur vierzehn Bogen. Wenn Sie auch durch mich nicht reich geworden sind, so haben Sie doch wenigstens keinen Schaden an mir gehabt. Sie werden also fühlen, daß Sie diesen für den Augenblick sehr wichtigen Dienst einem armen, alten, greisen Autor nicht versagen dürfen, damit er, über seine Lebenstätigkeit beruhigt, an sein dereinstiges Dahinscheiden denken kann.

Soll ich mündlich oder schriftlich Antwort haben?

In Freundschaft

Dr. Hermann Schiff.

Hamburg, den 14. Januar 1865.

Erfolg war dem Schreiben keiner beschieden. Diese »Legenden« erschienen nicht. Campe wollte von dieser Neubelebung der romantischen Dichtungen Schiffs nichts wissen. Dagegen war es ihm möglich, in Richters Verlage noch zwei Werke erscheinen zu lassen, die deutlich wieder unter romantischem Einflusse stehen. Das eine ist eine sehr konfuse Geschichte »Selbstbekenntnisse eines Gesinnungsflohes«. Schiff polemisiert darin eingangs gegen das »junge Deutschland«, geht davon aber bald ab und läßt die Erzählung in eine sehr flache Liebesgeschichte ausmünden. Das Verhältnis zwischen einem deutschen Dichter und einer Putzmacherin gleicht völlig dem zwischen Raphael und Pauline im »Elendsfell«. Hier wie dort lesen die beiden Dichter den Mädchen ihre Erzeugnisse vor und werden von diesen nicht verstanden. Wie diese Liebesgeschichte aus eigenen literarischen Reminiszenzen besteht, so finden sich auch persönliche darin, u. a. eine Erinnerung an den Leipziger Freund Herloßsohn, von dessen schönem Liede »Wenn die Schwalben heimwärts ziehen« Schiff schwärmt.

Auch sein letztes Werk, das Kaprizzio, »Das Mondstück« ist nur von Anklängen an frühere Schriften erfüllt. »Das Aprilmärchen«, »Des Teufels Schwabenstreich« (ein Bild soll nach persönlichen Bedürfnissen zurechtgerichtet werden), sogar »Höllenbreughel« feiern hier ihre traurige Auferstehung.

Das Werk ist die letzte Ausgeburt einer längst abgetanen Romantik. Ahnungsvoll hat es Schiff auf dem Widmungsblatte als sein »vielleicht letztes« bezeichnet. Er täuschte sich nicht. In der Nacht vom 1. auf den 2. April 1867 starb er, ohne daß jemand bei seinem Ableben anwesend gewesen wäre. Wie im Leben und Streben, war er auch im Sterben einsam. Erst am Morgen des 2. April fand man ihn entseelt in seinem Bette. Er wurde auf dem jüdischen Hamburger Friedhofe begraben, was er in seinem Leben wohl nie erwartet hätte. Zwar wurde vermutet (vgl. »Freischütz« 1867, Nr. 42), daß er zum Christentum übergetreten sei, da sich aber keine positive Nachricht, vor allem kein Taufschein vorfand, erklärte sich die deutsch-israelitische Gemeinde bereit, den Leichnam auf ihrem Friedhofe bestatten zu lassen.

Schiffs letzte Lebenstage waren durch ein paar wohlwollende Anerkennungen verklärt worden. Die »Hamburger Nachrichten« (1865, 8. September), die »Neuen Hannoverschen Anzeigen« (1865, 12. September), die Leipziger »Novellenzeitung« (1865), das »Danziger Dampfboot« (1865, 22. August), die »Blätter für literarische Unterhaltung« (1866, Nr. 10) gedachten seiner schriftstellerischen Tätigkeit sehr lobend. Am ausführlichsten sprach sich darüber Hieronymus Lorm in einem langen Aufsatze der »Wiener Abendpost« (1. September 1865) aus, der namentlich »Hundert und ein Sabbath« mit warmer Begeisterung rühmte.

Auf diesen und ähnlich gearteten realistischen Erzählungen aus dem jüdischen Leben beruht auch heute noch Schiffs Bedeutung. Hierin hat er das Beste gegeben, dessen er fähig war. Diese Judengeschichten zeugen von seinem Scharfblick für menschliche Schwächen und Schäden und haben den großen Vorzug, echt, wahr und treffend zu sein. Sie sind auch auf überreich bebautem literarischen Gebiete zweifellos die tiefsten und originellsten Schöpfungen, die von einem Dichter herrühren, der unerschrocken immer nur für Wahrheit und geistige Freiheit eintrat. Das erhebt Schiffs Dichtung über die vieler seiner Zeitgenossen und muß ihr einen sicheren Platz in der Geschichte des deutschen Schrifttums dauernd bewahren. Nicht nur weil Schiff diesem ein neues Terrain eroberte, sondern auch deshalb, weil in ihm eine Persönlichkeit am Werke war, die, gesättigt von deutschem Geiste und deutscher Kultur, immer bestrebt war, diesen beiden zu huldigen und in tönenden Worten zu ihrer Verehrung anzuspornen. Mag man sich zu dem Problem der vollständigen Rezeption der Juden im deutschen Volke stellen wie immer – Schiff ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie tief die Assimilationsidee Wurzeln schlagen kann, wie sehr sie ethisch läutert und erhebt. Daß Schiff von der bewunderungswürdigen Macht des Deutschtums tief erfüllt war, das macht ihn zum echten Deutschen und versöhnt auch mit allen seinen Fehlern und Schwächen. In der Geschichte unserer Literatur hat Hermann Schiff eine sehr originelle Rolle gespielt, die niemals übersehen und verkannt werden sollte!

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