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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
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Siebentes Blatt

Noch am selben Morgen besuchte mich Rastignac. »Glück zu, Freund! Du hast gesiegt! Das nenne ich mir einen Erfolg!« so rief er, ins Zimmer hüpfend, mir entgegen. »Was, bist du noch in deinen Kleidern? Du warst also nicht zu Bett, hast nicht geschlafen? Nun in der Tat, daß du dich freust, ist verzeihlich, und was mich betrifft, so habe ich mich in dir geirrt, das hätte ich nimmermehr dir und deinem stillen Dachstubenwesen zugetraut. Mensch, wo hast du diese Mund-, Schwatz- und Stimmenbiegsamkeit und Fertigkeit her? Doch das ist Talent und angeboren. Komm, laß dich umarmen!« – Er tat's, und bevor ich noch Zeit fand, etwas zu erwidern, hatte er von neuem das Wort genommen. – »Ja! du hast recht, deinen Triumph so aus den Augen leuchten zu lassen. Weißt du auch, was du erreicht? Alle Damen sind auf deiner Seite, allgemein hat man Feodorens ungebührliches Benehmen mißbilligt. Aus ihren Salons bist du verwiesen, allein die Marschallin B–, die Vicomtesse G–, die Herzogin W–, Mesdames v. F– und N– wünschen, dich bei sich zu sehen, und haben mir den Auftrag gegeben, dich einzuladen.«

Hier machte Rastignac endlich eine Pause des Nachdrucks, und ich durfte fragen: »Woher weißt du so genau, daß ich aus ihrem Salon verbannt bin?«

»Was sonst? Hat sie dich nicht wegwerfend behandelt, darfst du füglich wieder bei ihr erscheinen?

»Gesetzt aber, sie hätte mir schon alles abgebeten?«

»So geschah es unter vier Augen, gedemütigt wurdest du aber vor einer ganzen Gesellschaft!«

»Die günstig für mich gestimmt war; ich durfte die Beleidigung verachten und fand am Ende in Feodorens Unwillen, o glaube mir, den höchsten und begehrenswertesten Erfolg.«

»Freund! so wenig wie zwei Hähne auf einem Hofe sich vertragen, so wenig kannst du mit ihr in einem Salon bestehen. Ihr macht beide dieselben Ansprüche auf ausschließliche Bewunderung. Sie kokettiert mit ihren Reizen, wie du mit deinem Genie; wie die Sachen jetzt stehen, mußt du entweder ihr Ansehen stürzen, oder sie untergräbt deinen Ruf, der nur noch auf schwachen Füßen steht.«

»Bei Gott! ich tu' ihr nichts Leides, was sie auch gegen mich beginnen mag; ich seh' auch nicht ein, wie ich's könnte.«

»Bist du rasend?«

»Vielleicht! und wenn ich's bin, aus Liebe zu ihr!«

»Das hätte ich nicht erwartet!« sprach Rastignac zornig. »Leb wohl!«

»Wohin?«

»Einen Narren seinem Schicksal überlassen oder vielmehr seiner Narrheit, denn das ist das Gestirn, so über ihm waltet.«

»Rastignac, jetzt will ich stolz reden! Wofür soll ich's halten, daß die, die für niemand noch empfand, in einer Assemblee meinethalben gänzlich sich vergaß, eine auserwählte Gesellschaft hintansetzte, um ihrer Bitterkeit gegen mich Luft zu machen? – Glaube nur, die Erstlingsblüte der Liebe entkeimt einem herben Kelche; Jungfräulichkeit haßt den Gegenstand, der sie zwingt, sich in sich selbst anzufeinden. Verlaß dich drauf, Feodora hat besser mich verstanden als du oder sonst jemand im Salon!«

Rastignac schlug eine laute Lache auf. »Du bist der eitelste Geck, den je die Sonne sah!«

»Eine sehr freundschaftliche Überführung!« erwiderte ich gereizt.

»Jetzt seh' ich ein, woher Genies es im Leben zu nichts bringen!«

»Es gibt Ausnahmen!«

»Wunder hast du gestern getan, aber wahrlich nicht durch deinen Verstand. Euch Genies wirft eure wunderliche Konstellation zuweilen Gewinne in den Schoß, um die sich andere ehrliche Leute lebenslänglich und fruchtlos abmühen. Ihr aber habt nichts Besseres damit vor, als sie aus der Tasche zu verlieren. O Raphael! du machst mich noch aus Bosheit und Raserei zu einem gescheiten Manne, der sich hinstellt und Reflexionen über Menschenleben macht, trotz einem Schulmeister. Von jeher herrschte in Salons Langeweile. Der gute Ton begehrte sie, dies Urgesetz der großen Welt, wider dessen Heiligkeit sich zu empören, noch keines Menschen leisester Gedanke sich erkühnte. Ein Wortspiel, ein Bonmot, eine Neuigkeit gingen von Mund zu Mund wie das brennende Hölzchen, bis sie erloschen. Es waren die Oasen in der grenzenlosen Wüste, worüber die hungrigen Kamele sich herstürzten, bis sie abgeweidet. Ein Künstler, der sich hören ließ, ein Dichter, der seine Verse deklamierte, bewirkte nur musikalische oder rhythmische Langeweile statt der gewöhnlichen. Du, der erste, der ergriff, hinriß, begeisterte – oh, es ist unerhört, solange es Salons gibt! – und hätte ich gestern mittag noch gewußt, was und wie du vortragen würdest, ich hätte dir gesagt: Freund! das alles ist gut, aber für diese Gelegenheit unpassend. – Du jedoch hast Glück gehabt, kannst dir einen Dichterruf jetzt begründen, wodurch aber? Bloß durch dein Genie? Oh, das ist keine Salonpflanze, und früher oder später kommt man darauf: dies ist nicht für uns. – Nein! – reden muß man von dir und nur von dir reden. Du kannst jetzt der Held des Tages werden, du bist der Liebling der Damen, deren Eitelkeit und Neid in dir den Rächer sieht, der Feodorens Macht trotzt. Auch alle Männer müßten dich achten, wenn dir gleichgültig ist, was sie anbeteten, und – du liebst Feodora! Die Damen werden in dir einen Undankbaren, die Herren nur ihresgleichen sehen! – Was, bist du ein Dichter, und dein Fleisch ist dir mehr als dein Dichtertum? Du glaubst, um deinetwillen, aus Liebe zu dir habe Feodora gestern wider allen Ton und Lebensart verstoßen? Keineswegs! Lerne sie kennen! Trotz ihrer Schönheit, dem vornehmen Nimbus, den sie um sich verbreitet, trotz ihres prahlerischen Luxus und ihrer bis ins Kleinste getriebenen Prachtliebe ist sie nur eine – Abenteurerin! – Ihr Ansehen in der großen Welt, ihr Königinnentum auf jedem Feste ist ihr alles, ihr Kapital, ihr Landgut, ihre Renten, ihre Existenz. Du hast es gewagt, in ihrer Gegenwart zu glänzen, hast Gefühle, Tränen, Gemütserschütterungen bewirkt, die nicht ihr galten. In ihrer Existenz hast du sie angegriffen, und darum war sie empfindlich, darum zeigte sie – nichts als Egoismus und entlarvte sich, zum erstenmal in ihrem Leben, als Abenteurerin! – Mit Unhöflichkeit kann höchstens fürstliches, sehr vornehmes, uraltes Geblüt imponieren, wo dies zweifelhaft ist, selbst der Reichtum unbegründet, da erhalte man sich um Gottes willen in der Höflichkeitsglätte. Doch freilich! gekränkte Eitelkeit raubt wohl die Besinnung, und wir bleiben unserer selbst nicht mehr mächtig!«

»Feodora eine Abenteurerin?«

»Ja, Freund! Ein Geschöpf, wie es heutigentages viele gibt, die von dem Kapital ihrer Schönheit leben, so leben, wie du siehst, daß Feodora lebt. Sie sind keusch und tugendhaft, denn der Rentier darf sein Kapital nicht angreifen. Nur die Unbesiegte lockt. Sie ist die schönste Frau in Paris, mithin in der Welt, und ihr den Hof zu machen, ist Mode. Darum seufzt die ganze elegante Welt bei ihr. Das ganze diplomatische Korps liegt ihr zu Füßen, und jeder Mann von Ansehen und Macht wünscht wenigstens, sie kennen zu lernen, was immer der erste Schritt ist. Um ihren Hofstaat zu vermehren, tauchen Schwärme von Glücksrittern aus ihrem Nichts empor, setzen all das Ihrige zu, um die Rolle unglücklicher Liebenden vor ihr zu spielen, und sinken, wenn ihr Brennöl, ihr Gold nämlich, verzehrt ist, in ihre ursprüngliche Nacht und Finsternis zurück. – Daß Feodorens Einfluß auf diese Weise sich über die ganze zivilisierte Welt erstreckt, ist keine Frage. Wer etwas durchsetzen oder erlangen will, wendet sich an sie. Ist die Vermittlung einer hohen Person, die sie noch nicht besucht, dazu nötig, so finden sich zwanzig gute Freunde, sie einzuführen, und sie lächelt und lächelt immer wieder, bis der große Hans geschmeidig wie ein Aal zu ihren Füßen liegt. Nur wenige haben versucht, ihrer Macht zu widerstehen, und diese wenigen Bären hat sie alle zu ihren eifrigsten Anbetern gemacht, sie bilden ihre Leibwache. – Zwar bestechen läßt sie sich nicht, um jemand zu dienen, sie dient aus Freundschaft, aber die Freundschaft kommt teuer zu stehen. Erkauft kann diese nicht werden, aber gewonnen – durch Geschenke. Klein dürfen diese Geschenke nicht sein, um eine so prachtliebende Dame damit anzubinden, und reiche Geschenke hat sie schon mit einem Händedruck belohnt. Bei dieser Gelegenheit haben alte Herren auch wohl einen Kuß erhalten. Gefühl aber hat sie bisher immer nur den Geschenken erwiesen.«

»Die Unglückliche! ich bemitleide sie fast mehr, als ich sie verachte.«

»Ich rate dir zu keinem von beiden, vielmehr solltest du dir ein Beispiel nehmen und ihr nachahmen; du bist vielleicht als Mann ebenso schön wie sie, kannst in der Damenwelt bedeuten, was sie den Männern.«

»Bist du ein Menschenkenner und empfiehlst dergleichen mir?«

»Dein Dichtertum an sich bringt dich nicht aus dieser Dachstube, wo du zeitlebens nur ein Sonderling bleibst. Du gefällst den Damen, laß von allen dir huldigen und sei fühllos und kalt gegen alle, wie Feodora, bis sich einige Millionen dir zu Füßen legen. Die nimmst du auf samt der reichen Erbin, der sie gehören, und stellst damit dein Haus in seinem alten Glanze her. Ganz ebenso wird es Feodora machen, und das ist das Ziel und der Endzweck deines und ihres Spiels.«

»Es ist meiner unwürdig! mein ganzes Herz empört sich dawider, denke ich an dergleichen.«

»Hast du ein so egoistisches Herz, das wider Welt und Schicksal anschreit? Gott sei Dank, daß ich kein solches habe, ich schnitte es mir sogleich aus dem Leibe und kochte Tinte daraus, auf dem Papier könnte es schreien, soviel es wollte, dahin gehört sein Geschrei, da trägt es Lohn und Früchte ein.«

»So gönne auch mir einmal, als Menschenkenner zu fragen: was gewinnst du, wenn ich solch eine Rolle spiele?«

»Wieso?«

»Ist Vorteil die Losung, welch ein Vorteil erwächst dir daraus, wenn ich deinen Rat befolge?«

»Auf Ehre! nicht der mindeste, nur, daß ich einen Gefährten mir gewinne. Jedem gefällt die Haut, in der er steckt, jeder ist eingenommen von seinem System, freut sich seiner Gedanken, dünkt sich was mit seinen Gesinnungen und ist stolz zu empfinden, wie er empfindet. – Ich habe einmal zur rosigen Fahne des Lebens geschworen; willst du mein Kamerad sein, gut für dich! – wenn nicht – so verliere ich nichts. Doch genug der Worte! Daß deine Liebe zu Feodora ein Unsinn ist, der zu nichts führt, wirst du einsehen; daß du, um dich nicht lächerlich zu machen, ihr nicht huldigen darfst, versteht sich von selbst. Und sind wir nur darin einig, so findet sich das übrige schon. – Nächste Woche liest du bei der Marschallin F., das wird dein zart Gewissen dir erlauben, und wie höchst notwendig du jetzt Aufwand machen mußt, hat dir sicherlich dein Verstand schon gesagt. Daß du Geld bedarfst und wo es zu holen ist, weiß ich! – Wie wär's, wenn du vor der Hand eine kleine Buchhändlerarbeit, die aber sehr lohnend ist, übernähmest?«

Ich zuckte die Achseln.

»Doch das läßt sich besser bei einem Frühstück abmachen. Sei dieser Tage mein Gast, ich hole dich in meinem Wagen!« Hiermit verließ er mich.

Ich war aus allen Himmeln herabgestürzt. Feodora eine Abenteurerin! – ich nur der Übersetzer alter Dichter, mein Erfolg nichts als eine Jünglingseroberung. Mir graute vor der Alltäglichkeit des Lebens.

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