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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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43. Kapitel

Versieht den Dienst eines Zeremonienmeisters, indem es verschiedene Leute zusammenbringt.

Der Sturm war schon längst der tiefen Stille gewichen und der Abend schon ziemlich weit vorgerückt – denn es war die Zeit nach dem Abendessen, und der Verdauungsprozeß nahm einen so günstigen Fortgang, wie es nach der Annahme hochverständiger Männer auf dem Gebiete der Physiologie und Anatomie unter dem Einflusse einer ungestörten zwanglosen Unterhaltung und dem mäßigen Genusse von Brandy und Wasser nur immer möglich ist –, als die drei Freunde, oder besser gesagt die zwei Freunde – da Mr. und Mrs. Browdie sowohl im bürgerlichen wie im religiösen Sinne nur als ein Leib und eine Seele zählten – durch den Lärm lauter und heftiger Drohungen im Parterre aufgeschreckt wurden, die bald eine solche Intensität annahmen und überdies so wild und blutgierig klangen, daß es kaum hätte schlimmer sein können, wenn ein wirklicher Mohrenkopf auf den Schultern und dem Rumpfe eines leibhaftigen Sarazenen im Hause anwesend gewesen wäre.

Höchst auffallend war es, daß der Lärm eigentlich nur von einer einzigen Person auszugehen schien, die sich allerdings einer so kräftigen Lunge erfreute, daß auch die Stimme von zwölf kräftigen Menschen kaum mehr Aufruhr hätte verursachen können.

»Donnerwetter, was ist denn da los?« rief Nikolas zur Türe eilend. Mr. Browdie wollte ihm folgen, aber Tilda erbleichte, sank in ihren Sessel zurück und bat mit schwacher Stimme, John dürfe sich keiner Gefahr aussetzen, da sie sonst sofort in Ohnmacht fallen und Krämpfe kriegen werde. Und dann könnten die Folgen weit ärger sein, als er sich vielleicht jetzt vorstelle. John machte bei dieser Eröffnung ein ziemlich verdrießliches Gesicht, wenn er auch ein gewisses Grinsen nicht zu unterdrücken imstande war; da er sich aber unmöglich so weit überwinden konnte, sich von der Raufszene, die er vermutete, fernzuhalten, schlug er den goldenen Mittelweg ein, das heißt, er ergriff seine Frau beim Arm und eilte mit ihr zusammen Nikolas die Treppe hinunter nach.

Der Schauplatz des Aufruhres lag auf dem Flur vor dem Kaffeezimmer, und dort hatten sich die Hotelgäste und Kellner sowie auch ein paar Kutscher und Hausknechte zusammengefunden und umstanden einen jungen Mann, der kaum ein paar Jahre älter als Nikolas sein konnte und außer den bereits erwähnten Drohungen in seiner Entrüstung sogar noch um einige Punkte weitergegangen zu sein schien, wenigstens hatte er keine andre Fußbekleidung als Strümpfe an, während ein Paar Pantoffeln in nicht allzu weiter Entfernung von dem Kopfe einer in der entgegengesetzten Ecke auf dem Boden liegenden Gestalt den Verdacht erweckten, als hätten sie ihren gegenwärtigen Aufenthalt infolge eines Fußtrittes erreicht und seien der auf dem Boden liegenden Gestalt nach und an die Ohren geflogen.

Die Kaffeehausgäste, die Kellner, die Kutscher und die Hausknechte – eines Schenkmädchens nicht zu vergessen, das durch ein offenes Schiebfenster zusah – schienen für den Augenblick, soviel sich aus ihren Gesten und halblauten Ausrufen entnehmen ließ, außerordentlich geneigt zu sein, gegen den jungen Herrn in Strümpfen Partei zu ergreifen. Als Nikolas dies bemerkte und gleichzeitig wahrnahm, daß der junge Mann so ziemlich von seinem eignen Alter war und keineswegs das Aussehen eines Raufboldes hatte, fühlte er – wie es wohl bei jungen Leuten unter ähnlichen Umständen zu geschehen pflegt – eine lebhafte Neigung, der schwächeren Partei beizustehen. Er drängte sich denn auch alsbald mitten in die Gruppe und fragte etwas gebieterischer, als es vielleicht die Umstände rechtfertigen mochten, nach der Ursache des Lärmes.

»Hallo!« rief einer der Hausknechte. »Hallo, a vornehmer Unbekannter!«

»Gentlemen, Platz da für den ältesten Sohn des Zaren von Rußland!« höhnte ein Würdenträger der Stallabteilung.

Ohne auf diese Spötteleien zu achten, die, wie es gewöhnlich bei Späßen auf Kosten gutgekleideter Leute zu geschehen pflegt, mit allgemeinem Jubel aufgenommen wurden, blickte sich Nikolas unbekümmert um, wandte sich dann an den jungen Herrn, der inzwischen seine Pantoffeln wieder angezogen hatte, und wiederholte seine Frage in höflichem Ton.

»Ach, es hat ganz und gar nichts auf sich«, antwortete dieser.

Sofort erhob sich ein Gemurmel unter den Zuschauern, und einige der Beherztesten riefen: »Ausgezeichnet! Es hat nichts auf sich – ganz und gar nicht – nichts nennt er das! Gott sei Dank, daß er nichts dabei findet!«

Als sich der Witz der Umstehenden ein wenig erschöpft hatte, fingen zwei oder drei der Würdenträger des Stalldepartements an, Nikolas und den jungen Herrn scheinbar wie zufällig anzurempeln und ihnen auf die Zehen zu treten und so weiter. Da dies beliebte Gesellschaftsspiel sich nicht notwendigerweise auf ein paar auserwählte Personen beschränkte, so hatte natürlich auch John Browdie Zutritt und brach denn auch – zum großen Schrecken seiner Ehehälfte – in das kleine Häuflein, rempelte die Gentlemen bald links, bald rechts, bald rückwärts, bald vorwärts an und stieß dabei ganz zufällig mit seinem Ellbogen an den Hut des einen Hausknechts, der sich bei der ganzen Angelegenheit als besonders tätig erwiesen, was zur Folge hatte, daß der Auflauf gar bald ein anderes Gesicht bekam und mehr als ein stämmiger Bursche sich respektvoll absentierte, mit Tränen im Auge den schweren Tritt und den gewichtigen Fuß des derben Yorkshirers verwünschend.

»Er soll sich nur nochmal unterstehen«, brüllte der eine, der in die Ecke geflogen war, und stand auf, aber mehr aus Angst, sich unversehens von John Browdie wieder einen Tritt zuzuziehen, als um sich seinem Widersacher etwa entgegenzustellen. »Er soll sich nur nochmal unterstehen, ich werd's ihm schon geben!«

»Und wenn Sie noch einmal wiederholen, was Sie vorhin gesagt haben«, fiel ihm der junge Mann in die Rede, »so werf ich Sie mit dem Kopf unter die Weingläser da hinten.«

Der Kellner, der, solange nur vom Schädeleinschlagen die Rede gewesen war, entzückt über diesen Raufhandel sich die Hände gerieben hatte, beschwor jetzt plötzlich die Zuschauer allen Ernstes, doch die Polizei zu holen; es gehe gewiß nicht ohne Totschlag ab, und er sei seinerseits für alle Gläser und sämtliches Porzellan im Hause verantwortlich.

»Bemühen Sie sich nicht weiter, meine Herrn«, wendete sich der junge Mann an die Hotelbediensteten, »ich bleibe noch die ganze Nacht hier, und morgen können Sie mich ja finden, wenn Sie mich zur Verantwortung ziehen wollen.«

»Weshalb haben Sie ihn geschlagen?« fragte einer der Umstehenden.

»Ja, weshalb haben Sie ihn geschlagen?« wiederholten die übrigen.

Der unpopulär gewordene junge Mann sah sich kaltblütig um, wandte sich dann an Nikolas und sagte: »Sie haben mich vorhin gefragt, was es denn gäbe. Die Sache verhält sich einfach so: dieser Mensch dort trank mit einem Freund im Kaffeezimmer ein Glas Wein, ich hatte in der Nähe noch eine halbe Stunde vor Schlafengehen Platz genommen – ich komme nämlich eben von einer Reise zurück und wollte hier übernachten, da ich meine Familie, die mich erst morgen zu Hause erwartet, nicht so spät in ihrer Ruhe stören wollte –, und da unterstand sich der Bursche, sich auf unverschämte Weise vertraulicher Ausdrücke über eine Dame zu bedienen, die ich nach seiner Beschreibung und noch nach andern Umständen erkannte und mit deren Familienverhältnissen ich genauer bekannt zu sein die Ehre habe. Da er sehr laut sprach, so daß ihn die andern anwesenden Gäste unbedingt hören mußten, bedeutete ich ihm sehr höflich, daß seine Annahmen falsch seien und überdies außerordentlich beleidigend klängen. Ich ersuchte ihn, sich in Hinkunft solcher Äußerungen zu enthalten. Er tat es auch für einige Zeit, da er es aber für gut fand, beim Aufstehen sein Gespräch in noch verletzenderer Weise als früher wieder aufzunehmen, so ging ich ihm nach, versetzte ihm einen Fußtritt und brachte ihn dadurch in die Lage, in der Sie ihn gefunden haben. Ich weiß übrigens selbst am besten, was ich zu tun und zu lassen habe«, fuhr der junge Mann fort, immer noch ziemlich erregt, »und sollte vielleicht jemand wünschen, für ihn Partei zu nehmen, so kann er versichert sein, daß mich das nicht weiter inkommodieren wird.« Nichts hätte Nikolas bei seiner damaligen Gemütsverfassung natürlicher und löblicher erscheinen können als die Beweggründe des jungen Mannes, und er sagte sich, daß er in einem ähnlichen Falle genauso gehandelt hätte. Er nahm sich des jungen Gentlemans daher mit großer Wärme an und erklärte laut, dieser hätte vollkommen recht getan und er achte ihn hoch, eine Erklärung, der John Browdie im Brustton der Überzeugung beipflichtete.

»Ich sag nur, er soll sich in Obacht nehmen«, erklärte der Mißhandelte und ließ sich von einem Kellner den Staub vom Anzug bürsten. »Er soll mich nicht umsonst verprügelt haben, das versichere ich ihm. Es wäre noch besser, wenn man ein schönes Mädchen nicht bewundern dürfte, ohne dafür halbtot geschlagen zu werden.«

Diese Betrachtung schien auf die junge Dame hinter dem Schrankverschlag großen Eindruck zu machen. Sogleich rückte sie sich ihre Haube zurecht, blickte in den Spiegel und gab dabei dem Sprecher vollständig recht.

Wenn alle Leute, meinte sie, für dergleichen unschuldige Dinge durchgehauen würden, so würden die Keilereien auf der Welt überhaupt kein Ende nehmen. Überhaupt möchte sie gern wissen, was der energische Herr eigentlich wolle.

»Mein hübsches Kind –«, sagte dieser leise und näherte sich dem Schiebfenster.

»Ach was, dummes Zeug, Sir«, unterbrach ihn die junge Dame schnippisch und blickte weg, konnte jedoch ein Lächeln dabei nicht unterdrücken, was ihr seitens Mrs. Browdies, die noch auf der Treppe stand und daraufhin sofort ihren Gatten zu sich berief, einen höchst indignierten Blick zuzog.

»Aber so hören Sie doch nur«, fuhr der junge Mann fort. »Wenn die Bewunderung eines hübschen Gesichts ein Verbrechen wäre, so wäre ich überhaupt ganz unten durch, denn ich kann keinem einzigen widerstehen. So etwas übt immer eine außerordentliche Wirkung auf mich aus und ist sogar imstande, mich in der höchsten Wut zu besänftigen. Sie sehen also, welchen Eindruck Ihr hübsches Gesicht bereits auf mich gemacht hat.«

»Ach, das ist alles sehr schön«, entgegnete die junge Dame, den Kopf zurückwerfend, »aber –«

»Das sage ich doch«, fiel ihr der junge Mann in die Rede und sah sie bewundernd an, »aber von Schönheit muß stets mit Achtung gesprochen werden und in anständigen Ausdrücken. Man muß den hohen Wert der Schönheit zu schätzen wissen, und dieser Bursche da hat keinen Begriff –«

Die junge Dame unterbrach kurz die Unterhaltung, indem sie den Kopf aus dem Schiebfenster steckte und den Kellner mit schriller Stimme fragte, ob der mißhandelte junge Gentleman vielleicht die ganze Nacht im Hausflur stehenzubleiben gedenke, um den Eingang andern Gästen zu versperren. Gehorsam diesem Winke informierten die Kellner daraufhin die Hausknechte, die ihrerseits sofort eine andre Miene aufsetzten und ohne weiteres Federlesen ihren früheren Schützling auf die Straße beförderten.

»Ich muß diesen Kerl schon früher einmal gesehen haben«, bemerkte Nikolas.

»Wirklich, glauben Sie?« versetzte der galante junge Herr.

»Ich bin fest davon überzeugt«, fuhr Nikolas nachsinnend fort, »wo kann es nur gewesen sein? – Halt – jetzt erinnere ich mich – in einem Stellenvermittlungsbureau im Westend der Stadt. Das Gesicht kam mir gleich bekannt vor.«

Er hatte recht. Es war Tom, der häßliche Buchhalter von dort, gewesen.

»Höchst sonderbar«, sagte Nikolas, vor dessen geistigem Auge jetzt das ganze Stellenvermittlungsbureau, mit allem, was darin vorgefallen, deutlich auftauchte.

»Ich bin Ihnen für Ihre rechtzeitige Intervention außerordentlich verbunden«, bedankte sich der junge Herr lachend und reichte Nikolas seine Visitenkarte. »Vielleicht haben Sie die Güte, mich wissen zu lassen, wo ich Ihnen meinen Dank abstatten kann.«

Nikolas erwiderte ein paar höfliche Worte, warf einen Blick auf die Karte und rief dann höchst überrascht aus: »Mr. Frank Cheeryble? Doch nicht vielleicht der Neffe der Gebrüder Cheeryble, der morgen erwartet wird?«

»Für gewöhnlich nenne ich mich nicht den Neffen der Firma«, versetzte Mr. Frank heiter, »aber ich bin natürlich stolz darauf, der Neffe der beiden vortrefflichen Männer zu sein, denen das Geschäft gehört. Und Sie sind, wie ich vermute, Mr. Nickleby, von dem ich schon so viel gehört habe? Es ist das ja eine höchst unerwartete, aber gewiß nicht weniger angenehme Begegnung.«

Nikolas antwortete ebenso verbindlich, und beide drückten sich herzlich die Hand. Dann wurde John Browdie vorgestellt, der ganz verwundert zugesehen hatte, seitdem die junge Dame hinter dem Schankverschlag so diplomatisch für die gute Sache gewonnen worden war. Dann kam die Reihe des Vorgestelltwerdens an Mrs. Browdie, und schließlich gingen alle mitsammen die Treppe hinauf und verbrachten die nächste halbe Stunde in lebhafter Unterhaltung, wobei die junge Frau eifrig erklärte, die Person unten im Schankverschlag sei das eitelste und häßlichste Geschöpf, das sie je gesehen hätte.

Mr. Frank Cheeryble war, wenn auch ein junger Hitzkopf, wie sich vor kurzem erwiesen, dabei aber ein höchst aufgeweckter, gutgelaunter, liebenswürdiger Gentleman und hatte etwas in seinem Gesicht und seinem Charakter, was Nikolas lebhaft an die beiden hochherzigen alten Brüder erinnerte. Ebenso ungezwungen in seinem Benehmen wie sie, sprach aus ihm eine Herzlichkeit, die Gleichgesinnte stets auf ganz eigentümliche Weise anzuziehen pflegt. Fügt man noch hinzu, daß er mit seinem hübschen Äußern viel Lebhaftigkeit und Witz verband, so wird es nicht besonders befremdend klingen, daß er sich schon nach fünf Minuten so gut in John Browdies Wunderlichkeiten zu finden wußte, als sei er von Kindheit auf sein Freund gewesen, und daß er, als sich die Gesellschaft trennte, nicht nur bei dem würdigen Landmann und seiner Gattin, sondern auch bei Nikolas einen sehr günstigen Eindruck zurückließ, so daß sich dieser sagte, als er auf seinem Heimweg die Begebnisse des Tages überdachte, daß er wirklich eine höchst angenehme und wünschenswerte Bekanntschaft gemacht habe.

»'s ist doch wirklich sehr merkwürdig, diese Geschichte mit dem Schreiber aus dem Stellenvermittlungsbureau«, dachte Nikolas. »Sollte der Neffe vielleicht auch die schöne junge Dame kennen? Als mir Tim Linkinwater andeutete, er komme zurück, um in das Geschäft einzutreten, bemerkte er gleichzeitig, Mr. Frank hätte seit vier Jahren die Vertretung in Deutschland geleitet und wäre in den letzten sechs Monaten beschäftigt gewesen, eine Filiale im Norden Englands zu errichten. Das macht vier – vierundeinhalbes Jahr; sie muß also noch ein Kind gewesen sein, als er abreiste. Er hat also wohl noch nie etwas von ihr gehört, sie vielleicht nie gesehen, und von seiner Seite ist eine Auskunft kaum zu erwarten. Jedenfalls«, sagte sich Nikolas, und das war der Punkt, auf den er das meiste Gewicht legte, »brauche ich nicht zu fürchten, daß er irgendein Anrecht auf sie hätte. Ja, ja, die Sache ist klar.«

Er hielt sich nicht weiter damit auf, ob seinen Gedanken nicht etwas Selbstsüchtiges in punkto Liebe zugrunde liege, begab sich sinnend nach Hause und träumte die ganze Nacht hindurch von den Gefühlen, die ihn bewegten.

Als er sich so weit klar darüber geworden war, daß Frank Cheeryble unmöglich mit der geheimnisvollen jungen Dame näher bekannt sein könne, stieg ihm plötzlich in den Kopf, daß er selbst sie nie wieder zu sehen bekommen werde. Und dann baute er auf dieser Hypothese eine ungemein scharfsinnige Reihenfolge von quälenden Vorstellungen auf, die seinem Zwecke noch besser entsprachen als das Bild von Mr. Frank Cheeryble und ihn schließlich beim Wachen und Schlafen verfolgten. Der Morgen kam wie gewöhnlich und mit ihm die Stunde des Geschäfts und mit dieser Mr. Frank Cheeryble und mit Frank Cheeryble eine Reihe freudiger Bewillkommnungsszenen von Seiten der würdigen Brüder und ein etwas ernsterer und kontormäßigerer, wenn auch nicht weniger herzlicher Empfang seitens Mr. Timotheus Linkinwaters.

»Daß sich Mr. Frank und Mr. Nickleby schon gestern abend treffen mußten!« sagte der alte Buchhalter, rutschte langsam von seinem Stuhl herunter und sah sich, mit dem Rücken gegen das Pult gelehnt, im Kontor um, wie er das gewöhnlich zu tun pflegte, wenn er etwas Besonderes zu bemerken hatte. – »Ich wiederhole, es ist ein höchst merkwürdiger Zufall, daß sich die beiden Herrn gestern abend auf diese Weise treffen mußten. Übrigens glaube ich nicht«, fügte er hinzu, »daß es auf der ganzen Welt einen zweiten Platz geben könnte, wo es möglich ist, so interessante Begegnungen zu erleben wie in London.«

»Ich weiß das gerade nicht«, meinte Mr. Frank, »aber –«

»Sie wissen das nicht, Mr. Frank?« unterbrach ihn Tim hartnäckig. »Nun, wir wollen die Sache in Erwägung ziehen. Wenn es wirklich einen bessern Ort für etwas dergleichen geben sollte, so möchte ich gerne wissen, wo der liegt. Vielleicht in Europa? Nein, da gibt's keinen. In Asien? Da natürlich noch weniger. In Afrika? Nicht daran zu denken. In Amerika? Sie wissen doch selbst, wie es dort aussieht. Na also«, fuhr Tim entschlossen fort, »wo wollte man ihn denn suchen?«

»Ich will darüber mit Ihnen nicht streiten, Tim«, lachte der junge Mr. Cheeryble, »ich bin kein solcher Ketzer wie Sie. Ich möchte nur sagen, daß ich das Zusammentreffen für höchst erfreulich halte.«

»Ja, das ist etwas anderes«, versetzte Tim, vollständig zufriedengestellt, »ich nahm nur an, daß Sie meine Ansicht bestreiten wollten. Aber wer das auch täte«, sagte er und klopfte nachdrücklich mit dem Zeigefinger auf seine Brille, »ich würde ihn einfach mit Beweisen heimgeschickt haben.«

Es war unmöglich, die nötigen Worte zu finden, den Grad der Niederlage näher zu bezeichnen, die der Wagehals erlitten hätte, der sich Tim Linkinwater entgegengestellt hätte, und der alte Buchhalter gab daher den Rest seiner Erklärung aus purem Mangel an Worten auf und bestieg wieder seinen Schreibbock.

»Wirklich, Bruder Ned«, sagte Mr. Charles Cheeryble, nachdem er Tim Linkinwater beifällig auf die Schulter geklopft, »wir können uns sehr glücklich schätzen, zwei solche junge Männer um uns zu haben wie unsern Neffen Frank und Mr. Nikolas. Wir haben alle Ursache, uns darüber zu freuen.«

»Gewiß, Charles, gewiß«, bekräftigte der andere Firmenteilhaber.

»Von Tim sage ich weiter nichts«, fuhr Bruder Ned fort, »denn Tim ist ein Jüngling – ein pures Kind –, der hier nicht weiter in Betracht kommt. Tim, Sie taugen nichts, was sagen Sie dazu, Sir?«

»Daß ich eifersüchtig bin auf alle beide«, erklärte der alte Buchhalter, »und mich nach einer andern Stellung umsehen werde. Treffen Sie daher gefälligst Ihre Maßregeln, meine Herren.« Er hielt dies für einen so unvergleichlichen Witz, daß er seine Feder auf das Tintenfaß legte und, von seinem Schreibbock mehr herunterkollernd als –steigend, lachte, bis er nicht mehr konnte, dabei so heftig den Kopf schüttelnd, daß das Haarpuder in Wolken im Kontor herumstäubte. Auch die beiden Brüder hielten nicht mit ihrer Fröhlichkeit zurück und belachten fast ebenso herzlich den spaßhaften Gedanken, daß sie und Tim sich freiwillig trennen könnten. Am ausgelassensten jedoch lachten Nikolas und Mr. Frank – vielleicht um eine durch den kleinen Vorfall in ihnen wach gewordene Rührung zu verbergen.

»Mr. Nickleby«, wendete sich Charles Cheeryble jetzt an Nikolas, nahm ihn beiseite und faßte ihn freundlich bei der Hand, »ich – ich möchte gern sehen, mein werter Herr, und zwar mit eigenen Augen, ob Sie sich auch wirklich in Ihrer Wohnung behaglich eingerichtet haben. Wir können unmöglich zugeben, daß, wer uns treu und redlich dient, sich Entbehrungen auferlegt oder Unbequemlichkeiten erduldet, die wir zu beseitigen imstande sind. Auch Ihre Mutter und Schwester möchte ich gerne kennenlernen, Mr. Nickleby. Außerdem wäre mir diese Gelegenheit sehr passend, um Ihren Damen die beruhigende Versicherung geben zu können, daß die unbedeutenden Dienste, die wir ihnen zu leisten imstande waren, angesichts Ihres Fleißes und Geschäftseifers bei weitem ausgeglichen sind – kein Wort, lieber Herr, wenn ich bitten darf. Morgen ist Sonntag, ich möchte mir da die Freiheit nehmen, zum Tee hinauszukommen und zu sehen, ob ich Sie zu Hause treffe. Sind Sie aber nicht zu Hause oder sollte es vielleicht die Damen stören und sie wünschten vielleicht ein andermal meine Bekanntschaft zu machen – nun, dann kann ich ja zu einer gelegeneren Zeit wiederkommen, da es mir durchaus nicht auf die Stunde ankommt. Vorderhand aber wollen wir's vielleicht bei dieser Verabredung belassen – lieber Ned, ich möchte gern ein Wort mit dir sprechen.«

Arm in Arm verließen die beiden Brüder das Bureau, und Nikolas, der in dieser Besuchszusage, wie auch in vielen andern Freundschaftsbeweisen, die ihm von seiten seiner Chefs schon an diesem Morgen erwiesen worden waren, die freundliche Absicht merkte, ihn in Gegenwart Mr. Franks offiziell anzuerkennen, konnte das außerordentliche Taktgefühl der wackern alten Herren nicht genug bewundern und wußte kaum, wie er sich ihnen dafür werde dankbar erweisen können.

In Mrs. Nicklebys Brust weckte die Nachricht, daß sie am nächsten Tage Besuch – und zwar einen solchen Besuch – erhalten sollte, eine halb freudige, halb leidvolle Empfindung. Einerseits sah sie darin eine gute Vorbedeutung für ihre baldige Wiederaufnahme in die gute Gesellschaft und den Rückblick aufdämmern an fast vergessene Annehmlichkeiten von Morgenbesuchen und Abendteevisiten – aber andererseits konnte sie nicht ohne Schmerz daran denken, daß sie ihre silberne Teekanne mit dem Elfenbeinknopf auf dem Deckel und die dazugehörige Milchkanne nicht mehr besaß, die in früheren Zeiten ihr Stolz gewesen und deren Anblick sie sich deutlich vergegenwärtigte, wenn sie sich sie vorstellte, wie sie Jahr für Jahr mit Waschleder umwickelt auf einem bestimmten Simse gestanden hatte.

»Ich möchte nur wissen, wer jetzt im Besitz der Gewürzbüchse ist«, sagte sie, den Kopf schüttelnd, »gewöhnlich stand sie in der linken Ecke neben den Gläsern mit den eingemachten Zwiebeln. Erinnerst du dich noch an die Gewürzbüchse, Kate?«

»Vollkommen, Mama.«

»Fast kommt es mir so vor, Kate, als wäre es doch nicht der Fall«, entgegnete Mrs. Nickleby vorwurfsvoll, »da du so kalt und teilnahmslos davon sprechen kannst. Wenn mich bei all diesen Erinnerungen noch etwas mehr ärgert als der Verlust selbst –«, fügte sie hinzu und rieb sich verstimmt die Nase, »so ist es der Gedanke, daß Menschen um mich sind, die meine Worte mit so empörender Gleichgültigkeit hinnehmen.«

»Aber liebe Mama«, besänftigte sie Kate und schlang ihr sanft den Arm um den Nacken, »warum redest du Dinge daher, die du unmöglich ernst meinen kannst, und warum zürnst du mir, daß ich mich glücklich und zufrieden fühle? Du und Nikolas, ihr seid mir geblieben; wir sind jetzt wieder beisammen, warum sollte ich mich da um Kleinigkeiten kümmern, deren Mangel ich nicht einmal empfinde? Ich habe all das Elend und all die Verödung und Einsamkeit durchgemacht, die der Tod nur mit sich bringen kann, und ich kenne das Leid, das man fühlt, wenn man mitten im Menschengewühl einsam und verlassen ist, und habe empfunden, wie schwer es auf uns lastet, wenn wir uns in Kummer und Armut trennen müssen, wo man des gegenseitigen Trostes am meisten bedarf. Wie kannst du dich also wundern, daß ich hier einen so tiefen Frieden fühle, solang du an meiner Seite bist? – Es hat eine Zeit gegeben, und sie ist noch nicht lange entschwunden, wo mir – ich gestehe es – die Annehmlichkeiten unseres alten Heims oft vor mein geistiges Auge traten – vielleicht öfter, als du denken magst –, aber ich habe damals getan, als kümmerte ich mich nicht darum, weil ich hoffte, dadurch dein Leid zu mildern. Sicher war ich nicht gefühllos, sonst wäre ich wohl weniger unglücklich gewesen, liebe Mama«, fuhr sie in höchster Aufregung fort, »jetzt sehe ich keinen Unterschied zwischen dieser Heimat und der, in der wir alle so viele Jahre uns glücklich fühlten, ausgenommen vielleicht, daß das gütigste und edelste Herz, das je auf Erden gelitten, in das Land ewigen Friedens eingegangen ist –«

»Kate, liebe Kate!« rief Mrs. Nickleby und umschlang ihre Tochter.

»Oft habe ich«, schluchzte Kate, »an all seine zärtlichen Worte gedacht – an das letztemal, als er zu Bett ging, in mein kleines Zimmer hereinblickte und sagte: Gott behüte dich, mein Liebling! Sein Gesicht war so blaß – sein ganzer Lebensmut war dahin – ich habe in dem Augenblick nicht daran gedacht –«, ein Tränenstrom schaffte ihr Erleichterung, sie legte ihren Kopf an die Brust ihrer Mutter und weinte wie ein Kind.

Die gute Mrs. Nickleby, die immer nur gewohnt war, alles, was ihr gerade in den Sinn kam, in Worte zu kleiden, hatte nie im entferntesten an die Möglichkeit gedacht, daß ihre Tochter sich insgeheim mit solchen Gedanken beschäftigen könne; um so weniger, als alle die vielen schweren Prüfungen ihr niemals einen Vorwurf oder eine Klage erpreßt hatten. Aber jetzt, wo die Freude über all das, was ihnen Nikolas soeben mitgeteilt hatte, und der Frieden ihrer gegenwärtigen Lage in Kates Seele Erinnerungen erweckte, die sie nicht zu unterdrücken vermochte, begann doch der alten Frau ein Licht aufzugehen, daß sie zuweilen ziemlich unbedacht gewesen sei, und es beschlich sie wie eine Art Selbstvorwurf, wie sie jetzt ihre Tochter umarmte und den Empfindungen nachgab, die durch eine derartige Unterredung notwendigerweise entstehen mußten.

Am Abend gab es ein geschäftiges Hinundherlaufen, da es galt, den erwarteten Besuch gebührend zu empfangen. Bei einem benachbarten Gärtner wurde ein riesiger Blumenstrauß geholt und in eine Anzahl sehr kleiner Sträuße zerschnitten, mit denen Mrs. Nickleby ihr Zimmer auf eine Weise zu schmücken gedachte, die wohl jedermanns höchstes Staunen erregt haben würde, wenn ihr nicht Kate die Mühe gespart und die Blumen selbst geschmackvoll geordnet hätte.

Wenn sich das kleine Häuschen je schmuck ausnahm, so war dies an dem darauffolgenden, schönen und sonnenhellen Tag der Fall. So stolz aber auch Smike auf den Garten war und Mrs. Nickleby auf den Zustand der Möbel, und wie sehr sich auch Kate über alles freute, so unendlich viel größer war doch die Freude, mit der Nikolas seine Schwester ansah, stolz auf die Schönheit ihres Gesichtes und die Anmut ihrer Gestalt.

Gegen sechs Uhr abends geriet Mrs. Nickleby durch das lang erwartete Klopfen an der Haustür in keine geringe Aufregung, die sich nicht minderte, als der Schritt von zwei Paar Stiefeln im Flur hörbar wurde, die, wie sie fast atemlos vermutete, niemand anders als den beiden Herrn Cheeryble angehören konnten. Dennoch irrte sie sich, denn es war Mr. Charles Cheeryble mit seinem Neffen Frank, der sofort tausend Entschuldigungen für seine Zudringlichkeit vorbrachte. Da Mrs. Nickleby genügend Teelöffel besaß, nahm sie die Rede mit ungemein gnädiger Miene hin. Auch sonst veranlaßte das Erscheinen des unerwarteten neuen Besuchs nicht die mindeste Verlegenheit, höchstens davon abgesehen, daß Kate anfangs ein paarmal errötete, denn der alte Herr war so freundlich und herzlich, und der junge Herr ahmte ihn in dieser Hinsicht so vortrefflich nach, daß sich die sonst unerläßliche Steifheit und Förmlichkeit eines ersten Sichkennenlernens nicht einstellten.

Am Teetisch erstreckte sich die allgemeine Unterhaltung auf verschiedene Themen. Es fehlte auch nicht an Scherzreden mancher Art, denn als des jungen Mr. Cheerybles Aufenthalt in Deutschland aufs Tapet kam, verriet der alte Herr der Gesellschaft, daß sein Neffe im Verdacht stehe, sich in die Tochter eines gewissen deutschen Bürgermeisters sterblich verliebt zu haben; und trotzdem Frank diese Anschuldigung entrüstet zurückwies, bemerkte Mrs. Nickleby höchst schlau, gerade weil er alles mit soviel Wärme in Abrede stelle, müsse an der Sache unbedingt etwas Wahres sein. Daraufhin bat Mr. Frank den alten Herrn geradezu auffallend dringend, zuzugeben, daß das Ganze nur ein Scherz sei, was dieser denn auch tat, da seinem Neffen soviel daran gelegen zu sein schien und er – wie Mrs. Nickleby späterhin mehr als tausendmal gesagt haben wollte – purpurrot wurde, was sie mit vollem Recht als einen höchst merkwürdigen Umstand ansah, zumal junge Herrn sonst nicht im Rufe der Bescheidenheit oder Selbstverleugnung zu stehen pflegten, wenn es sich darum handle, in Damen verliebt zu sein.

Nach dem Tee ging man in den Garten und, da der Abend sehr schön war, durch die Gartentür hinaus in ein paar Gäßchen und Nebenstraßen, in denen man auf und ab schlenderte, bis es völlig dunkel wurde. Der ganzen Gesellschaft schien die Zeit außerordentlich rasch zu entschwinden. Kate ging am Arm ihres Bruders voran und plauderte mit ihm und mit Mr. Frank Cheeryble. Mrs. Nickleby folgte in kurzer Entfernung mit dem alten Herrn, und seine Freundlichkeit und Sorge für Nikolas' Wohlfahrt und seine Bewunderung für Kate wirkten so intensiv auf die Gefühle der guten alten Dame, daß ihr sonst so gewohnter Redestrom auf sehr enge Grenzen beschränkt blieb. Auch Smike, der an diesem Tag nicht wenig das Interesse der Gesellschaft erregte, war mit dabei und trat bald zu der einen, bald zu der andere Gruppe, je nachdem Mr. Charles ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn aufforderte, mit ihm zu gehen, oder Nikolas sich lächelnd umblickte und ihn heranwinkte, um sich mit ihm, seinem alten Freunde, zu unterhalten, der es stets am besten verstand, ihm ein Lächeln zu entlocken, wenn es sonst niemand anders vermochte.

Wenn auch Stolz eine der sieben Todsünden ist, so kann das doch keinen Bezug auf den Stolz einer Mutter auf ihre Kinder haben, denn er besteht in diesem Falle aus zwei Haupttugenden – dem Glauben und der Hoffnung. Mit einem solchen Stolz war an diesem Abend auch Mrs. Nicklebys Herz erfüllt, und Spuren von Tränen innigen Dankes, wie sie sie wohl jemals geweint, waren auf ihrem Antlitz sichtbar, als sie alle zu Hause wieder angelangt waren.

Während des bescheidenen Abendessens herrschte eine ebenso fröhliche Heiterkeit, die aufs innigste mit dieser Gemütsstimmung harmonierte. Endlich nahmen die beiden Gäste Abschied. Viel Gelächter erregte dabei der Umstand, daß Mr. Frank Kate zweimal die Hand reichte, und zwar, weil er das erste Mal vergessen hätte, ihr bereits adieu gesagt zu haben. Mr. Cheeryble sah darin sofort den klaren Beweis, daß ihm seine Flamme in Deutschland immer im Kopfe stecke, ein Spaß, der abermals unendliches Gelächter hervorrief. Kurz, es war ein Tag heitern und fröhlichen Glücks, wie man ihn nicht oft erlebt – Stunden, auf die wohl alle gern zurückblicken, die sie je ähnlich erlebt haben.

War aber nicht vielleicht einer ausgenommen, der das allgemeine Glück nicht teilte? Einer, der des Glücks am meisten bedurft hätte?

Wer war es, der in seiner stillen Kammer auf die Knie niedersank, um zu beten, wie einst sein erster Freund es ihn gelehrt der die Hände faltete und sie dann wie im Übermaß bittersten Schmerzes gen Himmel erhob und sein Antlitz darin vergrub?

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