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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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34. Kapitel

Besuch bei Mr. Ralph Nickleby.

»Warum haben Sie mich so verteufelt lange mit diesem verwünschten, alten, zerbrochenen Teekessel von einer Glocke läuten lassen, deren Klang auch den stärksten Mann umwerfen könnte – äh – zum Teufel noch mal –!« sagte Mr. Mantalini zu Newman Noggs, dabei seine Stiefel auf Mr. Ralph Nicklebys Kratzeisen abstreifend.

»Ich habe Sie nur einmal läuten hören«, entschuldigte sich Newman.

»Dann sind Sie – äh – ganz verteufelt taub, so taub wie ein verteufelter Türpfosten.«

Mr. Mantalini war inzwischen in den Flur getreten und schickte sich eben an, ohne weitere Umstände auf die Türe von Mr. Ralphs Privatbureau zuzugehen, als ihm Newman in den Weg trat und die Frage stellte, ob seine Geschäfte dringend seien, da Mr. Nickleby augenblicklich nicht gestört zu werden wünsche.

»Freilich, ganz verteufelt dringend«, rief Mr. Mantalini. »Es handelte sich darum, einige Wische gegen glänzende, funkelnde – äh – klingende, klimpernde Münze einzuwechseln.«

Newman ließ ein verständnisinniges Grunzen vernehmen und hinkte mit Mr. Mantalinis Visitenkarte in das Zimmer seines Chefs. Als er den Kopf zur Türe hereinstreckte, sah er, daß Ralph dieselbe gedankenvolle Haltung wieder angenommen hatte, in die er nach dem Lesen des Briefes seines Neffen verfallen war. Offenbar hatte er das Schreiben abermals durchgelesen, denn er hielt es offen in der Hand.

Ärgerlich fuhr er auf und fragte barsch nach der Ursache der Störung.

Newman erstattete gerade noch Bericht, als Mr. Mantalini in eigener Person ins Zimmer hereintänzelte, Ralphs schwielige Hände mit inniger Zärtlichkeit ergriff und beteuerte, »sein werter Gönner« habe in seinem ganzen Leben noch nie so blühend ausgesehen.

»Es strahlt ja förmlich die Sonne aus Ihrem verteufelt liebenswürdigen Gesicht«, rief Mr. Mantalini, setzte sich unaufgefordert nieder und kämmte sich mit einem Taschenkamm Bart und Scheitel. »Nein, wie Sie jugendlich und famos aussehen! – Äh – hol Sie der Teufel.«

»Lassen Sie das!« knurrte Ralph. »Was wünschen Sie von mir?«

»Oh«, rief Mr. Mantalini und zeigte kokett seine weißen Zähne. »Was ich will? Ja – hem – sehr gut. Was ich will? Haha! O verteufelt.«

»Also was wollen Sie eigentlich, Mensch?« fuhr Ralph ärgerlich auf.

»Äh – einen kleinen Faktureneskompt«, erwiderte Mr. Mantalini mit schalkhaftem Blinzeln.

»Geld ist momentan sehr knapp«, brummte Ralph.

»Ja, verteufelt knapp, sonst würde ich keins wollen«, gab Mr. Mantalini zu.

»Die Zeiten sind schlecht, und man weiß nicht, wem man trauen kann«, fuhr Ralph fort. »Am liebsten möchte ich jetzt gar keine Geschäfte machen. Ja, wahrhaftig. – Aber weil Sie's sind – wie viele Rechnungen haben Sie hier?«

»Zwei.«

»Wie hoch?«

»Ah, nur eine Kleinigkeit. Fünfundsiebzig.«

»Und die Fristen?«

»Zwei Monate, vier Tage.«

»Nun, weil Sie es sind, aber wohl verstanden: nur, weil Sie es sind – andere kämen da bei mir schlecht an –, will ich es gegen einen Abzug von fünfundzwanzig Pfund tun«, sagte Ralph bedächtig.

»Äh! Verteufelt!« rief Mr. Mantalini und machte bei diesem kulanten Vorschlag ein sehr langes Gesicht.

»Bleiben Ihnen immer noch fünfzig«, knurrte Ralph. »Was wollen Sie mehr. – Wer sind die Leute?«

»Verteufelt hart, Nickleby«, jammerte Mr. Mantalini.

»Lassen Sie mich die Namen sehen«, unterbrach ihn Ralph und streckte ungeduldig die Hand nach den Rechnungsauszügen aus. »Nun, Sicherheit ist freilich keine besondere vorhanden, aber ich denke, es läßt sich machen. Also, wenn Ihnen die Bedingungen passen, können Sie das Geld haben. Paßt es Ihnen nicht – nun, dann ist's mir noch lieber.«

»Verteufelt noch mal, Nickleby können Sie denn nicht –« begann Mr. Mantalini.

»Nein«, unterbrach ihn Ralph schroff. »Wenn Sie das Geld haben wollen, so besinnen Sie sich nicht lange. Kommen Sie mir nicht mit dem albernen Einwurf, Sie gingen auf die Börse und wollten es mit einem andern probieren. Ich weiß ganz gut, daß dieser ›andere‹ weder existiert noch je existiert hat. Also was ist's, machen Sie das Geschäft oder nicht?«

Dabei stieß Ralph scheinbar aus Unachtsamkeit an seine eiserne Kasse. Diesem Klang konnte Mr. Mantalini nicht widerstehen. Sofort schlug er ein, und Mr. Nickleby zählte das Geld auf den Tisch.

Mr. Mantalini hatte es noch nicht ganz nachgezählt und eingestrichen, als abermals die Klingel ertönte und gleich darauf niemand anders als seine Gattin hereintrat, bei deren Anblick er plötzlich sehr verlegen wurde und sein Geld mit merkwürdiger Hast zusammenraffte.

»Ah, du bist also hier!« rief die Gnädige und warf den Kopf zurück.

»Ja, mein Leben, mein Herzblatt, ich bin hier«, flötete Mr. Mantalini, ließ sich zierlich auf ein Knie nieder und haschte in der koketten Art einer spielenden Katze nach einem heruntergefallenen Sovereign. »Ich bin hier, du Glanz meiner Seele, hier in diesem Zauberlande, wo es verteufeltes Gold und Silber aufzulegen gibt.«

»Ich schäme mich deiner!« rief die Putzmacherin unwillig.

»Du schämst dich meiner, du Licht meiner Augen!? – Sie weiß, wie verteufelt süß und bezaubernd sie ist, drum getraut sie sich so zu lügen«, erklärte Mr. Mantalini seinem Geschäftsfreund. »Sie weiß selbst am besten, daß sie sich ihres süßen Gatten nicht schämt.«

Der »süße Gatte« schien sich nun aber doch hinsichtlich der Wirkung seiner Zärtlichkeit ein wenig verrechnet zu haben, denn die ganze Antwort Mrs. Mantalinis bestand in einem verächtlichen Blick, worauf sie sich zu Ralph wandte und ihn bat, zu entschuldigen, daß sie so unangemeldet eingedrungen sei. Sie müsse das, setzte sie hinzu, einzig und allein der schlechten Aufführung und dem höchst unpassenden Vorgehen Mr. Mantalinis zur Last legen.

»Meinem Vorgehen, du Ananas des Paradieses?«

»Ja, deinem Vorgehen«, wiederholte Mrs. Mantalini. »Aber ich werde mich vorsehen, denn ich habe nicht Lust, mich durch deine Verschwendungssucht und deine Ausschweifungen ruinieren zu lassen. Ich rufe Mr. Nickleby zum Zeugen an –«

»Ich muß bitten, mich in keiner Hinsicht zum Zeugen anzurufen«, unterbrach sie Ralph, »machen Sie die Sachen gefälligst unter sich ab und ziehen Sie mich nicht mit hinein.«

»Und doch muß ich Sie um die Gefälligkeit bitten«, sagte Madame Mantalini fest, »Zeuge zu sein, wie ich ihm jetzt meinen unwiderruflichen Entschluß kundtue. – Meinen unwiderruflichen Entschluß, Sir«, wiederholte sie und schleuderte ihrem Gatten einen Zornesblick zu.

»Sie nennt mich ›Sir‹«, rief Mr. Mantalini, »mich, der ich bis zum Wahnsinn und ganz verteufelt in sie verliebt bin – sie, die mich mit ihren Reizen wie eine paradiesische Klapperschlange umstrickt! Ich kann es nicht ertragen, sie stürzt mich, äh – in einen verteufelten Zustand.«

»Reden Sie nicht von verletzten Gefühlen, Sir«, zürnte Mrs. Mantalini, setzte sich auf einen Stuhl und wandte ihm den Rücken zu. »Sie haben nie auf die meinigen Rücksicht genommen.«

»Keine Rücksicht auf die deinigen genommen?« rief Mr. Mantalini.

»Nein.«

Und den gedrechselten Schmeichelreden von Seiten ihres Gatten zum Trotz fuhr die Gnädige fort, »nein« zu sagen, und obendrein mit solcher Bestimmtheit und ausgesprochen schlechter Laune, daß Mr. Mantalini sichtlich die Fassung verlor.

»Sein Hang zum Verschwenden, Mr. Nickleby«, wendete sich Madame Mantalini an Ralph, der, die Hände auf dem Rücken, an seinem Armstuhl lehnte und das ungleiche Paar mit einem Lächeln bodenloser Verachtung musterte, »sein Hang zum Verschwenden überschreitet jedes Maß.«

»Sollte man kaum glauben«, höhnte Ralph.

»Und dennoch kann ich Ihnen versichern, Mr. Nickleby, daß es sich so verhält«, fuhr die Putzmacherin fort. »Er bringt mich noch ganz ins Elend, und ich schwebe in ewigen Besorgnissen und Verlegenheiten. Und das wäre noch nicht einmal das schlimmste«, jammerte sie, sich die Augen wischend. »Heute morgen nahm er wieder einige Dokumente aus meinem Pult, ohne mich auch nur um Erlaubnis zu fragen.«

Mr. Mantalini stöhnte auf und knöpfte sich die Tasche zu.

»Ich muß«, klagte die Schneiderin, »seit dem Konkurs Miss Knag dafür, daß sie ihren Namen zu dem Geschäfte hergibt, Unsummen bezahlen und kann rein die Mittel, die der unsinnige Hang meines Mannes zum Vergeuden erfordert, nicht mehr erschwingen. Ich zweifle auch jetzt nicht, daß er schnurstracks zu Ihnen gelaufen ist, Mr. Nickleby, um die besagten Dokumente in Geld umzusetzen, und da Sie uns schon früher oft mit Geld ausgeholfen haben und hinsichtlich Eskompt von Fakturen in reger Verbindung mit uns stehen, sehe ich mich jetzt gezwungen, Ihnen einen Entschluß mitzuteilen, zu dem ich durch sein Benehmen gezwungen bin.«

Mr. Mantalini stöhnte wieder laut auf, klemmte sich eine Goldmünze ins Auge und blinzelte mit dem andern hinter dem Hute seiner Gattin hervor Ralph zu. Nachdem er dies mit großer Geschicklichkeit ausgeführt hatte, steckte er das Geldstück wieder ein und stöhnte aufs neue mit allen Anzeichen tiefster Reue.

»Ich habe mich daher entschlossen«, fuhr Mrs. Mantalini fort, als sie in Ralphs Gesicht Anzeichen von Ungeduld bemerkte, »ihm etwas Festes auszuwerfen.«

»Was zu tun, du Labsal meiner Augen?« fragte Mr. Mantalini, der die Worte nicht recht verstanden zu haben schien.

»Ihm eine bestimmte Summe auszusetzen«, erklärte die Schneiderin und sah Ralph, um den Blicken ihres Gatten auszuweichen und sich durch seine Reize nicht in ihrem Entschluß wankend machen zu lassen, fest an, »und ich glaube, er kann sich glücklich schätzen, wenn ich ihm hundertzwanzig Pfund jährlich als Taschengeld auswerfe.«

Mr. Mantalini hatte zuerst sehr würdevoll zugehört, als er aber die Summe vernahm, schleuderte er Hut und Stock auf den Boden, zog sein Taschentuch hervor und machte seinen Gefühlen durch ein herzzerbrechendes Schluchzen Luft.

»Hölle und Verdammnis!« rief er, fuhr mit einem Ruck von seinem Stuhle auf und ließ sich ebenso schnell wieder nieder, was seine Frau sichtlich in größte Aufregung versetzte. »Aber nein, nein, es ist nicht Wirklichkeit, es ist – äh – verteufelt – äh – ein schwerer Traum, nein, nein.« Dann schloß er die Augen und wartete geduldig, bis es an der Zeit sein würde, aus seinem Traume zu erwachen.

»Höchst verständig von Ihnen, Madame«, höhnte Ralph, »vorausgesetzt, daß sich Ihr Gatte in den ihm gesteckten Grenzen hält, was ohne Zweifel der Fall sein wird.«

»Äh – verteufelt«, ächzte Mr. Mantalini, als der Ton von Ralphs Stimme an sein Ohr schlug, die Augen öffnend, »äh – es ist furchtbare Wirklichkeit. Da sitzt sie vor mir; wahrhaftig, es sind die anmutigen Umrisse ihrer Gestalt, ich kann mich nicht irren, denn sie hat nicht ihresgleichen. Die beiden Gräfinnen hatten überhaupt keine Umrisse, und die Witwe war ein – äh – verteufelter Umriß. Ach, warum ist sie doch so paradiesisch schön, daß ich ihr nicht einmal in diesem Augenblick zu zürnen vermag!«

»Du bist selbst schuld daran, Alfred«, klagte Madame Mantalini, noch immer vorwurfsvoll, aber bereits in milderem Tone.

»Äh – ich bin ein verteufelter Elender«, jammerte Mr. Mantalini und schlug sich vor die Stirn. »Ich will einen Sovereign in Halfpence umwechseln lassen und sie in die Tasche stecken und mich in der Themse ertränken. Aber selbst dann werde ich ihr nicht zürnen, sondern auf meinem Gang zum Tode noch einen Brief auf die Post geben, um ihr anzuzeigen, wo man meine Leiche finden kann. Sie wird eine begehrenswerte Witwe sein, ich ein kalter Leichnam. Manch schöne Frau wird um mich weinen, aber sie – sie – äh – wird verteufelt lachen.«

»Alfred, du grausamer, grausamer Mensch!« schluchzte Madame Mantalini, bei dieser schrecklichen Aussicht in Tränen ausbrechend.

»Sie nennt mich grausam! – Mich – mich, der ich um ihretwillen ein äh – verteufelt – nasser, feuchter und scheußlicher Leichnam werden will« rief Mr. Mantalini.

»Du weißt, daß es mir das Herz bricht, wenn ich dich so reden höre«, klagte die Schneiderin.

»Kann ich denn leben, wenn dein Vertrauen dahin ist?« rief der Gatte. »Habe ich mein Herz in tausend kleine, äh – verteufelte Stücke zerrissen und alle eins nach dem andern an dieselbe kleine verteufelte Herzenszauberin verschenkt und sollte leben können, wenn sie mir mißtraut! Nein – äh – das kann ich nicht.«

»Frage Mr. Nickleby, ob die Summe von hundertzwanzig Pfund nicht recht anständig ist?« suchte Madame Mantalini einzulenken.

»Ich brauche ganz und gar keine – äh – Summe«, brauste der trostlose Ehemann auf. »Ich will nichts von diesem verteufelt – äh – ausgesetzten Gnadengehalt, ich will eine Leiche sein.«

Entsetzt, ihren Gatten die verhängnisvolle Drohung wiederholen zu hören, rang die Schneiderin die Hände und beschwor Ralph Nickleby, sich doch ins Mittel zu legen. Schließlich, nach vielen Tränen und Vorstellungen und einigen schwachen Versuchen seinerseits, die Türe zu gewinnen, um auf der Stelle gewaltsam Hand an sich zu legen, ließ sich Mr. Mantalini – selbstverständlich nur mit größtem Widerstreben – zu dem Versprechen bewegen, keine Leiche sein zu wollen. Als dieser Hauptpunkt glücklich beigelegt war, nahm die Putzmacherin die Frage hinsichtlich des ausgeworfenen Taschengeldes wieder auf, wobei sich übrigens ihr Gatte genau wie früher benahm und jede Gelegenheit ergriff, zu betonen, er könne in Lumpen einhergehen und bei Wasser und Brot ganz zufrieden leben, aber es sei ihm unmöglich, sein – äh – verteufeltes Dasein zu ertragen, wenn ihn eine so schwere Bürde wie das Mißtrauen des Gegenstandes seiner hingebendsten und heißesten Liebe bedrücke. Das trieb seiner Gattin wiederum die Tränen in die Augen, und das Endergebnis war, daß sie die Frage betreffs des Taschengeldes zwar nicht ganz aufgab, jedoch vorderhand auf die lange Bank schob, so daß Ralph klar genug sah, daß sein Geschäftsfreund wieder freie Hand hatte, sein leichtsinniges Leben weiterzuführen.

»Na, er wird bald genug wieder da sein, um sich Geld zu holen«, dachte er. »Die Liebe – pfui, wie kommt mir nur dieses dumme Wort in den Mund, das man von Knaben und Mädchen bis zum Ekel immer und immer wiederholen hört – vergeht schnell genug, wenn auch die, die lediglich in der Bewunderung eines Backenbartes wurzelt, wie ihn dieser Pavian trägt, noch am längsten zu währen scheint, offenbar, da sie aus der ärgsten Verblendung entspringt und aus der menschlichen Eitelkeit ihre Säfte zieht. Aber diese Hohlköpfe tragen Korn auf meine Mühle, so mögen sie denn ihren Tag bis zu Ende leben – und je länger er dauert, desto besser für mich.«

»Also, wenn du Mr. Nickleby nichts mehr zu sagen hast, lieber Alfred«, wendete sich Madame Mantalini an ihren Gatten, »so können wir uns vielleicht verabschieden? Wir haben ihn ohnedies schon allzulang aufgehalten.«

Mr. Mantalini antwortete eine kleine Weile nur dadurch, daß er seiner Gattin zärtlich ein paarmal auf die Nase tippte, und dann drückte er sich in gewählten Worten dahin aus, daß er jetzt nichts mehr zu sagen habe.

»Äh – verteufelt – und dennoch habe ich noch etwas zu erwähnen«, verbesserte er sich unmittelbar darauf und zog Ralph in eine Ecke. »Sie wissen doch von dem Unfall, der ihrem Freund Sir Mulberry zugestoßen ist? – So verteufelt – äh – außerordentlich und unerhört, wie nur was –«

»Was meinen Sie damit?« fragte Ralph erstaunt.

»Teufel nochmal, wissen Sie's denn nicht?« rief Mr. Mantalini.

»Ich habe in der Zeitung gelesen, daß er gestern nachts aus seinem Kabriolett geschleudert und schwer verwundet wurde. Man sagt sogar lebensgefährlich«, antwortete Ralph gelassen. »Aber ich finde weiter nichts Außerordentliches daran. Unfälle sind nicht wunderbar, wenn die Menschen unmäßig leben und nach Saufgelagen selbst kutschieren.«

»Hui«, pfiff Mr. Mantalini durch die Zähne, »Sie wissen also nicht, wie es zugegangen ist?«

»Wenn es etwas anderes betrifft, als ich eben angedeutet habe – nein«, versetzte Ralph, gleichgültig die Achseln zuckend.

»Äh – alle Teufel – Sie setzen mich in Erstaunen«, rief Mr. Mantalini.

Ralph zuckte abermals die Achseln, als halte er es gerade für kein Meisterstück, einen Menschen wie seinen Geschäftsfreund in Erstaunen zu setzen, und warf Newman, der jetzt wieder wie vorhin mit dem Kopf hinter den Glasscheiben der Zimmertüre auftauchte, einen vielsagenden Blick zu, irgendeinen Kunstgriff anzuwenden, um den lästigen Besuch zum Gehen zu bewegen.

»Äh, wissen Sie denn nicht«, sagte Mr. Mantalini und nahm Ralph beim Rockknopf, »daß es durchaus kein Unfall war, sondern ein – äh – verteufelter Mordversuch Ihres Neffen?«

»Was!« zischte Ralph durch die Zähne, ballte die Fäuste und wurde aschfahl im Gesicht.

»Alle Teufel, Nickleby, Sie scheinen ja ein geradeso blutgieriger Tiger zu sein wie er«, stotterte Mantalini und fuhr erschreckt zurück.

»Weiter, weiter!« drängte Ralph wild. »Heraus damit! Wie ging die Geschichte weiter? Wer hat es Ihnen erzählt? So reden Sie doch! Hören Sie denn nicht?«

»Äh – Teufel nochmal, Nickleby«, stammelte Mr. Mantalini und zog sich ängstlich zu seiner Gattin zurück, »was für ein verteufelt hitziger alter Bursche Sie sind! Sie gebärden sich ja so tobsüchtig, daß Sie meinem holden Leben hier den tödlichsten Schrecken einjagen und sie um ihren – äh – verteufelt süßen kleinen Verstand bringen. Verdamm mich.«

»Dummes Zeug«, brummte Ralph und lächelte krampfhaft, »das ist nun mal so meine Art.«

»Jedenfalls eine – äh – verteufelt gefährliche Tollhäuslerart«, meinte Mr. Mantalini und griff nach seinem Rohrstock.

Ralph heuchelte, so gut er konnte, gute Laune und fragte abermals, woher denn diese Nachricht stamme.

»Von Pyke. – Er ist ein verteufelt hübscher, angenehmer – äh gentlemanischer Bursche«, näselte Mr. Mantalini. »Äh – verteufelt angenehm; Ausbund von einem Kerl.«

»Und was hat er gesagt?« forschte Ralph, ungeduldig die Brauen runzelnd.

»Nun, die Sache hat sich so zugetragen: Ihr Neffe begegnete Sir Mulberry in einem Kaffeehaus, fiel ihn wie ein wütender Hund an, folgte ihm zu seinem Wagen, schwor, er wolle mit ihm nach Hause fahren, und wenn er sich an den Schweif seines Pferdes hängen müsse, zerschlug ihm dann das Gesicht – äh – äh übrigens ein verteufelt hübsches Gesicht – äh –, machte das Pferd scheu, stürzte mit Sir Mulberry hinaus und –«

»Blieb tot auf dem Platze«, fiel Ralph atemlos und mit blitzenden Augen ein. »Ist's so? Ist er tot?«

Mr. Mantalini schüttelte den Kopf.

»Ach was«, knurrte Ralph und wendete sich wütend ab, »dann ist ihm eben nichts geschehen – aber halt«, setzte er hinzu und wandte sich mit einem Ruck wieder um. »Er hat sich einen Arm zerschmettert, oder ein Bein, sich die Schulter ausgerenkt oder sich das Schlüsselbein gebrochen oder ein paar Rippen oder so was? Nicht wahr? Sie müssen doch etwas der Art gehört haben?«

»Nein, nein«, versicherte Mr. Mantalini, den Kopf schüttelnd. »Wenn er nicht später in so kleine Stücke zerbarst, daß sie der Wind wegblasen konnte, so hat er keinen Schaden genommen. Er ging so ruhig und gemütlich davon, wie – äh – wie einer – äh –, den der Teufel holt«, schloß er, um einen entsprechenden Vergleich verlegen.

»Was«, forschte Ralph stockend weiter, »– was war der Anlaß ihres Streites?«

»Sie sind – äh – der verteufeltste Schlaufuchs«, rief Mr. Mantalini bewundernd, »der pfiffigste, geriebenste, höllischste Schlaukopf, den's nur geben kann. Tun Sie doch nicht, als wüßten Sie keine Spur davon, daß Ihre kleine blauäugige Nichte natürlich die Schuld daran war; das hübscheste, süßeste –«

»Alfred!« ermahnte Madame Mantalini.

»Sie hat immer recht«, rief Mr. Mantalini beschwichtigend; »und wenn sie sagt, es sei Zeit zu gehen, so ist es Zeit, und wir gehen. Und wenn sie so durch die Straßen trippelt, äh, so werden ihr die Frauen neidisch nachsehen und sagen: sie hat, äh, einen verteufelt schönen Mann! Und die Männer werden entzückt ausrufen, er hat eine – äh – verteufelt schöne Frau, und beide werden recht haben – und keiner unrecht. Auf Ehre und Seligkeit, äh, verteufelt.«

Dann küßte er galant die Fingerspitzen seiner Handschuhe, zog den Arm seiner Gattin durch den seinigen und tänzelte mit ihr hinaus.

»So, Gott sei Dank«, brummte Ralph vor sich hin und ließ sich abgespannt in seinen Sessel sinken. »Dieser Satan ist also schon wieder los! Er scheint rein auf der Welt zu sein, um mir überall in den Weg zu treten. Einmal hat er mir gesagt, er wolle früher oder später Abrechnung mit mir halten. Er soll recht haben. Ich will ihm dazu verhelfen, daß er wahr prophezeit hat. Ich werde den Tag selber ansetzen.«

»Sind Sie zu Hause?« fragte Newman, plötzlich den Kopf zur Türe hereinsteckend.

»Nein«, versetzte Ralph schroff.

Mr. Noggs zog seinen Kopf zurück, tauchte aber gleich darauf wieder auf.

»Wissen Sie auch ganz gewiß, daß Sie nicht zu Hause sind?«

»Was will denn der Schafskopf damit wieder sagen?« brummte Ralph ärgerlich.

»Der Mann wartet draußen, seit die beiden zu Ihnen gekommen sind, und hat wahrscheinlich Ihre Stimme gehört«, erklärte Newman, sich die Hände reibend.

»Wer denn?« fragte Ralph, durch die Mitteilung seines Schreibers und seine empörende Kaltblütigkeit aufs äußerste gereizt.

Die Antwort wurde Newman durch den unvorhergesehenen Eintritt des Mannes, von dem er gesprochen, erspart, und dieser richtete jetzt sein Auge – buchstäblich sein Auge, denn er hatte nur eins – auf Mr. Ralph Nickleby, ließ sich nach einer linkischen Verbeugung unaufgefordert in einem Lehnstuhl nieder und faltete die Hände auf dem Knie. Beim Niedersetzen zog er seine ziemlich kurzen schwarzen Hosen an den Knien so weit in die Höhe, daß sie kaum mehr das obere Ende seiner Krempstiefel bedeckten.

»Na, das nenn' ich mir eine Überraschung«, rief Ralph und blickte seinen Besucher halb lächelnd, halb forschend an. »Wenn ich mich nicht sehr irre, sind Sie Mr. Squeers?«

»Freilich, freilich«, eiferte der Pädagog. »Und Sie würden mich noch leichter wiedererkannt haben, Sir, wenn ich nicht vor kurzem so vieles durchzumachen gehabt hätte. – Ach, helfen Sie doch dem kleinen Jungen draußen von dem hohen Stuhl in Ihrer Schreibstube herunter und schicken Sie ihn herein«, wendete er sich zu Mr. Newman. »Aha, da kommt er schon selber. Gestatten Sie – mein Sohn, Sir, der kleine Wackford. Nun, und was halten Sie von dieser Probe unserer Kost in Dotheboys Hall, Sir? Ist er nicht so kugelrund, daß man glauben könnte, die Kleider müßten ihm bersten, die Nähte aufspringen und die Knöpfe abfliegen? – Das nenne ich mir Fleisch«, rief er, drehte den Jungen um und kniff ihn zu dessen größtem Mißbehagen in die muskulösesten Teile seines Körpers. »Das nenn' ich mir Festigkeit und Solidität. Er ist so dick, daß man ihn kaum mit den zwei Fingern zwicken kann.«

Wie wohlgenährt nun auch Master Squeers aussehen mochte, so schien das Kneifen dennoch gelungen zu sein, wenigstens ließ der junge Herr einen lauten Schrei vernehmen und rieb sich die Stelle auf recht unverblümte Weise.

»Nun. Hem«, bemerkte Mr. Squeers ein wenig verblüfft.

»Diesmal scheine ich doch ein wenig Fleisch zwischen die Finger bekommen zu haben. Aber es mag wohl dran schuld sein, daß wir diesen Morgen sehr zeitig frühstücken mußten und er seinen Lunch noch nicht gehabt hat. Ich versichere Ihnen, Sie wären nicht imstande, auch nur einen Zoll von ihm in eine Türspalte zu klemmen, so prall ist er, wenn er sein Mittagessen im Leibe hat. Bitte, sehen Sie nur diese Tränen an, Sir«, setzte er triumphierend hinzu, als sich sein Sohn und Erbe die Augen mit dem Jackenärmel abwischte, »das pure Öl.«

»Er sieht wirklich recht wohlgenährt aus«, gab Ralph zu, der aus irgendwelchen Gründen sich den Schulmeister geneigt erhalten zu wollen schien. »Aber wie geht es Ihrer Gattin? Und wie geht es Ihnen selbst?«

»Mrs. Squeers«, antwortete der Besitzer von Dotheboys Hall mit geläufiger Zunge, »ist wie immer den Zöglingen eine Mutter und ein Segen, ein Trost und eine Freude allen, die sie kennen. Einer von unsern Jungen, der sich vor kurzem überfressen hat und deshalb krank wurde – es ist dies kein seltener Fall bei uns –, bekam letzte Woche ein Geschwür. Sie hätten nur sehen sollen, wie sie es mit ihrem Federmesser operierte. Gütiger Gott!« setzte er seufzend und nickend hinzu; »was für ein wertvolles Glied der menschlichen Gesellschaft ist doch diese Frau.«

Eine halbe Minute ungefähr blickte der Pädagog versonnen vor sich hin, als habe die Schilderung der Vorzüge seiner Gattin seinen Geist ganz und gar in das friedliche Dörfchen Dotheboys Hall bei Greta Bridge in Yorkshire versetzt, und richtete dann sein Auge wieder auf Nickleby, offenbar in der Erwartung, daß dieser etwas erwidern werde.

»Haben Sie sich von dem Überfall meines Strolches von Neffen wieder ganz erholt?« fragte Ralph.

»Könnte ich nicht sagen; es ist noch nicht lange genug her«, versetzte Mr. Squeers. »Ich war eine einzige Beule, Sir, von hier bis hier« – dabei berührte er zuerst seinen Scheitel und dann die Spitzen seiner Stiefeln – »Weinessig und Pflaster, Pflaster und Weinessig von morgens bis abends. Ich glaube, man hat wenigstens ein halbes Ries Löschpapier an mir verbraucht. Als ich zusammengeknäuelt und über und über bepflastert in unserer Küche lag, würden Sie mich wahrscheinlich für einen Ballen von Bandagen gehalten haben, vollgepfropft von lauter Gestöhn. – Habe ich laut gestöhnt, Wackford, oder leise?«

»Laut«, war die Antwort.

»Waren die Jungen, als sie mich in einem so schrecklichen Zustand sahen, betrübt oder erfreut?« examinierte Mr. Squeers in sentimentalem Tone weiter.

»Erfreut –«

»Was?« fuhr Mr. Squeers auf.

»Betrübt –«, verbesserte sich Master Wackford rasch.

»Na also«, brummte Squeers und versetzte seinem Sprößling eine tüchtige Ohrfeige. »Und jetzt nimm deine Hände aus den Taschen und stottere nicht, wenn man dich etwas fragt. Ruhig jetzt. Heule nicht, wenn du bei einem fremden Herrn bist – oder ich laufe von meiner Familie weg und komme nie mehr wieder. Und was würde dann aus all den lieben verlassenen Knaben werden, wenn sie in der Welt umherirren müßten ohne ihren väterlichen Freund und Berater!«

»Hatten Sie ärztlichen Beistand nötig?« fragte Ralph.

»Freilich«, antwortete Squeers, »und ich bekam eine tüchtige Rechnung dafür; sie ist übrigens bereits bezahlt.«

Ralph zog seine Augenbrauen in die Höhe, was ebenso gut Mitleiden wie Erstaunen bedeuten konnte, ganz wie es sich der Schulmeister auslegen wollte.

»Jawohl, ich habe sie bis zum letzten Pfennig bezahlt«, fuhr Mr. Squeers fort, der seinen Mann zu gut kannte, als daß er sich auch nur einen Augenblick der Hoffnung hingegeben hätte, es könne ihn vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl veranlassen, etwas von den Kosten mitzutragen, »aber trotzdem ging es nicht aus meiner Tasche.«

»Nicht?«

»Nein, keinen Penny. Die Sache ist nämlich die: wir haben in unserm Kontrakt mit den Eltern unserer Zöglinge stehen, daß, wenn ein Arzt in der Schule nötig ist, er extra bezahlt werden muß, begreifen Sie?«

»Ja, hm, allerdings«, brummte Ralph.

»Wir suchten uns daher fünf Jungen aus, Kinder von kleinen Handelsleuten – die sind bekanntlich immer zahlungsfähig – und schickten einen davon ins Dorf, wo gerade der Scharlach grassierte. Richtig steckte sich auch der Junge an, und dann ließen wir die vier andern bei ihm schlafen. Die bekamen auch prompt den Scharlach, und dann ließen wir den Doktor kommen. Und da ging meine kleine Rechnung so mit nebenbei hinein – ha ha ha.«

»Wahrhaftig kein übler Gedanke«, lachte Ralph, den Schulmeister lauernd aus den Augenwinkeln heraus beobachtend.

»Das will ich meinen«, brüstete sich Squeers. »Wir machen es übrigens immer so. Als meine Gattin mit dem kleinen Wackford hier niedergekommen war, ließen wir ein halbes Dutzend Jungen den Keuchhusten kriegen und rechneten die Hebammenkosten und die Wärterin mit hinein – ha ha ha.«

Ralph lachte sonst nie, aber diesmal konnte er ein Lächeln kaum unterdrücken. Als sich der Pädagog nach Herzenslust ausgelacht hatte, fragte er ihn, was ihn denn eigentlich nach London geführt habe.

»Ach, eine dumme Rechtssache«, brummte Squeers und kratzte sich hinter den Ohren, »wegen Vernachlässigung eines Zöglings, wie sie es nennen. Ich verstehe gar nicht, was sie von mir wollen; er hatte doch so gutes Futter, wie nur irgendeins zu haben ist.«

Ralph sah fragend auf.

»Futter!« wiederholte Squeers laut, in der Meinung, Ralph müsse ihn wahrscheinlich nicht verstanden haben. »Eigentlich besser gesagt ›Weide‹. Wenn ein Junge krank wird und ihm das Essen nicht mehr schmeckt, nehmen wir eine Diätveränderung mit ihm vor, d. h. wir schicken ihn täglich für eine Stunde oder so in das Rübenfeld eines Nachbarn oder, wie der Fall gerade liegt, abwechselnd in ein Rüben- oder Möhrenfeld, da kann er dann futtern, soviel er mag. Es gibt in ganz Yorkshire keinen bessern Boden als den, worauf dieser nichtsnutzige Bursche ›geweidet‹ hat. Trotzdem holt er sich eine Erkältung, oder was weiß ich, kurz, das Resultat ist: ein Prozeß! – Sollte man glauben«, rief er aus und rutschte auf seinem Sessel ungeduldig und mit gekränkter Miene hin und her, »daß man den Undank so weit treiben kann! – Was meinen Sie dazu?«

»Muß einen allerdings schmerzlich berühren«, bemerkte Ralph trocken.–

»Sehen Sie, da sagen Sie die Wahrheit. Ich kann wahrhaftig nicht glauben, daß es noch jemand auf Erden gibt, der Kinder so gerne hat wie ich. – Es ist gegenwärtig für achthundert Guineen junges Zeug in Dotheboys Hall. Aber ich würde das doppelte Quantum Zöglinge aufnehmen und dennoch jeden einzelnen mit derselben Zärtlichkeit behandeln wie jetzt.«

»Wohnen Sie hier wieder in Ihrem alten Quartier?« wechselte Ralph das Thema.

»Ja, wir wohnen im ›Mohren‹, und da das Halbjahr demnächst zu Ende geht, so werden wir dort bleiben, bis wir die Pensionsgelder einkassiert und hoffentlich auch ein paar neue Zöglinge aufgetrieben haben. Den kleinen Wackford hier habe ich mit heraufgebracht, um ihn den Eltern und Vormündern als Beispiel zeigen zu können. Ich will es diesmal auch mit in die Annoncen setzen lassen. Sehen Sie sich nur mal den Jungen an – er ist selbst auch Zögling –, ist er nicht ein glänzender Beweis für unsere gute Kost?«

»Hm. – Ich möchte gern ein Wörtchen mit Ihnen unter vier Augen sprechen«, entgegnete Ralph, der seit einer Weile ganz geistesabwesend geantwortet und zugehört hatte.

»O bitte, ganz wie's beliebt, Sir«, schmeichelte Mr. Squeers. »Wackford, geh und spiele in dem rückwärtigen Zimmer, aber erhitze dich nicht zu viel, damit du mir nicht am Ende mager wirst. – Haben Sie nicht vielleicht ein Zweipencestück bei der Hand, Mr. Nickleby? Wissen Sie, damit der Junge was zu tun hat.«

»Ich – ich glaube, ja«, erwiderte Ralph zögernd und brachte endlich nach langem Herumsuchen in einer alten Schublade einen Penny, einen Halfpenny und zwei Farthings zum Vorschein.

»Ich danke«, sagte Mr. Squeers und reichte die Kupfermünzen seinem Sohn, »geh und kauf dir ein Stück Torte. Mr. Nicklebys Schreiber wird dir zeigen, wo du eine bekommen kannst, aber vergiß nicht, eine recht fette zu nehmen. – Pasteten und Torten«, setzte er hinzu, als er die Türe hinter seinem Sprößling geschlossen, »machen die Haut glänzend, und Eltern halten das für ein Zeichen von Gesundheit.«

Mit dieser Erklärung und einem listigen Blick, der als Kommentar dazu dienen sollte, rückte Mr. Squeers seinen Sessel ziemlich nahe Mr. Nickleby gegenüber und setzte sich.

»Hören Sie jetzt auf meine Worte«, begann Ralph und beugte sich vor.

Squeers nickte.

»Ich hoffe nicht«, fuhr Ralph eindringlich fort, »daß Sie dumm genug sind, die Ihnen widerfahrene Mißhandlung etwa zu vergeben oder zu vergessen?«

»Hol' mich der Teufel, wenn ich's tue«, knurrte Squeers erbittert.

»Oder eine Gelegenheit zu versäumen, die Schuld mit Zinsen einzutreiben, wenn sich eine solche darbietet?«

»Zeigen Sie mir nur eine Gelegenheit, dann sollen Sie schon sehen«, rief der Pädagog.

»Sagen Sie offen, war es nicht etwas von der Art, was Sie zu Ihrem jetzigen Besuch bei mir veranlaßt hat?« forschte Ralph und sah den Schulmeister lauernd an.

»Hm – hm – nein, nicht daß ich wüßte«, erwiderte Squeers, »ich habe nur gedacht, Sie könnten mir vielleicht außer der Kleinigkeit, die Sie mir bereits geschickt haben, eine weitere Entschädigung –«

»Ach so«, fiel ihm Ralph brüsk ins Wort. »Sie brauchen nicht fortzufahren.«

Es trat eine Pause ein.

»Wer ist übrigens der Junge, den er mit sich fortgenommen hat?« brach Ralph endlich das Schweigen.

Squeers nannte Smikes Namen.

»War er jung oder schon älter, gesund oder krank, willfährig oder widerspenstig? – So reden Sie doch, Mensch!« drängte Ralph.

»Nun, er war nicht mehr jung«, antwortete Squeers, »das heißt für einen Knaben.«

»Das heißt, er war überhaupt kein Knabe mehr, was?«

»Sehr richtig, er war so gegen zwanzig. Allerdings kam er Leuten, die ihn nicht kannten, nicht so alt vor, denn es fehlte ihm hier ein wenig« – Mr. Squeers tupfte sich auf die Stirn – »Sie verstehen: niemand bei uns zu Hause, sooft man auch auf den Busch klopfte, erriet sein Alter.«

»Und ich zweifle nicht, daß Sie es häufig genug getan haben«, murmelte Ralph.

»Gewiß nicht«, versicherte Squeers grinsend.

»Als Sie mir die Quittung für ›die Kleinigkeit‹, wie Sie es nannten, schickten«, fuhr Ralph fort, »schrieben Sie mir, seine Verwandten hätten sich seit langer Zeit nicht mehr um ihn gekümmert und Sie besäßen auch nicht die mindeste Spur, woher er wohl stammen möge, ist das wahr?«

»Leider, leider«, klagte Mr. Squeers, der immer zutraulicher wurde, je rückhaltloser Ralph seine Fragen stellte. »Meinen Aufzeichnungen nach sind es jetzt vierzehn Jahre her, daß ihn ein Fremder in einer Herbstnacht nach Dotheboys Hall brachte, ihn dort ließ und für das erste Jahr fünf Pfund fünf Schillinge vorausbezahlte. Er mochte damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, älter keinesfalls.«

»Was wissen Sie weiter von ihm?«

»Leider verdammt wenig. Sechs oder acht Jahre lang wurde das Geld für ihn prompt bezahlt, aber dann blieb es plötzlich aus. Der Unbekannte hatte mir eine Adresse in London zurückgelassen, aber als es für mich nötig wurde, mich an sie zu wenden, wußte natürlich kein Mensch etwas Näheres. Ich behielt also den Jungen aus – aus –«

»Barmherzigkeit«, ergänzte Ralph trocken.

»Ja, ja, natürlich aus Barmherzigkeit«, faßte Mr. Squeers den Wink auf, sich die Knie reibend. »Und gerade, wie er anfing, sich ein bißchen nützlich zu machen, kommt dieser junge Schuft von einem Nikolas Nickleby und brennt mit ihm durch. Das ärgerlichste an der ganzen Geschichte ist, daß –«, Mr. Squeers rückte seinen Stuhl näher an Ralph und dämpfte seine Stimme, »– daß kürzlich Nachforschungen wegen des Jungen angestellt wurden, natürlich nicht bei mir, sondern so hintenherum bei den Leuten im Dorf, und gerade wo wir Aussicht hatten, alle Rückstände bezahlt zu bekommen und vielleicht – wer weiß, in solchen Dingen hat schon oft ein kleiner Nutzen herausgeschaut – ein hübsches Geschenk obendrein, wenn wir versprechen, ihn bei einem Bauern unterzubringen oder auf See zu schicken, damit er nie wieder zurückkomme und seinen Eltern Schande mache – falls er nämlich, wie so viele unserer Jungens, ein uneheliches Kind ist – und, zum Teufel nochmal, gerade in diesem Moment schnappt ihn mir der Spitzbube von Nickleby am hellichten Tag weg und bestiehlt mich dadurch gerade so, als ob er mich auf offner Straße ausgeplündert hätte.«

»Wir wollen uns beide, ohne viel Zeit zu verlieren, bemühen, quitt mit ihm zu werden«, knurrte Ralph und packte den Yorkshirer Schulmeister am Arm.

»Quitt?« wiederholte Squeers. »Mir wär's lieber, wenn ein kleiner Überschuß zu seinen Ungunsten dabei herausschaute. Ich wünschte nur, meine Frau bekäme ihn in die Beize, die würde ihn gut zurichten, na, ich danke. Sie brächte ihn um, Mr. Nickleby, sie würde so rasch mit ihm fertig werden wie mit ihrem Mittagessen.«

»Davon wollen wir ein andermal reden«, unterbrach Ralph.

»Ich muß erst Zeit haben, mir darüber klarzuwerden, wie ich ihn am tiefsten verwunden kann; wir werden dem Burschen schon beikommen –«

»Kommen Sie ihm bei, wie Sie wollen, Sir«, fiel ihm Mr. Squeers in die Rede, »aber wenn Sie ihn haben, dann nur tüchtig drauflos, das bitte ich mir aus! Aber jetzt guten Morgen. Bitte, geben Sie mir doch mal den Hut meines Jungen dort vom Nagel herunter und helfen Sie ihm vom Stuhl.«

Mit diesen an Newman Noggs gerichteten Worten verfügte sich der Pädagog in das kleine Hinterzimmer und setzte seinem Sprößling mit väterlicher Sorgfalt seinen Hut auf, während Newman, die Feder hinter dem Ohr, steif und unbeweglich auf seinem Schreibstuhl saß und abwechselnd Vater und Sohn anstarrte.

»Ein hübscher Junge, nicht wahr?« fragte Squeers, legte den Kopf ein wenig auf die Seite und trat gegen das Pult zurück, um das liebliche Bild besser genießen zu können.

»Gewiß«, murmelte Newman.

»Fein ausgepolstert, was? Haha, er hat auch das Fett von zwanzig Jungen am Leibe.«

»So?« brummte Newman, Squeers scharf fixierend, »das Fett von zwanzig, sagen Sie? – Das reicht nicht, soll wohl heißen: von allen; Gott helfe den andern. Haha – lieber Vater im Himmel.«

Nach diesen rasch und abgerissen hervorgestoßenen Bemerkungen sank Newman an seinem Pult wieder zusammen und begann mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit weiterzuschreiben.

»Ja, was fällt denn dem Menschen ein?« rief Squeers, hochrot im Gesicht. »Sind Sie vielleicht betrunken?«

Newman rührte sich nicht.

»Sind Sie verrückt?«

Aber Newman zuckte nicht mit der Wimper und schien sich überhaupt der Anwesenheit fremder Personen kaum bewußt zu sein. So tröstete sich denn Mr. Squeers mit der Überzeugung, der Mann müsse sowohl betrunken wie verrückt sein, und entfernte sich unter diesem Eindruck mit seinem hoffnungsvollen Sprößling.

In demselben Grade, wie Ralph Nickleby sich einer unwillkürlichen und nicht niederzukämpfenden Hochachtung für Kate bewußt wurde, so war auch sein Haß gegen Nikolas gewachsen. Ob er es jetzt als Gegengewicht für seine Gefühlsschwäche für nötig hielt, wenn er schon jemanden liebgewonnen, die andern dafür um so mehr zu hassen, ist schwer zu sagen, jedenfalls konnte er sich in seinem Innern weder gegen das eine noch gegen das andere wehren. Auf Trotz und Verachtung zu stoßen, Kate in den schwärzesten und abstoßendsten Farben zu erscheinen, zu wissen, daß man Haß und Abscheu in ihr schüre, zu fühlen, daß man seinen Umgang geradezu für eine Schmach hielt, alles das zu wissen und überzeugt zu sein, daß der Hebel von alledem derselbe junge arme Schlucker von einem Verwandten war, der ihn bereits bei der ersten Begegnung von oben herab behandelt und ihm seitdem offen und rücksichtslos Trotz geboten hatte – alles das war mehr als hinreichend, seine eingefleischte Bosheit derart anzufachen, daß er wohl kaum ein Mittel gescheut haben würde, wenn ihm dieses nur ermöglichte, sich irgendwie zu rächen.

Zum Glück für Nikolas war aber ein solches nicht zur Hand, und trotzdem Ralph den ganzen Tag darüber nachsann und während seiner ganzen übrigen Geschäfte ununterbrochen einen heimlichen Winkel seines Hirns solchen Spekulationen reservierte, so war er doch, als die Nacht einbrach, sich nicht um ein Jota klarer, was er tun solle.

»Als mein Bruder in seinem Alter stand«, sagte er sich, »fielen alle angestellten Vergleiche stets zu meinem Nachteil aus; er war offenherzig, freigebig, mutig, heiter – dagegen ich ein verschmitzter Junge, kaltherzig und von keiner andern Leidenschaft besessen als von der zum Gelderwerb und vom Durste nach Gewinn. Und alles das fiel mir plötzlich wieder ein, als dieser Bursche das erstemal vor mich hintrat. Je mehr ich jetzt darüber nachdenke, desto lebhafter steht alles wieder vor mir.«

Und wütend riß er Nikolas' Brief in tausend Fetzen und warf sie von sich, daß sie nur so auf den Boden niederschneiten.

»Und solche Erinnerungen«, brummte er mit bitterm Lächeln, »umdrängen mich scharenweise und kommen heran aus allen Enden und Ecken. Aber, wenn sich schon gewisse Leute stellen, als verachteten sie die Macht des Geldes, so will ich doch mal den Versuch machen, ihnen zu zeigen, wer eigentlich das Heft in der Hand hat.«

Ein plötzliches Machtbewußtsein überkam ihn und beruhigte ihn so weit, daß er sich zum Schlafen niederlegen konnte.

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