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Lebensbilder - Band 1

Honoré de Balzac: Lebensbilder - Band 1 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleLebensbilder - Band 1
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
volume1
editorFriedrich Hirth
year1913
translatorDr. Schiff
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060627
modified20180411
projectid0c7c724d
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Fünftes Blatt

Umgeben von Herren, die einen Halbkreis um sie bildeten, saß Feodora anmutig hingegossen auf der Ottomane. Bei unserm Eintritt erhob sie sich, mit ihr ein ganzer Himmel, denn eine reizend majestätische Erhabenheit entwickelte sie. Ihre Formen, voll und weich, weckten südliche Gluten, aber der Schnee des Nordens hatte seinen schönen Zauber darüber hingegossen. Ihr hellblondes Haar, zu reich für einen künstlichen Putz, war im Nacken zu einem natürlichen Knoten gewunden, den eine einfache goldene Nadel hielt. Zu beiden Seiten der reinen Stirn war es schlicht geglättet. Sie trug ein schneeweißes Kleid, das aber von ihrem Angesicht, Brust, Nacken und Armen überstrahlt ward. Ihre Haut war von einer Weiße und Zartheit, die wunderhaft, fremdartig, vielleicht auch echt nordisch nur erschien: ein wächsener Glanz, halb durchsichtig. Es war eine Juno. Großäugig, lilienarmig, verwirklichte sie in göttlicher Einfalt alle homerischen Beiworte. Bis auf einen Blick koketter Milde schien ihr streng regelmäßiges Gesicht kalt und fühllos. Ja, die kleine, stolzgerötete Unterlippe verachtete alles um sich her, und eine grenzenlose Herablassung schien es, wenn sie zu jemand sich hinneigte, um auf ihn zu hören.

Diese Göttin nahte sich und bewillkommnete uns, ein klein wenig gnädig lächelnd. Emphatisch lobte mich ihr Rastignac als einen Mann von Talent. Ich hatte keine Worte und begnügte mich mit einem mir durch Gewohnheit eigenen Anstand.

»Stell' dich doch nicht so verwundert über die Prinzessin!« flüsterte Rastignac mir zu, als sie den stolzen Rücken uns wandte, »oder bist du es, laß es wenigstens nicht merken!«

Feodora nahm wieder Platz auf der Ottomane, und das Gespräch ging seinen Gang fort. – Rastignac hatte recht. Man soll sich über nichts wundern, keineswegs im Horazischen Sinne, nur in guter Gesellschaft nicht, die sich zum Stolzismus verhält wie Glätte zur Kälte. Ich nahm nicht teil am Gespräch. Jeder huldigte ihr wie einer Königin, und sie nahm den schuldigen Tribut huldvoll in Empfang, belohnte ihn hie und da mit einem süßen Gesellschaftsblick. Jeder erschöpfte seinen Vorrat von Neuigkeiten, Tagesvorfällen, Bonmots und Epigrammen. Man politisierte, witzelte, kritisierte, faselte und klatschte. – Solch eine Unterhaltungsgabe war mir nie eigen; wäre sie's gewesen, längst hätte ich sie im Hotel St. Quentin vergessen. Ich saß stumm unter allen, die sich bemühten, Feodora zu unterhalten, von denen keiner aber wußte, ob er seinen Zweck erreichte, denn – sie gähnte zuweilen verstohlen, und mich entzückte sie damit.

Als die Gesellschaft so zahlreich geworden, daß man auf den einzelnen nicht mehr achtete, nahm ich Gelegenheit, die eleganten und geschmackvoll dekorierten Säle zu betrachten. – Jedes Zimmer hatte einen eigenen Charakter: ein Luxus, der sich höchstens bei den reichsten Engländern zeigt. Ein gotisches Zimmer, mit Schnitzwerk von Eben- und Lindenholz ausgelegt, hatte runde Fenster mit Glasmalereien. In einem modernen Zimmer war alles luftig, leicht und vergoldet. Ein herrlicher Blumenflor duftete und blühte von allen Seiten. Ein drittes Zimmer repräsentierte den Geschmack Ludwig XIV., und passende, ausgesuchte Gemälde hingen überall an der rechten Stelle, daß man nach dem ersten oberflächlichen Eindruck auch den Geschmacksernst der Besitzerin wahrzunehmen Anlaß hatte. – Da erschien Rastignac, faßte mich geheimnisvoll schweigend beim Arm und führte mich durch eine Reihe von Zimmern in Feodorens Schlafgemach. Ein schwerer Teppichvorhang mußte zurückgeschoben werden, und zwei Marmorstatuen geboten dem Eintretenden Schweigen –: eine weibliche mit leise aufgehobener Hand, eine männliche, die mit streng gebieterischen Zügen den Zeigefinger an die Lippen legte. Das Bett war in Form einer großen Muschel, mit Perlmutter ganz ausgelegt und mit goldenen Rändern eingefaßt. Sie ruhte auf dem schuppigen, grüngoldigen Leib eines Seeungeheuers, das mit scharfen Klauen und spitzgezähntem Rachen den Schlaf der Göttin verteidigen zu wollen schien. Eine Draperie von seegrüner Seide schwebte leicht wie Nebel darüber. Das Gemach selbst stellte eine Grotte oder Meereshöhle dar. Es war mit blinkendem Erz rauh bekleidet und kostbare Muscheln, Korallenstauden und Schnecken bildeten groteske Borten und Verzierungen. Rastignac lüftete den über das wollüstig weiche Bett hingebreiteten türkischen Schal ein wenig. »Nun? heißt das nicht unverschämt kokettieren? – Ihr Bett den Blicken eines jeden preiszugeben! Hier auf dies Heiligtum der Göttin, wo sie ruht wie eine Perle in der Schale, möchte und kann jeder seine Karte hinlegen – das ist aber auch alles.«

»Wirklich?« fragte ich nicht ohne Eifersucht.

»Die Kühnsten und Geschicktesten haben hier ihre Verführungskünste verschwendet, gestehen es ein, bleiben ihr treu und sind aus ihren verschmähten Liebhabern zu ihren ergebensten Freunden umgewandelt; merkst du's, Freund, das vermag Schönheit! – Aus epikureischen Wüstlingen macht sie platonische Freunde. O Gott, wenn Mann und Weib eine gespaltene Einheit sind, wie geht da heutzutage die Mannheit in die Brüche, und welch ein schlechter Rechenmeister war, der dies sagte: Plato. Feodorens platonische Hälfte macht allein ein ganzes Regiment aus, wo sollen da alle Männer herkommen, die übrigen platonischen Bataillone, Kompagnien oder Rotten zu komplettieren?«

»So hat sie noch keinen dem andern vorgezogen?«

»Noch für keinen gefühlt, das ist authentisch!«

Wir verließen das Gemach, um nach dem Saale zurückzukehren. Im gotischen Zimmer begegnete uns Feodora.

Ein anmutiges Lächeln gebot mir, zu verweilen. Rastignac ging. Sie erkundigte sich nach meinen Arbeiten. Ich sprach mit Wärme, sie schien lebhaften Anteil zu nehmen und bat sich Proben aus, um selbst darüber zu urteilen. Wer war froher als ich? – das Glück kam mir auf halbem Wege entgegen, und aus Feodorens Händen wünschte ich, es zu empfangen.

»Rastignac,« sagte ich auf dem Heimwege, »unmöglich ist sie die leichtsinnige Kokette, die du in ihr siehst; sie fühlt, aber für keinen in ihrer Umgebung, denn keiner ist würdig, daß eine Feodora für ihn fühle.«

»Bedanke mich,« entgegnete Rastignac, »denn was mich betrifft, so gehöre ich auch zu ihrer solcher Empfindung unwürdigen Umgebung. Aber, Raphael, ist's dein Ernst, könntest du so unklug sein, bei deiner, glimpflich zu reden, Pauvrität, um die Liebe einer dem Anschein nach reichen Fürstin zu werben, und könntest du bei deinem Verstande nicht einsehen, daß deine Liebe den Weg alles Fleisches geht, weil nichts als Fleisch und keine Seele in ihr geliebt werden kann, um trotz aller deiner Dichtergaben dich zu irgendeinem merkwürdigen naturhistorischen Exemplar herzugeben, womit diese Circe ihre nur allzu vollständige Menagerie bevölkert!? Bist du, der im Hotel St. Quentin eine Dachstube bewohnt, den Shakespeare dort für Frankreich übersetzt, sich für einen Dichter hält und von Nachruhm träumt, nicht als zweiter Uliß mit den Kräutern des Merkur versehen, nun, so mag Minerva wie Butter am Ofen schmelzen; Tugend sei die Erbschaft eines Verschwenders, auf die er Schulden macht, eh' er sie noch besitzt, und Unschuld sei ein schlechtgeflecktes Schuhwerk, was man sich bei dem ersten besten Regenwetter abläuft.«

Er verließ mich bald. Ich hatte noch einen weiten Weg bis nach Haus, zwischen dem Faubourg St. Honoré und der Rue des Cordiers liegt ganz Paris. Dennoch dünkte der Weg mir kurz.

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