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Frida von Kronoff: Lebensart - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorFrida von Kronoff
titleLebensart
publisher
year
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150825
projectid79dc494a
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Geleitswort.

Die Kunst der feinen Lebensart! – Die einen lächeln über den »Formenkram«, die anderen glauben desselben nicht zu bedürfen, denn unsere Zeit wirft allen hemmenden Zwang gern weit hinter sich; wieder andere, die hinsichtlich gesellschaftlicher Formen unsicher umhertasten, suchen Festigung im Ausüben verknöcherter, althergebrachter Sitte und glauben somit erst recht eines feinfühligen Führers durch das Labyrinth vielfach verzweigter Verpflichtungen entraten zu können.

Sie alle bewegen sich auf falscher Bahn.

Lebens art ist die Form, die wir unserer Lebensführung geben. Doch darf sie keine tote Hülle sein, keine bloße Maske, nein, wir müssen sie mit warmpulsierendem Leben erfüllen, müssen sie durchstrahlen mit dem beglückenden Lichte wahrer, aufrichtiger Nächstenliebe, die gar nicht anders kann, als sich in Wort und Tat zu äußern und eben diesem Wort den zum Herzen sprechenden Ton, dieser Tat die unwiderstehlich anmutende Form zu geben, die allein befriedigt und erfreut.

Der sittliche Kern der feinen Lebensart kann ebensowenig geleugnet werden, wie das einmal geschaffene Formenwesen gänzlich aus der Welt zu räumen ist. Der geselligen und gesellschaftlichen Verknüpfungen sind allzuviele, als daß wir achtlos an ihnen vorübergehen könnten, nur unser Ich auf den Plan stellend mit seinen Ansprüchen und seinen Rechten! Ja, wer wollte denn gerade diesem »Ich« Raum und Vorzug gönnen, wenn nicht andere hier bescheiden zurückträten, dort voll Zuvorkommenheit entgegenkämen? Und all diese Rücksicht ist nichts anderes als Herzenstakt, umgeprägt in die gangbare Münze gesellschaftlicher Höflichkeit.

Schon in der Kindheit unseres Volkes, zu einer Zeit, da man die Worte Kultur und Kulturbestrebung noch nicht kannte, waren dem Verkehr zwischen Herr und Diener, Fürst und Untertan, Mann und Weib, zwischen dem ehrwürdigen Alter und der ehrfürchtigen Jugend, dem gläubigen Volke und der allmächtigen Gottheit, feste Grenzen gezogen, die nicht verwischt oder umgangen werden durften. Zarter Sinn und innerliche Vertiefung haben die starren, auf ethischem Untergrund aufgebauten Gesetze anmutig ausgeschmückt, belebt und durchstrahlt, und eben diese leichtübersichtlichen Grundregeln bilden die äußeren Umrisse unserer heutigen Verkehrsweise, der nun wirklich die Kulturbestrebungen der fortschreitenden Zeit die notwendig werdende Verfeinerung geschaffen, der die unermüdlich wechselnde und bessernde Mode noch diese und jene vergängliche Zier verliehen.

Aus all diesen Grundregeln, die in ihrer verfeinerten Ausgestaltung in allen Fällen des menschlichen Lebens, in Lust und Leid, bei Freudenfesten und Trauerfeierlichkeiten, in Handel und Wandel, bei Familienbeziehungen und hinsichtlich des äußeren gesellschaftlichen Verkehrs zur Anwendung kommen, tritt der tiefere Sinn ja zumeist schon klar hervor; das etwa Unbegreifliche, überflüssig Erscheinende muß mit in den Kauf genommen werden, weil der feststehende Gebrauch ihm Heimatsrecht verliehen. Der Geist aber, der alles zu beleben versteht, wird auch aus diesem Unbegriffenen noch den geheimnisvollen Sinn herausschälen oder die leere Form mit schönem Inhalt füllen.

Solange wir inmitten geselligen und geschäftlichen Verkehrs leben, müssen wir uns mit den Bräuchen der Allgemeinheit abfinden und in diesen Gebrauchsformen zurechtfinden, wollen wir nicht als Ungebildete gelten, denen die einfachste Höflichkeitsregel unwert oder unbekannt. Und im Gegensatze zu denjenigen, welche einer bequemen Selbstsucht und Formlosigkeit das Wort reden, gibt es ja auch Unzählige, die gern die Form beherrschen möchten und doch des richtigen Ratgebers für alle schwierigen Fälle ermangeln.

Diesen will unser Büchlein mit wohlerwogenem treuem Rat hilfreich zur Seite stehen, denn gerade an die große Menge wahrhaft Zartsinniger, aber Unberatener wendet es sich mit dem ermunternden Zuruf: »Frage mich und dein gutes Herz, deinen redlichen Willen, und gewiß wirst du das Rechte treffen!«

Doch noch andere gibt es, die bangend vor der Menge geselliger Vorschriften stehen, denn ein unerbittlicher Faktor, der knappe Geldbeutel, hat ihnen haarscharfe Grenzen gezogen, die sich mit den nicht minder berechtigten Forderungen ihrer Stellung schwer vertragen. Auch ihrer gedenkt unser Ratgeber in treuer Fürsorge, indem er den Inhalt über die Form stellt und dem warmen Impuls, der die Tat beseelt, den Ehrenplatz einräumt.

Ein ungesunder Drang nach Genuß und Großtun, nach Überbietung in äußerlichem Prunk und Entwertung wahrer, köstlicher Werte geht durch unsere Zeit; doppelt unverständlich, faßt man den Ernst des Lebenskampfes, das mühselige Vorwärtsringen des einzelnen, den erbitterten Wettstreit aller Kräfte nur recht ins Auge. Das Leben ist zu ernst, um es mit zweckloser Tändelei hinzubringen, zu kurz, um an bloßem Formelkram seine beste Kraft zu zersplittern. Diesem Nimmersatten und unberechtigten Weithinausgreifen törichter Steigerung steht unser treuer Ratgeber entgegen mit der Forderung eines vernünftigen Mittelmaßes hinsichtlich aller notwendigen und berechtigten Formen seiner Lebensart, und es braucht nur den Mut der Wahrheit, um hier wirklich Wandel zu schaffen allen Gesellschaftsklassen zu Nutz und Frommen.

Nicht das Kleid schafft den Wert des Herzens, des Geistes; nicht das prunkvollste Geschenk entspringt dem lautersten Urquell, nicht der Totenkranz ist der ehrendste, dessen Lorbeerlast am schwersten wiegt, dessen teure Blumenfülle augenfälliger als alle anderen; nein, immer die Seele ist es, die daraus sprechen muß, sie strahlt aus leuchtendem Auge in heller Mitfreude, sie bebt im knappen Wort innigsten Mitgefühls, sie ermutigt, ermuntert, erhebt, sie adelt die äußerlichen Formen der Demut, der Ehrfurcht, des Glaubens, der Liebe!

Was wären gegen solch hohen Wertgehalt alle äußeren vergänglichen Werte?

Darum: kein Schein, sondern echtes, wahres Sein, keine hohle Form, sondern Inhalt und Leben, nicht verknöcherte Sitte und unverstandenes Modediktat, nein, vielmehr die reine Sittlichkeit in ihrer ganzen keuschen Innerlichkeit und Vertiefung!

Unter diesem Gesichtspunkt mag auch der anmutigen Form ihr unbestrittenes Recht werden; unter dieser Voraussicht soll unser treuer Ratgeber als Wegweiser in allen schwierigen Lebensfragen und als Begründer und Förderer einer wohltuenden Einfachheit der gebildeten Verkehrsweise hinausziehen in die weite Welt, sich Freunde zu erwerben und sichere Heimstatt zu finden, so weit die deutsche Zunge klingt!

Kannstatt.
Die Verfasserin
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