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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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49. Kapitel

Berichtet von weiteren Maßnahmen der Familie Nickleby und dem Verlauf des Abenteuers mit dem Herrn in den Kniehosen.

Während Nikolas, ganz vertieft in das eine große Thema, das ihn in der letzten Zeit so in Anspruch genommen, seine Mußestunden mit Gedanken an Madeline Bray ausfüllte und bei den gelegentlichen Besuchen, die er infolge von Charles Cheerybles ängstlich besorgten Aufträgen zu machen hatte, jedesmal größere Gefahr für seinen Seelenfrieden lief, lebten seine Mutter und Kate ruhig dahin, durch keine anderen Sorgen bedrückt als durch die, die aus Mr. Snawleys Anstrengungen, seinen Sohn wiederzubekommen, und aus Smikes Befinden hervorgingen, dessen Gesundheit, schon seit langem angegriffen, infolge von Furcht und Ungewißheit derart zu leiden begann, daß die ganze Familie bisweilen in ernstester Unruhe schwebte.

Trotz alledem ließ der arme Junge selbst weder ein Murren noch eine Klage vernehmen. Stets übereifrig in seinen kleinen Dienstleistungen und immer ängstlich besorgt, seinen Wohltätern mit heitern und glücklichen Mienen zu begegnen, hätten weniger liebevolle Augen in seinem Aussehen wohl keinen Anlaß zu Besorgnissen gefunden. Aber es gab Stunden – und zwar oft genug –, wo aus seinen eingesunkenen Augen ein ungewöhnlicher Glanz strahlte, wo seine hohlen Wangen fieberhaft glühten, sein Atem schwer ging und sich eine Erschöpfung seines ganzen Organismus zeigte, die den Blicken seiner Freunde nicht entgehen konnte. Es gibt eine gewisse furchtbare Krankheit, die ihre Opfer sozusagen zum Tode schmückt, indem sie sie verschont und dem Antlitz unheimliche Anzeichen dessen, was da kommen soll, aufdrückt – eine schreckliche Krankheit, in der sich der Kampf zwischen Seele und Leib so allmählich, so ruhig, so feierlich und doch notwendigerweise so verheerend abspielt, daß der sterbliche Teil des Menschen mit jedem Tag mehr und mehr dahinsiecht, während der Geist im Vorgefühl einer höheren Freiheit und der Nähe der Unsterblichkeit ein neues irdisches Leben zu beginnen scheint – eine Krankheit, in der Tod und Leben sich so seltsam mischen, daß der Tod die Farbe des Lebens, das Leben aber die trübe Gestalt des Todes annimmt – eine Krankheit, die noch nie ein Arzt heilte, gegen die weder Reichtum schützt noch Armut, die manchmal dahergebraust kommt auf Sturmesflügeln und dann wieder mit langsamen trägen Schritten einherschleicht, aber – ob jetzt langsam oder schnell – stets zu dem gleichen unabwendbaren Ziele führt.

Eine geheime Ahnung, daß es sich um diese Krankheit handle, wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte, hatte Nikolas veranlaßt, seinen armen Freund zu einem Arzte von großem Ruf zu führen. Vorderhand sei kein Grund zu ernstlichen Besorgnissen vorhanden, hieß es. Es fehle durchaus an den entsprechenden Symptomen. Die Konstitution des jungen Menschen habe durch die Mißhandlungen in seiner Kindheit notwendigerweise sehr gelitten, möglich sei aber schließlich alles – usw.

Indessen schien sich der Zustand nicht zu verschlimmern, und da man die krankhaften Erscheinungen im Befinden Smikes den Erregungen der letzten Zeit recht gut zuschreiben konnte, so tröstete sich Nikolas, daß sein armer Freund bald wieder gesunden werde. Seine Mutter und seine Schwester teilten dieselbe Hoffnung, und da der Mittelpunkt ihrer vereinten Sorgfalt selbst weder unruhig noch mutlos zu sein schien, sondern Tag für Tag mit ruhigem Lächeln versicherte, er fühle sich besser als gestern, so verschwanden nach und nach alle Befürchtungen, und die allgemeine Zufriedenheit war bald wiederhergestellt.

Oft und oft blickte Nikolas in späteren Jahren auf diese Epoche seines Lebens zurück, um die ruhigen häuslichen Szenen von ehedem wieder im Geiste zu durchleben. Und oft und oft wanderten im Dämmerlicht an Sommerabenden oder im Winter am flackernden Kaminfeuer – durch die Zeit gemildert – seine Gedanken zu jenen alten Tagen zurück und weilten mit süßem Schmerz bei jeder kleinen Erinnerung, die scharenweise an ihm vorüberzogen. Das kleine Zimmerchen, in dem sie so oft, wenn es dunkel geworden, beisammengesessen und sich eine glückliche Zukunft zurechtgeträumt – Kates fröhliches Lachen – oder wie sie alle, wenn sie nicht zu Hause war, beisammensaßen und auf ihre Rückkehr warteten, ohne das Schweigen durch etwas anderes als die Äußerung zu unterbrechen, wie langweilig alles sein würde ohne ihre Gegenwart – dann die Freude, mit der der arme Smike aus seinem dunkeln Winkel, seinem gewöhnlichen Ruheplätzchen, aufsprang, um ihr die Haustüre aufzuschließen, und die Tränen, die dann oft in seinem Auge glänzten, wobei sich stets alle wunderten, daß er trotzdem so vergnügt und glücklich sein konnte – jeder kleine Vorfall, damals noch so wenig beachtet, tauchte später lebhaft in Nikolas' Gedächtnisse auf, und über dem Staube entschwundener Jahre rauschten die grünen Zweige der Erinnerung, als raunten sie von kaum vergangenen Stunden.

Aber mit diesen Erinnerungen waren noch andere Personen und so manches Ereignis verknüpft, die einer späteren Periode unserer Geschichte angehören, weshalb wir jetzt nicht vorgreifen wollen.

Gaben die Gebrüder Cheeryble, als sie Nikolas ihres Vertrauens für würdig befunden, ihm jeden Tag neue Beweise ihres Wohlwollens, so vergaßen sie dabei auch niemals der Seinigen. Verschiedene kleine Geschenke an Mrs. Nickleby, stets Gegenstände, deren man am meisten bedurfte, trugen nicht wenig dazu bei, den Komfort und die Verschönerung des kleinen Häuschens zu heben. Kates winziger Besitz an Schmuck wurde geradezu blendend, und was Gesellschaft betraf –! Wenn Charles oder Ned Cheeryble es unterließen, sonntags auf ein paar Minuten oder in der Woche auf einen Abend vorzusprechen, so fand sich Mr. Timotheus Linkinwater, der sein ganzes Leben über kein halbes Dutzend Bekanntschaften gesammelt und von seinen neuen Freunden außerordentlich entzückt war, jedesmal auf seinen Abendspaziergängen ein, um ein wenig auszuruhen, während Mr. Frank Cheeryble durch eine seltsame Verkettung von Umständen, alle möglichen Geschäfte betreffend, mindestens drei Abende in der Woche seinen Besuch abstattete.

»Er ist der aufmerksamste junge Mann, den ich je gesehen habe«, sagte Mrs. Nickleby eines Abends zu ihrer Tochter, nachdem sie sich bereits längere Zeit in Lobreden über den genannten Herrn ergangen, wobei Kate stillschweigend zugehört hatte.

»Aufmerksam?« wiederholte Kate.

»Ach du meine Güte, Kate«, rief Mrs. Nickleby in ihrer gewohnten Erregtheit, »wie du auf einmal so rot werden kannst.«

»Aber Mama, was bildest du dir denn ein?«

»Nein, nein, liebes Kätchen, es war keine Einbildung«, beharrte Mrs. Nickleby auf ihrer Meinung. »Übrigens ist es jetzt schon wieder vorbei, und es liegt nicht viel daran, ob ich recht hatte oder nicht. Von was haben wir denn gesprochen? Ja richtig, von Mr. Frank. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen so aufmerksamen Herrn gesehen.«

»Das kann doch unmöglich dein Ernst sein?« versetzte Kate, abermals errötend – diesmal jedoch außer allem Zweifel.

»Nicht mein Ernst?« erwiderte Mrs. Nickleby. »Warum sollte es denn nicht mein Ernst sein? Ich bin nie ernster gewesen als jetzt. Ich wollte also sagen, daß seine Höflichkeit und Aufmerksamkeit gegen mich das Erfreulichste und Angenehmste ist, was mir seit langer Zeit widerfuhr. Man trifft bei jungen Herrn selten ein solches Benehmen, und um so auffallender ist es daher.«

»Ach so, die Aufmerksamkeit gegen dich, Mama!« versetzte Kate rasch. »Da hast du recht.«

»Du lieber Himmel, Kate«, versetzte Mrs. Nickleby, »was du doch für ein sonderbares Kind bist. Wie könnte ich denn von seiner Aufmerksamkeit gegenüber anderen Personen reden? Ich gestehe, es tut mir eigentlich leid, daß er, wie ich höre, in eine Dame aus Deutschland verliebt sein soll.«

»Er sagte doch ganz bestimmt, daß es nicht so sei, Mama«, erwiderte Kate. »Erinnerst du dich nicht mehr, was er damals, als er das erstemal hier war, sagte? Überdies«, setzte sie in leichtem Plaudertone hinzu, »sehe ich nicht ein, warum es uns leid tun sollte. Es geht uns doch nichts an, Mama.«

»Freilich nicht, Kate«, sagte Mrs. Nickleby nachdrücklich, »aber mich immerhin ein wenig, wie ich aufrichtig gestehen muß. Ich sehe es gern, wenn ein Engländer durch und durch Engländer ist und nicht halb englisch und halb – ich weiß nicht was. Wenn er das nächstemal wiederkommt, will ich ihm rundheraus sagen, daß ich es für viel besser hielte, er heiratete eine von seinen Landsmänninnen, und ich möchte gern hören, was er dazu sagt.«

»Um alles in der Welt, tu das ja nicht, Mama«, rief Kate hastig. »Bedenke – wie sehr –«

»Nun, mein Kind, wie sehr was?« fragte Mrs. Nickleby und blickte verwundert auf.

Ehe Kate noch antworten konnte, verkündete ein gewisser wunderlicher kleiner Doppelschlag, daß Miss La Creevy zu Besuch komme, und als sie wirklich eintrat, vergaß Mrs. Nickleby trotz ihrer Neigung, die vorhin besprochene Frage weiter zu erörtern, alles in einem Wust von Worten hinsichtlich der Droschke, in der sie gekommen, indem sie meinte, der Kutscher müsse entweder der Mann in den Hemdärmeln oder der Mann mit dem blauen Auge gewesen sein. Wie sich das alles übrigens auch verhalte, den Sonnenschirm habe er nicht gefunden, den sie letzte Woche im Wagen vergessen hätte. Zweifellos sei er irgendwo lange eingekehrt oder, wenn alle Plätze besetzt gewesen seien, geradeaus gefahren. Übrigens müsse Miss La Creevy doch Nikolas unterwegs bestimmt begegnet sein.

»Ich habe ihn nicht bemerkt«, erwiderte Miss La Creevy aber den braven alten Herrn, Mr. Linkinwater, glaube ich gesehen zu haben.

»Ja ja, der macht jetzt seinen Abendspaziergang und kommt bestimmt her, um ein bißchen auszuruhen, ehe er in die City zurückkehrt«, bemerkte Mrs. Nickleby.

»Ich nehme das auch an«, sagte Miss La Creevy »zumal der junge Mr. Cheeryble bei ihm ist.«

»Das ist aber doch kein Grund, weshalb Mr. Linkinwater herkommen sollte«, meinte Kate.

»Doch – doch, mein Kind«, versicherte Miss La Creevy, »Mr. Frank ist für einen jungen Mann kein besonders rüstiger Fußgänger, und wahrscheinlich wird er deshalb immer so müde und bedarf einer ziemlich langen Rast, wenn er hier vorbeikommt. – Aber, wo ist denn mein Freund?« wechselte die kleine Malerin das Thema und sah sich mit einem schalkhaften Seitenblick auf Kate im Zimmer um. »Man hat ihn doch nicht schon weder entführt?«

»Ja richtig, wo ist Mr. Smike?« rief Mrs. Nickleby. »Er war doch noch in diesem Augenblick hier.« Bei weiteren Nachfragen stellte sich zum grenzenlosen Erstaunen der guten Dame heraus, daß Smike sich soeben in sein Schlafzimmer hinaufverfügt hatte.

»Er ist doch der wunderlichste Mensch, den es nur geben kann«, sagte sie. »Letzten Dienstag – war es auch Dienstag? Ja ja, es stimmt. Du erinnerst dich, Kate, an demselben Tag, als Mr. Frank Cheeryble das letztemal hier war – am letzten Dienstagabend machte er sich ganz in derselben sonderbaren Weise und im selben Augenblick, als an die Türe geklopft wurde, auf und davon. Der Grund kann nicht darin liegen, daß er an Gesellschaften keinen Geschmack fände, denn er hat alle Leute gern, die Nikolas gern haben, was doch wohl bei Mr. Cheeryble der Fall ist. Das sonderbarste dabei ist, daß er in solchen Fällen nicht zu Bette geht; er tut es also nicht, weil er müde wäre. Ich weiß genau, daß er nicht zu Bett geht, denn sein Schlafzimmer liegt gerade neben dem meinigen, und als ich am letzten Dienstag eine Stunde nach ihm hinaufging, hörte ich, daß er nicht einmal seine Schuhe ausgezogen hatte. Licht war auch nicht in seiner Stube, und er muß daher die ganze Zeit über träumend im Dunkeln gesessen haben. – Wahrhaftig, es kommt mir ganz kurios vor, wenn ich an all das denke.«

Da sie bei ihren Zuhörerinnen kein Echo fand, sei es, weil diese nicht zuhörten oder weil sie den Wortschwall nicht unterbrechen wollten, so nahm Mrs. Nickleby den Faden des Gesprächs in der ihr eigentümlichen Weise gleich wieder auf.

»Ich hoffe«, fuhr sie fort, »daß dies unerklärliche Benehmen nicht der Anfang davon sein wird, daß er sein ganzes Leben im Bett zubringt, wie die Frau von Tutbury, das bekannte Durstphänomen, oder der Klopfgeist in der Hahnengasse und andere sonderbare Geschöpfe. Eines davon stand übrigens mit unserer Familie in Verbindung. Ich weiß nicht mehr recht, aber in alten Briefschaften, die ich oben habe, kann ich nachsehen, ob es mein Urgroßvater war, der mit dem Klopfgeist in der Hahnengasse in die Schule ging, oder ob es die durstige Frau von Tutbury war, die mit meiner Großmutter zusammen Lesen und Schreiben lernte. Miss La Creevy, Sie müssen es doch wissen, wer war es, der auf die Worte des Geistlichen nicht hörte? Der Geist in der Hahnengasse oder die durstige Frau von Tutbury?«

»Ich glaube, es war der Kobold in der Hahnengasse.«

»Ich zweifle nicht«, schnatterte Mrs. Nickleby weiter, »daß er es war, der mit meinem Urgroßvater in die Schule ging, denn ich weiß genau, der Schulmeister war ein Dissenter, und aus diesem Grund läßt sich leicht erklären, daß der Geist in der Hahnengasse sich so unschicklich gegenüber einem Geistlichen benahm. Ach Gott, einen Geist aufziehen! Kind, ich glaube –«

Ihre weiteren Betrachtungen über dieses höchst fruchtbare Thema wurden durch den Eintritt Tim Linkinwaters und Frank Cheerybles abgebrochen, und über der Hast der Bewillkommnung vergaß die gute Dame auf der Stelle alles andere.

»Ich bedaure nur, daß Nikolas nicht zu Hause ist«, klagte sie. »Liebe Kate, da mußt du eben Nikolas und du selber sein.«

»Miss Nickleby braucht bloß sie selber zu sein. Ich verwahre mich – entschuldigen Sie die Freiheit – gegen jede Umwandlung von ihrer Seite«, scherzte Mr. Frank.

»Dann soll sie jedenfalls darauf dringen, daß Sie bei uns bleiben«, meinte Mrs. Nickleby. »Mr. Linkinwater spricht zwar nur von zehn Minuten, aber ich kann Sie unmöglich so bald schon gehen lassen, denn ich bin überzeugt, es würde Nikolas außerordentlich leid tun, Sie nicht mehr anzutreffen. Liebes Kätchen –«

Dem vielen Nicken, Blinzeln und bedeutsamen Stirnrunzeln ihrer Mutter Folge leistend fügte auch Kate ihre Bitte hinzu, daß die beiden Herren bleiben möchten. Auffallend war nur, daß sie sich dabei fast ausschließlich an Tim Linkinwater wendete. Ihr Benehmen verriet eine Verlegenheit, die selbst dem Blicke ihrer Mutter nicht entging, obgleich sie an Anmut dadurch ebensowenig einbüßte, als ihre Schönheit durch die Glut, die sich einen Augenblick lang auf ihren Wangen malte, verlor. Da die einsichtsvolle alte Dame nicht sonderlich spekulativ veranlagt war, ausgenommen, wenn sie ihren Vermutungen Worte leihen und diese sogleich an den Mann bringen konnte, so schrieb sie die Verwirrung ihrer Tochter lediglich dem Umstände zu, daß diese gerade nicht ihr bestes Kleid anhatte.

Nikolas kam nicht nach Hause, und auch Smike kam nicht wieder, aber keines von beiden übte einen besonderen Einfluß auf die Gesellschaft aus, die sich bald in der bestmöglichen Laune befand. Ja, es kam sogar zwischen Miss La Creevy und Timotheus Linkinwater zu einem förmlichen Liebesgeplänkel, da der wackere Buchhalter tausenderlei scherzhafte und neckische Dinge vorbrachte und allmählich galant, um nicht zu sagen zärtlich wurde. Miss La Creevy ihrerseits schien ungewöhnlich mutwillig und zog Tim in seiner Eigenschaft als Hagestolz mit solchem Erfolge auf, daß dieser sich endlich zu der Erklärung veranlaßt sah, er wisse nicht, ob er nicht doch auf seine alten Tage sein Junggesellentum aufgeben würde, wenn er nur eine Dame fände, die ihn haben möchte. Miss La Creevy empfahl ihm hierauf mit größter Ernsthaftigkeit eine Freundin, die sich vortrefflich für ihn eignen würde und überdies ein recht hübsches Vermögen besäße, aber letztere Eigenschaft übte einen sehr geringen Einfluß auf Mr. Linkinwater, der ernsthaft versicherte, Geld käme bei ihm durchaus nicht in Betracht; der Mann müsse bei der Wahl seiner Frau auf den inneren Wert und einen umgänglichen Charakter sehen, und wenn dies alles vorhanden sei, so dürfte es ihm wohl nicht schwerfallen, für die mäßigen Bedürfnisse zweier Leute Geld genug auftreiben zu können. Diese Anschauung wurde für so ehrenvoll angesehen, daß Mrs. Nickleby und Miss La Creevy Mr. Linkinwater nicht genug in den Himmel heben konnten. Hierdurch angespornt, erging sich Tim in noch verschiedenen weiteren Erklärungen, die, da sie die Uneigennützigkeit seines Herzens und seine große Verehrung gegenüber dem schönen Geschlecht bekundeten, mit nicht geringerem Beifall aufgenommen wurden. Alles dies tat er mit einer komischen Mischung von Scherz und Ernst und veranlaßte dadurch große Heiterkeit und Gelächter.

Zumeist war Kate in ihrem Heim die Seele der Unterhaltung, heute jedoch verhielt sie sich ungemein schweigsam – möglicherweise, weil Tim und Miss La Creevy fast ausschließlich die Unterhaltung führten; sie schaute in die Schatten des Abends hinaus, saß am Fenster und freute sich der ruhigen Schönheit der hereinbrechenden Dämmerung, die auch für Frank Cheeryble kaum weniger Anziehung zu haben schien, da er sich, anfänglich in ihrer Nähe stehend, endlich dicht an ihre Seite setzte.

Zweifellos läßt sich viel Schönes über einen Sommerabend sagen und zweifelsohne auch am besten in leisem Ton, da eine solche Unterhaltung mit der Ruhe und Heiterkeit der Dämmerstunde übereinstimmen will; bisweilen treten auch Pausen ein, und dann und wann fällt ein ernstes Wort. Dann wiederum tritt ein Schweigen ein, das eigentlich gar kein Schweigen ist, vielleicht auch hin und wieder geschieht ein rasches Abwenden des Gesichts oder ein Niederschlagen der Augen – alle solche geringfügigen Umstände, verbunden mit einem ausgesprochenen Widerwillen, das Licht anzuzünden, und eine Neigung, Stunden mit Minuten zu verwechseln, sind ohne Zweifel nichts als Wirkungen der poetischen Tageszeit, wie gewiß manche junge Dame bezeugen kann. Es war daher nicht der mindeste Grund vorhanden, warum Mrs. Nickleby hätte erstaunt sein sollen, daß Kate, als endlich das Licht hereingebracht wurde, dessen Schein nicht ertragen konnte, ihr Gesicht abwendete und sogar auf eine Weile das Zimmer verlassen mußte. Begreiflicherweise, wenn man so lange im Finstern sitzt, blendet einen das Licht, und es ist daher nichts natürlicher, als daß man so handelt, wie jeder Mensch genau weiß. Alte Leute wissen es selbstverständlich auch oder wußten es wenigstens einmal, aber sie vergessen bisweilen solche Dinge, und das ist schade.

Wie dem übrigens auch sein mag – die gute Dame erstaunte, und dabei blieb es nicht einmal, denn ihr Erstaunen wurde noch größer, als sie entdeckte, daß Kate nicht den geringsten Appetit zum Abendessen hatte. Gewiß eine sehr beunruhigende Wahrnehmung. Wer weiß, mit welchem Aufwand von Beredsamkeit Mrs. Nickleby ihren Besorgnissen Ausdruck gegeben hätte, wenn nicht im selben Augenblick die allgemeine Aufmerksamkeit durch ein seltsames Geräusch in Anspruch genommen worden wäre, das, wie das vor Furcht zitternde, totenblasse Dienstmädchen versicherte und wie sich jeder durch eigene Beobachtung überzeugen könne, »direkt« durch den Kamin des anstoßenden Zimmers heruntertöne. Da es sämtlichen Anwesenden vollkommen klar war, daß, so unwahrscheinlich es auch klang, das Geräusch tatsächlich aus dem Kamin kam und ein seltsames Gemisch von Rutschen, Rumpeln, Zappeln und Reiben war, so nahmen Mr. Frank Cheeryble eine Kerze und Timotheus Linkinwater die Feuerzange, um sich auf der Stelle über diese Störung Gewißheit zu verschaffen. Sie wollten sich ins Nebenzimmer begeben und hätten es auch unverzüglich getan, wenn nicht die vor Angst fast ohnmächtige Mrs. Nickleby heftig protestiert hätte. Schließlich einigte man sich dahin, gemeinsam das unheimliche Gemach zu betreten, und nur Miss La Creevy blieb bei dem Dienstmädchen zurück, da dieses erklärte, es habe in seiner Kindheit an epileptischen Anfällen gelitten und es müsse daher für den schlimmsten Fall immer jemand zur Hand sein, um die geeigneten Belebungsmittel anzuwenden.

Als man gegen die Türe des geheimnisvollen Zimmers vorrückte, ließ sich zu nicht geringem Erstaunen der Gesellschaft von irgendwo aus der Wand eine menschliche Stimme vernehmen, die mit ausgesucht melancholischem Ton und halb erstickt wie unter fünf oder sechs der besten Federbetten hervor die einstmals so volkstümliche Weise trällerte: »Sie, die ich einst so heiß geliebt, hat mir die Treue gebrochen.«

Das allgemeine Erstaunen wuchs noch, als man entdeckte, daß diese romantischen Klänge tatsächlich aus der Kehle eines Menschen drangen, der im Kamin stak und von dem nichts als ein Paar Beine sichtbar waren, die jetzt plötzlich über dem Feuerrost baumelten und augenscheinlich in großer Angst nach der oberen Kaminstange tasteten, um einen Stützpunkt zu gewinnen. Tim Linkinwater stand wie vom Schlage gerührt, da dieser Anblick so gar nichts Geschäftsmäßiges hatte, dann wagte er es, den Unbekannten einige Male in die Waden zu zwicken, und als dies zu nichts führte, erstarrte er vollends, ohne etwas anderes zu tun, als die Feuerzange als Vorbereitung zu einem weiteren Angriff auf- und zuzuklappen.

»Es muß ein Betrunkener sein«, sagte Frank; »ein Dieb würde seine Gegenwart in solcher Weise nicht verraten.«

Zornig erhob er die Kerze, um die Beine besser besichtigen zu können, und trat eben vor, um eines davon in etwas unzeremonieller Weise herunterzuzerren, als Mrs. Nickleby die Hände zusammenschlug, einen gellenden Schrei ausstieß und zu wissen begehrte, ob die geheimnisvollen Gliedmaßen des Kaminbewohners nicht in kurzen Hosen und grauen wollenen Strümpfen stäken oder ob sie ihre Augen getäuscht hätten.

»Jawohl«, rief Frank genauer hinblickend, »allerdings sind es kurze Hosen – und auch – grobe graue Strümpfe. Kennen Sie ihn vielleicht, Madame?«

»Liebe Kate«, rief Mrs. Nickleby, sich mit verzweifelter Resignation auf einen Stuhl niederlassend, wahrscheinlich, um damit anzudeuten, die Sachlage sei nunmehr zu einer Krisis gediehen und jede Verstellung nutzlos. »Du wirst mir den Gefallen tun und den Zusammenhang der Sache genau auseinandersetzen. Ich habe ihm keinerlei Hoffnungen gemacht – im Gegenteil –, wie du mir, da du vollkommen von allem unterrichtet bist, bezeugen kannst. Er war in seinen Erklärungen sehr ehrerbietig – außerordentlich ehrerbietig –, wie du selbst mit angehört hast, wenn ich aber trotzdem in dieser Weise verfolgt werde und mir sämtliche Gartengewächse in den Weg fliegen, sobald ich nur einen Schritt aus der Türe mache, und in mein Haus Herren eindringen und mir dabei den Kamin verstopfen, so weiß ich wirklich nicht – meiner Seel', ich weiß nicht, was noch aus alledem werden soll. Es ist traurig, trauriger als alles, was mir jemals vor meiner Verheiratung mit deinem armen seligen Papa begegnet ist, obgleich ich damals schon mancherlei Widerwärtiges erfahren mußte – aber das habe ich selbstverständlich vorausgesehen und mich darauf gefaßt gemacht. Als ich noch nicht ganz so alt war wie du jetzt, saß einmal ein junger Herr neben mir in der Kirche, der fast jeden Sonntag während der Predigt meinen Namen mit großem Anfangsbuchstaben in den Betstuhl schnitt. Es war gewiß sehr schmeichelhaft für mich, aber andererseits höchst widerwärtig, weil der Betstuhl an einem in die Augen springenden Platze stand und der junge Herr mehrmals wegen seines Unterfangens öffentlich durch den Mesner zur Kirche hinausgeschafft werden mußte. Aber was war das alles gegen dies hier? Dieser Auftritt ist noch viel schlimmer und setzt mich in eine weit größere Verlegenheit. Ich wollte, liebe Kate«, setzte sie feierlich und in einer Flut von Tränen hinzu, »gewiß und wahrhaftig, ich hätte lieber eine Hasenscharte, einen Wolfsrachen oder weiß Gott was sonst, als einem derartigen Leben ausgesetzt zu sein.«

Mit nicht zu hemmendem Erstaunen blickten Frank Cheeryble und Tim Linkinwater zuerst einander und dann Kate an, die zwar die Notwendigkeit einer Erklärung fühlte, aber vor lauter Schrecken über die Erscheinung der Beine und aus Furcht, der Mann im Kamin könne ersticken, und da sie überdies wünschte, das Rätsel in möglichst wenig lächerlichem Sinne zu lösen, keine Silbe hervorzubringen vermochte.

»Es verletzt mich fürchterlich«, fuhr Mrs. Nickleby sich die Augen trocknend fort, »geradezu schrecklich. Aber ich bitte, krümmen Sie ihm kein Haar – um alles in der Welt –, kein Haar seines Hauptes.« Unter den gegebenen Umständen würde es durchaus nicht leichtgefallen sein, ein Haar auf dem Haupte des fremden Herrn zu krümmen, da dieser Teil seines Körpers einige Fuß weiter oben in dem ohnehin engen Kamin stak. Da er aber die ganze Zeit über nicht abließ, von seiner treulosen Schönen zu singen, und jetzt nicht nur abermals begann, schwach zu krächzen, sondern auch aufs heftigste mit den Beinen zu strampeln, als ob er keine Luft mehr habe, so zerrte ihn Frank Cheeryble, ohne lange zu zögern, an den kurzen Hosen und wollenen Strümpfen ins Zimmer herunter.

»Ja, ja, ich kenne ihn«, rief Kate, als die ganze Gestalt des seltsamen Gastes auf so plötzliche Weise zum Vorschein kam. »Ich kenne ihn, bitte schonen Sie ihn. Hat er Schaden genommen? Ich hoffe doch nicht – oh, bitte, bitte, sehen Sie nach, ob er sich nicht verletzt hat.«

»Beruhigen Sie sich, er ist nicht im geringsten verwundet«, versicherte Frank, der auf diese Aufforderung hin den Gegenstand der allgemeinen Überraschung mit einem Male mit größter Zartheit und Achtung behandelte.

»Er soll nicht näher kommen«, schrie Kate und zog sich so weit als möglich zurück.

»Nein, das soll er nicht«, beteuerte Frank; »ich habe ihn fest am Kragen. Aber darf ich vielleicht fragen, was das alles zu bedeuten hat und ob Sie den alten Herrn vielleicht erwarteten?«

»Selbstverständlich nein«, rief Kate; »er ist – ich glaube zwar, daß meine Mama diese Ansicht nicht teilt – aber er ist ein Wahnsinniger, der aus dem Hause nebenan entflohen sein muß und hier wahrscheinlich eine Gelegenheit suchte, sich zu verbergen.«

»Kate«, fiel Mrs. Nickleby würdevoll ein, »ich kann mich nicht genug über dich wundern!«

»Aber, liebe Mama«, remonstrierte Kate sanft.

»Ich kann mich nicht genug über dich wundern«, wiederholte Mrs. Nickleby; »wahrhaftig, ich bin geradezu erstaunt, daß auch du dich den Feinden dieses unglücklichen Gentlemans anschließt, wo du doch so genau von den schlimmen Absichten unterrichtet bist, die man ihm gegenüber an den Tag legt, und weißt, daß man ihn seines Vermögens berauben will, worin eigentlich das ganze Geheimnis der Sache liegt. Es wäre weit menschenfreundlicher von dir, Kate, wenn du Mr. Linkinwater oder Mr. Cheeryble bätest, Schritte für ihn zu tun, damit er endlich zu seinem Rechte gelangt. Du solltest dich nicht durch äußere Eindrücke bestimmen lassen, denn so etwas ist Sünde – ja, eine große Sünde. Meinst du, ich hätte nicht auch Ursache, aufgebracht zu sein? Gewiß niemand mehr als ich und zwar mit vollem Recht, aber dennoch möchte ich nicht um eine ganze Welt eine solche Ungerechtigkeit gegen den Unglücklichen begehen. – Nein –«, fuhr Mrs. Nickleby, sich in die Brust werfend, fort und blickte gleichzeitig mit einer Art verschämter Würde in eine andere Richtung »– aber der Herr wird mich verstehen, wenn ich ihm sage, daß ich die Antwort, die ich ihm kürzlich gegeben, wiederhole und – daß ich sie stets wiederholen werde, obgleich ich an seiner aufrichtigen Gesinnung nicht im mindesten zweifle und selbst sehe, wie er sich um meinetwillen in eine so schreckliche Lage begeben hat. Ich muß ihn nur bitten, auf der Stelle fortzugehen, da es sonst unmöglich sein würde, sein Betragen vor meinem Sohn Nikolas weiterhin geheimzuhalten. Ich bin ihm zwar verbunden, sehr verbunden sogar, aber ich darf seinen Anträgen auch keine Sekunde lang mein Ohr leihen! – Unter gar keinen Umständen!«

Während dieser Standrede saß der alte Herr mit den kurzen Hosen, die Wangen mit Rußflecken verschönt und desgleichen die Nase, auf dem Boden, hatte die Arme verschränkt und betrachtete die Anwesenden mit majestätischer Miene, ohne mit der Wimper zu zucken. Auch von Mrs. Nicklebys Worten schien er nicht die mindeste Notiz zu nehmen. Erst als sie schwieg, beehrte er sie mit einem langen stieren Blick und fragte sie, ob sie endlich fertig sei.

»Ich habe nichts mehr hinzuzufügen«, versetzte die treffliche Dame bescheiden; »wirklich, ich wüßte auch nicht, was ich weiter zu sagen hätte.«

»Sehr gut«, brummte der alte Herr und erhob plötzlich seine Stimme, »man bringe mir eine Flasche Gewitterwasser, ein reines Glas und einen Stöpselzieher.«

Da sich niemand beeilte, seinen Befehlen nachzukommen, erhob er nach kurzer Pause abermals seine Stimme und verlangte ein Donnerbutterbrot. Als ihm auch dies versagt blieb, bat er um ein Knallerbsenpüree und ein Frikassee von Stulpstiefeln in Goldfischsauce, lachte dann herzlich und erheiterte seine Zuhörer mit einem langen, lauten und ungemein melodischen Gebell.

Dessenungeachtet schüttelte Mrs. Nickleby als Antwort auf die bedenklichen Blicke der Anwesenden immer noch das Haupt, um dadurch anzudeuten, sie könne hinter all dem nichts weiter vermuten als etwa einen leichten Grad von Exzentrizität. Wahrscheinlich würde sie auch von dieser Ansicht bis zum letzten Augenblick ihres Lebens nicht abgegangen sein, wenn nicht ein Umstand dazugetreten wäre, der, unbedeutend an sich, dennoch mit einem Schlage die ganze Sachlage veränderte.

Miss La Creevy nämlich, die den Seelenzustand ihrer Patientin nicht sehr bedrohlich fand und nur zu gerne die Vorgänge im anstoßenden Zimmer mit angesehen hätte, stieß jetzt zu der dort anwesenden Gesellschaft, gerade als der alte Herr mitten im lautesten Bellen begriffen war.

Kaum wurde er der kleinen Malerin ansichtig, so hielt er plötzlich inne, sprang auf seine Füße und warf ihr ohne Unterlaß Kußhändchen zu – ein Benehmen, daß Miss La Creevy fast bis zu Tode entsetzt und in größter Eile hinter Tim Linkinwater flüchten ließ.

»Aha«, rief der alte Herr und zog an seinen Fingern, daß alle Gelenke knackten. »Ich sehe sie jetzt. Endlich habe ich sie. Angebetete! Mein süßes Leben, oh du unvergleichliche Schönheit, endlich bist du gekommen – endlich –, und alles ist eitel blauer Dunst und Gamaschen.«

Einen Augenblick machte Mrs. Nickleby ein ziemlich verblüfftes Gesicht, schnell sammelte sie sich jedoch wieder, winkte Miss La Creevy und den übrigen Zuschauern einigemal zu und gab ihnen durch Stirnrunzeln und ernstes Lächeln zu verstehen, sie wisse genau, daß hier ein Mißverständnis obwalte, und sie könne die Sache in ein paar Minuten aufklären.

»Sie ist gekommen!« rief der alte Herr von neuem und legte die Hand aufs Herz. »Trotz Seerabe und Mondkalb. Sie ist gekommen, und ich lege ihr alle meine Schätze zu Füßen, wenn sie mich als ihren Sklaven annimmt. Wo ist so viel Anmut, Schönheit und Süßigkeit wie bei ihr? Bei der Kaiserin von Madagaskar, bei der Königin des Diamantenlandes? Nein! Bei Fräulein Anna Csillag, die sich jeden Morgen gratis mit Klettenwurzelessenz einreibt? Nein! Man verschmelze die Reize aller dieser Damen in eins, füge die der drei Grazien, der neun Musen und der vierzehn Zwiebacksbäckertöchter in der Oxford Street hinzu, und immer noch werdet ihr kein halbwegs so liebenswürdiges Wesen zusammenbringen wie dies hier! Versucht es nur!«

Nach dieser Lobeshymne schnappte der alte Herr mit den Fingern einen Wirbel und schwelgte aufs neue in Verzückung über Miss La Creevys Reize. Dies gab Mrs. Nickleby eine günstige Gelegenheit, den Vorfall zu erklären.

»Hem – unter so prüfungsreichen Umständen«, begann sie nach einem vorbereitenden Hüsteln, »wie den gegenwärtigen ist es fürwahr ein großer Trost, zu sehen, daß jemand irrtümlicherweise mit mir verwechselt wird. – Ja, es ist ein sehr großer Trost. Nie ist mir früher etwas dergleichen begegnet, wenn man mich auch schon des öftern mit meiner Tochter Kate verwechselt hat. Die Leute waren zweifelsohne in solchen Fällen sehr töricht, da sie doch hätten einsehen müssen, daß es nicht sein kann, aber nichtsdestoweniger hielten sie mich für meine eigene Tochter. Die Schuld lag natürlich nicht an mir, und es wäre wirklich sehr hart und ungerecht, wenn man mich für etwas Derartiges verantwortlich machen wollte. Im gegebenen Falle jedoch würde ich unrecht handeln, wenn ich jemand anders – besonders jemand, gegen den ich so große Verpflichtungen habe – um meinetwegen in Verlegenheit kommen ließe. Ich halte es daher für meine Pflicht, diesem Herrn hier zu sagen, daß er sich im Irrtum befindet und ich die Dame bin, von der ihm irgendeine unverschämte Person einmal sagte, ich sei die Nichte des Straßenpflasterungskommissärs. Ich bitte ihn nochmals auf das anständigste, sich ruhig zu entfernen, wäre es auch nur« – hier stockte Mrs. Nickleby geziert und fügte dann schmachtend hinzu – »um seinetwillen.«

Anstatt nun durch ein solches Zartgefühl aufs tiefste ergriffen zu sein oder zum mindesten achtungsvoll und höflich etwas darauf zu erwidern, rief der alte Herr in einer Weise, die nicht mißzuverstehen war und Mrs. Nicklebys höchstes Entsetzen erregte, mit lauter Stimme: »Fort mit dir – alte Katze!«

»Sir!« hauchte Mrs. Nickleby.

»Katze!« wiederholte der alte Herr. »Miez, Miez, Miez; Ksks, Kss.« Letzteren Lockruf gedehnt durch die Zähne zischend, schlenkerte er sodann ungestüm mit den Armen umher und trat dabei abwechselnd auf Mrs. Nickleby zu und zog sich sprunghaft wieder zurück, ganz wie es die Gassenbuben an Markttagen tun, um Schweine, Schafe und andere Tiere in ihre Schranken zurückzuweisen, wenn diese hartnäckig in eine falsche Straße einbiegen wollen.

Mrs. Nickleby verschwendete weiter keine Worte mehr an den Unwürdigen, ließ nur einen Ausruf des Staunens und Entsetzens vernehmen und sank prompt in Ohnmacht.

»Ich will meiner Mutter beistehen«, rief Kate hastig. »Ich bin vollkommen gefaßt, seien Sie unbesorgt, aber bitte schaffen Sie diesen Menschen fort – bringen Sie ihn hinaus.«

Frank Cheeryble wußte anfangs nicht recht, wie er dieser Aufforderung nachkommen sollte, verfiel indes bald auf die Kriegslist, Miss La Creevy ein paar Schritte vorausgehen zu lassen, und bugsierte ihr den alten Herrn nach. Das Manöver gelang vortrefflich, und man brachte den unheimlichen Gast in einem Zustand verzückter Liebesglut glücklich zur Tür hinaus.

»Kate«, flüsterte Mrs. Nickleby, die sofort, als das Zimmer leer war, wieder zu sich kam, »ist er fort?«

Kate bejahte.

»Ich werde es mir nie verzeihen, Kate«, jammerte Mrs. Nickleby, »daß ich die unglückliche Ursache bin, daß dieser Herr den Verstand verloren hat.«

»Du die Ursache??« rief Kate höchst erstaunt.

»Jawohl, ich, mein Kind«, hauchte Mrs. Nickleby verzweifelt. »Du hast gesehen, wie er sich das letztemal benahm, und was aus ihm geworden ist. Ich sagte deinem Bruder schon vor einigen Wochen, wie sehr ich fürchte, er würde eine Enttäuschung nicht ertragen können. Jetzt siehst du selbst die Folgen. Zugegeben, daß er schon damals etwas überspannt war, so weißt du doch, wie vernünftig, gefühlvoll und ehrerbietig er gesprochen hat, als wir ihn das letztemal im Garten sahen. Und heute hast du den schrecklichen Unsinn mit angehört, den er gesprochen hat. Hast du gesehen, wie er die unglückliche alte Jungfer verspottete? Kann da nur der mindeste Zweifel obwalten, worin der Grund zu all dem liegt?«

»Ja, das sollte man meinen«, sagte Kate mild.

»Ja, kein Zweifel«, rief die treffliche Dame. »Wenn ich nun aber auch die unglückliche Ursache bin, so habe ich doch die beruhigende Gewißheit, daß man mir keinen Vorwurf machen kann; ich sagte zu Nikolas, lieber Nikolas, sagte ich, da heißt es ungemein vorsichtig zu Werke gehen. Aber er hörte mich kaum an. Wäre man von Anfang an gleich so vorgegangen, wie ich es immer wünschte – aber da seid ihr beiden eben ganz wie euer armer seliger Vater. Nun, ich kann mir keinesfalls einen Vorwurf machen. Das tröstet mich.«

Nachdem sich Mrs. Nickleby in dieser Art hinsichtlich ihrer Verantwortlichkeit für Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft die Hände in Unschuld gewaschen, fügte sie liebevoll hinzu, sie hoffe, ihre Kinder möchten dereinst nie begründetere Ursache haben, sich Vorwürfe zu machen, als sie jetzt. Dann warf sie sich in Positur, die Eskorte zu empfangen, die gleich darauf mit der Nachricht zurückkehrte, der alte Herr sei wohlbehalten wieder in seinem Heim untergebracht und man habe seine beiden Wächter, die sich inzwischen mit einigen Freunden vergnügt hätten, mit der Nachricht von seinem Ausfluge überrascht.

Als die Ruhe wiederhergestellt war, verbrachte die Gesellschaft noch eine köstliche halbe Stunde – wie Frank die Unterhaltung im Lauf des Gesprächs nannte, das er auf dem Heimweg mit Tim Linkinwater hielt – bei traulichem Beisammensein, bis endlich Mr. Linkinwater mahnte, es sei höchste Zeit zum Aufbruch. Da weiter nichts mehr zu besorgen stand und sich auch kein Vorwand mehr finden ließ, länger zu bleiben, sah sich Mr. Cheeryble schließlich genötigt, sich mit dem getreuen Tim zu entfernen.

Beinahe drei Stunden vergingen noch in tiefstem Schweigen, bis Nikolas endlich zurückkehrte und Kate bis über die Ohren errötete, als sie bemerkte, wie lange sie, nur mit ihren Gedanken beschäftigt, allein dagesessen hatte.

»Es kam mir kaum wie eine halbe Stunde vor«, stotterte sie.

»Das müssen ja sehr angenehme Träume gewesen sein, Kate, wenn sie imstande waren, dir die Zeit so schnell vergehen zu machen«, meinte Nikolas heiter. »Darf ich fragen, worüber du nachgedacht hast?«

Kate war verwirrt, machte sich am Tische zu schaffen, blickte auf, lächelte, sah zu Boden und ließ eine Träne fallen.

»Ei, ei, Kate!« rief Nikolas, zog seine Schwester an sich und küßte sie. »Laß mich dir doch einmal ins Gesicht sehen. Nicht? Warum denn nicht? So blicke doch auf, Kate! Komm, ich werde dir deine Gedanken aus den Augen ablesen.«

Trotz der Harmlosigkeit und Unbefangenheit seines Ansinnens klang doch etwas aus seinen Worten, was Kate zu beunruhigen schien, so daß Nikolas lachend das Thema wechselte und auf häusliche Angelegenheiten überging. Im Lauf der Gespräche erfuhr er von Kate, wie einsam Smike den ganzen Tag über gewesen sei – aber nur allmählich, denn Kate schien auch über diesen Gegenstand nicht gern sprechen zu wollen.

»Der arme Junge«, seufzte Nikolas und klopfte leise an Smikes Tür. »Was mag das wohl für einen Grund haben?«

Kate hatte sich in ihn eingehängt, als sie zusammen die Treppe hinaufgingen, und es blieb ihr, als die Tür rasch geöffnet wurde, nicht Zeit, sich loszumachen, da trat ihnen Smike bereits blaß und müde, aber vollständig angekleidet entgegen.

»Ich dachte, du seist zu Bett gegangen?« fragte Nikolas erstaunt.

»Nein«, war die zögernde Antwort.

Nikolas hielt seine Schwester, die sich entfernen wollte, sanft zurück und fragte: »Warum nicht?«

»Ich konnte nicht schlafen«, erwiderte Smike, die Hand ergreifend, die ihm sein Freund und Wohltäter hinreichte.

»Fühlst du dich denn nicht wohl?«

»Es ist mir schon besser – wirklich viel besser«, erwiderte Smike hastig.

»Aber warum gibst du dich denn solchen trübseligen Anwandlungen hin? Oder warum sagst du uns nicht die Ursache? Du bist ja ein ganz anderer Mensch geworden.«

»Ach, ich weiß das sehr gut und werde Ihnen schon einmal alles sagen. Aber jetzt, bitte, dringen Sie nicht in mich. Ich könnte mich selbst deshalb verabscheuen. – Ihr seid alle so gut und freundlich zu mir, aber ich kann mir nicht helfen, mein Herz ist übervoll – ihr wißt nicht wie voll.«

Er drückte Nikolas die Hand. Ehe er sie losließ, blickte er noch eine Sekunde auf die Arm in Arm vor ihm stehenden Geschwister, als ergreife ihn ihre innige Liebe aufs tiefste, dann ging er wieder in sein Zimmer zurück und war bald der einzige Wachende unter dem friedlichen Dach.

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