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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
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Neuntes Blatt

Das Geschäft mit dem pseudonymen Herrn war nach Wunsch zustande gekommen; ich eilte, mit dem Vorschusse meine Garderobe zu vervollständigen, und mit dem, was ich noch zu erwarten hatte, vermochte ich an Eleganz mit allen Stutzern, die Feodora je umschwärmt, es aufzunehmen. Wie sehnlich wünschte ich eine Gelegenheit herbei, mich ihr zu zeigen! Da lief eines Morgens ein Schreiben von ihr ein: sie wünschte, mich diesen Vormittag noch und so bald als möglich zu sprechen. Der Kommissionär wartete auf Antwort. Ich hieß ihn gehen, bevor die Antwort auf diesem Wege eintreffen konnte, wollte ich selbst schon vor ihr stehen. Hastig warf ich mich in meine neuen, eleganten Kleider, begab mich auf den Weg, nahm das erste beste Kabriolett, und der Kutscher empfing den doppelten Lohn, um möglichst schnell mich zum Ziele meiner Neugier und Unruhe zu fördern. –

Ich ward sogleich vorgeführt. Sie saß im modernen Boudoir, von bunter Frühlingspracht umgeben, bei der Toilette und ließ sich frisieren. Das heißt: ihre Kammerfrau fuhr unaufhörlich mit einem großen weißen Kamm durch ihr blondes Haar. Soll ich sagen, daß sich die alten Märchen meiner Kindheit mir verwirklichten, daß ich wähnte, Perlen, Edelsteine und Diamanten aus ihren Haaren fallen zu sehen, oder daß sie der Frühling mich dünkte, weil ihr reizendes Leben mitten im strengen Dezember solch prangenden Flor um sich erzeugte? So abgenutzt diese Sprache ist, Liebe gebraucht sie dennoch immer wieder. Es begibt sich mit uns Liebenden derselbe Prozeß, und wir treten mit den Frühlingsmächten, welche die Erde verjüngen, Bäume, Felder und Wiesen neu bekleiden und alles zur heiteren, entzückenden Daseinsfreude aufmuntern, in enge Verwandtschaft. Liebe ist die Geburt, der Frühling der Empfindung, und alle jene Märchen- und Zauberphantasien von Elfen, Feen, Genien, Göttern sind ihre ersten Kinderspiele, die sie erlebt, denn emsig, ernsthaft spielen Kinder! Ach, daß dieses Gefühlsdasein vom Leben am wildesten angefeindet wird – bald muß es sich in seinen eignen Gluten verzehren, und daraus kommen jene unseligen Heroen, jene halb ausgebrannten Gefühlskrater, die nur in Sünden wieder aufleben. Oder das eisige Klima dieser Welt erstickt solche Keime in der Geburt, und das werden die trefflichen Kaufleute, Bankiers, Staatsmänner und Handwerker, die bei ihren Verwandten, Freunden und Nachbarn als Mustermenschen gelten, aber ich möchte das Geheimnis kennen, das Herz zu erziehen, diätisch es zu pflegen und unbeschädigt, unverletzt in ein gesundes Alter hinzuleiten! Nur einzelnen Auserwählten unter ganzen Generationen wird dies zuteil, es sind die Dichter!

»Es ist genug, Maria!« sprach Feodora zur Kammerfrau und legte das Buch hin, worin sie bis jetzt gelesen. Maria drehte ihr Haar in den gewöhnlichen Knoten zusammen, befestigte es mit der großen goldenen Nadel und ging. – Erst nachdem alles in Ordnung war, wandte sie sich zu mir. – »Ach, Herr Marquis, was wollte ich doch eigentlich, und warum ließ ich Sie rufen?«

Ich schwieg.

»Ist es nicht seltsam, ich hatte Ihnen etwas Wichtiges zu sagen, und nun ist's mir ganz und gar entfallen: – aber was ist Ihnen? Sie reden ja kein Wort!«

»Ich bin gekommen, Ihre Befehle zu vernehmen.«

»Warten Sie, vielleicht fällt es mir wieder bei.«

Es entstand eine lange Pause, die ich mich zu unterbrechen hütete. Schweigen paßt zu allem: zur Empfindung, zur Welt, zur Achtung, die man behaupten und andern erweisen will. Wir selbst fühlen uns im Schweigen wohl, verletzen schweigend andere nicht, setzen uns dem Betruge nicht aus und gestatten schuldlosem Vertrauen, uns zu erraten. Ich lernte bei Feodora heut alle Wohltaten des Schweigens.

Endlich schien es sie zu verdrießen, daß ich mir gar keine Mühe gab, sie zu unterhalten.

»Ich kann mich durchaus nicht drauf besinnen«, begann sie, unwillig ihren Stuhl zurückschiebend.

Auch ich erhob mich, empfahl mich und ging. – Bevor ich jedoch das Ende der breiten, duftenden Treppe erreicht, ward ich zurückgerufen.

»Da fällt mir ein, was ich von Ihnen wollte!« – redete sie mich an. – »Ich besuche diesen Abend das Theater, mir fehlt ein Begleiter, und ich rechne auf Ihre Gefälligkeit.«

Stumm verbeugte ich mich, aber ich glaube, das Entzücken leuchtete aus meinen Augen. Sie trat näher, und mit einer Miene voll unbeschreiblicher Huld fuhr sie fort:

»Ich meine es wahrlich nicht böse mit Ihnen, liebster Marquis, und daß ich Sie heut zum Begleiter wähle, geschieht nicht ganz ohne wohlmeinende Absicht. Ein neues Stück von Viktor Hugo wird gegeben. Sie sollen unter meiner Aufsicht von Anfang bis zu Ende es mit ansehen und daraus lernen, wie man angenehm, gefällig, liebenswürdig und interessant für jedermann dichtet. Sie böser, wilder Mensch! Mit Ihrer Fülle von Gefühl, Geist, Poesie und Begeisterung erschrecken, quälen, peinigen, foltern sie die Menschen. Hoffentlich wird Sie der heutige Abend lehren, wie man seine Gefühle und Gedanken gehörig breit treten und ausdehnen muß, um sie den Zuschauern mit aller Gemächlichkeit beizubringen. Ein einziges Ihrer Gefühle oder ein Gedanke, werden Sie einsehen lernen, reicht schon zu einer ganzen Tragödie hin. Ich muß mich wahrlich Ihres Talents annehmen, denn bei Ihrer jetzigen deutschen Überfülle verzehren Sie Ihre poetische Kraft in einem einzigen Jahre, und sind im folgenden bankerott.«

Ich betrachtete verwunderungsvoll und entzückt die Reizende, wie sie schalkhaft verbindlich vor mir stand, halb als wolle sie entfliehen, halb als wolle sie hinsinken. Doch jede ihrer Bewegungen, und sie mochte annehmen, welche Stellung sie wollte, hatte diesen weichen, üppigen Reiz. Ein freundliches Lächeln, eine Bewegung der kleinen Hand und des runden, nackten Armes verabschiedeten mich. – Zum zweitenmal stieg ich die Treppe hinab und mit ganz verwandelten Gefühlen. – Sie liebte mich! Es konnte nicht anders sein, wie ganz hatte ich ihren anfänglichen beleidigenden Empfang mißverstanden!

Feodorens Erscheinen im Theater erregte wie immer Aufsehen. Mit einem einzigen Blick musterte sie das Haus, wie mich dünkte, um sogleich alle ihr gebührenden Huldigungen in Empfang zu nehmen. Dann neigte sie sich sogleich zu mir und sagte: »Die Frau v. F. – und die Vicomtesse G – sind auch hier!«

»Und Sie haben sie in diesem Augenblick schon erkannt?« fragte ich erstaunt.

»Sie richten ihre Gläser hierher« – fuhr sie fort, – »gehen wir zu ihnen, die Loge dicht dabei ist noch unbesetzt.«

Wir verließen die Loge, sie reichte mir von neuem ihren schönen Arm, den ich ganz leise an mich drückte. Ich wäre so gern den ganzen Abend allein mit ihr in einer Loge geblieben, und dennoch freute es mich auch, an ihrer Seite mich in jener Gesellschaft zu zeigen.

Leise wurde die Tür zur leeren Loge geöffnet, und wir standen noch im Hintergrund, als wir Rastignacs Stimme vernahmen, der zu den in der Nebenloge anwesenden Herren und Damen folgendermaßen redete: »Ich schwöre es Ihnen, daß mein Freund ihr keineswegs den Hof macht. Wir haben diesen Mittag noch miteinander gespeist, und er erklärte mir mit der Kälte eines Advokaten oder Notars, der seinem Klienten ein Rechtsmittel oder einen Kontraktartikel definiert (denn er ist ein Jurist und hat bedeutende Kenntnisse und Geschicklichkeit in diesem Fache): daß, so wenig das Benehmen der Fürstin ihm auch eine Aufmunterung dazu gebe, er dennoch nicht unterlassen würde, ihre Bekanntschaft aufs eifrigste zu suchen.«

Ich war im Begriff, durch eine geräuschvolle Bewegung den Schwätzer auf unsere Gegenwart aufmerksam zu machen, allein Feodorens Ellbogen berührte meine Seite nicht ganz sanft.

Jener fuhr fort: »Diese junge Dame« – sagte der Marquis – »ist eine psychologische Merkwürdigkeit, ein weibliches Rätsel, ein interessantes physisches Phänomen. Fünfundzwanzig Jahre zählt die Fürstin.«

»O nicht doch«, unterbrach ihn die Vicomtesse, »sie zählt kaum zwanzig!«

»Aber ich muß nacherzählen, was mein Freund Valenti sagte. Ganz richtig, siebenundzwanzig Jahre zählt die Fürstin mindestens« – sagte er.

»Es kommt immer besser!« lachte die Vicomtesse.

»Auch ich widersprach ihm, da behauptete er aber: er sehe mit gleichgültigen Augen sie an und urteile sicher und unparteilich. Wer zu siebenundzwanzig Jahren nicht liebt, der liebt niemals, woher aber liebt Feodora nicht? Es gibt Blinde, Stumme, Taube! Ist sie eine Blinde, Stumme, Taube in der Liebe? Ist ein Desorganismus der Grund dieser unweiblichen Erscheinung? Oder hat sie etwa einmal unglücklich geliebt? Dann aber muß eine gewisse Bitterkeit, ein Männerhaß nachbleiben, und den würde ich schon entdecken! Wäre es vielleicht auch nur Eitelkeit, und will sie mit mütterlichen Sorgen und Pflichten ihre schöne Taille nicht verderben? Oder zwingt sie etwa eine körperliche Unvollkommenheit zur Tugend wider ihren Willen, oder dünkt sie sich zu stolz und gut, um irgendeinem Manne anzugehören? Kurz – so schloß er seine Rede – nichts existiert in der Welt ohne einen vernünftigen Grund, und diesen getraue ich mich, innerhalb acht Tagen zu erforschen. – Sie sehen, mit welchem Eifer er sich ans Werk machte, ja, ja, stille Wasser sind tief. Da sitzt er schon neben ihr in der Loge. – Aber wo sind sie denn geblieben?«

Rastignac schwieg. Ich glühte vor Scham und Zorn. »Trauen Sie mir dergleichen zu?« fragte ich die Fürstin russisch. Sie stand stolz und kalt, machte jetzt ein Geräusch und trat in den Vordergrund der Loge. Komplimente und Begrüßungen wurden gewechselt. Man erriet aus meinem Angesicht, daß wir alles gehört. Die Damen machten keinen Hehl aus dem Scherze des Herrn von Rastignac, wie sie es nannten. Dieser suchte, sich zu entschuldigen, Feodora aber versicherte: »Ich habe nichts gehört, und hätte ich etwas gehört, ich hätte nicht darauf geachtet, und hätte ich darauf geachtet, ich hätte Ihnen mein Haus verboten.« – Rastignac ward über und über rot, ich betete die Erhabene an.

Nach dem zweiten Akt begegnete er mir im Foyer.

»Einen angenehmen Auftritt hatte ich deinethalben!« sagte er empfindlich.

»Rastignac, ich habe Ursach, dir dankbar zu sein, doch was wirfst du dich in allen Stücken zu meinem Vormund auf?«

»Weil du ein Kind von schwacher Einsicht bist. Nach allem, was ich von Feodora dir gesagt, läßt du dich von ihr ins Theater schleppen, damit alle Welt erfahre, wie geduldig du an ihrem Triumphwagen ziehst. Denkst du, sie hätte aus einem anderen Grunde mit dir sich im Theater gezeigt, als um dort mit dir gesehen zu werden? Alle Welt wunderte sich darüber, den gekränkten, beleidigten Dichter neben seiner stolzen Feindin als dienenden Ritter zu sehen, und mußte ich diesen dummen Streich, weil ich dein Freund bin, nicht entschuldigen? Obendrein erscheinst du mit so unzweideutigen Blicken auf mich. Du hast mich kompromittiert, nicht Feodora!«

»Du magst recht haben!« erwiderte ich kleinlaut, »und ich habe mich von neuem in Feodora getäuscht. Dennoch solltest du mich nicht gewaltsam zu einem Spiele zwingen, zu dem ich mich nie verstehen kann.«

»Sie hat dich wohl ungemein huldvoll eingeladen, ihr Begleiter zu sein?«

»Ach!« seufzte ich und stampfte mit dem Fuße.

»So macht sie es stets, so ist sie im Anfang gegen jeden: die Liebe selbst, bis sie ihn auf den Punkt gebracht hat, sich zu erklären. Leb' wohl! ich bedaure dich und habe alle Lust verloren, dir ferner hilfreich beizustehen!«

»Sie haben mit Rastignac gesprochen?« fragte mich Feodora, als ich wieder in der Loge erschien.

»Ja!«

»Ich lese es in Ihren Mienen! Die Gespräche dieses Mannes bilden ganz eigene Züge in Ihrem Gesicht, ich habe dies schon öfter beobachtet.«

Die Vorstellung war zu Ende.

»Sie werden mich nach Hause begleiten!« sagte Feodora. Wir verabschiedeten uns und gingen.

Im Wagen war Feodora zerstreut und gedankenvoll. Fragen, die ich an sie richtete, wurden zerstreut oder verächtlich beantwortet, zum Teil auch überhört. Ich mußte von neuem zum Schweigen meine Zuflucht nehmen. – Wir kamen in ihrem Hotel an und setzten uns zum Kamin. Der Kammerdiener zündete die Wachskerzen an und ging. – Eine ziemliche Zeit nahm keiner von uns das Wort. Ich fühlte, daß es zu einer Erklärung kommen mußte, aber ihre Gesinnungen waren mir verdächtig geworden; wie heiß ich sie auch liebte: ich fühlte, daß meine Worte verschwendet sein würden. Feodora brach das Schweigen.

»Marquis! Ich habe eine gute Meinung von Ihnen und gestehe Ihnen daher: ich weiß, daß man gesucht hat, mich Ihnen verdächtig zu machen. – Wenden Sie nichts ein, Offenheit ist Ihnen angeboren, und Sie sind unfähig, sich zu verstellen! Ich achte Sie darum und, indem ich mich vor Ihnen zu rechtfertigen suche, gebe ich Ihnen den Beweis. Die Verleumdungen eines so lockeren Menschen wie Rastignac verachte ich und darf es. Hören Sie mich an: Seit ich in Frankreich bin, hat viele schon der Glanz meines Reichtums verlockt, dreist um meine Hand zu werben; ich habe Erklärungen erhalten; die meiner Eitelkeit schmeicheln dürfen, auch traf ich Männer, deren Zuneigung ernst war. Aber jeder empfing den Bescheid, daß ich entschlossen sei, mich nie zu vermählen, und folglich durfte auch mit Liebe sich keiner mir nahen. Neue Titel, neue Reichtümer bieten mit jedem Tage sich mir, und ich muß stets zur selben Sprache meine Zuflucht nehmen, die mir durch öfteres Wiederholen so nichtssagend vorkommt, daß ich einen Mann wie Sie nicht damit belästigen mag. Auch genügt das Resultat. Aber warum sage ich Ihnen dies alles? – Raphael, ich wünsche mir einen Freund! Sollte Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern nicht möglich sein? Ich stehe für mich! Aber wären alle Männer zum Eigennutz und zur Leidenschaftlichkeit verdammt – ich habe in der Hinsicht keinen vorteilhaften Begriff von Ihrem Geschlechte – Sie nehme ich aus – oder vielmehr, ich will es mit Ihnen wagen. – Wohlan, Raphael, wollen Sie mein Freund sein? Sie sind ehrlich und gut! Sagen Sie aufrichtig: halten Sie sich für so rein, daß nie eine unlautere Empfindung zwischen uns sich eindränge? Sie sehen« – fuhr sie mit reizendem Lächeln fort – »ich erteile im voraus den Korb einer Huldigung, die jedenfalls schmeichelhaft ist. Allein Schmeicheleien sind mir zuwider und am verdrießlichsten von Ihnen. – Nun, hier ist meine Hand! Wollen Sie, oder vielmehr können Sie dieser Freund sein? – Sie schweigen? Doch Sie haben recht. Prüfen Sie sich, damit ich im schlimmsten Falle Sie immer hochachten darf. Gute Nacht, lieber Raphael! Ich bin heute sehr müde und sehne mich nach meinem Bett. Sagen Sie mir recht bald Ihre Antwort. – Nein, sagen Sie mir nichts, es bedarf keiner Worte zwischen uns. Vermögen Sie nicht, um was ich Sie bitte, verbannen Sie selbst sich von hier, so ist es Ihrer würdig, – vermögen Sie es jedoch, nun, so sehe ich Sie wieder – und nicht wahr? – recht bald!« – Ich ergriff ihre schöne Hand, preßte sie an meine Lippen; ein zarter Gegendruck versenkte mich in Wonne. – Sie ging in ihr Schlafgemach. – Vor meinen Augen stand die wunderbare Grotte, das heilige Schweigen an der Schwelle. In kostbar-stiller Meerestiefe sie selbst die größte Kostbarkeit, süß und ehrwürdig, bewahrt von unheimlicher Umgebung. Welch ein Selbstgefühl der Schönheit erfand diesen Tempel des keuschen, reinen Schlafes! – oh, und mein trunkenes Ohr hörte ihre Kleider rauschen, ich sah das entfesselte Haar, seinem Knoten entwunden, wie ein goldwallender Mantel die Strahlende umfließen! »Das Waldweib in Tiecks Runenburg!« rief ich, und Tränen traten in meine Augen, des Schmerzes, der Sehnsucht – und der Wut. – Wußte ich etwa nicht, daß sie ein absichtsvolles, grausames Spiel mit mir trieb – daß sie meine Liebe erkannt und, sophistisch mich abstoßend, mich an sich fesselte? – Das ist das Leben! Für die alle meine Pulse schlugen, die jeden Nerv meines Körpers schmerzlich belebte, die mußte meine Seele, mein besseres Selbst verachten! – So auch war's mit der Freundschaft. Rastignac liebte mich, sein Rat war richtig und gut – und auch diesen mußte ich verschmähen – verwerfen! – Mein ganzes inneres und äußeres Leben war grauenhaft verwirrt. Muß man ein Stoiker sein für das Leben? Oh, wo erwirbt sich dieser feine, höhere Stoizismus? – Ich frage noch? – Habe ich nicht meine Kunst und jugendliche Künstlerkraft? »Es ist aus!« rief ich und verließ entschlossen Feodorens Platz auf der Ottomane, wo ich weinend bisher gesessen; »das Leben ist mir nun gleichgültig, ich will es nur in all seinen Beziehungen benutzen für mein Streben! – Leb' wohl, Feodora! betrügerische Göttin, göttlicher Betrug und des Betruges Göttin! Du hast mir eine fürchterliche Lehre gegeben, doch gern bezahle ich sie mit meines Herzens Zerrissenheit: nun bin ich von der Wahrheit meiner Poesie, der romantischen, und ihrer Dichter überzeugt, und was die Ideale der Klassiker betrifft, so möchte ich jedem derselben Feodora zeigen, ganz wie sie heute zu mir sprach, und ihnen zurufen: Seht eure göttlichen Träume! Wenn sie das Leben gebiert, sind es Lügen! Und eures Herzens schönste Wünsche verkündend, erschafft ihr Formen für den Betrug und lehrt ihn sein häßliches Wesen hinter euren Adel, eure Würde verstecken!«

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