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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
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50. Kapitel

Eine Katastrophe.

Das kleine Wettrennen in Hampton stand im Zenit seiner glanzvollen Heiterkeit. Der Tag war so schön wie nur irgend möglich, und die Sonne strahlte heiß von dem wolkenlosen Himmel herab. Jeder bunte Wimpel, der von den Wagensitzen und den Spitzen der prunkvollen Zelte in der Luft flatterte, zeigte seine fröhlichsten Farben; jedes schmutzige Fähnchen schien neues Leben bekommen zu haben, die abgeriebenen Vergoldungen waren aufgefrischt, und ehemals stockfleckige Leinwand prangte in der Weiße des Schnees. Selbst die Lumpen der Bettler schienen glänzend geworden zu sein, und die allgemeine Wohltätigkeit erlahmte beim Anblicke einer so malerischen Armut.

Es war eine jener lebensvollen Szenen, die überall einen angenehmen erquickenden Eindruck ausüben müssen, denn wem das Auge von Prunk und Schaugepränge ermüdet ist oder das Ohr taub geworden von unaufhörlichem Lärm, dessen Sinne ruhen aus, wenn überall die Gesichter vor Vergnügen strahlen und die Erinnerung an störende Geräusche durch den Anblick von Lust und Heiterkeit ertötet wird. Sogar die sonnenverbrannten Gesichter halbnackter Zigeunerkinder verbreiten dann Lust und Behagen. Es hat etwas Erfreuliches, zu fühlen und zu wissen, daß sie Kinder sind und Kinderjahre genießen, und wenn ihre Kissen auch feucht sind vom Tau des Himmels, so sind sie es doch nicht von Tränen. Die Glieder ihrer Mädchen sind frei und nicht verkrüppelt oder verkümmert wie die der Stadtkinder, und wenn sie auch in den Tag hineinleben, so verbringen sie doch ihre Kindheit unter säuselnden Bäumen und nicht umgeben von sausenden Maschinen, bei denen unsere Jugend alt wird, ehe sie weiß, was Spiel ist, und das Siechtum und das Gebrechen des Alters erfährt, ohne die tröstliche Aussicht auf baldige Erlösung zu haben wie der Greis. Wollte Gott, die alten Ammenmärchen würden wieder zur Wahrheit und die Zigeuner stählen solche Kinder zu Hunderten und Tausenden.

Das Hauptrennen des Tages war soeben vorüber, die dichten Volksreihen zu beiden Seiten der Rennbahn lichteten sich mit einem Schlag, und alles stürmte in die Rennbahn hinein, eine tumultvolle Szene, die dem Bild ein neues Leben zu verleihen schien. Viele drängten sich, das Pferd zu betrachten, das den Preis davongetragen, und die Vornehmen suchten mit nicht geringerem Ungestüm ihre Wagen wieder auf, die sie verlassen hatten, um das Rennen besser sehen zu können. Hier umringte eine kleine Gruppe einen Würfeltisch, um zuzuschauen, wie irgendein unglücklicher Gelbschnabel gerupft wurde, dort wieder suchte ein Glücksritter mit seinen geschickt verkleideten Helfershelfern – der eine mit einer Brille, der andere mit Lorgnette und Modehut, ein dritter als ehrlicher Landpächter verkleidet und einer großen ledernen Brieftasche voll falscher Banknoten, alle aber mit schwerstieligen Peitschen in den Händen, um harmlose Bauern vorzustellen oder Ökonomen, die zu Pferd angekommen wären – durch geschicktes Arrangieren von Spielchen irgendeinen unvorsichtigen Gimpel anzulocken. Dort wieder sammelte sich die Menge in weitem Kreis um einen Gaukler; nicht weit davon wurde ein angeketteter Stier gehetzt, Bauchredner hielten Zwiegespräche mit Holzpuppen, und wahrsagende Weiber überschrien den Lärm der Kinder. Die Trinkzelte füllten sich, die vornehmen Herrschaften in ihren Equipagen begannen aus ihren Speise- und Flaschenkörben zu tafeln, die Augen strahlten, Taschendiebe überzählten den Gewinn des Tages, und die Aufmerksamkeit, die kurz zuvor noch auf den einzigen Gegenstand allgemeinen Interesses gerichtet gewesen, wurde plötzlich durch hunderterlei andere Dinge in Anspruch genommen. Überall, wohin man sich wandte, ein buntes Gewimmel, schmausend, lachend, plaudernd, bettelnd, spielend oder lustigen Mummenschanz treibend.

Da waren Spielbuden aller Art und Auswahl. Überall prunkende Teppiche, scharlachrote Dächer, Geranien und livrierte Bediente. Da gab es Zelte für den Fremden-Klub, für den Hampton-Klub, den St.-James-Klub, den Athenaeums-Klub, kurz, eine Meile weit nichts als Klubzelte, um darin sein Glück zu probieren bei Rouge-et-noir, Roulette, La Merveille und so fort. In einem dieser Zelte spielt jetzt unsere Geschichte.

Es enthielt drei Spieltische und war so gedrängt voll von Zuschauern und Spielern, daß eine fast unerträgliche Hitze darin herrschte, trotzdem es das größte auf dem Rennplatz war und die Luft sowohl durch das zum Teil aufgerollte Dach, wie auch durch die des bequemeren Ein- und Ausgangs wegen offenstehenden beiden Türen freien Durchzug hatte. Mit Ausnahme von ein paar vornehm gekleideten Herren, die große Summen setzten und offenbar Berufsspieler waren, bestand der größte Teil der Besucher aus jungen Leuten, die entweder bloß aus Neugierde zuschauten oder nur geringe Summen wagten und im allgemeinen nur ein mäßiges Interesse an dem Gewinn oder Verlust, der sich an der Bank abspielte, an den Tag legten. Höchstens zwei von ihnen verdienten als würdige Repräsentanten einer bestimmten Klasse Menschen eine flüchtige Berücksichtigung.

Der eine von ihnen, ein Gentleman von sechs- oder achtundfünfzig Jahren, saß in der Nähe einer der Eingänge auf einem Stuhl, die Hände über seinem Stockknauf gefaltet und das Kinn darauf gestützt. Er war groß und stark und bis an den Hals in einen hellgrünen Rock geknöpft, was seine ohnehin schon hohe Figur noch größer erscheinen ließ. Außerdem trug er braune Hosen und Gamaschen, eine weiße Krawatte und einen ebensolchen Hut mit breiter Krempe. Das unaufhörliche Gesumm an den Spieltischen und das unablässige Ab- und Zuströmen der Menge schien ihn vollkommen kaltzulassen, und jeder zufällige Beobachter würde geglaubt haben, er nähme an dem Treiben nicht den mindesten Anteil. Stumm und gelassen saß er da; nur von Zeit zu Zeit nickte er irgendeinem Vorübergehenden zu oder winkte einem Kellner, wenn dem Rufe irgendeines Gastes nicht rasch genug Folge geleistet wurde. Doch schon im nächsten Augenblick hatte er wieder seine frühere Stellung eingenommen. Man hätte ihn ganz gut für irgendeinen stocktauben alten Herrn halten können, der nur hiersaß, um auszuruhen, oder für jemand, der geduldig und ohne sich um das Getriebe zu kümmern auf einen Freund wartete. Wenn man sich nach ihm umwandte und ihn anblickte, so verriet er durch nichts, daß er einen bemerkte, wie denn auch ganze Scharen an ihm vorbeizogen, ohne daß er die geringste Notiz davon nahm. Wenn er wirklich einmal eine Bewegung machte, so mußte schon etwas Bedeutendes vorgegangen sein. Trotz alledem aber beobachtete er genau jedes Gesicht der Ein- und Ausgehenden, und nichts, was an einem der drei Tische vorging, kein Wort, das vom Croupier gesprochen wurde, entging ihm – war er doch der Eigentümer des Spielzeltes.

Der andere präsidierte am Rouge-et-noir-Tisch. Er schien etwa zehn Jahre jünger als der erste zu sein, hatte ein rotes Gesicht, einen Schmerbauch und eine wahrscheinlich infolge des stetigen stillen Geldzählens beim Gewinnverteilen etwas aufgeworfene Unterlippe, die jedoch dem ausgesprochen jovialen Ausdruck seines Gesichtes keinen Abbruch tat. Er hatte der herrschenden Hitze wegen seinen Rock ausgezogen und stand am Tisch hinter einem großen Haufen von Kronen und Halbkronen und einem Kästchen, in dem die Banknoten lagen. Das Spiel nahm seinen ununterbrochenen Fortgang, denn wohl zwanzig Spieler setzten immer zur gleichen Zeit. Die Beschäftigung des Gentlemans bestand darin, daß er das Roulette in Bewegung zu setzen hatte, die Einsätze im Auge behalten mußte und das Auszahlen und Einstreichen besorgte, was er alles mit wahrhaft bewunderungswürdiger Gewandtheit und Raschheit tat, ohne jemals nachzudenken, sich zu irren, innezuhalten oder sein Kauderwelsch von unzusammenhängenden Phrasen auch nur einen Augenblick zu unterbrechen.

»Rusch-ä-noar, meine Herren – bitte zu setzen, meine Herren, ganz nach Belieben – solange noch die Kugel rollt – Rusch-änoar, ein Spiel aus Paris, meine Herrn, ich habe es vor kurzem mitgebracht. Rusch-änoar – schwarz gewinnt – schwarz – einen Augenblick, Sir, ich werde sofort auszahlen – hier zwei Pfund hier ein halbes – hier drei – hier eins. Meine Herren, die Kugel rollt wieder. – Bitte zu setzen, Sir – das ist das Schöne an diesem Spiel, daß Sie ihre Einsätze immer verdoppeln oder aber einstreichen können, solange die Kugel noch rollt – wieder schwarz gewonnen – schwarz – hab' so was wirklich noch nicht erlebt. Mein Wort – niemals. Hätte jemand in den letzten fünf Minuten beständig auf schwarz gesetzt, müßte er jetzt fünfzig Pfund für eins gewonnen haben. – Wir haben Portwein am Buffet, meine Herren, Zigarren und vorzüglichen Champagner. – Kellner, eine Flasche Champagner und ein Dutzend Zigarren hierher! – Warum sollten wir's uns nicht behaglich machen, meine Herren – ein paar reine Gläser, Kellner – solange die Kugel noch umläuft – ich habe gestern hundertsiebenunddreißig Pfund bei einem einzigen Spiel als Bankier verloren, meine Herren – wahrhaftig – oh, wie geht es Ihnen, Sir? –« Und so sprach er fort, immerwährend das Roulette in Bewegung haltend, die Augen überall, und hie und da dem Kellner einen Wink gebend.

Er war mitten in seiner Tätigkeit, als einige Herren die Bude betraten, vor denen der wohlbeleibte Herr am Eingang verbindlichst seinen Hut zog. Es war Sir Mulberry Hawk, begleitet von seinem Freunde nebst ein paar andern Gentlemen von wenig vertrauenerweckendem Aussehen.

Der Eigentümer des Spielzeltes wünschte Sir Mulberry mit leiser Stimme einen guten Tag. Ebenso leise hieß ihn Sir Mulberry zum Teufel gehen, wendete sich ab und plauderte mit seinen Freunden. Offenbar empfand er einiges Unbehagen bei seinem jetzigen ersten öffentlichen Auftreten nach seinem gehabten Unfall, und man konnte leicht sehen, daß er zum Wettrennen weniger des Vergnügens wegen als in der Hoffnung erschienen war, recht viele Bekannte auf einmal zu treffen, um in einem Aufwaschen der Verdrießlichkeit eines ersten Wiedersehens enthoben zu sein. Sein Gesicht trug noch die leichten Spuren von Schrammen, und sooft er die Blicke eines Bekannten auf sich gerichtet sah, was fast jede Minute geschah, machte er unwillkürlich den Versuch, sie mit seinem Handschuh zu verdecken, deutlich dadurch verratend, wie lebhaft er den ihm widerfahrenen Schimpf empfand.

»Ah, Hawk!« rief ein sehr nobel gekleideter Gentleman in Gehrock, ausgesucht geschmackvoller Halsbinde und allen andern Erfordernissen der Tagesmode. »Wie geht es Ihnen, alter Bursche?«

Es war ein Nebenbuhler Sir Mulberry Hawks, der sich ebenfalls mit der Ausbeutung und »Erziehung« junger reicher adeliger Herren befaßte – ein Mensch, den Sir Mulberry von allen am meisten haßte und dessen Begegnung ihm wenig lieb war. Sie drückten indessen einander ungemein herzlich die Hände.

»Und wie geht es Ihnen jetzt, alter Freund?«

»Vortrefflich, ganz vortrefflich«, murmelte Sir Mulberry.

»Oh, das freut mich«, rief der andere. »Und wie geht es Ihnen, Mylord? Unser gemeinsamer Freund scheint ein wenig angegriffen zu sein – noch immer nicht ganz hergestellt, he?« – Der junge Mann hatte sehr weiße Zähne und schloß seine Sätze immer mit der Silbe »he«, um sein tadelloses Gebiß besser zeigen zu können.

»Ich wüßte nicht, warum er anders aussehen sollte als sonst«, sagte der junge Aristokrat sorglos.

»Wirklich? Das freut mich«, erwiderte der andere. »Sie sind eben erst von Brüssel zurückgekommen? He?«

»Wir sind gestern abend in London angekommen«, bestätigte Lord Frederic. Sir Mulberry wandte sich ab, um wieder mit seinen Freunden zu sprechen, und tat, als ob er nichts gehört habe.

»Nun, wahrhaftig«, fuhr der junge Gentleman halblaut fort, aber doch so, daß es alle hören konnten, »Hawk beweist viel Mut, daß er sich so bald wieder in der Öffentlichkeit sehen läßt. Er war gerade lange genug abwesend, um die Neugierde zu reizen, und andererseits nicht lange genug, als daß der unangenehme Vorfall – äh – Sie sind doch gewiß von der Sache unterrichtet – in Vergessenheit hätte geraten können. Warum hat er denn die verwünschten Zeitungen nicht Lügen gestraft? Ich lese selten Zeitungen und warf nur so gelegentlich einen Blick um der Geschichte willen hinein – vielleicht habe ich –«

»Werfen Sie morgen oder vielleicht übermorgen wieder einmal einen Blick hinein«, unterbrach ihn Sir Mulberry, sich rasch umwendend.

»Ach Gott, lieber Freund, ich sage doch, ich lese selten oder fast nie Zeitungen«, erwiderte der andere achselzuckend; »aber gut, ich will es tun. – Und was soll drinstehen, he?«

»Guten Tag«, schnitt ihm Sir Mulberry das Wort ab, wendete sich weg und zog den jungen Lord mit sich.

Gleich darauf verfielen er und Lord Frederic jedoch wieder in ihren gewohnten Schlendergang und verließen Arm in Arm das Spielzelt.

»Er soll zwar nicht gerade von Mord und Totschlag zu lesen bekommen«, brummte Sir Mulberry mit einem Fluch; »aber doch von etwas, was daran streift: von so etwas wie Peitschenhieben und Prügeln und so weiter.«

Der junge Aristokrat schwieg, aber es lag in seinem Schweigen etwas, was Sir Mulberry fast ebenso in Wut brachte, als habe er plötzlich Nikolas Nickleby in eigener Person erblickt.

»Ich habe heute morgen vor acht Uhr Jinkins zu Nickleby geschickt«, fuhr Hawk fort. »Der Alte ist ein zuverlässiger Bursche und sprach gleich darauf bei mir vor. Ich wußte schon in den ersten fünf Minuten Bescheid und kenne jetzt Ort und Zeit, wo ich den Lümmel treffen kann. Aber wozu viel schwätzen – der morgige Tag wird es schon lehren.«

»Und was soll morgen geschehen?« fragte Lord Frederic.

Sir Mulberry gab weiter keine Antwort und warf seinem Freund nur einen finsteren Blick zu; dann gingen beide verdrießlich, wie tief in Gedanken, weiter. Als sie das Gedränge hinter sich hatten und fast allein waren, wandte sich Sir Mulberry um und wollte wieder zurückkehren.

»Halt«, sagte der junge Aristokrat; ich möchte mit Ihnen sprechen – im Ernst –, bleiben Sie! Wir wollen vielleicht ein paar Minuten hier auf und ab gehen.«

»Was könnten Sie mir mitzuteilen haben, was Sie dort nicht ebensogut wie hier sagen könnten?« erwiderte Sir Mulberry und ließ den Arm seines Freundes los.

»Hawk«, begann der junge Aristokrat, »sagen Sie mir – ich muß wissen –«

»Müssen?« fiel ihm Sir Mulberry verächtlich in die Rede. »Ah so – nein, nein, nur weiter, wenn Sie wissen müssen, so bleibt mir natürlich nichts anderes übrig, als zuzuhören. Also: was müssen Sie wissen, wenn ich bitten darf?«

»Ich möchte eine Frage an Sie stellen«, erklärte Lord Frederic, »und ich bestehe auf einer offenen unumwundenen Antwort. Hat Ihnen das, was Sie soeben sagten, der Augenblick eingegeben, waren Sie vielleicht nur durch vorübergehende Aufregung und üble Laune dazu veranlaßt, oder ist es Ihre ernste und wohlüberlegte Ansicht?«

»Ich dächte, Sie müßten sich doch erinnern, was ich über dieses Thema, als ich mit gebrochenem Bein im Bette lag, sagte«, erwiderte Sir Mulberry höhnisch.

»Allerdings.«

»Gut, so nehmen Sie das in Teufels Namen als Antwort und drängen Sie mich nicht weiter.«

Der Einfluß, den Hawk auf den jungen Lord hatte, war so groß, daß dieser einen Augenblick eingeschüchtert das Thema fallen lassen zu wollen schien. Bald kämpfte er jedoch gegen den innern Zwang an und erwiderte unwillig:

»Nun, wenn ich mich auch erinnere, was damals für Worte fielen, so bitte ich Sie andererseits auch, sich gefälligst ins Gedächtnis zurückzurufen, daß ich gerade damals eine sehr entschiedene Ansicht aussprach und erklärte, daß Sie mit meinem Wissen und Willen die Drohung, die Sie damals fallenließen, nicht zur Ausführung bringen dürften.«

»Wollen Sie mich vielleicht daran hindern?« fragte Sir Mulberry spöttisch.

»J-aa, wenn ich kann«, erwiderte der junge Aristokrat rasch.

»Na, dann haben Sie wenigstens eine gute Hintertüre, von der Sie nötigenfalls Gebrauch machen können«, höhnte Sir Mulberry. »Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten und überlassen Sie mir die meinigen.«

»Aber hier handelt es sich eben um die meinigen«, fuhr Lord Frederic auf. »Ich fühle mich in der Sache mehr kompromittiert, als mir paßt.«

»Das können Sie halten, wie es Ihnen beliebt«, sagte Sir Mulberry mit geheuchelter guter Laune. »Weiter werden Sie aber hoffentlich nichts von mir verlangen, zumal ich nicht auf Ihren Beistand rechne. – Ich möchte übrigens niemand geraten haben, sich in Dinge zu mengen, die durchzuführen ich mich einmal entschlossen habe, und ich glaube, Sie kennen mich zu gut, um etwas Derartiges versuchen zu wollen. Ich nehme an, Sie haben mir offenbar mit Ihrem Rat an die Hand gehen wollen, und zweifle nicht, daß Ihre Absicht gut war, aber ich kann leider keine Rücksicht darauf nehmen. Wenn es Ihnen übrigens jetzt paßt, könnten wir zu unserm Wagen zurückkehren. Ich finde diese Unterhaltung ziemlich verdrießlich, und wenn wir dies Gespräch länger fortführen, könnte es Streit zwischen uns geben, was weder von Ihnen noch von mir besonders klug wäre.«

Damit hielt Sir Mulberry das Thema für beendet, gähnte und trat ruhig seinen Rückweg an.

In seiner Art, die Sache zu behandeln, lag eine tiefe Kenntnis des Charakters Lord Frederics; er sah voraus, daß der junge Aristokrat heftig werden würde, wenn er selbst diesen Ton anschlüge, und nahm daher die sorgloseste und gleichgültigste Miene an, die er zur Verfügung hatte, innerlich jedoch fest entschlossen, für die ihm aufgezwungene Rolle sich nicht nur an Nikolas entsprechend zu rächen, sondern auch den jungen Lord auf die eine oder andere Weise später dafür teuer büßen zu lassen. Er hatte sein Opfer von jeher innerlich nur mit höchster Verachtung betrachtet, und wo dieses sich jetzt erkühnte, anderer Meinung als er zu sein und in einer Art von Überlegenheit zu ihm zu sprechen, verwandelte sich seine Mißachtung geradezu in Haß. Er wußte genau, wie sehr er – im verächtlichsten Sinne des Wortes – von dem schwachen jungen Aristokraten abhängig war, und um so weniger konnte er jetzt eine Demütigung von dieser Seite her ertragen.

Was Lord Frederic anbetraf, hatte dieser über die Affäre Nikolas Nickleby länger nachgedacht, als er in ähnlichen Fällen sonst wohl getan haben würde, und das hatte einen männlichen und ehrenhaften Entschluß in ihm geweckt. Sir Mulberrys rohes und beleidigendes Benehmen bei dem fraglichen Anlaß hatte ihn tief verstimmt, und von Zeit zu Zeit tauchte in ihm auch der Argwohn auf, als sei er selbst, was Kate Nickleby betraf, nur als Werkzeug mißbraucht worden. Es bedurfte nur eines höchst unbedeutenden Anlasses, um seinen Groll offen zum Ausbruch zu bringen, und dieser bot sich ihm jetzt durch den verächtlichen und unverschämten Ton, dessen sich Hawk bediente.

Sie stießen inzwischen wieder zu ihren Freunden, jeder tiefen Haß in der Brust, und der junge Lord darüber brütend, wie die Nikolas Nickleby angedrohte Rache womöglich durch ein entschiedenes Dazwischentreten seinerseits zu verhindern sei.

Dies war aber noch nicht alles. Sir Mulberry, wähnend, seinen Gegner endgültig zum Schweigen gebracht zu haben, konnte seine Triumphgefühle nicht unterdrücken und sich ebensowenig enthalten, seinen vermeintlich errungenen Vorteil weiter zu verfolgen. Mr. Pyke war zugegen, Mr. Rupfer ebenfalls, Oberst Chouser und Konsorten desgleichen, und um so mehr hielt er es für angebracht zu zeigen, daß er seinen Einfluß auf den jungen Aristokraten keineswegs eingebüßt habe. Anfangs begnügte sich Lord Frederic mit einem stillen innerlichen Entschluß, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, um seiner Verbindung mit Hawk nötigenfalls auf der Stelle ein Ende zu machen, allmählich geriet er jedoch immer mehr in Zorn und wurde aufs höchste erbittert durch eine Reihe von Scherzen und Vertraulichkeiten, die ihn noch vor wenigen Stunden amüsiert haben würden. Da er Sir Mulberry, was Wortgefechte und Plänkeleien anbelangte, nicht gewachsen war, hätte man denken sollen, daß es sogleich zu einem heftigen Bruch hätte kommen müssen, aber vorläufig schwieg er noch, und so kehrten sie gemeinsam nach London zurück, wobei die Herren Fyke und Rupfer unterwegs des öftern beteuerten, Sir Mulberry Hawk in ihrem ganzen Leben noch nie so übersprudelnd von Witz und Geist gesehen zu haben.

Gemeinsam nahmen sie ein üppiges Dinner ein. Der Wein floß reichlich, wie dies überhaupt schon den ganzen Tag über der Fall gewesen war. Sir Mulberry trank, um sich für die Entbehrungen der letzten Zeit zu entschädigen, der junge Lord, um seinen Unwillen zu ersäufen, und der Rest der Gesellschaft, weil der Wein gut war und sie nichts zu bezahlen brauchten. Es schlug Mitternacht, als sie erhitzt vom Wein und mit fiebernden Köpfen zum Spieltisch eilten.

Dort begegneten sie einer andern, nicht minder tollen Gesellschaft. Die Aufregung des Gewinnens und Verlierens, der überhitzte Raum und die blendende Beleuchtung waren nicht geeignet, den bevorstehenden Sturm zu beschwichtigen. Inmitten all des Lärms und der Verwirrung wurden sie sämtlich wie wahnsinnig. Wer von ihnen dachte im Rausch des Augenblicks an Geld, Ruin oder an das Morgen? Immer mehr Wein wurde bestellt. Ein Glas nach dem andern gossen sie herunter, und ihre fiebernden Lippen glühten vor Durst. Das war Öl auf lodernde Flammen. Die Schlemmerei erreichte ihren höchsten Grad – die Gläser entglitten den Händen, die sie nicht mehr zum Munde zu führen vermochten, man lallte, kaum mehr fähig, Worte zu bilden, Flüche, einige stiegen auf die Tische und schwangen die Flaschen über den Köpfen, wieder andere tanzten und brüllten oder zerrissen wütend die Karten. Die Verwirrung und der Tumult hatten die höchste Höhe erreicht, als sich plötzlich ein Lärm erhob, der alles überbot. Zwei Männer hatten einander an der Kehle gepackt und rangen miteinander.

Man riß sie auseinander.

»Lassen Sie mich los!« keuchte Sir Mulberry mit heiserer Stimme. »Er hat mich geschlagen. Hören Sie denn nicht? Ich sage, er hat mich geschlagen! Ist denn keiner meiner Freunde hier? – Wer ist das? Westwood? Haben Sie denn nicht gehört, was ich sage? Er hat mich geschlagen!«

»Ich höre doch«, rief einer der Gentlemen, die ihn festhielten, »kommen Sie, kommen Sie – beruhigen Sie sich!«

»Ich will nicht – zum Teufel, ich will nicht!« brüllte Hawk; »Mindestens ein Dutzend Leute haben gesehen, wie er mich geschlagen hat.«

»Dafür ist morgen Zeit genug«, suchte ihn der andere zu beschwichtigen.

»Nein, nein, nicht Zeit genug«, rief Sir Mulberry, mit den Zähnen knirschend, »heute nacht – auf der Stelle – hier –«

Die Wut hatte ihn so überwältigt, daß er keinen verständigen Laut mehr hervorzubringen vermochte, sondern nur noch mit geballten Fäusten dastand, die Haare zerrauft und mit den Füßen auf den Boden stampfend.

»Was soll das heißen, Mylord?« fragte einer von den Gentlemen, die Sir Mulberry umringten, Lord Frederic. »Ist es zu Schlägen gekommen?«

»Zu einem Schlag«, war die keuchende Antwort. »Ich habe ihn geschlagen – und erkläre es hier vor der ganzen Gesellschaft. Ich habe ihn geschlagen, und er weiß genau warum. Ich hab' es ihm gesagt. Wir wollen den Streit sogleich zu Ende bringen. Kapitän Adams« – der junge Lord sah sich hastig um und wendete sich zu einem der jungen Leute, die sich ins Mittel gelegt hatten – »ich muß ein paar Worte mit Ihnen sprechen.«

Der Angeredete trat vor, ergriff den Arm des jungen Aristokraten, und beide entfernten sich sofort. Gleich darauf folgte auch Sir Mulberry mit seinen Freunden.

Der Schauplatz, auf dem dieser Tumult stattfand, war ein Haus allerschlechtesten Rufes, wo eine solche Affäre Teilnahme weder für die eine noch für die andere Partei erwecken konnte und daher Vermittlungsversuche durchaus nicht am Platze waren, sonst wäre wohl ein solcher Schritt geschehen und allen Beteiligten Zeit gelassen worden, nüchtern und ruhig zu handeln. Hier lag die Sache anders. In ihrer Orgie gestört, brach die Gesellschaft auf. Einige taumelten trunken hinaus, andere entfernten sich lärmend, den Vorfall, dessen Zeugen sie soeben gewesen, besprechend, und ein paar Ehrenmänner, die vom Gewinn am Spieltisch zu leben pflegten, ließen beim Hinausgehen die Bemerkung fallen, Hawk sei ein guter Schütze, und diejenigen, die vorher noch am lautesten geschrien, legten sich auf die Sofas schlafen, ohne sich weiter um etwas zu kümmern.

Mittlerweile besprachen sich die beiden Sekundanten zuerst mit ihren Mandanten und dann miteinander in einem anstoßenden Zimmer. Beide waren vollkommen kaltherzige Menschen, in allen Lastern Londons abgebrüht, beide tief in Schulden, beide aus ehrenwerter Gesellschaft verbannt und mit jeder Nichtswürdigkeit vertraut, für die gute Kreise allenfalls noch einen beschönigenden Namen finden könnten – trotz alledem aber selbstverständlich Männer von »unbefleckter Ehre« und außerordentlich kitzlig, was den Ehrenstandpunkt anderer Leute betraf.

Sie schienen ungemein vergnügt über den Vorfall, mußte er doch notwendigerweise Aufsehen erregen und ihren Ruf dadurch beträchtlich erhöhen.

»Eine nette Geschichte, Adams, was?« fragte Westwood und warf sich in die Brust.

»Sehr bös«, versetzte der Kapitän; »es ist ein Schlag gefallen, und da gibt es natürlich nur einen Ausweg.«

»An Abbitte ist wohl nicht zu denken, was?« sondierte Mr. Westwood.

»Ausgeschlossen, Sir, bei meinem Mandanten, und wenn ich ihm bis zum jüngsten Tage zureden sollte«, erwiderte der Kapitän. »Der ursprüngliche Anlaß zu dem Streit war, wie ich hörte, ein junges Mädchen, über das Ihr Mandant gewisse Ausdrücke fallenließ, die sich Lord Frederic als beleidigend für die besagte Dame verbat. Dies führte dazu, eine andere mißliche alte Geschichte aufzuwärmen, und zu Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen. Sir Mulberry wurde sarkastisch. Lord Frederic brauste auf und versetzte ihm schließlich in der Hitze des Streites und unter sehr erschwerenden Umständen einen Schlag ins Gesicht. Für diesen Schlag will Lord Frederic aufkommen, wenn von Sir Mulberrys Seite nicht vollständige Abbitte stattfindet.«

»Da gibt es weiter nichts mehr zu unterhandeln«, meinte der andere Sekundant, »und wir täten gut, Ort und Stunde für das Duell gleich zu bestimmen. Es ist freilich eine gewisse Verantwortlichkeit dabei, aber mein Mandant brennt darauf, die Sache in Kürze abzumachen. Vielleicht bei Sonnenaufgang? Wie? Haben Sie etwas dagegen?«

»Das ist allerdings rasch«, brummte der Kapitän, seine Uhr zu Rate ziehend, »aber in Anbetracht dessen, daß die Sache wohl schon lange unter der Asche glühte, hieße weiteres Parlamentieren nur Worte verschwenden.« –

»Da der Vorgang wohl bald ruchbar werden wird, dächte ich, wäre es wünschenswert, wenn wir ohne Verzug aufbrechen«, riet Mr. Westwood. »Was meinen Sie zu einer der Wiesen Twickenham gegenüber auf der Flußseite?«

Der Kapitän hatte nichts dagegen einzuwenden.

»Vielleicht treffen wir uns in der Allee, die von Petersham nach Hamhouse führt, und bestimmen dort den Platz näher?«

Auch diesem Vorschlag pflichtete der Kapitän bei. Nach kurzer Verabredung hinsichtlich des Weges, den jede der beiden Parteien einzuschlagen habe, um jeden Verdacht zu vermeiden, trennten sie sich.

»Wir haben gerade noch Zeit, Mylord«, sagte der Kapitän, als er den jungen Aristokraten von den gepflogenen Verhandlungen in Kenntnis gesetzt hatte, »in meinem Hause die nötigen Pistolen zu holen und dann, ohne uns weiter zu übereilen, hinauszufahren. Wenn Sie gestatten, will ich Ihren Bedienten wegschicken und meinen Wagen vorfahren lassen, da man den Ihrigen leicht erkennen könnte.«

Welcher Gegensatz, als sie auf der Straße anlangten, zu dem Schauplatz, den sie soeben verlassen hatten! – Der Tag brach bereits an. Dort der grelle unnatürliche Glanz künstlichen Lichtes, hier der klare strahlende herrliche Morgen, und statt der heißen, dumpfigen mit dem Qualm erlöschender Lampen und den widerlichen Gerüchen eines wüsten Gelages gemischten Atmosphäre die freie klare Gottesluft. Doch dem fiebernden Kopf, den sie kühl umfächelte, schien sie beladen mit Vorwürfen und Gewissensbissen über schlecht verbrachte Stunden. Dem jungen Lord brannte die Stirn, klopfte der Puls. Mit matten verstörten Blicken und wirren Gedanken empfand er den kommenden Tag wie einen Vorwurf, und es schauderte ihm vor dem Licht der Sonne wie vor einem häßlichen verabscheuungswürdigen Wesen. Sie schaudern«, sagte der Kapitän, »friert es Sie?«

»Ein wenig.«

»Nun, das ist einmal nicht anders, wenn man ein heißes Zimmer mit frischer Luft vertauscht. Hier nehmen Sie diesen Mantel. So – und jetzt fort.«

Der Wagen rasselte durch die ruhigen schlafenden Straßen, machte vor der Wohnung des Kapitäns Halt, verließ dann die Stadt und bog, ohne einem Hindernis zu begegnen, in die offene Landstraße ein.

Felder, Hecken, Gärten, Bäume – alles bot einen so schönen Anblick, und doch schien der junge Lord dies früher kaum beachtet zu haben, obwohl er viel tausendmal an dergleichen schon vorübergekommen war. Friede und Heiterkeit herrschte in der ganzen Natur und bildete mit der Verwirrung seiner halbtrunkenen Gedanken einen seltsamen und doch eindrucksvollen, ergreifenden Kontrast. Furcht war ihm fremd, aber wie er so um sich blickte, schien sein Zorn zu schwinden, und wenn auch alle ehemaligen Selbsttäuschungen hinsichtlich seines unwürdigen früheren Freundes dahin waren, so wünschte er doch innerlich, ihn lieber nie gesehen zu haben, als daß es jetzt zu einem solchen Ende kommen mußte.

Die vergangene Nacht, der vorige Tag und noch viele andre zurückliegende Tage und Nächte bildeten in seinem Bewußtsein eine einzige undeutlich wirbelnde Zeitmasse, und kaum vermochte er die Ereignisse voneinander zu trennen. Die letzte Nacht schien ihm bereits eine Woche zurückzuliegen, und entschwundene Monate tauchten vor ihm auf wie in die letzte Nacht zusammengedrängt. Die Räder sangen ihm eine wilde Melodie, in der er Bruchstücke bekannter Lieder unterschied, dann wieder war es ihm, als vernehme sein Ohr nichts als betäubende wirre Töne ähnlich denen eines Wasserfalls. Sein Begleiter neckte ihn wegen seiner Schweigsamkeit und plauderte lärmend auf ihn ein. Als der Wagen hielt, bemerkte Lord Frederic überrascht, daß er eine Zigarre rauche, aber trotz aller Mühe konnte er sich nicht entsinnen, wo und wann er sie sich angezündet hätte.

Sie hielten am Eingang der Allee, stiegen aus und überließen den Wagen der Obhut des Bedienten, eines abgefeimten Burschen, der an derlei Vorgänge fast ebenso gewöhnt war wie sein Herr. Sir Mulberry und sein Sekundant waren bereits zur Stelle, und alle vier gingen im tiefsten Schweigen die stattliche Reihe Ulmen entlang, die hoch über ihren Köpfen ihre Wipfel zusammenneigten und einen grünen gotischen Bogengang bildeten.

Nach einer Pause und einer kurzen Unterredung der Sekundanten miteinander wendeten sie sich rechts, schlugen einen Fußpfad über eine kleine Wiese ein, bis sie an Hamhouse vorüber zu den jenseits gelegenen Feldern gelangten. Auf einem von diesen machten sie Halt. Die Entfernung wurde abgeschritten, und die Duellanten stellten sich auf.

Jetzt schaute Sir Mulberry seinem Gegner zum erstenmal ins Gesicht. Er war sehr bleich, die Augen mit Blut unterlaufen, der Anzug in Unordnung, die Haare wirr – alles offenbar die Folge des letzten Tages und der letzten Nacht. In seinem Gesicht lag nichts als der Ausdruck häßlicher und wüster Leidenschaften. Er beschattete die Augen mit der Hand, blickte ein paar Sekunden fest auf seinen Gegner, nahm dann die ihm hingereichte Waffe entgegen, sah auf sie nieder und blickte erst wieder empor, als das Zeichen zum Feuern gegeben wurde.

Beide Schüsse fielen fast in derselben Sekunde. Der junge Lord heftete einen Moment einen starren Blick auf seinen Feind und fiel dann lautlos und ohne Wanken tot zu Boden.

»Der ist abgetan!« rief Westwood, nachdem er mit dem Gegensekundanten auf den Gefallenen zugegangen und sich neben ihm auf ein Knie niedergelassen hatte.

»Sein Blut komme auf sein eignes Haupt!« brummte Sir Mulberry. »Die Schuld war sein, er hat mich dazu gezwungen.«

»Kapitän Adams«, sagte Mr. Westwood hastig, »ich rufe Sie hiermit zum Zeugen an, daß alles in fairster Form vor sich gegangen ist. Hawk, wir dürfen jetzt keinen Augenblick verlieren. Wir müssen sofort nach Brighton und nach Frankreich zu entkommen suchen. Es war eine böse Sache, und sie kann noch schlimmer werden, wenn wir nur einen Augenblick Zeit verlieren. Adams, denken Sie jetzt an Ihre eigene Sicherheit und bleiben Sie nicht länger hier. Die Lebenden gehen den Toten vor – adieu.« Mit diesen Worten faßte er Sir Mulberry am Arm und drängte ihn eiligst fort. Kapitän Adams zögerte noch eine kleine Weile, bis er sich von der Richtigkeit, daß sein Mandant tot war, überzeugt hatte, und eilte dann, um seinem Bedienten Befehle wegen Entfernung der Leiche zu geben und seine eigene Person in Sicherheit zu bringen.

So starb Lord Frederic durch dieselbe Hand, die er mit Geschenken überhäuft und wohl tausendmal freundschaftlich gedrückt hatte, durch die Hand eines Mannes, ohne den und seinesgleichen er dereinst ruhig und glücklich im Kreise seiner Kinder hätte sterben können.

In ihrer ganzen Majestät stieg die Sonne am Himmel empor, der herrliche Strom schlängelte sich durch die Ebene, die Blätter rauschten in der Luft, die Vögel ließen ihre heitern Lieder von jedem Baum erschallen, und der Schmetterling freute sich, von Blume zu Blume flatternd, seines kurzen Lebens. Das Licht und das Leben des Tages erwachte, und auf der Erde lag – die Halme niederdrückend, von denen jeder wohl zwanzig zarte Leben trug –, das Antlitz starr gen Himmel gerichtet, die Leiche Lord Frederics.

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