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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
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Elftes Blatt

Eine glänzende Gesellschaft hatte sich versammelt. Ich erschien spät, man hatte längst schon mich erwartet und war begierig auf das Werk, an dem ich monatelang gearbeitet. So hatte ich erzählt, und Feodora, in deren Interesse es lag, zu maskieren, was ich in der Zeit wirklich getan, hatte diese planvolle Lüge nach Kräften unterstützt. Ihr »Endlich!« als ich eintrat, ihre Vorwürfe, so spät zu kommen, und wie sie dem Diener Lichter und Lesepult aus den Händen nahm, um selbst für mich den Tisch zu bereiten – eine unerhörte Auszeichnung! – hätten mich fast gerührt, obschon ich wußte, wie berechnet und zweckmäßig alles war, was sie tat, zumal vor einer großen Gesellschaft. »Sie sehen, wie hoch unsere Erwartung gespannt ist,« sprach sie, verbindlich lächelnd.

»Und dennoch ahnen Sie nicht, was ich bringe!« entgegnete ich tückisch.

»Ich verspreche mir viel davon!«

»Und dennoch das nicht!«

Ich setzte mich und zog mein Manuskript hervor: Rastignac sagte mir später, mein Wesen habe ihm Grauen eingeflößt: es sei das eines Sterbenden gewesen, der sein eigenes Testament liest.

Zambinella. Eine Novelle

Versenkt in tiefe Träume, wie sie auch der Genußsüchtige hat mitten in rauschenden Festen, hörte ich es Mitternacht vom Turm Elisée Bourbon schlagen. Ich saß am Fenster, verborgen hinter den faltenreichen Moirévorhängen, und blickte hinaus auf die Gärten hinter jenem Hotel, wo ich den Abend zubrachte. Die halbverschneiten Bäume unterschieden sich nur wenig von dem grauen, wolkigen Himmel, den das Mondlicht spärlich erhellte, und erschienen wie Gerippe, die, schlechtverhüllt in ihre Leichentücher, zu einem riesigen Totentänze weithin sich die Arme reichten. Und wie ich das Auge wandte, konnte ich den Lebenstanz wahrnehmen; im glänzenden Saale zwischen Wänden von Gold und Silber, von prangenden Kronleuchtern bestrahlt, umschimmert und umflimmert von tausend Kerzen. Und es wimmelte, regte und webte von reizenden, vornehmen, stolzen, prächtigen, diamantglänzenden Damen. Blumen schmückten ihre Häupter, ihre Brust, ihre Gewänder. Aus den Girlanden der Säume lauschten die zierlichsten Pariser Füßchen hervor und streiften im neckenden Spiele den Boden. Leise rauschte die Freude durch die feinen Spitzen und Blonden, durch die Seide und den Musselin, welcher die schlanken Hüften umgab. Blicke flogen hier- und dorthin und überleuchteten die vielfach sich durchbrechenden Lichtstrahlen und das von ihnen geweckte Diamantengefunkel. Sie fachten die schon brennenden Herzen an, ein süßes Mienenspiel begleitete sie, die Anbeter ermutigend, den ernsthaften Gatten den Ernst verweisend. Dazwischen tönte das Geräusch des Spiels, das Rollen und Klingen des Goldes, und eine flüsternde Unterhaltung der tanzenden Paare stimmte harmonisch leise zum Klang der Musik. Die wollüstig bewegte Luft war mit Weihrauchdämpfen erfüllt und vollendete die allgemeine Sinnestrunkenheit.

So hatte ich zur Rechten: Winter, Grab, Nacht, Tod, zur Linken ein zartes Bacchanal des Lebens. Hier schlug mein linker Fuß den Takt zur Freude, und der rechte ward vom rauhen Ost, der durch die Scheiben drang, eisig angehaucht. – Oft bietet Paris solche ergötzlich erschütternde Kontraste, und oft sitzt man mitten drin als mathematischer Punkt der Berührung zweier Extreme. – Wer aber, der je auf solcher Grenze saß, sprach wie ich: der Tod ist groß, das Leben klein? Du strenger, kühler Wind unter grauem Himmelsbogen, wie erweitert der Gedanke an dich meine Brust, die hier ein parfümierter Menschenduft beengt. Barmherziger Gott! bin ich hier im Paradies des Lebens und es gewährt nur das, und die gottähnlichen Menschen begnügen sich mit dem?

»Herr de Lanty besitzt dies Haus noch gar nicht lange!«

»Ei! bereits vor zehn Jahren hat es der Marschall S– ihm verkauft.«

»Nicht möglich!«

»Die Leute müssen unermeßlich reich sein!«

»Wahrhaftig, ja!«

»Welch ein Fest, ein wahrhaft unverschämter Luxus!«

»Halten Sie die Lantys für ebenso reich, wie etwa Roy oder Aligre?«

»Wohl möglich!«

Dieses Gespräch ward dicht neben mir geführt. Es waren Individuen jener Pariser Neugier, die sich ausschließlich mit dem: warum? wieso? woher? wer sind sie? was haben sie? was tun sie? beschäftigt.

Nie hatte sich ein lockenderer und zugleich undankbarerer Gegenstand diesen Geheimnisspürern dargeboten als die Familie Lanty. Niemand wußte, aus welchem Lande sie herstammte, noch was sie trieb, oder welchem Straßen-, Seeraub oder welchen Erbschaften sie ihr ungeheures Vermögen verdankte, das mindestens auf einige Millionen anzuschlagen war. Alle Glieder dieser Familie sprachen Französisch, Italienisch, Spanisch, Englisch, Deutsch mit einer Geläufigkeit, als hätten sie in all den Ländern wenigstens jahrelang gelebt.

»Und wären sie aus der Sippschaft des Teufels, man sieht sich bei ihnen gut aufgenommen!« meinte ein junger Politikus.

»Und wenn's auch Juden sind,« meinte ein Philosoph, »ich setze mich über das Vorurteil hinweg und heirate Mademoiselle de Lanty!«

Wer aber hätte die reiche, schöne Marianina, die einzige Tochter, die reiche Erbin, nicht gern geheiratet, die so allerliebst singen, wie eine Malibran trillern, wie eine Sontag flöten und den Ton wie eine Fodor hallen lassen konnte? Freilich war sie nur eine Taschenausgabe aller dieser Sängerinnen, und ihre Stimme paßte nur fürs Zimmer. Aber sie hatte Schule trotz allen dreien, und die Kunststücke, die sie allen nachahmte, sind auch eigentlich Zimmerkunststücke; die großen Hallen neuerer Opernhäuser müssen so kleiner Kunst sich schämen. – In welcher Schule aber hatte sie singen gelernt? – man sah ja keinen Lehrer ein- und ausgehen. Doch dies war das mindeste, was die Wißbegierigen kümmerte. Ein ganz anderer und völlig unergründlicher Gegenstand hatte die Frechheit, sich mitten in Paris zu zeigen: mitten in Paris, wo die Leute zu wissen begehren: wo man seinen Wandleuchter kauft, wie hoch man in der Miete steht, und wieviel Pfund Rindfleisch man zu seiner Bouillon verbraucht. – Die seltsamsten, abenteuerlichsten und spaßhaftesten Märchen entstanden über diese Rätselerscheinung, und doch war es kein Vampyr, kein Kobold, kein Faust, kein Samiel, oder was sonst noch die große Pariser Welt von den kleinsten deutschen Schriftstellern aufgeschnappt. – Es war nichts als ein simpler Greis.

Einige der hauptstädtischen oder Kapitaljünglinge, gewohnt, beim Frühstück das Schicksal Europas zu entscheiden, hatten schon ausgesagt: es sei ein vornehmer Verbrecher, der sich mit seinen Reichtümern hier den Händen der Gerechtigkeit entzogen. – Einige Romantiker erzählten auch schon seine Abenteuer mit bewundernswürdiger Genauigkeit und berichteten insbesondere die unerhörten Grausamkeiten, die er als Fürst von Mysore begangen hatte. Die Bankiers, in allem schon viel reeller als die Romantlker, sagten: »Pah!« und zuckten die breiten Achseln. »Es ist ein genuesischer Kopf!«

»Mein Herr! wenn es erlaubt ist, zu fragen, was ist ein genuesischer Kopf?«

»Sehen Sie, mein Herr! ein genuesischer Kopf ist ein Mensch, an dessen Leben ungeheure Kapitalien hängen und an dessen Wohlsein der Reichtum der Familie sich knüpft, woher die Lantys auch diesen Alten wie ihren Augapfel lieben.«

Letzteres zeigte sich in der Tat, so oft der Greis erschien, was sehr selten geschah. – Ein Magnetiseur endlich bewies durch sehr weitläufige urkundliche Tatsachen: daß dieser gleichsam unter Glas von der Familie Lanty bewahrte Alte niemand anders sei als Joseph Balsamo, genannt Cagliostro. Er hatte den Stein der Weisen gefunden, um dem Tode zu trotzen und zum Vergnügen seiner Kinder und Kindeskinder Gold zu machen.

»Da! da ist er!«

Man ruhte eben vom Tanze und schlürfte Eis, Sorbet, Punsch in allen Ecken. Die schöne Marianina war ans Klavier getreten und hatte, umlauscht von einem aufmerksamen Kranz galanter Herren, Rossinis göttliche Cavatine aus dem »Tankred« mit ihrem süßen Stimmlein begonnen, als jener unheimliche Spuk sich auf der Schwelle zeigte.

»Mich friert seit einigen Augenblicken!« sprach eine Dame nahe bei der Tür. Der Greis entfernte sich – sie atmete auf. »Gott sei Dank, nun ist mir wieder wohl! Sie halten mich vielleicht für abergläubisch, wenn ich Ihnen versichere, daß jener feingekleidete alte Herr Kälte verbreitet.« – Ihr Nachbar wunderte sich.

Das Erscheinen des Alten erregte indes immer große Bewegung in der Familie, gleichwie ein hochwichtiges Ereignis. – Herr und Madame de Lanty, Marianina und ein alter Diener, der mit ihnen gekommen, schienen allein bevorrechtet, den Unbekannten zu unterstützen, wenn er gehen, sich erheben oder niederlassen wollte. Sie alle bewachten mit zärtlicher Aufmerksamkeit seine Bewegungen.

Der Geheimnisvolle trug einen schwarzen Frack und schwarzseidene Beinkleider, die wie ein eingerafftes Segel um die fleischlosen Lenden herumschlotterten. Eine weiße goldgestickte Weste, nach altertümlichem Schnitte, hing drüber. Sein Chemisett war glänzend weiß und mit englischen Spitzen verziert. Ein großer Diamant von unermeßlichem Werte funkelte drauf. Sein Antlitz war voller Winkel und Zacken. Das Kinn stand weit hervor, die Schläfen waren gänzlich eingefallen. Die Kinnbackenknochen lagen fast bloß und waren beständig in einer Art pulsierender Bewegung, die Haut war ungewöhnlich stark und dicht gerunzelt, in den Vertiefungen kreisförmig wie ein Wasserstrudel und sternartig auf den hervorstrebenden Knochen. Was aber seinen Anblick besonders grauenhaft machte, war die dick aufgetragene rote und weiße Schminke und die große, hellblonde Perücke mit dicken, langen, weit über den gekrümmten Rücken hinwallenden Locken. Auch trug er lange goldne Ohrgehänge, seine Knochenfinger waren über und über mit kostbaren Ringen besteckt und reiche Steine blitzten dran. Eine lange goldene Kette umschlang mehrmals seinen Hals und verlief sich zu beiden Seiten in die Uhrtaschen, an welcher ebenfalls äußerst kostbare Gehänge blitzten. – Wie ein Blödsinniger, seiner Loge im Irrenhause entsprungen, stand er da, man fürchtete, seine zarten, feinen Knochen würden unter ihm zusammenbrechen. Er starrte mit leblosen Augen vor sich hin und schien nichts von allem zu gewahren. Madame de Lanty war herbeigeeilt, um ihm behilflich zu sein, sich zu setzen, oder vielmehr sie setzte ihn, wie man eine Puppe setzt, der man Glied für Glied biegen muß.

Der Zufall fügte, daß eine sehr schöne junge Dame, vielleicht die schönste des Festes, den Stuhl dicht neben dem Alten inne hatte. Seine dünnen Beinchen streiften ihr Gazekleid und dessen Blumenbesatz. Er wandte seine matten, in tiefen, gelben Ringen verlornen Augen auf sie und starrte im bewußtlos stummen Eigensinn, wie es dem wieder kindisch gewordenen Alter eigen zu sein pflegt, unausgesetzt sie an.

Seine Nachbarin, eine herrliche Blondine, blühte in fast kindlicher Frische noch. Ihre glänzende Haut schien einem feurigen Blicke wie klares Eis durchdringlich. – Sie trug Arme, Hals und die halbe Brust entblößt, ihre Augen strahlten von Feuer. Ihre Locken wallten in besonderer Schwere, ihr Atem wehte balsamisch, alles an ihr war Lebensblüte, weibliche Anmut und Fülle. – Ich hatte eben erst Leben und Tod im seltsamen Kontrast wahrgenommen – hier wiederholte sich dasselbe.

Ich setzte mich zu der Schönen. Sie ergriff ängstlich meine Hand.

»Ich fürchte mich« – flüsterte sie mir zu – »vor jenem Gespenst. Unausgesetzt starrt es mich an, mit toten Fischaugen. Sehen Sie nur, sein Mund kaut immerfort und lächelt so dumm dazu. Es ist kein Mensch, ein garstiger Automat!«

»Reden Sie lauter, er hört nicht!«

»So kennen Sie ihn?«

»Ja!«

Sie blickte von neuem nach ihm.

»O Gott, spüren Sie nicht den Grabesduft?«

Sie preßte meinen Arm an sich, als wolle sie meines Schutzes sicher sein. In der Tat verbreitete der Alte einen wundersamen Bisamgeruch, wie etwa wenn ein Kleiderinventarium einer alten, längst verstorbenen Herzogin geöffnet wird. – Ängstlich atmete meine Nachbarin.

»Ich bleibe nicht, mir ist's, als säße der Tod neben wir!«

Ich reichte ihr meinen Arm, sie erhob sich, doch ihr Gazekleid hatte sich an die goldene Knieschnalle des Alten festgehakt. Mit einer Bewegung des Entsetzens stieß sie sein Knie fort. – Ein gläserner Schrei entschlüpfte der ausgetrockneten Kehle des Grauenhaften, und sogleich folgte eine Art Kinderhusten, von ganz besonders hellem Klang. Herr und Madame de Lanty eilten auf ihn zu, Marianina brach mitten in einer Roulade ab und kam herbei. Aller Augen ruhten auf uns. Die Schöne wünschte sich fern auf eine Südseeinsel, sie klammerte sich fest an meinen Arm und zog mich fort, überall wich man uns aus, und wir gelangten endlich in ein kleines, zirkelförmiges Kabinett, das noch unbesetzt war. Hier warf sie sich in eine Ottomane und klagte und weinte beinah.

»Was ist Ihnen so Entsetzliches denn begegnet?« begann ich.

»Kann ich dafür«, entgegnete sie weinerlich, »daß die Lantys Gespenster in ihren Salons herumirren lassen?«

»Sie werden doch den Alten nicht für ein Gespenst ansehen?«

»Schweigen Sie!« gebot sie mit jenem liebenswürdigen Trotz einer Schönen, die recht behalten will. – Es entstand eine lange Pause. »Ein schönes Boudoir!« begann sie endlich wieder, »blaue Seide nimmt sich doch immer am besten für ein kleines Zimmer aus. Es ist kalt hier!« Sie hüllte sich in ihren Schal und erhob sich, um ein Porträt zu betrachten. – »Was soll dies vorstellen?« fragte sie.

»Einen Adonis.«

»Das Bild hat den Fehler, daß es für einen Mann zu schön ist.«

»Es ist ein Porträt.«

»Ein Porträt? Solch ein Jüngling lebt, und Sie sind nicht eifersüchtig auf ihn?«

»Ich bin keine Dame, die Profession davon macht, schön zu sein.«

»Aber ich bin eine solche! haha! diese Sottise verrät Ihre Eifersucht!«

»Sie, Madame, Sie? Es gibt allerdings solche Geschöpfe, die alles getan zu haben glauben, wenn sie schön sind; und da unsere genußsüchtige Zeit sie anerkennt, für sie seufzt aus Langeweile, darf ich mich kaum auf des unsterblichen Raffael Meinung berufen, der sich so oft beklagte, keine schönen weiblichen Formen zu finden. Aber Sie, Madame, eine hochgestimmte, erhabene weibliche Seele, begeistert und schwärmend für alles Große, Schöne und Gute, die Sie den Mann und Manneswert zu schätzen wissen und nur Cäsare und Catone in Ihrer Umgebung wünschen, wie könnte ich Sie mit solchen Geschöpfen verwechseln?«

»Mein Gott, kennen Sie auch diese Seite an mir? Mich dünkt, ich habe niemals Gelegenheit gefunden, sie Ihnen zu offenbaren.«

Leichte Weiberschritte und das Rauschen eines seidenen Kleides ließen sich vernehmen. Die artige Marianina erschien und führte langsam und mit zärtlicher Sorgfalt den eleganten, gebrechlichen Spuk herein, um dessentwillen wir den Saal verlassen. Sie gewahrten uns nicht; mit Mühe gelangten sie an eine verborgene Tapetentür, Marianina pochte leise an, sie ward geöffnet, und ein großer, hagerer Mann erschien, den kleinen Alten in Empfang zu nehmen. Bevor jedoch Marianina ihn seinem stummen Wächter anvertraute, küßte sie ehrfurchtsvoll seinen bebenden Mund und rief mit klangreicher Stimme: »Addio, addio!« Der Greis stieß wieder einen gläsernen Schrei aus, fing wieder an zu husten, und ein geheimes Räderwerk in ihm schien in Bewegung gesetzt; er erhob die zitternden Arme, suchte mit einer Hand die andere zu haschen, zog einen kostbaren Ring von seinem Knochenfinger und ließ ihn in Marianinas Busen gleiten, die ihn lachend hervorzog und über ihren Handschuh auf den Finger steckte. Hierauf hüpfte sie mit aller ihrem Alter eigenen Tanzlust in den Saal zurück, wo das Präludium zu einem Kontretanz begonnen hatte. Der Greis verschwand in der Tapetentür mit seinem Wärter, und noch lange hörte man sein helles, feines Husten.

»Was ist das?« fragte meine Schöne. »Wo bin ich, träume ich? Wäre es Marianinas Gatte?«

»Nein!« sagte ich.

»Nun denn, was bedeutet dies alles, heraus damit, ich will es wissen!«

»Morgen sollen Sie es erfahren.«

»Aber ich will es gleich erfahren!«

»Sie wissen, wie ich mich bestrebe, alles zu tun, was Sie erfreuen kann, Ihren Launen aber gehorche ich nicht!«

»Wie begierig ich auch bin, das Geheimnis zu vernehmen, wenn Sie jetzt Lust haben sollten, es mir zu erzählen, werde ich keine haben, Sie anzuhören. Gute Nacht!«

Sie eilte in den Tanzsaal zurück, walzte bald darauf mit einem jungen, bildschönen Adjutanten, nahm seine Huldigungen gnädig auf, alles, um mich eifersüchtig zu machen. Sie vermochte indes nur, mich zu verstimmen.

»Sehe ich Sie morgen?« fragte sie, flüchtig an mir vorbeistreifend. Das Fest war beendet, man schickte sich zur Heimkehr an.

»Ich könnte böse sein, allein ich will mich Ihrer Neugier erbarmen.«

»Haha! Sie rechnen sich diesen Dienst wohl sehr hoch an?«

»Vielleicht, Madame,« entgegnete ich ernst und aufgebracht über diese Art, mit mir zu spielen, »ist Neugier Ihre höchste Sehnsucht. Ich mag mit keiner Sehnsucht spielen, das soll Ihre Sache bleiben.«

»Gute Nacht!« sprach sie gähnend, »Sie sind sehr langweilig.«

Am folgenden Abend saßen wir, sie auf der Ottomane, ich zu ihren Füßen auf einem Schemel, vor dem hellodernden Kaminfeuer. Eine Astrallampe beleuchtete traulich das elegante Zimmer. Auf der Straße war es still, ihr Auge hing an meinen Lippen, und ich begann: »Madame! ich wage viel bei meiner Erzählung. Sie werden vielleicht das Näschen darüber rümpfen und ›pfui‹ sagen. Aber was ich Ihnen vortragen werde, ist wahr, hat sich in Rom ereignet und wird noch heutigentags dort öfter nacherzählt. Sie wünschen Aufschluß über die rätselhaften Erscheinungen von gestern, und Sie erhalten obenein eine Lehre in den Kauf, die ich wohl zu benutzen bitte.«

»Zur Sache, wenn's beliebt!«

»Ich gehorche! Meine Erzählung oder Novelle heißt ›Zambinella‹.

Ein junger Maler war seit vierzehn Tagen in Rom. Madame! können Sie fassen, was es heißt, erst vierzehn Tage in Rom sein, wo die schönsten, edelsten Menschenträume leben und weben, der Traum einer Weltherrschaft in stolzen Ruinen verwittert, und ein ähnlicher Traum in fanatischer Pracht hin und wieder noch von lebenden Menschen aufgeführt wird? – Wir, Madame! wenn wir die Louvregalerie durchirren, fühlen uns ermattet und betäubt, und wir betrachten die Kunst nur mit konventionellen Salonblicken, unser Herz, unsere Wünsche haben nichts damit gemein! Anders ist es mit dem Künstler, dem das Unsterbliche in jeder Kunstvollkommenheit entgegentritt, und der mit Wünschen, Herz und Seele daran hängt und in gedankenvoller, erhabener Lebensglut seine Existenz daransetzt. Das ehrliche, bescheidene Talent, darf es in Rom nicht verloren sich wähnen? rettungslos untergegangen im Meere der Unsterblichkeit? Was hofft man noch zu leisten nach den Berufenen, Auserwählten, die geboren, gebildet und erstanden sind in dem malerischen, kunstbegeisterten Jahrhundert? – Dem jungen Künstler, von dem ich rede, erging es noch trauriger. Er glaubte wahrzunehmen, sein Enthusiasmus sei nur Kunstfeuerwerk, seine Originalität prahlerische Grillenhaftigkeit und sein Beruf eine traditionelle Einbildung, aus dem Leben großer Meister entlehnt. Er galt in seiner Jugend für ein Wunderkind, man hatte früh schon die Kinderstirne mit männlichen Lorbeeren geschmückt, und seine Sucht, Aufsehen, Bewunderung, Erstaunen zu erregen, hatte die Unmittelbarkeit der Empfindung, die natürliche Ehrlichkeit der Kunst in ihm erstickt. Weder seine Werke, noch sein Ruhm genügten ihm mehr. Er fing an, sich sehr unglücklich zu fühlen, und sowohl um seiner innern Trübseligkeit zu entfliehen, als auch um sich für irgendeine neue Schöpfung zu exaltieren – ein Aberglaube vieler geistreichen Männer – begann er ein wüstes, schwelgerisches Leben. Er war schön und blond, das letztere lieben die Italienerinnen zum Rasendwerden. Es fehlte ihm daher nicht an Liebeshändeln, die er anknüpfte, abbrach oder fortsetzte, ganz wie seine geniale Laune es ihm eingab.

Einst ging er an dem Theater Argentina vorüber, vor welchem ein großes Gedränge stattfand. Er erkundigte sich nach der Ursache desselben und erhielt nur zur Antwort: ›Zambinella – Jomelli‹. Auch er nahm sich ein Parterrebillett und traf es noch ziemlich gut, denn obschon zwischen zwei korpulenten Abbates eingeengt, saß er doch nahe dem Proszenium. Die Symphonie begann, er hörte zum erstenmal die Tonschöpfungen Jomellis, und weil sie alle Welt entzückten, fühlte er sich mit entzückt. Der Vorhang rollte auf, die ersten Szenen gingen vorüber, da erhob sich ein Beifallklatschen, als solle das Haus bersten. Er war ganz Aufmerksamkeit, und jede Faser lauschte. Die Primadonna trat auf, schritt in den Vordergrund und grüßte das Publikum mit ausnehmender Zierlichkeit. Das blendende Bühnenlicht, die szenische Illusion, vor allem aber der Enthusiasmus eines ganzen Volkes, die Künste einer damaligen Toilette – zu ihrer Zeit verführerisch genug – alles dies beschwor das herangewachsene Wunderkind, sich für die holde Sängerin zu begeistern. Er sah einen ausdrucksvollen Mund, Augen, aus denen Liebe leuchtete, eine blendend weiße Haut, kurz alles, was ein Maler wünscht, und ward nicht müde, die Zierlichkeit jeder Bewegung, die herrliche Rundung ihres Halses, das harmonische Muskelspiel der Arme, die zarte Wölbung der Brust, das vollkommene Oval des Antlitzes, die feine Nase, die Reinheit der Züge, die wundersam gewölbten Brauen, die wollüstig langen Wimpern und mehr noch das zarte, weibliche Ebenmaß, das ihre Reize alle vereinte, zu bewundern. Es ist eine Göttin, eine Gestalt, erhaben über alle Kritikasterei, ich male sie! so dachte er. – Wenn sie sang, herrschte Totenstille, wenn sie schwieg, erhob sich rasender Beifallsruf, und er hätte auf die Bühne springen mögen, das Original seines zeitgemäßen, allen Wünschen entsprechenden künftigen Kunstwerkes ans Herz zu schließen.

Als er das Theater verließ, war er betäubt, fühlte ganz in sich die Leere, die einer heftigen Gemütsbewegung folgt. Ihm war zumute, wie dem vom Fieber Genesenen, der nach den glühenden Fieberträumen sich phantasielos sieht.

Am folgenden Morgen bereitete er kostbare Farben, ihr Bild ward als Psyche entworfen, und mit niederländischem Fleiße beschloß er, es auszuführen, jedermann sollte über seine Kunstfertigkeit staunen. – Sooft sie sang, mietete er sich eine Loge, legte sich dort auf das Sofa, um, wie ein Türke im Opiumrausche, so in den Vollkommenheiten Zambinellas zu schwärmen. Dies Benehmen erregte Aufmerksamkeit, das war ihm lieb. Sooft Zambinella auf- oder abtrat, blickte man nach der Loge des närrischen Malers, wie man ihn nannte. Er hatte nichts dawider. Aber auch Zambinella wandte sich dahin, und mancher zärtlich-feurige Blick flog in die Loge, sie sang, sie spielte dem Anschein nach nur für ihn! Er ward geliebt, es war kein Zweifel, der glückliche Maler! Geliebt von der gefeiertesten Sängerin und ganz Rom eifersüchtig! ›Ja!‹ rief er, ›ich will leben, kann ich die Glorie des Nachruhms nicht erringen, will ich doch allen Glanz und alle Rosen der Freude um mich sammeln.‹

An einem solchen glücklichen Abend ließen sich drei leise Schläge von der Logentür vernehmen. Er öffnete. Ein altes Weib trat geheimnisvoll näher. ›Jüngling!‹ sprach sie, ›bist du klug und willst du glücklich sein, so hülle dich in deinen Mantel, drücke den Hut tief in die Stirn und stelle dich Punkt zehn Uhr auf dem Korso ein, vor dem Hotel des spanischen Gesandten.‹ – Es war zuviel des Glückes für den armen Maler. Er ließ zwei Goldstücke in die harten, gefurchten Hände der Alten gleiten und vermaß sich hoch und teuer zu kommen, und wenn die Hölle selbst samt allen teuflischen Legionen ihm in den Weg träten. Zambinella sang eben. Er bog sich aus der Loge, seufzte und blickte sehnsüchtig sie an; sie schlug die Augen nieder und lächelte verschämt.

Als er das Theater verließ, trat ihm ein Fremder in den Weg. ›Nehmen Sie sich in acht, Signor!‹ warnte er. ›Es geht auf Leben und Tod, der Kardinal Cicognara ist Zambinellas Beschützer!‹

›Sprichst du zu Liebenden von Gefahren?‹ fragte der Kühne.

Poverino!‹ rief achselzuckend der Unbekannte und ging.«

»Aber was hat denn dies alles mit dem gestrigen Gespenst zu schaffen?« unterbrach mich meine Schöne.

»Es ist ja die Geschichte des Gespenstes, und meine Autoreitelkeit fühlt sich sehr geschmeichelt, daß Sie den Schluß noch nicht erraten!

Der Maler machte jetzt aufs sorgfältigste seine Toilette. Ein kostbarer Degen, das Geschenk dieser, eine herrliche Tabatière, das Geschenk einer andern Geliebten, die alle nunmehr verschmachten mußten, die mit Edelsteinen besetzten Uhren und ihre goldenen Ketten, die Schnallen, Ringe, Brustnadeln, Hemdenknöpfe, seine Weste von Silberbrokat und sein gestickter Sammetfrack, alles hatte Schränke, Koffer und Behälter verlassen, und er putzte sich damit, wie ein junges Mädchen, das ihrem ersten Geliebten auf einem Ball entgegengeht. – Zur festgesetzten Stunde stand er, den Hut tief in die Stirn gedrückt, den Mantel bis über die Nase gezogen, auf dem bestimmten Platz. Die Alte wartete seiner schon. ›Ihr habt lange gezögert, Signor!‹ sagte sie, ›nun, so kommt denn!‹ – Sie durchschritten mehrere Nebengassen und gelangten endlich vor ein ansehnliches Gebäude. Er folgte seiner Führerin durch ein Labyrinth von Korridoren, Treppen und Gängen bis zu einer Tür, hinter deren Spalten Lichter blitzten und mehrere freudige Stimmen sich vernehmen ließen.

Auf das Losungswort der Alten öffnete sich die Tür, und geblendet stand er da. Er befand sich in einem glänzend erleuchteten, herrlich möblierten Saal, in dessen Mitte eine wohlgedeckte Tafel mit Flaschen, Silberzeug und Lichtern blitzte. Er erkannte die Sänger und Sängerinnen des Theaters nebst mehreren anderen schönen Frauen, bereit ein künstlerisches mezza-notte zu feiern. – Zwar hatte er auf ein schwach erleuchtetes Zimmer gerechnet, wo seine Geliebte auf einem weichen Divan seiner harrte, die Überraschung eines Nebenbuhlers fürchtend, während er zärtlich mit ihr tändelte, ihren Atem an seinen glühenden Wangen, ihre Augen in den seinen, ihr Herz an seinem Herzen fühlte. Einem tapfern Schwelger ist jedoch niemals ein mitternächtliches Orgium unwillkommen. ›Es lebe die Torheit!‹ rief er. ›Signori e belle donne, Sie erlauben mir, später Revanche zu nehmen, und ich begnüge mich, Ihnen jetzt meinen Dank abzustatten für die Gastfreiheit, mit der Sie den Unbekannten empfangen.‹ – Man bewillkommnete ihn mit möglichster Freundlichkeit, denn alle kannten ihn nur vom Ansehen; er aber drängte sich zur Bergère, auf welcher Zambinella in reizender Stellung lag. – Wie schlug ihm sein Herz, als er ihren zarten Fuß in den spitzen Pantöffelchen mit hohen Absätzen gewahrte, wie sie zur Zelt Ludwigs XV. Mode waren.

Zambinella hatte ihr Kostüm mit einem Halbnegligé vertauscht, sie war à la Dubarry frisiert, und der Puder kleidete sie allerliebst. Sie lächelte den Maler zärtlich an, der sich zu ihr setzte und von Musik zu reden begann, um ihr ausgezeichnetes Talent und ihren Gesang zu loben. Seine Stimme bebte vor Furcht und Hoffnung.

›Aber was fürchten Sie?‹ fragte Vitagliani, der berühmteste Sänger der Truppe. ›Sie finden unter uns keinen Nebenbuhler!‹ Spöttisch lächelte er, und dasselbe Lächeln war auf allen Lippen.

Darüber fühlte der Mater sich tödlich verletzt. ›Ihre Gunst wird käuflich sein!‹ dachte er, ›und sie verlachen mich, weil ich so ängstlich darum werbe.‹

Indes waren die Speisen aufgetragen, und man ging zu Tische. Der Maler setzte sich neben Zambinella. – Im Gespräch verriet sie Geist und Feinheit, in manchen Stücken aber auch auffallende Unwissenheit, Bigotterie und Aberglauben. Vitagliani öffnete die erste Champagnerflasche, sie erbebte über den Knall und hätte fast aufgeschrien; den Liebenden entzückte diese ausnehmende Zartheit und Empfindlichkeit. Sie aß wenig, trank noch weniger und war überhaupt äußerst zurückhaltend. – ›Entweder sie spielt hier auch noch Komödie,‹ dachte der Maler, ›oder ich begreife das vorige Lächeln nicht.‹ Er war ganz Aufmerksamkeit für sie, glücklich, neben ihr zu sitzen, sie zu bedienen und hin und wieder ihren Arm, ihren Leib zu berühren. Auf seine übrigen Tischgenossen merkte er kaum, merkte nicht, wie der Wein seine Wirkungen äußerte, wie Vitagliani ihm ein Glas nach dem andern einschenkte, und wie jeder Tropfen Öl ward in seiner Flamme.

Man fing an zu singen: Kalabresische Volksgesänge, spanische Seguidillen, neapolitanische Kanzonetten, und aus den Augen der Musik, den Herzen der Stimmen ergoß sich Trunkenheit, Liebe und Freude. Die Scherze und verliebten Blicke schnellten sich wie Federbälle herüber und hinüber, Gelächter, Flüche und Anrufungen aller Heiligen durchkreuzten sich von allen Seiten. – Zambinella indes saß still und gedankenvoll, vergebens bot ihr Nachbar seine glänzende Unterhaltungsgabe auf, sie kritzelte still mit ihrer Gabel auf dem Teller. ›Will sie etwa heiraten?‹ dachte der Maler, ›meinethalben!‹ Er trug ihr Herz und Hand an, aber vergebens, er konnte nicht einmal sie aufheitern. Da ersah er einen Augenblick allgemeiner Verwirrung: vom Widerstand entflammt, faßte er die Geliebte und trug die Federleichte in das anstoßende Kabinett.

Die Italienerin war mit einem Dolche bewaffnet. ›Wenn Sie mich nicht lassen, zwingen Sie mich, Ihnen diese Waffe ins Herz zu stoßen!‹

›Zambinella!‹ flehte der Maler, sie aber bot ihre ganze Kraft auf, ihm zu entkommen, eilte in den Saal zurück, wo man sie mit einem kreischenden Gelächter empfing. – Sie sank vom ungewohnten Aufwand aller Kräfte bleich und erschöpft in die Bergère. ›Er wird mich töten!‹ hörte der Maler sie Vitagliani ins Ohr flüstern. Er setzte sich zu ihr, beruhigte sie, entschuldigte sich mit seiner überaus heftigen Liebe und beteuerte seine tugendhaften Absichten.

Der Morgen brach an, und eine Dame schlug eine Spazierfahrt vor. Vitagliani ging, um Wagen zu mieten. Unser Maler hatte das Glück, Zambinella allein in einem Phaethon zu fahren. Als man die Stadt verlassen, erwachte neue Fröhlichkeit, Männern und Weibern schien diese Lebensart gewohnt, bis auf Zambinella, welche niedergeschlagen dasaß.

›Was fehlt Ihnen?‹ fragte der zärtlich Besorgte.

›Ich bin zu schwach, solche Ausschweifungen zu ertragen.‹

›Wie Sie zart sind!‹ erwiderte er liebevoll, ihre feinen Züge betrachtend.

›Auch meine Stimme muß ich schonen!‹

›Hier sind wir allein!‹ nahm er wieder das Wort, ›und Sie haben von meiner Heftigkeit nichts mehr zu fürchten, gestehen Sie darum, daß Sie mich lieben.‹

›Wozu? Sie werden mich nimmermehr so lieben, wie ich es möchte!‹

›Und wie denn?‹

›Leidenschaftslos! Ich bedarf eines Freundes, die Welt ist mir öde. Ein Fluch ruht auf mir. Ich bin verdammt, ein Glück zu ahnen, zu fühlen, darzustellen, das mir nie zuteil werden kann – Sie sollen mich nicht lieben.‹

›Wie vermag ich das? Ach, Zambinella, begehren Sie von mir, was Sie wollen, Namen, Vermögen, Ruhm, selbst meine Kunst bringe ich Ihnen zum Opfer. Reden Sie, und ich bin nicht länger Maler!‹

›Rechnen Sie nicht auf mein Herz, ich habe keines: das Theater, wo Sie mich gefunden, meine Tonkunst, der Beifall, den man mir schenkt, macht mein Dasein aus. Ich bin nur ein Phantom!‹

Die Wagen hielten, der Maler hob die Geliebte aus dem Phaethon – sie schrie laut auf.

›Was ist Ihnen?‹

›Eine Schlange!‹ rief sie entsetzt.

Es war eine Viper, und er tötete sie mit einem Fußtritt.

›Wie beneide ich Sie um Ihren Mut!‹ sprach Zambinella, immer noch mit Widerwillen das tote Tier betrachtend.

‹Wie liebe ich Sie!‹ rief der entzückte Maler. ›Alle Ihre Schwächen, Zärtlichkelten, Empfindlichkeiten, unausstehlich wären sie mir an einer andern, und Sie muß ich darin anbeten. Hinweg mit den Heroinnen, den Sapphos, den mutigen, leldenschaftsvollen Weibern! verhaßt sind mir alle! Ich bin der Sklave des sanftesten, liebenswertesten Geschöpfes.‹

Zaimbinella fing bitterlich an zu weinen und entfloh. Den ganzen ferneren Tag wich sie ihrem verliebten Verfolger sorgfältig aus, und als man sich zur Heimkehr anschickte, bestieg sie eine viersitzige Berline, der Maler mußte in seinem Phaethon allein zurückkehren.

Bei seiner Heimkehr tröstete er sich einigermaßen mit seinem Bilde, das nun bald vollendet war. Er machte freilich die Anmerkung, daß seine Psyche etwas unreif in die Welt hineinblickte, und daß ihr eine gewisse seelenvolle Milde fehlte, dafür war es aber auch wie aus dem Spiegel gestohlen ähnlich und, wie er sich selbst gestehen mußte, meisterhaft ausgeführt. Er hoffte demnach, bei der nächsten Ausstellung den Preis zu erringen. Er arbeitete ja ›con amore‹ wie keiner!

Es begann zu dunkeln, er mußte seine Arbeit einstellen, in seinem Atelier ward's ihm zu eng. Er beschloß, seine Geliebte zu besuchen; noch wußte er ihre Wohnung nicht einmal und ging, sie zu erforschen. – Vor der Tür begegnete ihm ein Freund.

›Finde ich dich endlich!‹ redete er ihn an, ›ich war schon einmal diesen Morgen in deiner Wohnung, um dich im Namen unseres Gesandten diesen Abend zu ihm zu bitten. Du mußt wissen, es ist großes Konzert, und Zambinella singt.‹

›Zambinella!‹ rief der Glückliche, ›ich eile!‹

Und er eilte nach Hause, um von neuem Toilette zu machen und fast glänzender noch als gestern.

Lange mußte er vor dem Spiegel zugebracht haben, denn als er bei dem Gesandten anlangte, war er der letzte, und alle Säle waren schon mit Gästen gefüllt. Er hatte Mühe, sich durchzudrängen, um Zambinella, welche schon sang, mit sehnsüchtigen Augen zu betrachten.

›Geschieht es vielleicht aus Rücksicht für die anwesenden Kardinäle, Bischöfe und Abbates,‹ fragte er einen alten Marquis, seinen Nachbar. ›daß sie Manneskleider, einen Degen und das Haar in einem Netz verborgen trägt?‹

›Sie? welche Sie?‹ entgegnete der Marquis.

›Die Zambinella!‹

›Die Zambinella? Wer sind Sie? woher kommen Sie? wollen Sie mich zum besten haben? oder wüßten Sie wirklich nicht, daß kein weibliches Geschöpf im Kirchenstaate das Theater betritt – und was für Kreaturen diese Rollen spielen? – Ja, mein Herr! mir verdankt Zambinella seine Stimme. Ich habe ihn dazu beredet, ich habe alles bezahlt, und glauben Sie, daß der Narr seitdem einen Fuß über meine Schwelle setzt? – Mir verdankt er sein ganzes Glück, auch seine Ausbildung zum Musiko bestritt ich aus meinem Beutel, und er kann mich nicht vor Augen sehen. Das nenne ich Undankbarkeit!‹

Der Maler stand wie versteint: eine fürchterliche Wahrheit war ihm in seine Seele gedrungen. Wie ein Wahnsinniger starrte er Zambinella an: ›Und müssen solche Wesen alle weiblichen Formen gewinnen und, um die höllische Lüge zu vollenden, singen wie die Sirenen?‹

Zambinella gewahrte seiner, ward ängstlich, zitterte, detonierte. Ein Geflüster regte sich rings, sie stockte und mußte halb ohnmächtig sich setzen.

Der Kardinal Cicogna spähte nach der Richtung hin, welche die Blicke seines geängsteten Schützlings nahmen, bemerkte den marmorstarren Maler, erkundigte sich bei seinen Untergebenen nach dem Namen desselben, faßte ihn noch einmal scharf ins Auge, rief einen Abbate herbei und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr, worauf dieser sogleich verschwand.

Zambinella indessen erholte sich, begann nochmals die Arie, sang schlecht, aber brachte sie zu Ende. Unwirsch warf er die Noten weg und war durch die inständigsten Bitten aller Anwesenden nicht zu bewegen, etwas anderes zu singen. Es war zum erstenmal, daß er sich öffentlich so grillenhaft und launisch zeigte. Später ward er dadurch nicht minder berühmt als durch seine Stimme.

Immer noch stand der Maler wie versteint, als jemand ihn beim Ärmel zupfte und höflich bat, in ein anstoßendes Kabinett zu gehen, wo ein Bekannter seiner warte. – Zambinella war's.

›Mein bester Signor,‹ sprach er, ›Vergebung! Ich habe groß Unrecht wider Sie auf mein Gewissen geladen und kann mich deshalb nicht zufrieden geben. Es ist wahrhaftig nicht meine Schuld, meine Kameraden haben mich dazu angestiftet. Zum Glück sind Sie kein Italiener, sonst wäre ich, alles Abbittens ungeachtet, meines Lebens nicht sicher.‹

›Wozu angestiftet?‹

›Man sah, wofür Sie mich hielten, und um einen Spaß mit Ihnen zu treiben, mußte ich mich verkleiden.‹

›Du bist also –?‹

›Ein unglückliches, verachtetes Geschöpf, dessen gutmütige Nachgiebigkeit auf einen Scherz einging, der am meisten ihn selbst verhöhnt! – Gehen Sie!‹

Unwirsch, wie ein verzogenes Kind, wandte er ihm den Rücken, und langsam verließ der Maler das Hotel. Drei Männer in dunklen Mänteln folgten ihm, und kaum hatte er einige hundert Schritte zurückgelegt, als sie mit Dolchen über ihn herfielen und ihn niederstachen.

›Der Kardinal Cicogna läßt grüßen!‹ rief einer der Mörder, bevor er entfloh.

›Ich danke ihm!‹ ächzte der Sterbende, ›er hat mir wohl getan! Vergeben sei ihm die Sünde, ein solch verkehrtes Nichts aus der Welt zu schaffen: fast wie ein Christ hat er an mir gehandelt!‹

Nach diesen Worten gab er seinen Geist auf – und die Geschichte ist aus.«

»Und was hat diese garstige Geschichte mit dem gestrigen Spuk gemein?« fragte meine schöne Zuhörerin.

»Das ist die Zambinella, Madame, und meine Geschichte ist wahr! Zambinella war so eitel, das Bild der Psyche aus dem Nachlasse des Malers an sich zu kaufen, und weil auch ihm die Unreifhelt und Seelenlosigkeit darin auffiel, ließ er es als Adonis umändern. Sie sehen, Madame, daß es wirklich Männer von solcher Schönheit gibt, diese leben noch heut, aber ich bin auf sie nicht eifersüchlig. – Vermöge Ihres Scharfsinns werden Sie einsehen, daß Zambinella Marianinas Onkel ist, woher die Lantys so große Stücke auf ihn halten, woher sich ihr Reichtum schreibt und woher sie seine Quelle aller Welt verbergen, denn in der Tat, wenn es bekannt würde, daß –«

»Oh stille, stille!« rief die Schöne außer sich. »Sie machen mich an meinem Dasein irre. Alle Liebe, Zuneigung, Leidenschaft wird mir widerwärtig, das ganze Leben erscheint mir als ekelhafter Spuk.«

»Wirklich, Madame, wirklich?«

Hier hielt ich mit dem Lesen inne, die gefährliche Stelle war vorüber, an der ich zu scheitern fürchten mußte. Noch herrschte Teilnahme und Spannung, der Moment der Rache war da. Meine Blicke suchten Feodora; all mein Zorn, mein Ingrimm sammelten sich in meiner Brust, ich stieß ein fürchterliches Gelächter aus und fuhr mit Donnerstimme fort:

»Nun, bei Gott. Madame! dahin wollte ich Sie bringen, und ich bedurfte solch eines schnöden Mittels, wie diese Erzählung, gegen Ihre rasende Selbstsucht! Obschon ein Weib, gleichen Sie nicht jenem Zambinella? Treiben Sie nicht dasselbe Spiel mit allen Männern, wie jener mit dem verkehrten Maler? Und nicht aus Scherz: aus Selbstsucht, Habgier, niederer Eitelkeit! O Madame, es gibt auch eine moralische Geschlechtslosigkeit: Weiber, die ihr zur Liebe, Güte, Milde, Wohltätigkeit geschaffenes Herz durch Bosheit, Geiz und Selbstsucht entweiben; die nichts sind und sein wollen als parfümiertes, geglättetes, aufgeputztes Fleisch, um Grünlinge zu ködern: Männer widern sie an. Der Orden dieses neuen Lasters nennt sich Koketten! Fluch ihnen, wo sie auch immer sich zeigen mögen: in Theatern, in Kaffeehäusern, in Salons! Fluch der niederen Genußsucht, die des Lebens Höchstes in ihnen sieht! Fluch der Zeit, in Sünden so gesättigt, daß Weiber jetzt mit Keuschheit buhlen, daß Männer gern ohne Erhörung für sie seufzen, nur um noch seufzen zu können!«

Ich hielt inne, und eine ganze Last war mir vom Herzen. Ich fühlte mich so wohl, so groß und erhaben, wie ich all die erschrockenen Gesichter betrachtete, die ängstlich zu spähen schienen: ob dies Scherz oder Ernst, ob zu weit getriebene Ekstase, oder ob ich, von eigener Phantasie berauscht, beim Lesen toll geworden sei. – Ich riß sie endlich aus dem Traum, nahm mein Manuskript und zerriß es in hundert Stücke, die ich wegschleuderte, worauf ich den Saal verließ.

Was weiter geschah, weiß ich nicht, und Rastignac hat es mir nie gesagt. Ich glaube, Feodora war in Ohnmacht gesunken, und alle Welt tröstete sie und verwünschte und verdammte meine Ungezogenheit in so beleidigenden Ausdrücken, daß er es füglich nicht mir erzählen konnte. – Natürlich! darauf war es ja abgesehen. Ich hatte meinen Mut an ihr und dem ganzen Salon mit gekühlt.

Nach meiner Meinung durfte sie sich, auf solche Weise gedemütigt, in der großen Welt nie wieder zeigen; ich bedachte nicht, daß diejenigen, die dort figurieren, eine eiserne Stirn haben. Der Mut, schlecht sein zu wollen, ist größer als der Mut, eine üble Nachrede zu ertragen. Vielleicht sagt denen, die solch ein Spiel treiben, das Gewissen mehr, als irgend raffinierte Médisance erfinden kann.

»So macht Gewissen Feige aus uns allen!«

Wer seinem Gewissen trotzt, trotzt allem, und wer so roh ist, diese innere Stimme zu überhören, hat sicher nicht das Zartgefühl, sich um die Meinung anderer zu kümmern. – Aber teuer, fürchterlich teuer, mit meinem ganzen Selbst mußte ich den augenblicklichen Triumph bezahlen. – Mein Vermögen hatte ich geopfert; meine Arbeiten widerten mich an! – Denn, wird man es mir glauben? – verliebter als je war ich in Feodora, der bittersten Reue und Selbstanklage gab ich mich preis, gegen das schöne, holde und – wehrlose Weib also mich vergangen zu haben, und – o wunderbares Phänomen des menschlischen Gemüts – je verwerflicher, schlechter ich sie mir schilderte, desto liebenswerter dünkte sie mir – und je edler, tugendkräftiger ich selbst mich darzustellen bemühte, desto mehr in Liebe zu ihr fühlte ich mich entbrannt. – Ich stand an einem Abgrund, wo man von dem Leben und der Welt sich ergriffen sieht, die kein Geist der Wahrheit beherrscht, sondern der rohe Dämon der Begier und Sinnlichkeit. – Da sagte ich denn meinem guten Genius Lebewohl und ward der ärgste Schwelger und Schlemmer. Mit solcher Energie erfaßte ich das Lotterleben, daß ich es bald zu einer traurigen Berühmtheit darin brachte. Meine Spießgesellen achteten mich hoch, und das tat mir wohl. Madame Gaudin sah mit teilnehmenden Blicken, mit ihren von Gram gefurchten Zügen wehmütig mich an, wenn ich nach Mitternacht heimkehrte und wenige Stunden bis zur Dämmerung schlief. Ich mißhandelte sie durch Spott und Hohn. Dies Leben setzte ich fort, bis meine Schulden nicht mehr zu vergrößern waren, bis von all meinen Kostbarkeiten mir nichts mehr übrig blieb als der Wert eines einzigen Goldstücks. – Und doch hatten die armen Leute, denen ich schuldete, mir ein unbegrenztes Vertrauen erwiesen, doch hatten sie stets von meinen Lügen sich hinhalten und beschwichtigen lassen, und ich verachtete diese Gutmütigkeit, dieses Vertrauen. – Nur einmal gehorche man dem wilden Menschentriebe, der Gereiztheit unserer Brust – man baue dann auch noch so sehr auf Recht und Fug und Wert, dünke sich noch so tugendkräftig, energisch und edel, – der rohe Dämon, einmal entfesselt, ruht nicht eher, als bis er uns zur tiefsten Stufe menschlicher Versunkenheit gejagt; vor allem die, die etwas Ganzes sein wollen. Er macht uns zu Mördern an uns selbst oder andern.

Eines Abends sagte ich meiner Wirtin: »Gute Nacht, Madame Gaudin! Meinen Dank für Ihre Freundschaft und Sorge! Ich bin Ihnen Geld schuldig, machen Sie sich bezahlt mit Bett und Möbeln. Meine Gitarre gehört Paulinen, die sie mir zum Andenken bewahren mag, denn ich verlasse Paris für ewig.«

»Um Gottes willen, Herr Raphael!« rief sie, und Tränen stürzten aus ihren Augen; sie sank schluchzend in ihren altväterischen Lehnstuhl.

Ich war ärgerlich, weil Sie mich fast gerührt hätte. »Schonen Sie sich, weil Sie hysterisch sind,« sagte ich trocken. Ich ging, mein letztes Goldstück in der Tasche und –

Wohin er ging, weiß der Leser.

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