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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
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51. Kapitel

Der Plan Ralph Nicklebys und seines Freundes kommt zur Durchführung, gelangt jedoch zur Kenntnis eines Dritten.

In dem öden und staubigen Hause, wie er selbst verwittert und verfallen, vermorscht durch den Ausschluß von Licht und Luft wie sein Besitzer selbst, lebte gleichsam unter seinem Geld vergraben Arthur Gride. Ungastliche magere alte Stühle und armselige Tische mit Spindelbeinen, hart und kalt wie die Herzen von Geizhälsen, standen umher. Schränke, schmächtig und hohlwangig geworden vom langen Wachen über den Schätzen in ihrem Innern und wackelnd wie in beständiger Furcht und Angst vor Dieben, drückten sich in den dunkeln Ecken, aus denen sie keine Schatten auf den Fußboden warfen, und schienen sich, jeden Blick meidend, ängstlich zu verstecken. Eine hohe schauerliche Wanduhr mit dürren Zeigern und verwittertem Zifferblatt tickte vorsichtig flüsternd oder rasselte wie von Hunger gequält, sooft sie mit dünnem keifendem Laut, der Stimme eines alten Mannes gleichend, die Stunden verkündete.

Da war keine Kaminbank, um zu Rast und Gemütlichkeit einzuladen. Wohl standen Lehnstühle umher, aber sie schienen voll innerer Unruhe zu sein und spreizten argwöhnisch und furchtsam ihre Arme aus, vor allem und jedem auf der Hut. Andre blickten phantastisch drein und schienen sich in die Höhe zu recken und wilde Gesichter zu schneiden, um jeden Fremden in Schrecken zu jagen. Wieder andere lehnten sich an ihren Nachbarn oder stützten sich an die Wand, als wollten sie jedermann einreden, es sei nicht der Mühe wert, sich ihrer zu bemächtigen. Die schwerfälligen finstern Bettstätten schienen für unruhig quälende Träume erbaut, und die morschen Vorhänge lagen in dichten Falten; wenn sie vom Winde bewegt wurden oder vom Luftzug, so war es, als ob sie sich bebend das Geheimnis verborgener Reichtümer in den gebräunten und festverschlossenen Schränken zuraunten.

Aus dem jämmerlichsten und ungastlichsten Zimmer dieses ungastlichen jammervollen Hauses erscholl eines Morgens die meckernde Stimme des alten Gride und ließ sich im schwächlichen Zirpen im Absingen eines längst vergessenen alten Liedes vernehmen:

»Heute ist Hochzeitsmorgen,
komm, Feinsliebchen komm!«

Ein heftiger Hustenanfall machte jedoch dem Gesang bald ein Ende und zwang Arthur Gride, sein Geschäft schweigend fortzusetzen.

Und dieses Geschäft bestand darin, von den Nägeln eines wurmstichigen Kleiderschrankes einen Haufen muffiger Kleider herabzunehmen, eins nach dem andern, und jedes einer sorgfältigen Inaugenscheinnahme zu unterwerfen. Zu diesem Zweck hielt der Alte das Licht in die Höhe und sortierte die Kleider in ein paar kleine Haufen. Er nahm niemals zwei auf einmal herab, sondern immer jedes einzeln, und vergaß dabei nie, sooft er einen Nagel von seiner Last befreit, jedesmal die Schranktüre zu schließen und den Schlüssel umzudrehen.

»Der schnupftabakfarbige Anzug«, krächzte er, einen fadenscheinigen Rock betrachtend, »hat er mir gut gestanden? Muß mich doch mal besinnen.«

Das Ergebnis seines Nachdenkens schien nicht sehr günstig auszufallen, denn er faltete den Rock wieder zusammen, legte ihn weg, stieg auf einen Stuhl, um einen andern herauszuholen, und meckerte dabei vor sich hin:

»Jung, lieblich und schön,
eine Lust, sie zu sehn,
welche Wonne, sie heimzufüh-hüren!«

»Da setzen die Leute immer das Wort ›jung‹ hinein«, greinte er; »aber Lieder werden eben nur des Reimes wegen geschrieben. Dies da ist besonders einfältig und wurde von dem dummen Bauernvolk erdichtet, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Aber halt, ›jung‹ paßt ganz gut hier, es gilt ja der Braut, haha, es gilt ja der Braut! Und das ist gut – sehr gut – und übrigens wahr – sehr wahr!«

In der Freude über seine Entdeckung leierte er die Strophe abermals und etwas kräftiger herunter, fügte hier und da einen Triller ein und ging dann wieder an sein Geschäft.

»Der Flaschengrüne«, meckerte er, »der Flaschengrüne hat immer famos ausgesehen. Habe ihn mal billig bei einem Pfandleiher gekauft, und da war – hihi – ein alter Schilling drin eingenäht. Ein Spaß, dran zu denken, daß der Pfandleiher keine Ahnung von dem Schilling hatte. Ich wußte es natürlich gleich, als ich das Tuch untersuchte. So ein einfältiger Tropf. – Der Flaschengrüne war übrigens auch sonst noch ein Glücksrock. An dem Tag, als ich ihn das erstemal anzog, verbrannte der alte Lord Mallowford in seinem Bett, und alle nach seinem Tode fälligen Schuldverschreibungen gingen auf Heller und Pfennig ein. Ja, ja, ich will in dem Flaschengrünen heiraten. Grete – Grete Sliderskew! – Ich gedenke den Flaschengrünen anzuziehen.«

Sein Ruf, an der Zimmertür ein paarmal wiederholt, machte eine kleine magere, triefäugige, halblahme und furchtbar häßliche alte Frau ins Zimmer treten. Sie wischte sich ihr runzeliges Gesicht mit der Schürze ab und murrte in dem Ton, der schwerhörigen Personen eigen ist, die Frage:

»Haben Sie gerufen, oder hat nur die Uhr geschlagen? Mein Gehör ist allmählich so schlecht geworden, daß ich gar nichts mehr unterscheiden kann. Aber eins von beiden muß es gewesen sein, sonst rührt sich ja doch nichts im Haus.«

»Ich war es, Grete, ich«, sagte Arthur Gride und schlug sich auf die Brust, um der Alten dadurch verständlicher zu machen, daß er sich meine.

»Aha, Sie«, versetzte Grete. »Was wollen Sie?«

»Ich will in dem Flaschengrünen heiraten«, schrie Arthur Gride.

»Er ist viel zu gut, um sich darin trauen zu lassen«, wendete Grete, nachdem sie das fragliche Garderobestück kurz besichtigt hatte, ein. »Haben Sie keinen schlechtern als den?«

»Wenigstens keinen, der so gut passen würde.«

»Wieso nicht?« fragte Grete. »Warum ziehen Sie nicht Ihren Alltagsrock an, wie jeder andre vernünftige Mensch?«

»Es würde sich nicht schicken, Grete.«

»Wie?«

»Nicht schicken«, brüllte Mr. Gride.

»Zu was nicht schicken?« fragte Grete spitzig. »Ist er vielleicht nicht alt genug?«

Arthur Gride brummte eine Verwünschung über die Taubheit seiner Haushälterin vor sich hin und schrie ihr dann ins Ohr:

»Nicht sauber genug. Ich will mich so gut wie möglich anziehen und herausstaffieren.«

»Herausstaffieren, hm«, wiederholte Grete. »Wenn sie so schön ist, wie Sie sagen, so wird sie Sie auch darin nicht besonders bewundern, verlassen Sie sich darauf. Sie können sich herausstaffieren, wie Sie wollen, es wird nicht viel ändern: Pfeffer und Salz, flaschengrün, himmelblau, schottisch – es wird nicht viel Unterschied machen.«

Mit dieser tröstlichen Versicherung raffte Grete Sliderskew den erwähnten Anzug auf, legte ihn über ihren knöchernen Arm und stand da, mümmelnd, grinsend und mit ihren Triefaugen blinzelnd wie ein scheußliches Bildwerk an einer grotesken Schnitzerei.

»Sie scheinen ja recht spaßhaft aufgelegt, Grete«, schimpfte Arthur Gride, über die Worte der Alten nicht besonders erbaut.

»Habe ich vielleicht nicht Ursache dazu?« erwiderte Grete.

»Aber ich will's Ihnen nur sagen, Mr. Gride, ich werde Ihnen bald anders kommen, wenn jemand versuchen sollte, mich wegzuschieben. Nach so vielen Jahren lasse ich mich nicht so mir nichts, dir nichts absetzen. – Sie wissen das ganz gut, ich brauche es Ihnen nicht erst zu sagen. Es wäre übrigens auch für Sie nicht gut. Versuchen Sie es nur mal, und Sie sind ruiniert – zugrunde gerichtet. Ja, ja.«

»Aber Gott im Himmel, ich will's doch gar nicht versuchen. Nicht um die Welt«, beteuerte Arthur Gride bei den letzten Worten seiner Haushälterin erblassend; »und es wäre nichts leichter, als mich zugrunde zu richten. Wir müssen sehr auf der Hut sein und noch mehr sparen, wo noch ein Mund mehr ißt. Nur müssen wir vor allem darauf bedacht sein, daß sie ihre Schönheit dabei nicht verliert, Grete, weil ich meine Freude daran habe.«

»Sehen Sie lieber zu, daß Ihnen ihre Schönheit nicht zu viel Geld kostet«, riet Mrs. Sliderskew und erhob warnend den Zeigefinger.

»Nun, sie kann sich ja selbst auch etwas Geld verdienen, Grete«, sagte Arthur Gride, gespannt den Eindruck beobachtend, den diese Worte auf seine Haushälterin hervorbringen würden.

»Sie kann zeichnen, malen, sticken und allerhand hübsche Dinge verfertigen – Pantoffeln, Grete, Uhrketten, Haarschnüre und tausend andre nette Kleinigkeiten. Dann kann sie Klavier spielen, und was noch mehr ist, sie hat selbst ein Piano und singt wie ein Vögelchen. Kleidung und Unterhalt werden für sie auch nicht zu hoch zu stehen kommen – meinen Sie nicht, Grete?«

»Möglich, wenn Sie sich nicht von ihr an der Nase herumführen lassen«, knurrte Grete.

»Mich an der Nase herumführen?« rief Gride. »Verlassen Sie sich darauf, das wird nicht geschehen, Grete. – Nein, nein, nein. Durch ein hübsches Gesicht lasse ich mich nicht beirren – und auch nicht durch ein häßliches«, fügte er leise hinzu.

»Sie sagten eben etwas, was ich nicht hören sollte – ja, ja, ich hab's schon bemerkt«, forschte Mrs. Sliderskew mit einem Lauerblick.

»O Gott, o Gott, der Teufel steckt in dem Frauenzimmer«, jammerte Arthur Gride und fügte mit einem häßlichen Augenzwinkern hinzu: »Ich habe nur gesagt, daß ich Ihnen in jeder Hinsicht traue.«

»Wenn Sie das tun, dann können Sie eines sorgenfreien Lebens versichert sein«, sagte Grete befriedigt.

»Ja, wenn ich es tue, Grete Sliderskew«, murmelte Artur Gride. »So weit halten wir aber noch nicht.«

So lebhaft ihn dieser Gedanke auch bewegt, so traute er sich doch nicht, die Lippen zu den Worten zu bewegen, damit die Alte nichts merkte. Er schien sich sogar halb und halb zu fürchten, sie könnte seine Gedanken gelesen haben, denn er schielte sie mit schmeichlerischer Miene an und setzte laut hinzu:

»Nähen Sie die aufgegangenen Nähte des flaschengrünen Anzugs mit der besten schwarzen Seide zu. Holen Sie einen Strang von der feinsten und auch ein paar neue Knöpfe und übrigens, da fällt mir was Prächtiges ein, was Ihnen gewiß auch Freude machen wird: ich habe ihr bisher noch nichts geschenkt, und Mädchen lieben Aufmerksamkeiten. Was meinen Sie, wenn Sie das hübsche Halsband, das ich oben habe, ein bißchen aufpolieren? Ich mache es ihr dann am Hochzeitsmorgen zum Geschenk, lege es ihr mit eigener Hand um den hübschen Hals und nehme es ihr am nächsten Tag wieder weg – hi, hi – und schließe es dann für sie ein, Grete, und sage, er sei abhanden gekommen. Ich bin doch neugierig, wenn schon eins an der Nase herumgeführt werden soll, bei wem es den Anfang nehmen wird – was meinen Sie, Grete?«

Mrs. Sliderskew schien den prächtigen Plan höchlichst zu billigen und gab ihre Zufriedenheit durch ein paar scheußliche Grimassen zu erkennen. Dann humpelte sie zur Türe, vertauschte ihre Grimassen mit einem boshaften Blick, bewegte dabei den Unterkiefer bissig hin und her und verwünschte offenbar aus dem Grunde ihres Herzens die zukünftige Mrs. Gride. Sodann schleppte sie sich langsam die Treppe hinunter und machte fast bei jeder Stufe Halt, um zu verschnaufen.

»Sie muß wahrhaftig eine Hexe sein«, brummte Arthur, als er wieder allein war; »aber sie kostet fast nichts und ist taub. Meinetwegen kann sie auch an den Schlüssellöchern horchen, sie wird nicht viel erfahren. Sie ist übrigens ganz prächtig geeignet zu dem, wozu ich sie brauche: eine verständige Haushälterin und nicht mit – Kupfermünzen zu bezahlen.«

Als Arthur Gride die Verdienste seiner Haushälterin in so umfassender Weise gepriesen, summte er sich wieder ein Liedchen und hängte, da der Anzug, der bei der Trauungsfeierlichkeit seinen Leichnam bedecken sollte, ausgewählt war, die übrigen Kleider mit derselben Sorgfalt, mit der er sie aus dem muffigen Schranke genommen, wieder an ihre Nägel.

Durch ein Klingeln an der Haustüre aufgeschreckt, beendete er hastig die Arbeit und schloß den Schrank ab. Eine solche Eile wäre jedoch nicht nötig gewesen, denn die umsichtige Grete merkte es selten, wenn geklingelt wurde, außer wenn sie zufällig sah, daß die Glocke sich bewege. Nach einer Weile jedoch humpelte sie wieder herein, und Newman Noggs folgte ihr auf dem Fuße.

»Oh, Mr. Noggs«, rief Arthur Gride und rieb sich die Hände.

»Lieber Freund, was bringen Sie Neues?«

Newman Noggs blieb starr und unbeweglich stehen, sein eines unbewegliches Auge noch starrer als gewöhnlich, und antwortete in einem Ton, der mit seiner Haltung ganz in Einklang stand:

»Einen Brief von Mr. Nickleby. Warte auf Antwort.«

»Darf ich Ihnen vielleicht ein – ein – ein –« Newman blickte auf und schnalzte mit den Lippen.

»– einen Stuhl anbieten«, beendete Mr. Arthur Gride seinen Satz.

»Nein, ich danke«, versetzte Newman.

Mit zitternden Händen öffnete Arthur Gride den Brief, verschlang seinen Inhalt, kicherte dann entzückt vor sich hin und überflog das Schreiben erst mehrere Male, ehe er imstande war, seine Augen davon abzuwenden. Er durchlas es so oft, daß Newman es schließlich für passend fand, ihn an seine Anwesenheit zu erinnern.

»Antwort soll ich bringen«, brummte er.

»Ja, richtig«, versetzte Mr. Gride. – »Ja – ja. Beinahe hätte ich es ganz vergessen.«

»Ich dachte schon, Sie hätten es bereits vergessen«, verbesserte Newman scharf.

»Sehr gut, daß Sie mich mahnen, Mr. Noggs, sehr gut«, erwiderte Arthur Gride. »Ich werde ein paar Zeilen antworten. Ich bin – ich bin ein wenig zerstreut, Mr. Noggs. Die Neuigkeit ist –«

»Schlimm?« fragte Newman rasch.

»Nein, Mr. Noggs, ich danke, im Gegenteil – die allerbesten Neuigkeiten. Setzen Sie Sich, während ich Tinte und Feder hole. Ich werde Sie nicht lang warten lassen, denn ich weiß, Sie sind für Ihren Prinzipal ein Schatz, Mr. Noggs. Er spricht bisweilen von Ihnen in Ausdrücken, daß – oh, du lieber Gott; Sie würden ganz erstaunt sein darüber. Und ich tu es natürlich auch, hab' es immer getan und werde stets dasselbe von Ihnen sagen.«

»Das heißt: verflucht sei der Noggs von ganzem Herzen«, dachte Newman, als Gride hinauseilte.

Der Brief war zu Boden gefallen. Einen Augenblick sah sich Newman Noggs vorsichtig um, hob ihn dann, neugierig, zu welchem Resultat der von ihm im Wandschrank belauschte Plan geführt habe, hastig auf und las folgende Worte:

Lieber Gride!

Ich habe Bray heute morgen wiedergesehen und ihm in Ihrem Sinne den übermorgigen Tag zur Abhaltung der Trauungsfeierlichkeit vorgeschlagen. Er hat nichts dagegen einzuwenden, und seiner Tochter ist jeder Tag gleichgültig. Kommen Sie früh um sieben Uhr zu mir, dann können wir hingehen. Zur Pünktlichkeit brauche ich Sie wohl nicht erst zu mahnen.

Machen Sie inzwischen keinen Besuch bei dem Mädchen; Sie sind in letzter Zeit öfter dort gewesen, als Sie hätten sollen. Sie sehnt sich kaum nach Ihnen, und die Sache hätte leicht schiefgehen können. Zügeln Sie gefälligst Ihr jugendliches Feuer für achtundvierzig Stunden und überlassen Sie die Sache dem Vater. Sie könnten nur verderben, was er tut; und er betreibt die Angelegenheit wirklich in bester Weise.

Der Ihrige
Ralph Nickleby

Draußen ließen sich Schritte vernehmen. Sofort warf Newman den Brief wieder zu Boden, wo er gelegen, erreichte seinen Sessel mit einem einzigen Satz und nahm eine möglichst ausdruckslose und gleichgültige Miene an. Arthur Gride blickte sich ängstlich um, bemerkte den Brief auf der Erde, hob ihn auf und setzte sich zum Schreiben nieder. Dabei warf er einen lauernden Blick auf Newman und ängstigte sich nicht wenig, als er ihn auf eine wirklich grauenhafte Weise die Wand anstieren sah.

»Sehen Sie irgend etwas Besonderes, Mr. Noggs?« fragte er beklommen, bemüht, der Richtung von Newmans Augen zu folgen, was freilich eine Unmöglichkeit war.

»Eine Spinnenwebe«, brummte Newman.

»So, und ist das alles?«

»Nein«, erwiderte Newman, »es ist eine Fliege darin.«

»Es sind ziemlich viel Spinnweben hier«, bemerkte Arthur Gride.

»Bei uns auch«, knurrte Newman, »und ebenfalls Fliegen.«

Diese Entgegnung schien Newman ein großes inneres Behagen zu bereiten, wenigstens ließ er zu nicht geringem Entsetzen Arthur Grides längere Zeit hindurch seine Fingergelenke knacken, daß es prasselte wie ein kleines Pelotonfeuer. Endlich kam der alte Wucherer mit seinem Antwortbillett zustande und händigte es dem wunderlichen Boten ein.

»Hier, Mr. Noggs.«

Newman nickte mit dem Kopf, verstaute das Billett in seinem Hut und wollte eben weghinken, als ihn Gride, der in seinem Liebestaumel ganz aus dem Häuschen war, mit einem Grinsen, das sein ganzes Gesicht in Falten legte und seine Augen beinahe verschwinden ließ, zurückwinkte.

»Wollen Sie – wollen Sie vielleicht ein Tröpfchen zu sich nehmen, um einen bessern Geschmack zu bekommen?« Selbst wenn Arthur Gride sein bester Kamerad gewesen wäre, so würde Newman keinen Tropfen auch des vorzüglichsten Weines, der je gekeltert worden, mit ihm getrunken haben, um aber zu sehen, auf was der Alte eigentlich abziele, und um ihm eine kleine Lektion zu geben, nahm er das Anerbieten sofort an.

Arthur Gride verfügte sich zu dem Schrank und nahm von einem Sims, das mit hohen flämischen Trinkgläsern und wunderlichen Flaschen – einige mit Storchhälsen und andere mit dicken holländischen Bäuchen nebst dazugehörigen kurzen schlagflüssigen Hälsen – besetzt war, eine staubige Bouteille von vielversprechendem Aussehen nebst zwei kleinen, seltsam geformten Gläsern.

»So etwas haben Sie noch nie gekostet«, greinte er. »Es ist Eau d'Or – Goldwasser. Ich liebe es schon um des Namens willen. Ein herrlicher Name! Goldwasser! Wasser mit Gold. O mein Gott, es ist fast eine Sünde, es zu trinken.«

Einen kurzen Augenblick schien ihn der Mut wieder verlassen zu haben, und er spielte mit dem Stöpsel in einer Weise, die befürchten ließ, er werde die Flasche gleich wieder an ihre alte Stelle setzen, aber Newman ergriff kurz entschlossen eins der kleinen Gläser und klingelte damit ein paarmal an die Flasche als höfliche Erinnerung, daß man ihm noch nicht eingeschenkt habe. Arthur Gride füllte es denn auch mit einem tiefen Seufzer – natürlich nicht bis zum Rand – und schenkte dann sich selber ein.

»Halt, halt, noch nicht trinken«, ächzte er und legte die Hand auf Newmans Arm, »vor zwanzig Jahren hab' ich es zum Geschenk bekommen, und wenn ich ein bißchen davon koste was höchst selten geschieht –, so tue ich es gerne mit Bedacht, um den Wohlgeschmack voll zu genießen. Wir wollen auf irgend jemandes Gesundheit trinken, Mr. Noggs.«

»Oh«, murmelte Newman, sein Gläschen fast mit den Augen verschlingend, »machen Sie schnell, Mr. Nickleby wartet.«

»Nun, ich will Ihnen etwas sagen«, kicherte Arthur Gride, »wir wollen – hihihi – wir wollen vielleicht auf die Gesundheit einer Dame trinken?«

»Von Damen?« fragte Newman.

»Nein, Mr. Noggs«, rief Gride, die Hand des alten Buchhalters festhaltend, »ich meine einer Dame, einer, verstehen Sie? Sie wundern sich vielleicht, mich von einer Dame sprechen zu hören – begreiflich – höchst begreiflich. Aber es gibt eine kleine Madeline – ihr gilt der Toast, Mr. Noggs – der kleinen Madeline.«

»Madeline«, murmelte Newman und setzte in Gedanken hinzu: Gott steh der Armen bei!

Die Schnelligkeit und Sorglosigkeit, mit der er sein Gläschen Goldwasser hinunterstürzte, machte einen großen Eindruck auf den alten Wucherer. Aufrecht saß er in seinem Stuhle da, mit offenem Munde, als ob ihm der Anblick geradezu den Atem benähme. Newman Noggs kümmerte sich jedoch nicht darum, sondern überließ es ihm, sein Gläschen seinerseits mit Muße auszuschlürfen oder es allenfalls wieder in die Flasche zurückzugießen, wenn ihm dies lieber wäre. Dann entfernte er sich, nicht ohne Grete Sliderskew höchlichst zu verletzen, indem er im Hausflur an ihr vorüberfegte, ohne nur ein Wort an sie zu verlieren.

Als Gride mit seiner Haushälterin wieder allein war, setzten sie sich zusammen, um über Mittel und Wege zu beratschlagen und die Vorkehrungen zu besprechen, die zum Empfang der jungen Braut getroffen werden müßten. Da jedoch auch hier die Debatten wie sonst überall außerordentlich langweilig und weitschweifig waren, so folgen wir lieber Newman Noggs' Schritten und verbinden damit das Angenehme mit dem Nützlichen.

»Sie sind lange ausgewesen«, sagte Ralph, als Newman zu Hause ankam.

»Er hat lange Zeit gebraucht«, murrte Newman.

»Lächerlich«, rief Ralph ungeduldig. »Geben Sie mir seinen Brief, wenn Sie einen erhalten haben, oder richten Sie Ihren Auftrag aus, wenn er mündlich geschah. Bleiben Sie jetzt hier. Ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.«

Newman gab das Schreiben ab und nahm eine höchst tugendhafte und unschuldige Miene an, während sein Brotherr das Briefchen erbrach und seinen Inhalt überflog.

»Er wird bestimmt kommen«, murmelte Ralph und zerriß das Papier in tausend Fetzen. »Nun, habe es mir ja gedacht. Er hätte nicht nötig gehabt zu schreiben. – Noggs, wer war der Mann, mit dem ich Sie gestern abend auf der Straße stehen sah?«

»Weiß nicht«, erwiderte Newman.

»Sie würden gut tun, Ihr Gedächtnis ein wenig anzustrengen«, drohte Ralph mit finsterem Blick.

»Ich habe bereits gesagt, daß ich nichts Näheres von ihm weiß«, versetzte Newman kühn. »Er war zweimal hier und fragte nach Ihnen. Sie waren nicht zu Hause, aber er kam immer wieder. Sie haben ihn schließlich selbst fortgeschickt. Wie er behauptet, heißt er Brooker.«

»Das weiß ich«, sagte Ralph, »was will er?«

»Was will er? Nun, er spionierte umher und faßte mich auf der Straße ab. Jeden Abend verfolgt er mich jetzt und drängt mich, ihm eine Zusammenkunft mit Ihnen zu verschaffen. In dieser Weise hat er mich schon ein paarmal angegangen. Er müsse unter vier Augen mit Ihnen sprechen, sagt er, und er stünde dafür gut, daß Sie ihn bis zu Ende anhören würden.«

»Und was sagten Sie drauf?« fragte Ralph, Noggs scharf ins Auge fassend.

»Die Sache geht mich nichts an, und ich wollte mich nicht weiter damit befassen. Ich riet ihm, er solle trachten, Sie auf der Straße abzufassen, aber das wollte er nicht; Sie würden ihn dort nicht zu Worte kommen lassen, meinte er. Er müsse allein hinter verschlossenen Türen und unter vier Augen mit Ihnen sprechen, um freiheraus reden zu können. Sie würden dann bald Ihren Ton ändern und ihn geduldig zu Ende hören.«

»Ein frecher Spitzbube«, brummte Ralph.

»Das ist alles, was ich weiß«, schloß Newman. »Ich wiederhole, daß ich den Mann nicht kenne; ich glaube, er weiß selbst nicht recht, was er eigentlich ist. Sie haben ihn gesehen und wissen wahrscheinlich mehr von der Sache.«

»Ja, sollte man denken«, versetzte Ralph.

»Nun«, erwiderte Newman, verdrießlich, »da kann ich also weiter nichts sagen, als daß Sie mir gefälligst nicht zutrauen brauchen, daß ich ihn kennen soll. Sie werden mich vielleicht fragen, warum ich Ihnen das alles nicht gleich mitgeteilt habe. Was würden Sie aber sagen, wenn ich Ihnen alles hinterbringen wollte, was die Leute von Ihnen schwätzen. Wenn ich es bisweilen doch tue, so fahren Sie mich ja immer gleich an wie ein wütender Bulldogg, und ›Dummkopf‹, ›Esel‹ und so weiter sind Ausdrücke, mit denen Sie nicht sparen.«

Das stimmte allerdings, und die Worte, denen Newman in dieser Weise vorbeugte, schwebten bereits auf Ralph Nicklebys Lippen.

»Er ist ein Faulenzer und Taugenichts«, murrte Ralph; »ein Landstreicher, der von Botany Bay zurückgekehrt ist, ein Dieb, den man nur deshalb losließ, damit er sich einmal später mit dem Hals in einem Strick verfängt, ein Schwindler, der die Frechheit hat, auf mich zu spekulieren, trotzdem ich ihn durch und durch kenne. Wenn er sich wieder einmal an Sie herandrängt, übergeben Sie ihn der Polizei, denn er trachtet nur durch Lügen und Drohungen Geld zu erpressen – verstehen Sie? Im Gefängnis wird er bald Vernunft annehmen, und ich stehe dafür, er wird sich, wenn er wieder freikommt, nach andern Leuten als mich umsehen, um sie über den Löffel zu barbieren. Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?«

»Ja«, erwiderte Newman einfach.

»So tun Sie, wie ich Ihnen sage. Ihr Schade wird's nicht sein. Sie können jetzt gehen.«

Newman machte sofort von dieser gütigen Erlaubnis Gebrauch, schloß sich in sein kleines Bureau ein und beschäftigte sich dort den ganzen Tag über mit höchst ernsten Gedanken. Nach Schluß der Geschäftsstunden aber verfügte er sich, so schnell er konnte, nach der City und nahm dort wieder seine alte Stellung hinter dem Brunnen ein, um auf Nikolas zu warten denn er war stolz in seiner Art und hätte es nicht übers Herz bringen können, sich in seinem schäbigen und heruntergekommenen Zustand den Gebrüdern Cheeryble als Freund des jungen Mr. Nickleby vorzustellen.

Er hatte seinen Posten noch nicht lange inne, da sah er zu seiner Freude Nikolas herankommen und stürzte ihm aus seinem Hinterhalt entgegen. Nikolas war ebenfalls nicht wenig erfreut, seinen alten Freund zu treffen, und da sie sich schon ziemlich lange nicht gesehen, fand von beiden Seiten eine sehr warme Begrüßung statt.

»Gerade in diesem Augenblick dachte ich an Sie«, sagte Nikolas.

»Bravo«, rief Newman, »bei mir war's auch der Fall. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich mußte Sie heute abend aufsuchen. Ich glaube, ich bin irgendeiner Sache auf der Spur.«

»Und das wäre?« fragte Nikolas, über die seltsame Mitteilung lächelnd.

»Ich weiß nicht, was es ist, und ebensowenig, was es nicht ist«, erklärte Newman. »Es handelt sich um ein Geheimnis, an dem Ihr Onkel beteiligt ist, das ich noch nicht herausschnüffeln konnte, obgleich ich starken Verdacht hege. Ich will die Sache jedoch vorderhand für mich behalten, damit Sie nicht etwa irregehen.«

»Irregehen?« rief Nikolas. »Bin ich bei der Sache beteiligt?«

»Es kommt mir so vor«, antwortete Newman. »Mir ist ein Gedanke durch den Kopf geschossen, als müßte es der Fall sein. Ich habe einen Menschen gefunden, der offenbar mehr weiß, als er auf einen Sitz zu enthüllen gedenkt. Er ließ gewisse Winke fallen, die mich stutzig machten – ich sage, die mich sehr stutzig machten«, setzte er hinzu und rieb seine rote Nase noch röter, Nikolas mit unverwandt starrem Blick betrachtend.

Höchst neugierig, was seinen alten Freund zu solcher Geheimniskrämerei bewegen könnte, bemühte sich Nikolas durch alle möglichen Fragen, Licht in die Sache zu bekommen. Aber vergeblich. Newman ließ sich zu keiner näheren Erörterung herbei, wiederholte nur dasselbe wirre Zeug, dessen er sich bereits entledigt hatte, und bewies in einer Rede ohne jeden Zusammenhang, wie nötig es sei, außerordentlich vorsichtig zu Werke zu gehen. Der luchsäugige Ralph Nickleby habe ihn bereits zusammen mit seinem unbekannten Gewährsmann gesehen, und nur seiner außerordentlichen Vorsicht hinsichtlich Benehmens und der Art und Weise, wie er sich ausgeredet, da er natürlich auf einen derartigen Fall von Anfang an vorbereitet gewesen sei, wäre es zu danken, daß er den Alten getäuscht habe.

Der Schwäche seines Freundes eingedenk – die übrigens jeder an der roten Nase des Gentlemans, die wie ein Leuchtturm ins Auge stach erkennen mußte – führte Nikolas Newman in ein abgelegenes Wirtshaus, und hier kamen sie gar bald auf den Anfang und den Verlauf ihrer Bekanntschaft zu sprechen und ließen dabei die verschiedenen kleinen Ergebnisse, die schließlich bei der Geschichte mit Miss Cäcilie Schöps endeten, Revue passieren.

»Und das erinnert mich«, sagte Newman, daß Sie mir niemals den wahren Namen der jungen Dame, die Sie meinen, genannt haben.«

»Madeline«, sagte Nikolas.

»Madeline?!« rief Newman. »Was? – Madeline? Und ihr Familienname – wie heißt sie mit dem Familiennamen?«

»Bray«, entgegnete Nikolas, über das Entsetzen seines Freundes nicht wenig verblüfft.

»Es ist dieselbe!« rief Newman. »Eine böse Geschichte das! Und Sie können müßig zusehen, wie diese unnatürliche Hochzeit vor sich geht, ohne auch nur einen Versuch zu machen, sie zu retten?«

»Was soll das heißen?« fuhr Nikolas auf. »Hochzeit? Sind Sie toll?«

»Toll? Gott bewahre«, remonstrierte Newman. »Aber das Mädchen – und Sie – sind Sie blind, taub, gefühllos oder überhaupt schon tot? Wissen Sie vielleicht nicht, daß sich als Resultat der Unterhandlungen Ihres Onkels Ralph Miss Madeline übermorgen mit einem Mann verehelichen soll, der ebenso schlecht ist wie er? – Ja, noch schlechter, wenn das überhaupt möglich ist. Wissen Sie nicht, daß nach Ablauf von vierundzwanzig Stunden – so gewiß, wie Sie lebendig hier stehen – einem eisgrauen Sünder, einem Satan von Haus aus, der in jeder Niederträchtigkeit reich geworden ist, ein junges unschuldiges Wesen geopfert wird?«

»Bedenken Sie, was Sie sagen«, ächzte Nikolas, »um Gottes willen, bedenken Sie. Ich bin hier allein, und die, die zu ihrer Rettung die Hand reichen könnten, sind ferne. Wie soll ich übrigens das alles verstehen?«

»Ich habe nie ihren Namen gehört«, erklärte Newman atemlos vor Eifer, »warum haben Sie ihn mir nicht gesagt? Wie konnte ich das alles wissen? Wir hätten dann wenigstens Zeit gehabt, ein bißchen zu überlegen.«

»Was sollen alle diese Reden?« rief Nikolas, denn es war nicht so leicht, Klarheit in die Sache zu bekommen. Aber nach vielen wilden Gestikulationen und pantomimischen Erklärungen, die natürlich kein Licht zu verbreiten imstande waren, drückte Nikolas, fast ebenso verwirrt wie Newman Noggs, diesen in einen Stuhl nieder und hielt ihn so lange fest, bis er seine Erzählung begann.

Unwille, Staunen, Wut, kurz, ein ganzer Sturm von Leidenschaften durchbrauste Nikolas' Herz, als er das Komplott so offen vor seinen Augen daliegen sah. Er war kaum klar in der Sache geworden, als er bereits mit aschfahlem Gesicht und an allen Gliedern zitternd aufsprang und aus dem Hause hinausstürzte.

»Haltet ihn auf!« rief Newman, ihm nacheilend. »Er weiß nicht, was er tut – er bringt jemand um. Halloh! He! Haltet ihn auf, haltet den Dieb! Haltet den Dieb!«

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