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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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8. Kapitel

Der Haushalt in Dotheboys Hall.

Eine Fahrt von zweihundert und etlichen Meilen bei schlechtem Wetter kann auch das härteste Bett weich machen. Vielleicht ist sie auch imstande, die Träume zu versüßen; wenigstens waren die, die Nikolas' hartes Lager umgaukelten und ihr luftiges Nichts in sein Ohr flüsterten, heiterster und glücklichster Art. Er war eben im Begriff, das rollende Rad des Glücks auf Windesflügeln einzuholen, als der schwache Schimmer einer ersterbenden Kerze auf seine Augen fiel und eine Stimme, die er ohne Schwierigkeiten für die Mr. Squeers' erkennen konnte, ihn erinnerte, daß es Zeit sei zum Aufstehen.

»Sieben vorbei«, mahnte der Schulmeister.

»Es ist schon Morgen?« fragte Nikolas und setzte sich im Bett auf.

»Na freilich. Und noch dazu ein recht eisiger Morgen. Machen Sie rasch, Nickleby, beeilen Sie sich.«

Nikolas bedurfte keiner weitern Ermahnung und kleidete sich beim Schein der Kerze, die Mr. Squeers in der Hand hielt, so rasch er konnte, an.

»Eine schöne Bescherung«, bemerkte Squeers, »der Brunnen ist zugefroren.«

»So«, entgegnete Nikolas zerstreut, da ihn diese Nachricht nicht besonders interessierte.

»Jawohl, Sie können sich daher heute nicht waschen.«

»Mich nicht waschen?« rief Nikolas.

»Nein; geht eben nicht«, erwiderte Squeers spitzig, »Sie müssen sich begnügen, sich eine trockene Politur zu geben, bis wir das Eis im Brunnen aufhacken und einen Eimer Wasser für die Jungen heraufholen können. Na, was starren Sie mich so an? Eilen Sie sich gefälligst!«

Nikolas erwiderte kein Wort und schlüpfte hastig in seine Kleider, während Squeers die Läden öffnete und das Licht ausblies. Bald darauf ließ sich die Stimme der liebenswürdigen Frau vom Hause vernehmen, die Einlaß begehrte.

»Komm nur herein, mein Schatz«, sagte der Schulmeister. Mrs. Squeers trat ein, noch immer in derselben Nachtjacke, in der sie sich schon abends so zweifelhaft ausgenommen, nur daß sie als weitere Zierde einen alten Castorhut mit vieler Anmut über der bereits erwähnten Nachthaube trug.

»Verfluchtes Zeug«, schimpfte sie, den Wandschrank öffnend, »ich kann den Schullöffel nirgends finden.«

»Mach dir nichts draus«, begütigte Squeers, »es ist doch ganz egal.«

»Ganz egal? Wie kannst du nur so reden«, entgegnete die Dame bissig. »Heute ist doch Schwefeltag.«

»Ja, ja, richtig. Das habe ich ganz vergessen«, sagte Mr. Squeers. »Wir geben den Jungen hie und da zum Blutreinigen ein, müssen Sie wissen, Nickleby.«

»Ach was, Papperlapapp«, unterbrach die Hausfrau. »Glauben Sie ja nicht, junger Mann, daß wir uns für Schwefelblüte und Sirup Unkosten machen würden, bloß um ihnen das Blut zu reinigen. – Wenn sie vielleicht glauben, wir betreiben das Geschäft auf diese Weise, sind Sie stark im Irrtum.«

»Meine Liebe«, wendete Squeers mit Stirnrunzeln ein. »Hm-«

»Ach, Dummheiten«, keifte Mrs. Squeers. »Wenn der junge Mann hier Lehrer sein will, so muß er auch wissen, daß wir kein Federlesens mit den Jungen machen. – Also, sie kriegen den Schwefel mit Sirup erstens einmal, weil sie, wenn man anders mit ihnen dokterte, immer etwas zu klagen hätten, so daß man gar nicht fertig würde; und dann, weil es ihnen die Freßlust nimmt und billiger zu stehen kommt als ein Frühstück und ein Mittagessen. So tut es zu gleicher Zeit ihnen und uns gut. Was will man weiter?«

Nach dieser umfassenden Erklärung steckte Mrs. Squeers den Kopf in den Schrank und stellte genaue Nachforschungen nach dem Löffel an, wobei ihr ihr Gatte half. Während des Suchens flüsterten sie miteinander, aber der Schrank dämpfte den Ton der Stimme so, daß Nikolas nichts weiter verstehen konnte, als daß Mr. Squeers behauptete, sie hätte etwas Unverständiges gesagt – eine Ansicht, die indes die Gnädige für dummes Geschwätz erklärte.

Als sich alles Suchen und Umherstöbern als fruchtlos erwies, rief sie Smike herein, den sie so lange mit Püffen und Mr. Squeers mit Ohrfeigen bearbeitete, bis sich im Lauf dieser Doppelbehandlung sein Geist so weit aufhellte, daß er die Vermutung auszusprechen vermochte, Mrs. Squeers habe den Löffel vielleicht in der Tasche, was sich denn auch als richtig herausstellte. Da jedoch Mrs. Squeers vorher beteuert hatte, sie wisse ganz bestimmt, daß er nicht dort wäre, so erhielt Smike eine weitere Ohrfeige, weil er sich unterfangen, seiner Gebieterin zu widersprechen – und zugleich die Verheißung einer Tracht Prügel, wenn er sich in Zukunft nicht respektvoller benehme, so daß ihm also sein Scharfsinn keinen besonders Gewinn brachte.

»Eine unbezahlbare Frau, Nickleby«, bemerkte Squeers, als seine Ehehälfte hinauseilte und dabei den armen Haussklaven vor sich hinstieß. »Ich kenne keine zweite. Sie ist immer dieselbe, Nickleby, geschäftig, rührig, tätig, sparsam.«

Nikolas seufzte unwillkürlich bei dem Gedanken an die liebenswürdigen Aussichten, die sich ihm in diesem Hause auftaten, aber Squeers war zufällig zu sehr in Gedanken, um es zu bemerken.

»Wenn ich in London oben bin, so gebrauche ich gewöhnlich die Redensart, daß sie den Knaben eine Mutter sei. Aber sie tut Dinge für die Jungen, Nickleby, daß ich wohl behaupten kann, die Hälfte aller Mütter vermöchte nicht, etwas der Art für ihre eigenen Söhne zu tun.«

»Das glaube ich gerne, Sir«, entgegnete Nikolas doppelsinnig.

Das Wahre an der Sache war übrigens, daß beide, Mr. und Mrs. Squeers, die Zöglinge sozusagen als ihre natürlichen Feinde betrachteten, aus denen soviel wie möglich herauszupressen ihre Pflicht und ihr Beruf sei. Über diesen Punkt waren beide einig und richteten demgemäß ihr Benehmen ein. Der einzige Unterschied zwischen ihnen war nur, daß sie den Krieg gegen die Feinde offen und furchtlos führte, während er, auch zu Hause seine Niederträchtigkeit mit dem Mäntelchen seiner gewohnten Verstellung verhüllend, sich einreden zu wollen schien, daß er im Grunde genommen eigentlich eine seelensgute Haut wäre.

»Aber kommen Sie«, unterbrach er einen ähnlichen Gedankengang in dem Geiste seines Hilfslehrers. »Wir wollen jetzt in die Klasse gehen. Helfen Sie mir in meinen Schulrock, Nickleby.«

Nikolas half seinem Brotherrn, ein altes barchentnes Jagdwams anzuziehen, das auf einem Kleiderständer im Hausflur hing, und Squeers bewaffnete sich mit seinem spanischen Rohr und führte ihn über einen Hof zu einer Türe des Hinterhauses.

»So«, sagte er, als sie mitsammen eintraten, »dies ist unsere Werkstatt.«

In der »Werkstatt« bot sich ein so buntes Schauspiel, und soviel Sonderbares entrollte sich dem Auge, daß Nikolas im Anfang nur herumschauen konnte, ohne irgend etwas genauer zu unterscheiden. Nach und nach löste sich jedoch das Bild in ein kahles schmutziges Zimmer mit ein paar Fenstern auf, an denen übrigens das Glas kaum den zehnten Teil ausmachen mochte, da die Löcher darin mit Papier von alten Schreibbüchern geflickt waren. Ein paar lange, gebrechliche Tische, mit Messern zerschnitten, mit Tinte besudelt und auf jede nur mögliche Weise beschädigt, standen nebst einigen Bänken, einem besondern Pult für Mr. Squeers und einem zweiten für den Hilfslehrer umher. Die Decke war, wie bei einer Scheune, durch Querbalken und Sparren gestützt, und die Wände sahen so besudelt und geschwärzt aus, daß es unmöglich war, zu ermitteln, welche Farbe ihr ursprünglicher Anstrich, wenn ein solcher überhaupt vorhanden gewesen, gehabt haben mochte.

Und erst die Zöglinge! Die jungen Aristokraten! Die letzten schwachen Hoffnungsstrahlen, der entfernteste Lichtblick einer Möglichkeit, daß ernste Bemühungen in dieser Höhle des Elends je etwas Gutes erzielen könnten, schwanden aus Nikolas' Seele, als er mit Schrecken der Wirklichkeit ansichtig wurde. Bleiche, abgezehrte Gesichter, hagere Gerippe, Kinder mit den Zügen von Greisen, Mißgestalten mit eisernen Schienen an den Gliedern, Knaben, im Wachstum unterdrückt, und andere, deren lange, dünne Beinchen die gebeugten Körper kaum zu tragen vermochten, drängten sich vor seinen Blicken. Da gab es Triefaugen, Hasenscharten, Klumpfüße, kurz jede erdenkliche Häßlichkeit und Entstellung, die auf eine unnatürliche Abneigung der Eltern oder auf ein Leben hindeutete, das von frühester Kindheit an nur Grausamkeit und Vernachlässigung gekannt hatte. Unter ihnen hin und wieder ein schmales Gesicht, das schön gewesen sein würde, wäre es nicht durch den finstern Blick eines durch Leiden versteckten Innern verdüstert gewesen. Ein Bild der Kindheit, der der Glanz der Augen erloschen, deren Schönheit entschwunden, und wo nur die Hilflosigkeit allein zurückgeblieben war. Boshafte Gesichter mit bleiernen Augen, wie man sie bei Verbrechern im Gefängnis sieht, vor sich hinbrütend, und arme Geschöpfe, die die Sünden ihrer Eltern büßten und sich nach den gedungenen Wärterinnen sehnten, dem einzigen Lichtblick, den sie gekannt, als sie noch nicht ganz verlassen und einsam waren. Eine Höllensaat wurde hier großgezogen, in der Mitgefühl und Liebe schon bei der Geburt erstickt und jedes frische und jugendliche Denken durch Prügel und Hunger ausgerottet wurde und jede der Rachsucht entquellende Leidenschaft sich leise ihre Eitergänge bis in das Innerste eines zertretenen Herzens fraß.

Und doch hatte das Schauspiel, das sich da entrollte, so schmerzlich es war, etwas so Groteskes, daß ein minder beteiligter Zuschauer als Nikolas vielleicht ein Lächeln kaum hätte unterdrücken können. Mrs. Squeers stand hinter einem Lehrpult, eine ungeheuere Schüssel mit Schwefel und Sirup vor sich, und gab von dieser köstlichen Mischung jedem Kind eine starke Dosis, wobei sie sich eines ursprünglich wohl für einen Riesen angefertigten hölzernen Löffels bediente, der den Mund eines jeden der jungen Herren um ein beträchtliches erweiterte, da sie unter Strafandrohungen den ganzen Löffel voll auf einmal hinunterschlucken mußten. In einer Ecke der Stube hatten sich die neuen in der Nacht angekommenen kleinen Jungen zusammengedrängt, drei von ihnen in ungemein weiten Lederhosen und zwei in alten Pantalons, die womöglich noch enger anlagen, als man es bei gewöhnlichen Trikotunterhosen zu sehen pflegt. In einer kleinen Entfernung von ihnen saß Mr. Squeers' jugendlicher Sohn und Erbe, ein sprechendes Ebenbild seines Vaters, und wehrte sich aus Leibeskräften und mit Händen und Füßen gegen Smike, der ihm ein Paar neue Stiefel von verdächtigter Ähnlichkeit mit denen, die der kleinste der neuen Ankömmlinge auf der Herreise getragen hatte, anzuziehen bemüht war. Außerdem stand eine lange Reihe von Knaben harrend da, freilich mit Gesichtern, die nicht das angenehmste Vorgefühl hinsichtlich des Geschwefeltwerdens ausdrückten, während ein anderes Häuflein, das eben diese Tortur überstanden hatte, durch allerhand Mundverzerrungen andeutete, daß dieses Löffeltraktament gerade nicht zu den angenehmsten gehörte.

Die Knaben waren insgesamt so buntscheckig, schlecht zusammenpassend und ungewöhnlich gekleidet, daß man sich des Lachens nicht hätte erwehren können, wäre nicht der ekelhafte Anblick von Schmutz, Mißwirtschaft und Siechtum damit verbunden gewesen.

»Nein«, sagte Squeers und schlug mit dem spanischen Rohr so heftig auf den Tisch, daß die Hälfte der Jungen beinahe aus ihren Stiefeln gesprungen wäre. »Ist das Doktern endlich vorbei?«

»Sofort«, erwiderte Mrs. Squeers und klopfte das letzte Kind, das sie in der Eile fast erstickt hätte, mit dem hölzernen Löffel auf den Kopf, um es wieder zu sich zu bringen. »Smike, nimm die Schüssel fort. Rasch.«

Smike hinkte mit der Schüssel hinaus, und die Dame folgte ihm, nachdem sie sich zuvor die schmutzigen Finger an dem Lockenkopf eines Jungen abgewischt hatte, hastig nach einer Art Waschhaus, in dem ein kleines Feuer unter einem großen Kessel brannte und eine Anzahl kleiner hölzerner Näpfe auf einem Tische umherstanden.

In diese Näpfe goß sie, assistiert von dem ausgehungerten Dienstmädchen, ein braunes Gemisch, das wie Lohbrühe aussah und Suppe genannt wurde. In jeden Napf kam ein winziges Scheibchen Schwarzbrot, und als die Zöglinge ihre Suppe mit dem Brot ausgelöffelt und hinterdrein auch den Löffel verzehrt hatten, womit das Frühstück beendigt war, sprach Mr. Squeers weihevoll: »Herr, lasset uns danken für alles Gute, was wir von dir empfangen haben«, und begab sich hinaus, um seinerseits sich daran zu erquicken, was ihm der Herr bescherte.

Nikolas spülte sich den Magen mit einem Napf Suppe aus; wohl aus demselben Grunde, der gewisse Wilde veranlaßt, Erde zu verschlucken, um die mahnenden Eingeweide zu besänftigen, wenn nichts zu essen da ist. Und nachdem er noch eine Brotschnitte mit Butter verzehrt hatte, die ihm in seiner Eigenschaft als Lehrer zuteil wurde, setzte er sich nieder und wartete, bis der Unterricht begänne.

Es konnte ihm natürlich nicht entgehen, daß statt frischen Lebensmutes nur stumme Trauer unter den Kindern herrschte. Keine Spur von dem Tumult und Lärmen eines Schulzimmers, nichts von geräuschvollen Spielen oder herzlicher Fröhlichkeit. Die Kleinen kauerten sich zitternd zusammen und schienen sich nicht zu getrauen, sich auch nur zu bewegen. Der einzige Zögling, der einigermaßen Neigung zu Scherz an den Tag legte, war der junge Master Squeers. Da aber seine Hauptbelustigung darin bestand, mit seinen Stiefeln den anderen auf die Zehen zu treten, so bot seine Munterkeit gerade keinen besonders erfreulichen Anblick.

Nach einer halben Stunde trat Mr. Squeers wieder ein. Die Knaben gingen an ihre Plätze und griffen nach ihren Büchern, von denen durchschnittlich eines auf etwa acht Schüler kam. Der Schulmeister nahm einige Minuten eine sehr gelehrte Miene an, als wisse er alles auswendig und könne jedes Wort aus dem Kopfe hersagen, wenn er sich nur die Mühe dazu nehmen wollte, und rief dann die erste Klasse auf.

Dem Befehle gehorsam stellten sich etwa ein halbes Dutzend Vogelscheuchen mit an den Knieen und Ellenbogen durchlöcherten Kleidern vor seinem Pulte auf, und eine davon unterbreitete ein zerrissenes und beschmutztes Buch seinem gelehrten Auge.

»Dies ist die erste Klasse. Sie erhält Unterricht im Lesen und in der Philosophie, Nickleby«, erklärte Squeers und winkte Nikolas näher heran. »Wir wollen später auch eine Lateinklasse gründen und sie Ihnen übertragen. – Also gut. Wo ist unser Primus?«

»Er putzt in der hintern Stube die Fenster«, hauchte der Zugführer der philosophischen Klasse.

»Ja, richtig«, brummte Squeers. »Wir halten uns an die praktische Lehrmethode, Nickleby; das einzige richtige Erziehungssystem. P-u-tz, Putz, e-n, en, Putzen, Zeitwort, reinmachen, reinigen, F-e-n, Fen, s-t-e-r, ster, Fenster. Eine mit einer durchsichtigen Substanz verwahrte Öffnung, durch die Licht in die Häuser fällt. – Wenn ein Knabe etwas der Art aus dem Buche gelernt hat, so geht er hin und tut es. Wir folgen hier ganz demselben Grundsatz, den man bei dem Gebrauch der Erdgloben in Anwendung bringt. Wo ist der Zweite?«

»Er jätet im Garten Unkraut aus«, rief eine zarte Stimme.

»So ist es«, fuhr Squeers fort, ohne aus der Fassung zu kommen, »so ist's. B-o, Bo, d-a, da, Boda, n-i-k, nik, Bodanik, Hauptwort, Kenntnis der Pflanzen. – Wenn er gelernt hat, daß »Bodanik« Kenntnis der Pflanzen bedeutet, so geht er hin und lernt sie kennen. Dies ist mein System, Nickleby. Was halten Sie davon?«

»Jedenfalls sehr nutzbringend«, sagte Nikolas doppelsinnig.

»Das will ich meinen«, entgegnete Squeers, dem die ironische Betonung seines Hilfslehrers nicht weiter auffiel. »Nun, du Dritter, was ist ein Pferd?«

»Ein Tier, Sir«, antwortete der Knabe.

»Richtig«, lobte Squeers. »Stimmt's, Nickleby?«

»Ich glaube, daß hier kein Zweifel obwalten kann, Sir«, meinte Nikolas.

»Natürlich nicht. Ein Pferd ist ein Quadruped, und Quadruped ist das lateinische Wort für Tier, wie jeder, der die Grammatik durchgemacht hat, weiß, denn wo läge sonst der Nutzen der Grammatik?«

»In der Tat, wo läge er«, bestätigte Nikolas zerstreut.

»Da du deine Sache so gut gemacht hast«, lobte Squeers den Schüler, »so geh in den Stall, sieh nach meinem Pferd und striegle es ordentlich, sonst will ich dich striegeln. Die übrigen der Klasse scheren sich hinaus und schöpfen Wasser, bis man sie aufhören heißt, denn die Kessel müssen für den morgigen Waschtag gefüllt werden.« Mit diesen Worten entließ er die erste Klasse zu ihren praktischen Übungen in der Philosophie und sah Nikolas mit einem halb verschmitzten, halb unsichern Blick an, als wolle er sich überzeugen, welchen Eindruck dieses Verfahren auf seinen Hilfslehrer gemacht habe.

»So wird die Sache bei uns betrieben, Nickleby«, sagte er nach einer langen Pause.

Nikolas zuckte kaum merklich die Achseln und sagte, daß ihn dies der Augenschein lehre.

»Es ist wirklich eine sehr gute Methode«, fuhr Squeers fort. »Doch lassen Sie jetzt die vierzehn kleinen Knaben lesen, denn Sie müssen anfangen, sich nützlich zu machen. Faulenzerei gibt's bei uns nicht.«

Mr. Squeers sagte dies in einem Tone, als sei ihm plötzlich eingefallen, daß er seinem Hilfslehrer nicht zuviel anvertrauen dürfe oder daß dieser ihm nicht genug zum Lobe der Anstalt gesagt habe. Die Kinder mußten sich sodann im Halbkreis um den neuen Lehrer aufstellen, und bald horchte dieser auf ihr träges, eintöniges und stockendes Herunterbuchstabieren jener wichtigen Geschichten, die in den ältern Fibelbüchern zu finden sind.

Unter dieser angenehmen Beschäftigung schleppte sich der Morgen schwerfällig hin. Um ein Uhr kamen die Zöglinge, nachdem man ihnen zuerst den Appetit durch Haferbrei und Kartoffeln genommen hatte, zu einem Stückchen stark eingepökelten Ochsenfleisch in die Küche, und Nikolas erhielt gnädigst die Erlaubnis, seinen Anteil nach seinem einsamen Pulte tragen zu dürfen, um es dort ungestört verzehren zu können. Dann kauerten sich die Knaben abermals eine Stunde lang fröstelnd in dem kalten Schulzimmer zusammen, worauf der Unterricht wieder seinen Anfang nahm.

Mr. Squeers pflegte nach jedem seiner halbjährlichen Besuche in der Hauptstadt die Knaben zusammenzurufen und ihnen eine Art Mitteilung zu machen über ihre Verwandten, wenn er sie gesehen, über Nachrichten, die er gehört, Briefe, die er mitgebracht, Rechnungen, die man bezahlt, oder Noten, die man schuldig geblieben war usw. Diese festliche Revue fand jedesmal stets erst am Nachmittag nach seiner Zurückkunft statt; vielleicht, damit die Knaben durch längeres Hangen und Bangen Seelenstärke gewönnen, vielleicht auch, weil Mr. Squeers durch gewisse warme Getränke, die er gewöhnlich nach dem Mittagessen zu sich zu nehmen pflegte, größere Unbeugsamkeit gewann. Doch sei dem, wie es wolle, die Knaben wurden von den Fenstern, dem Stalle, dem Garten und dem Hofe zurückgerufen, und das Schulzimmer war gesteckt voll, als Mr. Squeers mit einem Paketchen Briefschaften in der Hand und von seiner Gattin begleitet, die ein paar Haselstöcke trug, in das Zimmer trat und Stillschweigen gebot.

»Wenn einer, ohne daß er gefragt wird, das Maul auftut«, begann Mr. Squeers in mildem Tone, »so kriegt er Haue, bis ihm das Fell von den Knochen fällt.«

Diese Ankündigung hatte den beabsichtigten Erfolg; im Augenblick trat eine totengleiche Stille ein, und Squeers fuhr fort:

»Jungen, ich bin in London gewesen und gesund und wohl wieder zu meiner Familie und zu euch zurückgekehrt.«

Die Zöglinge begrüßten diese Nachricht dem halbjährigen Brauche zufolge mit drei schwachen Freudenrufen, die mehr wie ein Seufzer klangen aus der Brust eines Menschen, dem der Todesschweiß auf der Stirne steht.

»Ich habe die Eltern von einigen unter euch gesehen«, fuhr Squeers, seine Papiere durchblätternd, fort, »und sie sind so erfreut über die Fortschritte ihrer Söhne, daß an ein Zurücknehmen derselben nicht zu denken ist, was natürlich eine sehr erfreuliche Nachricht bedeutet.«

Bei diesen Worten fuhren zwei oder drei kleine Hände über zwei oder drei Augenpaare, aber der größere Teil der Kinder wußte nicht viel von seinen Eltern und war daher bei der Sache in keiner Weise beteiligt.

»Ich hatte mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen«, sagte Squeers und nahm eine zürnende Miene an. »Bolders Vater ist zwei Pfund, zehn Schillinge schuldig geblieben. Wo ist Bolder?«

»Hier, Sir«, antworteten zwanzig diensteifrige Stimmen. – Knaben sind in solchen Fällen genau wie Erwachsene. –

»Komm her, Bolder!« befahl Squeers.

Ein kränklich aussehender Junge mit von Warzen bedeckten Händen trat leichenblaß und klopfenden Herzens an das Pult und erhob flehend seine Augen.

»Bolder«, begann Squeers ganz langsam, denn er überlegte noch im Sprechen, wie er dem Kinde am besten beikommen könne, »Bolder! Wenn dein Vater glaubt – Aber, was ist das, Bengel?!«

Mit diesen Worten faßte Squeers die Hand des Knaben am Ärmelaufschlag und betrachtete die Warzen mit einem erbaulichen Ausdruck von Entrüstung und Ekel.

»Wie nennst du das, Musjö?« fragte er und gab dem Knaben zuvörderst einmal einen Schlag mit der Haselrute, um die Antwort zu beschleunigen.

»Ach, ich kann ja nichts dafür, Sir«, jammerte der Junge. »Sie kommen von selbst; ich glaube, es macht die schmutzige Arbeit, Sir. Ich weiß wirklich nicht, woher es kommt, Sir, aber ich kann nichts dafür.«

»Bolder«, knirschte Squeers, schlug die Hemdärmel zurück und feuchtete die Fläche der rechten Hand mit der Zunge an, um den Stock besser halten zu können, »du bist ein unverbesserlicher Lügner, und da die letzte Tracht Prügel bei dir nicht gefruchtet hat, so wollen wir mal sehen, ob eine neue nicht bessere Wirkung tut.«

Und ohne auf den kläglichen Schrei um Schonung zu achten, fiel er über den Knaben her und bearbeitete ihn so lange mit dem Stock, bis er kaum mehr den Arm rühren konnte.

»So«, keuchte Squeers, als er fertig war, »reib dir den Buckel, soviel du willst. Das da wirst du dir nicht so schnell herunterreiben. Was, du willst nicht zu heulen aufhören?! Führ ihn hinaus, Smike.«

Der Haussklave wußte aus Erfahrung zu gut, daß durch Zögern nichts gewonnen wurde, und schaffte daher das arme Opfer durch eine Seitentüre, während sich Mr. Squeers wieder auf seinen Stuhl hinpflanzte und seine Gattin an seiner Seite Platz nahm.

»So. Und jetzt weiter. Hier ist ein Brief für Cobbey. – Steh auf, Cobbey!«

Ein anderer Zögling erhob sich und betrachtete mit ängstlicher Miene den Brief, den der Schulmeister in einem kurzen Auszug vortrug.

»Also. Cobbeys Großmutter ist gestorben und sein Onkel John hat sich dem Trunk ergeben. Das sind die Neuigkeiten, die seine Schwester sendet – achtzehn Pence ausgenommen, die gerade hinreichen, die von Cobbey zerbrochene Fensterscheibe zu bezahlen. Liebe Frau, hier nimm das Geld.«

Die würdige Dame steckte die achtzehn Pence mit der gleichgültigsten Geschäftsmiene von der Welt ein, und Squeers ging ebenso kaltblütig zu dem nächsten Knaben über.

»Die Reihe kommt jetzt an Graymarsh. Steh auf, Graymarsh!« Der Junge gehorchte, und der Schulmeister überlas wie früher einen Brief.

Graymarshs Tante sei sehr erfreut über die Nachricht, daß ihr Neffe so gesund und zufrieden sei, und lasse Mrs. Squeers die achtungsvollsten Komplimente vermelden. Sie glaube, daß sie ein Engel sein müsse und ebenso wie Mr. Squeers, der hoffentlich der Menschheit noch lange erhalten bleiben werde, zu gut für diese Welt sei. Sie würde die verlangten zwei Paar Strümpfe gestrickt haben, wenn in ihrer Kasse nicht Ebbe geherrscht hätte. Statt dessen sende sie ein Traktätchen und hoffe, Graymarsh werde sein Vertrauen immer auf Gott setzen. Vor allem aber wünsche sie, daß er sich eifrig Mühe gebe, sich Mr. und Mrs. Squeers' Liebe in jeder Hinsicht zu erwerben und in ihnen seine einzigen Freunde zu sehen. Er solle den jungen Master Squeers lieben und sich nicht unchristlicherweise darüber beschweren, daß er zu fünft im Bett schlafen müsse.

»Hm«, brummte Squeers und faltete das Schreiben zusammen, »ein herrlicher Brief. – So liebreich!«

In gewissem Sinn war er allerdings sehr liebreich, denn des Knaben Tante war, wie sich ihre vertrauten Freundinnen ins Ohr flüsterten, niemand anders als seine wirkliche Mutter. Squeers ging natürlich, ohne auf diesen Teil der Geschichte anzuspielen, die vor den Knaben unmoralisch geklungen haben würde, weiter und rief den Namen Mobbs, worauf sich wieder ein Zögling erhob und Graymarsh auf seinen Platz ging.

»Mobbs' Stiefmutter«, berichtete Squeers, »hat sich zu Bett legen müssen, als sie hörte, daß er keinen Speck essen wolle, und ist seitdem immerwährend krank gewesen. Sie wünscht mit der nächsten Post zu erfahren, wo er eigentlich hingetan zu werden erwarte, wenn er sich über die Kost beklage, und will wissen, wieso er über die Kuhleberbrühe noch die Nase rümpfen kann, nachdem sein guter Lehrer den Segen darüber gesprochen hat. Daß das geschehen, habe sie aus den Londoner Zeitungen und nicht von Mr. Squeers erfahren, der zu menschenfreundlich und wohlwollend sei, Verwandte gegeneinander aufzuhetzen. Sie fühle sich übrigens in einer Weise gekränkt, daß sich Mobbs gar keinen Begriff davon machen könne. Es schmerze sie unendlich, eine so sündhafte und abscheuliche Unzufriedenheit an ihm zu bemerken, weshalb sie hoffe, Mr. Squeers werde ihn in mehr Duldsamkeit hineinprügeln. Wegen seines schlechten Betragens behalte sie auch den wöchentlichen halben Penny Taschengeld zurück und habe ein Messer mit doppelter Klinge und einem Korkenzieher, das für ihn bestimmt gewesen, der christlichen Mission geschenkt.

»Ja, ja, Widerspenstigkeit tut nicht gut«, sagte Mr. Squeers nach einer schrecklichen Pause und befeuchtete sich wieder die Fläche seiner rechten Hand. »Frohsinn und Zufriedenheit müssen stets aufrechterhalten werden. Mobbs, komm her.«

Mobbs bewegte sich langsam nach dem Pulte hin und rieb sich in der Vorahnung, bald genug Anlaß dazu zu haben, die Augen und erhielt ihn auch in so hohem Maße, wie es sich ein Knabe nur wünschen kann, und wurde dann gleichfalls durch die Seitentür entfernt.

Mr. Squeers fuhr sodann fort, die noch übrigen Briefe zu öffnen. Einige erhielten Geld, das Mrs. Squeers zum Aufheben übergeben wurde, und andere bezogen sich auf verschiedene kleine Kleidungsstücke, wie Mützen usw., die aber alle nach Ansicht der Dame des Hauses bald zu groß, bald zu klein waren und für niemand als Master Squeers passen wollten, der die allergefügigsten Gliedmaßen zu haben schien, da ihm alles, was in die Anstalt kam, wie angegossen saß. Besonders sein Kopf mußte eine wunderbare Elastizität besitzen, da ihm Hüte und Mützen von jeder Weite gleich gut paßten. Nach Erledigung dieses Geschäftes wurden noch einige Lektionen heruntergehudelt, worauf sich Mr. Squeers in seinen Familienkreis zurückzog und dem Unterlehrer die Obhut über die Knaben in der äußerst kalten Schulstube überließ, in der, als es dunkel wurde, auch das Abendessen, bestehend aus Brot und Käse, ausgeteilt wurde.

In einer Ecke des Unterrichtszimmers, zunächst dem Pulte des Schulmeisters, befand sich ein kleiner Ofen, und an diesen setzte sich Nikolas, als er endlich allein war, und wünschte sich in dem Vollbewußtsein seiner Erniedrigung den Tod als willkommenen Erlöser herbei. Die Grausamkeiten, deren unfreiwilliger Zeuge er gewesen, Squeers' rohes und niederträchtiges Benehmen, selbst wenn dieser in guter Laune war, und überhaupt alles, was er an diesem schmutzigen Orte sah und hörte, vereinigte sich, diese trübe Stimmung hervorzurufen. Wenn er aber gar daran dachte, daß er dabei mitwirken und, gleichgültig, ob durch Verkettung von Umständen dazu gezwungen oder nicht, als Helfer und Mitschuldiger eines Systems erscheinen mußte, das nur Ekel und Widerwillen in seiner Seele hervorrief, so verabscheute er sich selbst, und es kam ihm vor, als ob die bloße Rückerinnerung an seine gegenwärtige Erniedrigung es ihm für alle Zeiten unmöglich machen müßte, sein Haupt dereinst wieder vor anständigen Leuten zu erheben.

Vorderhand war jedoch sein Entschluß gefaßt, und die Vorsätze der verflossenen Nacht blieben ungetrübt. Er hatte seiner Mutter und Schwester geschrieben, ihnen die glückliche Beendigung seiner Reise mitgeteilt, und von Dotheboys Hall so wenig wie möglich, und auch das wenige in möglichst heiterer Weise, berichtet. Er hoffte, wenn er bliebe, selbst hier einiges Gute wirken zu können, und andernfalls hingen die Seinigen zu sehr von der Gunst seines Onkels ab, als daß er sich schon jetzt dessen Groll hätte zuziehen dürfen.

Eine Erwägung beunruhigte ihn jedoch noch weit mehr als alles Widerwärtige seiner eigenen Lage, nämlich das voraussichtliche Los seiner Schwester. Sein Onkel hatte ihn hintergangen; stand da nicht auch zu befürchten, daß er sie in eine Umgebung bringen könne, in der ihre Schönheit und Jugend ihr einen größeren Fluch bedeuten könnten als Häßlichkeit und Alter? Ein schrecklicher Gedanke für einen an Händen und Füßen gebundenen Menschen! Doch war ja andererseits die Mutter bei ihr, und auch die Malerin – freilich ein sehr einfaches Wesen, das aber schließlich doch in und von der Welt lebte.

In solch quälende Gedanken vertieft, fiel sein Blick zufällig auf Smike, der vor dem Ofen kniete, ein paar abgesprungene Aschenfunken vom Vorsetzer auflas und sie wieder zurück ins Feuer warf. Der arme Junge hatte eben innegehalten, um einen verstohlenen Blick auf Nikolas zu werfen, und als er jetzt sah, daß er bemerkt worden, fuhr er zusammen, als fürchte er, dafür gezüchtigt zu werden.

»Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten«, beruhigte ihn Nikolas freundlich. »Friert es dich so?«

»N-e-i-n.«

»Du klapperst so mit den Zähnen?«

»Es friert mich nicht«, versetzte Smike rasch. »Ich bin Kälte gewöhnt.«

In seinem ganzen Benehmen verriet sich so augenscheinlich die Furcht, Anstoß zu erregen, und er war überhaupt so scheu und niedergedrückt, daß Nikolas sich des Ausrufs »Armer Junge!« nicht erwehren konnte.

Wenn er den bedauernswerten Leidensträger geschlagen hätte, so würde sich dieser wahrscheinlich ohne einen Laut davongeschlichen haben, so aber brach er in Tränen aus.

»Ach, du mein Gott«, jammerte er und schlug sich seine aufgesprungenen und schwieligen Hände vor das Gesicht, »mir bricht das Herz.«

»Still, still«, beruhigte ihn Nikolas und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sei ein Mann, du bist's ja fast an Jahren; Gott wird dir helfen.«

»An Jahren? O mein Gott, wie viele sind es jetzt schon? Wie viele Jahre sind dahingegangen, seit ich als kleines Kind hierhergekommen bin, jünger als irgendeines von denen, die jetzt da sind. – Wo sind sie alle?«

»Wovon sprichst du?« fragte Nikolas, bemüht, das arme, bald blödsinnige Geschöpf zur Vernunft zu bringen. »So rede doch!«

»Meine Verwandten«, schluchzte Smike, »ich – meine – ach Gott, was habe ich gelitten!«

»Die Hoffnung stirbt nicht«, tröstete Nikolas, ohne zu wissen, was er sagte.

»Nein, nein«, jammerte der Bursche, »nein, für mich gibt's keine mehr. Erinnern Sie sich noch des Knaben, der hier gestorben ist?«

»Du weißt, ich war damals noch nicht hier«, sagte Nikolas sanft, »aber was ist's mit ihm?«

»Ich habe bei ihm gewacht, und als alles still um uns her war, hat er nicht mehr nach seinen Eltern und Verwandten gerufen, daß sie sich an sein Bett setzen möchten, sondern fing an, Gesichter um sich her zu sehen. Er sagte, sie lächelten ihm zu und sprächen mit ihm, und endlich richtete er den Kopf auf, um sie zu küssen, und starb. – Hören Sie?«

»Ja, ja, ich höre«, entgegnete Nikolas.

»Welche Gesichter werden mir zulächeln, wenn ich sterbe?« fuhr Smike schaudernd fort. »Wer wird zu mir sprechen, wenn die langen Nächte kommen? Sie können nicht von Hause kommen; sie würden mich erschrecken, wenn sie es täten, denn ich weiß nichts von einem Zuhause und würde sie nicht kennen. Für mich gibt's nur Furcht und Leiden, Furcht und Leiden im Leben und im Tod, aber keine Hoffnung, keine Hoffnung.«

Die Glocke läutete zum Schlafengehen, und Smike, der bei ihrem Klang sofort wieder in seinen gewohnten, gleichgültigen Stumpfsinn verfiel, schlich fort, als scheue er sich, bemerkt zu werden.

Bald darauf folgte ihm Nikolas, da er kein eigenes Gemach hatte, nach dem schmutzigen und überfüllten gemeinsamen Schlafsaal.

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