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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
created20060220
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5. Kapitel

Nikolas begibt sich nach Yorkshire auf die Reise und nimmt Abschied von den Seinigen. – Seine Reisegefährten, und was unterwegs vorfiel.

Wenn Tränen, die in einen Koffer träufeln, ein Schutzmittel wären, das den Eigentümer vor Leid und Mißgeschick bewahren könnte, so hätte Nikolas Nickleby seine Reise unter den glücklichsten Vorbedeutungen begonnen. Man hatte soviel zu tun und doch so wenig Zeit dazu; so viele herzliche Worte zu sprechen und doch so bitteren Schmerz im Herzen, daß die Vorbereitungen für die Reise in größter Trauerstimmung getroffen wurden.

Nikolas bestand darauf, hunderterlei Dinge, die Mutter und Schwester in ihrer Besorgnis für unentbehrlich für ihn hielten, nicht mitzunehmen, da sie den Seinigen in der Not vielleicht nützlich sein und erforderlichenfalls zu Geld gemacht werden könnten. Manch zärtlicher Wortwechsel über derartige strittige Punkte fand in der traurigen Nacht statt, die seiner Abreise voranging, und je näher sie das Ende eines jeden dieser harmlosen Zwiste dem Schlusse ihrer Vorbereitungen brachte, desto geschäftiger wurde Kate und desto mehr weinte sie im stillen.

Der Koffer war endlich gepackt, und dann wurde das Abendessen mit einigen für diesen Anlaß bereiteten Leckerbissen herbeigebracht, deren Bestreitung willen Kate und ihre Mutter insgeheim nicht zu Mittag gegessen hatten. Die Bissen quollen jedoch Nikolas im Munde, und es wollte ihm fast das Herz brechen, trotzdem er sich bemühte, fröhlich zu sein, und sich zwang zu lächeln.

Um sechs Uhr morgens nach einem unruhigen Schlummer erhob er sich leise, schrieb mit Bleistift einige Worte des Abschieds auf einen Zettel, da er sich den Schmerz eines mündlichen Lebewohls ersparen wollte, legte ihn nebst der Hälfte seiner spärlichen Barschaft vor die Türe seiner Schwester, nahm seinen Koffer über die Schultern und schlich sachte die Stiegen hinunter.

»Hanna, bist du's?« rief Miss La Creevy aus ihrem Arbeitszimmer, aus dem hervor der matte Schein eines Kerzenlichtes die Wand des Stiegenhauses beleuchtete.

»Nein, ich bin's, Miss La Creevy«, sagte Nikolas, setzte seinen Koffer nieder und blickte in die Stube.

»O du mein Himmel«, rief Miss La Creevy aufspringend und fuhr sich mit der Hand nach ihren Haarwickeln. »Sie sind aber sehr früh auf, Mr. Nickleby.«

»Sie gleichfalls, Madame«, erwiderte Nikolas.

»Die Kunst lockt mich so zeitig aus den Federn, Mr. Nickleby. Ich warte, bis es hell wird, um eine Idee auszuführen.« Miss La Creevy war nämlich so früh aufgestanden, um eine Phantasienase in das Miniaturporträt eines häßlichen kleinen Jungen zu malen, das die Bestimmung hatte, seiner Großmutter auf dem Lande geschickt zu werden, in der Erwartung, sie würde ihn in ihrem Testament besonders bedenken, wenn sie bei dem Bilde eine Familienähnlichkeit herausfinde.

»Eine Idee auszuführen«, wiederholte Miss La Creevy, »und da kommt mir der Umstand, daß ich in einer so belebten Straße, wie der Strand ist, wohne, sehr zustatten. Wenn ich einer passenden Nase oder eines Auges für einen meiner Kunden bedarf, so brauche ich mich bloß ans Fenster zu setzen und zu warten, bis das vorbeikommt, was ich brauche.«

»Dauert es lange, bis eine geeignete Nase vorbeikommt?« fragte Nikolas lächelnd.

»Das hängt doch ganz davon ab, was es für eine sein soll. Stumpfnasen und Habichtsnasen gibt es genug, und Plattnasen von jeder Sorte und Größe trifft man, wenn es eine Versammlung in Exeter Hall gibt; aber wirkliche Adlernasen sind, wie ich mit Bedauern gestehen muß, sehr selten, und doch brauchen wir sie so oft für Offiziere und öffentliche Würdenträger.«

»Wirklich? Nun, wenn mir auf meinen Reisen eine solche vorkommen sollte, so will ich versuchen, Ihnen ein Konterfei davon anzufertigen.«

»Sie wollen damit doch nicht sagen, daß Sie wirklich die Absicht haben, bei diesem kalten Winterwetter den weiten Weg nach Yorkshire hinunter zu machen, Mr. Nickleby?« fragte Miss La Creevy. »Ich hörte Sie am verflossenen Abend davon sprechen.«

»Allerdings habe ich die Absicht«, erwiderte Nikolas. »Sie wissen, die Not kennt kein Gebot.«

»Nun, da kann ich weiter nichts sagen, als daß es mir wirklich leid tut, sowohl um Ihrer Mutter und Schwester als auch um Ihretwillen. – Ihre Schwester ist ein so hübsches Mädchen, Mr. Nickleby, und schon deswegen könnte sie sehr notwendig einen Beschützer brauchen. Ich habe sie überredet, mir ein paarmal zu sitzen, um ihr Bild für meinen Haustürrahmen benutzen zu können. Oh, das wird eine herrliche Miniatüre geben.«

Mit diesen Worten hielt Miss La Creevy ein auf Elfenbein gemaltes Porträt mit sehr deutlich ausgeführten blauen Adern empor und betrachtete es mit so viel Wohlgefallen, daß Nikolas sie ordentlich beneidete.

»Wenn Sie je Gelegenheit haben sollten, Kate irgendeinen kleinen Liebesdienst zu erweisen, nicht wahr, Sie werden es tun?« fragte er, ihr die Hand reichend.

»Sie können sich darauf verlassen«, versprach die gutmütige Porträtmalerin. »Gott sei mit Ihnen, auf daß es Ihnen wohl ergehe, Mr. Nickleby.«

Nikolas kannte die Welt nur wenig, glaubte aber, es könne jedenfalls nicht schaden und es werde Miss La Creevy für die Seinigen günstig stimmen, wenn er ihr einen Kuß gäbe. Er versetzte ihr daher drei oder vier in einer Art scherzhafter Galanterie, und Miss La Creevy legte dagegen kein stärkeres Mißfallen an den Tag, als daß sie ihren gelben Turban zurechtrückte und erklärte, das sei doch wirklich unerhört, und sie hätte nicht geglaubt, daß so etwas überhaupt möglich wäre.

Als dieses Tête-à-tête sich in so befriedigender Weise abgewickelt hatte, verließ Nikolas eilig das Haus. Es war erst sieben Uhr, als er einen Mann auftrieb, der ihm seinen Koffer trug. Neugierig betrachtete er die geschäftigen Vorbereitungen für den kommenden Tag, die in jeder Straße und vor jedem Hause getroffen wurden, und dachte sich, wie hart es für ihn sei, so weit reisen zu müssen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wo doch so viele Menschen in London durchkamen. Als er endlich vor dem Mohrenkopf in Snow Hill anlangte, den Träger entlohnte und seinen Koffer wohlbehalten im Postbureau eingestellt hatte, sah er sich in den Kaffeezimmern nach Mr. Squeers um.

Er fand den Schulmeister gerade beim Frühstück, und die drei bereits erwähnten Knaben sowie zwei andere, die Squeers durch einen glücklichen Zufall inzwischen noch aufgetrieben hatte, saßen in einer Reihe auf einer Bank gegenüber. Mr. Squeers hatte eine kleine Kaffeekanne, eine Platte mit gerösteten Brotschnitten und ein Stück kaltes Rindfleisch vor sich und war im Augenblick beschäftigt, das Frühstück für seine Zöglinge zu bereiten.

»Das soll für zwei Pence Milch sein, Kellner?« fragte er und sah in einen großen blauen Krug, den er ein wenig schräg vor die Augen hielt, um einen genauen Einblick über die enthaltene Flüssigkeit zu gewinnen.

»Jawoll, das is für zwei Pence«, antwortete der Kellner.

»Was doch die Milch in London für ein teurer Artikel ist«, seufzte Mr. Squeers. »Also dann füllen Sie mir den Krug mit warmem Wasser, William.«

»Bis an den Rand, Sir? Na, da wird die Milch ja ersaufen.«

»Soll sie«, versetzte Mr. Squeers. »Es geschieht ihr ganz recht, warum ist sie so teuer. Haben Sie ein dickes Brot und Butter für drei bestellt?«

»Wird gleich da sein, Sir!«

»Ach, hat weiter keine Eile. Wir haben noch Zeit genug. – Haltet eure Lüste im Zaum, Jungens, und giert mir nicht nach Speise und Trank«, ermahnte Mr. Squeers und sprach dabei seinem Roastbeef kräftig zu, als er auf einmal seinen neuangestellten Hilfslehrer erblickte.

»Setzen Sie sich, Mr. Nickleby«, lud er Nikolas ein. »Sie sehen, wir sind hier beim Frühstück.«

Nikolas konnte zwar nicht sehen, daß jemand anders als Mr. Squeers frühstückte, verbeugte sich aber mit geziemendem Respekt und machte ein möglichst heiteres Gesicht.

»Ist das die Milch mit Wasser, William?« fragte Squeers. »Schön, vergessen Sie das Brot und die Butter nicht.«

Bei dieser abermaligen Erwähnung der Butterbrote machten die fünf Knaben wieder heißhungrige Augen und folgten mit ihren Blicken sehnsüchtig dem Kellner, während Mr. Squeers die Wassermilch kostete.

»Ah«, rief er dann, mit den Lippen schnalzend, »das ist ja eine treffliche Milch. Denkt an die vielen Bettler und Waisen in den Straßen, die froh wären, ihr Jungens, wenn sie so etwas bekämen. Der Hunger ist eine leidige Sache, nicht wahr, Mr. Nickleby?«

»Allerdings sehr leidig«, gab Nikolas zu.

»Wenn ich ›eins‹ zähle«, wendete sich Mr. Squeers an seine Zöglinge und stellte den Krug vor die Kinder hin, »so kann der Knabe, der zunächst dem Fenster sitzt, einen Schluck tun; zähle ich zwei, so trinkt der nächste, und so fort, bis ich zu fünf, das heißt zu dem letzten Knaben komme. Seid ihr bereit?«

»Ja, Sir«, riefen die Kleinen einstimmig.

»Dann ist's recht«, sagte Mr. Squeers, ruhig mit seinem Frühstück fortfahrend. »Haltet euch fertig, bis ich zu zählen anfange. Bezähmt euern Appetit, Jungens, und ihr werdet Herr über eure tierischen Begierden. – Sehen Sie, dies ist die Art, wie wir die Kinder an Selbstbeherrschung gewöhnen, Mr. Nickleby«, fügte er mit von Fleisch und Butterbrotschnitten vollgepfropftem Munde, zu Nikolas gewendet, hinzu.

Nikolas murmelte etwas, er wußte nicht was, als Erwiderung, und die Knaben teilten ihre Blicke zwischen dem Krug, dem Butterbrot, das inzwischen angelangt war, und jedem Bissen, den Mr. Squeers in den Mund steckte, wobei in ihren heißhungrigen Augen alle Qualen der Erwartung zu lesen waren.

»Gottlob, das hat geschmeckt«, sagte Squeers, als er mit seinem Frühstück zu Ende war. »Nummer eins kann zu trinken anfangen.«

Nummer eins riß den Krug an den Mund und hatte eben genug getrunken, um noch begieriger zu sein, als Mr. Squeers das Signal für Nummer zwei gab, der ihn in demselben bedeutungsvollen Augenblick an Nummer drei abgeben mußte. Und so wurde der Prozeß wiederholt, bis die Wassermilch mit Nummer fünf zu Ende war.

Sodann begann der Schulmeister das »Butterbrot für drei« in ebenso viele Portionen, als Kinder waren, zu teilen und sagte: »Ihr werdet gut tun, mit euerm Frühstück rasch zu machen, denn das Posthorn wird in ein paar Minuten blasen, und dann muß jeder Knabe fertig sein.«

Da die Kinder jetzt Erlaubnis hatten, fielen sie sofort über das Butterbrot her und schlangen es gierig und in verzweifelter Hast hinunter, während sich der Pädagog, nach seiner Mahlzeit ungemein gut gelaunt, mit der Gabel die Zähne stocherte und lächelnd zusah. Kurz darauf ertönte das Horn.

»Ich habe mir's gleich gedacht, daß es nicht lange dauern könnte«, sagte Squeers aufspringend und zog einen kleinen Korb unter seinem Sitz hervor. »Legt das, was ihr nicht habt essen können, hier herein, Jungens; es wird euch unterwegs guttun.«

Nikolas war über diese höchst ökonomischen Maßnahmen nicht wenig verblüfft, hatte aber keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn die Zöglinge mußten auf die Kutsche hinaufgehoben, ihr Gepäck sowie auch das Mr. Squeers' herausgeholt, versorgt und im Wagen untergebracht werden, was alles Sache des Hilfslehrers war. Nikolas hatte alle Hände voll zu tun und war eben mit diesen Vorkehrungen zustande gekommen, als ihn sein Onkel anredete.

»Ah, du bist hier, Musjö? Deine Mutter und Schwester sind auch da.«

»Wo?« fragte Nikolas und sah sich hastig um.

»Hier. Da sie zuviel Geld haben und nicht wissen, was damit anfangen, wollten sie eben eine Droschke nehmen, als ich zu ihnen kam.«

»Wir fürchteten zu spät zu kommen und ihn nicht mehr zu sehen, ehe er abreiste«, entschuldigte sich Mrs. Nickleby, ihren Sohn umarmend, ohne weiter auf die im Hof umherschlendernden Gaffer zu achten.

»Schon gut, Madam«, brummte Ralph, »Sie müssen das natürlich am besten wissen. Ich sagte nur, Sie seien eben im Begriff gewesen, eine Droschke zu nehmen. Ich leiste mir nie eine Droschke, Madam. Ich bin seit dreißig Jahren nicht auf eigene Kosten in einer gesessen und hoffe, es soll noch dreißig Jahre dauern, bis ich es tue – wenn ich es erlebe.«

»Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich ihn nicht noch einmal gesehen hätte«, sagte Mrs. Nickleby; »der liebe arme Junge, er ist sogar ohne Frühstück fortgegangen, weil er uns den Abschiedsschmerz ersparen wollte.«

»Wirklich außerordentlich zartsinnig«, höhnte Ralph. »Als ich ins Geschäftsleben trat, kaufte ich mir jeden Morgen, ehe ich in die City ging, ein Pennybrot und für einen halben Penny Milch. Was sagen Sie dazu, Madam? Frühstück? Lächerlich.«

»Nun, Nickleby«, meinte Squeers, der in diesem Augenblick, seinen Überrock zuknöpfend, herantrat. »Es wird gut sein, wenn Sie hinten aufsitzen; es könnte ein Knabe herunterfallen, und dann wären zwanzig Pfund jährlich beim Teufel.«

»Nikolas«, flüsterte Kate und berührte ihres Bruders Arm, »wer ist dieser gemeine Mensch?«

»He?« brummte Ralph, dessen rasches Ohr die Frage aufgefangen hatte. »Wünschest du Mr. Squeers vorgestellt zu werden, meine Liebe?«

»Ach, das ist der Schuldirektor? Nein, nein, Onkel, bitte nicht«, versetzte das junge Mädchen und wich scheu zurück.

»Ich hörte doch eben, daß du ihn kennenzulernen wünschest«, entgegnete Ralph in seiner kalten beißenden Weise. »Mr. Squeers – hier meine Nichte, Nikolas' Schwester.«

»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss«, erwiderte Mr. Squeers, seinen Hut um einige Zoll lüftend. »Ich wollte nur, daß Mrs. Squeers auch Mädchen aufnähme. Sie könnten mir so als Lehrerin passen. Ich möchte übrigens nicht dafür stehen, daß meine Alte nicht eifersüchtig würde, ha, ha, ha.«

Hätte der Schulmeister von Dotheboys Hall gewußt, was in diesem Augenblick in der Brust seines Hilfslehrers vorging, so würde er mit einiger Überraschung bemerkt haben, daß er einer gesunden Tracht Prügel so nahe war wie nur je in seinem Leben, aber Kate, die die Gefühle ihres Bruders schnell erfaßte, zog Nikolas sachte beiseite und verhinderte dadurch rechtzeitig, daß Mr. Squeers auf eine für ihn etwas unangenehme Weise Kunde davon bekam.

»Lieber Nikolas«, fragte sie leise, »was ist das nur für ein Mann, und wie wird deine Stellung bei ihm sein?«

»Ich weiß es selbst nicht, Kate«, flüsterte Nikolas und drückte seiner Schwester zärtlich die Hand. »Ich denke, die Leute von Yorkshire sind etwas roh und ungehobelt; das wird wohl alles sein. Jedenfalls ist er mein Brotherr und mein Vorgesetzter oder wie ich es nennen soll, und es wäre einfältig von mir, seine Ungeschliffenheit übelzunehmen. Aber sie sehen nach uns herüber, und es ist Zeit, daß ich meinen Sitz einnehme. Gott sei mit dir, meine Liebe, und lasse es dir wohlergehn! Und du, Mutter, denk nicht an die Trennung, sondern an das Wiedersehen. Leben Sie wohl, Onkel, und Dank für alles, was Sie an uns getan haben und noch zu tun gedenken. – Ich bin bereit, Sir.«

Mit diesen raschen Abschiedsworten schwang sich Nikolas auf seinen Sitz und winkte den Seinigen fröhlich zu, als ob er unverzagten Herzens in die Zukunft blicke.

In diesem Augenblick, gerade als der Postillion zum letztenmal vor der Abfahrt mit dem Kondukteur die Unkosten der Reise überschlug und die Gepäckträger die letzten sechs Pence aus den Passagieren herauszupressen versuchten, fühlte er sich leise am Bein berührt. Er sah hinunter und entdeckte Newman Noggs, der ihm einen schmutzigen Brief heraufreichte.

»Was ist das?« fragte Nikolas.

»Pst«, flüsterte Noggs mit einem Blick auf Ralph, der mit Mr. Squeers in geringer Entfernung in eifrigem Gespräch begriffen war. »Nehmen Sie, lesen Sie! Niemand weiß davon; Punktum.«

»Halt. Einen Augenblick!« rief Nikolas.

»Nein.«

Nikolas rief nochmals: »Halt, halt«, jedoch Noggs war verschwunden. Ein Ruf, daß alles in Ordnung sei, ein paar Stöße in das Posthorn, noch ein hastiger Abschiedsblick von zwei bekümmerten Gesichtern unten, die harten Züge Ralph Nicklebys, und die Kutsche rasselte über das Pflaster von Smithfield dahin.

 

Die kleinen Jungen hatten zu kurze Beine, als daß sie sie, wenn sie saßen, hätten auf etwas ruhen lassen können, und da sie deshalb in unablässiger Gefahr schwebten, vom Wagen zu fallen, so hatte Nikolas alle Hände voll zu tun, achtzugeben. Er fühlte sich daher nach dieser damit verbundenen Angst und körperlichen Anstrengung nicht wenig erleichtert, als die Postkutsche vor dem »Pfauen« in Islington Halt machte. Noch mehr Trost gewährte es ihm aber, daß ein Herr von biederem Äußern, heiterer Miene und gesunder Gesichtsfarbe hinten aufstieg und sich erbot, die andere Seite des Sitzes einzunehmen.

»Wenn wir ein paar von den Jungen in die Mitte nehmen«, sagte der neue Passagier, »so sitzen sie, im Falle sie einschlafen sollten, sicherer. Meinen Sie nicht?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, Sir«, versetzte Squeers, »so wäre ich Ihnen sehr verbunden. Mr. Nickleby, nehmen Sie drei von den Knaben zwischen sich und den Herrn. Belling und der junge Snawley können zwischen mir und dem Kondukteur sitzen. Drei Kinder«, erklärte er dem Fremden, »zahlen nur für zwei.«

»Das kann man sich gefallen lassen«, lachte der Herr. »Ich habe einen Bruder, der nichts dagegen hätte, wenn seine sechs Kinder in den Büchern des Bäckers und Metzgers des ganzen Königreichs nur als vier zählen würden. Im Gegenteil –«

»Sechs Kinder, Sir!?« rief Squeers.

»Ja, und lauter Knaben.«

»Mr. Nickleby«, sagte Squeers aufgeregt, »halten Sie mir mal diesen Korb. – Gestatten Sie, Sir, daß ich Ihnen die Geschäftskarte meines mustergültigen Erziehungsinstituts übergebe, wo diese sechs Knaben auf eine untadelige, freisinnige und moralische Weise erzogen werden könnten, ohne daß mehr als zwanzig Guineen – zwanzig Guineen jährlich, Sir – pro Kopf bezahlt zu werden brauchten. Ich würde sie auch alle zusammen für die runde Summe von hundert Pfund jährlich aufnehmen.«

»So, dann sind Sie vielleicht selbst der hierbenannte Mr. Squeers?« fragte der Herr mit einem Blick auf die Karte.

»So ist es, Sir«, erwiderte der würdige Pädagog. »Wackford Squeers ist mein Name, und ich brauche mich dessen wahrhaftig nicht zu schämen. Dies sind einige meiner Schüler, Sir, und dies einer meiner Hilfslehrer, Mr. Nickleby, ein Mann aus gutem Hause, mit hervorragenden mathematischen, klassischen und merkantilen Kenntnissen. Ja, ja, wir machen in unserer Anstalt nichts halb, und meine Schüler müssen alles lernen, Sir, was es gibt. Ich scheue dabei keine Kosten. Und welch väterliche Behandlung die Jungen genießen! Und obendrein noch Wäsche!«

»Meiner Treu«, sagte der Herr und musterte Nikolas halb lächelnd, halb nachdenklich, »das nenne ich mir in der Tat Vorteile.«

»Das will ich meinen, Sir. Auf Verlangen können auch hervorragende Anerkennungsschreiben vorgelegt werden«, renommierte Squeers und rieb sich die Hände. »Ich würde nie einen Zögling aufnehmen, für den nicht die Zahlung von fünf Pfund und fünf Schillingen verbürgt ist. Nein, nein, und wenn Sie auf die Knie vor mir niederfielen und mich mit Tränen in den Augen darum bäten.«

»Sehr vorsichtig«, meinte der Reisende.

»Vorsicht ist mein oberstes Gebot«, versetzte Squeers. –

»Snawley, wenn du nicht aufhörst, zu frieren und mit den Zähnen zu klappern, so werde ich dir, ehe eine halbe Minute vergeht, mit einer Prügelsuppe warm machen.«

»Setzen Sie sich fest, meine Herren«, ermahnte der Kondukteur und bestieg den Wagen.

»Ist alles hinten in Ordnung, Dick?« rief der Postillion.

»Allright. Vorwärts.«

Und fort ging's unter dem lauten Schmettern des Posthorns und dem stummen Beifall aller Rosse- und Wagenkenner, die vor dem Pfauen versammelt waren, insbesondere aber des Stallknechts, der, die Pferdedecken über dem Arm, der Kutsche nachsah, bis sie verschwunden war.

Als der Kondukteur, ein stämmiger alter Yorkshirer, sich außer Atem geblasen hatte, steckte er das Horn in ein an der Seite der Kutsche zu diesem Zwecke angebrachtes Futteral, klopfte sich mit der Bemerkung, es sei verdammt kalt, tüchtig Brust und Arme und fragte dann jeden Passagier einzeln, ob er geradeaus zu reisen gedenke; und wenn nicht, wohin die Reise ginge. Die einzigen Dinge, für die er sonst noch ein Interesse übrig zu haben schien, waren Pferde und Viehherden, die er, sooft man an solchen vorbeikam, mit Kennerblick musterte.

Es war bitterkalt, hin und wieder stöberte es tüchtig, und der Wind war unerträglich schneidend.

Mr. Squeers stieg bei jeder Station aus, um, wie er sagte, seine Beine auszustrecken, und da er von solchen Ausflügen immer mit einer sehr roten Nase zurückkam und unmittelbar darauf sein Schläfchen machte, so war Grund zur Annahme vorhanden, daß ihm dieses Verfahren sehr gut bekam. Die kleinen Zöglinge wurden mit den Überresten ihres Frühstücks und einigen Schlückchen einer seltsamen Herzstärkung gelabt, die Mr. Squeers bei sich führte und die fast wie Brotwasser, das aus Versehen in eine Branntweinflasche geraten war, schmeckte. Sie schliefen ein, erwachten wieder, fröstelten und weinten, wie es eben kam; und Nikolas und der andere Flügelmann wußten über so mancherlei zu sprechen, daß während ihrer Unterhaltung und der Versuche, die Knaben aufzumuntern, die Zeit so schnell entschwand, wie es unter solch leidigen Umständen möglich war.

So verging der Tag. In Eton Slocomb war ein Mittagessen vorbereitet, an dem die Mehrzahl der Reisegesellschaft, darunter auch Nikolas, der freundliche Passagier und Mr. Squeers, teilnahm, während die fünf Knaben, um aufzutauen, an den Kamin gesetzt und mit Butterbrot und etwas kaltem Fleisch abgefüttert wurden. Ein paar Stationen später wurde die Wagenlaterne angezündet und eine große Störung durch die Aufnahme einer zimperlichen Dame verursacht, die mit ihren Dutzend Mänteln und Schachteln bei einem Wirtshaus in einer Nebenstraße einstieg. Zur großen Erbauung der Passagiere jammerte sie dabei laut über das Ausbleiben ihres eigenen Wagens, der sie hätte aufnehmen sollen, und nahm dem Kondukteur das feierliche Versprechen ab, jede grüne Kutsche, die er kommen sähe, anzuhalten was dieser auch feierlich versprach, da es stockfinstere Nacht war und er mit dem Gesicht nach der anderen Seite saß. Als endlich die zimperliche Dame fand, daß im Innern des Wagens nur ein einzelner Herr saß, ließ sie sich eine kleine Laterne, die sie aus ihrem Strickbeutel hervorholte, anzünden, und wieder flog der Wagen in vollem Galopp dahin.

Die Nacht durch schneite es stark, zum großen Leidwesen der Reisenden, und man hörte kein anderes Geräusch als das Heulen des Windes, denn das Rasseln der Räder und den Hufschlag der Pferde dämpfte die dicke Schneehülle, die die Erde bedeckte und mit jedem Augenblick zunahm.

Ungefähr eine Station vor Grantham erwachte Nikolas, der eben erst eingeschlafen war, plötzlich durch einen heftigen Stoß, der ihn beinahe von seinem Sitze warf. Er griff nach der Lehne und gewahrte, daß sich die Kutsche ganz auf die Seite neigte, obgleich sie noch immer von den Pferden fortgeschleppt wurde. Durch den Stoß und das laute Kreischen der Dame im Innern des Wagens verwirrt, überlegte er eben, ob er hinausspringen solle oder nicht, als die Kutsche plötzlich vollends umwarf, ihn auf die Straße schleuderte und dadurch allen weiteren Ungewißheiten ein Ende machte.

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