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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
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60. Kapitel

Die Gefahren häufen sich, und das Schlimmste kommt ans Licht.

Auf der Straße angekommen, warf sich Ralph in eine Droschke, die gerade vorbeirasselte, und befahl dem Kutscher, zum Polizeiamt des Distriktes zu fahren, in dem Squeers verhaftet worden war. Als er dort den Gefangenen zu sprechen verlangte, wurde er in ein Zimmer geführt, wo Squeers in festem Schlaf auf einer Bank lag, vor sich auf dem Tisch ein leeres Glas. Es war nicht gerade leicht, ihn zu wecken, und als es Ralph endlich geglückt war, ihn so weit zu sich zu bringen, zeigte er ein bleiches übernächtigtes Gesicht. Er hatte sich seit mehreren Tagen nicht rasiert und trug um den Kopf ein schmutziges blutbeflecktes Tuch geknüpft.

»Na, Sie haben mir da eine schöne Suppe eingebrockt«, lallte er mit schwerer Zunge.

»Was haben Sie denn mit Ihrem Kopf gemacht;« fragte Ralph.

»Dir verwünschter hinterlistiger Noggs hat mich beinahe totgeschlagen«, murrte Squeers. »Na, daß Sie endlich einmal zu mir kommen.«

»Warum haben Sie denn nicht zu mir geschickt? Wie konnte ich denn kommen, wo ich nicht wußte, was Ihnen zugestoßen ist?«

»O Gott, meine Familie«, stöhnte Squeers, sein Schielauge verzweifelt auf die Decke gerichtet und nach jedem Satz von einem Branntweinschluchzen unterbrochen. »Meine Tochter steht gerade jetzt in dem Alter, wo sie sich verheiraten könnte, und mein Sohn, die Zierde unseres Familienlebens und der Stolz des ganzen Dorfes – wie werden sie diesen Schlag verwinden! Das Wappenschild der Squeers' ist besudelt und ihre Sonne untergegangen in den Wellen des Ozeans.«

»Sie sind betrunken und haben sich Ihren Rausch noch nicht ausgeschlafen«, brummte Ralph ärgerlich.

»Auf Ihre werte Gesundheit habe ich gerade nicht getrunken, alter Filz«, versetzte Squeers grob. »Was geht das alles Sie an?«

Ralph unterdrückte den Wutanfall, der sich einen Augenblick lang seiner bemächtigen wollte, und wiederholte seine Frage, warum Squeers nicht nach ihm geschickt habe.

»Was hätte mir das helfen sollen«, erwiderte der Schulmeister. »Es würde mir nur geschadet haben, wenn man erfahren hätte, daß ich mit Ihnen in Verbindung stehe. Und Bürgschaft wollen sie hier nicht annehmen, ehe sie mir nicht noch mehr von der ganzen Sache herausgelockt haben. So sitze ich jetzt fest, und Sie freuen sich draußen, daß Sie frei ausgehen.«

»Sie werden in einigen Tagen wieder frei sein«, versuchte Ralph mit erzwungen guter Laune einzulenken. »Was wird man Ihnen denn weiters anhaben können!«

»Das glaube ich auch, wenn ich ihnen auseinandersetze, wieso ich in die angenehme Gesellschaft der abscheulichen alten Sliderskew gekommen bin«, versetzte Squeers boshaft. »Ich wollte, sie wäre tot und im anatomischen Kabinett fein säuberlich seziert und an Drähten aufgehangen gewesen, ehe ich noch verleitet werden konnte, mit ihr in Verbindung zu treten. Heute morgen sagte mir der Alte mit der Perücke oben: ›Gefangener, man hat Sie in der Gesellschaft der Grete Sliderskew und im Besitze dieses Dokuments betroffen, und da Sie gerade damit beschäftigt waren, strafbarerweise andere Papiere zu vernichten, ohne genügende Auskunft geben zu können, ob Sie dazu auch berechtigt waren, verhänge ich vorläufig eine Untersuchungshaft von acht Tagen über Sie, bis genauere Nachforschungen angestellt und die nötigen Zeugen herbeigeschafft sein werden. So lange kann von Bürgschaftsleistung nicht die Rede sein.‹ Und ich sage jetzt, ich bin imstande, genügende Auskunft über mich zu geben. Ich kann mir auf die Brust schlagen und sagen, ich bin Wackford Squeers aus Dotheboys Hall, Sir. Ich kann unzweifelhafte Zeugnisse für meine Unbescholtenheit und moralische Denkungsweise beibringen. Ist etwas Unrechtes bei der Sache unterlaufen, so trifft nicht mich die Schuld; ich handelte nur im Auftrage eines Freundes – meines Freundes, des Mr. Ralph Nickleby in Golden Square. Laden Sie ihn vor, Sir, und fragen Sie ihn, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen hat. Mich geht die Sache gar nichts an.«

»Was war es für ein Dokument, in dessen Besitz man Sie betraf?« forschte Ralph ausweichend.

»Es war ein Testament.«

»Von wem? Zu wessen Gunsten, welchen Inhaltes – aus welcher Zeit datierte es?« fragte Ralph hastig.

»Es war zugunsten dieser Madeline X oder wie sie heißt, abgefaßt, mehr weiß ich nicht«, antwortete Squeers. »Vielleicht wüßten Sie nicht einmal so viel, wenn man Sie mit einem Blasebalg auf den Kopf geschlagen hätte wie mich. Nur Ihrer Heimlichkeitstuerei ist es zu danken, daß das Papier sich jetzt in andrer Leute Hände befindet. Hätten Sie sich mit meinem Wort begnügt, daß ichs aus der Welt schaffen werde, so wärs jetzt ein Häufchen Asche im Kamin, statt in andrer Leute Hände zu sein.«

»Auf der ganzen Linie geschlagen«, murmelte Ralph an seinen Nägeln beißend.

»Ach Gott, ach Gott«, stöhnte Squeers, dessen Gedanken in seinem von Schnaps betäubten und fiebernden Kopf seltsame Sprünge machten, »in dem lieblichen Dörfchen Dotheboys in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire erhalten Knaben Kost, Kleidung, Bücher, Wäsche, Taschengeld und so weiter. Sie lernen alle Sprachen, lebendige und tote, Mathematik, Orthographie, Geometrie, Astronomie und Trigonometrie. Aber jetzt tanzt alles durcheinander. A-l-l = all, –e-s = es = alles, Adjektiv; a-u-s = Vorwort, das Gegenteil von ›ein‹; m-i-t = mit, bedeutet das Gegenteil von ›ohne‹; S-q-u-e-e-r-s = Squeers; Nomen substantivum = ein Erzieher der Jugend. Alles ist aus mit Squeers!«

Nur mühsam war es Ralph während dieser Faseleien gelungen, seine Fassung wiederzugewinnen, und deutlich erkannte er, wie nötig es sei, Squeers zu überzeugen, daß sein Heil einzig und allein in unverbrüchlichem Stillschweigen läge.

»Ich wiederhole Ihnen«, begann er daher eindringlich, »daß man Ihnen nichts wird anhaben können. Sie müssen eine Klage wegen unbegründeter Verhaftung anstrengen und obendrein noch Schadenersatz geltend machen. Ich werde Ihnen schon eine Fabel ersinnen, die Ihnen aus einer noch zwanzigmal größern Verlegenheit helfen müßte. Ich will Bürgschaft für Sie leisten, und wenn sie sich auf tausend Pfund belaufen sollte. Nur nicht mit der Wahrheit heraus! Sie sind heute abend ein wenig benebelt und wahrscheinlich nicht imstande, alle Notwendigkeiten klar einzusehen, wie es wohl sonst der Fall wäre, aber Sie können und dürfen nichts anderes tun. Ein einziger Fehlgriff würde die schlimmsten Folgen nach sich ziehen.«

»Oho«, rief Squeers, den Kopf wie ein alter Rabe auf die Seite gelegt. »Weiter soll ich also nichts tun? Sehr schön. Jetzt hören Sie aber mal, was ich zu sagen habe. Ich will keine Fabel für mich ersonnen haben. Geht die Sache für mich schlecht aus, so müssen Sie Ihren Teil auf sich nehmen, und wenn Sie nicht wollen, werde ich schon Sorge tragen, daß Sie's tun. Sie haben nie von Gefahr gesprochen, und ich habe keine Lust, Ihnen die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Ich werde sagen und tun, was mir am nützlichsten scheint, und meinem eigenen Kopf folgen. – Mein moralischer Einfluß bei den Zöglingen«, setzte er würdevoll hinzu, »wankt in seinen Grundfesten, das Bild meiner darbenden Frau, meiner Tochter und meines Sohnes Wackford schwebt mir beständig vor Augen, und so gute Freunde wir sonst auch sein mögen, so hört doch jetzt jede Rücksicht auf.«

Wer weiß, zu welch stürmischen Erörterungen es noch gekommen wäre, würde nicht die Ankunft eines Gerichtsdieners, der den Schulmeister in Arrest abzuführen hatte, allen weitern Reden ein Ende gemacht haben. Mr. Squeers setzte sich mit Würde den Hut auf seinen mit dem Schnupftuch verbundenen Kopf und ließ sich abführen.

»Ich habe mirs gleich gedacht, daß es so ähnlich kommen werde, als ich hörte, er habe nicht nach mir geschickt«, murmelte Ralph. »Er ist offenbar entschlossen, alles auf mich abzuwälzen. Ich bin so in die Ecke gedrückt, daß sie jetzt sämtlich über mich herfallen, und gerade die, die noch gestern vor mir gekrochen sind. Aber sie täuschen sich in mir. Ich fürchte mich nicht. Ich werde keinen Zollbreit weichen.«

Er ging nach Hause und freute sich ingrimmig darüber, seine Haushälterin über Unwohlsein klagen zu hören, denn dies bot ihm einen willkommenen Vorwand, sie wegschicken zu können. Beim Licht einer Kerze setzte er sich in seinen Sessel und begann zum erstenmal, genau über die Vorfälle des Tages nachzudenken.

Seit vierundzwanzig Stunden war weder Speise noch Trank über seine Lippen gekommen. Er fühlte sich erschöpft, aber trotzdem war er nicht imstande, auch nur ein Glas Wasser zu nehmen. Den Kopf auf die Hand gestützt, saß er wie betäubt da.

Es war fast zehn Uhr, als er an die Haustür klopfen hörte, und lange mußte er sich besinnen, bis er sich klar wurde, was er zu tun habe. Dann ging er hinunter und öffnete das Tor. »Mr. Nickleby, ich habe schreckliche Nachrichten für Sie«, hörte er eine Stimme in der Finsternis sagen. »Ich soll Sie bitten, sogleich mit mir zu kommen.«

Er hielt die Hand über die Augen und sah Tim Linkinwater vor sich stehen.

»Wohin?« fragte er tonlos.

»In unser Haus, wo Sie heute morgen waren; ich habe einen Wagen mitgebracht.«

»Was will man von mir?«

»Fragen Sie nicht und kommen Sie mit!«

»Aha, eine Wiederholung von heute nachmittag«, fuhr Ralph auf und wollte die Tür zuschlagen.

»Nein, nein«, drängte Tim und hielt ihn am Arm fest. »Sie sollen nur hören, was sich zugetragen hat; – etwas Schreckliches, Mr. Nickleby, was Sie sehr nahe angeht. Glauben Sie mir, ich würde nicht so sprechen, wenn es nicht furchtbarer Ernst wäre.«

Ralph sah den Sprecher genauer an und bemerkte, daß er wirklich sehr erregt war. Einen Augenblick schwankte er noch.

»Besser, Sie hören jetzt als später, was Ihnen nicht erspart bleiben kann«, sagte Tim. »Um Gottes willen, kommen Sie.«

Ralph holte seinen Hut aus dem Hausflur und stieg in den Wagen, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Tim bemerkte, als sie in den Wagen stiegen, daß er wie ein Trunkener taumelte und daß sein Gesicht blaß und verfallen war.

Während der Fahrt wurde nicht ein einziges Wort gewechselt. Bei den Herren Cheeryble angekommen, ließ sich Ralph widerstandslos in ein Zimmer führen, wo ihn die beiden alten Herren bereits mit todesernsten und feierlichen Mienen erwarteten. Er setzte sich. Nur mühsam brachte er ein paar Worte heraus: was man ihm denn zu sagen hätte, was er nicht schon wüßte. Das Zimmer war altmodisch, sehr groß, sparsam erleuchtet und hatte ein Erkerfenster, vor dem ein dichter Vorhang hing. Einen Augenblick lang glaubte Ralph die Gestalt eines Mannes dahinter stehen zu sehen.

»Wer ist dort?« fragte er.

»Derselbe Mann, der uns vor zwei Stunden die Nachricht brachte, die uns veranlaßt hat, zu Ihnen zu schicken. Fragen Sie jetzt nicht weiter«, war die Antwort.

»Aha, neue Rätsel. Nun, Sir, was wünschen Sie?« – Einen Augenblick versagte Ralph die Stimme. Er hatte offenbar große Mühe, seine Fassung zu behaupten, und brachte nach einer Pause nur mühsam die Worte heraus: »Was soll das alles, meine Herren? Warum holt man mich ohne Grund nachts aus meinem Haus? Was haben Sie mir zu sagen? – Ist meine Nichte tot?« fügte er plötzlich erregt hinzu.

»Wir haben Ihnen allerdings einen Todesfall zu melden«, sagte Bruder Charles zögernd. »Ihre Nichte jedoch befindet sich sehr wohl.«

»Ist ihr Bruder vielleicht gestorben?« fragte Ralph, und ein Strahl wilder Hoffnung überflog sein Gesicht. »Das wäre mir eine zu angenehme Nachricht, als daß ich sie Ihnen so leicht glauben würde.«

»Schämen Sie sich. Sie unnatürlicher Mensch!« rief Mr. Ned empört. »Bereiten Sie sich auf eine Nachricht vor, die Sie tief erschüttern wird, wenn Sie überhaupt noch das mindeste menschliche Gefühl in der Brust haben. Was erwiderten Sie, wenn wir Ihnen sagten, daß ein armer unglücklicher junger Mensch, ein Kind in jeder Hinsicht, das niemals auch nur eine der Freuden gekannt hat, die uns unsre Kinderzeit verschönt; ein gutherziger, harmloser, liebevoller Mensch, der Ihnen nie etwas zuleid getan hat, an dem Sie aber Ihre Bosheit und den ganzen Haß ausließen, den Sie gegen Ihren Neffen hegten – was erwiderten Sie, wenn wir Ihnen sagten, daß er infolge der Hetze, die Sie auf ihn veranstalteten, und des grauenhaften Elendes eines an Jahren kurzen, aber an Leiden langen Daseins hinübergeschlummert wäre, um dort seine traurige Geschichte zu erzählen, in der Sie eine Rolle gespielt haben, für die Sie dereinst Rechenschaft werden ablegen müssen?«

»Wenn Sie mir sagen wollen«, fiel Ralph lebhaft ein, »daß der Bursche tot ist, so vergebe ich Ihnen alles andre. Wenn Sie mir wirklich sagen, daß er tot ist, so stehe ich in Ihrer Schuld und bin Ihnen für mein ganzes Leben verpflichtet. Ja, es ist so. Ich lese es in Ihren Gesichtern. Nun, und wer triumphiert jetzt? Sind das Ihre schrecklichen Neuigkeiten und Ihre entsetzenerregenden Mitteilungen? Sie sehen, wie wenig es mich rührt. Sie haben recht getan, nach mir zu schicken; ich wäre hundert Meilen zu Fuß durch Schmutz und Dunkelheit gewandert, um diese Kunde so schnell wie möglich zu hören.«

Trotz der wilden Freude, die sein Herz erfüllte, bemerkte er zu seinem Befremden in den Zügen der beiden Brüder Cheeryble wieder den unbeschreiblichen Zug von Mitleid und Grauen, der ihm schon früher aufgefallen war.

»Und er brachte Ihnen wahrscheinlich diese Nachricht, nicht wahr?« fragte er und deutete mit dem Finger auf den Vorhang vor dem Fenster. »Er sitzt wahrscheinlich dahinter, um zu sehen, wie erschüttert ich bin. Hahaha. Sagen Sie ihm, daß ich noch manches Jahr ein Dorn in seinem Herzen sein werde; und Ihnen beiden versichere ich, Sie werden schon sehen, aus welchem Grund er damals mit dem Landstreicher Mitleid hatte.«

»Sie halten mich wohl für Ihren Neffen«, sagte eine hohle traurige Stimme; »es wäre übrigens für Sie und auch für mich besser, wenn es so wäre.«

Die Gestalt, die früher nur schattenhaft sichtbar gewesen, stand jetzt auf und kam langsam hinter dem Vorhang hervor. Ralph fuhr zurück, denn er sah nicht Nikolas, wie er geglaubt, sondern Brooker vor sich. Er hatte keinen Grund, den Mann zu fürchten, und hatte ihn auch nie gefürchtet, aber jetzt überflog plötzlich Todesblässe seine Mienen, und er wankte.

»Was will der Kerl hier?« fragte er mit veränderter Stimme. »Wissen Sie, daß er ein Deportierter, ein gemeiner Dieb ist?«

»Hören Sie, was er Ihnen zu sagen hat – hören Sie ihn an, Mr. Nickleby, mag er sein, was er will«, riefen die Brüder Cheeryble so ernst und feierlich, daß Ralph sich nach ihnen umwandte. Sie deuteten auf Brooker, und Ralph wendete mechanisch seinen Blick wieder auf den Alten. »Der junge Mensch, von dem diese Herren hier gesprochen haben«, sagte Brooker langsam und jedes Wort lange abwägend, »und der jetzt im Grabe ruht, war – Ihr – eigener einziger Sohn, so wahr mir Gott helfe.«

Totenstille! Ralph sank in einen Sessel und drückte die Hände an die Schläfen. Nach einer Minute ließ er sie wieder sinken, und sein Gesicht war leichenhaft entstellt. Unverwandt starrte er auf Brooker, ohne daß ein Laut von seinen Lippen gekommen wäre oder er auch nur die geringste Bewegung gemacht hätte.

»Meine Herren«, fuhr Brooker langsam fort, »ich habe keine Entschuldigung für mich. Über Beschönigungen bin ich längst hinaus. Wenn ich Ihnen sage, wie alles vor sich ging, und hinzufüge, daß ich allzu grausam behandelt und dadurch zu einer Tat getrieben wurde, die vielleicht nicht in meinem Wesen lag, so geschieht es bloß, weil es mit zu der Geschichte gehört, und nicht, um mich zu entschuldigen. Ja, ich bin ein schuldbeladener Mensch.« – Er hielt inne, um sich zu sammeln, wandte sich von Ralph ab an die Brüder Cheeryble und fuhr leise fort: »Unter denen, die einst mit diesem Manne hier verkehrten – nämlich vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren – befand sich auch ein roher trunksüchtiger Landedelmann aus Leicestershire, der sein eigenes Vermögen durchgebracht hatte und darangehen wollte, das seiner Schwester zu vergeuden. Die Eltern waren tot, und die Schwester lebte bei ihm und führte ihm den Haushalt. Ralph Nickleby besuchte die Geschwister ziemlich oft und blieb manchmal einige Tage bei ihnen. Aber nicht, um Geschäfte zu machen. Die Dame war nicht mehr jung, wie ich sagen hörte, aber ziemlich hübsch und hatte ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwarten. Ralph heiratete sie. Gewinnsucht bewog ihn, diese Ehe einzugehen, aber auch, sie streng geheimzuhalten, denn das Testament ihres Vaters enthielt eine Klausel, das Vermögen müsse auf eine Seitenlinie übergehen, falls sie sich ohne Einwilligung ihres Bruders vermähle. Der Bruder nun plante, sich seine Zustimmung durch eine hübsche Summe abkaufen zu lassen, und Nickleby, dem das Opfer zu hoch erschien, einigte sich mit seiner Frau dahin, die Ehe geheimzuhalten, bis der Bruder einmal gelegentlich einer Fuchsjagd den Hals bräche oder sich zu Tode trinke. Dieser hatte aber weder zu dem einen noch zu dem andern Lust, und mittlerweile entsprang ein Knabe der ehelichen Verbindung. Das Kind wurde einer Wärterin übergeben, die weit entfernt wohnte, und bei der es die Mutter nur ein- oder zweimal und sein Vater nie sah. Der Bruder erkrankte und wurde immer hinfälliger, und der habsüchtige Nickleby glaubte das ganze Vermögen schon in der Hand zu haben, aber der Tod des Bruders zog sich hinaus, und sooft die Frau auf Veröffentlichung ihrer Ehe drang, so oft wurde ihr dies von Ralph aufs bestimmteste abgeschlagen. Sie mußte allein in dem öden Landhaus bleiben und sah wenig andere Gesellschaft als rohe trunksüchtige Jagdsportsmen. – Nickleby lebte in London und ging seinen Geschäften nach. – Was soll ich weiter sagen! Eines Tages – nur wenige Wochen vor dem Zeitpunkt, wo der Tod ihres Bruders alles ins reine gebracht hätte – ließ sie sich von einem jüngeren Mann, als Nickleby war, entführen.«

Brooker hielt inne, aber Ralph rührte sich nicht.

»Alle diese Umstände erfuhr ich damals von seinen eigenen Lippen. Sie waren kein Geheimnis, denn viele wußten darum, und man teilte sie mir aus einem besondern Grunde mit. Ralph Nickleby verfolgte nämlich die Flüchtenden – einige sagten, um aus der Schande seines Weibes Nutzen zu ziehen, ich glaubte jedoch, daß er es eher deswegen tat, um sich bitter zu rächen, denn Rachsucht liegt ebenso in seinem Charakter wie Geldgier – vielleicht sogar noch tiefer –, aber er fand sie nicht, und bald nachher starb seine Frau. Ich weiß nicht, ob er sich vielleicht einredete, er könne das Kind lieben, oder ob er sich in seinen Besitz zu setzen wünschte, damit es nur nicht in die Hände seiner Mutter fiele – genug, ich erhielt den Auftrag, den Knaben nach London zu bringen. – Er hat mich grausam behandelt –«, fuhr Brooker leise fort, »– erst kürzlich erinnerte ich ihn daran, als ich ihm auf der Straße begegnete –, und infolgedessen haßte ich ihn. Ich brachte das Kind in sein Haus und wies ihm die nach vorn hinausgehende Dachstube an. Aus Mangel an Pflege war der Kleine krank geworden, und der Arzt erklärte, er werde bestimmt sterben, wenn man nicht bald eine Luftveränderung schüfe. Das reifte einen Plan in meinem Hirn, und ich tat, wie der Arzt gesagt. Nickleby blieb sechs Wochen weg, und als er zurückkam, sagte ich ihm, das Kind wäre gestorben und begraben. Ob ihn diese Nachricht wirklich ergriff oder vielleicht nur einen Plan, den er vorhatte, durchkreuzte, jedenfalls sah er sehr bekümmert aus, und das bestärkte mich in meiner Absicht, ihm eines Tages das Geheimnis zu eröffnen, um dadurch Geld von ihm zu erpressen. Ich hatte von den Schulen in Yorkshire gehört und brachte das Kind, dem ich den Namen Smike gab, in ein Institut, das dort einem gewissen Squeers gehörte. Sechs Jahre lang zahlte ich zwanzig Pfund für den Knaben, ohne über das Geheimnis auch nur ein Wort fallenzulassen, und da mich Nickleby immer härter behandelte, verließ ich seinen Dienst und prozessierte mit ihm. Später mußte ich England verlassen, wurde deportiert und kam erst nach acht Jahren wieder zurück. Das erste, was ich tat, bestand darin, daß ich mich nach Yorkshire begab und mich eines Abends so unterderhand nach den Zöglingen in der Schule erkundigte, wodurch ich erfuhr, daß Smike geflohen sei. Ich suchte den alten Nickleby in London auf, machte ihm Andeutungen und hoffte, dadurch ein paar Schillinge für meinen Lebensunterhalt zu gewinnen, aber er wies mich schroff zurück. Ich lernte dann seinen Schreiber kennen und eröffnete diesem später, daß Smike nicht der Sohn Snawleys sei, der sich für seinen Vater ausgab. Ich hatte die ganze Zeit über den Knaben nicht wieder gesehen, aber von Mr. Newman erfuhr ich, er sei sehr krank und halte sich auf dem Lande auf. Ich reiste ihm nach, um mich ihm womöglich in Erinnerung zu bringen und mir von ihm die Wahrheit bestätigen zu lassen. Ich sah ihn ganz unverhofft, aber ehe ich noch mit ihm sprechen konnte, erkannte er mich – der arme Junge hatte guten Grund, sich meiner in Angst zu erinnern. – Ich hätte darauf schwören können, daß er es sei, und wenn ich ihm in Indien begegnet wäre. Es war dasselbe abgezehrte Gesicht, das ich an ihm schon kannte, als er noch ein Kind gewesen. Einige Tage lang war ich unschlüssig, was ich tun sollte, dann aber wandte ich mich an den jungen Herrn, dessen Obhut er anvertraut war, und erfuhr von ihm, er sei gestorben. Ich erfuhr auch, wie ich gleich gesehen, daß der junge Mensch mich sofort erkannt hatte. Dies ist meine Geschichte. Konfrontieren Sie mich mit dem Schulmeister, und ich mache mich erbötig, für die Wahrheit meiner Aussagen jeden erforderlichen Beweis zu liefern. Es ist leider alles nur zu wahr, und die Schuld lastet schwer auf meiner Seele.«

»Unglücklicher Mensch«, riefen die Brüder Cheeryble, »womit können Sie dies je wiedergutmachen?«

»Ich kann es nicht. Ich kann es nicht mehr gutmachen«, rief Brooker. »Diese Hoffnung ist jetzt vorbei. Ich bin alt an Jahren, aber noch älter an Elend und Sorgen. Das Bekenntnis, das ich abgelegt, kann mir nur neue Leiden und neue Strafen bringen, aber ich wiederhole, daß ich die Wahrheit gesprochen habe, mag da kommen, was will. Ich war zum Werkzeug ausersehen, auf das Haupt dieses Mannes schreckliche Wiedervergeltung zu häufen. Die Folgen fallen jetzt auch auf mein Haupt. Ich weiß, daß ich ihnen nicht entgehen kann. Ich habe weder auf Erden noch im Jenseits etwas mehr zu hoffen.«

Er hatte kaum ausgesprochen, da wurde der Leuchter, der neben Ralph auf dem Tische stand, heftig zu Boden geworfen. Tiefe Dunkelheit umfing das Zimmer. Als die Kerze wieder angezündet wurde, entdeckte man, daß Ralph Nickleby fort war.

Die Brüder Cheeryble ergingen sich noch eine Weile in Mutmaßungen, ob er wohl zurückkommen werde; als dies aber nicht geschah, hielten sie es für geraten, nach ihm zu schicken. Sie dachten, er könne erkrankt sein; sein stummes seltsames Benehmen während der ganzen Erzählung und die Starrheit, mit der er dagesessen, bestärkte sie in dieser Annahme. Obgleich es schon sehr spät war, schickten sie, zumal sie mit Brooker nichts anzufangen wußten, in seine Wohnung, um ihm sagen zu lassen, sie würden gerne die Angelegenheit noch vor dem Schlafengehen erledigt sehen.

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