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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
projectid701a640a
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65. Kapitel

Schluß.

Nach Ablauf der Trauerzeit reichte Madeline Nikolas ihre Hand zum Bunde, und zwar am selben Tag, an dem Kate mit Mr. Frank Cheeryble getraut wurde. Man hatte erwartet, Tim Linkinwater und Miss La Creevy würden bei dieser Gelegenheit offiziell das dritte Paar bilden, aber sie hatten die Einladung abgelehnt. Zwei oder drei Wochen später jedoch gingen sie eines Morgens vor dem Frühstück mitsammen spazieren; kamen ungemein heiteren Gesichtes zurück und erklärten, sie hätten sich in aller Stille trauen lassen.

Nikolas legte die Mitgift seiner jungen Gattin in der Firma Cheeryble Gebrüder an, der auch Frank beigetreten war. Nach einigen Jahren hieß die Firma Cheeryble & Nickleby, und so gingen Mrs. Nicklebys prophetische Ahnungen wirklich in Erfüllung. Die beiden Brüder zogen sich ins Privatleben zurück. Daß sie glücklich waren, ist wohl selbstverständlich. Sie lebten inmitten eines von ihnen selbst geschaffenen Glücks und lebten nur, um es noch zu erhöhen.

Tim Linkinwater ließ sich nach vielen Bitten und Drohungen herab, ebenfalls an dem Geschäfte zu partizipieren, aber niemals war er dazu zu bringen, daß sein Name mit in die Firma aufgenommen werde. Mit gewohnter Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit führte er weiter die Bücher. Er und seine Frau wohnten in dem alten Haus und behielten dasselbe Schlafzimmer bei, in dem er vierundvierzig Jahre gehaust hatte. Je älter die kleine Malerin wurde, desto heiterer und frohsinniger wurde sie, und so oft stritt man, wer glücklicher aussähe – Tim, wenn er ruhig lächelnd neben dem Kamin in seinem Armstuhl sitze, oder seine lebhafte, lachende ewig plaudernde kleine Frau, wenn sie sich unablässig im Garten zu schaffen machte. Dick, die Amsel, wurde aus dem Kontor entfernt und in einen warmen Winkel des Wohnzimmers gehängt. Unter dem Käfig prangten zwei Miniaturporträts, gemalt von Mrs. Linkinwater, sie selbst und Tim darstellend, beide nach allen Seiten lächelnd. Da Tims Kopf wie ein Dreikönigskuchen gepudert und seine Brille ungeheuer gut getroffen war, so mußte jeder Besuch ihn sofort erkennen und dabei auf die Vermutung geraten, das andere Porträt stelle seine Gattin dar, ein Umstand, der es ungemein erleichterte, richtig zu raten. So kam es, daß Mrs. Linkinwater mit der Zeit sehr stolz auf ihre Kunst wurde und die beiden Bilder zu den besten zählte, die sie jemals gemalt. Auch Tim glaubte felsenfest an die Ähnlichkeit, wie er denn überhaupt stets einer Meinung mit seiner Gattin war.

Da Ralph ohne Testament gestorben war, wurden nach dem Gesetze gerade seine bittersten Feinde, Kate und Nikolas, seine Erben. Sie scheuten sich jedoch, sich mit so schmachvoll erworbenem Gelde zu bereichern; der Gedanke war ihnen unerträglich, und sie verzichteten daher auf ihre Ansprüche.

Arthur Gride wurde wegen gesetzwidrigen Zurückbehaltens eines Testaments in Untersuchung gezogen. Den Kniffen seines Advokaten hatte er es zu verdanken, daß er freigesprochen wurde. Aber nicht zu seinem Heil, denn ein paar Jahre später brachen Diebe bei ihm ein und ermordeten ihn in seinem Bett.

Grete Sliderskew mußte gleichzeitig mit Squeers eine gewisse unfreiwillige Seereise antreten und kehrte nie wieder zurück. Brooker starb reuig. Sir Mulberry Hawk lebte ein paar Jahre auf dem Kontinent, wurde aber nach seiner Rückkehr nach England sofort verhaftet und starb so jämmerlich und elend, wie es bei so hochfliegenden edlen Seelen gewöhnlich der Fall zu sein pflegt.

Nikolas' erstes, nachdem er ein reicher Kaufmann geworden, war, daß er seines Vaters ehemaliges Haus zurückkaufte. Mit der Zeit, als eine Schar lieblicher Kinder dort spielte, wurde es verändert und erweitert, aber er ließ kein altes Zimmer einreißen, keinen alten Baum wegnehmen und nichts entfernen, woran sich Erinnerungen für ihn knüpften. Einen Steinwurf weit davon stand ein anderes, ebenfalls von munteren Kinderstimmen belebtes Landhaus, von der glücklichen Kate bewohnt.

Mrs. Nickleby wählte abwechselnd ihren Aufenthalt bei ihrer Tochter und bei ihrem Sohn, trug stets eine große Würde zur Schau und verfehlte niemals, mit größter Feierlichkeit und Wichtigkeit ihre Erfahrungen betreffs Kindererziehung zum besten zu geben. Lange dauerte es, bevor sie bewogen werden konnte, Mrs. Linkinwater ihre Gunst wieder zuzuwenden, und es ist sogar zweifelhaft, ob sie ihr jemals ganz verzieh.

Ganz nahe bei Nikolas' Landsitz wohnte Winter und Sommer über stets ein grauhaariger stiller und harmloser alter Herr, der in Nikolas' Abwesenheit die Aufsicht im Hause führte. Sein Hauptvergnügen bestand darin, mit den Kindern zu spielen. Die kleine Welt wußte ohne den »lieben Newman Noggs« nichts anzufangen. Auf Smikes Grab grünte das Gras, sorgsam gepflegt und begossen und von so kleinen und leichten Füßen betreten, daß auch nicht ein Hälmchen unter dem Druck einknickte. Die ganze Frühlings- und Sommerszeit über schmückten Kränze von Kinderhänden den Stein, und wenn die Kleinen kamen, um neue zu bringen, die dem da unten Schlafenden besser gefallen sollten als die Hinwelkenden, da füllten sich ihre klaren Augen mit Tränen, und sie sprachen leise von ihrem armen toten Vetter.

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