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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
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Sechstes Blatt

Zu meinem ersten Debüt hatte ich Tiecks »Runenburg« und »Liebeszauber« bestimmt, – sie glichen in etwas den beliebten Hoffmannschen »Contes phantastiques«. Wir Franzosen haben von dieser Höhe der Poesie, der Fülle in Wort, Ausdruck, Charakter, Gedanken, Empfindung und Phantasie kaum eine Ahnung. Um aber den Hörer ganz in die das Kleinste durchdringende Begeisterung mit hinzureißen, muß der Leser durch Ton und Ausdruck das Kleinste auch geltend zu machen wissen. Ich übte mich tagelang, alles, was ich aus dem Original getreulich in meine Muttersprache hineingelegt, auch mittelst der Stimme wiederzugeben, und ich glaube, eine nicht unbedeutende Virtuosität in Nachahmung der Affekte und Töne der Leidenschaft, wie überhaupt eine ziemliche Biegsamkeit des Organs zu besitzen.

Am Abend vorher las ich Paulinen meine Übersetzung vor. Mitten darin stürzte sie weinend mir in die Arme. »Liebster Herr Valenti,« rief sie schluchzend, »bei solchen Gedanken und Träumen müssen sie ja sehr unglücklich werden!« Ich umfing die Kleine, die sich gar nicht beruhigen wollte, zärtlich und nahm ihre Angst und ihr Weinen für ein gutes Omen. Mein einziger erster Leser war für mich gewonnen, mein ganzes vorhandenes Publikum lag weinend an meiner Brust.

Der entscheidende Abend brach an, wo ich, mit den Manuskripten in der Tasche, zaghafthoch gestimmt, in tausend Hoffnungen fürchtend, mich nach dem Faubourg St. Honoré begab. – Ich fand eine zahlreiche Gesellschaft von Herren und Damen. Rastignac hatte alles trefflich eingeleitet. Ich war der Gegenstand der gespanntesten Neugier, so sehr ich mich auch zu verbergen bemühte und in den Hintergrund mich zurückzog.

»Auf ein Wort« – flüsterte Rastignac mir zu und zog mich aus meinem Winkel in ein Nebengemach. – »Bis hierher habe ich dich gebracht;« – begann er ein wenig feierlich – »in einer kleinen Stunde, Freund! stehst du auf dem Punkt, wo du deiner Arbeiten Erstlingsfrüchte erntest. Für diese kurze Zeit noch tu mir die Liebe, zu befolgen, was ich dir anempfehlen werde. Dein erstes Erscheinen hier war von Erfolg. Man hat deine Gestalt, deine Mienen, dein ganzes Aussehen edel und geistreich gefunden und gelobt. – Dennoch, Raphael, wie konntest du heut eine weiße Weste anziehen? Schwarz, Freund! schwarz sei die Kleidung des Vorlesers, bis auf Halstuch, Chemisette und Manschetten, die in makelloser Weiße erscheinen müssen, denn des Lesers Mimik liege in Gesicht und Händen, alles andere trete in Nacht und Hintergrund zurück. Auch dein Halstuch sollte minder regelmäßig sitzen; durch kleine Nachlässigkeiten deutet der Dichter gleichsam an, daß er sich über die Gebräuche der Salons hinwegsetzt. Freilich ist es schwer, hier Maß zu halten und den richtigen Schwebepunkt zu treffen, auf dem vornehme Verachtung zwischen Befolgung und Nichtbefolgung sich erhält. Das allergeringste »Zuviel« ist verwerflich, weil es auf das Nichtvertrautsein mit diesen Gebräuchen könnte schließen lassen. Dies alles ist leider heut nicht mehr zu ändern, und du mußt nun in der weißen Weste und dem regelrechten Halstuche, wie sehr es auch dem guten Geschmack widerstrebt, vorlesen. Willst du nun ferner nicht aller guten Meinung, die ich von deinem Genie habe, entgegen handeln, so stelle dich, mir zuliebe, abseits, aber verstecke dich nicht, wie du bisher getan, sondern jeder muß in deiner Einsamkeit dich sehen können. Nimm eine gedankenvolle Miene an, hole stark Atem, aber ohne zu seufzen. Blicke etwas stier immer nach einem Punkte, das kleidet dich gut, weil du dunkle Augen hast, und ist außerdem echt poetisch. Zuweilen streiche dir auch die Locken aus der Stirn, aber nicht dich zu frisieren, sondern um die Wolken der Schwermut, die sich darüber gelegt, in weicher Resignation zu verjagen. Diese Bewegung muß überhaupt der Stirne mehr wie den Locken gelten. Tritt jemand zu dir, weichst du ihm aus, redet er dich an, erwiderst du kurz, zerstreut, unzusammenhängend, einsilbig. Ist es keine besonders vornehme Person, so laß sie drei-, viermal ihre Worte wiederholen, bevor du deine halbe Antwort gibst; ist sie vornehm, sprich mit bescheidenem Ernst, achte sie durch Bescheidenheit, dich selbst noch höher durch deinen Ernst. Das ist das einzig notwendige, unentbehrliche Benehmen eines jungen, obskuren Dichters, der die Aufmerksamkeit und Neugier rege machen muß. Zuvörderst stell' er selber sich, als ob er mit ganzer Seele an dem hänge, woran, wie er wünscht, alle andern ebenfalls mit ganzer Seele haften sollen! Wo nicht? – für Genie und Talent im Salon geb' ich noch keinen roten Pfifferling!«

»Freund, spare deine Worte!« erwiderte ich. »Du weißt nicht, wie mich ganz und gar erfüllt, was ich vorzutragen gedenke, und wie die Stimmung, die ich für die einzig notwendige halte, um Dichtern, wie den meinigen, nachzufühlen, im Widerspruch steht mit Geist, Wesen, Gesprächen, Konvenienzen, Tun und Treiben des Salons. Wenn nicht dieser Widerspruch von selbst mich zu einem zerstreuten und schüchternen Benehmen, wie es meiner Lage natürlich und verzeihlich ist, veranlaßt, wahrlich, mit Vorsatz kann ich's mir nicht aneignen. Es ist so schwer zu wirken, wie ich wirken möchte, daß man für diese kleinen Äußerlichkeiten wenig Aufmerksamkeit übrig behält.«

»Bravissimo!« rief Rastignac, »und wie du zu mir jetzt sprichst, im selben Geiste rede auch zu andern, mehr wird ja von dir nicht begehrt. Was schadet's, ob du dieser Scharlatanerien, Koketterien, oder wenn du's lieber hörst, Äußerlichkeiten bedarfst, um dich selbst in der Stimmung zu erhalten, wohin du andere versetzen willst, oder ob du mit Absicht sie dir aneignest, – genug, daß alles dies vorhanden ist. In der Tat, Raphael, ich bekomme eine große Idee von deinem Genie, das in seiner Unschuld alles dasjenige trifft, was mir erst durch mannigfache Erfahrung und Anschauung aufgegangen. Nun, sei ganz Dichter, um es ganz zu scheinen. Was kümmern mich deine Beweggründe? Das Äußere, dies bedenke, wirkt, und was du denkst und fühlst, ist nichts, wenn es nicht auf anständige und vornehme Art sich darlegt.«

Feodora trat zu uns, und ich stand ganz Auge! Sie trug eine japanische Frisur, ihr Haar war ganz aus dem Antlitz gestrichen und oben zu einer turmhohen Flechte vereint, in welcher rote, blaue, silberne und goldene Glockenblumen wankten. Ihr Kleid von bunter Seide war mit Litzen mannigfach besetzt. Ein goldner Gürtel umschlang ihren herrlichen Leib. Sie trug goldene Armbänder und vielfach goldene Ketten um den Hals. Mit einem Worte, sie schien so phantastischsüß in einer so bunten Fülle bizarrer, fast törichter Reize, daß mir war, als trete die Muse meines Lieblingsdichters, seinem jüngsten Werke frisch entsprungen, leibhaftig mir entgegen.

»Die romantische Poesie, Freund!« flüsterte auch Rastignac mir zu. »So närrisch hat sie sich für niemand noch gekleidet. Das Glück ist mit dir! wohlauf, sei klug!«

Er ging; Feodora trat zu mir, sie sagte mir viel Artiges und Verbindliches, ich führte sie zur Gesellschaft zurück und hatte ein Selbstvertrauen, einen Stolz gewonnen, daß selbst Rastignac mir verstohlene Beifallszeichen gab. – Sie mußte mich verstehen, unsre beiden Wesen mußten im tiefsten heimlichsten Innern eins sein. Sie kleidete sich nicht nur, sie lebte für mich. Es war mir, als sei ich in der großen, glänzenden Assemblee nur mit ihr allein; wie Halbmenschen, Puppen, Affen erschienen mir die übrigen Anwesenden, ich mochte auf sie nicht achten. –

Endlich schritt man zur Sache, ich mußte auf einem Lehnstuhl vor einem kleinen Tisch Platz nehmen, zwei silberne Armleuchter brannten auf demselben. Aller Augen wandten sich zu mir, vor den meinen stand aber nur Feodora, als ich begann.

Der leichte märchenhafte Anfang der »Runenburg« ergötzte sie; in dem schönen Waldweibe, das man ohne Liebeswahnsinn nicht betrachten konnte, schien sie eine Anspielung auf sich zu finden, obschon das Kostüm, welches ihr der Dichter gab, Befremden erregte. Als aber die ersten Spuren des Wahnsinns, wie vom Zufall hergeleitet, sich einstellten, bei dem Liede von den Blumen, bei dem mineralischstarren Wahnsinn ward sie kälter und immer kälter. Je mehr das Interesse wuchs, desto auffallender ward ihre Teilnahmlosigkeit. Sie bewegte sich, machte Geräusch, um so auffallender, weil ringsum Grabesstille herrschte. Alle Augen starrten, weitaufgerissen, mich an. Hin und wieder funkelte eine Träne darin. Auch Rastignac saß ernst und wie leblos da. – Nie hatte ich mit solchem Feuer gelesen, ich wunderte mich über mich selbst. Nie genügt man sich, wenn man im stillen Kämmerlein die Kräfte übt, doch die eigne Wirkung auf Hörer deutlich wahrzunehmen, belebt, ermuntert, begeistert, ermutigt. Alles gelang mir, und doch blieb Feodora kalt, kalt bei der letzten herzzerreißenden Wahnsinnsstarrheit, die für immer vom Leben scheidet, um im Häßlichen und Toten sich zu berauschen, worin die verrückten Sinne des höchsten Daseins Wonnen zu sehen vermeinen.

Unwillig schwieg ich. – Man trat zu mir, überhäufte mich mit Lobsprüchen, nur Feodora sagte kein Wort und – Rastignac. Ich bat in meiner Verzweiflung, auch noch das zweite Märchen vorlesen zu dürfen. Mit einstimmiger Freude wurde es gebilligt. Feodora warf mir einen strengen, fast strafenden Blick zu, aber sie vermochte dem allgemeinen Wunsche nicht entgegen zu sein.

Tiecks »Liebeszauber« ist eine weibisch verzärtelte Poesie voll Idiosynkrasien weiblicher Nervosität, mit instinktartigen Antipathien, plötzlichen Schauern und Schrecken, Gefühlslaunen und Eigensinn der Empfindung: in all diesen Eigentümlichkeiten besteht aber gerade ihre Liebenswürdigkeit, und nachdem die Muse hinlänglich in delikater Weiblichkeit kokettiert hat, wird sie sich plötzlich ihrer überirdischen Natur bewußt und zerstört ihr Geschaffenes im dämonischen Hochgefühl! – Besonders die kleinen Empfindlichkeiten wußte ich mit der Stimme gut wiederzugeben und ihre Verwandtschaft mit dem Humor. Die Tollheiten der lustigen Person erregten allemal Gelächter, aber auch die lieblichen Schilderungen entzückten, und die Schrecken spannten. – Ich blickte auf Feodora – ach, auffallender Mißmut entstellte ihre schönen Züge. Vergebens bot ich alle meine Kräfte auf, die trostlose Gefühlsüberschwenglichkeit des Helden der grellbunten Armseligkeit gegenüber zu schildern. Wie nah lag mir das alles, – ich las nicht, ich lebte alles durch. Ich war erschöpft, meine Stimme ward heiser, sie reichte kaum aus zu dem geheimnisvollleisen Flüstern des Entsetzens, das allmählich seine gespenstischen Schwingen entfaltete und zu dem Schrei des Entsetzens, worin das Ganze schloß.

Ich war selbst ergriffen. Die Stille währte eine Weile fort. – Ich erhob mich, überlaut tönte von allen Seiten mein Lob. Die Kraft des Dichters, der wunderliche Reiz der Komposition, die Sprache, der Vortrag, man wußte nicht, was man am meisten loben sollte. Ein berühmter Bonmotist behauptete: ich hatte als Vorleser geleistet, was Paganini auf der Geige. Diese pfiff, schnarrte, heulte, näselte, klimperte, knirschte und kreischte und war doch immer voll glockenreiner Lust, Liebe, Gefühl, Zerknirschung und Entsetzen. – Warum denn weigerte sich Feodora, anzuerkennen, was mir das Ziel und Höchste im Leben war?

Es wurde noch viel über klassische und romantische Poesie gesprochen, und vor allem pries man die deutschen Dichter. Ich hatte mich näher zu Feodora gedrängt, die mich gewahrend behauptete: die romantische Poesie sei gar keine Poesie, es sei ein idealisierter Unsinn, der sich allmählich zum lichterlohen Wahnsinn steigere, eine platte Absurdität, die in starre, verstockte Tollheit ausarte. Kein einziger Gedanke sei ihr in beiden Märchen begegnet, nirgends hätte sie Geschmack oder nur den Beischmack von Geschmack verspürt. Die deutschen Poeten hätten wohl Talent, aber Frankreich allein habe Dichter, wogegen alle ausländischen Dichter sich verhielten wie Gassenbuben zu Hofleuten. – Das Wort »Gassenbuben« erregte allgemeine Mißbilligung. Es war eine Beleidigung, auf die sich nichts erwidern ließ, und ich mußte sie hinnehmen. Das Gespräch war abgebrochen, keiner getraute sich, mir irgend noch etwas Verbindliches zu sagen, um so größer aber war die Achtung, mit der man mich behandelte, und die angesehensten Personen erwiesen mir in einem gewissen Grade ihre Zuvorkommenheit. Ich fühlte aber wohl, daß ich mich entfernen mußte, und nahm die erste Gelegenheit wahr, wo ich mich unbemerkt glaubte. – Feodora eilte mir nach.

»Wollen Sie schon gehen, Herr Marquis?« fragte sie schmachtend – »doch gehen Sie, gehen Sie, böser Mensch!« fügte sie schmollend hinzu. »Sie haben mich für den ganzen Abend mit Ihrer fatalen Poesie zerstört. Mein Gott, Damen dergleichen derbe Deutschheiten vorzulesen! Ich werde diese Nacht nicht schlafen können. Aber ich weiß wohl, das ist Ihr Triumph, wenn Sie ein ahnungsloses, sanftes Geschöpf, wie mich, aus all seinen Sinnen herausschrecken, oh! da dünken Sie sich groß und wundertätig. Von jeher haben die Männer sich bemüht, uns unsere Herzen zu rauben. Sie fangen gar an, unsere Empfindungen zu verwildern, unsere Sinne sich selbst abwendig zu machen.«

»Feodora!« rief ich überrascht.

»Gehen Sie, gehen Sie, – denn muß ich nicht fürchten, daß Sie plötzlich selbst in eben solch ein Schreckbild sich verwandeln, wie tausendfach in Ihren Poesien geschieht?«

»Fürstin!«

»Ich sage, gehen Sie, doch« – fügte sie mit unbeschreiblich reizender Freundlichkeit hinzu – »kommen Sie bald, recht bald wieder, denn wenn es zu wissen Ihnen der Mühe wert scheint, Ihre Bekanntschaft hat mich sehr überrascht und erfreut.« – Hiermit wandte sie mir den Rücken und verließ mich – mir blieb jetzt nichts als zu gehen, und es war das Beste, was ich tun konnte, denn nach diesem Auftritt bedurfte ich der Einsamkeit. Ich hatte mich nicht geirrt in Feodora, nur Alltagsmenschen nehmen neue Gefühle wie all und jedes Neue hin, Wesen wie Feodora, selbst auch wie die kleine Pauline, fühlen sich mit dem Ungeahnten in Widerstreit, und lange währt's, eh man sein Selbst an solche bedeutungsvolle Momente gewöhnt. Auch ich ja suchte jetzt das Freie, um Feodorens Worte tausendfältig zu überlegen und mich ihrer in allen möglichen Bedeutungen, die sie haben konnten, zu erfreuen.

Wem jemals die kühnsten Wünsche plötzlich sich verwirklichten, wer in einem einzigen Abend die Lieblingsträume rasch und leicht ins Leben überschreiten sah, wer sich bewußt ist, den ganzen Zauber durch sein Selbst bewirkt zu haben, der ahnt, welche Hochgefühle mich bis in die feinsten, fernsten Nerven durchbebten. Ich ging nicht, ich flog nach Hause, Paris hatte sich für mich verengt, und hoch über alles rief eine Stimme in mir: Feodora liebt, liebt mich! Wir nur verstehen uns ganz von allen, die uns bewundern, und unser Verständnis ist Liebe! Nur ein Wesen gibt's auf Erden, meiner würdig, und ich, ich bin der einzige ihrer wert! – Der Morgen graute schon, als ich immer noch mit großen Schritten mein Zimmer maß.

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