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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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58. Kapitel

Eine Szene dieser Geschichte geht ihrem Ende zu.

Am Abend des zweiten Tages seiner Reise hatte Nikolas Halt machen lassen, um seinen Pflegling nicht allzusehr zu ermüden. Sie befanden sich nur noch wenige Meilen von dem Ort entfernt, an dem er die glücklichen Jahre seiner Kindheit verlebt hatte. Keinen Augenblick wich er von der Seite des Patienten und erfüllte treulich seine freiwillig übernommene Pflicht dem Freund und Hilflosen gegenüber, dessen Lebensuhr jetzt schnell ablief. Er verwendete seine ganze Zeit darauf, ihm Mut zuzusprechen, für ihn Sorge zu tragen und ihn nach Kräften zu erheitern.

Sie mieteten Tags darauf eine bescheidene Wohnung in einem kleinen von Wiesen umgebenen Pächterhaus, vor dem sich Nikolas als Knabe oft mit seinen Schulkameraden umhergetummelt. Anfangs besaß Smike noch so viel Kraft, um mit ihm kleine Spaziergänge zu machen, und zu solchen Zeiten war ihm nichts lieber, als die Orte zu besuchen, die seinem Freund und Wohltäter in früheren Jahren teuer geworden waren. Bei solchen Gelegenheiten pflegte sich Nikolas in alten Erinnerungen zu ergehen und bezeichnete ihm die Bäume, die er als Junge wohl hundertmal erklettert hatte, um einen neugierigen Blick in die Vogelnester oben zu werfen. Da standen noch die Hecken, wo seine Schwester und er so oft zusammen Veilchen und Erdbeeren gesucht, und die grünen Wiesen und schattigen Pfade, auf denen sie sich getummelt hatten. An jeden Weg, an jeden Bach, an jedes Gebüsch, an jedes Häuschen knüpfte sich für ihn irgendein Ereignis aus der Kinderzeit und tauchte lebhaft vor seiner Seele wieder auf.

Einer ihrer Ausflüge führte sie auch über den Kirchhof, wo Nicklebys Vater begraben lag. »Selbst hier«, sagte Nikolas wehmütig, »pflegten wir zu spielen, ehe wir die Schrecken des Todes begriffen. Einmal saßen wir hier und sprachen leise miteinander. Später vermißten wir dann Kate, und nach stundenlangem vergeblichem Suchen fand man sie fest schlummernd unter dem Baum, der jetzt dies Grab beschattet. Mein Vater nahm die schlafende Kleine auf den Arm und sagte, wenn er einmal stürbe, möge man ihn an der Stelle begraben, wo einst das Haupt seines lieben kleinen Kindes gelegen. Und du siehst, daß sein Wunsch erfüllt wurde.«

Smike schwieg, aber in derselben Nacht fuhr er aus dem Schlummer empor, legte seine Hand auf den Arm des an seinem Bette sitzenden Nikolas und bat ihn unter Tränen, er möge ihm etwas versprechen.

»Und das wäre?« fragte Nikolas sanft. »Du weißt, ich werde deinen Wunsch erfüllen, wenn es nur irgend in meiner Macht steht.«

»Versprechen Sie mir«, flüsterte Smike, »daß Sie mich, wenn ich tot bin, so nahe wie irgend möglich an dem Baum begraben lassen, den wir heute gesehen haben.«

Nikolas versprach es in wenigen einfachen Worten, aber sie waren ernst und feierlich. Der arme Kranke wandte sich um, als wolle er schlafen, ohne jedoch seine Hand loszulassen. Ein leises Schluchzen verriet Nikolas, daß er erst spät wieder in Schlummer verfiel.

Nach vierzehn Tagen hatte sich sein Zustand bereits so verschlimmert, daß er nicht mehr ausgehen konnte. Nikolas fuhr ihn ein paarmal in Kissen gehüllt im Wagen spazieren, aber das Schütteln schmerzte den Kranken und veranlaßte Ohnmächten, die bei seinem Schwächezustand immerhin kritisch werden konnten. Im Hause hatte man ein altes Ruhebett aufgestöbert, das jetzt bei Tag der Lieblingsaufenthalt Smikes war. An warmen sonnigen Tagen trug es Nikolas in den kleinen Obstgarten hinaus vors Haus, brachte dann seinen Schützling gut eingehüllt ins Freie und saß wohl stundenlang bei ihm.

So trug er eines Tages wieder Smike auf den Armen hinaus – ein Kind hätte ihn damals tragen können, so leicht war er –, damit er den Sonnenuntergang sehen könne, und nahm, nachdem er ihm sein Lager zurechtgemacht, an seiner Seite Platz. Ermüdet von den langen Nachtwachen verfiel er bald selbst in Schlaf. Er konnte die Augen noch nicht fünf Minuten geschlossen haben, als er durch einen gellenden Schrei plötzlich geweckt wurde. Er fuhr auf und bemerkte zu seiner größten Bestürzung, daß sich der Kranke aufgerichtet hatte und mit starren Augen, kalten Schweiß auf der Stirn, wobei ein krankhaftes Zucken seinen ganzen Körper erschütterte, um Hilfe rief.

»Allmächtiger Gott, was gibt es denn?« rief Nikolas und beugte sich über Smike. »Beruhige dich, du hast nur geträumt.«

»Nein, nein, nein«, ächzte der Kranke und klammerte sich an ihn. »Halten Sie mich fest! Lassen Sie mich nicht los! Dort – dort – hinter dem Baum.«

Nikolas folgte der Richtung mit den Augen, ohne jedoch etwas Auffälliges entdecken zu können. »Es war nur ein Trugbild deiner Phantasie«, suchte er den Fiebernden zu beruhigen; »gewiß nichts anderes.«

»Nein, ich weiß es besser. Ich habe es so deutlich gesehen, wie ich Sie jetzt hier sehe«, war die Antwort. »Versprechen Sie mir, daß Sie mich bei sich behalten wollen; – schwören Sie mir, keinen Augenblick von mir zu weichen!«

»Ging ich denn je von deiner Seite?« entgegnete Nikolas. »Lege dich ruhig wieder hin. – So. Du siehst, ich bin bei dir. Aber jetzt sag mir, was hast du gesehen?«

»Können Sie sich noch erinnern«, flüsterte Smike und spähte mit ängstlichen Blicken umher, »können Sie sich noch erinnern, was ich Ihnen von dem Mann erzählte, der mich nach Dotheboys Hall gebracht hat?«

»Gewiß.«

»Vorhin, als ich meine Augen nach jenem Baume richtete dem dicken Stamm dort –, da stand er, den Blick starr auf mich geheftet.«

»Denke nur einen Augenblick ruhig nach«, redete Nikolas dem Kranken zu. »Nehmen wir an, der Mann wäre noch am Leben und triebe sich hier an diesem einsamen abgelegenen Ort umher, glaubst du wohl, du würdest ihn nach so langer Zeit wiedererkennen können?«

»Überall, wie er auch gekleidet sein möchte. Und eben jetzt stand er dort – gerade so, wie ich ihn in meiner Erinnerung sehe – auf seinen Stock gestützt –, und blickte nach mir herüber. Seine ärmlichen – ich glaube sogar zerrissenen – Kleider waren mit Staub bedeckt. Kaum sah ich ihn, kehrte blitzschnell alles wieder von damals in mein Gedächtnis zurück – der regnerische Abend, sein Gesicht, als er mich verließ, das Zimmer, in das ich gebracht wurde, und die Leute, die sich drin befanden. Als er bemerkte, daß ich ihn erblickt hatte, schien er zu erschrecken, denn er fuhr zusammen und lief davon. Wie oft habe ich tagsüber an ihn gedacht und nachts von ihm geträumt. Ich habe ihn im Schlaf gesehen, als ich noch ein ganz kleines Kind war, und sehe ihn jede Nacht gerade so, wie er mir jetzt erschien.«

Vergeblich bemühte sich Nikolas, Smike zu überzeugen, er müsse sich getäuscht haben. Ebenso vergeblich blieb sein Suchen und Forschen nach dem rätselhaften Mann. Und das bestärkte ihn in seiner Meinung, Smike müsse eine Halluzination gehabt haben.

Von Tag zu Tag ging es mit dem Ärmsten bergab. Zusehends schwanden seine Kräfte.

An einem schönen stillen Herbsttag saß Nikolas wieder an seinem Bett und bemerkte, wie er die Augen aufschlug und sanft lächelte.

»Das freut mich«, sagte er; »der Schlummer scheint dir wohlgetan zu haben.«

»Ich habe so schöne, schöne Träume gehabt«, flüsterte Smike.

»Und wovon hast du geträumt?«

»Ich werde bald dort sein«, hauchte der Kranke und blickte in den Himmel. »Ich fürchte mich nicht vor dem Tod und bin ganz zufrieden. Ich wünsche auch nicht, wieder gesund zu werden. Sie haben mir so oft gesagt, daß wir uns dereinst wiedersehen werden, und ich fühle jetzt so deutlich die Wahrheit, daß ich sogar den Gedanken an eine Trennung von Ihnen ertragen kann.«

Seine zitternde Stimme und der feste Druck der Hand, mit dem er seine Worte begleitete, zeigte, daß er aus tiefstem Herzen sprach.

»Ich freue mich, daß du so sprichst, und finde einen großen Trost in deinen Worten«, erwiderte Nikolas nach längerem Schweigen. »Ich bin so froh, daß du mir sagst, du seist glücklich.«

»Ich muß Ihnen noch etwas anvertrauen, ehe ich sterbe; ich möchte kein Geheimnis vor Ihnen haben«, flüsterte Smike. »Ich weiß, Sie werden mich in einem solchen Augenblick nicht tadeln.«

»Ich dich tadeln!« rief Nikolas.

»Ich wußte, daß Sie es nicht tun werden. – Sie haben mich einmal gefragt, warum ich so verändert sei und immer so viel allein säße. Soll ich Ihnen den Grund sagen?«

»Tue es nicht, wenn es dich schmerzt«, wehrte Nikolas ab. »Ich habe nur gefragt, um dich glücklicher machen zu können, falls es in meiner Kraft stünde.«

»Ich habe es wohl gemerkt – ich fühlte es.« Smike zog seinen Freund näher an sich. »Verzeihen sie mir – aber ich konnte nicht anders. Wenn ich ihr Glück mit meinem Leben hätte erkaufen können, hätte ich's gerne getan; aber doch brach mir das Herz, wenn ich's mit ansah; ich weiß, er liebt sie innig – ach, wer hätte das früher entdecken können als ich.« – Was er weiter sprach, waren nur abgebrochene Worte, aber trotzdem erfuhr Nikolas durch sie, daß der Sterbende mit der ganzen Glut seiner Seele Kate geliebt hatte.

Er hatte sich eine Locke ihres Haares zu verschaffen gewußt, und sie hing, mit einem Band umwickelt, das Kate getragen, an seiner Brust. Er bat Nikolas, sie nach seinem Tod wegzunehmen, damit sie niemand sähe, aber wenn man ihn in den Sarg lege, möge er sie ihm wieder um den Hals hängen, damit er sie im Grabe bei sich trage.

Nikolas versprach es ihm auf den Knien und auch, daß er ihn an der Stelle begraben lassen werde, die er sich selbst auserwählt. Dann umarmten sie einander und küßten sich gegenseitig auf die Wange.

»Jetzt bin ich glücklich«, flüsterte Smike.

Er verfiel in einen leichten Schlaf, und als er erwachte, lächelte er abermals wie früher. Dann sprach er von schönen Gärten, die sich weit vor seinem Blicke ausdehnten, und von vielen Menschen, Männern, Frauen und Kindern – alle mit leuchtendem Gesicht, und er nannte es das Paradies. Dann entschlummerte er still und sanft.

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