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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
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Zehntes Blatt

Unter diesen Umständen war mir die Bearbeitung der Memoiren höchst willkommen. Es war eine Arbeit, wobei ich Gefühl und Gedanken entbehrte; sie ging unglaublich rasch vonstatten. – Auch Rastignac besuchte mich nach einiger Zeit.

»Nun, Freund! du bist eingeweiht?«

»In was?«

»In den großen Orden der Feodorenritter!«

Ich erzählte ihm, was vorgefallen und wie ich entschlossen sei, sie nicht wieder zu besuchen.

»Bei dem allen muß ich dich achten,« erwiderte er. »Es ist Konsequenz in dir, und das freut mich. Leute, die etwas Ganzes sind, gehören in einer Zeit wie die unsre zu der seltensten Sorte von Ausnahmen.«

Ich las in derselben Woche noch Goethes »Melusine« bei der Marschallin F.. Besonders der zweite Teil gefiel als ungemein anziehend und artig. Rastignac überhäufte mich mit Lobsprüchen über mein jetziges Benehmen. »Diese Manier der Gleichgültigkeit«, sagte er. »diese Miene des Allesgehenlassens charakterisiert vollkommen den Mann von Welt und Geist.« Einen ungleich edleren Erfolg sollte ich indes bald darauf erleben. Ich hatte ein Lustspiel geschrieben, ganz darauf berechnet, mein Vorlesertalent ins höchste Licht zu stellen, dies trug ich zur großen Zufriedenheit meiner Hörer vor. Auch einem Buchhändler wußte mich Rastignac zu empfehlen, der dieses Manuskript für 1000 Franken an sich kaufte. – Den ersten Gebrauch, den ich von all dem gewonnenen Gelde machte, war der, Madame Gaudins Lieblingswunsch zu erfüllen und Paulinen in die Erziehungsanstalt von St. Denis zu bringen. Ich zahlte für sie das erste Semester voraus und sagte beiden: eine vornehme Dame meiner Bekanntschaft bestritte auf meine Empfehlung die Kosten aus einem dazu ausgesetzten Legat. Es ging der KIeinen nahe, sich von der Mutter, mir, dem Hause, der Straße, von allem Gewohnten zu trennen. Sie hätte mich gerührt, wäre ich eines Gefühls für Wirklichkeit noch fähig gewesen. Aber so geht's! Hat uns das Leben die garstige Kehrseite zugewendet, haben wir uns in den zauberischen Bereich der Poesie hingeflüchtet, so sind wir nur illusorischer Eindrücke fähig. – Allmählich fing ich an, mich wieder behaglich zu fühlen. Meine Arbeiten trösteten mich, gewährten mir reichen Lebensunterhalt, machten mich angesehen in der Welt, die sich gern gefallen ließ, von mir sich unterhalten zu lassen, zumal da ich sonst keine weiteren Ansprüche machte. Inzwischen war der Frühling angebrochen. Rastignac, dessen freundschaftliche Hilfe ich schon entbehren konnte, besuchte mich seltener, und Feodora hielt ich für vergessen.

Da lief eines Morgens ein Brief ein, der mich nach ihrem Hotel beschied und die Versicherung enthielt, daß ich einen wichtigen Dienst ihr leisten könne. Ich weiß wohl, ich hätte lieber alle Vorwände, Entschuldigungen und Ausflüchte ersinnen und erlügen sollen als hingehen. Ich hätte geradezu erklären müssen: »Fürstin, ich liebe Sie, und weil Sie selbst es wünschten, bleibe ich fort.« – Mit welchem Rechte durfte ich mich für den Besseren halten, worauf gründete ich mein Recht, sie verachten zu dürfen, wenn ich außerstande war, meine Leidenschaft zu ihr zu bekämpfen? Aber es war meine erste und unglückliche Liebe, eine doppelte Allmacht! Und der Trost, den mir bisher mein künstlerisches Streben gewährt, ward mir mit einemmal zu einer elenden Selbstgenügsamkeit. Ich dürstete wieder nach der Welt, wollte in verliebtem Leid, in Freuden mich berauschen. Und ich verrechnete mich nur in meinem Herzen, es war nicht gestählt genug zur Bosheit.

Ich ward ungemein freundlich empfangen!

»Mein Wagen ist angespannt, haben Sie Lust, mich nach dem Jardin des Plantes zu begleiten?« fragte sie, mit ihrer eigentümlich reizenden Mimik sich zu mir neigend.

Ich bejahte. Wir stiegen ein, langten an und durchirrten schweigend Arm in Arm die frischbegrünten Laubgänge.

»Ich habe eine Bitte an Sie«, begann Feodora und faßte flehend und fest mich ins Auge.

»Reden Sie!«

Wir gingen einige Schritte, dann begann sie leise und seufzend: »Eine Angelegenheit, die mein Vermögen, vielleicht auch(sie machte eine lange Pause) meine Ehre betrifft, bewegt mich, bei einer hohen Person in Rußland Gerechtigkeit zu suchen. Die Protektion des Herzogs von N– kann mir sehr nützlich sein. Er ist Ihr Vetter.«

»Was ich vermag, soll geschehen.«

»Wie gütig Sie sind!« sprach sie, zärtlich mich anblickend; dann wandte sie sich wieder.

Schweigend gingen wir eine ganze Weile nebeneinander her, da hörte ich sie seufzen, sah Tränen von ihren Wimpern tröpfeln, und ich fragte besorgt: »Was fehlt Ihnen, Feodora?«

Sie stand still und weinte bitterlich. »Raphael!« begann sie feierlich und bewegt, »ich bin nicht so glücklich wie ich scheine! Diese Tränen eines schwachen Augenblickes weihen Sie in mein Geheimnis ein, vernehmen Sie daher, mein Schicksal droht, eine finstere Wendung zu nehmen, und mehr als je bedarf ich des Rates eines uneigennützigen Freundes. Außer Ihnen finde ich keinen in ganz Paris, und keiner ist in dem Grade wie Sie unfähig, Vertrauen zu mißbrauchen!«

»Ich darf mich rühmen, eines unbedingten Vertrauens wert zu sein.«

Feodora eröffnete mir jetzt ihre Lage. Ich wage nicht, dem Papier anzuvertrauen, was ich hörte; Folgendes nur mag genügen. Ihr Vater, der Fürst, hatte in einer verbrecherischen Angelegenheit den Unterhändler abgegeben. Der Plan ward verraten, und er bekam von einer hohen mitschuldigen Person die zeitige Warnung, alle Beweise zu vernichten und zu fliehen. Er sandte hierauf seine Tochter mit ansehnlichen Summen und Kostbarkeiten über die Grenze, er selbst aber zögerte, ihr zu folgen, unter dem Vorwande, seine Güter zu Gelde zu machen. Vermutlich aber hatte er ein zweideutiges Spiel getrieben; – eines Morgens fand man ihn ermordet in seinem Bette, all seine Schränke und Pulte waren erbrochen, und seine Papiere fehlten. Das Verbrechen war vereitelt, aber die Missetäter konnten nicht entdeckt werden, und alle Schuld fiel auf den Toten. Schon seit mehreren Jahren führte Feodora einen Prozeß mit der russischen Regierung. Er nahte sich seinem Ende und bedrohte sie mit Verlust des Vermögens, vielleicht auch der Freiheit.

Ich versprach, ihrer Angelegenheiten mich anzunehmen. Mein Lohn war ein sanfter Händedruck. Sie weinte, ich suchte, sie zu trösten. Wir kehrten heim, auf dem ganzen Wege ruhte ihre Hand in der meinen. Eine Unebenheit des Weges gab dem Wagen einen Stoß, sie sank auf mich, ich wagte es, sie zu umschlingen, weinend ruhte sie an meiner Brust.

Sie hatte mir ein großes Vertrauen bewiesen, hatte ihren Ruf, ihr Glück in meine Hände gelegt. Sie mußte mich um meines Geistes und meiner Geschicklichkeit willen achten, denn sie übertrug mir, woran die Künste von Zwanzigen schon gescheitert. – »Das alles vermag keine niedrige Seele!« sagte ich mir, so oft mein alter Argwohn erwachen wollte. Sie war schön und unglücklich, mithin mußte ich ihr helfen!

Ihre Angelegenheiten nahmen auf längere Zeit alle meine Kräfte in Anspruch. Ich führte wieder ein Leben wie bei meinem seligen Vater, ach, trauriger noch! Ich will nicht mein Studium fremder Rechte in Anschlag bringen, auch nicht die Qualen des Argwohns, aber erniedrigen mußte ich mich fast bei einem Besuche des Herzogs N–, meines Vetters. Er empfing mich mit jener kalten Höflichkeit, die an Beleidigung grenzt, sprach zweideutig von meinem künstlerischen Streben und spielte, in erheuchelter Teilnahme, auf meine Armut an, – der Mann, wie sollte er auch freundlich gegen mich sein, da er so manches Unrechtes gegen mich sich bewußt war! – wie es so in der Welt ist. Verwandte gegen Anverwandte! Ich klagte Feodoren alles.

»Ertragen Sie es mir zuliebe!« flehte sie mit einem unbeschreiblichen Blicke.

Der Herzog von N– erschien. Es war am Tage, wo ich die erste glückliche Hoffnung ihr gebracht. Daß sie ihn zu ihrem Sklaven machte, braucht wohl nicht gesagt zu werden, wohl aber, daß sie in seiner Gegenwart mir eine stolze Zurücksetzung erwies.

Heftig stellte ich sie deshalb zur Rede, ein Kuß verschloß mir den Mund. »Dies für die Beleidigung, die ich meinem treusten Freunde wider meinen Willen zufügen mußte. Kann ich auch den bäurischstolzen Mann für mich gewinnen, wenn er weiß, wie ich Ihnen gesinnt bin?«

Wie zauberisch hatte meine Phantasie den Wundermoment ihres ersten Kußes ausgemalt! – »Feodora!« sagte ich. »kein Vorteil und keine Rücksicht in der Welt kann mich bewegen, einen Augenblick die Achtung, die ich einem teuren Gegenstand schuldig bin, zu verleugnen.«

Alles ging indes noch erträglich, bis Rastignac mich besuchte.

»Aber zum Teufel, was treibst du?« rief er. – »Man spricht davon, du ständest dich besser als je mit Feodora, und weil ihr die romantische Poesie mißfällt, hättest du dich zur Klassizität entschlossen.«

»In Wahrheit, Rastignac, dein Eintritt erschreckte mich. Du kommst stets, aus einem glücklichen Traum mich zu wecken. Vor deinem glatten Lächeln fliehen die Engel und Seraphe auf ihren bunten, lichten Wolken, aus denen dem Einsamen Melodien des Trostes ertönen.«

»Steht es so mit dir?« fragte er mit einer trübseligen Grimasse.

»Rastignac, darf man dem Argwohn unumschränkten Spielraum gestatten, darf Klugheit sich anmaßen, das Allerheiligste der Menschenseele durchdringen zu wollen?«

»Mit Unterschied, bei Menschen deiner Art, nein, bei Menschen ihrer Art. ja!«

»So gibt es auch Menschen, die nur die Personifikation ihrer eigenen Umstände sind, und Intrige und Diplomatie sind ihr ganzes Geistesvermögen. Sie fühlen sich nur als das, was sie in den Augen anderer gelten, sind klein im Glück, weil ihre Umgebung ihnen von selbst alle Ehrfurcht erweist, im Unglück groß; sie müssen das Mitgefühl aller Welt erregen, deren Augen auf sie gerichtet sind.«

»Bravo! Bravissimo! und daher waren Ludwig XVI. und Marie Antoinette wie Märtyrer groß auf dem Schafott. Armer Freund! welch Unglück hat dich zu diesen Wahrheiten geführt?«

»Still, still, ich weiß genug! Du siehst, wir verstehen uns, dringe nicht weiter in mich, schone meiner!«

Er hatte mich kaum verlassen, als ich zu Feodora eilte. Ich fand sie allein.

»Was führt Sie zu mir, doch keine schlimme Nachricht?«

»Keine!«

»Also eine gute?«

»Ich sage, keine.«

»Ich muß Ihnen nur den Mund öffnen!« sie küßte mich. »Nun, bezahlen Sie mir den Kuß mit einer guten Neuigkeit.«

»Feodora! Ich komme, Sie zu fragen – ob Sie mich lieben? Sagen Sie ja oder nein!«

»Raphael!«

»Um Gotteswillen: Ja oder nein!«

»Muß ich meinethalben nicht wünschen, Sie nicht zu lieben?«

»So liebst du mich, Feodora, weil du wünschest, mich nicht zu lieben; würdest du auch mich küssen, würdest du, so ganz Hingebung, in meinen Armen ruhen, wenn du mich nicht liebtest?«

Plötzlich riß sie sich zornig aus meinen Armen, entfloh ins Nebenzimmer und verriegelte die Tür. Trotz meines Bittens, Dringens, Flehens ward mir nicht geöffnet. – Mit Schlangenklugheit wich Feodora auch ferner meiner Glut und jeder Erklärung aus, wenn schon ihre Zärtlichkeit, ihre Hingebung stets dieselbe blieb.

Da erschien der Tag, wo meine letzten Arbeiten geendet waren. Ich wußte, daß Zeit, Mühe und Arbeit verloren, mein kleines Vermögen war ebenfalls schon in der ersten Zeit durch die bedeutenden Kosten ihres Prozesses draufgegangen. Ich mußte einmal sogar sie um Vorschüsse bitten, sie reichte sie mir mit mißtrauischen Blicken, als fragte sie: Bist auch du nicht so reich, wie ich glaubte? Und bald gesellte sich das Gefühl drückender Not zu meiner rettungslosen Verzweiflung.

Ich mag nicht ferner schildern, wie von nun an ihr Benehmen sich gegen mich änderte, meine Feder empört sich dawider, zu verraten, wie ich um ihre unentbehrlich gewordenen Gunstbezeigungen mich bemühte, mich erniedrlgte, und welche elenden Kleinigkeiten allmählich mich zu der längst zuvor geahnten Verzweiflung brachten. Nur so viel genüge, ein Kurier überbrachte mir eines Morgens die glückliche Entscheidung. Es war mein Todesurteil, und ich selbst überbrachte es zur Vollziehung.

Mit marmorkalten Mienen stand ich vor ihr. Die Freude eines Raubtiers leuchtete aus den Augen, womit sie las. Triumphierend stand sie da, gleichsam ausdrückend: jetzt bin ich, was ich sein muß! Auf ihren uneigennützigen Retter fiel kein Blick.

Da begann ich, zerrissen von trostloser Selbstanklage: »O Feodora! Es gibt zweierlei Elend. Das eine geht in Lumpen unverschämt durch die Straßen, ahmt unbewußt dem zynischen Philosophen in der Tonne nach, den es nicht kennt, lebt von nichts und ist damit glücklich, glücklicher als der Reiche, sorgloser mindestens. Es nimmt das Leben da auf, wo der Reiche es nicht mehr begehrt. Das andere Elend weiß ich mit Namen nicht zu nennen. Es ist ein spanisches Elend, verbirgt seine Bettelhaftigkelt hinter Titel, ist stolz, befiedert, elegant. Ersteres ist das gemeine Elend, das andere das der Könige, der Großen, der Glücksritter und des Talents. Ich gehöre nicht zur Hefe des Volkes, auch nicht zu den Königen, den Großen und am wenigsten zu den Glücksrittern. Wenn ich daher nicht ganz und gar eine Ausnahme bin, so darf ich sagen: ich habe mein Talent, meine Zeit, mein Vermögen Ihnen geopfert. Erinnern Sie sich, Madame, als Sie vorige Woche mit mir zum Gymnase dramatique fuhren? – Der Wagen kostete meine ganze Barschaft. Der Kommissionär, der mit dem Schirm Sie in den Wagen geleitete, weil Regen fiel, erhielt von mir zur Antwort: mein Freund, ich habe kein klein Geld! – ich hatte nichts.«

Sie, ohne auf meine Bitterkeit zu achten, fragte: »Aber warum sagen Sie mir das erst heut? was bin ich Ihnen schuldig?«

»O Madame!« entgegnete ich empört, »mehr als ein König bezahlen kann.«

»Sie sind Jurist«, fuhr Feodora mit seiner Verbindlichkeit fort, »der Jurist schätzt alles, und ich darf Sie nicht unbelohnt lassen!«

Ich wandte ihr den Rücken, ging und hatte nur ein Gefühl, einen Gedanken: Rache.

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