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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
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42. Kapitel

Beleuchtet den alten Erfahrungssatz, daß oft die besten Freunde uneins werden können.

Den ganzen Tag hatte die Sonne auf das Pflaster von Snow Hill herabgebrannt und den beiden Mohrenköpfen, den Symbolen des nach ihnen benannten Gasthofes, derartige Blasen gezogen, daß sie womöglich noch boshafter dreinblickten als gewöhnlich. In einem der kleinsten Zimmer des Hotels, durch dessen offenes Fenster dicht, fast zum Greifen, der Dampf von den Postpferden draußen hereindrang, war ein Teetisch zugerichtet, auf dem es an gesottenen und gebratenen Speisen, einer Zunge, einer Taubenpastete, einem kalten Huhn, einem Krug Ale und anderen Erquickungen nicht fehlte, wie man sie in üppigen großen und kleinen Städten zu einem Lunch, Postpassagierdinner oder sonstigen substantiellen Frühstücken für unbedingt nötig erachtet.

Mr. John Browdie umkreiste unruhig, die Hände in den Hosentaschen, diese Leckerbissen und machte von Zeit zu Zeit Halt, um mit dem Taschentuch seiner Frau die Fliegen aus der Zuckerdose zu scheuchen oder einen Teelöffel in den Milchgießer zu stecken und zum Munde zu führen oder ein Stück Brotrinde abzubrechen oder eine kleine Fleischecke abzuschneiden und beides zusammen wie ein paar Pillen zu verschlucken. Dabei zog er jedesmal seine Uhr heraus und erklärte mit erschütterndem Ernst, daß er es keine zwei Minuten länger mehr werde aushalten können.

»Tilly!« rief er schließlich seine Gattin an, die im Halbschlaf auf dem Sofa ausruhte.

»Was gibt es, John?«

»Was es gibt?!« rief der Yorkshirer ungeduldig. »Hast denn kan Hunger, Mädel?«

»Nicht besonders«, sagte Mrs. Browdie.

»Nicht besonders!« wiederholte John mit einem verzweifelten Blick zur Decke. »Nicht besonders! No, so was! Und wir haben um drei Uhr zu Mittag gegessen und zum Frühstück eine Pasteten g'habt, die einen eher hungrig gemacht hat als satt! – Nicht besonders!«

»Es ist ein Herr draußen, der Sie zu sprechen wünscht, Sir«, meldete der Kellner, den Kopf zur Türe hereinsteckend.

»Wer – was ist draußen für mich?« rief John. »Warum melden S' denn das erst? Herein mit ihm.«

»Sind Sie zu Hause, Sir?«

»Zu Hause?« rief John, »ich wollte ich wär's! Da hätte ich mindestens schon seit zwei Stunden meinen Tee im Magen. Ich hab's Ihrem Kollegen doch schon g'sagt, er soll acht geben und den Besuch sofort hereinlassen und ihm sagen, daß wir vor Hunger rein zu Grund gehen. Also, herein mit ihm. – Ah! Hurra! Der Nickleby! Geben S' mir Ihre Hand. Das ist der schönste Tag meines Lebens. Na und wie geht's Ihnen denn? Saprament, wie ich mich freu', daß wir uns wieder mal treffen.«

In der Herzlichkeit seiner Begrüßung vergaß der biedere Yorkshirer sogar, wie hungrig er war, drückte Nikolas Nickleby immer und immer wieder die Hand und schlug abwechselnd darein, um die Wärme des Empfanges noch zu erhöhen.

»Jawohl, ja, das ist sie«, sagte er, als er Nikolas' fragenden Blick auf Tilly bemerkte. »Ja, ja, das ist sie. Jetzt werden wir uns ihretwegen nicht mehr raufen, was? Saprament, wenn ich dran denk, wie wir damals aneinander geraten sind. Aber, jetzt greifen S' zu, lieber Freund – und für alles, was uns der Herr beschert hat« – ohne Zweifel beendete er das Tischgebet innerlich, denn gleich darauf war er bereits emsig mit Messer und Gabel beschäftigt.

»Ich werde mir, wie es in solchen Fällen üblich ist, die erlaubte Freiheit herausnehmen, Mrs. Browdie«, sagte Nikolas und stellte einen Stuhl für die junge Frau zurecht.

»Nimm dir raus, was du magst«, sagte John; »und wenn du damit fertig bist, dann fang wieder von Frischem an.«

Ohne sich mit weitern Umschweifen aufzuhalten, küßte Nikolas die errötende junge Frau und führte sie zu Tisch. Einen Augenblick lang war der Yorkshirer darüber ziemlich verblüfft, aber dann fuhr er freundlich fort: »Ja, ja, hast recht, tu ganz, als ob du zu Haus wärst.«

»Ja, das will ich«, versprach Nikolas. »Aber nur unter einer Bedingung.«

»Und was wär das für eine?«

»Daß Sie mich zum Taufpaten wählen, sobald sich die erste Gelegenheit dazu ergibt.«

»Hast du's gehört!« rief John und legte Messer und Gabel nieder. »Zum Taufpaten wählen! Hahaha! Tilly! – Hast du's gehört? Zum Taufpaten! Na, an bessern Witz kann man schon gar net mehr machen. – Wenn sich die erste Gelegenheit dazu bietet – zum Taufpaten wählen! Hahaha!«

Nie hat wohl ein ehrwürdiger alter Spaß jemand so ergötzt wie dieser den braven John Browdie; er lachte und schrie hinaus und wäre dabei mit einem Haar erstickt, da ihm ein Stück Rindfleisch in die falsche Kehle kam. Dann brüllte er wieder, ohne sich jedoch dabei im Essen stören zu lassen, hinaus, daß er ganz rot im Gesicht wurde und hustete und weinte, lachte und brüllte, bis er sich aufs neue verschluckte, so daß man ihm auf den Rücken schlagen mußte, bis er wieder mit schwacher Stimme ausrufen konnte: »Zum Taufpaten zu wählen – zum Taufpaten, Tilly!«

»Erinnern Sie sich noch an den Abend, wo wir zum erstenmal zusammen beim Tee saßen?« fragte Nikolas.

»Wie könnt' ich denn das je vergessen!« versetzte John Browdie.

»War er damals ein Wüterich, ein unausstehlicher Brummbär, nicht wahr, Mrs. Browdie!« sagte Nikolas.

»Na, und wenn Sie ihn erst gehört hätten, als wir nach Hause gingen, Mr. Nickleby, hahaha«, lachte die junge Frau. »In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so gefürchtet.«

»Mach's nur nicht gar so schlimm, Tilly«, fiel John ihr mit breitem Grinsen ins Wort. »Schneid nur nicht gar so auf.«

»Nein, nein«, beteuerte Mrs. Browdie, »ich war schon fest entschlossen gewesen, nie wieder ein Wort mit dir zu sprechen.«

»Ja, aber nur ›fast‹«, sagte John mit noch breiterem Grinsen, »fast schon entschlossen. Aber, den ganzen Weg hindurch hat sie geschmeichelt und scharwenzelt! – ›Wie hast du dich denn unterstehen können, dir von dem Burschen den Hof machen zu lassen?‹ hab' ich gesagt. – ›Ich, John?‹ hat sie g'sagt und mich dabei in den Arm gezwickt. – ›Oder vielleicht nicht?‹ hab' ich g'sagt. – ›Nein‹, hat sie g'sagt und hat mich wieder gezwickt.«

»Aber John!« fiel die hübsche junge Frau errötend ein, »wie kannst du denn nur solches dummes Zeug schwätzen. Als ob mir jemals so etwas auch nur im Traum eingefallen wäre.«

»Ich weiß nicht, ob's dir im Traum eing'fallen ist – möglich is es ja –, aber eins is sicher, daß du's jedenfalls getan hast«, entgegnete John, »›Mädel‹, hab' ich damals g'sagt, ›du bist unbeständig wie ein Wetterhahn. – ›Nein, John, das bin ich nicht‹, hast du g'sagt. – ›Doch‹, hab' ich g'sagt, ›ganz verdammt veränderlich sogar. Stell's nicht in Abred, ich hab's ganz genau g'sehn, wie du dir von dem verdammten Schulmeister hast den Hof machen lassen‹; hab' ich g'sagt. – ›Von dem?‹ bist du aufg'fahren. – ›Jawohl, von dem‹, hab' ich g'sagt. – ›Nein, John‹, hast du drauf g'sagt und mich wieder in den Arm gezwickt, ›wie kannst du nur glauben, daß ich mich mit so einem magern Gelbschnabel einlassen könnte, wo ich einen so stattlichen Mann zum Bräutigam hab' wie dich‹. – Hahaha, jawohl! Gelbschnabel hast du g'sagt. – ›Saprament‹, hab' ich drauf g'sagt, ›wenn die Sachen so stehen, so bestimm' jetzt selbst den Hochzeitstag und wir wollen wieder gut miteinander sein‹. Hahaha.«

Nikolas lachte herzlich, einmal wegen der Rolle, die er selbst in der Geschichte gespielt, und dann auch, weil er der jungen Frau die Verlegenheit ersparen wollte, deren jedesmalige heftige Proteste durch das schallende Gelächter ihres Gatten übertäubt wurden. Sein Takt und seine Gutmütigkeit brachten die Sache bald wieder ins Geleise, und wenn auch Tilly die Behauptung, sie habe ihn einen mageren Gelbschnabel genannt, ununterbrochen ableugnete, so mußte sie doch jedesmal so herzlich dabei lachen, daß Nikolas die feste Überzeugung gewann, Mr. John Browdie sei tatsächlich in allen wesentlichen Punkten streng bei der Wahrheit geblieben.

»Es ist heute das zweite Mal«, brachte er das Gespräch auf ein anderes Thema, »daß wir zusammen eine Mahlzeit einnehmen, und das dritte Mal, daß ich Sie überhaupt sehe, und dennoch ist mir, als ob ich ganz unter alten Freunden wäre.«

»Sehen Sie, mir geht's grad so«, bemerkte der Yorkshirer.

»Und mir ebenfalls«, bekräftigte die junge Frau.

»Aber ich habe gute Gründe für dieses Gefühl«, fuhr Nikolas fort, »denn ich weiß wirklich nicht, lieber Freund, was aus mir geworden wäre oder wie sich meine Verhältnisse gestaltet hätten ohne die Hilfe, die Sie mir zu einer Zeit erwiesen, wo ich wohl am wenigsten darauf rechnen durfte.«

»Ach Gott, reden S' nicht davon«, versetzte John fast ärgerlich, »und wärmen S' die alte G'schicht nicht wieder auf.«

»Nun, dann bleibt mir nichts anders übrig, als von einer ähnlichen neuen anzufangen«, sagte Nikolas lächelnd. »Ich habe Ihnen schon in meinem Brief geschrieben, wie tief ich Ihr Mitleid mit dem armen Burschen, den Sie auf die Gefahr hin, sich selbst in Unannehmlichkeiten zu verwickeln, befreit haben, empfinde und anerkenne. Sie wissen gar nicht, wie sehr ich und andre, die Sie nicht kennen, Ihnen wegen der Barmherzigkeit, die Sie ihm erwiesen haben, zu Dank verpflichtet sind.«

»Saprament«, rief John Browdie und rückte mit seinem Stuhl näher. »Und ich kann es Ihnen gar net beschreiben, wie hoch mir noch andre gewisse Leute, die uns beiden durchaus nicht unbekannt sind, diese barmherzige Tat anrechnen würden.«

»Ach«, rief Mrs. Browdie, »was ich damals an dem Abend für Angst ausgestanden hab'.«

»Verfiel man überhaupt darauf, hinter Ihnen den Täter zu vermuten?« fragte Nikolas den wackern Yorkshirer.

»A, gar kei Spur«, erwiderte John und grinste von einem Ohr zum andern. »Es war schon ganz finster g'worden, da lag ich noch immer in dem Schulmeister seinem Bett, und noch immer hat keiner auch nur eine Ahnung g'habt, was vorgegangen war. – Na, hab' ich mir gedacht, jetzt hat er ja einen guten Vorsprung, und wenn er noch nicht zu Hause is, so kommt er seiner Lebtag nimmer heim; jetzt kann meinetwegen der Schulmeister raufkommen.«

»Ich verstehe«, sagte Nikolas.

»Ich hab' auch nicht mehr lang' warten brauchen. Zuerst hab' ich g'hört, wie er unten die Tür zug'macht und sich im Finstern heraufgetappt hat. – ›Nur schön langsam‹, hab' ich zu mir selber g'sagt, ›laß dir nur Zeit, alter Schuft, brauchst dich nicht sonderlich übereilen‹. Und gleich darauf ist er zur Tür vom Nebenzimmer gekommen und hat den Schlüssel umgedreht, oder hat vielmehr wollen – es war doch ka Schloß mehr dran –, und gleich drauf hab' ich ihn schreien hören: ›Heda!‹ – Ja, hab' ich mir gedacht, schreist lang gut, du wirst niemand aufwecken, alter Schuft. – ›Heda!‹ hat er wieder g'rufen, und dann hat's ihm den Atem verschlagen, und dann hab' ich ihn rufen hören: ›Ich schlag' dir alle Knochen im Leib entzwei, wenn du dich net meldest.‹ Und dann hat er plötzlich nach Licht g'rufen. Und wie man's gebracht hat, Jessas, war das a Spektakel! ›Was gibt's denn?‹ hab' i g'fragt. – ›Ausgerissen is er‹, hat er gebrüllt, halb verrückt vor Schrecken und Galle. ›Habt Ihr denn nichts gehört?‹ ›Jawohl‹, hab' i g'sagt, ›grad hab' ich erst die Haustür unten zumachen hören; es war als ob jemand runter lauft‹ – und dann hab' i nach der falschen Richtung g'zeigt – und dann hat er g'schrieen: ›Hilfe, Hilfe!‹, und ich hab' ihm gesagt: ›Ich will dir helfen, Schulmeister.‹ Und dann sind wir ihm zusammen nachg'loffen – Aber auf dem falschen Weg natürlich, hohoho!«

»Sind Sie weit gelaufen?« fragte Nikolas.

»Weit?« brüllte John. »A Viertelstund' hat er's ausg'halten, dann hat er nimmer schnaufen können. – Ich hab' g'meint, ich fall' um vor Lachen, wie er so ohne Hut und bis an die Knie im Dreck neben mir herg'loffen is und über die Zäun' geklettert und in die Gräben gepurzelt und dabei wie unsinnig getobt und geschrien hat. Und dabei hat er immer ins Finster gestarrt, und die Rockschöß sind ihm nur so umanand g'flogen. Und von oben bis unten war er voll Dreck wie a Schwein. Ich hätt mich am liebsten auf den Bauch g'legt und mich zu Tod g'lacht.«

Und bei der bloßen Erinnerung daran wieherte John so herzlich, daß auch seine beiden Zuhörer angesteckt wurden und alle drei wie aus einem Munde hell hinauslachten, bis sie nicht mehr konnten.

»Das ist ein ganz heilloser Schuft, der Schulmeister«, schloß John und trocknete sich die Tränen, die ihm vor Lachen in die Augen getreten waren. »Ein ganz heilloser Schurke.«

»Nicht sehen kann ich ihn«, rief Tilly.

»Brav, Mädel«, lobte John, »das g'fällt mir. Aber seine Bekanntschaft verdank' ich eigentlich doch dir; du hast ja dort verkehrt.«

»Ich konnte dem Umgang mit Fanny Squeers nicht gut ausweichen, John«, erklärte die junge Frau. »Wir waren, wie du ja weißt, schon von Kindheit an Spielgefährtinnen.«

»Hast schon recht«, rief John, »es ist am besten, man hält gute Nachbarschaft und verdirbt sich's nicht mit alten Freunden. Ich hab' ja immer g'sagt, man muß Streitereien ausweichen, solange man kann. Meinen Sie nicht auch, Mr. Nickleby?«

»Gewiß«, bestätigte Nikolas, »und Sie selbst haben ganz nach diesen Prinzipien gehandelt, als ich Sie nach jenem denkwürdigen Abend damals zu Pferd auf der Landstraße traf.«

»Nun ja«, brummte John, »was ich sag', das halt' ich auch.«

»Das ist schön und männlich von Ihnen«, versetzte Nikolas, »wenn auch die Yorkshirer in London gerade nicht den Ruhm genießen, immer so zu sein, wie Sie es sind – aber haben Sie mir nicht in Ihrem Brief geschrieben, daß Miss Squeers bei Ihnen zu Besuch sei?«

»Ja«, entgegnete John, »sie ist doch Tillys Brautjungfer, wenn auch a verflucht z'widere; ich glaub' sie wird lang warten müssen, bis sie selbst a Brautjungfer braucht.«

»Pfui, schäme dich, John«, schalt Mrs. Browdie.

»Ihr Bräutigam wird damisch glücklich werden«, spöttelte John mit pfiffigem Augenzwinkern weiter. »Er wird sein Glück gar nicht ertragen können.«

»Eben, weil sie bei uns zu Besuch ist, Mr. Nickleby«, erklärte die junge Frau, »hat John Sie für heute abend herbestellt und Ihnen geschrieben, denn er hat angenommen, daß es Ihnen nach all dem, was vorgefallen ist, nicht besonders angenehm sein würde, ihr hier zu begegnen.«

»Da haben Sie sehr recht«, unterbrach Nikolas.

»Besonders«, fuhr Tilly mit einem schelmischen Blick fort, »nach dem, was wir von gewissen ehemaligen Liebesangelegenheiten wissen.«

»So, erinnern Sie sich daran?« versetzte Nikolas kopfschüttelnd. »Nun, ich glaube, Sie haben damals eine ziemlich gottlose Rolle dabei gespielt.«

»Na, das glaub' ich«, rief John Browdie und wickelte eine der hübschen, zierlichen Locken seiner Frau um seine riesigen Finger, mit Stolz auf sie herniederblickend. »Sie war immer so ausgelassen und hat's so faustdick hinter den Ohren g'habt wie ein –«

»Nun, wie was?« fragte Tilly.

»No, eben wie ein Frauenzimmer«, schloß John seinen Satz. »Ich kann nachdenken, wie ich mag, ich find' keinen bessern Vergleich.«

»Sie haben von Mrs. Squeers gesprochen«, fiel Nikolas rasch ein, um den ehelichen Zärtlichkeiten ein Ende zu machen, damit nicht wieder eine peinliche Stimmung eintrete.

»Jawohl«, ging Tilly auf das Thema ein. »John hat den heutigen Abend gewählt, weil sie vorhatte, bei ihrem Vater Tee zu trinken, und damit sie uns hier nicht überrascht, hat ihr John versprochen, sie später selbst abzuholen.«

»Das haben Sie geschickt gemacht«, lobte Nikolas. »Es tut mir nur leid, daß ich Ihnen soviel Ungelegenheiten bereite.«

»Aber nicht im mindesten«, beteuerte Mrs. Browdie. »Wir können Ihnen gar nicht sagen, wie wir – John und ich – uns gefreut haben, Sie wieder einmal zu sehen. Wissen Sie, Mr. Nickleby«, fügte sie mit schelmischem Lächeln hinzu, »daß, wie ich glaube, Fanny Squeers wirklich sterblich in sie verliebt war?«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Schmeichelei«, verteidigte sich Nikolas, »aber wahrhaftig, ich habe niemals danach getrachtet, ihr jungfräuliches Herz zu gewinnen.«

»Ah, da hört sich alles auf«, rief Mrs. Browdie, »wissen Sie also wirklich nicht, daß mir Fanny allen Ernstes erzählte, Sie hätten ihr Anträge gemacht und es würde demnächst zu einem förmlichen feierlichen Verlöbnis kommen?«

»Was – wie«, rief plötzlich eine schrille Frauenstimme dazwischen, »hat sie dir wirklich gesagt, daß eine Verlobung zwischen – zwischen mir – und einem meuchelmörderischen Dieb stattfinden wird, der das Blut meines Vaters vergossen hat! Glauben Sie wirklich, daß ich in einen solchen Schuhfetzen, den ich nicht einmal mit der Feuerzange anfassen möchte, verliebt sein konnte? Glauben Sie das wirklich, Madame? – Sie elendes niederträchtiges Geschöpf!«

Bei diesen schrecklichen Vorwürfen hatte die tief verletzte Miss Squeers die Tür aufgerissen und präsentierte den Blicken der erstaunten Browdies und Nikolas' nicht nur die Umrisse ihrer eigenen lieblichen Gestalt in dem bereits beschriebenen, nur etwas schmutziger gewordenen weißen Kleide, sondern auch die ihres Vaters und Bruders, der beiden Wackfords.

»Das chabe ich also« – fuhr Miss Squeers fort, die, wenn sie zornig war, ihre »h« immer wie »ch's« aussprach – »das chabe ich also für all meine Nachsicht und Freundschaft für diese doppelzüngige Person – diese Viper – diese – Melusine –«, sie suchte lange nach dieser Bezeichnung und warf sie endlich so triumphierend hin, als ob ihr damit der Inbegriff alles dessen, was sie sagen wollte, gelungen sei. »Das chabe ich also für die Geduld und die Langmut mit deiner chinterlistigen Gemeinheit und Falschheit und deinem ganzen niederträchtigen Hang, die Bewunderung erbärmlicher Seelen auf dich zu ziehen, und zwar in einer Weise, daß ich erröten müßte, schon wegen mei- meines-«

»Geschlechtes«, ergänzte Mr. Squeers, die Browdies und Nikolas mit seinem einzigen ihm zur Verfügung stehenden Auge der Reihe nach musternd.

»Jawohl«, keuchte Miss Squeers, »aber ich danke Gott, daß meine Mutter –«

»Wenn Sie nur hier wäre! Sie würde der ehrenwerten Gesellschaft schon ein bißchen das Gesicht zerkratzen«, fiel ihr Mr. Squeers ins Wort.

»Das chabe ich jetzt davon«, fuhr Miss Squeers in ihrer Strafpredigt fort, schüttelte das Lockenhaupt und blickte verächtlich zur Decke, »das chabe ich davon, daß ich diesem Aschenbrödel da, diesem Kehrichthaufen – überhaupt einen Blick geschenkt chabe und mich selbst so weit erniedrigte, sie mit meiner Freundschaft zu beglücken.«

»Ach was, laß das alberne Geschwätz«, grollte Mrs. Browdie, riß sich von ihrem Gatten, der sie daran hindern wollte, los und trat ein paar Schritte vor.

»Hast du vielleicht nicht meine Freundschaft genossen?« fragte Miss Squeers.

»Nein, wahrhaftig nicht; das hätt' ich mir überlegt«, antwortete Tilly.

»Bei solchen Personen sucht man freilich die Schamröte vergebens«, erwiderte Miss Squeers hochmütig, »in einer solchen Visage liest man eben nichts als Schimpflichkeit und bauernhafte Frechheit.«

»Sie, ich möcht' Ihnen jetzt raten, gefälligst andre Worte zu gebrauchen«, fiel John Browdie ein, den diese ununterbrochenen Angriffe auf seine Frau zu ärgern begannen. »Halten S' Ihnen gefälligst zurück.«

»Sie, Mr. Browdie«, erwiderte die junge Dame schnell, »Sie kann ich nur von Herzen bedauern.«

»So, so«, brummte John.

»Jawohl«, wiederholte Miss Squeers und blickte ihren Vater von der Seite an. »So spöttisch Sie auch zu sagen beliebten, daß ich nicht so bald einen Bräutigam finden würde, so empfinde ich trotzdem nichts andres als Mitleid für Sie, Mr. Browdie.«

Wieder warf sie ihrem Vater einen fragenden Blick zu, den dieser mit einer Grimasse erwiderte, als wolle er sagen: »da hast du es ihm aber tüchtig gegeben.«

»Ich weiß eben, was Sie noch durchzumachen haben werden«, fuhr Miss Squeers fort und schüttelte heftig ihre Locken, »ich weiß eben voraus, was Ihnen für eine Zukunft bevorsteht – und wenn Sie mein bitterster Todfeind wären, so könnte ich Ihnen nichts Schlimmeres wünschen.«

»Außer vielleicht, daß du dich selbst ihm zum Weibe wünschtest«, fügte Mrs. Browdie gelassen hinzu.

»Ach, Madame, wie witzig Sie sind!« bemerkte Miss Squeers spitz und mit einem tiefen Knicks, »fast zu witzig, als daß man es Ihnen bei Ihrem Verstande zugetraut hätte; und wie klug von Ihnen, Madame, einen Zeitpunkt zu wählen, wo ich zu meinem Vater zum Tee gegangen war und nicht eher wiederkommen konnte, als bis man mich abholte. Nur schade, saß Sie dabei übersehen haben, daß andre Leute ebenso gescheit sind wie Sie und Ihnen einen Strich durch die Rechnung machen konnten.«

»Es wird dir nicht gelingen, Kind, mich durch solche Reden aufzubringen«, spöttelte die ehemalige Miss Tilly, sich auf die Erwachsene spielend.

»Ich muß mir verbieten, Madame, daß Sie mich ›Kind‹ nennen«, brauste Miss Squeers auf, »ich dulde das nicht. Das chabe ich also –«

»Donnerwetter noch einmal«, rief John Browdie ungeduldig. »Also gut, das hast du nun eben davon, Fanny. Laß schon mal endlich das Geschnatter.«

»Ich danke Ihnen verbindlich für Ihren freundlichen Rat, Mr. Browdie, um den ich Sie übrigens gar nicht ersucht habe«, erwiderte Miss Squeers mit affektierter Höflichkeit, »bitte Sie aber allen Ernstes, mich nicht beim Taufnamen zu nennen. Sogar in meinem Mitleid für Sie will und werde ich nicht vergessen, was ich mir selbst schuldig bin, Mr. Browdie. Und von dir, Tilda«, fuhr sie schrill auf, »sage ich mich auf immer los. Ich verzichte auf dich und deine Freundschaft und gebe dich auf für immer. Ich würde mein Kind nicht Tilda taufen lassen«, setzte sie feierlich hinzu, »und wenn ich es damit vom Tode retten könnte, vorausgesetzt natürlich, daß ich eins hätte.«

»Na, was das betrifft«, bemerkte John, »so haben Sie immer noch Zeit genug, es sich zu überlegen, wenn Sie einmal eins haben.«

»John«, fiel die junge Frau mit verstecktem Hohn ein, »kränke sie nicht! Du tust ihr weh.«

»Du tust ihr weh«, echote Miss Squeers, außer sich vor Wut. »Du tust ihr weh! Hihihi! Nein, wie weichherzig!«

»Wenn es nun einmal das Los des Horchers an der Wand ist, niemals etwas Gutes von sich zu hören«, lenkte Mrs. Browdie spöttisch ein, »so kann ich das alles jetzt, so leid es mir auch tut, nun einmal nicht ändern. Aber ich will dir nur sagen, Fanny, daß ich oft und oft hinter deinem Rücken so freundlich von dir gesprochen habe, daß sogar du selbst damit zufrieden gewesen wärest.«

»Ja natürlich, ohne Zweifel«, rief Miss Squeers abermals mit einem Knicks, »und meinen verbindlichsten Dank für Ihre große Güte und meine flehentliche Bitte, ein andermal recht glimpflich mit mir zu verfahren.«

»Übrigens wüßte ich auch wirklich nicht«, nahm Mrs. Browdie ihre Rede auf, »was ich dir besonders Schlimmes – selbst in dem gegebenen Falle – nachgesagt hätte, da alles, was ich aussprach, nur die reinste Wahrheit war. Sollte ich es übrigens doch getan haben, so tut es mir leid, und ich bitte dich hiermit um Entschuldigung. Du hast gewiß zwanzig Mal viel Schlimmeres über mich gesagt, Fanny, ohne daß ich es dir nachgetragen hätte. Ich hoffe von dir jetzt ein Gleiches.«

Miss Fanny Squeers' Antwort bestand lediglich darin, daß sie ihre Freundin von Kopf bis zu Fuß musterte und mit der Miene unaussprechlicher Verachtung die Nase rümpfte. Gewisse atemlose, mit zusammengekniffenen Lippen hervorgestoßene Worte wie: Katze, Hexe, verächtliches Geschöpf und so weiter verrieten jedoch, daß ihr Inneres ein Sturm von Gefühlen durchbrauste, zu übermächtig, um sich in Worten ausdrücken zu lassen. Während dieses Dialoges hatte sich Master Wackford, sich unbeachtet glaubend und nicht imstande, seinen Lieblingsneigungen einen Zwang anzutun, unmerklich an den Tisch geschlichen, wo er jetzt einen lebhaften Angriff auf die daraufstehenden Speisen eröffnete. Erst fuhr er mit den Fingern am innern Rand der Schüssel entlang und leckte sie sich mit großem Wohlbehagen ab – dann stibitzte er ein Stück von der Pastetenkruste und fuhr damit über die Butter, und schließlich steckte er Zuckerstückchen anscheinend tief in Gedanken versunken ein. Als er sich bei Betätigung dieser kleinen Freiheiten nicht gestört sah, ging er nach und nach zu größern über, bis er schließlich ganz zwanglos mit der Bearbeitung der Pastete beschäftigt war.

Sein Vater, der das alles gar wohl bemerkt, schwelgte innerlich bei dem Gedanken, daß sich sein Sohn und Erbe auf Unkosten des gemeinsamen Feindes mäste. Erst jetzt, wo jeden Augenblick eine Pause einzutreten drohte, bei der die Tätigkeit des kleinen Wackford kaum unbemerkt bleiben konnte, tat er plötzlich, als ob er zum erstenmal sein Beginnen bemerkte, und versetzte ihm eine Maulschelle von solcher Kraft, daß die Teetassen klirrten.

»Was!« grollte er, »du ißt von den Speisen, die deines Vaters Feinde übriggelassen haben? Weißt du nicht, daß es zu Gift für dich werden kann, du unnatürlicher Bube?«

»Ach was, es wird ihm weiter nichts machen«, sagte John, sichtlich sehr beruhigt, nicht länger mehr ein Weib, sondern einen Mann vor sich zu haben. »Lassen S' ihn nur essen. Ich wollte, die ganze Schule wäre hier, damit sie sich ein bissel ihre ausgehungerten Mägen stopfen könnten. Mir käm's nicht drauf an, sollt' es mir auch den letzten Penny kosten.«

Squeers warf ihm einen wütenden Blick zu, so boshaft und tückisch, wie es ihm nur irgend möglich – und was das anbelangte, verstand er seine Sache –, und ballte die Faust in der Tasche.

»Lassen Sie sich nicht auslachen, Schulmeister«, sagte John, der es wohl bemerkte, »lassen Sie sich nicht auslachen. Wenn ich die meinige balle – nur ein einziges Mal –, so liegen Sie schon am Boden, bevor Sie sie noch im Gesicht haben.«

»Waren Sie es vielleicht nicht«, zischte Squeers, »der dem Smike beim Ausreißen geholfen hat? Waren Sie's vielleicht nicht?

»Ich?« erwiderte John laut. »Na also gut, ja, ich war's. Und was weiter?«

»Du hörst, er hat es eingestanden, mein Kind«, fuhr Squeers auf, seine Tochter zur Zeugin anrufend. »Hast du gehört, er hat es eingestanden?«

»Eingestanden?« wiederholte John, »ich will ihnen noch mehr sagen. Wenn Sie wieder einmal Ausreißer einfangen, so werde ich es nochmal tun, und wenn Sie zwanzig Ausreißer wieder kriegen, tu ich es noch zwanzig Mal, und noch zwanzig Mal zwanzig, verstanden! Mir kocht schon das Blut«, fuhr er fort, »und ich sag' Ihnen noch obendrein, daß Sie ein alter Schuft sind. Und daß Sie ein alter Schuft sind, dazu können Sie sich gratulieren, denn ein junger wäre wohl zu Boden geschlagen worden, wenn er einem ehrlichen Mann erzählt hätte, wie er mit dem armen Burschen in der Droschke verfahren hat.«

»Einem ehrlichen Mann!« höhnte Squeers.

»Jawohl, einem ehrlichen Mann«, schrie John. »Ehrlich in allen Dingen, nur das eine Mal nicht, wo er seine Füße mit dir unter denselben Tisch gestreckt hat.«

»Eine Ehrenbeleidigung!« frohlockte Squeers, »vor zwei Zeugen! Wackford kennt die Bedeutung des Eides; er wird – jawohl, wir werden Sie uns schon ausborgen. Also ›alter Schuft‹ und ›Halunke‹!« – Er zog sich sein Notizbuch hervor und schrieb sich die Worte auf. »Das allein wird bei der nächsten Gerichtssitzung mit zwanzig Pfund bewertet, abgesehen von der Anspielung mit der Ehrlichkeit!«

»Gerichtssitzung?« rief John. »Halten Sie sich lieber von Gerichtssitzungen fern; es hat schon so mancher Yorkshirer Schulmeister vor den Assisen gestanden, Bursche, und ich kann dir sagen, es ist verdammt kitzlich für dich, im Dreck herumzurühren.«

Der Pädagog wurde aschfahl vor Wut und schüttelte drohend das Haupt, dann nahm er seine Tochter beim Arm, zerrte den kleinen Wackford an der Hand mit sich fort und retirierte zur Türe.

»Und was Sie anbelangt«, er wendete sich, stehenbleibend, an Nikolas, der sich absichtlich nicht in die Verhandlungen gemischt hatte, da er dem Ehrenmann ja sowieso schon seinerzeit eine genügende Lektion hatte angedeihen lassen, »so geben Sie acht, daß ich Ihnen nicht über kurz oder lang aufs Fell rücke. Schuljungen entführen! Sie werden schon erfahren, was das zu bedeuten hat. Nehmen Sie sich in acht, daß die betreffenden Väter nicht selbst Nachfrage halten und ihre Sprößlinge wieder zu mir zurückschicken, wo ich Ihnen zum Trotz mit ihnen verfahren kann, wie es mir beliebt.«

»Darum ist mir nicht bange«, sagte Nikolas, wandte sich ab und zuckte verächtlich die Achseln.

»Wirklich? Na, das wollen wir mal sehen!« rief Squeers mit einem tückischen Blick – »kommt jetzt, Kinder.«

»Ich verlasse am Arme meines Vaters diese Gesellschaft für immer«, deklamierte Miss Squeers und warf einen Blick stolzer Verachtung über die Schulter. »Ich empfinde es als Schmach, mit solchen Geschöpfen auch nur dieselbe Luft geatmet zu haben. Armer, armer Mr. Browdie. Hahaha! Nein wahrhaftig, er tut mir leid, daß er sich so eingetunkt hat, hahaha – mit dieser arglistigen, ränkesüchtigen Person.«

Damit fegte die junge Dame aus dem Zimmer. Draußen jedoch schien sie ihre Würde nicht länger aufrechterhalten zu können, denn man hörte sie deutlich auf der Treppe weinen, schluchzen und stöhnen.

Mit offenem Mund blieb John Browdie hinter dem Tische stehen und sah bald seine Frau, bald Nikolas an, bis seine Hand auf den Bierkrug niedersank; dann ergriff er den Henkel des Gefäßes, verbarg eine Zeitlang sein Gesicht dahinter, händigte dann den Krug mit einem tiefen Atemzug Nikolas ein und zog schweigend die Klingel.

»Also rasch, Kellner«, befahl er lebhaft, »ein bissel g'schwind und die Sachen weg da und schauen Sie, daß wir was Gebratenes zum Nachtessen bekommen – aber es muß gut und reichlich sein – um zehn Uhr, verstanden! Und Brandy und Wasser dazu – und ein paar Pantoffel – die größten, die im Haus sind, aber schnell. Saprament nochmal«, fuhr er händereibend fort, »das ist gescheit, jetzt brauch ich den Abend nicht mehr auszugehen und jemand abzuholen. Wir wollen heute einmal lustig sein.«

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