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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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28. Kapitel

Kate Nickleby sucht, durch Sir Mulberry Hawks Verfolgung zur Verzweiflung gebracht, als letztes Mittel Schutz bei ihrem Onkel.

Der andere Morgen brachte, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, allerseits kühle Überlegung, aber sehr verschieden war der Gang der Gedanken bei den Personen, die sich den Abend vorher dank der Gewandtheit der Herren Pyke und Rupfer so »zufällig« zusammengefunden hatten.

Die Betrachtungen Sir Mulberry Hawks – wenn sich überhaupt die Gedanken eines systematischen, berechnenden Lüstlings so nennen lassen, dessen Freuden und Leiden ausschließlich selbstsüchtiger Natur sind und der von seinen geistigen Fähigkeiten kaum etwas anderes behalten zu haben schien als das Vermögen, sich zu erniedrigen und die menschliche Natur, deren Äußeres er trug, zu schänden –, die Betrachtungen Sir Mulberry Hawks wandten sich Kate Nickleby zu und bestanden – kurz zusammengefaßt – darin, daß das Mädchen unzweifelhaft herrlich schön sei, daß ihre Sprödigkeit sich durch einen Mann von seiner Gewandtheit und Erfahrung leicht besiegen lassen müsse und daß der Sieg über eine solche Beauty nicht verfehlen könne, den Ruf, dessen er sich in der Lebewelt erfreute, durch neuen Glanz zu erhöhen.

Mrs. Nicklebys Erwägungen andererseits waren von der stolzesten und selbstgefälligsten Art, weshalb sie sich auch unter dem Einflüsse der lieblichen Trugbilder, die sie umgaukelten, unverzüglich hinsetzte und einen langen Brief an ihre Tochter abfaßte, in dem sie ihre volle Billigung der vortrefflichen Wahl Kates ausdrückte und Sir Mulberry bis in den Himmel erhob. Sie fügte diesen Lobsprüchen noch die beruhigende Versicherung bei, daß sie keinen andern Schwiegersohn ausgesucht haben würde, und wenn ihr auch die Wahl unter der ganzen Männerwelt freigestanden wäre. Betonend, daß sie lang genug gelebt habe, um zu erfahren, wie es in der Welt zuginge, ließ sie sich lang und breit über eine Menge schlauer Lehren hinsichtlich Kates zukünftigem Benehmen ihrem Verehrer gegenüber aus, deren Vortrefflichkeit sie durch eigene Erfahrung erprobt hätte; vor allem empfahl sie eine strenge jungfräuliche Zurückhaltung, die nicht nur an und für sich sehr löblich wäre, sondern auch wesentlich dazu diene, die Glut eines liebenden Mannes zu vermehren. »In meinem ganzen Leben war ich nie entzückter, mein Kind«, schrieb sie, »als gestern abend, als ich bemerkte, daß Dein eigenes richtiges Gefühl Dir bereits ein Gleiches gesagt hat.« Mit diesem Gefühlserguß und einigen Hindeutungen auf die Freude, die ihr die Überzeugung gewähre, daß ihre Tochter einen so großen Teil ihrer eigenen Klugheit und ihres richtigen Taktes geerbt habe, deren volles Maß sie ihr dereinst hinterlassen zu können hoffe, wenn Kate sich nach Kräften bemühe, schloß Mrs. Nickleby ihren viele Seiten langen und ziemlich unorthographischen Brief.

Die arme Kate war fast dem Wahnsinn nahe, als ihre eigene Mutter ihr auf vier eng und überquer geschriebenen Bogen zu einer Sache Glück wünschte, derentwegen sie die ganze Nacht über kein Auge schließen konnte und in Tränen den Morgen erwartet hatte. Noch schmerzlicher und drückender empfand sie die Notwendigkeit, Mrs. Wititterly ein heiteres Gesicht zeigen zu müssen, deren Nervensystem nach der Aufregung des verflossenen Abends äußerst herabgestimmt war und die daher von ihrer Gesellschafterin (wofür gab sie denn Kost und Lohn?) die allerbeste Laune verlangte.

Was Mr. Wititterly betraf, ging er den ganzen Tag bebend von Entzücken umher, daß ihm ein wirklicher Lord die Hand gedrückt und seine Einladung angenommen hatte.

Der Lord selbst schließlich, niemals besonders durch Gehirntätigkeit geplagt, erlabte sich an einer Unterhaltung mit den Herren Pyke und Rupfer, die ihren Witz durch reichlichen Genuß verschiedener köstlicher Herzstärkungen auf seine Kosten schärften.

 

Es war vier Uhr nachmittags – das heißt des gewöhnlichen Nachmittags der Sonne und der Uhr –, und Mrs. Wititterly ruhte wie gewöhnlich auf dem Sofa ihres Besuchszimmers, während ihr Kate den neuesten Roman, betitelt: »Lady Flabella«, vorlas, den Alphons der Zweifelhafte am Morgen aus der Leihbibliothek geholt hatte. Das Buch war wirklich eine vorzügliche Lektüre für eine Dame von Mrs. Wititterlys Nervenschwäche, da es von Anfang bis zu Ende nicht eine einzige Zeile enthielt, die auch nur im entferntesten so etwas wie eine Aufregung bei irgendeinem lebenden Wesen hätte hervorbringen können.

Kate las:

»›Cherizette‹, sagte Lady Flabella, mit den mäuschengleichen Füßchen in die blauen Atlaspantoffeln schlüpfend, die den halb ernst- halb scherzhaften Wortwechsel zwischen ihr und dem martialischen Oberst Befillaire am verflossenen Abend in dem Salon de danse des Herzogs von Mincefeuille veranlaßt hatten. ›Cherizette, donnez-moi de l'eau de Cologne, s'il vous plaît, mon enfant!‹

›Merci – ich danke‹, hauchte Lady Flabella, als die lebhafte aber treu ergebene Cherizette das Mouchoir vom feinsten Battist, mit den reichsten Spitzen besetzt und in den vier Ecken mit der Flabellakrone und dem prächtigen Wappen dieser altadeligen Familie in reicher Stickerei geschmückt, mit der duftenden Mischung benetzte; ›merci – ich fühle, wie es mich erfrischt.‹

In diesem Augenblicke noch, während Lady Flabella ihr Mouchoir an die herrliche, ausdrucksvoll geformte griechische Nase hielt und den köstlichen Wohlgeruch einatmete, öffnete sich die Türe des Boudoirs (kunstvoll verhüllt durch reiche Damastvorhänge von der Farbe des italischen Himmels), und mit lautlosen Schritten traten zwei Valets de chambre, in prachtvolle pfirsichblütenrote und mit Gold verbrämte Livreen gekleidet ins Zimmer, hinter ihnen ein Page in bas de soie – seidenen Strümpfen–, der sich, während jene in einiger Entfernung die anmutigsten Verbeugungen machten, seiner liebenswürdigen Gebieterin näherte, auf ein Knie niedersank und ihr auf einem prachtvoll getriebenen, goldenen Präsentierteller ein parfümiertes Billett überreichte.

Lady Flabella riß mit einer Aufregung, die sie nicht zu unterdrücken vermochte, hastig die Enveloppe auf und erbrach das duftende Siegel. Ja, es war von Befillaire – dem jugendlichen, dem schlanken, liebegirrenden –, von ihrem Befillaire.«

»Ach, wie entzückend!« unterbrach Mrs. Wititterly; »wirklich hochpoetisch. Lesen Sie diese Szene noch einmal vor, Miss Nickleby.«

Kate gehorchte.

»Süß, nicht?« seufzte Mrs. Wititterly. »So wollustatmend, so weich – nicht?«

»Ja, es kommt mir auch ungemein weich vor«, gab Kate schüchtern zur Antwort.

»Schließen Sie das Buch, Miss Nickleby«, befahl Mrs. Wititterly. »Ich kann heute nichts mehr hören. Ich möchte nicht gerne den Eindruck dieser Schilderung verwischen. Schließen Sie das Buch.«

Kate gehorchte mit Freuden.

Mrs. Wititterly brachte mit matter Hand ihre Lorgnette an das Auge: »Sie sehen blaß aus, Miss Nickleby.«

»Vielleicht von dem Schrecken – ich meine, von dem Lärm, dem Getümmel gestern abend«, stotterte Kate.

»Wie sonderbar!« dachte Mrs. Wititterly überrascht. »Auf eine simple Gesellschafterin etwas einen Eindruck machen?! – Wenn es noch das Platzen einer Dampfmaschine oder dergleichen gewesen wäre.«

»Wie kommen Sie eigentlich zu der Bekanntschaft Lord Frederics und der anderen liebenswürdigen Herren, Kind?« fragte sie nach einer Weile, Kate fortwährend belorgnettierend.

»Ich wurde ihnen im Hause meines Onkels vorgestellt«, antwortete Kate verlegen, denn sie fühlte, wie ihr die Empörung wieder in die Wangen stieg.

»Datiert diese Bekanntschaft schon seit langem?«

»Nein, erst seit kurzem.«

»Ich war sehr erfreut, daß uns Ihre Mutter – übrigens eine sehr achtbare Frau – Gelegenheit gab, sie kennenzulernen«, sagte Mrs. Wititterly in ziemlich hochmütigem Tone. »Ein merkwürdiges Zusammentreffen übrigens, da einige unserer Freunde gerade im Begriffe standen, sie bei uns einzuführen.«

– Das sagte sie natürlich nur, damit Kate sich nicht zu viel darauf einbilden solle, vier Herren aus der guten Gesellschaft – denn Pyke und Rupfer waren unbedingt mit dazu zu zählen – gekannt zu haben, die sie selbst nicht gekannt hatte. Da aber Miss Nickleby nicht den geringsten Wert auf die Tatsache zu legen schien, ging die beabsichtigte Wirkung der Worte verloren.

»Sie haben um die Erlaubnis gebeten, mich besuchen zu dürfen, und es versteht sich von selber, daß ich sie nicht versagte«, fuhr die Gnädige fort.

»Erwarten Sie heute ihren Besuch?« wagte Kate zu fragen.

Mrs. Wititterlys Antwort verlor sich unter dem dröhnenden Gerassel eines vorfahrenden Kabrioletts. – Gleich darauf donnerte es an die Haustüre.

»Das sind sie«,fuhr Kate auf und wollte aus dem Zimmer eilen.

»Miss Nickleby!!« rief Mrs. Wititterly, ganz starr ob des Unterfangens ihrer Gesellschafterin, das Zimmer verlassen zu wollen, ohne zuerst um Erlaubnis ersucht zu haben; »Sie haben hierzubleiben.«

»Sie sind sehr gütig«, stammelte Kate, »aber –«

»Um Himmels willen, regen Sie mich nicht auf, indem Sie mich so viel sprechen lassen«, unterbrach sie Mrs. Wititterly scharf. »Mein Gott, Miss Nickleby, ich muß bitten –«

Vergeblich versicherte Kate in fliegender Hast, denn es ließen sich bereits Fußtritte auf der obersten Treppe vernehmen, sie fühle sich nicht wohl. Dann setzte sie sich wieder verzweifelt nieder. Eine Sekunde später stürzte Alphons der Zweifelhafte ins Zimmer, meldete Mr. Pyke, Mr. Rupfer, Lord Frederic – und Sir Mulberry Hawk, alle in einem Atem.

»Ach, welch überraschender Besuch«, rief Mrs. Wititterly und nahm von all den zahllosen anmutigen Attitüden, die sie sich während fast vierjährigen so ziemlich ununterbrochenen Ruhens auf dem Sofa einstudiert, die imposanteste an. »Ich bin entzückt, die Herren bei mir zu sehen.«

»Und wie befinden Sie sich, Miss Nickleby?« fragte Sir Mulberry Hawk mit leiser Stimme Kate, jedoch nicht so leise, daß seine Worte nicht Mrs. Wititterlys Ohren erreicht hätten.

»Ach, sie beklagt sich über Unwohlsein infolge der Aufregung der gestrigen Nacht«, antwortete die Dame des Hauses selbst. »Ich wundere mich übrigens nicht darüber, denn meine Nerven sind ganz zerrissen.«

»Und doch sehen Sie«, bemerkte Sir Mulberry, sich umwendend, »und doch sehen Sie –«

»Unvergleichlich aus«, kam Mr. Pyke seinem Gönner zu Hilfe. – Mr. Rupfer sagte natürlich dasselbe.

»Ich fürchte, Sir Mulberry ist ein Schmeichler, Mylord«, flötete Mrs. Wititterly, sich an Lord Frederic wendend, der schweigend an seinem Stockknopf saugte und Kate anstierte.

»Äh – verteufelt«, bestätigte Lord Frederic und nahm nach dieser geistreichen Bemerkung seine frühere Beschäftigung wieder auf.

»Miss Nickleby sieht dadurch nur um so interessanter aus«, sagte Sir Mulberry und musterte Kate mit dreisten Blicken. »Sie war immer schön, aber meiner Seel', Madam, es scheint, Sie haben ihr außerdem noch etwas von Ihrem eigenen frischen Aussehen mitgeteilt.«

Der Glut nach zu schließen, die bei diesen Worten das Antlitz der armen Kate übergoß, hätte man allerdings jetzt Grund zur Annahme gehabt, daß sich etwas von der künstlichen Röte auf Mrs. Wititterlys Wangen in ihren Zügen widerspiegle.

Mrs. Wititterly mußte – freilich geschah es nicht in der gnädigsten Weise – zugestehen, daß Miss Nickleby »recht hübsch« aussähe, aber sie fing an zu fühlen, daß Sir Mulberry doch nicht ganz der angenehme Mann wäre, für den sie ihn anfangs gehalten.

»Pyke«, fiel der achtsame Mr. Rupfer hastig ein, um die Situation zu retten, als er die Wirkung gewahrte, die Kates Lob hervorgebracht hatte.

»Wie meinen Sie, Rupfer?« fragte Pyke sofort.

»Sagen Sie«, flüsterte Mr. Rupfer geheimnisvoll, aber sehr vernehmlich, »kennen Sie nicht eine Dame, deren Züge an Mrs. Wititterlys Profil erinnern?«

»Erinnern?« – Mr. Pyke sann nach. »Aber natürlich.«

»Nicht wahr? – Die Herzogin von B...?«

»Die Gräfin von B...«, verbesserte Pyke mit einem verhaltenen Zucken um die Mundwinkel. »Die Schönere von beiden ist die Gräfin. Nicht die Herzogin.«

»Richtig, ja, pardon«, entschuldigte sich Mr. Rupfer, »die Gräfin von B... Sagen Sie, ist die Ähnlichkeit nicht wundervoll?«

»Zum Sprechen!«

– Also, da hatte man's! Zwei unparteiische und höchst kompetente Herren stellten eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer Gräfin fest! Das ist der Segen, wenn man in guter Gesellschaft verkehrt! Zwanzig Jahre hätte man sich unter ordinäre Leute mischen können, ohne je etwas von dieser Tatsache zu erfahren. – Aber wie wäre das auch möglich gewesen, was weiß die Plebs von Gräfinnen?! –

Kaum hatten die beiden gewandten Herren aus der Gier, mit der dieser kleine Köder verschluckt wurde, den Umfang von Mrs. Wititterlys Hunger nach Schmeicheleien ermessen, da schritten sie zu immer kräftigeren Dosen und schafften Sir Mulberry Hawk dadurch Gelegenheit, Miss Nickleby mit anzüglichen Fragen und Bemerkungen zu behelligen, auf die sie notgedrungen eine Antwort geben mußte.

Lord Frederic erfreute sich inzwischen unbelästigt des vollen Wohlgeschmacks seines goldenen Stockknopfes – ein Genuß, der wohl bis zum Schluß des Besuches nicht unterbrochen worden wäre, hätte nicht das unvermutete Nachhausekommen Mr. Wititterlys das übliche Lieblingsthema aufs Tapet gebracht.

»Mylord«, begann Mr. Wititterly, »ich fühle mich durch Ihr Hiersein hochgeehrt – bin ganz entzückt – wirklich stolz darauf. Bitte, Mylord, behalten Sie doch Platz.«

Mrs. Wititterly paßten diese Worte ihres Gatten durchaus nicht; obgleich sie innerlich vor Stolz und Freude über die erwiesene hohe Ehre fast barst, hätte sie doch lieber ihre vornehmen Gäste glauben gemacht, daß so feine Besuche in ihrem Hause durchaus nichts Ungewöhnliches wären. Aber Mr. Wititterlys Redeschwung ließ sich so leicht nicht hemmen. – Immer und immer wieder versicherte er, wie hochgeehrt er sich fühle.

»Julia, mein Leben, du wirst morgen dafür zu leiden haben«, wendete er sich besorgt an seine Gattin.

»Äh – zu leiden?« rief Lord Frederic.

»Die Reaktion, Mylord, die Reaktion! Die gewaltsame Anspannung des ganzen Nervensystems, Mylord! Was muß die Folge sein? Ein Sinken, eine Abspannung, eine Erschlaffung, eine Schwäche. Mylord, wenn Sir Tumley Snuffin dieses zarte Wesen im gegenwärtigen Augenblicke sehen könnte, er würde kein – kein – nein, nicht soviel für ihr Leben geben.«

Um die Bemerkung näher zu erläutern, nahm Mr. Wititterly eine Prise Schnupftabak aus seiner Dose und warf sie als Symbol der Vergänglichkeit in die Luft. »Nicht soviel. Nicht eine Prise Tabak würde Sir Tumley Snuffin für Mrs. Wititterlys Leben geben.«

– Er brachte dies mit einer Art nüchterner Begeisterung hervor, als ob es keine kleine Auszeichnung für einen Mann bedeute, eine Gattin zu besitzen, die sich eines so verzweifelten Gesundheitszustandes erfreute. –

»Mrs. Wititterly ist Sir Tumley Snuffins Lieblingspatientin. Ich glaube, behaupten zu dürfen, daß sie die erste war, die die neue Arznei einnahm, von der es heißt, eine ganze Plebejerfamilie in Kensington Gravel Pits sei daran gestorben. – Ach wie verschieden doch die menschlichen Organismen sind.«

Auf ähnlich geistreiche Weise zog sich die Unterhaltung hin, bis auf einen heimlichen Wink Sir Mulberrys sich die Herren Pyke und Rupfer erhoben und bemerkten, jetzt nicht mehr länger stören zu dürfen.

Daß die vier unzertrennlichen Gentlemen von da an zu jeder Tageszeit kamen, einmal zum Dinner, dann wieder zum Souper, beständig aus und ein gingen und gemeinschaftliche Landpartien und zufällige Begegnungen arrangierten, und daß bei all diesen Anlässen Sir Mulberry, der seinen Ruhm als Lebemann sogar bei seinen erbärmlichen Helfershelfern gefährdet glaubte, wenn es ihm nicht gelänge, den Stolz eines jungen Mädchens zu brechen, kaum einen Augenblick von seinen zweideutigen Anspielungen abließ – alles das bildete eine lange Kette von Gram und Leid für die arme Kate.

Und so ging es vierzehn Tage lang fort. Jeder, der nicht an ausgesprochener Beschränktheit und Geistesarmut laborierte, hätte auf den ersten Blick erkennen müssen, wie wenig Lord Frederic und Sir Mulberry Hawk, wenn sie auch dem Rang nach dem höheren Adel angehörten, an gute Gesellschaft gewöhnt waren, und wie wenig ihr Benehmen, ihre Bildung und ihre Unterhaltung in Gesellschaft von Damen ihrem Stande entsprachen. Aber für Mrs. Wititterly waren eben die Titel vollkommen hinreichend. Roheit galt als Humor, Gemeinheit milderte sich zu entzückender Originalität, und Unverschämtheit wurde als jene zwanglose Unbefangenheit ausgelegt, die nur Leute sich anzueignen vermögen, die das Glück haben, sich in höheren Kreisen zu bewegen.

Wenn die Frau vom Hause das Benehmen der Herren in dieser Weise hinnahm, was hätte dann wohl eine Gesellschafterin dagegen einwenden dürfen? Wenn die feinen jungen Gentlemen sogar der Herrin gegenüber sich jedes Zwangs begaben, um wieviel rückhaltsloser mußte dann nicht ihr Benehmen vis-à-vis einer bezahlten Angestellten sein!

Aber das war noch nicht das Schlimmste. Als Sir Mulberry Hawk seine Maske immer mehr und mehr ablegte und ausschließlich Kate seine ganze Aufmerksamkeit zuwendete, fing Mrs. Wititterly an, auf die überlegene Anziehungskraft Miss Nicklebys eifersüchtig zu werden. Wenn dieses Neidgefühl zu einer Verbannung aus dem Besuchszimmer, sobald die Herren kamen, geführt haben würde, so hätte sich Kate dazu nur Glück wünschen können. Aber unglücklicherweise besaß sie jene angebotene Anmut, jenen wahren Adel des Benehmens und jene tausend undefinierbaren innern Vorzüge, die dem Weibe den schönsten Reiz geben; und da solche allenthalben Anerkennung finden, mußte dies um so mehr in einem Hause der Fall sein, wo die Herrin selbst nur eine seelenlose Puppe war. Für Kate resultierte daraus ein zweifaches Leiden – einmal, daß sie ein unentbehrliches Gesellschaftsglied bildete, wenn Sir Mulberry und seine Freunde das Haus mit ihrem Besuche beehrten, und dann, daß sie aus demselben Grunde die üble Laune Mrs. Wititterlys über sich ergehen lassen mußte, kaum, daß die feine Gesellschaft fort war. Sie fühlte sich daher ganz und gar elend und unglücklich.

Mrs. Wititterly hatte bisher nicht merken lassen wollen, daß sie Sir Mulberry durchschaue, sondern jedesmal einen Ausbruch ihrer üblen Laune, wie Damen es bisweilen zu tun pflegen, auf eine nervöse Verstimmtheit geschoben. Als jedoch schließlich der schreckliche Gedanke in ihr aufzudämmern und allmählich zur Gewißheit zu werden begann, daß Lord Frederic gleichfalls in Kate verliebt schien und sie nur eine ganz untergeordnete Rolle spielte, überkam sie auf einmal ein solches Übermaß von zartem Anstandsgefühl und hoher tugendhafter Entrüstung, daß sie es für ihre Pflicht betrachtete, als verheiratete Frau und als ein sittlich reines Glied der guten Gesellschaft »der jungen Person« die Sache ohne Verzug vorzuwerfen.

Demgemäß nahm sie eines Morgens eine Pause im Romanlesen wahr.

»Miss Nickleby«, begann sie spitz, »ich muß ein ernstes Wort mit Ihnen reden. Es tut mir leid, dazu genötigt zu sein – in der Tat sehr leid –, aber Sie lassen mir keine andere Wahl, Miss Nickleby.«

Dabei warf sie den Kopf in die Höhe – nicht leidenschaftlich, sondern nur tugendhaft – und bemerkte mit geheuchelter Aufregung, daß sie eine Rückkehr ihres Herzklopfens befürchte.

»Ihr Benehmen, Miss Nickleby, ist sehr weit entfernt, sich meines Beifalls zu erfreuen, ja sehr weit. Ich bin um Ihre Wohlfahrt sehr bekümmert, aber Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, Miss Nickleby, wenn Sie so fortfahren.«

»Madam!« rief Kate stolz.

»Regen Sie mich nicht auf, indem Sie in diesem Tone mit mir sprechen, Miss Nickleby, oder Sie würden mich zwingen, die Klingel zu ziehen.«

Kate blickte ihre Gebieterin an und schwieg.

»Glauben Sie ja nicht, Miss Nickleby«, fuhr Mrs. Wititterly fort, »daß Sie mich durch derartige Blicke verhindern werden, das auszusprechen, was ich für meine heiligste Pflicht halte. – Sie brauchen mich nicht so anzusehen –« fügte sie mit einem plötzlichen Ausbruch von Hohn hinzu – »ich bin nicht Sir Mulberry, nicht Lord Frederic, Mamsell, und ebensowenig Mr. Pyke oder Mr. Rupfer.«

– Kate sah sie wieder an, aber weniger fest als früher, dann stützte sie ihren Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte mit der Hand ihre Augen. –

»Wenn etwas Derartiges zur Zeit meiner Mädchenjahre vorgefallen wäre, Miss, würde es in der Tat niemand geglaubt haben.«

»Ach, es würde es auch niemand glauben, zu welchen Leiden ich verdammt bin, der es nicht mit mir fühlen kann!« schluchzte Kate.

»Sprechen Sie mir nicht von ›verdammt sein‹ und ›leiden‹, Miss Nickleby, wenn ich bitten darf«, rief Mrs. Wititterly mit einer Schrillheit im Tone, die bei einem so zarten Organismus verblüffen mußte. »Ich wünsche keine Erwiderung, Miss Nickleby. Ich bin an Erwiderungen nicht gewöhnt und werde sie auch keinen Augenblick dulden. Hören Sie?« fügte sie hinzu und schien etwas inkonsequent dennoch auf eine solche zu warten.

»Ich höre allerdings, Madam«, versetzte Kate. »Und zwar mit einer Überraschung, für die ich keine Worte finde.«

»Ich habe Sie bisher immer für eine für Ihre untergeordnete Stellung auffallend wohlanständige junge Person gehalten«, fuhr Mrs. Wititterly fort; »und da Sie gesund aussehen, sich sauber kleiden und dergleichen, habe ich ein gewisses Interesse an Ihnen genommen und tue es auch jetzt noch, zumal ich dies für eine Art von Pflicht halte, die ich der achtbaren alten Frau, Ihrer Mutter, schuldig bin. Aber eben deshalb, Miss Nickleby muß ich Sie ein für allemal ersuchen, daß Sie sich meine Worte zu Herzen nehmen. Ich verlange aufs entschiedenste, daß Sie Ihr zweideutiges Benehmen gegenüber den Herren, die dieses Haus besuchen, ändern. – Es paßt sich nicht« – Mrs. Wititterly schloß indigniert ihre keuschen Augen – »es ist unschicklich – äußerst unschicklich!«

»O Gott!« rief Kate und schlug entsetzt die Hände zusammen. »Muß auch noch diese grausame Prüfung über mich kommen! Ist es nicht genug, daß ich Tag und Nacht gelitten und geduldet habe, und daß ich mich fast selber verachten mußte aus Scham, mit solchen Leuten in Berührung gebracht worden zu sein! Muß auch noch diese ungerechte, grundlose Beschuldigung auf mein Haupt fallen!«

»Möchten Sie vielleicht gefälligst bedenken«, fuhr Mrs. Wititterly auf, »daß Sie mich geradezu einer Unwahrheit beschuldigen, wenn Sie sich Ausdrücke wie ›ungerecht‹ und ›grundlos‹ erlauben!«

»Das ist auch meine Absicht«, versetzte Kate empört. »Es ist mir gleichgültig, ob Sie mir aus eigenem Antrieb oder aus andern Gründen einen solchen Vorwurf machen, jedenfalls ist er so niederträchtig wie böswillig unwahr. Ist es denn möglich, daß Sie – eine so viel ältere Frau als ich – Tag für Tag dabeisitzen konnten und nicht bemerkten, wie sehr ich unter diesem mir aufgezwungenen Verkehr mit Menschen, die alle Achtung, selbst Ihnen gegenüber, und alles Schicklichkeitsgefühl beiseite lassen und bei ihrem Eindringen in Ihr Haus nur einen bestimmten Zweck hatten, nämlich den, ein freund- und hilfloses junges Mädchen mit beleidigenden Anträgen zu verfolgen, litt?! Nein – nein, ich kann es nicht glauben, daß Sie von alldem nichts bemerkt haben!«

Wenn die arme Kate nur die mindeste Menschenkenntnis besessen hätte, würde sie trotz ihrer Aufregung nicht gewagt haben, so unüberlegte Äußerungen fallenzulassen. Mrs. Wititterly hatte den Angriff auf ihre Wahrheitsliebe noch so ziemlich gefaßt hingenommen und Kates Schilderung ihrer Leiden mit dem größten Heldenmute mit angehört, als aber Miss Nickleby auf die geringe Achtung hinwies, mit der sie – die Hausfrau – von den Herren behandelt worden sei, und – unglaublich! – die Worte von »höherem Alter« und so weiter fallenließ, sank sie unter gellendem Kreischen auf das Sofa zurück.

»Was gibt's?« rief Mr. Wititterly, entsetzt ins Zimmer stürzend. »Himmel, was sehe ich! Julia! Julia! Blicke auf, mein Leben, blicke auf!«

Da aber Julia durchaus nicht aufblicken wollte und nur um so lauter schrie, riß er an der Klingel und tanzte wie wahnsinnig um das Sofa herum, ohne Unterlaß nach Sir Tumley Snuffin rufend.

»Lauf zu Sir Tumley!« rief er dem atemlos herbeieilenden Pagen mit drohend geschwungenen Fäusten zu.

»Ich wußte es wohl, Miss Nickleby«, erklärte er mit melancholisch-triumphierender Miene, »daß diese Gesellschaft zuviel für sie sein würde. Da ist alles sprühender Geist – jedes Wort, das gesprochen wird.« Mit dieser Versicherung hob Mr. Wititterly die bewußtlose Hülle seiner Gattin auf und schleppte sie zu ihrem Bett.

Kate wartete, bis Sir Tumley Snuffin erschienen war und konstatiert hatte, daß die Gnädige durch besondere Fügung einer gnädigen Vorsehung in Schlaf verfallen sei, kleidete sich dann hastig zum Ausgehen an, versprach in ein paar Stunden wiederzukommen und eilte zu ihrem Onkel.

 

Ralph Nickleby hatte einen guten, sogar einen glücklichen Tag gehabt. Er ging in seinem kleinen Hinterzimmer, die Hände auf dem Rücken, auf und ab, und überschlug im Kopf die Summe, die ihm ein am Morgen abgeschlossenes Geschäft einzutragen versprach. Sein Mund Verzog sich dabei zu einem harten Lächeln, und der verschmitzte Blick seines kalten, stechenden Auges verriet, daß er es nicht an Tricks und Schlichen fehlen zu lassen gedenke, um seinen Gewinn womöglich noch zu vergrößern.

»Sehr gut!« brummte er vor sich hin, offenbar in Bezug auf irgendeinen Vorfall des Tages. »Er bietet dem Wucherer Trotz – na gut. Nun, wir werden ja sehen. ›Ehrlichkeit ist die beste Politik‹ – meinst du? Auch das können wir ja erproben.«

Er hielt eine Weile inne und setzte dann seinen Spaziergang wieder fort.

»Er begnügt sich«, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, und sein Lachen verschwand allmählich, »seinen anerkannt ehrenwerten Charakter und Ruf als Gegengewicht gegen die Macht des Geldes auszuspielen – des erbärmlichen Staubes, wie er es nennt. Ha! ha! Was muß der Kerl für ein Dummkopf sein – des Staubes! – Hallo, wer ist da?«

»Ich«, versetzte Newman Noggs und steckte den Kopf ins Zimmer. »Ihre Nichte.«

»Was ist's mit ihr?« fragte Ralph scharf.

»Sie ist hier.«

»Hier?«

Newman deutete mit einer Kopfbewegung nach seinem kleinen Zimmer.

»Was will sie?«

»Weiß nicht. – Soll ich fragen?«

»Nein«, brummte Ralph. »Halt. – Warten Sie einen Augenblick!«

Hastig versteckte er eine schwere Geldkassette, die auf dem Tische stand, und legte statt ihrer einen leeren Geldbeutel hin.

»So«, sagte er dann; »jetzt kann sie hereinkommen.«

Newman schnitt eine Grimasse, holte die junge Dame herein, stellte ihr einen Stuhl hin und hinkte langsam hinaus.

»Nun«, begann Ralph in ziemlich rauhem Tone, obgleich in seinem Benehmen mehr Freundlichkeit lag, als er sonst irgend jemand gegenüber an den Tag gelegt haben würde; »nun, meine – Liebe? Was gibt's?«

Kate schlug ihre in Tränen schwimmenden Augen auf und gab sich alle Mühe, ihre Erregung niederzukämpfen und zu sprechen – aber umsonst. Schluchzend ließ sie den Kopf wieder sinken und schwieg. Sie hatte ihr Gesicht mit den Händen bedeckt, und Ralph konnte sehen, daß sie weinte.

»Ich kann den Grund erraten«, dachte er, nachdem er sie eine Weile schweigend betrachtet, »ja ich kann – ich kann den Grund erraten. Aber schließlich« – der Anblick des Kummers seiner jungen schönen Nichte hatte ihn ganz aus der Fassung gebracht – »was will das viel besagen? Ein paar Tränen, und außerdem ist's eine prächtige Lehre für sie – eine prächtige Lehre.«

»Also, was führt dich zu mir?« brach er endlich das Schweigen.

»Was mich zu Ihnen führt, Sir«, sagte Kate, »ist derart, daß Ihnen das Blut ins Gesicht steigen muß, wenn ich es Ihnen erzähle. Ich bin mißhandelt worden; meine innersten Gefühle wurden verletzt, unheilbar verwundet – und zwar durch ihre Freunde.«

»Freunde!?« fiel Ralph streng ein. »Ich habe keine Freunde, Mädchen.«

»Also – durch die Herren, die ich hier traf. Wenn es nicht Ihre Freunde waren und Sie sie kannten, ach, um so mehr Schande für Sie, Onkel, daß Sie mich in solche Gesellschaft brachten! Es war eine Unmenschlichkeit und Niedertracht von Ihnen, die nicht ihresgleichen hat!«

Ralph rückte bei dieser unverhohlenen Sprache in höchstem Erstaunen mit seinem Stuhl etwas zurück und musterte Kate mit finsteren Blick. Sie sah ihm aber mit Stolz und Festigkeit in die Augen, und trotzdem ihr Gesicht totenblaß war, kam es ihm in ihrer Aufregung edler und schöner vor als je.

»Es ist etwas von dem Blute dieses Knaben in dir, wie ich bemerke«, sagte er in seinem rauhesten Ton. – Etwas in ihren blitzenden Augen hatte ihn an sein letztes Zusammentreffen mit Nikolas erinnert.

»Das hoffe ich«, versetzte Kate, »und ich bin stolz darauf. – Ich bin jung, Onkel, und die Not und der Kummer meiner Lage haben es lange niedergehalten. Aber heute hat es den Zwang durchbrochen. – Soll kommen, was da will, ich werde, so wahr ich das Kind Ihres Bruders bin, diese Kränkungen nicht länger ertragen.«

»Welche Kränkungen, Mädchen?« fragte Ralph mit Schärfe.

»Rufen Sie sich das, was hier in diesem Hause vorfiel, ins Gedächtnis, und fragen Sie sich selbst! – Onkel, Sie müssen – und ich bin überzeugt, daß Sie es werden –, Sie müssen mich von dem schändlichen und entehrenden Umgang befreien, dem ich bis jetzt preisgegeben war. – Ich will mich zwingen«, rief Kate, eilte auf den alten Mann zu und legte ihre Hand auf seine Schulter, »ich will mich zwingen, nicht leidenschaftlich und heftig zu sein, und ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich es einen Augenblick war, lieber Onkel. Aber Sie wissen nicht, was ich erduldet habe. Sie kennen das Herz eines jungen Mädchens nicht – und ich kann das auch unmöglich von Ihnen verlangen –, aber ich bin überzeugt, daß Sie mir helfen werden, wenn ich Ihnen sage, daß ich elend bin und daß mir das Herz bricht. – Ja, gewiß – gewiß, Sie werden mir helfen.«

Ralph sah sie einen Augenblick unsicher an, wandte dann den Kopf ab und stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden.

»Ich habe von einem Tag zum andern gehofft«, fuhr Kate fort, beugte sich über ihn und legte ihre kleine Hand schüchtern in die seinige, »diese Verfolgung würde ein Ende nehmen. Ein Tag verstrich um den andern, und ich mußte sogar heiter scheinen, trotz der tiefen Wunde in meinem Herzen. Ich hatte niemand, bei dem ich mir Rat erholen oder Schutz suchen konnte. Mama hält diese Menschen für achtbar, reich und angesehen; und wie kann ich – wie kann ich sie enttäuschen, wo sie sich in diesem Wahn so glücklich fühlt, das einzige Glück, das sie hat? Die Dame, in deren Haus ich jetzt untergebracht bin, ist nicht die Frau, der ich eine Angelegenheit so zarter Natur anvertrauen könnte, und ich komme daher zu Ihnen, dem einzigen Freund, der mir nahesteht, fast dem einzigen Freund, den ich überhaupt besitze, um Ihre Hilfe und Ihren Beistand zu erflehen.«

»Aber wie kann ich dir beistehen, Kind?« brummte Ralph, stand von seinem Stuhle auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab.

»Ich weiß, Sie haben Einfluß bei einem dieser Männer«, flehte Kate. »Würde nicht ein Wort von Ihnen sie veranlassen, von ihrem unritterlichen Benehmen abzustehen?«

»Nein«, erwiderte Ralph und blieb mit einem Ruck stehen, »wenigstens – nein, ich kann nicht über die Sache mit ihm sprechen, selbst nicht, wenn sich ein Erfolg davon versprechen ließe.«

»Sie können nicht?«

»Nein«, wiederholte Ralph und krampfte seine Hände hinter dem Rücken noch mehr zusammen. »Ich kann nicht.«

Kate wich ein paar Schritte zurück und sah ihn an, als zweifle sie, recht gehört zu haben.

»Wir stehen in Geschäftsverbindung«, erklärte Ralph langsam, wiegte sich abwechselnd auf den Zehen und den Fersen und sah ihr fest ins Gesicht, »ja, in Geschäftsverbindung, und es geht nicht, daß ich sie vor den Kopf stoße. – Was hat denn das alles auch weiter auf sich?! Wir haben alle unsere Prüfungen, und dies ist eine von den deinigen. Manches Mädchen würde stolz sein, solche Anbeter zu ihren Füßen zu sehen.«

»Stolz!?« rief Kate.

»Ich sage nicht«, lenkte Ralph ein, »daß du etwa nicht recht daran tust, sie zu verachten; nein, du zeigst hierin nur dein richtiges Urteil, und ich wußte von Anfang an, daß du so handeln würdest. Was willst du nur? Deine Stellung ist in jeder Hinsicht eine behagliche. Wie kannst du von Leiden sprechen? Wenn der junge Lord dir auf Schritt und Tritt nachläuft und dir seine läppischen Albernheiten ins Ohr flüstert – was tut's? Wenn's auch eine unehrenhafte Leidenschaft ist, was ist da weiter? – Er wird es bald genug satt haben. Es kommt ihm irgend etwas Neues in den Wurf und du bist erlöst. Inzwischen –«

»Inzwischen«, fiel Kate entrüstet ein, »bin ich der Verachtung meines eigenen Geschlechtes preisgegeben, mit Recht verdammt von allen anständigen Frauen, verachtet von allen ehrenhaften Männern, gesunken in meiner eigenen Achtung und erniedrigt vor jedem Auge, das auf mich blickt. Nein, ich ertrage es nicht länger, und wenn ich mir die Finger bis auf die Knochen abarbeiten und mich den rauhesten und schwersten Arbeiten unterziehen müßte. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich werde Ihrer Empfehlung keine Unehre machen und in meiner Stellung bleiben, bis ich durch die Bedingungen meines Kontraktes berechtigt bin zu gehen. Aber diese Herren, davon können Sie überzeugt sein, werden mich von jetzt an nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wenn ich das Haus verlasse, werde ich mich vor diesen Schurken und vor Ihnen verbergen und meiner Mutter durch saure Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verschaffen suchen, um wenigstens im Vertrauen auf Gottes Hilfe in Frieden leben zu können.«

Mit diesen Worten eilte Kate aus dem Zimmer und ließ Ralph Nickleby regungslos wie eine Bildsäule stehen.

Fast hätte sie vor Schrecken, als sie die Zimmertüre schloß, einen Schrei ausgestoßen, denn dicht vor ihr stand, kerzengerade wie eine Vogelscheuche im Winterquartier, in einer kleinen Mauervertiefung Newman Noggs. Blitzschnell legte er den Finger an die Lippen, und sie hatte Geistesgegenwart genug, ihren Schrecken zu bemeistern.

»Weinen Sie nicht«, bat er leise, schlüpfte aus seinem Winkel hervor und geleitete sie zum Haustor. »Sie dürfen nicht weinen – nicht weinen.«

Dabei rollten ihm selbst zwei große Tränen über die Wangen.

Dann zog er etwas aus der Tasche, was einem alten Wischlappen verdächtig ähnlich sah, und trocknete damit Kates Wimpern so sanft wie einem Kinde.

»So, so. – So ist's gut. Sie haben recht gehabt, daß Sie ihm keine Schwäche zeigten. Ha! ha! ha! Ja, ja. Armes Kind! Ja, ja. Armes Kind!«

Kaum konnte er seiner Rührung Herr werden. – Schluchzend wischte er sich mit dem Wischlappen selbst die Augen und hinkte nach der Haustüre, um Kate hinauszulassen.

»Weinen Sie nicht mehr«, tröstete er sie dabei, »ich werde Sie besuchen kommen. Ha! ha! ha! Und jemand anderer soll es auch bald tun. Ja, ja! Ho! ho!«

»Gott segne Sie«, dankte ihm Kate und eilte hinaus; »Gott segne Sie.«

»Sie gleichfalls«, rief Noggs ihr noch nach. »Ha! ha! ha! Ho! ho! ho!«

Dann schloß er die Türe, schüttelte traurig den Kopf und ließ seinen Tränen freien Lauf.

Eine halbe Stunde darauf hätte ihn wohl keiner, der seine Ergriffenheit mit angesehen, wiedererkannt. Er stand mit dem Gesicht zur Türe gewendet, hatte die Ärmel seines Rockes über die Handgelenke zurückgeschlagen und war eifrig beschäftigt, die kräftigsten und kunstgerechtesten Boxhiebe in die leere Luft zu führen.

Beim ersten Anblick hätte man glauben können, daß dies nur die weise Maßregel eines zu sitzender Lebensweise verurteilten Mannes sei, der die Absicht hat, seine Lungen zu erweitern und seine Armmuskeln zu kräftigen. Aber die lebhafte Freude, die sich in Newman Noggs' schweißtriefendem Antlitz malte, der tiefinnerliche Genuß, mit dem er seine Hiebe fortwährend gegen eine bestimmte Stelle – ungefähr fünf Fuß über dem Boden – richtete, und die unermüdliche Ausdauer, mit der er sich abarbeitete, würde den aufmerksamen Beobachter bald haben erraten lassen, daß er im Geiste auf Leben und Tod den Leib seines ehrenwerten Prinzipals, Mr. Ralph Nicklebys, bearbeitete.

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