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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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9. Kapitel

Von Miss Squeers, Mrs. Squeers, Master und Mr. Squeers und andern mit ihnen in Verbindung stehenden Personen.

Als Mr. Squeers abends die Schulstube verließ, begab er sich nach seinem Wohnzimmer. Aber nicht in das, wo Nikolas bei seiner Ankunft zu Abend gespeist, sondern in ein kleineres im Hintergebäude, wo seine huldreiche Gattin, sein hoffnungsvoller Sohn und seine liebenswürdige Tochter sich des Glücks ungetrübten Familienlebens erfreuten. Mrs. Squeers war in die hausmütterliche Beschäftigung des Strümpfestopfens vertieft, während das junge Fräulein und Master Squeers irgendeine jugendliche Meinungsverschiedenheit vermittels eines Faustkampfes über den Tisch hinüber erörterten, was sich bei Annäherung des ehrenwerten Herrn Papas in einen geräuschlosen Austausch von Fußtritten unter dem Tisch verwandelte.

Miss Fanny Squeers stand im dreiundzwanzigsten Jahre, und wenn Anmut und Liebenswürdigkeit von dieser Lebensperiode unzertrennlich sind, warum nicht auch in diesem Falle? Sie war nicht so groß wie ihre Mutter, sondern ähnelte in dieser Beziehung eher ihrem Vater, hatte aber von der ersteren die rauhe Stimme, während von letzterem der merkwürdige Ausdruck des Auges auf sie übergegangen war, das ganz das Aussehen hatte, als ob es blind wäre.

Miss Squeers war eben erst von einem mehrtägigen Besuch bei einer benachbarten Freundin in das väterliche Haus zurückgekehrt, welchem Umstände es zuzuschreiben sein mochte, daß sie noch nichts von dem neuen Hilfslehrer gehört hatte und dessen Anwesenheit erst erfuhr, als ihr Vater selbst darauf zu sprechen kam.

»Nun, mein Schatz«, begann Squeers und rückte sich seinen Stuhl an den Tisch, »was hältst du von ihm?«

»Von wen denn?« fragte Mrs. Squeers, die in der Grammatik nicht ganz sattelfest war, unwirsch.

»Nun, von dem jungen Menschen, dem neuen Lehrer; wen könnte ich denn sonst meinen?«

»Ach, der Knickerboy?!« rief Mrs. Squeers ungeduldig. »Nicht sehen kann ich ihn.«

»Aber warum denn nicht, meine Liebe?« fragte Squeers erstaunt.

»Was kümmert's dich? Ist's nicht genug, wenn ich dir sage, daß ich ihn nicht ausstehen kann?«

»Gerade genug für ihn, meine Liebe, und vielleicht um ein gutes Teil zuviel, wenn er es wüßte«, begütigte Mr. Squeers. »Ich habe doch nur aus Neugierde gefragt, mein Schatz.«

»Nun, wenn du's also durchaus wissen willst, so kann ich dir's ja sagen. Weil er ein stolzer, hochmütiger, eingebildeter, hochnäsiger Pfau ist.«

Wenn Mrs. Squeers aufgeregt war, pflegte sie sich einer sehr kräftigen Sprache zu bedienen und überdies eine Menge Beiwörter einzuflechten, von denen einige immer der Bildersprache angehörten, wie z. B. das Wort Pfau und die Anspielung auf Nikolas' Nase, die nicht im buchstäblichen Sinne genommen werden konnte. Auch nahm sie es nicht sonderlich genau, ob die Prädikate zusammenstimmten, wie man aus dem gegenwärtigen Fall ersehen kann, da ein hochnäsiger Pfau gewiß in der Naturgeschichte eine Rarität bedeutet, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt.

»Hm, aber er ist billig, mein Schatz«, wendete Squeers auf den Wutausbruch hin milde ein, »der junge Mann ist sehr billig.«

»Warum nicht gar«, brummte Mrs. Squeers.

»Fünf Pfund jährlich!« bedeutete der Schulmeister.

»Teuer genug, wo man ihn doch gar nicht braucht.«

»Aber wir brauchen ihn«, erwiderte Squeers.

»Ich sehe nicht ein, wieso du ihn mehr brauchen solltest als den verstorbenen. Ich bitt dich, schweig. Kannst du nicht auf die Geschäftskarten setzen lassen: Erziehungsanstalt unter Leitung des Mr. Wackford Squeers nebst tüchtigen Hilfslehrern, ohne daß man einen solchen Mitfresser zu halten brauchte? Kommt das vielleicht nicht alle Tage bei anderen Instituten vor? Es ist rein nicht mehr zum Aushalten mit dir.«

»So, meinst du«, versetzte Squeers in strengem Ton. »Ich will dir was sagen. Was das Lehrerhalten anbelangt, so werde ich mit deiner gütigen Bewilligung tun, was mir paßt. Ein Sklavenhalter in Westindien hat auch seinen Gehilfen, der darauf zu sehen hat, daß ihm die Schwarzen nicht davonlaufen oder rebellieren, und ich will auch einen Menschen unter mir haben, der das gleiche bei unsern Schwarzen tut, bis einmal unser Bub so weit ist, daß er selbst die Schule leiten kann.«

»Ich darf, wenn ich groß bin, die Aufsicht in der Schule führen, Vater?« rief Master Squeers junior freudig und vergaß im Übermaß seines Entzückens ganz, seiner Schwester einen heimtückischen Fußtritt zu versetzen, wie er soeben vorgehabt.

»Ja, das sollst du, mein Sohn«, wiederholte Mr. Squeers gerührt.

»Teufel, dann will ich's aber den Jungen geben«, rief der vielversprechende Sprößling und griff nach seines Vaters Stock. »Die sollen mir aber quieken, Vater.«

Es war ein stolzer Augenblick in Mr. Squeers' Leben, Zeuge sein zu können von diesem Ausbruch edler Begeisterung in der Seele seines Kindes, aus dem jetzt schon künftige Größe hervorleuchtete. Er drückte ihm einen Penny in die Hand und machte im Verein mit seiner Mustergattin seinen Gefühlen durch ein lautes beifälliges Gelächter Luft.

»Er ist ein dummer, aufgeblasener Aff, nichts sonst«, kam Mrs. Squeers wieder auf Nikolas zurück.

»Angenommen, er ist aufgeblasen«, versetzte der Schulmeister, »so kann er das in der Klasse, die ihm übrigens nicht besonders zu behagen scheint, ja sein, soviel er will.«

»So?« meinte Mrs. Squeers. »Na, da wird ihm ja der Stolz allmählich vergehen. Meine Schuld soll's nicht sein, wenn es nicht geschieht.«

– Nun war ein stolzer Hilfslehrer und zumal in einer Yorkshirer Unterrichtsanstalt solches Wunderding, daß Miss Squeers, die sich sonst selten mit Schulangelegenheiten befaßte, sofort neugierig aufhorchte, wer denn dieser Knickerboy sei, der sich so hochmütig benehme.

»Nickleby«, verbesserte Mr. Squeers und buchstabierte ihr den Namen vor. »Deine Mutter nennt immer die Dinge und Leute mit unrechten Namen.«

»Ist doch ganz wurst«, knurrte Mrs. Squeers. »Ich habe ihn beobachtet, als du heute den kleinen Bolder durchwichstest. Er hat dabei ein Gesicht geschnitten, so schwarz wie eine Wetterwolke, und einmal fuhr er sogar auf, als wäre er am liebsten über dich hergefallen. – Ja, ja, ich hab's ganz gut gesehen, wenn er's auch nicht bemerkt hat.«

»Laß das jetzt, Vater«, unterbrach Miss Squeers, als sich das Oberhaupt der Familie anschickte, eine heftige Antwort zu geben. »Wer ist er eigentlich?«

»Dein Vater bildet sich ein, er sei der Sohn eines verarmten Gentlemans«, höhnte Mrs. Squeers. »Er wird wahrscheinlich ein Findelkind sein.«

»Dummes Zeug«, fuhr Squeers auf, »seine Mutter lebt doch noch. Übrigens so oder so, wir machen uns jemand zum Freund, wenn wir ihn hier haben, und wenn's ihn so drängt, den Jungen außer der Aufsicht, die ihm obliegt, noch etwas zu lehren, was stört mich das weiter?«

»Und ich sage dir, ich kann ihn nun einmal nicht ausstehen«, beharrte Mrs. Squeers auf ihrem Standpunkt.

»Wenn er dir nicht gefällt, mein Schatz«, lachte der Schulmeister, »so kannst du es ihn ja fühlen lassen. Es ist doch gar kein Grund vorhanden, ihm gegenüber deinen Haß zu verbergen.«

»Habe ich auch nicht vor, verlaß dich drauf«, brummte Mrs. Squeers.

Miss Squeers hatte während dieses Zwiegesprächs aufmerksam die Ohren gespitzt, und ihr erstes war, daß sie beim Schlafengehen bei der ausgehungerten Magd umfassende Nachforschungen über das Äußere und das Benehmen des Hilfslehrers anstellte. Die Antworten des Mädchens lauteten so enthusiastisch, besonders hinsichtlich seiner schönen schwarzen Augen, seines gewinnenden Lächelns und seiner geraden Beine – worauf sie einen besondern Wert legte, da das allerdings in Dotheboys Hall eine Seltenheit war –, daß Miss Squeers sehr bald zu der Ansicht kam, er müsse ein höchst merkwürdiger Mensch sein und, wie sie sich bezeichnend ausdrückte, kein Lump. Sie faßte daher den Entschluß, gleich am nächsten Morgen Nikolas persönlich näher in Augenschein zu nehmen. Um ihre Absicht besser ausführen zu können, wählte sie dazu einen Zeitpunkt, wo ihre Mutter beschäftigt und der Vater abwesend war, und ging scheinbar zufällig in die Schulstube, um sich eine Feder schneiden zu lassen. Da sie dort »zu ihrer Überraschung« bloß Nikolas und die Jungen vorfand, errötete sie tief und tat äußerst verwirrt.

»Ich bitte um Entschuldigung«, stotterte sie, »ich glaubte mein – mein Vater wäre hier – oder könnte hier sein – ich – ach –«

»Mr. Squeers ist ausgegangen«, sagte Nikolas ruhig.

»Wird er bald wiederkommen, Sir?« fragte Miss Squeers verschämt.

»Er sprach von einer Stunde«, antwortete Nikolas, zwar höflich, aber sonst von den Reizen der jungen Dame weiter nicht aus der Fassung gebracht.

»Höchst ärgerlich«, meinte Miss Squeers und errötete abermals. »Ich danke Ihnen. Es tut mir ungemein leid, eine Störung veranlaßt zu haben. Wenn ich nicht gedacht hätte, mein Vater wäre hier, so würde ich um keinen Preis –, es ist mir wirklich äußerst peinlich –«

»Wenn das alles ist, was Sie wünschen«, half ihr Nikolas aus der »Verlegenheit«, deutete auf die Feder, die sie in der Hand hielt, und lächelte unwillkürlich über ihre Affektiertheit, »so kann ich vielleicht seine Stelle vertreten?«

Miss Squeers blickte, wie im Zweifel, ob es auch schicklich sei, sich mit einem wildfremden Menschen so weit einzulassen, nach der Türe und dann in der Klasse umher, trat aber dann, durch die Gegenwart der vierzig Zöglinge einigermaßen ermutigt, zu Nikolas und händigte ihm mit einem entzückenden Gemisch von Schüchternheit und Herablassung die Feder ein.

»Wünschen Sie sie hart oder weich?« fragte Nikolas und verbiß ein Lachen.

»Er lächelt wirklich entzückend«, dachte sie.

»Wie sagten Sie?« fragte Nikolas.

»Ach – ich dachte gerade an etwas ganz anderes. – So weich wie möglich, wenn ich bitten darf«, säuselte Miss Squeers und seufzte dabei, wahrscheinlich um anzudeuten, daß auch ihr Herz unendlich weich sei. Nikolas korrigierte die Feder, und dann ließ Miss Squeers sie fallen, und als er sich bückte, um sie aufzuheben, bückte sie sich gleichfalls, beide stießen mit den Köpfen zusammen, und fünfundzwanzig Kinderkehlen lachten fröhlich auf – gewiß zum ersten und einzigen Male in diesem Semester.

»Wie ungeschickt von mir«, entschuldigte sich Nikolas und öffnete der jungen Dame die Türe.

»Ganz und gar nicht, Sir«, versetzte Miss Squeers, »es war lediglich meine Schuld. – Ich – ach – guten Morgen.«

»Ihr Diener«, sagte Nikolas. »Wenn ich Ihnen wieder eine Feder schneide, so wird's, hoffe ich, besser gehen. Nehmen Sie sich in acht, Sie beißen die Spitze ab.«

»Wirklich?« stotterte Miss Squeers. »Ich bin so verlegen, daß ich kaum weiß, was ich –, es tut mir wirklich sehr leid, Ihnen so viele Mühe gemacht zu haben.«

»Durchaus keine Mühe«, versicherte Nikolas und schloß die Türe der Schulstube.

»Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine solchen Beine gesehen«, murmelte Miss Squeers im Fortgehen.

In Wirklichkeit hatte sie sich auf den ersten Blick heftig in Nikolas Nickleby verliebt.

Und mit ein Hauptgrund dafür war, daß die Freundin, bei der sie kürzlich zu Besuch gewesen – eine Müllerstochter von ungefähr achtzehn Jahren –, sich vor einiger Zeit mit dem Sohne eines kleinen Kornhändlers in dem nächsten Marktflecken verlobt hatte.

Miss Squeers und die Müllerstochter waren nun Busenfreundinnen gewesen und hatten, wie das unter jungen Damen so üblich, die Übereinkunft getroffen, daß jede, wenn sie im Sinn habe, sich zu verloben, das wichtige Geheimnis sofort der Freundin als der ersten lebenden Seele anvertrauen und sie als Brautjungfer erkiesen müsse. Diesem Versprechen getreu war denn auch die Müllerstochter sofort nach Abschluß ihrer Verlobung, das heißt vierzig Minuten später, nachts um elf Uhr herausgefahren und in Miss Squeers' Schlafzimmer geeilt, um ihr diese erfreuliche Botschaft nicht länger vorzuenthalten. Da aber nun Miss Squeers um volle fünf Jahre älter war, so hatte sie begreiflicherweise seitdem nichts sehnlicher gewünscht, als dieses Vertrauen so schnell wie möglich erwidern und ihre Freundin in ein ähnliches Geheimnis einweihen zu können. Aber, ob es nun so schwer hielt, ihr zu gefallen, oder vielleicht noch schwerer, daß sie jemand gefiel, es wollte und wollte sich ihr keine Gelegenheit bieten, Geheimnisse mitzuteilen. Kaum hatte jedoch der eben beschriebene kleine Vorfall mit Nikolas stattgefunden, so setzte Miss Squeers ihren Hut auf, lief in größter Eile zu ihrer Freundin und enthüllte ihr nach einer feierlichen Wiederholung des früheren Verschwiegenheitsgelübdes, daß sie zwar noch nicht wirklich verlobt, aber doch im Begriffe sei, sich mit dem Sohne eines Gentlemans zu versprechen; nicht etwa mit einem Kornhändler oder dergleichen, sondern mit dem Sohne eines wirklichen Gentlemans, der unter höchst geheimnisvollen und merkwürdigen Umständen als Lehrer nach Dotheboys Hall gekommen sei – in der Tat nur, wie Miss Squeers aus vielen Gründen glauben zu dürfen versicherte, um, angelockt durch den Ruf ihrer Reize, ihre Bekanntschaft zu machen und um sie anzuhalten.

»Ist das nicht wirklich fabelhaft?« schloß Miss Squeers ihren Bericht und wiederholte immer wieder das letzte Wort.

»Allerdings sehr außerordentlich«, gab die Freundin zu. »Aber was hat er denn zu dir gesagt?«

»Frag mich nicht, was er zu mir gesagt hat, meine Liebe«, entgegnete Miss Squeers. »Wenn du seine Blicke und sein Lächeln gesehen hättest! Ich war in meinem Leben noch nie so überwältigt.«

»Hat er dich vielleicht so angesehen?« fragte die Müllerstochter und machte so gut wie möglich einen Liebesblick des Kornhändlers nach.

»Ja, ungefähr. Nur viel vornehmer«, sagte Miss Squeers.

»Ah«, erklärte die Freundin, »dann hat er etwas im Sinn. Verlaß dich drauf.«

Miss Squeers, die zwar noch einiges Bedenken bei der Sache hatte, ließ sich nicht ungern durch eine so kompetente Autorität in ihren Herzenswünschen bestärken, und als sich im Verlauf der Unterhaltung hinsichtlich charakteristischer Liebesmerkmale in vielen Punkten eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Benehmen des Hilfslehrers und dem des Kornhändlers herausstellte, wurde sie so außerordentlich zutraulich, daß sie ihrer Freundin eine Menge Dinge erzählte, die Nikolas zwar nicht gesagt hatte, die aber so ungemein schmeichelhaft waren, daß sie auch nicht mehr den mindesten Zweifel zuließen. Sie sprach dann von dem harten Geschick, Eltern zu haben, die ihrem zukünftigen Gatten durchaus abgeneigt wären, und ließ sich über diesen traurigen Umstand um so ausführlicher aus, als die Eltern ihrer Freundin vollständig einverstanden mit der Verlobung ihrer Tochter gewesen waren und die Sache in diesem Falle einen ganz alltäglichen Verlauf genommen hatte.

»Ich möchte ihn aber doch auch sehen«, meinte die Freundin neugierig.

»Das sollst du auch, Tilda«, versprach Miss Squeers. »Ich müßte das undankbarste Geschöpf auf Erden sein, wenn ich es dir abschlüge. Ich glaube, meine Mutter verreist nächstens auf ein paar Tage, um einige Zöglinge zu holen, und dann werde ich dich und deinen John zum Tee bitten. Bei dieser Gelegenheit könnt ihr ihn dann kennenlernen.«

Das war ein herrlicher Gedanke, und nachdem die Sache noch gehörig durchgesprochen worden, trennten sich die Freundinnen.

Es traf sich, daß die Reise, die Mrs. Squeers antreten sollte, um drei neue Schüler zu holen und die Verwandten zweier alter um Begleichung einer kleinen Rechnung zu pressen, bereits auf übermorgen festgesetzt wurde. Mrs. Squeers bestieg zur festgesetzten Zeit einen Außensitz der Postkutsche, als diese in Greta Bridge Halt machte. Sie nahm ein kleines Bündel mit, das eine Flasche Likör nebst einigen Brot- und Fleischschnitten enthielt, versah sich mit einem großen Mantel, um sich des Nachts darin einzuhüllen, und trat mit diesem Gepäck ihre Reise an.

Bei derartigen Gelegenheiten pflegte Mr. Squeers unter dem Vorwande dringender Geschäfte jeden Abend nach dem Marktflecken zu fahren, wo er dann jedesmal bis zehn oder elf Uhr in einem von ihm sehr geschätzten Wirtshause verweilte. Da ihm daher das Teekränzchen durchaus nicht im Wege war und sogar noch dazu diente, Miss Squeers' Verdacht abzulenken, so gab er ohne weiteres seine Einwilligung dazu und hatte auch nichts dagegen, in eigener Person Nikolas die Mitteilung zu machen, daß er abends um fünf Uhr im Wohnzimmer zum Tee erwartet würde.

Begreiflicherweise befand sich Miss Squeers, als der große Zeitpunkt immer näher rückte, in nicht geringer Verwirrung; jedenfalls unterließ sie nichts, um sich aufs vorteilhafteste herauszuputzen. Ihr Haar, das einen leidigen Stich ins Rötliche hatte und sich auch keiner besondern Länge erfreute, fiel ihr vom Scheitel in fünf korkzieherartigen Lockenreihen herab und verhüllte kunstreich die Mängel des zweifelhaften Auges, gar nicht zu reden von der blauen Schärpe, deren Enden rückwärts herunterbaumelten, der gestrickten Schürze, den langen Handschuhen, der grünen, über die Schulter geworfenen und unter den Armen zugeknüpften Gazeschärpe und den übrigen zahlreichen Toilettenkniffen, die ebenso viele für Nikolas' Herz bestimmte Pfeile bedeuteten. Diese Vorkehrungen waren kaum zu Miss Squeers' voller Zufriedenheit beendigt, als ihre Freundin mit einem weiß und braun gewürfelten Päckchen ankam, das einige kleine Putzartikel enthielt, die sie erst hier anziehen wollte, was sie denn auch unter unablässigem Geplauder tat. Als die jungen Damen einander noch das Haar geordnet hatten und aber auch gar nichts mehr an sich auszusetzen fanden, zogen sie ihre langen Handschuhe an und rauschten in vollem Staat die Treppe hinunter in das Zimmer, wo bereits alles für den Empfang der Gesellschaft bereit stand.

»Wo ist John, Tilda?« fragte Miss Squeers.

»Nur nach Hause gegangen, um sich umzukleiden«, versetzte die Müllerstochter. »Er wird aber hier sein, noch ehe der Tee fertig ist.«

»Wie mir das Herz klopft«, seufzte Miss Squeers.

»Oh, das kenne ich«, sagte Tilda.

»Weißt du, Tilda, ich bin es nicht gewöhnt«, lispelte Miss Squeers und legte die Hand an die linke Seite ihrer Schärpe.

»Ach, das gibt sich bald, meine Liebe«, tröstete die Müllerstochter.

Inzwischen hatte das ausgehungerte Dienstmädchen das Teegeschirr hereingebracht, und gleich darauf klopfte jemand an die Türe.

»Er ist's«, rief Miss Squeers. »O Tilda.«

»Pst«, flüsterte Tilda. »Hm. Ruf doch: ›Herein!‹«

»Herein«, echote Miss Squeers mit schwacher Stimme.

»Guten Abend«, sagte Nikolas unbefangen, ohne von seiner Eroberung auch nur eine Ahnung zu haben. »Ich hörte von Mr. Squeers, daß –«

»Ja, ja. Schon richtig«, fiel Miss Squeers ein. »Papa trinkt den Tee nicht mit uns. – Aber ich denke, Sie werden ihn nicht sehr vermissen«, ergänzte sie mit schalkhaftem Lächeln.

Nikolas machte große Augen, dachte aber, da er viel zuviel Kummer im Herzen trug, über die Bemerkung nicht weiter nach. Trotz seines Gemütszustandes benahm er sich aber – rein mechanisch –, als er der Müllerstochter vorgestellt wurde, so liebenswürdig, daß die junge Dame vor Bewunderung ganz hingerissen war.

»Wir warten noch auf einen zweiten Herrn«, sagte Miss Squeers, nahm den Deckel des Teekessels ab und sah hinein, ob der Tee auch nicht zu stark würde.

Es war Nikolas ziemlich gleichgültig, ob man auf einen oder auf zwanzig Herren wartete, und nahm daher diese Kunde vollkommen uninteressiert hin. Er fühlte sich unendlich bedrückt, und da er keinen besondern Grund einsah, warum er sich hätte angenehm machen sollen, trat er ans Fenster, blickte hinaus und seufzte unwillkürlich.

Das Unheil wollte, daß Miss Squeers' Freundin, die einen ausgesprochenen Sinn für scherzhafte Einfälle hatte, diesen Seufzer hörte und es sich sofort in den Kopf setzte, das Liebespärchen mit seiner Niedergeschlagenheit zu necken.

»Wenn nur meine Anwesenheit daran schuld ist«, sagte sie, »so macht das weiter nichts. Ich habe doch dieselbe Krankheit; tut ganz, als ob ihr allein wärt.«

»Tilda!« säuselte Miss Squeers, bis zu den Haarlocken errötend. »Schäm dich doch.«

Dann brachen beide in ein nicht endenwollendes Kichern aus und schossen über ihre Taschentücher hinweg schelmische Blicke auf Nikolas. Der geriet zuerst in maßloses Staunen, kam dann aber bei dem unerhört komischen Gedanken, man könne glauben, er sei in Miss Squeers verliebt, und da zudem das Aussehen und Benehmen der beiden jungen Damen unendlich albern war, derartig ins Lachen, daß er bei seinem angeborenen Temperament seine armselige Lage einen Augenblick ganz vergaß.

»Je nun«, sagte er sich, »wenn ich nun einmal schon hier bin und man von mir aus irgendeinem Grund zu erwarten scheint, daß ich zur allgemeinen Unterhaltung beitrage, so wäre es sehr ungeschickt, wie ein Pinsel dazustehen. Ich will mich daher nach Möglichkeit der Gesellschaft anzupassen suchen.«

Er trat daher sofort galant auf Miss Squeers und deren Freundin zu, rückte sich einen Stuhl an den Teetisch und begann sich mit einer Ungezwungenheit zu bewegen wie wohl kaum je ein Hilfslehrer im Hause seines Prinzipals, seit dieser lohnende Beruf aufgekommen ist.

Die jungen Damen waren förmlich berauscht durch Mr. Nicklebys verändertes Wesen, als endlich der erwartete junge Mann anlangte. Seine Haare waren noch naß, da er sich eben erst gewaschen hatte, und ein reines Hemd, dessen Kragen irgendeinem riesigen Altvordern angehört haben mochte, bildete, nebst einer weißen Weste von ähnlichem Umfang, die Hauptzierde seiner Person.

»Nun, John?« begrüßte ihn Miss Mathilde Price, denn dies war der volle Name der Müllerstochter.

»No, also wos is?« erwiderte John mit einem Grinsen, das selbst der ungeheure Kragen nicht ganz bedecken konnte.

»Ich bitte um Entschuldigung«, fiel Miss Squeers ein und beeilte sich, die beiden Herren einander vorzustellen, »Mr. Nickleby – Mr. John Browdie.«

»Servus«, sagte John, der über sechs Fuß hoch war und ein dementsprechendes Gesicht nebst Rumpf besaß.

»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Sir«, sagte Nikolas und richtete unter den Butterschnitten eine schreckliche Verheerung an.

Mr. Browdie war kein Mann von besonders gesellschaftlichen Talenten. Er grinste daher noch zweimal, um jedem der Anwesenden seinen gewohnten Aufmerksamkeitsbeweis abzustatten, und dann ein drittes Mal ohne besondern Grund und langte dann gleichfalls zu.

»Ist die Alte furt?« fragte er mit vollen Backen nach einer Pause.

Miss Squeers nickte bejahend.

Mr. Browdie verzog den Mund zu einem noch liebenswürdigem Grinsen, als sei er der Ansicht, daß jetzt ein wirklicher Grund zum Lachen vorliege, und fing dann wieder an, die Butterbrote mit erneuter Kraft zu bearbeiten. Es war wirklich ein prächtiger Anblick, wie er und Nikolas aufräumten.

»I glaub, Sö kriegen a nöt alle Tag Butterbrot, was?« fragte er, nachdem er Nikolas eine Weile über den leeren Teller hinweg angestiert hatte.

Nikolas biß sich erbleichend auf die Lippen und tat, als ob er die Bemerkung nicht gehört hätte.

»Teifel noch amol«, johlte Mr. Browdie mit einem brüllenden Gelächter, »all'zvüll dean's oam hier nöt auftischen; Sö werden bald nix mehr als Haut und Knochen an eahna habn, wann S' lang gnua hier bleibn, ho, ho, ho.«

»Sie sind ja sehr witzig«, versetzte Nikolas verächtlich.

»Na, das wüßt i grad nöt«, grinst Mr. Browdie, »aber der andere Lehrer, zum Teifel, war so dünn wia a Zwürnsfaden.«

Die Erinnerung an die Schmächtigkeit des letzten Lehrers schien Mr. Browdie einen Riesenspaß zu machen, denn er lachte und lachte, bis er es für nötig fand, sich mit dem Rockärmel die Tränen abzuwischen.

»Ich weiß nicht, ob Ihr Begriffsvermögen so weit reicht, um Sie einsehen zu lassen, daß Ihre Bemerkungen sehr beleidigend sind, Mr. Browdie«, sagte Nikolas, in dem sich die Galle regte. »Wenn es aber der Fall ist, so haben Sie wohl die Güte, mir zu –«

»Wenn du noch ein Wort sagst, John«, schrie Miss Price dazwischen und hielt ihrem Bräutigam den Mund zu, »nur noch ein halbes Wort, so werde ich dir es nie verzeihen und nie wieder mit dir sprechen.«

»No ja, Schatz, i laß eahm doch schon«, sagte der Kornhändler und drückte Miss Mathilde einen herzhaften Schmatz auf, »meinswegn soll er daherreden, was er mog.«

Miss Squeers' Aufgabe war es jetzt, Nikolas zu besänftigen, was sie denn auch unter vielen Anzeichen der Furcht und des Schreckens tat. Die Wirkung dieser doppelten Vermittlung war, daß sich Mr. Browdie und der Hilfslehrer mit vieler Würde über den Tisch die Hände reichten; eine so ergreifende Szene, daß Miss Squeers vor Rührung Tränen vergoß.

»Was hast du denn, Fanny?« fragte Miss Price erstaunt.

»Nichts, Tilde, nichts«, schluchzte Miss Squeers.

»Sie hatten doch nie im Sinn, einander etwas zuleide zu tun«, meinte Miss Price. »Nicht wahr, Mr. Nickleby?«

»Nicht im geringsten«, versetzte Nikolas, »das wäre recht abgeschmackt gewesen.«

»So ist's recht«, flüsterte Miss Price ihm zu. »Sagen Sie ihr ein paar freundliche Worte, dann wird sie gleich wieder gut sein. Sollen John und ich derweilen ein wenig hinausgehen?«

»Um alles in der Welt nicht«, versetzte Nikolas bestürzt, durch diesen Vorschlag nicht wenig in Schrecken versetzt. »Um Gottes willen, warum denn?«

»Nun, das muß ich sagen«, meinte Miss Price leise und in einigermaßen verächtlichem Tone. »Sie sind mir ein recht sonderbarer Anbeter.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Nikolas atemlos. »Es fällt mir doch nicht im entferntesten ein, hier den Anbeter zu spielen. Ich verstehe gar nicht, was ich aus all dem machen soll.«

»Nicht? Nun, dann weiß ich's auch nicht«, versetzte Miss Price spitz, »aber die Männer sind ja bekanntlich alle flatterhaft, sind es von jeher gewesen und werden es immer sein; das wenigstens läßt sich sehr leicht aus dem Ganzen entnehmen!«

»Flatterhaft?« rief Nikolas. »Wie kommen Sie zu dieser Anschuldigung? Sie wollen doch nicht etwa andeuten, daß Sie der Meinung sind –«

»O nein, ich habe gar keine Meinung«, entgegnete Miss Price schnippisch. »Sehen Sie sie lieber an, wie nett sie gekleidet ist und wie gut sie aussieht; in der Tat, fast hübsch. Sie sollten sich was schämen!«

»Aber mein liebes Kind, was geht denn mich ihr Aussehen und ihr hübsches Kleid an?!«

»Sie brauchen mich gar nicht ›mein liebes Kind‹ zu nennen«, sagte Miss Price, konnte aber dabei ein geschmeicheltes Lächeln nicht unterdrücken, denn sie war hübsch und in ihrer ländlichen Weise ein wenig kokett, Nikolas ein feiner junger Mann und nach ihrer Ansicht das Eigentum einer anderen – lauter Gründe, die ihr das alles höchst pikant erscheinen ließen. »Fanny würde mir Vorwürfe machen. – Aber kommen Sie, wir wollen ein bißchen Karten spielen.«

Mit den letzten Worten, die sie laut sprach, trippelte sie weg und hängte sich an ihren stämmigen Yorkshirer.

Nikolas wußte nicht, was er aus alldem machen sollte. Das einzige, was er begriff, war, daß Miss Squeers ein recht gewöhnlich aussehendes und ihre Freundin ein ganz hübsches Mädchen waren. Aber es blieb ihm keine Zeit, über die Sache weiter nachzudenken, denn der Tisch war inzwischen abgewischt und das Licht geschneuzt worden, und er konnte nicht gut anders, als sich mit zu einer Partie »Spekulation« niederzusetzen.

»Wir sind nur vier, Tilda«, sagte Miss Squeers mit einem bedeutsamen Blick auf Nikolas, »wir werden daher wohl am besten zwei gegen zwei spielen.«

»Und was meinen Sie dazu, Mr. Nickleby?« fragte Miss Price.

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Nikolas und warf, ohne zu ahnen, welch entsetzlichen Verstoß er beging, seine Spielmarken, die aus Dotheboys-Hall-Geschäftskarten bestanden, mit denen, die Miss Price zugeteilt waren, zusammen.

»Nun, Mr. Browdie«, sagte Miss Squeers hysterisch lachend, »wollen wir Bank gegen sie halten?«

Der Yorkshirer, augenscheinlich verblüfft über die Unverschämtheit des neuen Hilfslehrers, willigte ein, und Miss Squeers schoß mit krampfhaftem Lächeln einen Giftblick auf ihre Freundin.

Nikolas war am »Geben« und bekam gleich anfangs günstige Karten.

»Wir werden gewinnen«, sagte er.

»Tilda hat ja schon etwas gewonnen, was sie vermutlich nicht erwartete; nicht wahr, Tildchen?« versetzte Miss Squeers boshaft.

»Lumpige ›zwanzig‹, liebste Fanny«, gab Miss Price zurück, sich anstellend, als hätte sie den Doppelsinn der Frage nicht verstanden.

»Du bist ja heute abend merkwürdig kurz von Begriffen«, höhnte Miss Squeers.

»O im Gegenteil«, entgegnete die Müllerstochter. »Aber dir scheint etwas über die Leber gelaufen zu sein. – Nicht?«

»Mir?« rief Miss Squeers, sich in die Lippen beißend und zitternd vor Eifersucht. »Nicht daß ich wüßte.«

»Nun, das ist ja höchst erfreulich«, höhnte Miss Price. »Aber gib acht, dein Haar geht aus den Locken, liebste Fanny.«

»Kümmere dich nicht um mich«, zischte Miss Squeers, »du tätest besser, auf deinen Partner zu achten.«

»Ich bin Ihnen für diese freundliche Erinnerung sehr verbunden, Miss Squeers«, mischte sich Nikolas ein, »ich bin ganz Ihrer Meinung.«

Der Yorkshirer schlug sich ein paarmal mit der geballten Faust über die Nase, wie um in Übung zu bleiben, bis er genügend Veranlassung haben werde, sie auf das Gesicht seines Widersachers fallen zu lassen, und Miss Squeers warf ihren Kopf mit solcher Entrüstung zurück, daß der durch die Bewegung ihrer üppigen Locken erzeugte Windstoß beinahe das Licht ausgelöscht hätte.

»Ich habe wahrhaftig noch nie solches Glück gehabt«, hetzte die kokette Müllerstochter weiter, als einige Spiele absolviert waren. »Das kommt von Ihnen, Mr. Nickleby. Ich wollte, Sie wären immer mein Partner.«

»Ich könnte mir nichts Besseres wünschen«, erwiderte Nikolas galant.

»Aber Sie werden ein böses Weib bekommen, wenn Sie so viel Glück im Spiel haben«, prophezeite Miss Price.

»Nicht, wenn Ihr Wunsch in Erfüllung ginge«, entgegnete Nikolas.

– Es wäre schon eine kleine Jahresrente wert gewesen, mit anzusehen, wie Miss Squeers während dieses Geplänkels den Kopf in die Höhe warf und der Kornhändler seine Nase bearbeitete, während es Miss Price einen Riesenspaß bereitete, die beiden eifersüchtig zu machen, und Nikolas in glücklicher Ungewißheit nicht entfernt daran dachte, welches Unheil er anrichtete. –

»Die Unterhaltung bleibt ja, wie es scheint, ganz uns überlassen«, scherzte Nikolas, sah sich in heiterster Laune am Tische um und raffte zugleich die Karten zusammen, um aufs neue zu geben.

»Sie leiten die Konversation doch so trefflich«, fauchte Miss Squeers, »daß es jammerschade wäre, Sie zu unterbrechen. Nicht wahr, Mr. Browdie? Hi, hi, hi.«

»Ja, nun«, entgegnete Nikolas, »wenn sonst niemand anders etwas spricht!«

»Ihr könnt euch doch miteinander unterhalten, wenn ihr schon nicht mitreden wollt«, hetzte Tilda ihren Bräutigam. »John, warum bist du denn so stumm?«

»Stumm? –I?« wiederholte der Yorkshirer.

»Ja, ja, stumm und dämlich. Sprich doch auch etwas.«

»Also guat!« schrie der Kornhändler und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Nacher sag i, der Teifel soll mi lotweis holen, wann i dös länger mit anschaug. Glei gehst mit mir nach Haus, und der Maulheld da soll sich auf an Leibschaden g'faßt machen, wann er mir unter die Hand kommt.«

»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« rief Miss Price mit geheucheltem Erstaunen.

»Heim kommst mit mir, sag i dir«, wiederholte der Yorkshirer mit Nachdruck.

Miss Squeers ihrerseits brach in einen Strom von Tränen aus, der zum Teil seinen Grund in der tödlichen Kränkung, zum Teil in dem ohnmächtigen Wunsch hatte, irgend jemand das Gesicht mit ihren süßen Fingernägelchen zu zerkratzen.

Und was war schuld an alldem? Miss Squeers hatte ihr Teil dazu beigetragen, da sie sich der hohen Ehre einer Anwartschaft auf den Brautstand gerühmt, ohne hinreichende Gründe dafür zu haben – Miss Price hatte mehrere Hebel spielen lassen, einmal den, die Freundin für die Anmaßung, mit ihr hinsichtlich eines Titels, auf den sie kein Recht hatte, zu rivalisieren, zu bestrafen, und zweitens den, dem Kornhändler einen augenfälligen Beweis zu liefern, welche große Gefahr ihm aus einem längern Hinausschieben der Trauungszeremonien erwachsen könnte, während das Scherflein des armen Nikolas in der gedankenlosen Heiterkeit einer halben Stunde und in dem aufrichtigen Wunsche bestand, jeden Verdacht, es könne zwischen ihm und Miss Squeers ein Liebesverhältnis bestehen, ad absurdum zu führen.

»Und Fanny schwimmt gar in Tränen«, rief Miss Price, als setze sie dies in neuerliches Erstaunen. »Ja, was soll denn das heißen?«

»Oh, Sie wissen es nicht, Mamsell, natürlich, Sie können es ja nicht wissen. – Bitte, inkommodieren Sie sich doch nicht mit Fragen«, fauchte Miss Squeers mit einem Gesicht, das man bei Kindern eine Fratze genannt haben würde.

»Na, so etwas ist mir doch, weiß Gott, noch nicht vorgekommen«, rief Miss Price.

»Mir ganz egal, ob Ihnen so etwas vorgekommen ist oder nicht, Mamsell«, entgegnete Miss Squeers grob.

»Sie sind ja ungeheuer höflich, Mamsell«, höhnte die Müllerstochter.

»Ich brauche nicht zu Ihnen zu kommen, um mir Unterricht in Höflichkeit geben zu lassen, Mamsell«, belferte Miss Squeers.

»Es hätte auch keinen Zweck, wo sowieso Hopfen und Malz verloren ist«, entgegnete Miss Price prompt.

Miss Squeers wurde blutrot bis über die Ohren und dankte Gott, daß sie keine so freche Stirn wie gewisse Leute habe, und Miss Price ihrerseits wünschte sich Glück, nicht wie gewisse Personen vom Neidteufel besessen zu sein. Miss Squeers erging sich daraufhin in Bemerkungen hinsichtlich der Gefahren, die man laufe, wenn man sich mit ordinären Leuten einlasse, eine Ansicht, der Miss Price rückhaltlos beipflichtete.

»Tilda!« rief Miss Squeers schließlich mit Würde, »ich hasse dich.«

»Und ich gedenke wahrhaftig auch nicht meine Liebe an dich zu verschwenden«, revanchierte sich Miss Price und zerrte ihre Hutbänder mit einem zornigen Ruck zu. »Du wirst dir noch die Augen ausweinen, wenn ich fort bin.«

»Und ich verachte deine Worte, du Müllerskuh.«

»Sie sind nicht imstande, mich zu beschimpfen«, antwortete die Müllerstochter mit einer spöttischen Verbeugung. »Gute Nacht, mein Fräulein, und recht süße Träume!«

Mit diesem Segenswunsch rauschte Miss Mathilda Price aus dem Zimmer, gefolgt von dem stämmigen Yorkshirer, der noch vorher, ehe er die Schwelle überschritt, mit Nikolas jenen eigentümlichen, ausdrucksvollen Zornesblick wechselte, mit dem die Eisenfresser im Trauerspiel sich gegenseitig anzudeuten pflegen, daß sie einander wiederzutreffen gedenken.

Sie waren kaum fort, als Miss Squeers die Prophezeiung ihrer ehemaligen Freundin bewahrheitete, sich durch einen förmlichen Strom von Tränen Luft machte und in unzusammenhängenden Worten ihrem Jammer Ausdruck verlieh. Nikolas sah ihr einige Augenblicke zu, unschlüssig, was er tun sollte. Da er aber halb und halb voraussah, der Anfall würde damit endigen, daß er sich einer Umarmung oder einer Gesichtszerkratzung unterziehen müsse – Bußen, die er beide für gleich schrecklich erachtete –, so ging er in größter Ruhe von hinnen, dieweil Miss Squeers ohne Unterlaß in ihr Taschentuch schneuzte.

»Das ist jetzt die Folge meiner verwünschten Bereitwilligkeit, mich dieser Gesellschaft, mit der mich der Zufall zusammengeführt, haben anpassen zu wollen«, dachte Nikolas, als er sich nach dem finstern Schlafsaal hinaufgetappt hatte. »Wäre ich stumm und dumm sitzen geblieben, wie ich es doch ganz gut hätte können, würde alles das nicht vorgefallen sein.«

Er horchte einige Augenblicke, aber alles blieb ruhig.

»Ich freute mich so«, murmelte er vor sich hin, »dem Anblick dieser Jammerhöhle und ihres Schurken von Besitzer eine Stunde entrückt zu sein, und jetzt habe ich diese Leute aufeinandergehetzt und mir zwei neue Feinde gemacht, wo ich doch, weiß der Himmel, bereits ihrer genug habe. Das ist die gerechte Strafe dafür, daß ich, wenn auch nur auf eine Stunde, vergessen habe, wo ich mich befinde.«

Mit diesen Worten suchte er sich tastend seinen Weg durch die gedrängten Haufen der kleinen Schüler und schlüpfte in sein elendes Bett.

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