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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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20. Kapitel

Nikolas trifft endlich mit seinem Onkel zusammen und sagt ihm mit bemerkenswerter Offenheit die Meinung.

Früh am Montagmorgen – dem Tage nach dem Dinner bei Ralph Nickleby – eilte die kleine Miss La Creevy durch die verschiedenen Straßen im Westend, mit der wichtigen Botschaft beauftragt, Madame Mantalini zu melden, Kate sei vorläufig zu unpäßlich, um ins Geschäft kommen zu können, hoffe jedoch, am nächsten Morgen wiederhergestellt zu sein. Während Miss La Creevy so dahintrippelte, im Geiste allerhand zierliche Ausdrucksformen und -Wendungen erwägend, mußte sie viel über die wahrscheinlichen Ursachen der Krankheit ihrer jungen Freundin nachdenken.

»Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll«, sprach sie laut zu sich selbst. »Ihre Augen waren gestern so gerötet. Sie sagte, sie hätte Kopfweh, aber Kopfweh macht doch keine roten Augen. Sie muß geweint haben.«

Bei diesem Schlusse angelangt, den sie sich übrigens schon den Abend vorher gebildet, erwog sie weiter – und sie hatte es fast die ganze verflossene Nacht hindurch getan –, welches neue Unglück ihre Freundin wohl getroffen haben könnte.

»Ich kann mir nur denken«, sagte sich die kleine Porträtmalerin, »daß das Benehmen des alten Brummbären daran schuld ist. Grob gegen sie – man denke nur! Der garstige Flegel!«

Erleichtert durch diese Meinungsäußerung, wenn sie auch buchstäblich nur in den Wind gesprochen war, eilte Miss La Creevy in Madame Mantalinis Haus, die jedoch noch nicht aufgestanden war und sich von Miss Knag vertreten ließ.

»Wenn es von mir abhinge«, sagte Miss Knag, als die Botschaft unter den wunderlichsten Redefiguren glücklich an Mann gebracht war, »so könnte sich Miss Nickleby das Wiederkommen überhaupt für immer ersparen.«

»So, wirklich? Madam!« entgegnete Miss La Creevy höchlichst beleidigt. »Nun, da ist es ja gut, daß Sie nicht die Inhaberin des Geschäfts sind. Glücklicherweise hat da Ihre Ansicht nicht viel zu bedeuten.«

»Sehr wohl Madam«, versetzte Miss Knag steif. »Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen?«

»Nein, Madam.«

»Dann guten Morgen, Madam.«

»Auch Ihnen einen schönen guten Morgen und vielen Dank für Ihr so außerordentlich höfliches und feines Benehmen«, erwiderte Miss La Creevy.

Nach diesem Zwiegespräch, während dessen beide Teile heftig gezittert und bewunderungswürdig höflich getan hatten – sichere Anzeichen, daß nur sehr wenig fehlte und der heftigste Sturm wäre ausgebrochen –, fegte Miss La Creevy aus dem Zimmer.

»Ich möchte nur wissen, wer das ist«, nahm die kleine Malerin ihr Selbstgespräch auf der Straße wieder auf. »Wirklich eine reizende Bekanntschaft! Ich wollte nur, ich könnte sie malen. – Ich würde ihr schon Gerechtigkeit angedeihen lassen.«

Höchlichst befriedigt, etwas sehr Beißendes auf Miss Knags Kosten gesagt zu haben, brach Miss La Creevy in ein lustiges Lachen aus und langte in ungemein guter Laune zu Hause zum Frühstück an.

Das kleine, geschäftige, heitere Wesen hatte sich mit der Zeit ganz in sich hineingelebt, sprach mit sich selbst, machte sich selbst zu ihrer Vertrauten, teilte sich selbst die beißendsten Bemerkungen über Leute mit, die sie beleidigt hatten, gefiel sich selbst und tat niemand ein Leides. Wenn sie jemand Arges nachsagte, so litt doch niemandes Ruf darunter und wenn sie ein klein bißchen Rache übte, so spürte keine lebende Seele auch nur das mindeste davon. Sie war eine von den vielen, die ihrer beschränkten Mittel wegen keine Verbindungen nach ihrem Geschmacke anknüpfen können und andererseits auch nicht geneigt sind, sich Kreisen, die ihnen zugänglich sind, anzuschließen. London war daher für sie eine so vollständige Einöde wie die Wüste von Syrien. Viele Jahre hatte sie auf diese Weise einsam gelebt und ohne Freunde, bis das eigentümliche Mißgeschick der Familie Nickleby ihre Aufmerksamkeit erregte, obgleich sie innerlich von den freundschaftlichsten Gefühlen gegen die ganze Menschheit förmlich überströmte. Wie viele warme Herzen gleich dem der armen Miss La Creevy mögen wohl im Verborgenen schlagen.

Miss La Creevy ging also zu ihrem Frühstück nach Hause und hatte sich kaum des Duftes ihrer ersten Tasse Tee erfreut, als das Dienstmädchen einen Herrn meldete.

»Da – schnell, nimm das Service weg! – Lauf damit ins Schlafzimmer oder sonstwohin«, rief Miss La Creevy, die natürlich nicht anders dachte, als daß sich jemand malen lassen wollte, erregt. »Mein Gott, daß ich gerade diesen Morgen so spät frühstücken muß, wo ich doch seit drei Wochen jedesmal schon um halb neun Uhr fix und fertig war, ohne daß sich eine Seele zeigte.«

»Lassen Sie sich durch mich nicht stören«, sagte eine Stimme, die ihr bekannt vorkam. »Ich befahl dem Mädchen, meinen Namen zu verschweigen, da ich Sie überraschen wollte.«

»Mr. Nikolas!« rief Miss La Creevy und sprang erstaunt auf.

»Ich sehe, Sie haben mich nicht vergessen«, versetzte Nikolas Nickleby und streckte ihr die Hand hin.

»Ei, ich denke, ich würde Sie sogar erkannt haben, wenn ich Ihnen auf der Straße begegnet wäre«, remonstrierte Miss La Creevy lächelnd. »Hannah, noch eine Tasse! Aber eines muß ich Ihnen sagen, junger Herr, daß Sie sich nicht unterstehen, wieder so dreist zu werden wie neulich.«

»Würden Sie denn gar so böse darüber werden?« fragte Nikolas.

»Versuchen Sie es nur!« entgegnete Miss La Creevy.

Nikolas nahm mit gebührender Galanterie die kleine Malerin sogleich beim Worte. Sie stieß einen leisen Schrei aus und schlug ihn auf die Wange, aber der Schlag war wirklich kein sehr harter.

»Ich habe in meinem Leben keinen so dreisten Menschen gesehen«, rief sie.

»Sie sagten aber doch, ich solle es versuchen.«

»Aber ich meinte es doch nur ironisch.«

»Oh, das ist etwas anderes«, entgegnete Nikolas. »Das hätten Sie mir gleich sagen sollen.«

»Natürlich – als ob Sie es nicht selbst gewußt hätten!« schmollte Miss La Creevy »Übrigens, wenn ich Sie jetzt genauer ansehe, kommen Sie mir magerer vor als bei unserem letzten Zusammensein; auch ist Ihr Gesicht blaß und eingefallen. Warum haben Sie Yorkshire verlassen?«

Sie hielt inne. In ihrer bewegten Miene sprach sich aber so viel Mitgefühl aus, daß Nikolas ganz gerührt war.

»Ich muß wohl etwas verändert aussehen«, sagte er nach einem kurzen Schweigen; »ich habe, seit ich London verlassen, mancherlei, sowohl körperlich wie seelisch, durchgemacht. Auch bin ich von Armut und Mangel nicht verschont geblieben.«

»Gott im Himmel!« rief Miss La Creevy, »was sagen Sie da!«

»Es braucht Sie übrigens nicht zu beunruhigen«, fuhr Nikolas heiterer fort, »denn ich komme nicht hierher, um mein Schicksal zu bejammern, sondern aus einem ganz andern Grunde. Ich möchte nämlich Angesicht zu Angesicht vor meinen Onkel treten, und das ist das erste, was ich Ihnen mitteilen will.«

»Dann kann ich Ihnen nur sagen«, unterbrach ihn Miss La Creevy eifrig, »daß ich Sie um Ihren Geschmack nicht beneide. Mich würde es vierzehn Tage verstimmen, wenn ich nur mit seinen Stiefeln in demselben Zimmer sein müßte.«

»Was das anbelangt, so bin ich in der Hauptsache ganz Ihrer Meinung; ich wünsche ihm auch nur entgegenzutreten, um mich zu rechtfertigen und ihm seine Doppelzüngigkeit und Niedertracht an den Kopf zu werfen.«

»Das ist etwas anderes«, versetzte Miss La Creevy. »Gott verzeih mir die Sünde, aber ich würde mir wahrhaftig nicht die Augen darüber ausweinen, wenn er daran erstickte. Und weiter?«

»Ich habe deshalb diesen Morgen bei ihm vorgesprochen. Er kam vergangenen Samstag in die Stadt zurück, und ich erfuhr es erst gestern spät in der Nacht.«

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte Miss La Creevy.

»Nein. Er war ausgegangen.«

»Ha, wahrscheinlich wieder zu einem Liebeswerk?«

»Den Mitteilungen eines Freundes zufolge, der sein Treiben kennt, habe ich Grund anzunehmen, daß er heute meine Mutter und meine Schwester zu besuchen gedenkt, um ihnen das, was mir zugestoßen ist, auf seine Weise mitzuteilen. Dort will ich ihn jetzt treffen.«

»Schön«, rief Miss La Creevy und rieb sich die Hände; »und doch weiß ich nicht – man müßte es sich noch gut überlegen wegen gewisser Rücksichten.«

»Ich habe alles das bereits erwogen«, beruhigte sie Nikolas; »aber es handelt sich hier um meine Ehre.«

»Sie müssen das freilich am besten wissen«, meinte Miss La Creevy.

»Ich hoffe, ich handle richtig«, erwiderte Nikolas. »Jedenfalls möchte ich Sie bitten, meine Mutter und meine Schwester auf meine Ankunft vorzubereiten. Sie glauben mich in weiter Ferne, und wenn ich so ganz unerwartet eintrete, könnte es sie erschrecken. Wenn Sie so viel Zeit erübrigen können, um ihnen zu sagen, daß Sie mich gesehen hätten und ich in einer Viertelstunde bei ihnen sein werde, würden Sie mir einen großen Dienst leisten.«

»Ich wollte, ich könnte Ihnen oder den Ihrigen einen größeren Dienst leisten«, rief Miss La Creevy; »aber es trifft sich so selten, daß der, der kann, auch will, und der, der will, auch kann.«

In großer Eile und unter fortwährendem Geplauder beendigte die gutmütige kleine Malerin ihr Frühstück. Dann schaffte sie ihr Teegeschirr beiseite, versteckte den Schlüssel, setzte ihren Hut auf und trat sofort den Weg nach der City an. Nikolas verließ sie in der Nähe der Wohnung seiner Mutter und versprach, spätestens in einer Viertelstunde nachzukommen.

Ralph Nickleby hatte inzwischen nicht, wie Newman Noggs angenommen, einen Geschäftsgang in die Stadt gemacht, sondern, da es seinen Absichten besser entsprach, die Schändlichkeiten, deren sich Nikolas angeblich schuldig gemacht, so schnell wie möglich aufzudecken, sich unmittelbar zu seiner Schwägerin begeben. Miss La Creevy traf daher, als sie von einem Mädchen, das gerade den Flur scheuerte, in das Zimmer gewiesen worden, Mrs. Nickleby und Kate bereits in Tränen aufgelöst. Von Kate durch einen Wink aufgefordert dazubleiben, setzte sie sich schweigend in einen Stuhl.

»Ein feines Benehmen«, nahm Ralph seine eben unterbrochene Rede wieder auf und faltete Miss Squeers' Brief zusammen – »ein sehr feines Benehmen. Ich habe ihn an den Mann empfohlen – übrigens ganz gegen meine Überzeugung, denn ich sah voraus, daß es nicht guttun würde –, bei dem er bei guter Aufführung jahrelang ein behagliches Auskommen gehabt hätte. Und was ist das Resultat? Er benimmt sich auf eine Weise, für die er vielleicht in dem Gerichtshof zu Old Bailey die Hand emporhalten muß.«

»Ich kann das nicht glauben«, sagte Kate unwillig, »nun und nimmermehr. Es ist ein nichtswürdiges Komplott, das das Gepräge der Lüge an der Stirne trägt.«

»Meine Liebe«, entgegnete Ralph, »du tust Mr. Squeers unrecht. Hier kann von keiner Erdichtung die Rede sein. Der Mann ist überfallen worden, dein Bruder nirgends zu finden und der Junge mit ihm auf und davon – halte dir diese Tatsachen vor Augen.«

»Es ist unmöglich«, erwiderte Kate. »Nikolas! – Und noch obendrein ein Dieb! Mama, wie kannst du nur ruhig dasitzen und solche Verleumdungen mit anhören!?«

Die arme Mrs. Nickleby, die sich nie durch den Besitz besonders großen Scharfsinns ausgezeichnet hatte und durch den kürzlichen Wechsel in ihrem Geschick ganz und gar verwirrt war, wußte auf diesen Vorwurf nichts weiter zu entgegnen, als daß sie hinter ihrem Taschentuche hervorrief, sie würde es nie geglaubt haben, was offenbar soviel heißen sollte, daß sie es jetzt wirklich glaube.

»Wenn er mir in den Weg käme, würde ich es für meine heilige Pflicht halten, ihn den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, da ich als Geschäftsmann und als Mann, der in der Welt lebt, nicht anders handeln könnte. Und doch« – fuhr Ralph mit einer schärferen Betonung und einem verstohlenen, aber festen Blick auf Kate fort – »und doch möchte ich es wieder nicht tun, um die Gefühle seiner – seiner Schwester zu schonen. Und natürlich auch seiner Mutter«, fügte er hinzu, als ob ihm dies erst nachher eingefallen wäre, wenn auch mit weit geringerem Nachdruck.

Kate begriff recht gut, daß dies nur ein Wink für sie sein sollte, über die Ereignisse des letzten Abends reinen Mund zu halten, und blickte daher unwillkürlich fragend auf, aber Ralph hatte bereits seine Augen abgewendet und tat, als bemerkte er es nicht.

»Alles« – fuhr er nach einer langen Pause fort, die nur durch Mrs. Nicklebys Schluchzen unterbrochen wurde – »alles wirkt zusammen, die Glaubwürdigkeit dieses Briefes außer Zweifel zu setzen, wenn zu solchem überhaupt der mindeste Grund vorhanden wäre. Läuft vielleicht ein unschuldiger Mensch vor ehrlichen Leuten davon, um sich wie ein vogelfreier Verbrecher verborgen zu halten? Wiegelt ein Unschuldiger namenlose Landstreicher auf, um mit ihnen herumzuzigeunern? Überfall, Aufwiegelung, Diebstahl – wie nennt man das?«

»Lügen!« ertönte eine zornige Stimme; die Türe flog auf und Nikolas stürmte in das Zimmer.

In dem ersten Augenblick der Überraschung und vielleicht auch des Schreckens fuhr Ralph von seinem Stuhle auf und prallte bei dieser unerwarteten Erscheinung, seine gewohnte Besonnenheit ganz vergessend, einige Schritte zurück. Im nächsten Augenblick jedoch stand er wieder fest und unbeweglich mit verschränkten Armen da und fixierte seinen Neffen mit einem Blick voll tödlichsten Hasses, während Kate und Miss La Creevy sich zwischen die beiden warfen, um Gewalttätigkeiten vorzubeugen, die bei Nikolas' wilder Aufregung allerdings zu befürchten standen.

»Nikolas, lieber Nikolas«, rief Kate und klammerte sich an ihren Bruder, »sei ruhig, ich bitte dich! Bedenke –«

»Bedenken, Kate?« entgegnete Nikolas und drückte in seiner Erregung ihre Hand so fest, daß sie vor Schmerz beinahe aufschrie.

»Wenn ich alles bedenke und mir alles, was vorgefallen ist, ins Gedächtnis zurückrufe, so müßte ich von Stein sein, um ihm gegenüber ruhig bleiben zu können.«

»Oder von Erz«, fiel Ralph kalt ein. »Fleisch und Blut hat freilich nicht Frechheit genug, den Blick eines ehrlichen Mannes auszuhalten.«

»Gott im Himmel«, jammerte Mrs. Nickleby, »daß es so weit kommen mußte!«

»Wer spricht hier in einem Tone, als ob ich ein Verbrechen begangen und Schande über meine Familie gebracht hätte?« zürnte Nikolas, wild umherblickend.

»Deine Mutter, junger Mensch!« versetzte Ralph und deutete auf Mrs. Nickleby.

»Sie – Sie waren es, der ihr Gift ins Ohr geträufelt hat«, fuhr Nikolas auf. »Ja, Sie – Sie haben unter dem Vorwande, ihr beistehen zu wollen, Schmach und Entehrung auf mein Haupt gehäuft! Sie waren es, der mich in eine wahre Hölle geschickt hat, wo eine Brutalität und Grausamkeit, die selbst Ihrer würdig wäre, an der Tagesordnung ist, wo namenloses Elend schon die Kinder zu Greisen stempelt und jeder Funke des Guten schon im Keime erstickt! Und ich rufe den Himmel zum Zeugen auf, daß ich alles das mit eigenen Augen mit angesehen habe und daß dieser Mensch darum weiß!«

»Widerlege die Verleumdung«, fiel Kate ein, »aber beherrsche dich, damit du deinen Feinden keinen Vorteil einräumst. Sag uns, was du getan hast, und beweise ihre Lügenhaftigkeit.«

»Und wessen klagt man mich – oder vielmehr, wessen klagt er mich an?« fragte Nikolas.

»Erstens hast du deinen Prinzipal überfallen und in einer Weise mißhandelt, daß nur wenig daran fehlte und man hätte dich als Mörder der Gerechtigkeit überliefert«, nahm Ralph das Wort. »Ja, ja, ich rede gerade heraus, junger Mensch, du magst toben, wie du willst.«

»Ich habe mich ins Mittel gelegt«, erwiderte Nikolas, »um ein elendes, unglückliches Geschöpf gegen die unerhörtesten Mißhandlungen zu schützen. Dabei erteilte ich einem Nichtswürdigen eine Züchtigung, die er nicht so leicht vergessen wird, wenn sie auch noch lange nicht so ausfiel, wie er sie verdiente. Und wenn sich der Auftritt jetzt in dieser Minute in meiner Gegenwart wiederholte, ich würde um kein Haar anders handeln, höchstens, daß ich kräftiger zuschlüge und ihn in einer Weise zeichnete, daß er die Brandmale mit ins Grab nähme, und wenn er auch noch so lange lebte.«

»Hören Sie, was er sagt?« wendete sich Ralph zu Mrs. Nickleby. »Das ist seine Reue!«

»O du mein Gott!« jammerte Mrs. Nickleby; »wirklich, ich weiß nicht, was ich denken soll.«

»Ich bitte dich, Mama, sprich jetzt nicht«, flehte Kate. »Lieber Nikolas, ich sage es dir nur, damit du weißt, wie weit die Verworfenheit dieses Menschen in Yorkshire geht, aber man beschuldigt dich – ein Ring wird vermißt, und sie erfrechen sich zu sagen, daß –«

»Das Weibsbild«, entgegnete Nikolas stolz, »die Frau des Kerls, von dem diese Anklagen herrühren, hat – wie ich vermute – an dem Morgen, als ich das Haus verließ, einen wertlosen Ring unter meine Kleider gesteckt. Wenigstens weiß ich, daß sie in der Kammer war, wo sie lagen, und dort ein unglückliches Kind mißhandelte. Ich fand den Ring, als ich unterwegs mein Bündel öffnete, und habe ihn sogleich durch die Post zurückgeschickt; sie müssen ihn daher bereits längst wiederhaben.«

»Ich wußte es doch, ich wußte es doch«, jubelte Kate. »Aber was ist's mit dem Jungen, den du mit fortgenommen haben sollst?«

»Der Junge – ein hilfloses Geschöpf, das durch die roheste und unnatürlichste Behandlung, die sich nur ausdenken läßt, blödsinnig geworden ist – befindet sich bei mir.«

»Sie hören!« wendete sich Ralph abermals an Mrs. Nickleby. »Er gesteht alles ruhig ein. Wirst du den Jungen wieder zurückgeben?«

»Nein. Gewiß nicht«, rief Nikolas.

»So? – Nicht?« höhnte Ralph.

»Nein«, wiederholte Nikolas mit Nachdruck, »wenigstens nicht dem Menschen, bei dem ich ihn fand. Ich wünschte, ich kennte den, dem er das Dasein verdankt, damit ich ihm wenigstens ein Gefühl der Scham abringen könnte, wenn er schon sonst für jede Stimme der Natur erstorben zu sein scheint.«

»Wirklich? Nun, vielleicht paßt es Ihnen dann, junger Herr, ein paar Wörtchen von mir anzuhören?«

»Sie können sprechen, wann und wie es Ihnen beliebt«, versetzte Nikolas über die Schulter und umarmte seine Schwester. »Ich kümmere mich wenig um Ihre Worte oder Drohungen.«

»Vortrefflich, junger Herr«, höhnte Ralph; »aber vielleicht kümmern sich andere darum und halten es möglicherweise für der Mühe wert, auf meine Worte zu hören und sie zu erwägen. Ich will mich an deine Mutter wenden, die die Welt besser kennt.«

»Ach, hätte ich sie doch nie kennengelernt«, schluchzte Mrs. Nickleby.

Hinsichtlich dieses Punktes hätte sich die gute Dame trösten können, da ihre Weltkenntnis im glimpflichsten Falle höchst zweifelhafter Natur war. Das schien auch Ralph zu denken, denn er lächelte nur spöttisch.

»Ich will das, was ich für Sie, Madam, getan habe oder zu tun gedachte«, nahm er dann wieder das Wort, »mit keiner Silbe erwähnen. Ich habe kein Versprechen gegeben und überlasse es daher Ihnen, selbst zu urteilen. Auch habe ich nicht im Sinne zu drohen, sage aber, daß dieser starrköpfige, eigensinnige und liederliche Bursche keinen Penny und keine Krume Brot mehr von mir erhalten wird und daß ich keinen Finger rühren würde, und könnte ich ihn damit von dem höchsten Galgen in ganz Europa retten. Er soll mir nie wieder unter die Augen kommen; ich will nicht einmal seinen Namen mehr hören. Von mir hat er keinen Beistand zu hoffen, und ebensowenig haben es die, die ihm Beistand leisten. Er weiß recht gut, was aus seinem Benehmen für Sie erwachsen muß, aber er kommt in seiner Selbstsucht und Arbeitsscheu ruhig zurück, um Ihre Sorgen zu vermehren und den kümmerlichen Verdienst seiner Schwester aufzehren zu helfen. Ich bedaure, meine Hand von euch zurückziehen zu müssen, – besonders um Kates willen, – aber ich will diesem Ausbund von Gemeinheit und Roheit nicht noch Vorschub leisten, und da ich Ihnen nicht zumuten kann, ihn aufzugeben, so wird dies mein letzter Besuch sein.«

Hätte Ralph nicht gewußt, wie sehr es in seiner Macht stand, die, die er haßte, zu verwunden, so würden ihn seine Blicke auf Nikolas von der vollen Wirkung seiner Worte überzeugt haben. Der junge Mann war sich durchaus keines Vergehens bewußt; aber trotzdem verrieten sein blasses Gesicht und seine bebenden Lippen, wie tief ihm diese wohlberechneten falschen Beschuldigungen gingen.

»Ich kann doch nichts dafür«, schluchzte Mrs. Nickleby. »Ich weiß, Sie sind sehr hilfreich gegen uns gewesen und hatten auch für meine arme Tochter noch viel Gutes im Sinne. Ich bin davon vollkommen überzeugt und weiß Ihre Güte zu schätzen, mit der Sie sie in Ihr Haus kommen ließen. Natürlich würde auch die Ausführung Ihrer Pläne sie und mich ungemein glücklich gemacht haben; aber, Schwager, Sie müssen einsehen, ich kann doch meinen eigenen Sohn nicht verstoßen, selbst wenn er alles das, wovon Sie sprachen, getan hat – es ist unmöglich, ich kann es nicht tun; und so müssen wir eben das Schlimmste über uns ergehen lassen. Ach, mein liebes Kätchen, ich werde es nicht überleben.«

»Warum sagst du immer, › wenn Nikolas alles das, was ihm vorgeworfen wurde, getan hat‹, Mama?« unterbrach sie Kate empört. »Du hörst doch, daß es nicht der Fall ist.«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll, mein Kind, so oder so«, jammerte Mrs. Nickleby. »Nikolas ist so heftig, und dein Onkel spricht mit so viel Ruhe, daß ich nur auf ihn, nicht aber auf Nikolas hören kann. Doch das ist ja gleichgültig jetzt – wir wollen nicht mehr davon reden. Wir können ja in das Armenhaus, in das Witwenheim oder in das Magdalenenspital gehen, und je bälder es geschieht, desto besser.«

Nach dieser seltsamen Zusammenstellung von wohltätigen Instituten ließ Mrs. Nickleby aufs neue ihren Tränen freien Lauf.

»Bleiben Sie ungeniert«, sagte Nikolas, als Ralph sich zur Türe wandte. »Sie brauchen diesen Ort nicht zu verlassen, Sir, in einer Minute werde ich gehen, und es wird wohl lange, sehr lange dauern, ehe ich dieses Haus wieder betrete.«

»Nikolas, mein lieber Nikolas«, schrie Kate auf und umschlang den Nacken ihres Bruders, »sprich nicht so, wenn du mir nicht das Herz brechen willst. Mama, so rede doch mit ihm. Laß dir ihre Worte nicht so zu Herzen gehen, Nikolas; sie meint es nicht so – du solltest sie besser kennen. Onkel, und wer sonst noch da ist, um Gottes willen, redet ihm zu.«

»Ich hatte nie die Absicht, Kätchen«, beruhigte sie Nikolas, »– ich hatte nie die Absicht, bei euch zu bleiben. Ich weiß, du denkst besser von mir, als daß du das von mir glauben könntest. Ich kehre vielleicht dieser Stadt ein paar Stunden früher, als ich dachte, den Rücken, aber was will das heißen? Wir werden auch getrennt einander nicht vergessen, und es kommen bestimmt noch bessere Tage, wo uns nichts mehr scheiden soll. Nimm dich zusammen, Kätchen«, flüsterte er ihr zu, »und mach mich nicht zum Weibe, während er zusieht.«

»Nein, ich will es nicht«, entgegnete Kate lebhaft; »aber du sollst uns nicht verlassen. Denk an die glücklichen Tage, die wir miteinander verlebt haben, ehe dieser Schicksalsschlag über uns kam. Denke an die schweren Prüfungsstunden, denen wir jetzt entgegengehen. Wir haben in all den Demütigungen und Kränkungen, die uns noch in unserer Armut bevorstehen, keinen Beschützer, und du kannst nicht fort wollen, damit wir ihnen allein und hilflos preisgegeben sind.«

»Ihr werdet Hilfe finden, wenn ich fort bin«, tröstete sie Nikolas gepreßt. »Ich kann euch keinen Beistand, keinen Schutz gewähren, sondern würde nur euren Kummer, eure Not und eure Leiden vermehren. Die Mutter sieht das ein, und ihre Zärtlichkeit und Besorgnis um dich zeigen mir den Weg, den ich zu wählen habe. Mögen alle guten Engel dich bewahren, Kate, bis ich dir ein Heim geben kann, in dem uns das Glück, das uns jetzt versagt ist, von neuem blüht und die Prüfungsstunden der Gegenwart nur mehr als etwas Gewesenes erscheinen. Halte mich nicht länger zurück. Laß mich fort. So, mein liebes Kätchen.«

Die Hand, die ihn noch zurückhalten wollte, erschlaffte, und das junge Mädchen wurde in seinen Armen ohnmächtig. Nikolas beugte sich einen Augenblick über sie, dann ließ er sie sanft auf einen Stuhl nieder und empfahl sie der Sorge ihrer wackeren Freundin.

» Ihr Mitleid brauche ich nicht anzuflehen«, sagte er, Miss La Creevys Hand drückend, »denn ich kenne Ihr Herz. Sie werden ihr immer eine wohlwollende Freundin sein.«

Dann trat er auf Ralph zu, der noch immer regungslos mit verschränkten Armen dastand, und sagte ihm mit so leiser Stimme, daß nur er es hören konnte:

»Was Sie auch für Schritte tun mögen, Sir, ich werde mit Ihnen dereinst abrechnen. Ich überlasse Ihnen jetzt Ihrem Wunsche gemäß die Meinigen. Aber früher oder später wird der Tag der Abrechnung kommen, und wehe Ihnen, wenn meiner Mutter oder meiner Schwester ein Leid geschehen ist.«

Kein Muskel in Ralphs unbeweglichem Gesicht verriet, daß er auch nur ein Wort von dieser Abschiedsrede angehört hatte, und ehe sich noch Mrs. Nickleby entschließen konnte, ihren Sohn nötigenfalls mit Gewalt zurückzuhalten, war dieser schon zur Türe hinaus.

Als Nikolas mit einer Hast, die mit der Schnelligkeit der ihn bestürmenden Gedanken gleichen Schritt zu halten schien, durch die Straßen seiner armseligen Wohnung zueilte, stiegen wohl viele Zweifel und Bedenken in seiner Seele auf und veranlaßten ihn beinahe, wieder umzukehren. Aber was konnten die Seinigen dadurch gewinnen? Angenommen selbst, daß er Ralph Nickleby Trotz bot und vielleicht glücklich genug war, irgendeine kleine Anstellung zu erhalten, so mußte doch sein Aufenthalt bei ihnen ihre gegenwärtige Lage nur verschlimmern und ihre Aussichten für die Zukunft vernichten, zumal seine Mutter von einigen neuen Beweisen des Wohlwollens Ralphs gegen Kate gesprochen, die diese nicht in Abrede gestellt hatte. »Nein«, sagte er sich, »besser so, wie es ist.«

Aber ehe er noch fünfhundert Schritte weitergegangen war, tauchten wieder andere Gefühle in ihm auf. Er zögerte aufs neue, zog den Hut tiefer über die Augen und gab den trüben Betrachtungen Raum, die ihn mit aller Macht bestürmten. Sich keines Vergehens bewußt zu sein und doch so ganz allein in der Welt zu stehen, getrennt zu sein von den einzigen Menschen, die er liebte, und umherirren zu müssen wie ein Verbrecher, wo noch sechs Monate früher seine Familie alle ihre Hoffnung auf ihn gesetzt hatte!

So von Hoffnung und Sorgen zerrissen, erreichte Nikolas endlich seine ärmliche Stube und warf sich – nicht länger künstlich durch die Erregung, die bisher seine Lebensgeister angespornt hatte, aufrecht erhalten, sondern gänzlich niedergedrückt durch die Erschlaffung, die jene zurückgelassen – auf sein Lager, kehrte sein Gesicht zur Wand und ließ den lang niedergehaltenen Gefühlen freien Lauf.

Er hatte niemand eintreten hören und gewahrte auch Smikes Anwesenheit nicht eher, bis er ihn, zufällig den Kopf aufrichtend, am andern Ende des Zimmers stehen und aufmerksam nach ihm hinblicken sah. Smike wandte sich sofort ab, als er bemerkte, daß er beobachtet wurde, und stellte sich, als sei er emsig mit den Vorbereitungen des ärmlichen Abendessens beschäftigt.

»Nun, Smike«, sagte Nikolas so heiter, wie es ihm möglich war, »laß hören, welche neue Bekanntschaften du den Tag über gemacht oder was für Wunderdinge du im Bereich dieser und der nächsten Straße aufgefunden hast.«

»Nein«, erwiderte Smike leise und schüttelte traurig den Kopf, »ich muß jetzt von etwas anderem sprechen.«

»Ganz wie du willst«, entgegnete Nikolas gut gelaunt.

»Ich weiß«, begann Smike stockend, »Sie sind unglücklich und haben sich in große Ungelegenheiten gestürzt, weil Sie mich mit sich gehen ließen. Ich hätte das wissen und zurückbleiben sollen; – ich würde es auch nicht getan haben, wenn ich daran gedacht hätte. Sie – Sie sind nicht reich, haben nicht einmal genug für sich selber, und ich dürfte gar nicht bei Ihnen sein. Sie werden«, fuhr er fort und faßte schüchtern Nikolas' Hand, »Sie werden mit jedem Tage magerer und Ihre Augen immer trüber. Ich kann das nicht mehr mit ansehen, wenn ich dabei bedenke, welche Last ich für Sie bin. Ich habe versucht, Sie heimlich zu verlassen, aber der Gedanke an Ihr freundliches Gesicht hielt mich zurück; ich habe nicht fort können, ohne mich von Ihnen zu verabschieden.« Der arme Bursche konnte nicht weitersprechen; Tränen erstickten seine Stimme.

»Von einem Abschied und einer Trennung zwischen uns beiden soll nie die Rede sein«, rief Nikolas und faßte Smike freundlich am Arm, »gerade bei dir finde ich noch meinen einzigen Trost und meine einzige Stütze. Ich möchte dich jetzt für alle Schätze der Welt nicht verlieren. Der Gedanke an dich hat mich heute in allem, was ich erduldete, aufrecht erhalten und wird es wohl noch oft tun. Gib mir deine Hand. Wir wollen miteinander die Stadt verlassen, noch ehe die Woche zu Ende ist. Was macht's, wenn ich arm bin; du wirst es mir erleichtern, und wir tragen es dann eben gemeinschaftlich.«

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