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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
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39. Kapitel

Ein anderer alter Freund findet Smike rechtzeitig.

Kaum war die Nacht, die dem armen Smike so viel Bitterkeit gebracht, einem hellen und schönen Sonnenaufgang gewichen, als bereits ein Postwagen aus dem Norden fröhlich durch die noch unbelebten Straßen von Islington rasselte und der Postillion mit den schmetternden Tönen seines Horns die Ankunft der Diligence verkündete.

Der einzige Passagier auf der Außenseite, ein kräftiger, bieder aussehender Ökonom, hielt seine Blicke so voll Bewunderung auf die St.-Pauls-Kirche gerichtet, daß er den Lärm, den das Rasseln des Wagens verursachte, gar nicht beachtete, bis eines der Kutschenfenster rasch heruntergelassen wurde. Dann erst blickte er herab und begegnete dem Gesicht einer hübschen jungen Frau, die soeben aus dem Wagen heraussah.

»Da schau mal, Mädel«, schrie der Landmann und zeigte auf die Kathedrale. »Das is' die Paulskirchen. Saprament is dös a Bauwerk.«

»O Gott, John, ich hätte sie mir nicht halb so groß gedacht«, antwortete die junge Frau. »Das ist ja ein Monstrum.«

»Und was für a Monstrum, da hast d' recht, Tilly«, lachte der Ökonom, der niemand anderer war als John Browdie, und half seiner Gattin, durch seinen weiten Regenmantel ein wenig behindert, ungeschickt aus dem Wagen. »Und was glaubst d' wohl, was dös für a Haus is? 's is blos a Posthaus, sonst nix. Hohoho, gelt dös hättst d' nöt erraten? Wenn dös schon a Posthaus is, wie wird da erst das Haus vom Bürgermeister ausschauen!«

Damit öffnete er den Schlag vollends, klopfte Mrs. Browdie, geborene Miss Price, auf die Wange und brach in ein brüllendes Gelächter aus.

»Na Servus, mir scheint, sie schlaft noch immer«, sagte er.

»Sie hat die ganze Nacht durch und gestern den ganzen Tag über geschlafen, von ein paar Minuten abgesehen«, lachte Mrs. Browdie, »aber es war noch das beste so. Sie war grauslich schlecht aufgelegt, sooft sie aufgewacht ist.« Ihre Bemerkung galt einer noch immer schlummernden Gestalt, die so in Schal und Mantel eingehüllt war, daß es rein unmöglich gewesen wäre, ihr Geschlecht zu erraten, wenn nicht ein brauner Biberhut mit einem grünen Schleier darum außer Frage stellte, daß es eine Dame sein mußte, und zwar eine Dame von so zerknülltem und zerknittertem Äußern, daß ihr Anblick auch ernstere Leute als John Browdie zum Lachen gereizt haben würde.

»Hallo!« brüllte John und schüttelte sie. »Aufgewacht!« Nach einigen Ausrufen von Ungeduld und Verschlafenheit richtete sich die Gestalt endlich in eine sitzende Stellung auf, und unter dem zerknüllten Biberhut und einem Halbkreise von Haartollen tauchte das liebliche Antlitz Miss Fanny Squeers' auf.

»Ach, Tilda«, jammerte sie, »wie du mich die ganze Nacht über gestoßen hast!«

»Na, du gefällst mir«, jubelte Mrs. Browdie. »Du scheinst ja gar nicht zu wissen, daß du sämtliche Plätze im Wagen fast allein eingenommen hast.«

»Leugne nicht, Tilda«, rief Miss Squeers mit Nachdruck. »Du hast es getan, ich weiß es. Leugne nicht. Vielleicht weißt du es selbst nicht, da du geschlafen hast, Tilda, aber ich habe die ganze Nacht über kein Auge geschlossen und weiß es daher ganz gut.«

Mit diesen Worten ordnete sich Miss Squeers Hut und Schleier, schüttelte sich, offenbar höchst zufrieden mit ihrem Aussehen, die Zwiebackbrösel, die sie im Schoß liegen hatte, von ihrem Kleid, nahm John Browdies Arm und stieg aus dem Wagen.

»Heda!« rief John eine vorbeifahrende Droschke an und brachte die Damen samt Gepäck darin unter, »nach dem ›Sarahkopf‹, mein Junge.«

»Wohin?« fragte der Kutscher.

»Ach, wie abgeschmackt von Ihnen, Mr. Browdie!« fiel Miss Squeers dem Yorkshirer ins Wort. »Nach dem ›Sarazenenkopf‹, Kutscher.«

»Ach was«, brummte John, »es ist doch ganz egal, ob Sarahkopf oder Sarazenenkopf. Wissen Sie jetzt Bescheid?«

»Na ja«, versetzte der Kutscher verdrießlich und schlug die Wagentüre zu.

»Liebe Kinder«, flötete Miss Squeers, »wirklich, der Mann wird uns für weiß Gott was halten.«

»Soll er uns halten, für was er mag«, brummte John Browdie, »wenn wir schon in London sind, warum sollen wir nicht lustig sein?«

»Allerdings, Mr. Browdie«, gab Miss Squeers mit einem kläglichen Blick zu.

»Na also«, sagte John. »Ich bin erst seit ein paar Tagen Ehemann, weil die G'schicht mit dem Begräbnis von meinem Alten sich so lang hinausgezogen hat, aber jetzt sind wir eine Hochzeitsgesellschaft – Braut und Brautjungfer und Bräutigam. Wenn wir da nöt lustig sein sollten, wann sollten wir's denn sonst sein – was?«

Und um keine Zeit zu verlieren, gab Mr. Browdie seiner jungen Frau einen Schmatz und bemühte sich dann, einen solchen auch von Miss Squeers zu erhalten, was ihm auch glücklich nach einem jungfräulichen aus Sichsträuben und Kratzen bestehenden Widerstand von seiten der holden jungen Dame gelang. Im nächsten Augenblick hielt die Kutsche vor dem »Mohrenkopf«.

Sofort begaben sich alle drei zur Ruhe, die sie nach der langen Fahrt wirklich sehr nötig hatten, und fanden sich erst gegen Mittag bei einem tüchtigen Lunch wieder zusammen, den Mr. John Browdie in dem kleinen Privatzimmer hatte auftragen lassen.

Miss Squeers in ihrem braunen Biberhut, dem grünen Schleier, den Haartollen, dem vollen jungfräulichen Glanz eines weißen Kleides, mit einem dito Hut, der mit einem ganzen Bukett von künstlichen Rosen in herrlicher Blüte garniert war, und einem ebensolchen Unterhäubchen, sowie einem breiten Damastgürtel um die schlanken Hüften, Korallenarmbändern, deren Perlen allerdings hie und da ausgebrochen waren und die schwarzen Fäden durchsehen ließen, dazu einem Korallenhalsband mit einem Carneolherz, dem Sinnbild zügelloser Neigungen – war ein Bild, dem wohl kein Männerherz, weder ein junges noch ein altes, widerstehen konnte.

Der Kellner schien tief ergriffen, denn wenn er auch nur ein Kellner war, so hatte er doch menschliche Gefühle und Leidenschaften, und scharf faßte er jetzt Miss Squeers ins Auge, als er die Semmeln herumreichte.

»Wissen Sie nicht, ob mein Papa zu Hause ist?« fragte Miss Fanny würdevoll.

»Entschuldigen, Fräul'n?«

»Mein Papa. Ob er zu Hause ist?«

»Zu Hause, Fräul'n?«

»Nun ja – im Hause. Mein Papa, Mr. Wackford Squeers, logiert doch immer hier.«

»Ich wüßte nicht, daß ein Herr dieses Namens im Hause wohnte, Fräul'n«, erwiderte der Kellner. »Vielleicht ist er drüben im Kaffeezimmer.«

»Vielleicht!« Das war ja recht nett. Fanny Squeers, die auf der ganzen Herreise ihre Freunde darauf vorbereitet hatte, ihr Vater sei in London so gut wie zu Hause und bei der bloßen Nennung seines Namens zöge alles den Hut, mußte sich jetzt sagen lassen, ihr Vater sei »vielleicht« da! »Rein, als ob er ein Holzknecht wäre«, bemerkte sie entrüstet.

»Also, frag'n S' nach, Kellner«, befahl John Browdie, »und dann bringen S' bei der Gelegenheit noch eine Taubenpasteten herauf. Verdammte Prellerei«, murmelte er vor sich hin, als der Mann sich entfernt hatte, und betrachtete mit saurer Miene die Schüssel. »Das nennt man eine Pasteten – drei magere Tauben und die Krusten drüber so dünn, daß man nicht weiß, ob man sie noch im Mund hat, wenn sie schon drunten is. Ich möcht doch gern wissen, wieviel Pasteten hier im ›Mohrenkopf‹ auf a Frühstück gehen.«

Nach einer kleinen Weile, während der sich John Browdie über den Schinken und ein Stück kalten Rindfleisches hergemacht, kehrte der Kellner mit einer neuen Pastete und der Nachricht zurück, Mr. Squeers wohne nicht im Hause, komme aber täglich her, und sobald das geschehe, werde man ihn verständigen.

Dann entfernte er sich, und kaum waren zwei Minuten vergangen, als er mit Mr. Squeers und seinem hoffnungsvollen Sprößling wieder zurückkehrte.

»Oh, wer hätte das gedacht!« rief Mr. Squeers, als er die Gesellschaft flüchtig begrüßt und sich mit seiner Tochter mit ein paar kurzen Worten über allerlei Familienangelegenheiten unterhalten hatte.

»Ja, Papa, wer hätte das gedacht!« echote die junge Dame spitzig. »Aber, wie du siehst, ist Tilda doch endlich verheiratet.«

»Und bei dieser Gelegenheit hab' ich ihr die Stadt ein wenig zeigen wollen«, fiel John ein und hieb wieder kräftig in seine Pastete ein.

»Ja, ja, ich weiß, die jungen Herren machen es heutzutage gerne so, wenn sie geheiratet haben«, sagte Mr. Squeers, »und gehen mit dem Gelde um, als sei es Spreu. Wär's da nicht vielleicht besser, ein wenig zu sparen – für die Erziehung kleiner Knaben zum Beispiel. Sie kommen«, fuhr Mr. Squeers moralisierend fort, »ehe man sich's versieht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.«

»Wollen Sie nöt a bissel nehmen?« fragte John.

»Ich meinerseits danke«, lehnte Mr. Squeers ab. »Wenn Sie aber dem kleinen Wackford da ein fettes Stückchen anbieten wollen, werde ich es dankbar annehmen. Geben Sie es ihm nur in die Hand, sonst schreibt's der Kellner an, und der Wirt hat ohnedies schon genug Nutzen an solchen Sachen. Wenn du den Kellner kommen hörst, Junge, so schieb's in die Tasche und schau zum Fenster hinaus, verstanden?«

»Ich werd' schon achtgeben, Vater«, knurrte der junge Herr, bereits kauend.

»Also, Fanny, jetzt kommt die Reihe zum Heiraten an dich«, wendete sich Mr. Squeers zu seiner Tochter. »Schau nur zu, daß sich's nicht zu lange hinauszieht.«

»Ach Gott, ich hab's nicht so eilig«, entgegnete Miss Squeers spitzig.

»Soso, Fanny?« spöttelte Tilda schalkhaft.

»Nein, nein, Tilda«, rief Fanny Squeers, heftig den Kopf schüttelnd. »Ich kann warten.«

»Die Freier können's auch, wie mir scheint, Fanny«, bemerkte Mrs. Browdie.

»Ich angle eben nicht, Tilda«, erwiderte Miss Squeers schnippisch.

»Das heißt, sie beißen nicht an«, war die prompte Antwort.

Es fehlte nicht viel, so würde diese sarkastische Bemerkung wahrscheinlich zu sehr gereizten Erörterungen geführt haben, wenn nicht Mr. Squeers in diesem Augenblick rein zufälligerweise das Thema gewechselt hätte.

»Was meinst du wohl«, fragte er und zog die Augenbrauen in die Höhe, »rate mal, wer Wackford und mir in die Hände gefallen ist?«

»Ach, Papa, doch nicht am Ende –?«

Fanny Squeers war nicht imstande, diesen Satz zu beendigen, denn Tilda Browdie fiel ihr ins Wort und fragte:

»Nickleby?«

»Nein«, antwortete Squeers, »aber weit haben Sie nicht danebengeschossen.«

»Was, doch nicht am Ende Smike?« rief Fanny Squeers, erstaunt in die Hände klatschend.

»Jawohl, niemand anders«, versetzte der Schullehrer, »ich habe ihn – und zwar in sicherer Verwahrung.«

»Was?« rief Mr. Browdie und stieß seinen Teller zurück, »der arme Tropf? Wo ist er?«

»Ich habe ihn in einer Hinterkammer in meiner Wohnung eingesperrt«, erwiderte Mr. Squeers.

»So, so, Sie halten ihn in Ihrer Wohnung gefangen! Ah, da schau her hohoho, Sie sind mir ein Gerissener. Ah, da legst di nieder! In Ihrer Wohnung haben Sie ihn, alter Freund?« stieß Mr. Browdie erstaunt hervor.

»Ja gewiß«, krächzte Mr. Squeers und taumelte von dem herzhaften Stoß, den ihm der stämmige Yorkshirer vor die Brust versetzte, in seinen Stuhl zurück. – »Ich danke Ihnen, aber lassen Sie gefälligst Ihre Scherze. Ich weiß ja, Sie meinen's gut, aber Sie haben verdammt wenig Rücksicht mit einem. – Ja, in meiner Wohnung hab' ich ihn. – Fein, was?«

»Fein?« brummte John Browdie. »Aus der Haut könnt' man fahren.«

»Ich dachte mir's gleich, daß Sie ein wenig überrascht sein würden«, spöttelte Squeers und rieb sich die Hände. »Und wie rasch die ganze Sache abgelaufen ist!«

»Na, wie war's denn?« fragte John und setzte sich vertraulich neben den Schulmeister. »Erzählen S' uns alles, Mr. Squeers, aber schnell.«

Und Mr. Squeers erzählte seinem vor Ungeduld brennenden Nachbarn alles haarklein, schilderte den Zufall, der ihm Smike in die Hände geführt, und hielt, von Zeit zu Zeit von den bewundernden Bemerkungen seiner Zuhörer unterbrochen, nicht eher inne, als bis er zu Ende war.

»Und damit er mir nicht wieder ausreißt«, setzte er mit schlauer Miene hinzu, »habe ich für morgen früh drei Außensitze – einen für Wackford, einen für ihn und einen für mich – bestellt und veranlaßt, daß mein Geschäftsführer hier inzwischen die Gelder für die neuen Zöglinge in Empfang nimmt. Sehen Sie, so kann weiter gar nichts mehr passieren. Es ist ein famoser Zufall, daß Sie heute angekommen sind, sonst würden wir uns verfehlt haben. Wenn Sie mich übrigens vor meiner Abreise noch einmal sehen wollen, so kann es nur noch heute abend sein bei einer Tasse Tee.«

»Abgemacht«, rief der Yorkshirer schnell und schüttelte dem Schulmeister die Hand.

»Ist das wirklich Ihr Ernst?« fragte Mr. Squeers, der auf eine so bereitwillige Zusage nicht gerechnet hatte, da er sich's sonst wahrscheinlich zweimal überlegt hätte, ehe er seine Einladung ausgesprochen haben würde.

Mr. John Browdies Antwort bestand nur aus einem zweiten kräftigen Händedruck und der Versicherung, seine Frau und er wollten sich London erst morgen genau ansehen und würden pünktlich um sechs Uhr in Mr. Snawleys Haus eintreffen. Dann wurden noch allerlei gleichgültige Dinge besprochen, und schließlich verabschiedete sich Mr. Squeers mit seinem Sprößling.

Den Rest des Tages über befand sich Mr. Browdie in einem seltsam aufgeregten Zustand. Von Zeit zu Zeit brach er in ein wieherndes Gelächter aus, und dann setzte er sich jedesmal den Hut auf und eilte hinaus auf den Hof, um sich ungestört seiner Lustigkeit hingeben zu können. Aber auch dort duldete es ihn nie lange. Beständig ging er aus und ein, schnappte mit den Fingern, tanzte ein paar Takte aus ungeschlachten Bauerntänzen – kurz, benahm sich mit einem Wort so verrückt, daß ihn Miss Squeers tatsächlich dafür hielt und ihre liebe Freundin Tilda, die sich allmählich denselben Befürchtungen hingab, alle Augenblicke bat, sie möge es sich nicht allzusehr zu Herzen nehmen. Mrs. Browdie verriet jedoch trotzdem keine besondere Unruhe darüber und bemerkte, sie habe ihren John schon öfter so gesehen. Er bekäme danach zwar gewöhnlich einen Katzenjammer am nächsten Morgen, aber die Sache sei durchaus nicht ernsthaft, und man möge ihn nur ruhig sich selbst überlassen.

Wie sich herausstellte, hatte sie vollständig recht, denn als sie abends in Mr. Snawleys Wohnzimmer beisammensaßen und es bereits zu dunkeln begann, fühlte sich John Browdie plötzlich unwohl und wurde von einem so beunruhigenden Schwindel befallen, daß die ganze Gesellschaft in große Angst geriet. Tilda war die einzige, die ihre Geistesgegenwart behielt und den Anwesenden versicherte, ihr Mann würde sich so schnell, wie es ihm übel geworden, auch wieder erholen, und man möge ihm nur erlauben, sich ein Stündchen oder so auf Mr. Squeers' Bett zu legen und allein zu bleiben.

Niemand konnte diese Bitte abschlagen, zumal sie sehr vernünftig klang und man keinen Arzt zu holen brauchte. Mr. Browdie wurde daher nicht ohne Schwierigkeiten die Stiege hinaufgeschleppt, denn er war ungeheuer schwer und taumelte immer wieder um zwei Stufen zurück, wenn man ihm glücklich über drei hinweggeholfen hatte. Als er endlich im Bette lag, kehrte man in das Gesellschaftszimmer zurück, beruhigt, daß der Patient so rasch in tiefen Schlaf verfallen war.

In Wirklichkeit verhielt sich die Sache aber anders, denn kaum hatte sich die Türe des Zimmers geschlossen, da setzte sich John Browdie, fast blaurot im Gesicht vor unterdrücktem Lachen, im Bette auf und stopfte sich den Zipfel des Kissens in den Mund, um nicht laut herauszuplatzen. Dann zog er leise die Schuhe aus, schlich sich nach dem anstoßenden Zimmer, wo der Gefangene eingesperrt war, drehte den außensteckenden Schlüssel um, trat ein und hielt Smike, ehe dieser noch einen Laut von sich zu geben vermochte, den Mund mit seiner Ungeheuern Pranke zu.

»Sakrament, kennst d' mich denn nöt, Mensch?« flüsterte er dem gänzlich verwirrten Smike zu. – »Ich bin doch der Browdie, der Euch begegnet is, als der Nickleby dem Schulmeister eins ausg'wischt hat.«

»Ja, ja«, keuchte Smike, »bitte, bitte, helfen Sie mir!«

»Dir helfen?« versetzte John und hielt Smike den Mund nur noch fester zu. »Du hättest gar keine Hilfe nötig g'habt, wenn du net so einfältig g'wesen wärst. Warum bist d' denn überhaupt mit'gangen?«

»Er hat mich hierher gebracht – er hat mich hierher gebracht«, jammerte Smike.

»Hierher gebracht!« wiederholte John. »Warum hast ihm net eins auf'n Schädel 'geben oder dich niederg'legt oder um dich g'schlagen oder nach der Polizei g'rufen? Als ich so jung war wie du, da hätten mir a Dutzend solche Burschen kommen dürfen. Aber du bist halt ein armer entmutigter Teufel«, fügte er traurig hinzu. »Gott verzeih mir's, daß ich vor einem so armseligen Mensch noch großtu'.«

Smike öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber John Browdie hielt ihn ihm abermals zu.

»Still!« flüsterte er. »Kein Wort, bis ich dir alles g'sagt hab'.«

Dabei schüttelte John Browdie bedeutungsvoll den Kopf, zog einen Schraubenzieher aus der Tasche, löste mit großer Geschicklichkeit das Schloß aus dem Holz und legte es samt dem Werkzeug auf den Boden.

»Siegst' das da?« fragte er. »Das hast jetzt du getan. Verstanden? Und jetzt schaust d' daß d' weiterkommst.«

Smike starrte ihn mit einem leeren Blick an, unfähig, den Sinn der Worte zu erfassen.

»Schau, daß d' weiterkommst«, wiederholte John hastig. »Hast d' leicht vergessen, bei wem du bist? – So, also du weißt es noch? Na gut. G'hören die Kleider daneben dir oder dem Schulmeister?«

»Mir«, hauchte Smike.

Der Yorkshirer drängte ihn in das Zimmer nebenan und deutete auf ein Paar Schuhe und einen Rock. »Zieh sie an«, flüsterte er und zwängte Smikes rechten Arm in den linken Ärmel und schlang ihm die Schöße des Rocks um den Hals. »Jetzt gehst d' hinter mir her und wann d' zum Tor 'naus kommst, halt dich rechts, damit man dich net sieht.«

»Aber – aber er wird es hören, wenn ich die Türe zumache«, wendete Smike ein, am ganzen Körper zitternd.

»Dann laß sie offen«, riet John Browdie. »Zum Teufel noch mal, du wirst dich doch hoffentlich net fürchten, daß sich der Schulmeister verkühlt.«

»N-nein«, hauchte Smike mit klappernden Zähnen. »Aber er hat mich schon einmal eingefangen, und es wird wieder so kommen. Gewiß; er kriegt mich bestimmt.«

»Ach was krieg'n«, rief John Browdie ungeduldig, »das wird er schon bleiben lassen. Weißt d', ich möcht' net gern als a schlechter Nachbar dastehen und muß ihn bei der Meinung lassen, daß du selber ausgebrochen bist. Wenn er aber zum Zimmer 'rauskommt, während du dich 'nausschleichst, nachher soll er seine Knochen in acht nehmen, denn ich werd's gewiß net tun. Und kommt er dahinter, daß du weg bist, so bring ich ihn schon auf eine falsche Fährte, verlaß dich drauf. Wenn du die Sache mutig angehst, so bist du zu Haus', eh sie wissen, daß du fort bist. – So, und jetzt schau, daß d' weiter kommst.«

Smike begriff in seiner Verwirrung, daß der wackere Yorkshirer ihm Mut zusprach, und wollte sich eben mit schlotternden Knien hinausschleichen, da hielt ihn John noch einen Augenblick zurück und flüsterte ihm ins Ohr: »Sag auch deinem jungen Herrn, daß ich jetzt mit Tilly Price verheiratet bin. Wenn er will, kann er mich im ›Mohrenkopf‹ treffen. Sag ihm, ich bin nicht mehr eifersüchtig auf ihn. Zum Teufel noch amal, watschen möcht' i' mich heut' noch, wenn ich an den Abend von damals zurück denk'. Ich seh ihn noch vor mir, wie er unter die dünnen Brotschnitten aufg'räumt hat.«

Das war für John Browdie in diesem Augenblick eine recht heikle Erinnerung, denn er konnte nur mit Mühe das Lachen verbeißen, aber er bezwang sich, schlich die Treppe hinunter und zog Smike hinter sich her. Im Hausflur stellte er sich dicht vor das Tor, um, falls jemand herauskäme, den Betreffenden zurückhalten zu können, und winkte seinem Schützling, sich eiligst aus dem Staube zu machen. Einmal so weit, bedurfte Smike keiner weiteren Ermutigung. Leise öffnete er die Türe, warf einen aus Furcht und Schrecken gemischten Dankesblick auf seinen Befreier und floh dann mit Windeseile davon.

Einige Minuten blieb der Yorkshirer noch auf seinem Posten, dann schlich er sich, als er bemerkte, daß drin im Zimmer die Unterhaltung ruhig ihren Fortgang nahm, unbemerkt zurück und blieb fast eine volle Stunde am Treppengeländer horchend stehen. Da alles vollkommen still blieb, warf er sich wieder auf Mr. Squeers' Bett, zog die Decke über den Kopf und lachte, daß er beinah erstickte. Wer es mit angesehen und bemerkt hätte, wie das Bett dabei zitterte und der brave Yorkshirer wie ein fröhliches Seeungeheuer, das von Zeit zu Zeit an die Meeresoberfläche kommt, um Atem zu schöpfen, sein rotes Gesicht und seinen dicken Kopf zuweilen unter der Decke hervorstreckte und dann wieder zurückfuhr, wenn ihn die Lachlust aufs neue ergriff – der hätte sich des Lachens wohl nicht weniger enthalten können als John Browdie selbst.

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