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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
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61. Kapitel

Nikolas und Kate verwirken die gute Meinung aller weltklugen Leute.

Am Morgen des Tages, an dem Brooker sein Bekenntnis abgelegt, kehrte Nikolas nach Hause zurück. Er und seine Familie waren beim Wiedersehen tief ergriffen, denn Smikes Tod ging ihnen sehr zu Herzen.

»Ich bin überzeugt«, schluchzte Mrs. Nickleby, sich die Augen trocknend, »daß ich in ihm den besten und aufrichtigsten Menschen verloren habe, mit dem ich je in Berührung kam. – Dich, lieber Nikolas, und dich, Kate, nehme ich natürlich aus und ebenso euern armen seligen Papa und die Wärterin, die mit dem Leinenzeug und den zwölf kleinen Gabeln durchging. Von allen anhänglichen und treuen Menschen, die je gelebt haben, ist er bestimmt der beste gewesen. Es bricht mir das Herz, wenn ich jetzt den Garten ansehe, auf den er so stolz war, oder in sein Zimmer gehe, wo er die kleinen Sachen für uns zusammentischlerte, ohne sich träumen zu lassen, daß sie unbeendet bleiben müßten. Ach, es ist eine herbe und bittere Prüfung für mich. Dir, Nikolas, wird es bis zum Ende deines Lebens ein Trost bleiben, wenn du dich der Güte und Liebe, die du ihm stets erwiesen, erinnerst – und auch für mich ist es beruhigend, wenn ich daran denke, wie gut wir immer mitsammen ausgekommen sind und wie lieb ich ihn hatte. Es ist sehr natürlich, daß du ihm so zugetan warst, Nikolas, und ich finde es sehr begreiflich, daß dir sein Tod so zu Herzen geht. Man braucht dich nur anzusehen, um zu bemerken, wie verändert du aussiehst, aber was in meinem Herzen vorgeht, das weiß niemand – das kann niemand wissen.«

Daß auch Kate tief ergriffen war, läßt sich leicht denken. Madeline teilte ebenfalls den allgemeinen Kummer, und die kleine Miss La Creevy, die bei der Nachricht von Smikes Tod sogleich herbeigeeilt war, um die bekümmerte Familie zu trösten, setzte sich, als Nikolas nach Hause kam, auf die Treppe, brach in Tränen aus und wollte lange Zeit gar keinen Trost annehmen.

»Ja, ja, Sie haben recht«, rief sie, als Nikolas nicht aufhörte, ihr zuzureden. »Ich sollte die Sache auch in dem Lichte sehen wie Sie, aber ich bin eben eine unverständige kleine Närrin. Ich weiß es ja selbst.«

Als sich die Damen ein wenig beruhigt hatten, zog sich Nikolas, müde von der langen Reise, in sein Zimmer zurück, warf sich angekleidet auf sein Bett und fiel sofort in tiefen Schlaf. Als er erwachte, saß Kate neben ihm, und als sie bemerkte, daß er die Augen aufschlug, beugte sie sich über ihn, um ihn zu küssen.

»Ich komme, um dir zu sagen, wie froh ich bin, daß wir dich wiederhaben. Wir haben uns alle so nach deiner Rückkehr gesehnt«, sagte sie. »Mama und ich und – und Madeline.«

»Du schriebst mir in deinem letzten Brief, sie sei wieder ganz gesund«, versetzte Nikolas hastig und wurde rot bis über die Ohren. »Hast du in meiner Abwesenheit nicht gehört, was die Brüder Cheeryble in Zukunft mit ihr vorhaben?« fragte er.

»Nein, nicht ein Wort«, erwiderte Kate, »aber ich kann nur mit Schmerz an eine Trennung von ihr denken. Du gewiß auch, lieber Nikolas.«

Nikolas errötete abermals, setzte sich neben seine Schwester auf ein kleines Sofa in der Nähe des Fensters und entgegnete:

»Gewiß, Kate; aber ich möchte dir jetzt mein Innerstes eröffnen. Kurz und offen gesagt: ich liebe sie.«

Kates Augen leuchteten auf, und sie wollte eben etwas erwidern, aber Nikolas legte ihr die Hand auf den Arm und fuhr fort:

»Niemand darf davon erfahren – sie selbst am allerwenigsten.«

– »Aber, lieber Nikolas –!« –

»Ich wiederhole: sie am allerwenigsten! Zuweilen rede ich mir wohl ein, es müsse eine Zeit kommen, wo ich es ihr selbst sagen dürfte, aber ich fürchte, diese Zeit liegt so weit vor uns, daß wohl Jahre darüber vergehen können, und wenn sie je kommen sollte, so werde ich so ganz anders geworden sein als jetzt, werde die Tage der Jugend und romantischen Liebe so weit hinter mir haben – wenn auch die Liebe zu ihr in mir niemals sterben kann –, daß ich heute nur allzu sehr fühle, wie trügerisch solche Hoffnungen sind. Nein, Kate, während ich auf dem Lande gewesen bin, habe ich in dem armen Verstorbenen ununterbrochen ein solches Beispiel des Edelmutes der beiden alten Brüder vor Augen gehabt, daß ich nicht anders kann. Ich würde mich ihrer unwürdig erweisen und bin fest entschlossen, meiner Pflicht aufs strengste nachzukommen und jede Versuchung von der Hand zu weisen.«

»Ehe du weitersprichst«, unterbrach ihn Kate erblassend, »mußt du anhören, was ich dir mitzuteilen habe. Ich bin zu diesem Zwecke hergekommen und fand nur den Mut nicht.« Sie brach in Tränen aus. Weinen erstickte ihre Stimme.

»Aber Kate, törichtes Kind, so fasse dich doch«, sagte Nikolas milde; »ich glaube übrigens, ich weiß, was du mir mitteilen willst. Betrifft es nicht Mr. Frank Cheeryble?«

Kate ließ den Kopf sinken und flüsterte ein leises »Ja«.

»Und hat er in meiner Abwesenheit um deine Hand angehalten? – Ja? Nun, siehst du, ich habe es erraten.«

»Ja, es war so, aber ich habe ihn zurückgewiesen«, versetzte Kate.

»Wirklich? Und warum?«

»Ich sagte ihm alles das«, fuhr Kate fort, »was du, wie ich seitdem erfahren habe, unserer lieben Mutter sagtest, und wenn es mir, als ich ihn abwies, auch fast das Herz brach, so habe ich es doch mit Festigkeit getan und ihn gebeten, mich nie wiederzusehen.«

»Du bist ein braves herrliches Mädchen«, jubelte Nikolas und drückte seine Schwester an die Brust. »Ich wußte, daß du so handeln würdest.«

»Er versuchte mich wankend zu machen«, erzählte Kate weiter, »und erklärte, wie auch die Entscheidung ausfallen werde, sowohl dich und seine beiden Onkel von dem Schritt, den er getan, in Kenntnis setzen zu wollen. Ich fürchte«, setzte sie hinzu, und ihre Fassung schien sie wieder verlassen zu wollen, »ich fürchte, ich habe ihm nicht ausführlich genug gesagt, wie sehr ich eine so uneigennützige Liebe wie die seine zu schätzen weiß und wie inbrünstig ich für sein künftiges Glück beten werde. Wenn du mit ihm sprichst, wäre es mir lieb, wenn er es erführe.«

»Und du glaubtest, Kate, nach dem, was du selbst für recht und ehrenhaft hältst, daß ich vor dem Opfer, das ich zu bringen habe, zurückschrecken könnte?«

»Gewiß nicht; aber –«

»Meine Lage ist dieselbe wie deine«, fiel ihr Nikolas ins Wort; »Madeline ist zwar nicht so nahe verwandt wie Frank mit unsern Wohltätern, ihnen aber ebenso teuer, und ihre Geschichte wurde mir nur deshalb anvertraut, weil man unbedingtes Vertrauen in mich setzte. Es wäre niedrig von mir, wenn ich den unbedeutenden Dienst, den ich den Brüdern zufälligerweise leisten konnte, für meinen Vorteil ausnützte und Madelines Neigung zu gewinnen suchte – ein Beginnen, das im Falle des Gelingens den Lieblingswunsch der beiden Brüder, sie an Kindes Statt zu adoptieren, vereiteln und das nachteiligste Licht auf mich werfen müßte. Einen solchen Schein will ich nicht auf mich laden. Um so weniger, Kate, als andere Ansprüche auf mich haben, die ich nie vergessen darf. Ich besitze bereits jetzt die Mittel zu einem angenehmen und glücklichen Leben und habe kein Recht, mehr zu verlangen. Ich bin entschlossen, diese Liebe aus meinem Herzen zu reißen, und habe vielleicht schon unrecht getan, daß ich so lange zögerte. Heute noch will ich ohne Rückhalt Mr. Cheeryble meine wahren Gründe enthüllen und ihn bitten, schleunige Vorkehrungen zu treffen, die junge Dame anderweitig unterzubringen.«

»Heute noch? So bald?«

»Ich gehe schon wochenlang mit dieser Absicht um, warum sollte ich es verschieben? Wo die Szenen, deren Augenzeuge ich in der letzten Woche gewesen, mich nachdenken lehrten und ein besseres Pflichtbewußtsein in mir weckten, warum soll ich warten, bis dieser Eindruck verblaßt? Nicht wahr, liebe Kate, du wirst mir nicht davon abraten?«

»Aber du kannst doch selbst reich werden«, wendete Kate ein.

»Vielleicht. Ich kann reich werden, aber dann werde ich wohl alt sein«, versetzte Nikolas trübe. »Aber, ob reich, ob arm, ob alt oder jung, wir beide werden stets dieselben zueinander sein, und darin liegt unser Trost. Können wir uns je einsam fühlen, wenn wir dasselbe Dach über unsern Häuptern haben? Es ist mir, als wären wir noch gestern Kinder gewesen, Kate, und das Morgen scheint mir wie ein Bild, in dem wir gesetzte alte Leute sind, die auf dieses Herzweh von heute zurückblicken, als sei es längst vergangen. Wenn wir in späteren Jahren von den Tagen sprechen, wo unser Schritt noch leicht war und unser Haar noch nicht grau, so werden wir vielleicht noch dankbar sein für die Prüfungen, die uns so innig aneinandergekettet haben. – Dann suchen vielleicht junge Leute unsern Verkehr – Leute, so jung wie wir es jetzt sind –, Kate, wenn sie etwas von unserer Lebensgeschichte gehört haben werden.«

Kate lächelte durch Tränen, als Nikolas ihr dieses Bild entwarf, aber es waren nicht Tränen des Schmerzes.

»Habe ich nicht recht?« fragte Nikolas nach kurzem Schweigen.

»Ja, ja; aber ich kann nicht beschreiben, wie glücklich es mich macht, daß ich nach deinem Wunsch gehandelt habe.«

»Und du bereust es nicht?«

»Nein-n-n-ein«, erwiderte Kate stockend und zeichnete mit ihrem kleinen Fuß Figuren auf den Boden. »Selbstverständlich bereue ich nicht, getan zu haben, was recht und ehrenhaft ist, aber es schmerzt mich, daß alles so kommen mußte; ich bin nur ein schwaches Mädchen, Nikolas, und es ist mir so nahegegangen.«

Hätte Nikolas in diesem Augenblick zehntausend Pfund besessen, er würde sie in aufopfernder Liebe dem Mädchen mit den glühenden Wangen und den niedergeschlagenen Augen bis auf den letzten Penny hingegeben haben, hätte er sie dadurch glücklich machen können. So blieb ihm nichts, als sie durch freundliche Worte zu trösten, und er tat es denn auch mit solcher Wärme, daß die arme Kate ihm um den Hals fiel und versprach, nicht mehr weinen zu wollen.

»Wer würde«, dachte Nikolas stolz, als er sich bald darauf in sein Geschäft begab, »wer würde nicht für Hingabe eines noch so großen Vermögens fürstlich belohnt sein durch den Besitz eines solchen Herzens! Frank ist reich, aber wie könnte er mit all seinem Geld sich ein besseres Herz erkaufen als das Kates? Und doch heißt es allgemein, daß, wenn zwei heiraten, der reiche Teil ein großes Opfer bringt und der arme ein gutes Geschäft macht. Aber ich denke eben wie ein Verliebter oder wie ein Esel, was so ziemlich auf eins herauskommt.«

»Oh, Mr. Nickleby«, rief ihm Tim entgegen, als er an dem Glaskasten vorbeikam, »willkommen, willkommen! Wie geht es Ihnen! Sie sehen angegriffen aus – sßt, haben Sie schon gehört? Dick, die Amsel, trauert, seit Sie abwesend waren. Sie hat Sie mindestens ebenso lieb wie mich.«

»Da ist sie lange nicht so gescheit, als ich dachte, wenn sie mich ihrer Beachtung nur halb so würdig hält wie Sie«, erwiderte Nikolas.

»Nun, ich will Ihnen etwas sagen«, versetzte Tim und deutete mit der Federspitze nach dem Käfig, »Dick ist ein merkwürdiger Vogel. Mr. Charles, Mr. Ned, Sie und ich sind die einzigen Personen, die er beachtet. Aber es ist töricht von mir, Ihnen ebensoviel Teilnahme an dem Tierchen zuzumuten, als ich empfinde. Ich wollte eigentlich von dem armen jungen Menschen hören. Hat er noch der Brüder Cheeryble gedacht?«

»O ja, sehr oft«, sagte Nikolas.

»Das war schön von ihm«, entgegnete Tim und trocknete sich die Tränen. »Das war recht von ihm.«

»Und auch an Sie hat er gedacht. So manches Mal, Mr. Linkinwater, und ich solle Sie vielmals herzlich grüßen.«

»Nein, wirklich?« rief Tim aufschluchzend. »Der arme junge Mensch! Hätten wir ihn doch in der Stadt begraben lassen können. Es gibt in ganz London keinen so friedlichen Kirchhof wie den kleinen gegenüber auf der anderen Seite unseres Platzes. Lauter Geschäftsbureaus ringsum, und geht man an einem schönen Tage hin, so kann man die Hauptbücher und Schränke durch die offenen Fenster sehen. Also wirklich, er läßt mich grüßen? Ich hätte nicht gedacht, daß er meiner gedenken würde. Der arme Mensch. Der arme Mensch. Er ließ mich grüßen.«

Tim war so tief ergriffen, daß er eine Weile gar nicht weitersprechen konnte. Wortlos verließ Nikolas das Schreibzimmer und begab sich in das Bureau Mr. Charles'.

Bis dahin hatte er seine ganze Festigkeit behauptet, was ihm nicht wenig Mühe gekostet hatte. Der herzliche Empfang jedoch und die aufrichtige Teilnahme des wackeren alten Herrn ergriffen ihn so tief, daß er sein Leid nicht länger zu verbergen imstande war.

»Fassen Sie sich, lieber Mr. Nickleby«, tröstete ihn Mr. Charles.

»Wir dürfen uns dem Schmerz nicht allzusehr hingeben. Wir müssen lernen, Leid und Kummer ertragen, und uns in Unvermeidliches zu schicken suchen. Je länger der arme Smike gelebt hätte, desto unglücklicher hätte er sich in seiner Geistesschwäche gefühlt. Es ist am besten so, lieber Nickleby wirklich am besten.«

»Das habe ich mir auch schon gesagt, Sir«, erwiderte Nikolas.

»Das ist recht«, fuhr der alte Kaufmann fort, fast ebenso ergriffen, wie es der gute Tim gewesen. »So ist es recht. Mr. Linkinwater, wo ist mein Bruder Ned?«

»Er ist mit Mr. Trimmer ausgegangen, um den unglücklichen Mann vom Quai ins Spital bringen zu lassen und eine Wärterin für die Kinder zu besorgen«, war die Antwort.

»Ned ist ein braver – ein wahrhaft großer Mensch«, rief Mr. Charles, schloß die Türe und kehrte wieder zu Nikolas zurück.

»Er wird sich unendlich freuen, Sie wiederzusehen. Jeden Tag haben wir von Ihnen gesprochen.«

»Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen«, begann Nikolas stockend, »freue ich mich eigentlich, Sie allein getroffen zu haben, denn es drängt mich, ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Würden Sie mir einige Minuten Gehör schenken?«

»Freilich, selbstverständlich«, rief Mr. Charles, gespannt aufblickend.

»Reden Sie nur, lieber Herr, reden Sie.«

»Ich weiß kaum, wo und wie ich anfangen soll, Sir«, stotterte Nikolas. »Wenn jemals ein Mensch Grund gehabt hat, von Liebe und Ehrfurcht für jemand durchdrungen zu sein und von einer Ergebenheit, die ihm auch das Schwerste leicht machen muß, so bin ich es, und glauben Sie mir, ich empfinde das tief.«

»Ich glaube es Ihnen und freue mich darüber«, war die Antwort. »Ich habe nie daran gezweifelt und werde auch nie daran zweifeln.«

»Sie sagen mir das so gütig«, fuhr Nikolas fort, »daß es mir Mut gibt, weiterzusprechen. Als Sie mir das erstemal Ihr Vertrauen schenkten und mich beauftragten, zu Miss Bray zu gehen, hätte ich Ihnen sagen sollen, daß ich sie schon lange zuvor gesehen und daß ihre Schönheit einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte. Ich gab mir sogar große Mühe damals, ihren Aufenthaltsort auszuforschen und ihre näheren Verhältnisse kennenzulernen. Ich sagte es Ihnen nur nicht, weil ich törichterweise glaubte, ich würde imstande sein, meinen Gefühlen Herr werden zu können.«

»Mr. Nickleby, ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen niemals mißbraucht oder irgendwelchen Vorteil daraus gezogen haben«, sagte Mr. Charles leise.

»Nein, das habe ich auch nicht«, beteuerte Nikolas. »Zwar legte mir die Notwendigkeit, mich selbst zu beherrschen, mit jedem Tag einen schwereren Kampf auf, aber niemals sagte ich ein Wort, das Sie nicht hätten hören können. Bis zum jetzigen Augenblick bin ich meiner Pflicht treu geblieben, aber ich fühle, daß der beständige Umgang mit der schönen jungen Dame den Frieden meines Herzen gefährdet. Mit einem Wort, Sir, ich kann mir selbst nicht länger trauen und bitte Sie dringend, Miss Madeline unverzüglich aus unsrer Wohnung abholen zu lassen. Ich weiß, daß zwischen ihr und mir ein unermeßlicher Abstand besteht – um so mehr, als sie jetzt Ihr Mündel ist, und daß schon der Gedanke an Liebe zu ihr eine Unbesonnenheit und Anmaßung ohnegleichen für mich bedeutet. Ich weiß das alles sehr gut, aber wer ist imstande, sie zu sehen und sie nicht zu lieben? Ich habe keine weitere Entschuldigung, und da ich fürchte, der Versuchung nicht länger widerstehen zu können, so bleibt mir nichts weiter zu tun, als Sie zu bitten, sie zu entfernen, damit mir das Vergessen leichter wird.«

»Natürlich können Sie weiter nichts tun, Mr. Nickleby«, sagte der alte Herr nach kurzem Schweigen. »Es war unrecht von mir, einem jungen Mann wie Ihnen eine solche Prüfung zuzumuten, und ich hätte die Folgen voraussehen sollen. Aber ich danke Ihnen jetzt. Ich danke Ihnen. Madeline soll sofort entfernt werden.«

»Ich hätte nur noch eine Bitte an Sie, Sir«, fuhr Nikolas fort.

»Bitte, sagen Sie ihr nie, was ich Ihnen mitgeteilt habe, damit ich nicht in ihrer Achtung sinke.«

»Seien Sie deshalb unbesorgt«, beruhigte ihn Mr. Cheeryble, »und jetzt – oder haben Sie mir vielleicht noch etwas zu sagen?«

»Ja.«

»Ich kann mir schon denken, was es betrifft«, erwiderte Mr. Cheeryble, plötzlich sehr erleichtert. »Wieso haben Sie es erfahren und wann?«

»Heute morgen.«

»Und Sie hielten es für Ihre Pflicht, sogleich zu mir zu kommen und mir zu sagen, was Ihnen Ihre Schwester zweifellos mitgeteilt hat?«

»Aber trotzdem hätte ich gerne noch vorher Mr. Frank gesprochen«, versetzte Nikolas.

»Frank war gestern abend bei mir. Sie haben recht getan, Mr. Nickleby, seien Sie vielmals bedankt«, rief der alte Herr.

Nikolas bat um die Erlaubnis, noch ein paar Worte hinzufügen zu dürfen, und drückte die Hoffnung aus, daß das, was er gesagt habe, nicht zu einer Entfremdung zwischen Kate und Madeline oder ihm und Frank führen möge. Dann erzählte er ausführlich, was zwischen ihm und Kate vor einer Stunde vorgefallen war, und sprach von seiner Schwester so warm und herzlich, daß ihn niemand ohne Rührung hätte anhören können. Schließlich wiederholte er in wenigen hastigen Worten den Ausdruck seiner tiefsten Ergebenheit für die beiden Brüder und sprach den Wunsch aus, weiter in ihren Diensten bleiben zu dürfen.

Das Gesicht mit der Hand bedeckt, hörte ihn Mr. Charles in tiefem Schweigen an. Er selbst hatte nicht in seiner gewöhnlichen Art gesprochen, sondern in einer ganz ungewöhnlichen Beklommenheit und Verlegenheit. Nikolas fürchtete daher, einen Verstoß begangen zu haben, aber der alte Herr beruhigte ihn und versicherte, er hätte sehr recht gehandelt. Nach einer Weile murmelte er in Gedanken verloren vor sich hin: »Frank ist ein unbesonnener, höchst unbesonnener törichter junger Mensch! Ich werde Sorge tragen, daß die Sache unverzüglich aus der Welt geschafft wird. – Kommen Sie nach einer halben Stunde wieder«, setzte er laut hinzu, »Mr. Nickleby. Ich habe Ihnen seltsame Dinge mitzuteilen. Sie müssen mit mir zu Ihrem Onkel gehen. Er erwartet heute nachmittag unsern Besuch.«

»Zu meinem Onkel? – Mit Ihnen, Sir?« rief Nikolas erstaunt.

»Ja, mit mir. In einer halben Stunde werde ich Ihnen mehr sagen«, erwiderte der alte Herr.

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