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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. II. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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33. Kapitel

Mr. Ralph Nickleby wird plötzlich von dem Verkehr mit seinen Verwandten erlöst.

Newman Noggs, der in seiner Ungeduld lange vor der Zeit heimgekehrt war, saß mit Smike vor dem Kamin und horchte ängstlich auf jeden Schritt auf der Treppe und auf jedes Geräusch im Hause, aus dem sich schließen ließe, daß Nikolas heimkomme. Jedoch Stunde um Stunde verging, und immer noch war er nicht da. Bestürzt blickten sich die beiden an, sooft die Geräusche im Stiegenhause wieder verklangen, aber endlich hörten sie eine Droschke vor dem Tore halten, und Newman eilte hinaus, um Nikolas die Treppe hinauf zu leuchten. Bestürzt und wie vom Schlage gerührt blieb er stehen, als er ihn blutbefleckt und kotbespritzt vor sich sah.

»Sie brauchen nicht zu erschrecken«, beruhigte ihn Nikolas und drängte ihn in die Stube zurück. »Der Schaden wird mit einem Becken Wasser gleich wiedergutgemacht sein.«

»Sie sind verletzt!« rief Noggs und fuhr ihm hastig über Rücken und Arme, um sich zu überzeugen, ob er nichts gebrochen habe. »Sie müssen –«

»Ich weiß alles«, fiel ihm Nikolas ins Wort. »Einen Teil habe ich soeben zufällig mit angehört und das übrige erraten. Noch ehe ich mich wasche, müssen Sie mir das Ganze erzählen. Sie sehen, ich bin gefaßt, und mein Entschluß steht fest. Also sprechen Sie, lieber Freund! Es hat keinen Zweck mehr, mir die Sache länger zu verhehlen, und meinen Onkel, den alten Schurken, wird nichts mehr schützen.«

»Ihre Kleider sind zerrissen und Sie hinken; ich sehe, daß Sie Schmerzen haben müssen«, meinte Newman bedenklich. »Zuerst lassen Sie mich Ihre Verletzungen ansehen.«

»Verlohnt sich nicht der Mühe. Es sind bloß ein paar Hautaufschürfungen und eine Prellung, die Sache wird bald vorüber sein«, versetzte Nikolas und ließ sich ächzend nieder. »Aber wenn mir auch alle Knochen zerbrochen wären, ließe ich mich doch nicht verbinden, bevor Sie mir nicht alles berichtet haben, was ich wissen will und wissen muß. – Kommen Sie«, setzte er hinzu und reichte Noggs die Hand, »Sie haben mir einmal erzählt, Sie hätten auch eine Schwester gehabt, die, wie Sie sagten, starb, ehe das Unglück über Sie hereinbrach. Denken Sie jetzt an sie und erzählen Sie, Newman!«

»Ja, das will ich«, rief Mr. Noggs, »Sie sollen die ganze Wahrheit erfahren.«

Und er erzählte. – Nikolas nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopf, wenn er eine Bestätigung der bereits geahnten Einzelheiten hörte, blickte jedoch nicht vom Feuer auf.

Als Newman zu Ende war, bestand er darauf, daß Mr. Nickleby seinen Rock ausziehe und sich endlich seine Wunden verbinden lasse. Anfangs weigerte sich Nikolas, dann aber willigte er ein und erzählte, während ihm Noggs die Verletzungen an Armen und Schultern mit Öl, Weinessig und andern geeigneten Mitteln, die er sich in der Eile von seinen Nachbarn zusammenborgte, behandelte, wie und wo ihm der Unfall zugestoßen. Sein Bericht machte einen tiefen Eindruck auf Newmans lebhafte Einbildungskraft, und als es zu der Schilderung von dem Kampf auf dem Wagen kam, rieb er Nikolas so arg, daß dieser stöhnte wenn er auch nichts sagte, da er merkte, daß der gute Alte in diesem Augenblick Sir Mulberry Hawk unter den Händen zu haben glaubte und seine Wut an ihm ausließ.

Als das Martyrium endlich glücklich vorüber war, beschloß Nikolas mit Mr. Noggs, daß schon am nächsten Morgen alle Vorkehrungen getroffen werden sollten, um Mrs. Nickleby so bald wie möglich aus ihrer gegenwärtigen Wohnung zu entfernen und Miss La Creevy vorerst zu diesem Zweck zu ihr zu senden. Dann hüllte er sich in Smikes Mantel und kehrte mit ihm zu seinem Wirtshause zurück, wo er über Nacht bleiben, zuvor aber noch einige Zeilen an Ralph schreiben wollte, die Newman am Morgen abgeben sollte.

Man sagt, daß Betrunkene in Abgründe stürzen können, ohne irgendwelche Schmerzen zu empfinden, wenn sie wieder zu Bewußtsein kommen. Nikolas ging es ähnlich. Als er am nächsten Tag Schlag sieben Uhr aus dem Bette sprang, fühlte er sich so munter und wohl, als ob ihm gar nichts passiert wäre. Er warf einen Blick in Smikes Schlafzimmer, sagte ihm, Newman Noggs werde wohl bald kommen, ging dann auf die Straße hinunter, nahm eine Droschke und fuhr nach Mrs. Wititterlys Wohnung.

Bereits um dreiviertel auf acht am Cadogan Place angelangt, fing er schon an zu fürchten, daß um diese frühe Stunde noch niemand auf sein werde, als seine Besorgnis durch eine Dienstmagd zerstreut wurde, die gerade die Vortreppe scheuerte. Sie verwies ihn an den Pagen mit den wirren Haaren, der auf ihren Ruf mit einem so roten und glänzenden Gesicht herausgestürzt kam, wie es eben nur ein Page, der gerade aus den Federn geschlüpft ist, haben kann.

Durch ihn erfuhr er, daß Miss Nickleby soeben ihren Morgenspaziergang in dem Garten neben dem Hause mache. Auf die Frage, ob man sie nicht benachrichtigen könne, machte der Page ein zweifelhaftes Gesicht und glaubte, es sei nicht gut möglich; durch einen Schilling jedoch aufgemuntert, wurde er augenblicklich sanguinisch und hoffte das Beste.

»Sagen Sie Miss Nickleby, ihr Bruder sei hier und brenne darauf, sie zu sehen«, trug ihm Nikolas auf.

Die silberplattierten Knöpfe verschwanden mit einer ungewohnten Lebhaftigkeit, und Nikolas schritt, fieberhaft erregt und die Sekunden zählend, ungeduldig im Hausflur auf und nieder. Gleich darauf hörte er jedoch einen wohlbekannten leichten Schritt, und ehe er seiner Schwester noch entgegengehen konnte, lag sie bereits an seiner Brust und brach in Tränen aus.

»Meine liebe, liebe Kate!« rief Nikolas und umarmte sie. »Wie blaß du aussiehst!«

»Ich bin hier so unglücklich gewesen, lieber Bruder«, schluchzte die arme Kate, »unaussprechlich elend. Laß mich nicht hier, lieber Nikolas, sonst bricht mir noch das Herz.«

»Du darfst und sollst nicht hierbleiben«, tröstete sie Nikolas. »Ich werde dich nie wieder verlassen, Kate.«

Tief ergriffen drückte er sie an seine Brust. »Du weißt, ich habe nur in der besten Absicht gehandelt, indem ich dich ohne Schutz zurückließ, und ich schied nur von dir, weil ich fürchtete, Unglück über dich zu bringen. Meine Prüfungen waren nicht weniger schmerzlich als die deinen, und wenn ich unrecht getan habe, so geschah es unabsichtlich und nur infolge meiner Weltunkenntnis.«

»Wie kannst du nur glauben, daß ich etwas anderes dächte«, rief Kate. »Nikolas, lieber Nikolas, wie kannst du nur solchen Gedanken Raum geben!«

»Ach, es ist ein so bitterer Vorwurf für mich, hören zu müssen, daß du soviel gelitten hast«, seufzte Nikolas – »dich so verändert zu sehen und doch so sanft und geduldig. O Gott«, knirschte er, ballte die Faust und das Blut stieg ihm ins Gesicht, »ich weiß nicht, was ich ihm antun werde! – Du mußt jetzt auf der Stelle mit mir dies Haus verlassen. Du würdest schon diese Nacht nicht mehr hier haben schlafen dürfen, wenn ich nicht alles erst so spät erfahren hätte. – Mit wem kann ich sprechen, ehe du mit mir gehst?«

Kate wurde die Antwort erspart, denn in diesem Augenblick trat Mr. Wititterly ein, dem sie sogleich ihren Bruder vorstellte. Nikolas nannte den Zweck seines Hierseins und wies auf die Unmöglichkeit hin, auch nur eine Stunde warten zu können.

»Das Vierteljahr – hem –«, meinte Mr. Wititterly mit Würde, »ist noch nicht zur Hälfte abgelaufen – somit –«

»Somit«, fiel ihm Nikolas ins Wort, »erlischt der Anspruch meiner Schwester auf ihr Gehalt, Sir. Entschuldigen Sie meine Eile, aber die Umstände erfordern dringend, daß ich sie auf der Stelle mit mir nehme. Ich habe keinen Augenblick zu verlieren. Ihre Sachen werde ich, wenn Sie gestatten, im Laufe des Tages abholen lassen.«

Mr. Wititterly verbeugte sich und hatte gegen Kates sofortigen Austritt, der ihm im Gegenteil sehr gelegen kam, nichts mehr einzuwenden, zumal Sir Tumley Snuffin ausdrücklich erklärt hatte, sie passe nicht recht für Mrs. Wititterly in Anbetracht deren zarter Gesundheit. »Was das bißchen noch rückständiges Gehalt anbelangt«, sagte er, »so werde ich« – er wurde plötzlich durch einen heftigen Hustenanfall unterbrochen – »so will ich – ihn Miss Nickleby später gelegentlich bezahlen.« Es war Mr. Wititterlys Gewohnheit, stets kleine Schulden zu haben. Jeder Mensch hat eben irgendeine liebenswürdige Eigentümlichkeit.

»Ganz wie's gefällig ist«, antwortete Nikolas, fügte noch ein paar Worte der Entschuldigung wegen des so plötzlich notwendig gewordenen Austrittes hinzu, drängte dann Kate zu der Droschke und befahl dem Kutscher, so schnell wie möglich in die City zu fahren. Da das Pferd zufällig in Whitechapel seinen Stall hatte und dort sein Frühstück einzunehmen gewohnt war, wenn es überhaupt ein solches erhielt, so verlief die Fahrt schneller, als man unter normalen Umständen hätte erwarten dürfen. Nikolas sandte zuerst seine Schwester in die Wohnung hinauf, um seine Mutter nicht durch sein unerwartetes Erscheinen zu erschrecken, und kam erst ein paar Minuten später nach. Newman war indessen auch nicht müßig gewesen, denn ein kleiner Karren stand bereits vor dem Tore, zum Teile schon mit Mrs. Nicklebys Hausrat beladen. Die vortreffliche Witwe war nun leider nicht die Frau, der man in Eile etwas klarmachen konnte, oder die etwas, was besondere Delikatesse oder Takt erforderte, schnell begriffen hätte. Als sie daher von Nikolas und Kate so ganz ohne Umschweife erfuhr, was vorgefallen, war sie, trotzdem sich Miss La Creevy vorher bereits eine ganze Stunde lang bemüht hatte, ihr alles klarzumachen, nicht imstande, die Notwendigkeit des so eiligen Austrittes ihrer Tochter einzusehen.

»Und nach deinem Onkel fragst du gar nicht, lieber Nikolas?« sagte sie. »Wir können doch nicht wissen, ob das alles in seine Pläne paßt!«

»Liebe Mutter, die Zeit des Redens ist vorbei!« stellte ihr Nikolas vor. »Hier handelt es sich nur um einen einzigen Schritt, und der besteht darin, daß wir ihn mit der ganzen Entrüstung und Verachtung, die er verdient, ein für allemal abschütteln. Es verträgt sich weder mit deiner Ehre noch mit deinem Namen, daß du, nachdem du von seinen Schurkereien erfahren hast, auch nur eine Stunde länger als unbedingt nötig in diesen schäbigen vier Wänden bleibst.«

»Gewiß, gewiß!« gab Mrs. Nickleby unter heißen Tränen zu. »Er ist ein Unmensch, ein Ungeheuer, und die Wände hier sind wirklich sehr kahl – und nicht einmal gemalt. Ich habe mir die Decke auf eigene Kosten für achtzehn Pence tünchen lassen müssen. Es ist doch wirklich zu arg; es ist jetzt rein, als ob ich sie deinem Onkel geschenkt hätte. Nicht zu glauben ist so was – wahrhaftig!«

»Ja, das stimmt«, rief Nikolas.

»Gott im Himmel«, fuhr Mrs. Nickleby fort, »wer hätte je gedacht, daß Sir Mulberry Hawk ein solcher verworfener Schurke ist, wie Miss La Creevy sagt, lieber Nikolas! Und ich habe jeden Tag in dem Gedanken geschwelgt, er könne ein Verehrer unserer lieben Kate sein, und träumte schon von den glücklichen Tagen, die unserer Familie aus der Ehre einer solchen Verbindung erwachsen müßten. Gar wenn er seinen Einfluß geltend gemacht hätte, um dir ein Staatsstipendium zu verschaffen! Ich weiß bestimmt, es gibt bei Hof so manche schöne Stelle, die man ganz leicht bekommen kann, wenn man Protektion hat. Zum Beispiel der Bruder einer Freundin von uns – der Miss Cropley in Exeter, liebe Kate, du wirst dich ihrer gewiß noch erinnern – besaß eine solche Protektion, und du weißt, daß er eigentlich nicht viel mehr zu tun hatte, als seidene Strümpfe und einen Haarbeutel, der wie eine schwarze Uhrtasche aussah, zu tragen. Ach Gott, wer hätte je gedacht, daß es noch soweit kommen würde – lieber Gott, es wird mich noch unter die Erde bringen.«

Sie fing abermals bitterlich zu weinen an. Da Nikolas mit seiner Schwester inzwischen auf die Fortschaffung des Gepäckes und Hausrates zu achten hatte, unterzog sich Miss La Creevy der Aufgabe, sie zu trösten, und bemerkte dabei wohlwollend, sie müsse sich alle Mühe geben, ihre trüben Gedanken zu verscheuchen und wieder heiter zu werden.

»Sie haben gut reden, Miss La Creevy«, seufzte Mrs. Nickleby mit einer Bitterkeit, die man ihr eigentlich nicht übelnehmen konnte, »es ist leicht gesagt, ›seien Sie heiter‹. Aber wenn man so viel Grund gehabt hat, sich auf etwas zu freuen, und dann plötzlich sieht – O Gott, o Gott, wenn ich an Mr. Pyke und Mr. Rupfer denke, die zwei vollendetsten Gentlemen, die mir je vorgekommen sind! – Was soll ich ihnen sagen, wenn sie kommen? Wenn ich ihnen vorhielte: ich habe gehört, Ihr Freund Sir Mulberry ist ein Elender, so würden sie mich auslachen!«

»Ich bürge dir dafür, daß sie dich in Zukunft mit ihren Besuchen verschonen werden«, sagte Nikolas. »Komm, Mutter, unten steht eine Droschke. Nächsten Montag kehren wir wieder in unsere alte Wohnung zurück –«

»– wo Sie alles bereit finden und herzlich willkommen sein sollen«, setzte Miss La Creevy eifrig hinzu. »Kommen Sie, gehen wir jetzt zusammen hinunter.«

Aber so leicht war Mrs. Nickleby nicht von der Stelle zu bringen. Zuerst wollte sie noch einmal die Stiegen hinaufgehen, um nachzusehen, ob nichts vergessen worden sei, und dann wieder die Treppe hinunter, ob auch alles auf dem Karren liege. Als man ihr in den Wagen half, fiel ihr plötzlich ein angeblich vergessener Kaffeetopf in der rückwärtigen Küche ein, und dann, als der Kutschenschlag zugemacht wurde, sie habe einen grünen Sonnenschirm hinter irgendeiner Türe stehen lassen. In einem Zustande vollständiger Verzweiflung befahl Nikolas endlich dem Kutscher loszufahren, und bei dem unerwarteten Ruck des Wagens verlor sie einen Schilling in dem Stroh auf dem Droschkenboden, was glücklicherweise ihre Aufmerksamkeit so lange ablenkte, bis es endlich zu spät war, sich auf etwas anderes zu besinnen.

Nachdem Nikolas alles glücklich erledigt, das Dienstmädchen verabschiedet und das Haustor abgeschlossen hatte, sprang er ebenfalls in eine Droschke und ließ sich in die Nähe von Golden Square fahren, wo er Mr. Noggs treffen sollte. Alles war so rasch vor sich gegangen, daß es erst halb zehn schlug, als er den Ort der Zusammenkunft erreichte.

»Hier ist der Brief an Ralph«, sagte er, »und hier der Hausschlüssel. Wenn Sie heute abend zu mir kommen, bitte, erwähnen Sie mit keinem Wort, was gestern nacht vorgefallen ist. Schlimme Neuigkeiten wandern schnell, und meine Damen werden bald genug davon hören. Wissen Sie übrigens nicht, ob er sich stark verletzt hat?«

Newman schüttelte den Kopf.

»So will ich mich ohne Zeitverlust selbst davon überzeugen.«

»Sie täten besser, sich auszuruhen«, riet Newman. »Sie sind nicht wohl und haben Fieber.«

Nikolas winkte ihm unbekümmert mit der Hand ab und suchte das Unwohlsein, das er jetzt, wo die größte Aufregung vorüber war, tatsächlich empfand, zu verbergen, indem er sich hastig verabschiedete.

Mr. Noggs hatte kaum drei Minuten nach Golden Square, aber in dieser kurzen Zeit holte er wohl zwanzigmal den Brief aus seinem Hut hervor und legte ihn ebenso oft wieder kopfschüttelnd hinein. Einmal betrachtete er die Aufschrift, dann die Rückseite und dann wieder das Siegel. Dann hielt er den Brief auf Armeslänge vor sich, um sich an dem Gesamtüberblick zu ergötzen, und rieb sich schließlich entzückt über seinen Auftrag die Hände.

In seiner gewohnten Art betrat er das Bureau, hängte den Hut an den Nagel wie immer, legte Brief und Schlüssel auf das Pult und wartete mit Spannung auf Mr. Ralph Nicklebys Ankunft. Bereits einige Minuten später ließ sich das wohlbekannte Stiefelknarren des alten Ehrenmannes auf der Stiege vernehmen, und gleich darauf ertönte die Klingel.

»Ist nichts mit der Post gekommen?«

»Nein.«

»Auch sonst keine Briefe?«

»Doch. – Einer.«

Dabei sah Newman seinen Herrn fest an und legte Nikolas' Brief auf das Pult.

»Was ist das?« fragte Ralph und nahm den dabeiliegenden Schlüssel zur Hand.

»Wurde mit dem Briefe hiergelassen. – Ein kleiner Junge hat beides gebracht – vor nicht ganz einer Viertelstunde.«

Ralph erbrach das Siegel und las:

»Ich habe Sie jetzt endlich durchschaut. Es gibt wohl keinen Vorwurf auf Erden, den ich Ihnen nicht machen könnte und der nur den tausendsten Teil der Schmach ausdrückte, die Sie heimlich selbst empfinden müssen.

Die Witwe Ihres Bruders und seine verwaiste Tochter verzichten hiermit mit Verachtung auf die Unterkunft, die Sie ihnen bisher gewährt haben, und gedenken Ihrer mit Ekel und Abscheu. Sie verleugnen Sie als Verwandten und kennen keine größere Schmach, als den gleichen Namen mit Ihnen zu tragen. Sie sind ein alter Mann, und ich überlasse Sie dem Grabe. Ich wünsche Ihnen, daß Sie niemals vergessen können, was Sie getan, und daß Sie in Ihrer Sterbestunde noch daran denken müssen.«

Zweimal las Mr. Ralph Nickleby den Brief durch, zog dann seine Stirn in düstere Falten und versank in tiefes Nachsinnen. Das Papier entfiel seiner Hand, aber seine Finger waren krampfhaft zusammengepreßt, als ob er es immer noch halte.

Dann sprang er plötzlich von seinem Stuhl empor, hob das Schreiben auf, zerknitterte es, schob es in die Tasche und wandte sich mit seiner gewohnten Miene an Newman, offenbar mit der Absicht, ihn zu fragen, warum er denn schon wieder spioniere. Aber Newman stand, ihm den Rücken zukehrend, unbeweglich da und verfolgte mit dem tintengeschwärzten Stumpf eines alten Federhalters die Kolonnen einer Zinsenberechnungstabelle, die an der Wand hing, sichtlich ganz und gar in seine interessante Beschäftigung vertieft.

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