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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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53. Kapitel

Wie Ralph Nicklebys und Arthur Grides Komplott weiter verlief.

Mit der verbissenen Entschlossenheit, die dringende Umstände oft auch wohl bei viel trägeren und minder erregbaren Temperamenten erzeugen, als jenes war, das Nikolas bereits in der Wiege beschert worden, sprang dieser bei Tagesgrauen von seinem Lager auf, auf dem er die ganze Nacht schlaflos zugebracht, und bereitete sich zu dem Versuch vor, an dessen dünnen Fäden sein letzter Hoffnungsstrahl hing. In begreiflicher Ungeduld stahl er sich leise aus dem Hause. Es war ihm, als verliere er seine wertvollste Zeit, wenn er länger im Bette bliebe, und als käme es seinen Plänen zugute, wenn er Bewegung in frischer Luft mache. Planlos wanderte er durch die Stadt, obwohl er wußte, daß noch Stunden vergehen müßten, ehe er mit Madeline sprechen könne.

Wie er so durch die Straßen schritt und zerstreut die immer zunehmende Rührigkeit und Geschäftigkeit der Stadt beobachtete, erschien ihm alles wie ein neuer Anlaß, an allem zu verzweifeln. In der letzten Nacht war es ihm geradezu entsetzlich vorgekommen, daß sich ein so gefühlvolles schönes Wesen einem solchen Schurken opfern müsse, und je mehr er darüber nachgedacht, desto mehr hatte sich sein Geist erhitzt, und um so zuversichtlicher hatte er gefühlt, seine Einmischung müsse sie unbedingt den Krallen des alten Wucherers entreißen. Als er jetzt aber beim nüchternen Morgen sah, wie regelmäßig alles in seinem gewohnten Gleis Tag für Tag dahinrollt, wie Jugend und Schönheit stirbt und das häßliche, jämmerliche Alter fortwankt, wie schmutzige List sich bereichert und Ehrlichkeit in Trübsal und Armut versinkt und wie wenige es gibt, die sich des Besitzes eines ordentlichen Hauses erfreuen, und wie viele im Schmutz leben, von frühmorgens bis spätabends sich quälen und abplagen müssen und leben und sterben, Vater und Sohn, Mutter und Kind, Geschlecht auf Geschlecht und Generation auf Generation, ohne auch nur ein Dach über dem Haupt zu besitzen und ohne daß sich irgend jemand die Mühe nähme, die Hand zur Hilfe zu bieten, als er alles dies erwog, fühlte er, daß wirklich nur sehr wenig Hoffnung vorhanden sei, erfolgreich eingreifen zu können, und daß er nicht erwarten dürfe, mitten in dieser ungeheuren Masse von Elend ringsum mehr als ein Atom zu sein, das in dem ganzen großen Haufen wie eine kleine unbedeutende Einheit vollständig verschwindet.

Aber Jugend bringt es nicht zuwege, sich dauernd mit dunkeln Bildern zu quälen, solange noch nicht alles verloren ist. Die Hoffnung, die ihn des Nachts beseelt, erwachte allmählich wieder in ihm und steigerte seine Spannkraft bis auf höchste. Da der Morgen inzwischen genügend vorgerückt war, so daß er zur Tat schreiten konnte, beschäftigte ihn bald kein anderer Gedanke mehr als die Überlegung, auf welche Art und Weise er seinen Plan am zweckmäßigsten angehen könne. Eilig nahm er ein Frühstück zu sich und lenkte dann seine Schritte ohne weitere Zeit zu verlieren nach Miss Brays Wohnung.

Er hatte schon vorher erwogen, was er zu tun habe, wenn man möglicherweise die junge Dame vor ihm verleugnen sollte, obgleich dies bisher nie der Fall gewesen, und er überlegte noch, wie er dann weiter handeln müsse, um sich Zutritt zu ihr zu verschaffen, als er, bei der Haustür anlangend, diese halb offen fand, da sie offenbar der letzte, der das Gebäude verlassen, zuzuschließen vergessen hatte. Die Umstände waren nicht darnach, daß er an besondere Förmlichkeiten hätte denken können. Er benützte daher den günstigen Umstand, schlich die Treppen hinauf und klopfte leise an die Türe des Zimmers, in dem er gewöhnlich empfangen worden war. Ein Herein ertönte, und er trat ein.

Mr. Bray und seine Tochter waren allein zugegen. Es mochte ungefähr drei Wochen her sein, daß Nikolas das liebenswürdige Mädchen zum letztenmal gesehen hatte, aber die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, führte ihm sofort mit erschreckender Klarheit vor Augen, welche Seelenqualen es in der kurzen Zeit durchgemacht haben mußte. Die Blässe und das klare durchsichtige totenhafte Weiß des schönen Gesichts, das sie ihm bei seinem Eintritt zuwandte, erschreckte ihn tief. Ihre dunkelbraunen reichen Locken, die ihr Gesicht beschatteten und ihren weißen Hals umwallten, erschienen infolge des starken Gegensatzes zu ihrer Blässe fast rabenschwarz. In ihren dunkeln Augen lag etwas Verwirrtes und Unstetes, aber immer noch derselbe geduldige Blick, derselbe Ausdruck stiller Wehmut, an den er sich so gut erinnerte, doch keine Spur einer Träne schimmerte darin. Sie war vielleicht schöner als je, aber in ihrem Gesichte lag etwas, was ihn völlig übermannte und tiefer ergriff, als die wildesten Schmerzensausbrüche vermocht hätten. Es war nicht ruhig und gefaßt, nein, starr wie ein Bildwerk.

Der Vater saß Madeline gegenüber, ohne ihr jedoch dabei ins Gesicht zu sehen, denn er kehrte ihr sein Profil zu und sprach mit ihr in einem anscheinend heitern Tone, der jedoch seine innere Beklemmung nur schlecht verhüllte. Die Zeichenmaterialien lagen nicht mehr an ihrer gewohnten Stelle, und auch sonst war keine Spur der früheren gewohnten Geschäftigkeit zu bemerken. Die kleinen Vasen, die immer mit frischen Blumen gefüllt gewesen, waren leer und enthielten nur ein paar welke Stengel und Blätter. Der Vogel war stumm und das Tuch, das den Käfig nachtsüber bedeckte, noch nicht abgenommen, da seine Herrin offenbar darauf vergessen hatte.

Es gibt Zeiten, wo der Geist so empfindlich ist, daß er mit einem einzigen Blick alles umfaßt, was sich vor ihm entrollt. So ging es auch Nikolas. Er hatte sich jedoch kaum im Zimmer umgesehen, als er von Mr. Bray erkannt und mit den ungeduldigen Worten angefahren wurde:

»Nun, Sir, was wünschen Sie hier? Nennen Sie uns gefälligst ohne Umschweife den Zweck ihres Besuchs, Sir! Meine Tochter und ich sind augenblicklich mit andern und wichtigern Angelegenheiten beschäftigt, als die sind, um derentwillen Sie gewöhnlich herkamen. Also zur Sache, Sir, wenn ich bitten darf!«

Nikolas konnte leicht bemerken, daß die Gereiztheit und Ungeduld, die aus seinen Worten sprach, nur eine erkünstelte war und daß Mr. Bray jede Unterbrechung, die dazu angetan schien, die Aufmerksamkeit seiner Tochter in Anspruch zu nehmen, sehr gelegen kam. Nikolas faßte den Kranken fest ins Auge und sah, wie dieser unruhig wurde, errötete und sein Gesicht abwandte.

Dieser Kunstgriff – es war ein solcher, denn Nikolas beabsichtigte damit, Madeline zu veranlassen, das Wort zu ergreifen – verfehlte seine Wirkung nicht. Sie erhob sich und ging auf ihn zu, blieb aber auf halbem Wege stehen und streckte die Hand aus, als erwartete sie, daß er ihr einen Brief übergeben werde.

»Was tust du, liebe Madeline?« fragte der Alte ungeduldig.

»Miss Bray erwartet wahrscheinlich etwas ganz Bestimmtes«, fiel Nikolas mit einer Deutlichkeit und einem Nachdruck rasch ein, die kaum mißverstanden werden konnten. »Mein Prinzipal weilt nun aber derzeit nicht in England, sonst würde ich wahrscheinlich einen Brief mitgebracht haben. Ich hoffe indessen, sie wird mir Zeit lassen – ein wenig Zeit –, ich möchte nur um ein ganz klein wenig Zeit bitten.«

»Wenn das alles ist, weshalb Sie hergekommen sind«, entgegnete Mr. Bray, »so hat die Sache weiter nichts auf sich. Liebe Madeline, ich habe gar nicht gewußt, daß du von diesem Menschen noch etwas zu fordern hast.«

»Ich – ich glaube – es ist nur eine Kleinigkeit«, antwortete Madeline mit schwacher Stimme.

»Sie glauben vermutlich«, wendete sich Bray wieder an Nikolas, »daß wir verhungern müßten, wenn Sie die paar Schillinge nicht herbrächten, die meine Tochter von Ihnen zu fordern hat?«

»Ein solcher Gedanke ist mir nicht im entferntesten in den Sinn gekommen«, versicherte Nikolas.

»So? – Ein solcher Gedanke ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen?« höhnte der Kranke. »Aber Sie werden wohl nicht leugnen, daß Sie derlei gedacht haben, sooft Sie herkamen? Meinen Sie vielleicht, junger Mensch, ich kenne dieses verächtliche, dummstolze Krämervolk nicht, wie es denkt und handelt, wenn es durch glückliche Umstände eine kurze Weile lang über Leute von Stand und Erziehung Oberwasser bekommen hat oder es wenigstens bekommen zu haben wähnt?«

»Meine Geschäfte beziehen sich lediglich auf die Dame«, unterbrach ihn Nikolas respektvoll.

»Auf die Tochter eines Mannes von Stand, Sir!« fiel der Kranke ein. »Aber natürlich, so ein hochnäsiges, dummes Volk macht keine Unterschiede. Bringen Sie vielleicht neue Aufträge, Sir? – Haben Sie neue – ›Aufträge‹ für meine Tochter – wie?« Nikolas entging der Hohn und der versteckte Triumph, der in diesen Worten lag, keineswegs, aber er erinnerte sich an die Notwendigkeit, seine angenommene Rolle fortzuführen, und zog daher stumm ein Blatt Papier aus der Tasche, das angeblich ein Verzeichnis einiger Gegenstände enthielt, deren Ausführung sein Prinzipal wünschte, denn er hatte sich für den Notfall mit etwas Derartigem versehen.

»Haha«, lachte Mr. Bray, »das sind wieder – ›Aufträge‹. – Nicht wahr?«

»Wenn Sie auf diesem Ausdruck bestehen, Sir – ja«, versetzte Nikolas.

»Dann sagen Sie gefälligst Ihrem Prinzipal«, entgegnete Mr. Bray und gab das Papier mit frohlockendem Hohnlächeln wieder zurück, »daß sich meine Tochter, Miss Madeline Bray, nicht länger herabläßt, Arbeiten wie diese anzufertigen, und daß sie ihm nicht mehr auf Wink oder Befehl zu Gebot steht, wie er sich wohl einbilden mag, und daß wir auch nicht von seinem Gelde leben, wie er wohl wähnt, und daß er das, was er uns schuldet, dem nächsten besten Bettler, der an seiner Bude vorübergeht, geben oder, wenn es ihm besser paßt, seinem eigenen Gewinnkonto hinzufügen kann. Und im übrigen soll er sich zum Teufel scheren. So, das ist die Antwort auf seine ›Aufträge‹.«

»Das also nennt der Mann, der seine Tochter verkauft, Unabhängigkeit«, dachte Nikolas mit steigender Empörung.

Mr. Bray saß indessen in seinem Triumphgefühl so auf dem hohen Roß, daß er den verächtlichen Blick nicht gewahrte, den Nikolas nicht zu unterdrücken vermochte, und hätte es ihm das Leben gekostet.

»Sie wissen jetzt Bescheid und können gehen«, fuhr er nach einer kurzen Weile fort, »– wenn Sie nicht – haha – wenn Sie nicht weitere ›Aufträge‹ haben.«

»Nein«, erwiderte Nikolas ernst. »Ich habe mich dieses Wortes, so harmlos es auch an und für sich sein mag, absichtlich nicht bedient, teils aus Rücksicht auf Ihre frühere Stellung und dann auch, damit es nicht als Überhebung von meiner Seite gedeutet werden könnte. Ich habe keine Aufträge, aber ich hege Befürchtungen, Befürchtungen, die ich laut werden lassen muß, mögen Sie sich darüber ereifern, wie Sie wollen, Befürchtungen, daß Sie diese junge Dame hier zu einem schlimmern Lose bestimmen, als wenn sie für Sie hätte arbeiten, ja sogar sich zu Tode hätte arbeiten müssen! Dies sind die Befürchtungen, die sich mir aufdrängen müssen, wenn ich Ihr Benehmen richtig deute. Ihr eigenes Gewissen wird Ihnen sagen, ob ich recht habe oder nicht.«

»Um Gottes willen«, rief Madeline dazwischen, »bedenken Sie, er ist krank!«

»Krank!« keuchte Mr. Bray. »Krank! Krank! – Ein Kommis verhöhnt mich, und sie bittet ihn, Rücksicht auf mich zu nehmen.«

Er bekam einen so heftigen Anfall, daß Nikolas eine Minute für sein Leben besorgt war; als Bray sich jedoch bald wieder erholte, verließ er das Zimmer und gab der jungen Dame einen Wink, er habe ihr etwas Wichtiges mitzuteilen, und erwarte sie im Hausflur. Unten konnte er hören, wie der Kranke allmählich wieder zu sich kam und, ohne das eben berührte Thema weiter zu berühren, seine Tochter bat, ihn allein zu lassen.

»O Gott«, dachte Nikolas, »möge doch dieser kleine Zufall der Ausgangspunkt zu einem glücklichen Endergebnis sein. Wenn es mir nur glücken möchte, sie zu einem Aufschub von acht Tagen zu überreden.«

»Sie haben einen Auftrag an mich, Sir?« fragte Madeline, nachdem sie in großer Eile die Treppe hinuntergeeilt war. »Bitte, nur jetzt nicht drängen, bitte, bitte. Kommen Sie lieber übermorgen wieder.«

»Dann würde es zu spät sein – zu spät für das, was ich Ihnen zu sagen habe«, versetzte Nikolas, »und außerdem würde ich Sie hier nicht mehr treffen. Ach, gnädiges Fräulein, wenn Ihnen der Mann, der mich zu Ihnen sendet, nur ein wenig teuer ist und Sie nicht gleichgültig sind gegen den Frieden Ihres eigenen Herzens, so bitte ich Sie um Himmels willen, mich anzuhören.«

Madeline wollte wieder zurückeilen, aber Nikolas faßte sanft ihre Hand.

»Ich bitte Sie nur um einen Augenblick Gehör«, flehte er. »Ich bitte Sie, mich anzuhören; ich spreche im Namen dessen, der in der Ferne nichts ahnt von der Gefahr, in der Sie schweben. Im Namen des allmächtigen Gottes – bitte, hören Sie mich an!«

Das arme Dienstmädchen Madelines stand mit geschwollenen, vom Weinen geröteten Augen neben ihr, und Nikolas wandte sich mit so beredten Worten auch an sie, daß sie eine Seitentüre öffnete, ihre Herrin in ein anstoßendes Zimmer drängte und Nikolas winkte, näher zu treten.

»Ich bitte, verlassen Sie mich, Sir«, bat die junge Dame.

»Ich kann und darf Sie nicht so verlassen«, versetzte Nikolas; »ich habe eine Pflicht übernommen und muß Sie – hier oder in dem Zimmer, aus dem wir eben kamen – selbst auf die Gefahr hin, den Zustand Mr. Brays zu verschlimmern, dringend bitten, den entsetzlichen Schritt noch einmal zu überlegen, zu dem Sie gezwungen worden sind.«

»Welchen Schritt meinen Sie, und durch wen soll ich gezwungen worden sein, Sir?« fragte die junge Dame und versuchte all ihren Stolz zusammenzunehmen.

»Ich spreche von dieser Heirat – von dieser Heirat, die durch einen Menschen auf morgen festgesetzt wurde, der niemals zögerte, wenn es galt, Böses zu tun, und niemals zu einem guten Werk seine Hand lieh, von dieser Heirat, deren Vorgeschichte mir weit besser als selbst Ihnen bekannt ist. Ich durchschaue die Fallstricke, die man Ihnen gelegt hat. Ich kenne die Menschen, von denen dieser scheußliche Plan geschmiedet wurde. Sie sind verraten und für Geld verkauft worden – für Geld, an dem Tränen kleben, wenn nicht Blut von den Zugrundegerichteten, die in Verzweiflung über ihren Ruin Hand an sich selbst gelegt haben.«

»Sie sagten, Sie hätten sich einer Pflicht zu entledigen«, unterbrach ihn Madeline fest, »dasselbe ist auch bei mir der Fall, und mit Gottes Beistand soll sie auch erfüllt werden.«

»Sagen Sie lieber mit des Teufels Beistand«, rief Nikolas, »und mit dem Beistand von Menschen, die nicht besser sind und denen auch Ihr zukünftiger Gatte angehört und die –«

»Ich darf Sie nicht weiter anhören«, fiel ihm die junge Dame ins Wort und suchte einen Schauder zu unterdrücken, der, wie es Nikolas schien, schon durch diese leichte Anspielung auf Arthur Gride veranlaßt wurde. »Das Unheil, wie Sie es nennen, ist mein eigenes Werk und mein eigener Wille; niemand zwingt mich zu diesem Schritt, und ich folge meinem eigenen freien Entschluß; von Drohungen kann nicht im entferntesten die Rede sein. Überbringen Sie dies«, setzte sie hinzu, »meinem Freund und Wohltäter und nehmen Sie für ihn und für sich selbst meinen innigsten Dank und meine besten Wünsche. – Ich darf Sie nicht wiedersehen.«

»Ich verlasse Sie nicht eher, bevor ich Sie nicht mit allem Ernste und mit der ganzen Glut meines Herzens angefleht habe, Ihre Hochzeit nur um eine einzige Woche zu verschieben«, bat Nikolas. »Ich kann nicht eher gehen, bevor ich Sie nicht beschworen habe, sich den Schritt, der Ihnen bevorsteht, ernstlich zu überlegen, ernstlicher, als Sie bisher getan haben. Sie kennen freilich die Niedertracht des Menschen, mit dem Sie sich zu verbinden im Begriffe stehen, nicht in ihrem ganzen Umfange, aber gewiß können Ihnen einige seiner Taten nicht unbekannt geblieben sein. Sie haben ihn sprechen hören, haben sein Gesicht gesehen – bedenken Sie, ehe es zu spät ist, ob Sie nicht Spott treiben mit der heiligsten Handlung, wenn Sie ihm am Altare Gefühle zuschwören, die Sie nicht haben können, und wenn Sie ein Gelöbnis ablegen, gegen das sich Natur und Vernunft empört. Bedenken Sie, wie Sie in Ihrer eigenen Achtung sinken müssen, wenn sich Ihnen sein verworfener Charakter in seiner ganzen Scheußlichkeit enthüllt haben wird. Unterziehen Sie sich lieber jeder Mühe und Arbeit, und es wird Sie tausendmal glücklicher machen, als wenn Sie an seiner Seite ein jämmerliches Dasein führten. Glauben Sie mir – ich spreche die Wahrheit –, die drückendste Armut, die elendeste Lage mit einem reinen schuldlosen Herzen in der Brust ist ein Paradies im Vergleich zu dem Schicksal, das Ihnen als Gattin eines solchen Schurken droht.«

Lange, ehe er aufgehört, hatte Madeline ihr Gesicht mit den Händen bedeckt, und Tränen entströmten ihren Augen. Als sie antwortete, war ihre Stimme anfangs vor innerer Bewegung erstickt, und erst im Verlauf ihrer Rede konnte sie sich fassen.

»Ich will Ihnen gegenüber keine Maske vornehmen, Sir«, schluchzte sie, »obgleich ich vielleicht unrecht tue, aber ich gestehe, daß ich furchtbare Qualen durchgemacht habe und mir fast das Herz gebrochen ist, seit ich Sie zum letztenmal sah. Ich liebe diesen Mann nicht; schon die Verschiedenheit des Alters, unserer Gesinnung und unserer Ansichten läßt es nicht zu. Er weiß es, aber dennoch bietet er mir seine Hand an. Nur durch den Schritt der Annahme kann ich meinen Vater befreien, der sonst hier an diesem elenden Orte sterben müßte. Vielleicht kann ich auf diese Weise sein Leben auf viele Jahre verlängern, ihn in eine behagliche, ich möchte fast sagen wohlhabende Stellung versetzen und einen edelmütigen Mann gleichzeitig der Last entheben, jemand zu unterstützen, der, wie ich gestehen muß, seines Edelmutes so wenig würdig ist. Urteilen Sie nicht gering von mir, weil ich eine Liebe heuchle, die ich nicht empfinde, und schildern Sie, was Sie gesehen, Ihrem Prinzipal nicht in einem so gehässigen Licht, wie Sie vielleicht dürften, denn das wäre mehr, als ich ertragen könnte. Wenn mir auch Vernunft und natürliches Gefühl verbieten, den Mann zu lieben, der einen solchen Preis für mich, die ich doch so unbedeutend bin, bezahlt, so kann ich doch die Pflichten einer Gattin erfüllen und ihm alles sein, was er in mir sucht. Und das soll auch geschehen. Er begnügt sich, mich zu nehmen, wie ich bin. Er hat mein Jawort, und ich sollte mich darüber freuen und nicht weinen, daß es so ist. Die Teilnahme, die Sie einem so freundlosen und verlassenen Geschöpf, wie ich bin, erweisen, das Zartgefühl, mit dem Sie sich Ihres Auftrages entledigen, und das Vertrauen, das Sie in mich setzen, machen mich Ihnen zu innigstem Danke verpflichtet und rühren mich, wie Sie selbst sehen, zu Tränen. Aber ich habe keinen Grund zu bereuen, da ich nicht unglücklich, sondern vielmehr glücklich bin in der Aussicht, alles so leicht erkaufen zu können. Und ich weiß, es wird noch mehr der Fall sein, wenn ich zurückblicke und erst alles vorüber sein wird.«

»Ihre Tränen fließen, während Sie von Glück sprechen«, entgegnete Nikolas bitter, »und Sie scheuen sich, gestehen Sie es sich nur ein, den Blick in die finstere Zukunft, die für Sie mit so viel Elend beladen sein wird, zu richten. Verschieben Sie die Trauung nur um eine Woche – nur um eine einzige Woche!«

»Gerade vor Ihrer Ankunft hat mein Vater mit einem Lächeln, wie ich mich dessen nur noch aus alten Zeiten her erinnern kann und das ich viele, viele Jahre lang nicht mehr gesehen habe, von der Freiheit gesprochen, die ihn morgen beglücken soll, und von dem frohen Wechsel und den neuen Szenen und der Umgebung, die seinem erschöpften Körper neues Leben geben werden«, sagte Madeline fest. »Sein Gesicht hat geglänzt und sein Auge geleuchtet bei dem Gedanken – nein, ich werde die Trauung nicht um eine Stunde verschieben.«

»Das sind doch alles nur Schliche und Ränke, um Sie dazu zu drängen«, rief Nikolas.

»Ich will nichts mehr weiter hören«, erwiderte Madeline hastig; »ich habe schon zuviel gehört – mehr als ich sollte. Was ich zu Ihnen gesagt habe, Sir, hat ebensogut jenem teuern Freund gegolten, dem Sie alles, wie ich versichert bin, treulich wiederholen werden. Ich will ihm schreiben – nach einiger Zeit, wenn ich gefaßter bin und mich in meinem neuen Lose zurechtgefunden habe – wenn ich noch am Leben sein sollte. Inzwischen möge Gott ihn segnen, behüten und bewahren.«

Sie wollte an Nikolas vorbeieilen, aber er vertrat ihr den Weg und beschwor sie, sich nur noch ein einziges Mal das Schicksal, dem sie entgegenginge, zu überlegen.

»Dann wird kein Rücktritt mehr möglich sein«, flehte er, »bittere Reue wird Sie zu Tode quälen. – Kann Sie denn nichts bewegen, in diesem letzten Augenblick nur noch kurze Zeit zu warten? Kann ich denn nichts tun, um Sie zu retten?«

»Nichts«, versetzte Madeline tonlos. »Es ist die schwerste Prüfung, die ich zu bestehen hatte. Schonen Sie mich, Sir; ich bitte, schonen Sie mich und zerreißen Sie nicht mein Herz mit solchen Andeutungen. Ich – ich höre ihn rufen, ich – ich – darf und will keinen Augenblick länger hier bleiben.«

»Wenn sich's aber um ein Komplott handelt!« jammerte Nikolas. »Um ein Komplott, das ich zwar noch nicht ganz klar durchschaue, das ich aber mit der Zeit enthüllen werde! – Was wäre, wenn Sie, ohne es zu wissen, Anspruch auf ein eigenes Vermögen hätten, das Ihnen, wenn Sie in dessen Besitz kommen würden, alles das böte, was Sie durch die Heirat erzielen könnten? Würden Sie auch dann nicht zurücktreten?«

»Nein, nein, nein. Es ist unmöglich. Sie erzählen mir ein Märchen, und jeder Verzug beschleunigt den Tod meines Vaters. Er ruft schon wieder.«

»Es ist vielleicht das letztemal, daß ich Ihnen auf Erden begegne«, sagte Nikolas dumpf, »aber es ist wohl besser für mich, daß wir uns nie wiedersehen.«

»Für uns beide«, versetzte Madeline, ohne zu bedenken, was sie sagte. »Vielleicht wird eine Zeit kommen, wo mich die Erinnerung an diese Stunde wahnsinnig macht. Aber sei es drum. Sagen Sie Ihrem Prinzipal, Sie hätten mich ruhig und glücklich verlassen, und heißer Dank und Gottes Segen möge Sie begleiten.«

Sie entfernte sich rasch, und Nikolas wankte wie ein Träumender aus dem Hause.

Der Tag verging ihm im Geschäft, und abends eilte er wie ein Verzweifelter, nachdem er seine Gedanken wieder einigermaßen gesammelt, ins Freie.

 

Es war der letzte Abend in Arthur Grides Junggesellenleben und fand diesen auf dem Höhepunkt seines Glücks und seines Liebestaumels. Der flaschengrüne Anzug war für den kommenden Morgen zurechtgelegt und ausgebürstet worden. Grete Sliderskew hatte ihre Haushaltsrechnung für den vergangenen Tag abgelegt und für die Verwendung der achtzehn Pence – eine größere Summe wurde ihr nie auf einmal anvertraut – die nötigen Belege gebracht. Da somit alle Vorbereitungen für das kommende morgige Fest getroffen waren, hätte sich Arthur Gride in seinen Lehnstuhl setzen und allerhand Betrachtungen über sein künftiges Glück anstellen können, aber er zog es vor, sich über ein altes in Schweinsleder gebundenes Buch mit rostigen Klappen zu beugen und die darin enthaltenen Kolonnen durchzurechnen.

»Hihihi«, kicherte er, auf den Knien vor einer starken, auf dem Boden angeschraubten Kiste und die Arme bis an die Schultern hinein vergraben, und zog langsam einen zweiten schmierigen Band hervor: »Dies ist mein ganzes Leben lang meine einzige Bibliothek gewesen, aber es ist eines der unterhaltendsten Bücher, die je geschrieben worden sind. Wahrhaftig, es ist ein köstliches Buch, und das beste daran ist, es ist zuverlässig und wirklich wie die Bank von England und greifbar wie ihr Gold und Silber. Geschrieben von Arthur Gride, hihihi! Ich wette, keiner von all diesen Geschichtenschreibern bringt je ein so hübsches Buch wie dieses zustande. Ich habe es zu meinem Privatgebrauch verfaßt, und ein anderer braucht's nicht zu lesen. Hihi!«

Mit diesen Worten schleppte Arthur Gride sein geliebtes Geisteswerk zu einem staubigen Schreibpult, setzte sich die Brille auf und fing an, in den Blättern nachzurechnen.

»Ein Heidengeld, das ich dem Nickleby zahlen soll«, jammerte er schmerzlich. »Neunhundertfünfundsiebzig Pfund vier Schillinge drei Pence, und dann laut Vertrag noch weitere fünfhundert Pfund – macht zusammen tausendvierhundertfünfundsiebzig Pfund vier Schillinge und drei Pence, die er morgen Punkt zwölf Uhr haben will! – Auf der andern Seite freilich haben wir das hübsche Vögelchen. Es ist nur die Frage, ob ich nicht selbst alles so gut zustande gebracht hätte. Ein verzagtes Herz lieben die Weiber nicht. Warum ist denn mein Herz nur so verzagt? Warum bin ich nicht kühn selber vor Bray hingetreten? Ich hätte mir dadurch tausendvierhundertfünfundsiebzig Pfund und vier Schillinge und drei Pence erspart.« Diese schmerzlichen Betrachtungen drückten den alten Geizhals so nieder, daß er laut aufstöhnen mußte und schließlich mit zum Himmel emporgehobenen Händen jammerte, er werde noch im Armenhaus sterben. Als er jedoch weiter überlegte, daß Ralphs Forderung an Bray unter allen Umständen bezahlt oder sonstwie ein Vergleich hätte getroffen werden müssen, und da er außerdem innerlich doch nicht so ganz überzeugt war, ob ihm sein Plan, wenn er ihn auf eigene Faust unternommen hätte, geglückt wäre, so erlangte er bald seinen Gleichmut wieder und versuchte sich an einem erfreulicheren Posten in seinem Hauptbuch fröhlich zu stimmen, als er durch Grete Sliderskews Eintreten unterbrochen wurde.

»Ah Grete«, sagte er, »was gibt's? Was bringen Sie, Grete?«

»Das Huhn«, knurrte Grete und deutete auf einen Teller in ihrer Hand, auf dem sich ein winziger, offenbar verhungerter Vogel befand.

»Ein prächtiger Braten«, meckerte Arthur Gride, nachdem er nach dem Preis gefragt und diesen der Delikatesse angemessen gefunden hatte. »Ein Schnittchen Schinken dazu, ein gequirltes Ei, Kartoffeln, Gemüse, einen Apfelpudding und ein kleines Stückchen Käse – und wir werden ein Dinner haben wie der Kaiser, Grete. Die Tischgesellschaft besteht nur aus ihr und mir – und wenn wir fertig sind, kommen Sie an die Reihe, Grete.«

»Beklagen Sie sich nur nicht später über die Kosten«, knurrte Mrs. Sliderskew verdrießlich.

»Ich fürchte, wir müssen nächste Woche noch sehr teuer leben«, greinte Arthur Gride. »Nun, da müssen wir nachher eben um so mehr sparen. Ich esse nur, was ich unbedingt brauche, und weiß, Sie lieben Ihren alten Herrn zu sehr, um mehr zu essen, als durchaus nötig ist – nicht wahr, Grete?«

»Was?« fragte Grete Sliderskew.

»Sie lieben Ihren alten Herrn zu sehr –«

»Ach was, dummes Zeug«, brummte Grete.

»Wenn das Frauenzimmer nur der Teufel holen wollte«, kreischte Arthur Gride. »Ich meine, Sie sollen nicht mehr essen, als unbedingt nötig ist! Es geht auf meine Kosten!«

»Was soll ich essen?« fragte Grete.

»O Gott, o Gott, immer das Wichtigste überhört sie, aber das Nebensächliche versteht sie«, quiekte Gride. »Nicht auf meine Kosten sollen Sie essen, Sie Hexe!«

Letztere Anspielung auf Mrs. Sliderskews Reize verlor sich in einem Flüstern, und so beantwortete die alte Dame den Vorschlag ihres Herrn nur mit einem heisern Knurren. Da läutete es plötzlich an der Haustüre.

»Man hat geklingelt«, rief Gride.

»Ja, ja, ich weiß«, versetzte Grete.

»Warum gehen Sie denn nicht?« schrie Gride ihr ins Ohr.

»Warum sollte ich denn gehen?« fragte Grete. »Schadet es was, wenn ich hierbleibe?«

Arthur Gride wiederholte das Wort »Klingeln« so laut, wie er nur irgend konnte, und suchte Mrs. Sliderkews schwerer Auffassungsgabe durch eine entsprechende Handbewegung nachzuhelfen, worauf sie hinaushinkte, nachdem sie vorher noch unwillig gefragt, warum er denn das nicht gleich gesagt habe, statt von allerhand Dingen zu sprechen, die gar nichts damit zu schaffen hätten. Ob er sie vielleicht von ihrem Tröpfchen Bier abhalten wolle.

»Na, du hast dich gut ausgewachsen, meine Liebe«, brummte Gride, ihr mit den Augen folgend. »Ich weiß zwar noch nicht recht, was diese Stimmung wieder mal bedeuten soll, aber wenn sie anhält, sehe ich voraus, daß wir am längsten gute Freunde gewesen sind. Mir scheint, du wirst noch blödsinnig. Wenn das der Fall sein sollte, dann wird wenig Federlesens gemacht.«

Murmelnd blätterte er wieder in seinem Buche und stieß bald auf einen Posten, der seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahm, daß er Grete Sliderskew darüber bald ganz und gar vergaß.

Im Zimmer brannte kein anderes Licht als eine trübe schmutzige Lampe, deren flackerndes Flämmchen durch einen dunkeln Schirm noch mehr abgedämpft wurde. Ihre matten Strahlen bestrichen nur eine sehr kleine Stelle, während alles übrige im Raum in tiefe Schatten gehüllt schien. Der Wucherer hatte die Lampe so nahe an sich herangezogen, daß bloß so viel Raum zwischen ihr und ihm war, als das Buch, über das er sich beugte, bedeckte, und da er überdies die Ellbogen auf das Pult gestemmt hatte und seine scharf hervorspringenden Backenknochen auf den knochigen Händen ruhen ließ, so diente die Beleuchtung nur dazu, seine abschreckend häßlichen Züge noch schärfer hervortreten zu lassen, während tiefe Dunkelheit das ganze Zimmer wie ein Leichentuch umhüllte.

Er rechnete eben etwas im Kopfe nach, erhob dabei die Augen und starrte ausdruckslos ins Dunkel, als er plötzlich dem fest auf ihn gerichteten Blicke eines Mannes begegnete.

»Diebe, Diebe!« kreischte er auf und drückte das Buch an seine Brust. »Räuber, Mörder!«

»Was haben Sie denn?« fragte die Erscheinung, näher tretend.

»Bleiben Sie mir drei Schritt vom Leibe!« krächzte der Geizhals, am ganzen Leibe zitternd. »Ist es ein Mensch? Oder ein- ein-«

»Halten Sie mich vielleicht für etwas anderes als für einen Menschen?« fragte der Fremde verächtlich.

»Ja, ja«, rief Gride, die Augen mit der Hand beschattend, »es ist ein Mensch und kein Geist. Es ist ein Mensch. Räuber! Räuber!«

»Wozu schreien Sie denn?« fragte der Besuch und trat dicht an den Wucherer heran. »Ich bin kein Dieb.«

»Was sind Sie dann? – Und zu welchem Zweck kommen Sie zu mir?« rief Gride, ein wenig beruhigter, aber immer noch scheu zurückweichend. »Wie heißen Sie, und was wollen Sie?«

»Mein Name tut nichts zur Sache«, war die Antwort. »Ihre Haushälterin hat mich hierherein gewiesen, und ich redete Sie ein paarmal an, aber Sie hörten mich nicht, da Sie mit Ihrem Buch zu sehr beschäftigt waren. Ich habe daher schweigend gewartet, bis Sie wieder ein bißchen zu sich kämen. Was ich will, werde ich Ihnen in kurzen Worten sagen, wenn Sie sich so weit fassen können, mich anzuhören und zu verstehen.«

Arthur Gride wagte es jetzt, seinen seltsamen Besucher aufmerksamer anzublicken, und als er bemerkte, daß es ein junger Mann von anständigem Aussehen war, kehrte er wieder zu seinem Sessel zurück, murmelte etwas von Spitzbuben, die sich einschlichen, und von früheren Versuchen, in sein Haus einzubrechen, daher seine Ängstlichkeit, und ersuchte dann den Fremden, sich zu setzen, was dieser jedoch ablehnte.

»Ich ziehe vor zu stehen«, sagte Nikolas – denn dieser war es; »beunruhigen Sie sich deswegen nicht«, setzte er hinzu, als er Gride abermals unruhig werden sah. »Hören Sie zu! – Sie stehen im Begriff, sich morgen zu verheiraten –«

»N–n–ein«, stotterte Gride; »wer hat Ihnen das gesagt? Wieso wissen Sie davon?«

»Das braucht Sie nicht zu kümmern. Genug, ich weiß es. – Die junge Dame, die Ihnen ihr Jawort geben soll, haßt und verabscheut Sie, das Blut stockt ihr, wenn Sie Ihren Namen nur nennen hört. Der Geier und das Lamm, die Ratte und die Taube können nicht schlechter zusammenpassen als Sie und das arme Mädchen. Sie sehen, daß ich sie kenne.« – Gride starrte ihn wie vom Donner gerührt an, ohne ein Wort hervorzubringen.

»Sie und ein gewissenloser Ralph Nickleby haben diesen scheußlichen Plan ausgeheckt«, fuhr Nikolas fort, »und Sie bezahlen ihn dafür, daß er an diesem schändlichen Seelenverkauf teilnimmt. So ist es, ich sehe es Ihnen am Gesicht an, wenn Ihnen auch eine Lüge auf den Lippen schwebt.« Er hielt inne, da aber Arthur Gride nichts erwiderte, fuhr er gleich darauf wieder fort:

»Und Sie bereichern sich, indem Sie die junge Dame betrügen. Wie und auf welche Weise, weiß ich noch nicht; ich verschmähe es, Ihnen gegenüber eine Unwahrheit zu gebrauchen. Ich weiß es vorderhand noch nicht, denn ich bin der einzige, der vorderhand der Angelegenheit nachspürt. Wenn aber menschliche Bemühungen imstande sind, die Entdeckung Ihres Betrugs und Ihrer Hinterlist, noch ehe Sie sterben, herbeizuführen, und Reichtum und gerechter Haß vermögen, Ihnen auf Ihren Schleichwegen auf den Fersen zu bleiben, so werden Sie bald zur Rechenschaft für Ihre Niedertracht gezogen sein. Wir sind Ihnen bereits auf der Spur, und Sie mögen selbst beurteilen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie uns in die Hände fallen.«

Er hielt abermals inne, aber noch immer starrte ihn Arthur Gride schweigend an.

»Wenn Sie ein Mensch wären, auf dessen Herz und Gefühl man rechnen dürfte«, fuhr Nikolas fort, »so würde ich Ihnen zureden, Mitleid zu haben mit der Hilflosigkeit, Unschuld, der Jugend, dem innern Wert, der Schönheit und kindlich frommen Denkungsart der jungen Dame. Aber bei Ihnen wähle ich den einzigen Weg, auf dem man mit Menschen Ihresgleichen überhaupt verhandeln kann. Ich frage Sie, mit welcher Summe wollen Sie sich abfinden lassen? Bedenken Sie die Gefahr, der Sie sich andernfalls aussetzen. Sie sehen, ich weiß genug, und ich versichere Ihnen, ich werde bald noch mehr erfahren. Lassen Sie etwas von dem Gewinn, auf den Sie hoffen, nach, und Sie sind jeder Gefahr enthoben. Nennen Sie Ihren Preis!«

– Gride bewegte seine Lippen, aber er brachte es nur zu einem häßlichen Grinsen. Immer noch schwieg er. –

»Sie denken wahrscheinlich, der Preis würde nicht bezahlt werden? Miss Bray hat reiche Freunde, die ihr Herz darum geben würden, ihr aus der Not, in der sie sich befindet, zu helfen. Nennen Sie Ihren Preis. Schieben Sie Ihre Heirat nur um ein paar Tage hinaus und warten Sie ab, ob die, von denen ich spreche, zurückschrecken werden, den Preis zu bezahlen. Verstehen Sie?«

Als Nikolas zu sprechen angefangen, war Arthur Gride auf den Gedanken geraten, Ralph Nickleby hätte in verraten. Aber im Verlauf der Rede kam er immer mehr zur Überzeugung, der seltsame Besuch – wie immer er auch Kunde von allem erhalten haben müsse – spiele mit offenen Karten und Ralph könne nicht dabei beteiligt sein. Alles, was der Fremde wissen könne, schloß Gride, müsse sich höchstens auf Ralphs Forderung beziehen, und was den an Madeline zu verübenden Betrug anbelange, könne der junge Mann unmöglich etwas wissen. Und selbst wenn er wirklich nicht nur auf den Busch schlüge, so hatte er offenbar keinen Schlüssel zu dem Geheimnis und konnte daher weiter keinen Schaden bringen. Der Hinweis auf bemittelte Freunde und das Geldangebot hielt Gride für einen Schwindel, mit dem man einen Aufschub der Hochzeit bewerkstelligen wolle, »aber selbst wenn es mit dem Geld seine Richtigkeit haben sollte«, dachte er und schoß einen Lauerblick auf Nikolas, wütend über dessen Kühnheit und am ganzen Leibe zitternd, »so würde ich das Vögelchen doch zum Weibe nehmen und dich, du Gelbschnabel, darum prellen«.

Langjährige Übung, die Worte seiner Klienten schnell aufzufassen, sie innerlich scharf abzuwägen und alle Wahrscheinlichkeiten zu überschlagen, ohne sich dabei äußerlich etwas anmerken zu lassen, setzte Gride in Stand, sich auch hier rasch einen Entschluß zu bilden und listige Folgerungen zu ziehen. Als daher Nikolas zu reden aufhörte, war der alte Wucherer schon so sicher im Sattel, als habe er sich bereits seit vierzehn Tagen auf alles vorbereitet.

»Ja, ich verstehe«, rief er, von seinem Stuhl aufspringend, eilte zum Fenster und stieß den Laden auf. »Hilfe, Hilfe!«

»Mensch, was tun Sie denn?« rief Nikolas und faßte ihn am Arm.

»Ich will schreien: Mörder, Diebe, Räuber! Ich will die Nachbarschaft alarmieren! Ich werde mich mit Ihnen herumbalgen, bis jeder die Kratzwunden an mir sehen kann, und dann beschwören, Sie seien in räuberischer Absicht eingedrungen. Jawohl, ich werde Sie einsperren lassen, wenn Sie nicht sofort mein Haus verlassen«, höhnte Gride und zog grinsend den Kopf zurück. »Ja, das werde ich!«

»Sie elender Schurke –«, rief Nikolas, vor Wut fast erstickt.

»Was? Sie wollen mir hier auf meinem Zimmer drohen?« kreischte Gride, aus dem die Eifersucht auf Nikolas und das Bewußtsein, daß er wieder Herr der Situation war, geradezu einen Teufel machte. »Ein verschmähter Liebhaber, hihihi! Aber nein, Sie werden das Mädchen nicht bekommen und auch Madeline Sie nicht; sie wird mein Weib, mein süßes liebes kleines Weibchen werden. Meinen Sie vielleicht, daß sie nicht ohne Sie wird leben können? Oder meinen Sie, sie wird weinen? Es wird mich nur freuen, sie weinen zu sehen! Ich mache mir nichts daraus; wenn sie weint, gefällt sie mir nur um so besser.«

»Nichtswürdiger Schuft«, rief Nikolas außer sich.

»Nur noch eine Minute«, drohte Gride, »und ich alarmiere die ganze Straße.«

»Niederträchtiger Hund«, keuchte Nikolas, »wenn Sie jünger wären –«

»Ja«, spöttelte Gride, »wenn ich jünger wäre, da ließe sich die Sache noch hören, was? Aber meinetwegen, um eines so alten häßlichen Menschen willen von der kleinen Madeline aufgegeben zu werden, ist bitter – was?«

»Hören Sie mich an«, sagte Nikolas, sich zur Ruhe zwingend, »und danken Sie Gott, daß ich mich genug selbst beherrsche, um sie nicht auf die Straße hinunterzuwerfen – ein Schicksal, vor dem Sie kein Mensch bewahren sollte, wenn ich Sie einmal am Kragen gepackt habe. Sie irren sich; zwischen der Dame und mir hat niemals ein Versprechen oder ein Gelübde stattgefunden, ja nicht einmal ein Wort von Liebe wurde gesprochen. Sie kennt nicht einmal meinen Namen.«

»Ich werde sie schon darnach fragen – ich werde es ihr schon unter Küssen herauslocken«, greinte Arthur Gride. »Sie wird mir's erzählen, und wir werden Küsse tauschen und beide zusammen darüber lachen und uns umarmen und es höchst vergnüglich finden, an den armen verlassenen jungen Herrn zu denken, der sie so lieb gehabt, aber mit langer Nase abziehen mußte, weil sie mit mir verlobt war.«

Nikolas' Züge verfinsterten sich plötzlich wieder so sehr, daß Arthur Gride offenbar befürchtete, die Drohung, auf die Straße hinuntergeworfen zu werden, könne wahr werden, denn er steckte abermals den Kopf zum Fenster hinaus, klammerte sich mit beiden Händen fest ans Gesims und fing laut an zu schreien.

Nikolas hielt es daraufhin für geraten, nicht zu warten, bis Leute herbeikämen, sondern verließ das Zimmer und das Haus, nachdem er sich noch vorher durch eine zornige Drohung Luft gemacht.

Arthur Gride sah ihm vom Fenster aus die Straße entlang nach, zog dann den Kopf zurück, schloß den Laden wie früher und setzte sich nieder, um sich von seinem Schrecken zu erholen. »Wenn sie mal übler Laune sein sollte, werde ich sie mit dem jungen Herrchen aufziehen«, meckerte er vor sich hin, als er sich wieder ein wenig beruhigt hatte. »Sie läßt sich's nicht träumen, daß ich etwas von ihm weiß, und wenn ich's geschickt anfasse, kann ich damit ihren Hochmut brechen und sie unter dem Daumen halten. Nur gut, daß niemand gekommen ist. Übrigens habe ich auch nicht allzulaut geschrien. – Ist das eine Frechheit, mir ins Haus zu laufen und so die Meinung ins Gesicht zu sagen! Aber morgen gibt's einen feinen Triumph, und dann kann er sich die Finger ablecken. Vielleicht geht er ins Wasser oder schneidet sich die Kehle durch; mich würde es nicht wundernehmen. Fein war's übrigens; der Spaß würde dadurch nur um so netter – hihihi.«

Mit triumphierendem Grinsen schloß Arthur Gride sein Buch mit größter Vorsicht wieder in die Truhe ein und kroch dann in die Küche hinunter, um Grete Sliderskew ins Bett zu schicken und sie auszuzanken, daß sie einem Fremden so leichtfertig Eintritt gestattet hatte.

Die ahnungslose Grete konnte jedoch das Vergehen, dessen er sie beschuldigte, nicht in seiner Fülle begreifen, und so befahl er ihr schließlich mürrisch, ihm vorauszuleuchten, während er bei allen Schlössern im Hause die Runde machte und die Haustüre eigenhändig verriegelte. »Den oberen Riegel«, murmelte er, mit dem Abschließen beschäftigt, »den unteren Riegel – den Querbalken vor – die Kette doppelt abgeschlossen – den Schlüssel unters Kopfkissen. So. Wenn jetzt noch mehr abgewiesene Freier kommen sollten, so mögen sie meinetwegen versuchen, durchs Schlüsselloch hereinzuschlüpfen. Und jetzt will ich mich bis halb sechs Uhr niederlegen – dann geht's zur Trauung.«

Dann tätschelte er noch Mrs. Sliderskew die Wangen und schien einen Augenblick lang nicht abgeneigt zu sein, sein Junggesellenleben mit einem Kuß auf die welken Lippen seiner Haushälterin zu beschließen. Er besann sich indessen eines Besseren, tätschelte ihr statt dessen abermals die Wangen und begab sich zu Bett.

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