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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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22. Kapitel

Nikolas begibt sich in Smikes Begleitung auf die Wanderschaft und macht bei dieser Gelegenheit eine interessante Bekanntschaft in der Person Mr. Vincent Crummles'.

Nikolas' ganzes Vermögen bestand nach Bezahlung der Zimmer- und Möbelmiete in wenig mehr als zwanzig Schillingen. Dennoch begrüßte er den Morgen, an dem er London verlassen wollte, mit leichtem Herzen. Er verließ sein Bett mit jener Schwungkraft des Geistes, die zum Glück nur das Erbteil der Jugend ist, da sonst die Welt nie mit alten Leuten bevölkert sein würde.

Es war ein kalter dunstiger Morgen in den ersten Tagen des Frühlings. Nur wenige leichte Schatten glitten in den Straßen hin und her, und zuweilen tauchten aus dem dicken Nebel die plumpen Umrisse einer heimkehrenden Droschke auf, die müde vorbeirasselte, um sich bald darauf wieder im Dunste zu verlieren. Hie und da erschallte der frostige Ruf eines armen Schornsteinfegers, der mit klappernden Zähnen an sein frühes Tagewerk ging, oder der schwere Schritt des Nachtwächters, der langsam auf und ab ging und die trägen Stunden verwünschte, die ihn noch vom langersehnten Schlafe trennten. Das Rollen schwerer Frachtfuhrwerke und das Klappern der leichteren Wagen, die Käufer und Verkäufer nach den verschiedenen Märkten brachten, ungeduldiges Klopfen an die Türen allzu fester Schläfer – alle diese Geräusche einer großstädtischen Morgendämmerung schlugen traumhaft an Nikolas' Ohr. Immer dunstiger wurde die Atmosphäre, je näher der Tag rückte, und die paar Schlaftrunkenen, die den Mut hatten, aufzustehen und durch ihr Gardinenfenster auf die düstere Straße hinauszublicken, schlüpften schnell wieder in ihr Bett.

Noch ehe diese Anzeichen des erwachenden Morgens in dem geschäftigen London sich mehrten, hatte Nikolas allein den Weg nach der City eingeschlagen und stand unter den Fenstern der Wohnung der Seinigen. Sie sah öde und düster aus, aber in ihrem Innern war Licht und Leben für ihn; schlug doch hinter ihren alten Wänden wenigstens ein gleichgesinntes Herz.

Er ging über die Straße hinüber und erhob seine Augen zu dem Fenster des Zimmers, wo, wie er wußte, seine Schwester schlief. Es war geschlossen und dunkel. »Armes Mädchen«, dachte Nikolas, »du ahnst wohl wenig, wer hier draußen weilt!«

Fast fühlte er sich einen Augenblick lang gekränkt, daß Kate noch nicht auf war, um ihm ein Wort des Abschieds zuzurufen. Doch gleich darauf sah er ein, wie kindisch sein Gedanke war.

»Es ist besser so, wie es ist«, sagte er sich, nachdem er ein paar Mal vor dem Haus auf und ab geschritten war. »Als ich mich früher von ihnen trennte und tausendmal hätte Lebewohl sagen können, suchte ich ihnen den Schmerz des Abschieds zu ersparen – warum tue ich es jetzt nicht auch?«

Plötzlich kam es ihm so vor, als bewege sich der Vorhang, und einen Augenblick suchte er sich einzureden, daß Kate am Fenster wäre. Infolge eines jener seltsamen Widersprüche der Gefühle, die uns allen gemeinsam sind, trat er unwillkürlich unter einen Torweg zurück, damit sie ihn nicht sehen möchte. Eine Sekunde später lächelte er über seine eigene Schwäche, empfahl seine Lieben dem Schutze des Himmels und entfernte sich leichteren Herzens.

Immer noch war der Tag nicht völlig angebrochen, da hatte er den ängstlich seiner harrenden Smike aus seiner alten Wohnung abgeholt und schritt mit ihm rüstig auf der Landstraße nach Kingston dahin. Newman Noggs hatte es sich nicht nehmen lassen, sie eine lange Strecke zu begleiten.

»Also höre, Smike«, sagte Nikolas, während sie einträchtig so nebeneinander hertrabten; »wir gehen nach Portsmouth.«

– Smike nickte mit dem Kopfe und lächelte, ohne eine weitere Gemütsbewegung an den Tag zu legen, denn es war ihm ganz gleichgültig, ob es nach Portsmouth oder nach Port-Royal ging, wenn sie nur beisammen blieben. –

»Ich verstehe mich zwar nicht sonderlich auf solche Dinge, aber Portsmouth ist ein Seehafen, und wenn sich nicht irgend etwas anderes finden läßt, kommen wir vielleicht an Bord irgendeines Schiffes unter. Ich bin jung und geschickt und kann mich in jeder Hinsicht nützlich machen. Und dasselbe ist ja auch bei dir der Fall.«

»Ich hoffe wenigstens«, versetzte Smike. »Während meines Aufenthaltes in – Sie wissen wo –«

Nikolas nickte. »Ich weiß, du brauchst den Ort nicht zu nennen.«

»Also während meines Aufenthaltes dort«, fuhr Smike fort, und seine Augen leuchteten bei der Aussicht, in Bälde seine Anstelligkeit beweisen zu können, »habe ich die Kuh gemolken und den Pferdeknecht gemacht, so gut wie einer.«

»Hem – nun«, meinte Nikolas ernst, »ich fürchte, man hält im allgemeinen nicht oft Tiere dieser Art an Bord eines Schiffes, und selbst wenn sich auch hin und wieder dort Pferde vorfinden mögen, so wird man es wohl nicht so genau mit dem Putzen nehmen. Doch du kannst ja etwas anderes lernen. Wenn der Mensch will, findet er auch einen Weg.«

»Und an Willen soll's bei mir gewiß nicht fehlen«, versicherte Smike freudestrahlend.

»Das weiß Gott«, versetzte Nikolas, »und wenn es bei dir nicht gehen sollte, so werde doch ich, und sollte es auch anfangs schwer gehen, für uns beide genug verdienen können.«

»Machen wir heute den ganzen Weg?« fragte Smike nach einer längeren Pause.

»Das würde doch eine zu große Aufgabe sein, selbst für deine willigen Beine«, antwortete Nikolas lächelnd. »Godalming ist – soviel ich weiß – etliche dreißig Meilen von London entfernt, und ich habe im Sinne, dort zu übernachten. Morgen geht's dann wieder weiter, denn wir sind nicht reich genug, um unnötigerweise Zeit zu vertrödeln. Komm, gib mir jetzt das Bündel her, ich will dich ablösen.«

»Nein – nein«, rief Smike und wich einige Schritte zurück. »Verlangen Sie das nicht von mir.«

»Warum denn nicht?«

»Lassen Sie mich wenigstens etwas für Sie tun, Sie wollen mich nie dienen lassen, wie ich eigentlich sollte; aber Sie wissen eben nicht, wie ich Tag und Nacht darauf sinne, Ihnen irgendwie zu helfen.«

»Du närrischer Mensch, freilich weiß ich das«, lachte Nikolas, »ich müßte doch sonst blind und gefühllos sein. – Übrigens, das bringt mich darauf, dir, weil wir gerade allein sind, eine Frage vorzulegen«, fügte er hinzu und sah Smike fest in die Augen. »Hast du ein gutes Gedächtnis?«

»Ich weiß nicht«, versetzte der arme Junge, traurig den Kopf schüttelnd. »Ich glaube, ich hatte einmal eins, jetzt ist es aber fort – ganz fort.«

»Woraus schließest du, daß du einmal eines besaßest?«

»Als ich noch ein Kind war, konnte ich mich auf alles erinnern«, erzählte Smike stockend; »aber das ist schon sehr – sehr lange her. Oder scheint es mir wenigstens so. Ich war immer verwirrt und ganz schwindelig im Kopf an dem Ort, den ich mit Ihnen verließ, und konnte mich nie auf etwas besinnen – bisweilen nicht einmal verstehen, was man zu mir sagte. Ich – lassen Sie mich sehen – lassen Sie mich sehen –«

»He – träumst du?« fragte Nikolas und berührte Smikes Arm.

»Nein«, versetzte Smike geistesabwesend. »Ich dachte nur, wie –« Er schauderte unwillkürlich.

»Denke nicht mehr an jenen Ort; es ist doch jetzt alles vorüber«, beruhigte ihn Nikolas und ließ sein Auge forschend auf ihm ruhen. Smike war wieder in jenes gedankenleere Stieren verfallen, das ihm früher beständig eigen war und ihn auch in neuerer Zeit nur selten verließ. »Was wolltest du von dem ersten Tage sagen, als du in Yorkshire angelangt warest?«

»Wie?«

»Ich meine von der Zeit, ehe du dein Gedächtnis zu verlieren anfingst«, fragte Nikolas ruhig. »War das Wetter warm oder kalt?«

»Naß. Sehr naß. Ich sagte immer, wenn es einmal recht stark regnete, es regnet wie an dem Abend meiner Ankunft. Und dann umringten sie mich und lachten mich aus, wenn sie sahen, daß ich über den schweren Regen weinen mußte. Sie sagten, es wäre kindisch, aber das ließ mich nur noch mehr dran denken. Bisweilen überlief es mich kalt, denn ich sah mich, wie ich damals war, als ich durch dieselbe Türe hereinkam.«

»Wie du damals warst?« wiederholte Nikolas scheinbar gleichgültig. »Und wie warst du denn?«

»So winzig klein«, entgegnete Smike, »daß man schon bei der Erinnerung daran Mitleid und Erbarmen mit mir hätte haben sollen.«

»Du kamst doch nicht allein hin?«

»Nein«, erwiderte Smike, »o nein.«

»Wer war bei dir?«

»Ein Mann – ein finsterer, greisenhaft aussehender Mann; ich hörte es die in der Schule sagen, und ich erinnerte mich auch selbst dessen. Ich war froh, daß er mich verließ, denn ich fürchtete mich vor ihm. Aber sie haben mich noch mehr fürchten gemacht und mich noch härter behandelt.«

»Sieh mich einmal an«, sagte Nikolas, mit der Absicht, Smikes ganze Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu konzentrieren. »So; wende dich nicht ab. Erinnerst du dich an keine Frau, an kein liebevolles weibliches Wesen, das dich einst hegte, deine Lippen küßte und dich ihr Kind nannte?«

»Nein«, antwortete das arme Geschöpf kopfschüttelnd, »nein, nie.«

»Auch nicht eines andern Hauses als desjenigen in Yorkshire?«

»Nein«, erwiderte Smike mit einem Blick voll Trauer; »aber eines Zimmers – ich erinnere mich, daß ich in einem Zimmer schlief. In einem großen, einsamen Zimmer. Hoch oben in einem Hause, und in der Decke war eine Falltür. Ich habe mir oft das Kissen über den Kopf gezogen, um nicht hinsehen zu müssen, denn ich war ein kleines Kind und fürchtete mich vor ihr, wenn ich des Nachts allein war. Auch hätte ich immer gar zu gern gewußt, was hinter ihr ist. Und dann stand eine Uhr – eine alte Wanduhr in einer Ecke; ich kann mich daran noch ganz genau erinnern. Das Zimmer ist mir nie aus dem Gedächtnis gekommen, denn wenn ich schreckliche Träume habe, so tritt es genau so, wie es war, wieder vor mich. Ich sehe Dinge und Leute darin, die ich damals nicht gesehen habe, aber das Zimmer ist ganz so, wie es damals war; es ändert sich nicht.«

»Willst du mich jetzt das Bündel nehmen lassen?« fragte Nikolas, schnell den Gegenstand des Gesprächs abbrechend.

»Nein, nein«, weigerte sich Smike. »Lassen Sie uns weiter gehen.«

Er beschleunigte bei diesen Worten seine Schritte, wie es schien, unter dem Eindruck, als hätten sie das ganze Gespräch über stille gestanden. Nikolas betrachtete ihn gespannt und prägte jedes Wort dieser Unterhaltung in unauslöschlichen Lettern seinem Gedächtnis ein.

Inzwischen war es fast Mittag geworden, und obgleich noch dichter Nebel die Stadt, die sie vor kurzem verlassen hatten, umhüllte, wie wenn der Odem ihrer geschäftigen Bewohner über dem Schemen ihres gierig erstrebten Gewinnes lagere und dort eine größere Anziehung finde als zu den ruhevollen, höher liegenden Regionen, so war es draußen auf dem Lande doch schön und hell. Hin und wieder trafen sie wohl in einer Niederung noch auf Stellen, wo die Sonne den Nebel nicht hatte verscheuchen können; doch kamen sie bald darüber hinweg, und als sie die Hügel hinanstiegen, machte es ihnen viel Freude, in das Tal hinabzublicken und zu sehen, wie die trägen Dunstmassen sich schwerfällig vor dem belebenden Einflusse des Tages hinschoben. Die heitere Sonne bestrahlte die grünen Weideplätze und lieh den Wassern ein sommerliches Glitzern. Der Boden schien elastisch zu sein; die Glöckchen der Schafe tönten wie Musik in ihren Ohren, und hoffnungsfroh schritten sie rüstig weiter.

Der Tag rückte vor. Die schimmernden Farben wurden matter und nahmen ruhigere Tinten an, wie junge stürmische Hoffnung durch die Zeit gemildert wird oder jugendliche Gesichter allmählich in die stille Heiterkeit des Alters übergehen – kaum weniger schön in ihrem langsamen Erbleichen als in ihrem frischen Glanze.

Endlich gelangten sie nach Godalming, handelten eine ärmliche Schlafstelle ein und schlummerten herrlich. Am Morgen machten sie sich zeitig wieder auf die Beine. Allerdings nicht ganz so frisch wie gestern, aber doch voll Hoffnung und heitern Sinnes.

Sie hatten an diesem Tage einen mühevolleren Marsch zu machen als an dem vorigen, denn es galt lange, ermüdende bergansteigende Strecken zu bewältigen, und bekanntlich geht es auf Reisen wie im Leben um vieles leichter bergab als bergan. Dessenungeachtet schritten sie unverdrossen weiter – noch kein Berg hat seinen Gipfel himmelan gestreckt, schließlich wurde er durch Beharrlichkeit doch bezwungen.

Sie kamen an des »Teufels Punschbowle« vorbei, und Smike horchte begierig auf, als Nikolas die Inschrift auf dem Steine las, der an jener wilden Stelle aufgerichtet ist und von einem grauenvollen hinterlistigen Mord erzählt, der nächtlicherweile dort begangen worden.

Das Blut des Ermordeten hatte einst das Gras, auf dem sie standen, gefärbt und war tropfenweise in die Höhle geronnen, die dem Orte den Namen gibt. »Des Teufels Punschbowle«, dachte Nikolas und sah sinnend in den tiefen Schlund hinunter, »hat wohl nie eine passendere Flüssigkeit aufgenommen als dieses Becken hier.«

Schnell gingen sie weiter und gelangten endlich auf eine weite Hochebene, die, zu vielen kleinen Hügeln ansteigend, der Oberfläche einen heitern grünen Anblick verlieh. Hier stieg beinahe senkrecht eine Anhöhe gen Himmel, fast nur den Schafen und Ziegen, die dort ihr Futter suchten, zugänglich. Dort wieder stand ein mächtiger, grüner Erdhügel, der sich so allmählich erhob und so sanft mit der Ebene wieder verschmolz, daß sich seine Umrisse kaum bestimmen ließen. Hügel, einer höher als der andere, und Wellenlinien, weich oder unförmlich, glatt und zerrissen, anmutig und wild, nachlässig Seite an Seite liegend, begrenzten die Aussicht in jeder Richtung – wobei nicht selten, ehe man sich's versah, eine Schar schwarzer Krähen mit häßlichem Schrei vom Boden aufflog, die nächsten Berge umkreiste, als wüßte sie nicht, wohin sich wenden, und sich dann mit Windeseile plötzlich in irgendeiner Talmulde niederließ.

Allmählich wurde die Aussicht nach beiden Seiten hin beengter, und nachdem die beiden jungen Leute eine Weile der reichen herrlichen Szenerie beraubt gewesen, kamen sie wieder in offenes Land. Das Bewußtsein, sich dem Orte ihrer Bestimmung immer mehr zu nähern, erleichterte ihnen den Marsch. Aber immerhin war es beschwerlich gewesen; sie hatten sich unterwegs viel aufgehalten, und Smike war müde. Es dunkelte bereits, als sie vor dem einsamen Wirtshaus, das etwa zwölf Meilen vor Portsmouth am Wege liegt, Halt machten.

»Zwölf Meilen!« sagte Nikolas, stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock und sah Smike zweifelnd an.

»Zwölf starke Meilen«, wiederholte der Wirt.

»Ist der Weg gut?«

»Sehr schlecht.« – Als Wirt konnte der Mann natürlich nichts anderes sagen.

»Ich möchte gerne noch weiter gehen«, sagte Nikolas zögernd, »aber ich weiß wirklich nicht, soll ich, oder soll ich nicht.«

»Ich will Ihnen nicht zureden«, meinte der Wirt, »aber ich an Ihrer Stelle ginge nicht weiter.«

»Wirklich nicht?«

»Nein, zumal nicht, wenn ich wüßte, daß ich hier gut aufgehoben wäre.«

Mit diesen Worten schob der Wirt seine Schürze beiseite, steckte die Hände in die Taschen, trat ein paar Schritte vor das Haus hinaus und spähte, anscheinend höchst gleichgültig, die dunkle Landstraße hinunter.

Ein Blick auf die Jammermiene des schrecklich abgematteten Smike bestimmte Nikolas, und so entschloß er sich ohne weiteres zu bleiben.

Der Wirt führte sie in die Küche, und da dort ein tüchtiges Feuer brannte, bemerkte er, daß es sehr kalt draußen wäre, wie er denn auch ohne Zweifel bei einem schwachen oder gar keinem Feuer sich über zu große Wärme beschwert haben würde.

»Was können Sie uns zum Nachtessen geben?« war Nikolas' erste Frage.

»Was ist Ihnen gefällig?«

Nikolas verlangte kalten Braten, aber der war nicht da. – Gebackene Eier? Es gab auch keine Eier. – Hammelrippchen? – Die waren auf drei Meilen nicht aufzutreiben. – In der vergangenen Woche, da hatte man mehr, als man zu verwenden wußte, und auch übermorgen würde man wieder die schwere Menge davon haben, hieß es.

»Nun, dann muß ich's eben ganz Ihnen überlassen«, sagte Nikolas, »wie ich es gleich anfangs wollte, wenn Sie mich nicht nach meinen Wünschen gefragt hätten.«

»Warten Sie, ich will Ihnen was sagen«, schlug der Wirt vor. »Im Gastzimmer sitzt ein Herr, der für neun Uhr einen warmen Beefsteakpudding mit Kartoffeln bestellt hat. Er wird allein damit nicht zustande kommen, und ich zweifle nicht, daß er Sie, wenn ich es ihm proponiere, daran partizipieren lassen wird. Ich will die Sache sogleich abmachen.«

»Nein, nein«, erwiderte Nikolas und hielt ihn zurück, »ich möchte das nicht. Ich – übrigens – ach was – warum sollte ich es nicht aussprechen – Sie sehen, ich reise auf sehr bescheidene Weise und habe meinen Weg zu Fuß hierher gemacht. Es ist daher wohl mehr als wahrscheinlich, daß der Herr keinen Gefallen an meiner Gesellschaft finden wird. Aber wenn ich auch von oben bis unten bestaubt bin, so bin ich doch zu stolz, um mich ihm aufzudrängen.«

»Haha«, lachte der Wirt, »es ist doch nur Mr. Crummles: der nimmt's nicht so genau.«

»Wirklich nicht?« fragte Nikolas, dem, offen gestanden, schon bei der bloßen Aussicht auf einen saftigen Pudding das Wasser im Munde zusammenlief.

»Nicht im geringsten«, versicherte der Wirt. »Soweit ich ihn kenne, wird ihm Ihre Gesellschaft sogar sehr angenehm sein. Aber wir werden ja sehen, haben Sie nur eine Minute Geduld.«

Und ohne eine weitere Erlaubnis abzuwarten, eilte der Mann in das Gastzimmer. Nikolas versuchte es übrigens auch gar nicht, ihn zurückzuhalten, denn er sagte sich, unter den obwaltenden Umständen sei ein Nachtessen immerhin von großer Wichtigkeit. In großer Aufregung kam der Wirt gleich darauf wieder zurück.

»Alles in Ordnung«, berichtete er leise. »Wußte es ja. Sie werden drinnen etwas Sehenswertes finden. Sapperlot, wie die aneinander sind!« Nikolas konnte nicht mehr fragen, was diese Schlußbemerkung, die in ganz entzücktem Tone ausgesprochen wurde, zu bedeuten habe, denn der Wirt hatte bereits die Türe des Zimmers aufgerissen. So traten denn die beiden Reisenden – Smike mit dem Bündel, das er mit einer Sorgfalt hütete, als sei es ein Beutel mit Gold, auf dem Rücken – unverzüglich ein.

Nikolas hatte sich wohl auf etwas Seltsames gefaßt gemacht, keineswegs aber auf etwas so gar Ungewöhnliches, wie es sich hier seinen Augen darbot. Am entgegengesetzten Ende des Zimmers standen einander zwei Jungen gegenüber, von denen der eine sehr aufgeschossen und der andere sehr klein war, beide in Matrosentracht – wenigstens in einer theatralischen, mit Gürteln, Schnallen, Zöpfen und Pistolen und fochten mit zwei kurzen Korbsäbeln, wie man sie gewöhnlich bei kleinen Theatern sieht, einen »schrecklichen Zweikampf« – wie es die Komödienzettel nennen – aus. Der Kleine hatte sichtlich einen bedeutenden Vorteil über den Langen gewonnen und diesen ins Eck gedrängt. Als Zuschauer lehnte ein großer, plumper Gentleman an einer Tischecke und forderte die Streiter auf das nachdrücklichste auf, noch mehr Funken aus ihren Schwertern zu schlagen; es werde ihnen dann bei der nächsten Vorstellung an einem wütenden Applaus nicht fehlen.

»Mr. Vincent Crummles«, stellte der Wirt mit unterwürfiger Miene Nikolas vor, »dies ist der junge Herr.«

Mr. Vincent Crummles grüßte mit einem Neigen des Hauptes, das zwischen dem herablassenden Empfang eines römischen Kaisers und dem vertraulichen Nicken eines Zechbruders die Mitte hielt.

»Eine großartige Szene«, sagte er sodann und winkte Nikolas, stehenzubleiben, um den Kampf nicht zu stören. »Der Kleine hat ihn; wenn der Große sich nicht in drei Sekunden ergibt, ist er ein toter Mann. Macht das noch einmal, Jungens.«

Die beiden Kämpfenden fingen wieder von vorne an und droschen aufeinander los, daß die Funken stoben – zur großen Zufriedenheit Mr. Crummles', der darauf augenscheinlich ein großes Gewicht legte. Der Kampf begann mit ungefähr zweihundert Hieben, die der kleine Matrose mit dem langen wechselte, ohne daß dadurch ein besonderes Resultat erzielt worden wäre, bis der kleine Matrose plötzlich ohne ersichtlichen Grund auf ein Knie niederstürzte. Er machte sich jedoch nichts daraus, sondern arbeitete sich mit Beihilfe seines linken Armes auf dem Boden weiter und focht ganz verzweifelt fort, bis ihm der lange Matrose das Schwert aus der Hand schlug. Man hätte nun vermuten sollen, daß daraufhin der kleine Matrose, so entwaffnet, um Pardon gebeten hätte; aber statt dessen zog er schnell eine gigantische Pistole aus dem Gürtel und zielte mit ihr nach dem Gesichte seines Gegners, worüber dieser dermaßen erschrak, daß dem Kleinen Gelegenheit geboten war, sein Schwert wieder aufzunehmen und von neuem anzufangen. Dann ging es wieder an ein wildes Dreschen, das von beiden Seiten ganz absonderlich geführt wurde. Bald nahmen die Kämpfer die Waffen in die linke Hand, bald teilten sie unter dem Knie, durch oder über die Achseln hinweg ihre Schläge aus. Als der kleine Matrose beispielsweise einen gewaltigen Streich nach den Beinen seines Gegners führte, der im Falle des Nichtausweichens ihm beide Füße glatt abgesäbelt haben würde, sprang dieser gewandt über die Klinge hinweg, worauf er seinerseits, um dem Gegner nichts schuldig zu bleiben, mit gleichem Mißerfolg einen ähnlichen Hieb vollführte. Dann ging es an die fabelhaftesten Finten und Scheinattacken, wobei sich die Streiter gelegentlich die offenbar infolge des Mangels an Hosenträgern herabgleitenden Unaussprechlichen in die Höhe zogen, bis endlich der Kleine, der augenscheinlich der moralischere Charakter war – denn er befand sich fast immer im Vorteil –, einen gewaltigen Ausfall machte, sich über den Langen warf, ihn nach kurzem Kampf zu Boden drückte und ihm den Fuß auf die Brust setzte. Durchbohrt von dem Schwerte des Gegners gab sodann der Lange unter heftigen Qualen den Geist auf.

»Das wird ein doppeltes Dakapo einbringen, Jungens, wenn ihr euch recht zusammennehmt«, lobte Mr. Crummles. »Verschnauft euch jetzt und zieht euch um.« Erst jetzt konnte Nikolas Mr. Crummles' Äußeres in Ruhe beaugenscheinigen. Das Gesicht des Mannes stand ganz im Verhältnis zu seinem Körper. Er hatte eine sehr dicke Unterlippe, eine heisere Stimme, wie es bei Leuten der Fall ist, die viel zu schreien pflegen, und trug das schwarze Haar fast kahl abgeschoren – wie sich später herausstellte, um sich leichter die diversen Charakterperücken aufsetzen zu können.

»Nun, was halten Sie davon, Sir?« fragte Mr. Crummles.

»Es war in der Tat ausgezeichnet. – Vortrefflich«, lobte Nikolas.

»Ich denke, Jungen wie diese werden Sie nicht oft zu sehen bekommen.«

Nikolas stimmte eifrig bei, bemerkte aber: »Wenn sie einander nur mehr gleich wären.«

»Gleich?« rief Mr. Crummles.

»Ich meine hinsichtlich der Größe«, entschuldigte sich Nikolas.

»Größe?!« wiederholte Mr. Crummles. »Das ist doch gerade die Hauptsache, daß sie um einen oder zwei Fuß verschieden sind. Wie wären wir berechtigt, auf den Beifall des Publikums zu zählen, wenn nicht ein Kleiner über einen Großen siegte? Man müßte anderenfalls wenigstens fünf gegen einen stellen, und dazu haben wir nicht Leute genug in unserem Ensemble.«

»Ja, ja, sehr richtig. Ich bitte um Verzeihung«, versetzte Nikolas. »Ich muß gestehen, daß ich daran nicht dachte.«

»Kurz – es ist der springende Punkt«, schloß Mr. Crummles das Thema. »Ich gebe übermorgen in Portsmouth eine Vorstellung. Wenn Sie dahin reisen, so besuchen Sie das Theater, und Sie werden sehen, wie wir gefallen.«

Nikolas versprach, es zu tun, wenn er könnte, rückte dann seinen Stuhl ans Feuer und begann mit dem Theaterdirektor ein Gespräch. Äußerst redselig und mitteilsam, vielleicht ebensosehr infolge seines Temperaments wie infolge des Grogs, dem er kräftig zusprach, oder des Schnupftabaks, den er in starken Portionen aus einem Papiertütchen in seiner Westentasche seiner Nase zuführte, besprach Mr. Crummles seine Angelegenheiten ohne Rückhalt und erging sich des langen und breiten über die Vorzüge seines Ensembles und die Talente seiner Familie, von der die beiden Kämpfer einen beachtenswerten Teil ausmachten. Allem Anschein nach sollten sich die Herren und Damen der Truppe morgen in Portsmouth zusammenfinden, wohin sich auch der Vater mit seinen Söhnen auf dem Wege befand. Die Gesellschaft hatte keinen dauernden Aufenthalt, sondern gehörte der Klasse fahrender Künstler an und kam eben von Guildford, wo sie einen rasenden Beifall geerntet hatte.

»Und Sie reisen denselben Weg, mein Herr?«

»J-a«, gab Nikolas verlegen zu.

»Sind Sie in der Stadt bekannt?« fragte der Mime weiter, kühn das gleiche Vertrauen beanspruchend, das er selbst an den Tag gelegt hatte.

»Nein.«

»Nie dort gewesen?«

»Nie.«

Mr. Vincent Crummles ließ ein trockenes Hüsteln vernehmen, als wolle er damit sagen, »wenn du verschlossen sein willst, so sei's«, und holte so viele Prisen aus seinem Tütchen, eine nach der anderen, daß es rein unbegreiflich war, wo all der Schnupftabak hinkam.

Dabei blickte er von Zeit zu Zeit mit großem Interesse auf Smike, der ihm gleich von vornherein ungemein aufgefallen zu sein schien. Der Ärmste war eingeschlafen und nickte in seinem Stuhle.

»Entschuldigen Sie«, fing Mr. Crummles leise nach einer Weile wieder an und wendete sich zu Nikolas. »Sehen Sie doch nur, was Ihr Freund da für ein Kapitalsgesicht hat.«

»Der arme Junge!« entgegnete Nikolas mit einem halben Lächeln. »Ich wollte, es wäre etwas voller und nicht so abgemagert.«

»Voller!?« rief der Theaterdirektor mit einem Ausdruck des Entsetzens. »Es wäre dann für immer verdorben.«

»Verdorben?«

»Freilich, natürlich. So wie er jetzt ist, unwattiert und kaum mit einer Spur von Farbe im Gesicht, könnte er Hungerleiderrollen spielen, wie man sie noch nie auf einer Bühne gesehen hat. Eine Idee Rot auf die Nasenspitze als Apotheker in ›Romeo und Julie‹ – und er brauchte nur den Kopf aus der Ladentür zu stecken, um mindestens dreimal gerufen zu werden.«

»Ah so, Sie betrachten ihn vom Standpunkt des Schauspiels aus«, sagte Nikolas lachend.

»Und zwar mit Fug und Recht«, erwiderte der Direktor stolz.

»Ich habe, seit ich Künstler bin, noch nie einen jungen Menschen gesehen, der so ganz für diese Rolle geschaffen wäre, und ich habe doch bereits die schweren Kinderrollen gespielt, als ich kaum achtzehn Monate alt war.«

Das Erscheinen des Beefsteakpuddings, mit dem zugleich auch die jungen Masters Crummles auf der Bildfläche auftauchten, gab der Unterhaltung eine andere Wendung und unterbrach sie für eine Weile ganz und gar. Die beiden jungen Herren handhabten Messer und Gabel mit kaum geringerer Geschicklichkeit als ihre Schwerter, und da die ganze Gesellschaft so ziemlich gleich hungrig war, nahm man sich keine Zeit zum Reden, bis das Nachtessen gänzlich vertilgt war.

Die Herren Crummles juniores hatten kaum den letzten herrenlosen Bissen hinuntergewürgt, als sie auch schon durch wiederholtes halbunterdrücktes Gähnen und Rekeln denselben lebhaften Wunsch zu erkennen gaben, sich zur Ruhe zu begeben, den Smike schon früher auf eine noch augenfälligere Weise an den Tag gelegt hatte, indem er einige Male sogar mit dem Bissen im Munde eingenickt war. Nikolas machte daher den Vorschlag, sogleich aufzubrechen, aber der Theaterdirektor wollte davon durchaus nichts hören und beteuerte, er lasse sich das Vergnügen, seinen neuen Bekannten zu einer Bowle Punsch einzuladen, unter keiner Bedingung nehmen und würde einen Refus als Beleidigung betrachten.

»Lassen wir die Jungen gehen«, schlug er vor, »und bleiben wir noch ein wenig beim Feuer sitzen.«

Nikolas war viel zu aufgeregt, um besondere Neigung zum Schlafen zu empfinden, und nahm daher die Einladung nach einigem Zögern an. Als er den jungen Crummlessen die Hand gedrückt und der Schauspieldirektor Smike ungemein wohlwollend gute Nacht gesagt hatte, setzten sie sich am Kamin einander gegenüber, um gemeinschaftlich die Bowle zu leeren, die bald darauf erschien – so hübsch dampfend, daß es eine Freude war, mit anzusehen, wie sie die lieblichsten und zugleich einladendsten Düfte entsendete.

Aber ungeachtet des Punsches und der Unterhaltungsgabe des Schauspieldirektors, der eine Menge Geschichten erzählte und erstaunlich viel Tabak sowohl mittels seiner Pfeife als auch durch seine Nase konsumierte, war Nikolas zerstreut und niedergeschlagen. Seine Gedanken weilten bei den Seinen, und wenn er an seine gegenwärtige Lage dachte, so umhüllte das Bangen um die Zukunft seinen Geist mit einer Wolke, die er trotz aller Anstrengungen nicht zu verscheuchen vermochte. Obgleich er die Stimme des Schauspieldirektors hörte, so war er doch taub für den Inhalt seiner Worte, so daß er, als Mr. Vincent Crummles die Geschichte irgendeines langen Abenteuers mit seinem gewohnten lauten Lachen und der Frage geschlossen hatte, was sein Begleiter unter denselben Umständen getan haben würde, sich genötigt sah, zu bekennen, er habe von dem Gesprochenen auch nicht das mindeste vernommen und müsse wegen seiner Zerstreutheit vielmals um Entschuldigung bitten.

»Ich habe es wohl bemerkt«, sagte Mr. Crummles gutmütig.

»Ihr Geist ist unruhig. Wo fehlt's?«

Nikolas konnte sich nicht enthalten, über die Ungeniertheit dieser Frage zu lächeln, hielt es aber nicht der Mühe wert, ihr auszuweichen, und gestand daher seine Besorgnisse hinsichtlich der Erreichung seines Zieles unverhohlen ein.

»Und was ist Ihr Ziel?« forschte der Theaterdirektor.

»Irgendeine Beschäftigung, die mir und meinem armen Reisegefährten die nötigsten Bedürfnisse des Lebens gewährt, zu finden. So stehen die Dinge, wie Sie vermutlich schon längst erraten haben werden.«

»Aber welche Beschäftigung könnten Sie in Portsmouth besser als an einem anderen Orte finden?« fragte Mr. Vincent Crummles und hielt das Siegelwachs an dem Saftsack seiner Pfeife gegen die Kerzenflamme, um es besser andrücken zu können.

»Ich denke, es laufen dort viele Schiffe den Hafen an. Ich will mir auf dem einen oder dem andern ein Unterkommen suchen. Jedenfalls hat man doch da sein Essen und Trinken.«

»Ja, ja, Pökelfleisch und Fusel, Erbsenpudding und Kleienzwieback«, versetzte der Direktor und zündete sich ruhevoll einen Fidibus an.

»Man kann's noch schlechter haben als so«, meinte Nikolas. »Wenn es andere ausgehalten haben, die gleichfalls nicht daran gewöhnt waren, werde ich es schließlich auch können.«

»Aber wenn Sie auf einem Schiff unterkommen wollen, so müssen Sie auch brauchbar sein. Und das ist doch bei Ihnen kaum der Fall.«

»Warum nicht?«

»Weil es keinen Schiffer oder Maat gibt, der Sie nur des Salzes aufs Brot wert halten wird, wenn ihm geübte Leute zu Gebot stehen, und deren gibt es in Portsmouth so viele wie Austerschalen in den Straßen.«

»Wie soll ich das verstehen?« fragte Nikolas, durch den bestimmten Ton, mit dem der Mime diese Behauptung aufstellte, erschreckt. »Der Mensch kommt doch nicht als Matrose auf die Welt und muß sich gewiß auch erst dazu heranbilden?«

Mr. Vincent Crummles nickte.

»Allerdings, aber das tut man nicht mehr in Ihrem Alter, und so ein junger Herr wie Sie würde sich da schon von vornherein nicht hineinfinden können.«

Es trat eine Pause ein. Nikolas machte ein langes Gesicht und blickte betrübt ins Feuer.

»Fällt Ihnen kein anderer Beruf ein, dem sich ein junger Mann von Ihrer Figur und Gewandtheit widmen und bei dem er sich noch obendrein ein bißchen in der Welt umsehen könnte?« fragte der Direktor endlich.

»Nein«, antwortete Nikolas kopfschüttelnd.

»Nicht? – Dann will ich Ihnen eine Laufbahn nennen. – Die Bretter.«

»Die Bretter?« rief Nikolas erstaunt.

»Die Bühne! – Sehen Sie, ich bin Schauspieler, meine Frau ist Schauspielerin, meine Kinder sind Schauspieler. Ich hatte einst einen Hund, der von der Zitze weg die Kunst trieb und auf der Bühne starb. Auch mein Pferd, das unsere Theatereffekten führt, tritt in ›Timur, der Tartar‹ auf. Ich werde Sie und Ihren Freund unterbringen. Schlagen Sie ein. Ich muß sowieso etwas Neues bringen.«

»Aber ich verstehe mich nicht darauf«, versetzte Nikolas, dem dieser plötzliche Vorschlag fast den Atem benahm. »Ich bin nie – das heißt, höchstens einmal in der Schule – in einer Rolle aufgetreten.«

»Ihr Gang und Ihre Haltung qualifiziert Sie für das edlere Lustspiel. Aus Ihrem Auge blickt der jugendliche Held des Trauerspiels, und Ihr Lachen eignet sich ganz für die Posse«, entgegnete Mr. Vincent Crummles. »Es wird bei Ihnen so gut gehen, als ob Sie von Geburt an vor der Rampe gestanden hätten.«

Nikolas dachte an das kleine Sümmchen, das ihm noch übrigbleiben würde, wenn die Wirtsrechnung bezahlt war, konnte sich aber immer noch nicht entschließen.

»Sie können uns auf hunderterlei Weise nützlich werden. Bedenken Sie nur, welche Kapital-Komödien-Zettel für die Straßenecken ein Mann von Ihrer Bildung entwerfen könnte!«

»Nun, diesem Zweige wäre ich allenfalls gewachsen«, meinte Nikolas.

»Ohne Zweifel. Und dann die Stücke selbst. Nötigenfalls könnten Sie uns ja ein Stück schreiben.«

»Dessen wäre ich mir doch nicht so ganz sicher«, entgegnete Nikolas, »obschon ich glaube, hin und wieder etwas zusammenkritzeln zu können, was für Sie paßte.«

»Wir wollen gerade ein neues Spektakelstück auf die Bühne bringen«, fuhr der Theaterdirektor fort. »Passen Sie auf – ganz neue Staffagen – prachtvolle Dekorationen. Hören Sie, Sie müssen es so einrichten, daß ein wirklicher Brunnen und zwei Waschzuber darin vorkommen.«

»In dem Stück?«

»Freilich. Ich habe die Dinger vor ein paar Tagen in einer Versteigerung erstanden, und sie werden fabelhaft wirken. So machen sie's doch in London auch. Man kauft Kostüme, Dekorationen usw. und läßt sich dann ein Stück dazu schreiben. Die meisten Theater halten sich zu diesem Zweck einen eigenen Schriftsteller.«

»Wahrhaftig?«

»Natürlich. – Es ist allgemein üblich. Und wie gut sich das nicht auf den Plakaten mit fußlangen Buchstaben gedruckt machen würde: ›laufender Brunnen – wirkliche Waschzuber‹. – Ha, wie so etwas zieht. Haben Sie nicht vielleicht auch so etwas wie von einem Künstler, Zeichner, Maler oder dergleichen in sich?«

»Kann mich dessen nicht rühmen«, antwortete Nikolas.

»Schade!« meinte der Direktor. »In diesem Falle hätten wir einen großen Holzschnitt an den Straßenecken ankleben können, der die ganze letzte Szene samt Hintergrund – Brunnen und Waschzuber in der Mitte – dargestellt hätte. Nun, dann müssen wir eben darauf verzichten.«

»Und wieviel bezöge ich für alles das?« fragte Nikolas nach kurzem Nachdenken. »Kann ich davon leben?«

»Davon leben? Wie ein Fürst! Mit Ihrem Salär, dem Ihres Freundes und dem Honorar für Ihre schriftstellerische Tätigkeit können Sie's – hm! – auf ein Pfund wöchentlich bringen.«

»Sie scherzen.«

»Gewiß nicht; und wenn wir volle Häuser haben, trägt's Ihnen vielleicht das Doppelte ein.«

Nikolas zuckte die Achseln, aber seine einzige Aussicht war die drückende Not, und wenn er auch für seine Person sich mutig jedem Mangel zu unterziehen vermochte, so mußte er doch Rücksicht auf Smike nehmen. Wozu hatte er dieses hilflose Geschöpf den Händen seiner Peiniger entrissen, wenn er ihm kein besseres Los zu bereiten vermochte, als sein früheres gewesen? Solange er sich mit seinem Onkel, der ihn in diese schlimme Lage gebracht und an den er nur mit tiefster Erbitterung zu denken vermochte, in ein und derselben Stadt befand, konnten ihm siebzig Meilen Entfernung allerdings als sehr wenig erscheinen, aber jetzt glaubte er, weit genug aus dem Wege zu sein. Konnte denn nicht während der Zeit, die er im Ausland zubringen wollte, seine Mutter oder Schwester sterben?

Ohne sich länger zu besinnen, erklärte er sich daher Mr. Vincent Crummles gegenüber bereit und besiegelte den Vertrag durch einen Handschlag.

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