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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
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54. Kapitel

Die Krisis und der Ausgang des Projektes.

Es gibt wohl nicht gar viele, die ihren Hochzeitsmorgen verschlafen oder an einem solchen Tage lange im Bette blieben. Man erzählt sich zwar von Fällen merkwürdiger Zerstreutheit, wo ein Mann am Anbruch des Tages, an dem er mit seiner jungen Gattin vermählt werden sollte, die Augen aufgeschlagen und ganz vergessen habe, welche wichtige Angelegenheit ihm bevorstehe. Er habe sogar seine Diener ausgezankt, heißt es, daß sie ihm seine Feiertagskleider zurechtgelegt hätten. Auch erzählt man sich von einem gewissen jungen Herrn, der, ohne sich um das Verbot der Kirche zu kümmern, noch im letzten Augenblick eine glühende Leidenschaft für seine Großmutter gefaßt habe. Beide Fälle sind jedoch zu absonderlicher Art, als daß man ihnen wirklich Glauben schenken oder annehmen könnte, daß solche Vorgänge heutzutage besonders häufige Nachahmung finden würden.

Arthur Gride war eine volle Stunde früher, ehe Mrs. Sliderskew, nachdem sie sich den Schlummer aus den Augen gerieben, an seine Zimmertür klopfte, in den flaschengrünen Hochzeitsanzug geschlüpft und befand sich bereits im vollen Staat in der Küche, um sich mit einem Schlückchen von seiner Lieblingsherzstärkung zu erquicken.

»Pfui Teufel«, brummte Grete und kehrte, ihre häuslichen Obliegenheiten erfüllend, ein kleines Häufchen Asche unter dem halbzerfallenen Kaminrost zusammen. »Hochzeit will er halten! – Eine feine Hochzeit das. Als ob er an seiner alten Grete nicht genug hätte, um sich seine Sachen besorgen zu lassen. Und dabei hat er mir hundert- und hundertmal gesagt, damit ich nicht über die schmale Kost, den geringen Lohn und das bißchen Ofenwärme murre: ›In meinem Testament, Grete, in meinem Testament stehen nur Sie. Ich bin Junggeselle, Grete, habe keine Freunde und keine Verwandten, Grete.‹ Und alles nichts als Spiegelfechterei. Jetzt drängt er mir gar eine neue Herrin ins Haus, einen Fratzen, der noch naß hinter den Ohren ist. Wenn der Narr schon eine Frau haben muß, hat er sich nicht eine nehmen können, die für sein Alter paßt und seine Gewohnheiten kennt?! Er sagt, sie werde mir nicht ins Gehege kommen. Soll sie auch nicht. Aber du ahnst nicht, Halunke, was ich vorhabe.«

Während Mrs. Sliderskew offenbar aus Verdruß und enttäuschter Hoffnung und wütend, daß ihr alter Brotherr ihr eine andre vorgezogen, diese Worte vor sich hin murmelte, dachte Arthur Gride nochmals genau durch, was am letzten Abend stattgefunden hatte.

»Ich begreife gar nicht, wie er Kenntnis von dem bekommen haben konnte, was er gestern sagte«, brummte er. »Sollte ich mich vielleicht selbst verraten haben? Ist vielleicht etwas von dem verlautet, was ich bei Bray fallenließ? Möglich. Es sollte mich nicht wundern, wenn es so wäre. – Ralph Nickleby war oft böse darüber, daß ich mit ihm über die Sache sprach, noch ehe wir das Haus verlassen hatten. Ich darf ihm die Geschichte gar nicht erzählen, sonst verdirbt er mir meine gute Laune, und das verstimmt mich dann für den ganzen Tag.«

Ralph galt unter seinen Zunftgenossen als ganz besonders hervorragendes Genie, und bei Arthur Gride hatte er angesichts seines strengen unbeugsamen Charakters und seiner großen Erfahrung ein solches Übergewicht, daß er ihn geradezu fürchtete. Von Natur aus kriecherisch und feig, demütigte sich Arthur Gride vor ihm fast bis in den Staub.

Verabredetermaßen begab er sich jetzt zu ihm und erzählte ihm, daß in der vergangenen Nacht ein junger Tollkopf bei ihm eingedrungen sei und den Versuch gemacht habe, ihn von der festgesetzten Heirat abzuhalten. In kurzen Worten berichtete er, was Nikolas gesagt und getan, und behielt nur gewisse Einzelheiten, deren Mitteilung ihm nicht rätlich erschien, für sich.

»Nun, was weiter?« fragte Ralph.

»Oh, gar nichts weiter«, antwortete Gride.

»Er hat versucht, Sie einzuschüchtern?« fragte Ralph verächtlich. »Natürlich haben Sie sofort das Hasenpanier ergriffen?«

»Nein, im Gegenteil; ich habe ihn ins Bockshorn gejagt, indem ich Diebe und Mörder schrie«, meckerte Gride. »Einmal war es mir fast sogar Ernst damit, und ich hatte gute Lust, ihn arretieren zu lassen und zu beschwören, er habe mir gedroht und Geld zu erpressen gesucht.«

»Oho«, rief Ralph mit einem mißtrauischen Seitenblick, »also auch eifersüchtig?«

»Da sieh einer«, greinte Gride und rieb sich mit erkünstelter Fröhlichkeit die Hände.

»Schneiden Sie keine solchen Grimassen, Mensch«, knurrte Ralph. »Sie sind eifersüchtig und haben offenbar guten Grund dazu.«

»Nein, nein, nein – durchaus nicht guten Grund – oder meinen Sie doch?« stotterte Gride. »Glauben Sie wirklich?«

»Sehen wir uns mal die Sache genauer an«, sagte Ralph. »Da haben wir einen alten Mann, der einem jungen Mädchen als Gatte aufgezwungen werden soll, und zu diesem alten Mann kommt ein hübscher junger Kerl – Sie sagten doch, er sei hübsch gewesen?«

»Nein«, brummte Gride.

»Soso, ich dachte, Sie hätten es gesagt«, spöttelte Ralph. »Aber egal, schön oder nicht schön – zu diesem alten Manne also kommt ein junger Mensch, wirft ihm Drohungen ins Gesicht, an die Nase, sollte ich eigentlich sagen, und erklärt ihm mit dürren Worten, seine Braut hasse ihn. Warum tut er das? Wahrscheinlich aus Menschenliebe, was?«

»Nun, aus Liebe zu der jungen Dame gewiß nicht«, eiferte Gride. »Ich habe aus seinem eigenen Munde gehört, daß niemals ein Sterbenswörtchen von Liebe zwischen ihnen gefallen sei.«

»Soso, aus seinem eigenen Mund«, höhnte Ralph verächtlich.

»Aber eins gefällt mir an ihm, nämlich, daß er Ihnen ehrlich und offen gesagt hat, Sie sollten Ihr Vögelchen oder Schäfchen oder wie Sie's sonst nennen, sorgsam unter Schloß und Riegel halten. – Gride, Gride, nehmen Sie sich in acht. Gewiß ist es ein Triumph, sie einem so gefährlichen Nebenbuhler vor der Nase wegzuschnappen – ein großer Triumph für einen alten Mann, aber sehen Sie zu, daß Sie sie auch behalten, wenn Sie sie einmal haben; – weiter will ich nichts sagen.«

»Was ist das nur für ein Mensch!« rief Arthur Gride, trotz seines offenkundigen Mißbehagens sich stellend, als belustigten ihn die Worte seines Geschäftsfreundes aufs höchste. Dann fügte er aber sogleich ängstlich hinzu: »Unbesorgt, ich werde schon acht auf sie geben. Sie haben recht, das ist die Hauptsache. Es wird nicht so besonders schwer sein – oder meinen Sie?«

»Schwer?« wiederholte Ralph höhnisch. »Weiß doch jedes Kind, wie leicht Weiber im Zaum zu halten und zu leiten sind. Aber kommen Sie jetzt! Ihre Glücksstunde schlägt. Sie können übrigens gleich das Geld jetzt auszahlen, damit ersparen Sie sich später die Mühe.«

»O Gott, was sind Sie doch für ein Mensch«, krächzte Gride.

»Nun ja, warum nicht?« entgegnete Ralph. »Ich denke, von jetzt bis zwölf Uhr mittags zahlt Ihnen doch kein Mensch Zinsen dafür – oder?«

»Nun, ich dächte, Ihnen ebensowenig«, erwiderte Gride und schielte Ralph mit einem Blick an, in den er alle Schlauheit legte, deren er fähig war.

»Sie haben offenbar das Geld nicht bei sich«, versetzte Ralph, spöttisch die Lippen kräuselnd. »Wären Sie auf meinen Wunsch vorbereitet gewesen, hätten Sie es natürlich mitgebracht, zumal Sie niemand auf der Welt so gerne gefällig zu sein wünschen wie mir. Nicht wahr? Ich weiß ja, wir trauen einander gegenseitig ungefähr in gleichem Maße. Sind Sie jetzt bereit?«

Gride, der bei Ralphs letzten Worten nur gegrinst, mit dem Kopf genickt und gemummelt hatte, bejahte eifrig und brachte ein paar große Schleifen zum Vorschein, von denen er die eine an seine eigene Brust heftete und die andre mit Aufgebot seiner ganzen Liebenswürdigkeit zu gleichem Zweck seinem Freunde aufschwätzte. Festlich geschmückt bestiegen beide sodann die Droschke, die Ralph bereitgehalten hatte, und fuhren zur Wohnung der schönen und todunglücklichen Braut.

Gride, dem der Mut immer mehr und mehr sank, je näher sie ihrem Ziele kamen, wurde ganz und gar verzagt, als er die trauervolle Stille bemerkte, die dort herrschte. Das Gesicht des armen Dienstmädchens, der einzigen Person, deren sie ansichtig wurden, war ganz verweint und zeugte von einer schlaflosen Nacht. Niemand bewillkommnete sie, und eher wie ein paar Diebe als wie Bräutigam und Brautführer schlichen sie ins Besuchszimmer.

»Man sollte rein meinen, es ginge zu einem Begräbnis und nicht zu einer Hochzeit«, sagte Ralph, unwillkürlich seine Stimme dämpfend.

»Hihi«, kicherte der alte Geizhals, »Sie sind ja – ungemein spaßhaft.«

»Man hat's auch nötig«, murrte Ralph, »denn hier ist's trübselig und langweilig zum Sterben. Setzen Sie eine heitere Miene auf, Mensch, und schneiden Sie nicht ein Gesicht, als ob Sie zum Galgen gingen.«

»Ja, ja, das will ich«, versprach Gride, »aber – aber glauben Sie nicht, daß sie gleich kommen wird?«

»Ich glaube, sie wird erst kommen, wenn sie muß«, entgegnete Ralph und warf einen Blick auf seine Uhr. »Und dazu hat sie noch eine gute halbe Stunde Zeit; – zügeln Sie Ihre Liebesglut.«

»Ich –ich bin nicht ungeduldig«, stotterte Gride. »Ich möchte um keinen Preis hart gegen sie sein. O Gott nein, um keinen Preis. Sie soll sich nur Zeit lassen – ganz wie sie will. Ich bin mit allem einverstanden.«

Ralph warf ihm einen scharfen Blick zu, der verriet, daß er den Grund dieser ungewöhnlichen Rücksicht vollkommen durchschaute, da hörten sie jemand leise die Treppe heraufkommen, und gleich darauf schlich Mr. Bray auf den Zehen ins Zimmer, warnend den Finger erhoben, als sei ein Kranker in der Nähe, der nicht gestört werden dürfe.

»Still!« flüsterte er. »Sie war gestern abend sehr angegriffen. Ich glaubte schon, das Herz bräche ihr. Sie ist bereits angekleidet, aber sie weint bitterlich auf ihrem Zimmer. Immerhin ist ihr schon besser; sie ist vollkommen ruhig, und damit ist alles gewonnen.«

»Ist sie bereit?« fragte Ralph.

Der Vater bejahte.

»Und wird sie uns auch nicht durch Frauenzimmerschwächen, Ohnmächten und dergleichen aufhalten?«

»Sie können sich zuversichtlich auf sie verlassen«, erwiderte Bray. »Ich habe ihr den ganzen Morgen zugeredet. – Übrigens, kommen Sie einmal her«, flüsterte er, zog Ralph in die entfernteste Ecke des Zimmers und deutete auf Gride, der zusammengekauert im andern Winkel saß, sich die Knöpfe seines Rockes polierte und ein Gesicht machte, auf dem infolge seiner Beklemmung der gewohnte Ausdruck von Niedertracht und schurkischer Denkungsweise noch deutlicher hervortrat.

»Sehen Sie ihn sich nur an«, flüsterte Bray entsetzt. »Es ist eigentlich eine Herzlosigkeit.«

»Was ist eine Herzlosigkeit?« fragte Ralph scheinbar harmlos.

»Diese Heirat, Sie wissen es doch so gut wie ich.«

Ralph zuckte die Achseln, verwünschte innerlich Brays Kleinmut, zog die Augenbrauen hoch und biß die Zähne zusammen.

»Sehen Sie ihn sich nur an! Ist es nicht wirklich grausam?« wiederholte Bray.

»Nein«, versetzte Ralph hart.

»Und ich sage, es ist grausam«, rief Bray, lebhafte Aufregung heuchelnd. »Es ist eine Grausamkeit – ja, es ist schlecht und verräterisch.«

Wenn Menschen im Begriffe stehen, ein Unrecht zu begehen oder gutzuheißen, so geschieht es nicht selten, daß sie Mitleid mit dem Opfer, um das es sich handelt, heucheln, wahrscheinlich, um sich selbst einzureden, sie seien tugendhaft und unermeßlich erhaben über die, die kein Mitleid äußern. Was Ralph Nickleby betraf, so verschmähte er diese Art von Selbstbelügung und durchschaute ganz gut die, die es taten. Er ließ daher Bray immer wieder mit großer Heftigkeit wiederholen, es sei eine Grausamkeit, ohne ein Wort dazu zu sagen. Als Bray endlich schwieg, erwiderte er:

»Sie sehen doch, er ist ein verhutzelter alter Kerl. Wäre er jünger, so könnte man es vielleicht hart nennen. So aber? – Sie wissen ganz gut, Mr. Bray, daß er bald sterben und sie als reiche junge Witwe zurücklassen wird. Miss Madeline hat gewählt und sich dabei durch Ihren Geschmack bestimmen lassen. Das nächstemal kann sie ja ihrem eigenen folgen.«

»Sie haben recht«, brummte Bray, an seinen Nägeln beißend und offenbar in großer innerlicher Unruhe. »Ich konnte nichts Besseres für sie tun, als ihr raten, seinen Antrag anzunehmen. Ich frage Sie, Mr. Nickleby, als einen Mann, der die Welt kennt, hätte ich ihr besser raten können?«

»Gewiß nicht«, versicherte Ralph. »Übrigens will ich Ihnen etwas sagen, Sir: Es gibt innerhalb fünf Meilen im Umkreis und noch viel weiter Hunderte Väter – reiche, sogar sehr reiche Väter, die mit Freuden ihre Töchter und ihre eigenen Ohren dazu geben würden, wenn sie einen Mann wie diese alte Affenmumie dort zum Schwiegersohn bekommen könnten.«

»Sie haben recht«, rief Bray, begierig nach allem haschend, was seine eigne Herzlosigkeit zu rechtfertigen schien. »Ich habe ihr bereits gestern nacht und heute dasselbe gesagt.«

»Da haben Sie ihr nichts als die Wahrheit gesagt«, lobte Ralph, »und wohl daran getan, obschon ich bekennen muß, daß – wenn ich eine Tochter hätte und meine Freiheit, meine Gesundheit und mein Leben davon abhingen, daß sie einen Mann nähme, den ich ihr bestimmte – ich mich nicht unnötigerweise damit aufhalten würde, allerhand Gründe an den Haaren herbeizuziehen, um sie meinen Wünschen gefügsam zu machen.«

Bray blickte ihn unsicher an, ob er auch im Ernst spreche, nickte dann heftig mit dem Kopf und sagte:

»Ich will jetzt auf ein paar Minuten hinaufgehen, um mich anzukleiden, und wenn ich wieder herunterkomme, bringe ich Madeline mit. Übrigens, so nebenbei: ich hatte heute nacht einen höchst seltsamen Traum, der mir gerade wieder einfällt. Es träumte mir von dem heutigen Tag, und ich und Sie sprachen miteinander, genau, wie wir es eben getan haben. Ich ging dann hinauf in derselben Absicht, wie ich es jetzt tue, und als ich meine Tochter am Arm nehmen und sie herunterführen wollte, sank der Boden plötzlich unter mir ein und ich stürzte in eine fürchterliche Tiefe, so fürchterlich und unermeßlich, wie man es eben nur im Traum erleben kann, bis ich schließlich im Grabe anlangte.«

»Und Sie erwachten und fanden wahrscheinlich, daß Sie auf dem Rücken lagen oder mit dem Kopf zum Bett hinaushingen oder Bauchweh hatten, was?« spöttelte Ralph. »Lächerlich, Mr. Bray! Machen Sie's wie ich: beschäftigen Sie sich bei Tage etwas mehr – Sie werden jetzt, wo sich Ihnen die Aussicht auf eine ununterbrochene Kette von Vergnügungen und Aufheiterungen bietet, Gelegenheit genug dazu haben –, dann bleibt Ihnen keine Muße, sich mit nächtlichen Träumen herumzuschlagen.«

Mit festem Blick folgte er Bray zur Türe, wandte sich dann zu dem Bräutigam um, ließ Bray hinausgehen und begann:

»Denken Sie an mich, Gride, Sie werden ihm seine Jahresrente nicht sehr lange auszuzahlen brauchen. Sie haben immer ein verteufeltes Glück bei Ihren Geschäften. Wenn er nicht, ehe ein paar Monate vorüber sind, die große Reise antritt, dann will ich einen Kürbis zwischen den Schultern haben und nicht einen Kopf.«

Diese freundliche Prophezeiung entlockte Arthur Gride ein behagliches Kichern. Ralph Nickleby warf sich in einen Stuhl, und so saßen sie beide eine Weile in erwartungsvollem Schweigen da. Ralph dachte eben mit einem Hohnlächeln um die Lippen an das veränderte Benehmen, das Bray heute an den Tag legte, und ergötzte sich innerlich daran, wie rasch der Stolz des Mannes in nichts zerronnen war, als sein scharfes Ohr das Rauschen eines Frauenkleides und den Tritt eines Mannes draußen vernahm.

»Heda! Wachen Sie auf!« rief er und stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf die Erde. »So zeigen Sie doch ein bißchen Temperament, Mensch! – Sie kommen! Hören Sie nicht? Schleppen Sie ihre dürren Knochen gefälligst hierher – rasch, Gride, rasch.«

Gride humpelte heran und stellte sich gebückt und lauernd neben Ralph, da öffnete sich die Tür, aber anstatt Bray und seiner Tochter traten Nikolas Nickleby und seine Schwester Kate hastig ein.

Wäre irgendeine schreckliche Erscheinung aus dem Reiche der Schemen vor ihn hingetreten, hätte Ralph nicht entsetzter sein können. Er war wie vom Blitz getroffen. Kraftlos fielen ihm die Hände herunter; mit offenem Mund und aschfahlem Gesicht prallte er zurück und blieb dann, die beiden in stummer Wut anstarrend, stehen. Die Augen drängten sich ihm aus den Höhlen, und seine Mienen verzerrten sich so krampfhaft in rasender Leidenschaft, daß man in ihm kaum mehr den selbstbeherrschten marmorkalten Menschen erkannte, der er noch vor einer Minute geschienen.

»Es ist derselbe, der gestern abend bei mir war«, flüsterte Gride und zupfte ihn am Ärmel, »es ist derselbe, der mich ins Bockshorn jagen wollte.«

»Ich sehe«, murmelte Ralph; »es geht mir ein Licht auf; ich hätte mir's gleich denken können. Wo ich gehe und stehe, welche Pfade auch immer ich einschlage, was ich auch tue oder plane, immer vertritt er mir den Weg.«

Die Blässe seiner Wangen und das Beben seiner Lippen verkündeten, welch heftigen innern Kampf Nikolas kämpfte, sosehr er sich auch bemühte, ruhig zu bleiben. Aber er beherrschte sich, drückte sanft den Arm seiner Schwester, um sie zu beruhigen, und trat dann furchtlos seinem schurkischen Onkel gegenüber. Wie er und seine Schwester in entschlossener Haltung nebeneinanderstanden, sprang die Ähnlichkeit zwischen ihnen, die mancher sonst nicht gleich bemerkt haben würde, scharf hervor. Der Ausdruck, die Miene, der Blick des Bruders, alles spiegelte sich, wenn auch gemildert und durch weibliche Anmut verschönt, in der Schwester ab. Dabei lag aber eine gewisse nicht zu schildernde Ähnlichkeit mit ihnen auch in Ralphs Gesicht, trotzdem die beiden nie schöner und er nie häßlicher ausgesehen, sie nie stolzer und er nie halb so gedemütigt dagestanden hatten wie jetzt. Nie war diese Ähnlichkeit schlagender hervorgetreten, trotz der Bosheit und des Grimmes, die Ralphs Züge verzerrten, und nie halb so in die Augen gesprungen wie jetzt.

»Fort!« war der erste Laut, den Ralph im buchstäblichen Sinne des Wortes hervorzustoßen vermochte. »Fort! Was hast du hier zu suchen? – Lügner – Schurke – Dieb – Elender!«

»Ich komme hierher«, sagte Nikolas mit ruhiger tiefer Stimme, »um wo möglich eine Unglückliche von dem Verderben zu retten, für das ihr sie bestimmt habt. Lügner und Schurke, das sind Sie Ihr ganzes Leben lang bei jeder Handlung gewesen. Diebstahl ist Ihr Beruf, und wenn Sie nicht ein dreifacher Schurke wären, so könnten Sie nicht hier stehen. Ihre Beschimpfungen treffen nicht mich. Hier stehe ich und werde nicht weichen, bevor ich nicht meinen Zweck erreicht habe.«

»Mädchen«, wendete sich Ralph verbissen an Kate, »ich rate dir: gehe. Gegen ihn können wir Gewalt brauchen, aber ich will nicht, daß du Schaden nimmst, wenn es so weit kommen sollte. Geh, du schwache, einfältige Dirne, damit wir diesen Burschen hier nach Verdienst züchtigen können.«

»Ich werde nicht gehen«, rief Kate mit leuchtenden Augen, und das Blut stieg ihr in die Wangen. »Wagt es nur, euch an ihm zu vergreifen, und ihr werdet schon sehen, ob er euch nicht heimleuchten wird. Mir gegenüber könnt ihr leicht Gewalt anwenden, und ich glaube auch, daß es euch danach gelüstet, denn ich bin ein schwaches Mädchen, und eine solche Handlung wäre euer so recht würdig. Aber wenn ich auch nur ein schwaches Weib bin, so fühle ich doch wie ein Weib, und ihr seid nicht die Menschen, die mich von einer Sache wie der gegenwärtigen abbringen könnten.«

»Und was hast du vor, wenn man fragen darf, mein hochnäsiges Dämchen?« fragte Ralph.

»Euerm unglücklichen Opfer noch im letzten Augenblick eine Zufluchtsstätte und eine Heimat anzubieten«, fiel Nikolas ein. »Wenn sie sich schon durch die nahe schreckliche Aussicht, dem Mann, den Sie ihr zum Gatten bestimmt haben, ausgeliefert zu werden, nicht bewegen läßt, so hoffe ich doch, daß es dem Bitten meiner Schwester gelingen wird. In jedem Fall werden wir den Versuch wagen, und ich will sehen, ob es ihr eigner Vater übers Herz bringen wird, die Verbindung trotzdem zu erzwingen. Ich werde ihn und seine Tochter hier erwarten. Zu diesem Zwecke bin ich gekommen und habe meine Schwester in Ihre verabscheuungswürdige Nähe gebracht. Wir sind übrigens nicht hier, um mit Ihnen zu reden, und werden Sie daher keines Wortes mehr würdigen.«

»Wirklich?« rief Ralph. »Du bestehst also darauf, Kate?«

Kate bebte vor Entrüstung, schwieg jedoch.

»Sehen Sie sich das mal an«, wendete sich Ralph an Gride; »dieser Mensch – es tut mir herzlich leid, es eingestehen zu müssen – ist der Sohn meines Bruders und ein mißratener Taugenichts, der sich mit dem niedrigsten Verbrechen befleckt hat. – Dieser Bursche da erfrecht sich, eine feierliche Handlung zu stören, und da er ganz gut weiß, daß er wegen seines Eindringens in das Haus eines Fremden mit Fußtritten auf die Straße befördert und als Vagabund zur Rechenschaft gezogen werden kann – wohlgemerkt, Gride – da er alles dies weiß, bringt er zu seinem Schutz seine Schwester mit, weil er annimmt, wir würden das dumme Ding der Schmach nicht aussetzen, die zu empfinden er selbst zu dickfellig ist. Er klammert sich an ihre Schürzenbänder wie ein furchtsamer Junge an das Kleid seiner Mutter. Er ist ein Maulheld, der große Worte im Munde führt, wie Sie soeben selbst von ihm gehört haben.«

»Und wie ich schon gestern abend mit anzuhören Gelegenheit hatte, als er bei mir eindrang und – hihihi – sich aber bald darauf wieder dünne machte, nachdem ich ihn ein bißchen in Schrecken gejagt«, setzte Arthur Gride hinzu. »Das wäre so der Richtige, Miss Madeline zu heiraten. O Gott im Himmel! Weiter paßte ihm nichts. Können wir vielleicht außerdem noch etwas für ihn tun, als die junge Dame aufgeben? Vielleicht seine Schulden bezahlen oder ein paar Pence für Seife und Rasieren geben, wenn er sich vielleicht den Bart abnehmen lassen will? – Hihi.«

»Und du willst wirklich hierbleiben?« fragte Ralph, sich wieder an Kate wendend. »Willst dich wie eine betrunkene liederliche Dirne die Treppe hinunterwerfen lassen, was? Es wird dir passieren, das kann ich dir versprechen, wenn du nicht bald gehst. Keine Antwort, wie? Nun, dann bedank dich bei deinem Bruder für die Folgen. Gride, rufen Sie mal Mr. Bray herunter! – Aber nicht seine Tochter. Miss Madeline kann inzwischen oben bleiben.«

»Wenn Ihnen Ihre Haut lieb ist –«, rief Nikolas und postierte sich an der Türe, »so bleiben Sie, wo Sie sind.«

»Tun Sie, was ich Ihnen sage, und rufen Sie Bray herunter«, wiederholte Ralph.

»Und wenn ich Ihnen raten kann, so bleiben Sie, wo Sie sind«, drohte Nikolas.

»Wollen Sie also Mr. Bray herunterholen oder nicht?« rief Ralph wütend.

»Überlegen Sie es sich gut! Es geschieht auf Ihre Gefahr, wenn Sie mir zu nahe kommen«, warnte Nikolas.

Gride zögerte, Ralph jedoch, wütend wie ein gereizter Tiger, stürzte zur Tür und faßte, als er an Kate vorübereilte, diese rauh am Arm. Nikolas' Augen blitzten auf, und in der nächsten Sekunde hatte er seinen Onkel am Kragen gefaßt. Wer weiß, wozu es gekommen wäre, wenn nicht in diesem Augenblick ein dumpfes Geräusch wie von dem Falle eines schweren Körpers, das aus dem oberen Zimmer zu kommen schien, das Haus erschüttert hätte. Gleich darauf hörte man laute Jammerrufe.

Alle standen still und blickten einander an. Weheruf folgte jetzt auf Weheruf; man hörte im Zimmer oben rasch auf und ab gehen, dann gellten ein paar Stimmen durchs Haus, und man konnte die Worte: »Er ist tot!« unterscheiden.

»Zurück da!« rief Nikolas, seiner Leidenschaft, die er bisher mühsam gezügelt, freien Lauf lassend. »Wenn eingetreten ist, was ich kaum zu hoffen wage, so ist euer Spiel aus, ihr Schurken.«

Damit stürmte er aus dem Zimmer, eilte die Treppe hinauf in das Gemach, aus dem sich der Lärm vernehmen ließ, bahnte sich seinen Weg durch eine Masse von Leuten und fand drinnen – Bray tot am Boden liegen. Madeline hatte sich über seine Leiche geworfen.

»Wie ist dies so plötzlich gekommen?« rief Nikolas entsetzt.

Mehrere Stimmen antworteten durcheinander, man habe Mr. Bray durch die halboffene Tür in einer sehr unnatürlichen Stellung in seinem Stuhl sitzen sehen und auf mehrmaliges Anreden habe er keine Antwort gegeben. Man nahm an, er schlafe, aber als sich jemand ihm genähert und ihn am Arme gerüttelt habe, sei er schwer zu Boden gestürzt und tot gewesen.

»Wer ist der Eigentümer dieses Hauses?« fragte Nikolas hastig.

Man deutete auf eine ältliche Frau, und Nikolas flüsterte ihr, während er niederkniete und Madelines Arme sanft von dem Toten losmachte, leise zu:

»Ich vertrete hier die Stelle der Nächstangehörigen dieser jungen Dame. Ich handle, wie mir das Dienstmädchen bezeugen kann, im Namen der nächsten Freunde der jungen Dame und fühle mich daher verpflichtet, sie von diesem Orte des Schreckens zu entfernen. Hier steht meine Schwester, und ich übergebe sie deren Obhut. Meinen Namen und meine Adresse finden Sie auf dieser Karte. Ebenso werden Sie alle nötigen Anweisungen zu den Vorkehrungen, die getroffen werden müssen, von mir erhalten. Aber jetzt um Gottes willen, Leute, macht Platz.«

Die Menge trat zurück, sprachlos vor Staunen über das, was vorgefallen, und ebenso über die Aufregung des jungen Mannes. Nikolas hob die besinnungslose Madeline auf und trug sie auf den Armen die Treppe hinunter in das Zimmer, das er kurz vorher verlassen hatte. Kate und das Dienstmädchen folgten, und während letztere eine Droschke holen ging, bemühte, sich Nikolas und seine Schwester ängstlich, wenn auch vergeblich, die Ohnmächtige wieder zum Bewußtsein zu bringen. Nach wenigen Minuten bereits stand der Wagen vor der Tür.

Ralph Nickleby und Gride, förmlich betäubt durch das schreckliche Ereignis, das ihre Pläne so plötzlich über den Haufen warf – sonst würde es wahrscheinlich einen sehr geringen Eindruck auf sie gemacht haben –, und durch die Eile und das Ungestüm, mit denen Nikolas alles beiseite drängte, aller Besinnung beraubt, kamen sich vor wie im Traum. Erst als jede Vorbereitung getroffen war, Madeline fortzuschaffen, unterbrach Ralph das Schweigen und erhob laut Einsprache.

»Wer spricht hier?« fuhr Nikolas auf und trat vor die beiden Wucherer hin, ohne dabei Madelines leblose Hand loszulassen.

»Ich«, antwortete Ralph barsch.

»Still, still«, suchte Gride erschreckt zu vermitteln und packte seinen Freund am Arm. »Hören Sie erst, was er sagt.«

»Jawohl«, erwiderte Nikolas und streckte seinen freien Arm aus, »hört, was ich sage. Ich sage: Euer beider Forderungen an ihn hat die Natur selbst getilgt, und die heute um zwölf Uhr fällige Schuldverschreibung ist ein wertloses Papier geworden. Ich sage, der Betrug, den ihr plant, soll entdeckt und eure niederträchtigen Pläne werden der Welt bekannt werden. Ich biete euch Schurken Trotz, und wenn ihr selbst das Schlimmste wagt.«

»Dieser Mann hier«, fuhr Ralph mit erstickter Stimme auf, »dieser Mann hier macht seine Ansprüche auf sein Weib geltend, und er soll sie haben.«

»Dieser Mann macht Ansprüche auf etwas, was nicht sein Eigentum ist, und er soll sie nicht haben, und wären euer auch fünfzig oder hundert«, entgegnete Nikolas.

»Wer wird ihn dran hindern?«

»Ich.«

»Ich möchte gerne wissen, mit welchem Recht«, knirschte Ralph zwischen den Zähnen hervor. »Mit welchem Recht, wenn ich fragen darf?«

»Das, was ich von euern Ränken weiß, gibt mir ein Recht, euch zu verbieten, mir weiter in den Weg zu treten«, rief Nikolas. »Und ich habe noch ein besseres Recht, nämlich das, daß diejenigen, denen ich diene und bei denen Sie mich niederträchtigerweise zu verleumden versuchten, ihre nächsten und besten Freunde sind. In ihrem Namen führe ich sie aus diesem Hause weg. – Platz da!«

»Halt, noch ein Wort!« rief Ralph, schäumend vor Wut.

»Nein«, sagte Nikolas ruhig. »Ich will keine Silbe mehr von Ihnen hören. Es sind Worte genug gefallen. Hüten Sie sich! Denken Sie an die Warnung, die ich Ihnen gegeben habe. Ihr Stern ist im Sinken, und die Nacht bricht herein.«

»Ich verfluche dich, Knabe!« knirschte Ralph.

»Seit wann gehen Flüche aus Ihrem Munde in Erfüllung?« spottete Nikolas. »Was hat Segen oder Fluch aus Ihrem Munde für eine Bedeutung! Ich warne Sie: schwere Wolken ziehen sich über Ihrem Haupt zusammen. Die Entdeckung Ihrer Schandtaten steht vor der Tür. Das ganze Gebäude Ihres schlecht angewendeten Lebens wankt, um binnen kurzem in Staub und Trümmer zu zerfallen. Sie sind mit Spionen umstellt. Noch heute gehen zehntausend Pfund Ihres zusammengescharrten Reichtums in Rauch auf.«

»Das ist eine Lüge«, schrie Ralph zurückfahrend.

»Nein, es ist wahr, und Sie werden es selbst erfahren. Aber ich gedenke jetzt kein Wort mehr an Sie zu verschwenden. Weg da von der Tür! Kate, geh voran. Und ich rate keinem, an eine der Damen oder an mich Hand anzulegen, ja nicht einmal ihre Kleider zu berühren, wenn sie an Ihnen vorüberkommen. – Was? Sie da wollen mir den Weg versperren?«

Arthur Gride war – ob absichtlich oder unwillkürlich – an die Tür getreten. Nikolas schleuderte ihn mit solcher Kraft zur Seite, daß er im Zimmer umhertaumelte und in der entferntesten Ecke zu Boden stürzte. Dann nahm Nikolas seine schöne Last auf die Arme und eilte hinaus. Niemand getraute sich, ihn zu halten. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge, die sich bei dem Gerücht von dem Todesfall vor dem Hause versammelt hatte, und trug Madeline in seiner Aufregung mühelos, als ob sie ein Kind gewesen wäre, zur Droschke, wo Kate und das Dienstmädchen bereits warteten. Dann schwang er sich zu dem Kutscher auf den Bock und hieß ihn losfahren.

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