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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
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19. Kapitel

Beschreibung eines Dinners bei Mr. Ralph Nickleby, und wie sich seine Gäste dabei unterhielten.

Die Galle und die Erbitterung der würdigen Miss Knag stieg während des Restes der Woche von Tag zu Tag, und auch der edle Zorn der jungen Damen steigerte sich oder schien doch im Verhältnis zur Entrüstung der alten Jungfrau zu wachsen, sooft Kate in den Probiersalon hinaufgerufen wurde. Das Los der Ärmsten war daher nichts weniger als beneidenswert. Sie begrüßte den Samstagabend wie eine Gefangene, der es vergönnt ist, auf einige Stunden den Kerker verlassen zu dürfen, und fühlte, daß ihr Wochenlohn sauer genug verdient gewesen wäre, hätte er selbst das Dreifache betragen.

Als sie ihre Mutter wie gewöhnlich an der Straßenecke aufsuchte, war sie nicht wenig überrascht, sie im Gespräch mit Mr. Ralph Nickleby anzutreffen. Aber ihr Erstaunen wuchs noch, als sie merkte, daß sich ihr Onkel weit höflicher und achtungsvoller betrug, und erfuhr, um was es sich handelte.

»Mein Kind, wir sprachen soeben von dir«, rief ihr ihr Onkel entgegen.

»Wirklich?« erwiderte Kate, unwillkürlich vor dem kalten, stechenden Blick ihres Onkels die Augen niederschlagend.

»Ja. Und ich wollte dich bei Madame Mantalini abholen, aber ich sprach mit deiner Mutter über Familienangelegenheiten, und da verging die Zeit so rasch –«

»Ah, war das wirklich der Fall?« fiel Mrs. Nickleby geschmeichelt ein, ohne den Sarkasmus zu fühlen, den Ralph in seine letzten Worte gelegt hatte. »Wahrhaftig, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß eine solche – aber liebes Kätchen höre, du sollst morgen um halb sieben bei deinem Onkel speisen!«

Überglücklich, diese außerordentliche Neuigkeit als erste verkündigt zu haben, nickte und lächelte sie wiederholt, um ihrer verwunderten Tochter so recht den hohen Wert dieser Ehre ans Herz zu legen, und sprang dann im rechten Winkel auf die für diese Einladungen erforderlichen Vorbereitungen ab.

»Laß mal sehen«, fing sie an aufzuzählen, »dein schwarzseidenes Kleid, dann die hübsche kleine Schärpe, ein einfaches Band im Haar und ein paar schwarzseidene Strümpfe – ach du mein Himmel –«, sprang sie wieder unter einem anderen Winkel ab, »wenn ich doch meine schönen Amethysten noch hätte! Du erinnerst dich doch, liebes Kätchen, wie sie funkelten, weißt du? Ach, und dein Vater – dein armer lieber Vater, ach nie ist etwas so grausam hingeopfert worden wie diese Preziosen. Nein, gewiß nie!«

Und von diesem schmerzlichen Gedanken überwältigt, schüttelte Mrs. Nickleby traurig den Kopf und fuhr sich mit dem Taschentuch nach den Augen.

»Aber, Mama, ich brauche sie doch nicht«, tröstete Kate. »Vergiß, daß wir jemals welche besessen haben.«

»Ach Gott, liebes Kätchen«, jammerte Mrs. Nickleby unzufrieden. »Du sprichst rein wie ein Kind. Vierundzwanzig silberne Teelöffel, zwei Sauceteller, vier Salzfäßchen, dann die Amethysten – Kollier, Brosche und Ohrringe, alles, alles fort! Und ich sagte fast auf den Knien zu dem Ärmsten: Warum tust du denn nichts, Nikolas? Warum hast du denn kein Arrangement getroffen? Gewiß, wer damals um mich war, wird mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich es mindestens fünfzigmal des Tages zu ihm sagte. Ist es nicht so, liebes Kätchen? Habe ich je eine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lassen, es deinem armen Vater ans Herz zu legen?«

»Nein, nein, Mama, gewiß nicht!« versetzte Kate.

»Ach, wenn er damals nur meinem Rat gefolgt hätte. Doch, ich habe schließlich wenigstens meine Pflicht getan, das ist immerhin ein Trost.«

»Also«, unterbrach Ralph mit einem Lächeln, das, wie alle anderen Ausdrücke seiner Empfindungen, mehr hinter seinem Gesicht zu lauern als sich frei darauf zu entfalten schien, »um auf den Punkt, von dem wir abgeschweift sind, zurückzukommen, ich habe also auf morgen eine kleine Gesellschaft von – von – Herren, mit denen ich gegenwärtig in Geschäftsverbindung stehe, zu Gaste gebeten, und deine Mutter sagte mir zu, daß du das Amt der Hausfrau übernehmen würdest. Ich bin an solche Feste nicht gewöhnt, aber bei dem morgigen handelt es sich um ein Geschäft, und deshalb ist es von Wichtigkeit. Du willigst doch ein, mir die Gefälligkeit zu erweisen?«

»Einwilligen?!« rief Mrs. Nickleby. »Mein liebes Kätchen, warum –«

»Bitte«, unterbrach sie Ralph und winkte ihr zu schweigen, »ich will sie selbst hören.«

»Ich tue es natürlich mit Vergnügen, Onkel, aber ich fürchte, ich werde mich sehr ungeschickt und verlegen benehmen«, stotterte Kate.

»Gewiß nicht. Du kannst, wenn du willst, in einer Droschke kommen. Ich bezahle sie. Gute Nacht, und – und – Gott behüte dich.«

Der ungewohnte Segenswunsch schien ihm in der Kehle steckenbleiben zu wollen und kam etwas merkwürdig heraus. Mr. Nickleby schien auch froh zu sein, ihn glücklich herausgebracht zu haben, schüttelte seinen zwei Verwandten die Hände und eilte schnell von dannen.

»Was für ein markantes Gesicht dein Onkel hat!« sagte Mrs. Nickleby, etwas verdutzt über Ralphs Blick beim Abschied. »Ich kann bei ihm auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit seinem armen Bruder entdecken.«

»Mama«, verwies Kate, »wie kannst du nur an so etwas denken.«

»Nein«, murmelte Mrs. Nickleby nachsinnend, »ähnlich sieht er ihm nicht. – Aber er hat doch ein sehr ehrliches Gesicht.«

Die würdige Matrone machte diese Bemerkung mit so wichtiger Miene, als ob sie sie nicht wenig Scharfsinn und Spähergabe gekostet hätte. Kate sah hastig auf, ließ aber ebenso rasch ihren Blick wieder sinken.

»Um Gottes willen, was ist denn über dich gekommen, mein Kind?« fragte Mrs. Nickleby, als sie schweigend eine Strecke weit gegangen waren.

»Ich habe bloß über etwas nachgedacht.«

»Nachgedacht? Nun, Ursache hätten wir in der Tat genug, nachzudenken. – Dein Onkel hat eine große Zuneigung zu dir gefaßt, das ist offenkundig. Es würde mich gar nicht wundernehmen, wenn dir daraus ein großes Glück erwachsen sollte.«

Und sofort schwelgte Mrs. Nickleby wieder in allerhand Histörchen von jungen Damen, denen wunderliche Onkel Tausend-Pfund-Banknoten in den Strickbeutel gesteckt, und von andern, die zufällig liebenswürdige Herren von immensem Reichtum in den Häusern ihrer Onkel getroffen hätten und von ihnen nach kurzer, aber glühender Werbung geheiratet worden seien. Kate, die im Anfang gleichgültig, aber dann mit wachsendem Vergnügen zuhörte, fühlte allmählich einiges von dem sanguinischen Wesen ihrer Mutter im eigenen Herzen erwachen, so daß sie anfing, sich wieder schüchtern eine bessere Zukunft und schönere Tage auszumalen.

So ist die Hoffnung. Eine wahre Himmelsgabe für den leidenden Sterblichen. Gleich dem luftigen Äther alles durchdringend, Gutes und Böses, gemeinsam wie der Tod und ansteckender als die Pest.

Die trübe Wintersonne – und Wintersonnen sind wahrlich in der City sehr trüb – hätte gewiß heller erglänzt, würde sie haben durch die matten Fensterscheiben des großen alten Hauses scheinen und Zeuge des ungewöhnlichen Anblicks sein können, der sich da in einem der halbmöblierten Zimmer darbot. In einem düstern Winkel, wo vordem viele Jahre lang ein stiller, staubiger Warenhaufen gelegen und einer Mäusekolonie Schutz verliehen, lag Kates bescheidener Putz für den großen Tag aufs sorgfältigste ausgebreitet, und jedes einzelne Stück hatte etwas von jener eigentümlichen und unbeschreiblichen Anmut, die Kleidungsstücke, sei es durch Ideenverbindung oder weil man sich die Besitzerin darin denkt, in den Augen derer haben können, die darin eine schmucke Gestalt kennen oder doch durch ihre Phantasie die leeren Gewänder mit einer solchen ausfüllen. An Stelle des vermoderten Warenballens lag das hübsche schwarze seidene Kleid, die kleinen Schuhe mit den zarten Abdrücken der Zehen ihrer Besitzerin standen an derselben Stelle, wo einige alte Eisengewichte Eindrücke in die Dielen zurückgelassen hatten, und ein Haufen großen mißfarbigen Leders hatte unfreiwillig denselben kleinen seidenen Strümpfen Platz gemacht, die der Gegenstand von Mrs. Nicklebys besonderer Sorgfalt gewesen. Ratten und Mäuse, nebst ähnlicher kleiner Brut, waren schon längst verhungert oder nach besseren Quartieren ausgewandert, und an ihrer Statt erblickte man Handschuhe, Bänder, Schärpen, Haarnadeln und andere kleine Erfindungen, die in ihrer Weise ebenso scharfsinnig im Quälen der Menschen sind wie Ratten und Mäuse.

Unter all dem bewegte sich Kate hin und her, die ungewohnteste, aber gewiß nicht die mindest schöne Zierde des alten Gebäudes.

Viel früher als nötig – denn Mrs. Nicklebys Ungeduld überflügelte die Glocken der Turmuhren bei weitem – hatte Kate bereits ihre Toilette beendet. Die letzte Haarnadel war festgesteckt, und als endlich die zum Aufbrechen bestimmte Stunde schlug, wurde der Milchmann beauftragt, von dem nächsten Standplatz eine Droschke zu holen, und Kate stieg, nachdem sie ihrer Mutter noch zu wiederholten Malen Lebewohl gesagt und ihr freundliche Grüße an Miss La Creevy aufgetragen, die zum Tee erwartet wurde, in die Droschke und fuhr in vollem Glanz davon, soweit man natürlich in einer Droschke mit Glanz fahren kann.

 

Mit einem erschütternden Doppelschlage klopfte der Kutscher an die Türe in Golden Square, die sich, ehe er noch damit ganz zustande gekommen war, so rasch öffnete, als ob jemand mit der Hand auf der Klinke dahintergestanden hätte.

Kate, die keine ungewöhnlichere Erscheinung als Newman Noggs, höchstens mit einem reinen Hemde angetan, erwartet hatte, war nicht wenig erstaunt, einen Bedienten in schöner Livree vor sich stehen und noch zwei oder drei andere im Hausflur warten zu sehen. Im Hause konnte man sich nicht gut geirrt haben, denn Ralphs Name stand an der Türe, und so nahm sie den mit Borten geschmückten Rockärmel, der ihr geboten wurde, trat ein und folgte ihrem Führer die Treppe hinauf nach einem nach rückwärts hinausgehenden Gesellschaftszimmer, wo sie allein gelassen wurde.

Hatte sie schon die Erscheinung des Dieners überrascht, so konnte sie jetzt über den Reichtum und den Glanz des Meublements nicht genug staunen. Die weichsten und kostbarsten Teppiche, die ausgesuchtesten Gemälde, die köstlichsten Spiegel und reichsten Zieraten blendeten in verschwenderischer Pracht ihre Augen. Sogar das Stiegenhaus fast bis zur Hausflurtüre hinunter war mit schönen und prachtvollen Gegenständen überfüllt.

Bald darauf hörte sie eine lange Reihe von Doppelschlägen an der Haustüre und nach jedem Pochen eine neue Stimme im anstoßenden Zimmer. Die Mr. Ralph Nicklebys war gleich im Anfang leicht zu erkennen gewesen, allmählich erstickte sie aber in dem allgemeinen Gesumme der Unterhaltung, und Kate konnte weiter nichts mehr unterscheiden, als daß einige Herren mit nicht besonders musikalischen Stimmen anwesend waren, sehr laut sprachen, jeden Augenblick hell auflachten und mehr schworen, als gerade nötig gewesen wäre.

Endlich ging die Türe auf, und Ralph, nicht wie gewöhnlich in Stulpenstiefeln, sondern höchst vornehm in schwarzseidenen Eskarpins und Schuhen, zeigte sein verschlagenes Gesicht.

»Ich konnte dich nicht früher begrüßen, meine Liebe«, entschuldigte er sich leise und deutete zugleich auf das anstoßende Zimmer. »Ich mußte die da drinnen empfangen. – Nun, kann ich dich jetzt vorstellen?«

»Aber, lieber Onkel«, sagte Kate etwas beklommen, wie es einem wohl gehen mag, wenn man an Gesellschaften nicht gewöhnt ist und in ein mit lauter Fremden angefülltes Zimmer treten soll, ohne vorher Zeit gehabt zu haben, darüber nachzudenken. »Sind auch Damen da?«

»Nein«, versetzte Ralph kurz. »Ich kenne keine Damen.«

»Muß ich gleich jetzt hineingehen?« fragte Kate ängstlich.

»Wie es dir beliebt«, antwortete Ralph mit einem Achselzucken. »Die Gäste sind beisammen, und das Essen wird gleich aufgetragen.«

Kate hätte wohl am liebsten um ein paar Minuten Verzug gebeten, bedachte aber, daß ihr Onkel wahrscheinlich die Bezahlung der Droschke als eine Art Kontrakt betrachte und dafür von ihrer Seite Pünktlichkeit fordere, und so nahm sie denn seinen Arm und ließ sich hineinführen.

Als sie eintraten, standen sieben oder acht Herren um den Kamin herum, sprachen jedoch so laut miteinander, daß sie sie nicht früher gewahrten, als bis Mr. Ralph Nickleby den einen am Rockärmel berührte und mit rauher und lauter Stimme, als wolle er die allgemeine Aufmerksamkeit erregen, vorzustellen begann:

»Lord Frederic Zierling – meine Nichte, Miss Nickleby.«

Die Gruppe trat überrascht auseinander, und der angeredete Herr, sich rasch umwendend, ließ einen Anzug von allermodernstem Zuschnitt, einen dito Backen- und Schnurrbart, gescheiteltes Haar und ein junges Gesicht sehen.

»Ach«, rief der Herr. »Wa-as – der – Teufel – äh.«

Dann hielt er seine Lorgnette an das Auge und starrte Kate sprachlos vor Überraschung an.

»Meine Nichte, Mylord!« wiederholte Ralph.

»Wirklich? Ach. Täuschten mich also meine Ohren nicht, und ist es kein W-wachsbild?« entgegnete Seine Herrlichkeit. »Wie steht das Befinden, äh? Schätze mich unendlich glücklich!«

Und dann wendete sich Seine Herrlichkeit zu einem anderen höchst modern gekleideten Herrn, der etwas älter, etwas stämmiger, etwas roter im Gesicht und offenbar etwas geriebener war, und sagte ihm laut ins Ohr, das Mädchen wäre »äh, verteufelt hübsch«.

»Stellen Sie mich doch auch vor, Nickleby«, sagte dieser zweite Herr, mit dem Rücken gegen den Kamin gelehnt und beide Ellenbogen auf das Gesimse gestützt.

»Sir Mulberry Hawk«, stellte Ralph vor.

»Der gehauteste – äh – Bursche in der ganzen Sta-adt, Miss Nickleby«, erklärte Lord Zierling.

»Vergessen Sie mich gefälligst nicht!« rief ein dritter Herr mit einem scharfen Profil, der auf einem niedrigen Stuhl mit hoher Lehne saß und eine Zeitung durchflog.

»Mr. Pyke«, brummte Ralph.

»Mich auch nicht, Nickleby«, rief ein anderer Herr mit einer sehr verdächtigen Visage.

»Mr. Rupfer«, sagte Ralph.

Dann wandte er sich zu einem Herrn mit dem Halse eines Storches und den Beinen eben keines besonderen Tieres und stellte ihn als Hochwohlgeboren Mr. Schlepper vor, sowie einen am Tische sitzenden Herrn mit weißen Haaren als Oberst Chowser. Der Oberst war im Gespräch mit irgend jemand begriffen, der nur so eine Art Lückenbüßer zu sein schien und daher nicht weiter vorgestellt wurde.

Schon jetzt fiel Kate zweierlei peinlich auf – und das Blut schoß ihr dabei glühend ins Gesicht –, einmal die nonchalante Verachtung, die die Gäste offenkundig ihrem Onkel gegenüber an den Tag legten, und dann die übermütige Unverschämtheit ihres Benehmens gegen sie selbst. Auch konnte sie sich einer bösen Ahnung nicht erwehren, ob es nicht noch ärger kommen werde.

Als Ralph die Zeremonie der Vorstellung beendet hatte, führte er seine errötende Nichte zu ihrem Sessel und warf dabei einen lauernden Blick um sich, wie um zu beobachten, welchen Eindruck ihre ungewöhnlich schöne Erscheinung gemacht habe.

»Äh, ein unverhofftes Amüsement, Nickleby«, näselte Lord Zierling und nahm die Lorgnette von seinem rechten Auge, wo sie bis jetzt Kate gegenüber ihre Pflicht getan hatte, um sie an das linke zu halten, um Ralph besser betrachten zu können.

»Er hatte die Absicht, Sie zu überraschen, Mylord«, erklärte Mr. Rupfer.

»Äh, keine üble Idee«, meinte Seine Herrlichkeit, »die – äh – sogar weitere zweieinhalb Prozent rechtfertigen würde.«

»Nickleby!« mischte sich Sir Mulberry Hawk mit versoffener Stimme ein. »Benützen Sie diesen Wink, schlagen Sie dieses Anerbieten zu den anderen fünfundzwanzig oder wieviel Sie berechnen, und geben Sie mir die Hälfte für meinen Rat.«

Sir Mulberry garnierte seine Worte mit einem heisern Lachen und schloß mit einem herzhaften Fluch auf Mr. Ralphs Gliedmaßen, worüber die Herren Pyke und Rupfer sich fast totlachen wollten.

Die Herren hatten sich von ihrer Heiterkeit noch nicht erholt, da wurde gemeldet, es sei aufgetragen. Sofort glitt Sir Mulberry Hawk im Übermaß seiner guten Laune gewandt an Lord Frederics Seite, der eben Kate die Treppe hinunterführen wollte, vorbei und zog ihren Arm durch den seinigen.

»Nein, nein, mein Freund«, höhnte er. »Ehrliches Spiel. Miss Nickleby und ich haben die Sache schon vor zehn Minuten mit den Augen abgemacht.«

»Ha, ha, ha«, lachte Mr. Schlepper, Hochwohlgeboren. »Famos. Sehr gut.«

Sir Mulberry Hawk, durch diesen Beifall noch witziger gestimmt, schielte dabei mit einem Auge schalkhaft nach seinen Freunden und führte Kate in so nonchalanter vertraulicher Weise die Treppe hinunter, daß ihr vor Abscheu und Entrüstung das Herz fast bis zum Halse hinauf schlug. Das Übermaß dieser Empfindungen wurde auch nicht im mindesten dadurch gedämpft, daß man ihr einen Platz oben an der Tafel zwischen Sir Mulberry und Lord Zierling anwies.

»Ah, Mylord haben auch den Weg in unsere Nachbarschaft gefunden?« höhnte Sir Mulberry, als sich Seine Herrlichkeit niederließ.

»Äh natürlich«, versetzte Lord Frederic, den Blick auf Miss Nickleby gerichtet. »Wie können Sie nur fra-a-gen?«

»Na, dann beschäftigen Sie sich nur hübsch mit Ihrem Teller«, spöttelte Sir Mulberry, »und kümmern Sie sich nicht um Miss Nickleby und mich. Ich versichere Ihnen, wir werden zur Unterhaltung der Gesellschaft verflucht wenig beitragen.«

»Da müssen Sie sich – äh – ins Mittel legen, Nickleby« protestierte Lord Frederic.

»Worum handelt es sich, Mylord?« fragte Ralph, der am unteren Ende der Tafel zwischen den Herren Pyke und Rupfer saß.

»Dieser Bursche – äh – der Hawk will Ihre Nichte ganz allein für sich mit Beschlag belegen!«

»Er nimmt überhaupt einen recht erträglichen Anteil von allem, worauf Sie selbst einen Anspruch machen, Mylord«, entgegnete Ralph mit einem höhnischen Zucken um die Lippen.

»Äh – beim Henker, ja, das tut er«, lachte der junge Aristokrat, »der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wer von uns beiden Herr im Hause ist.«

»Ich weiß es schon«, brummte Ralph vor sich hin.

»Nun, ich denke – äh –, ich schüttle ihn mit der Zeit schon ab und vermache ihm einen Schilling«, scherzte Seine Herrlichkeit.

»Nein, nein, glauben Sie das nur ja nicht!« sagte Sir Mulberiy. »Wenn Sie bei dem Schilling halten, bei dem letzten, meine ich, will ich Sie geschwind genug abschütteln, aber bis dahin werde ich nicht von Ihnen lassen. Mein Wort darauf!«

Diese Scherzrede, die wie in den meisten Fällen Sir Mulberrys wahre Gesinnung ungeschminkt ausdrückte, wurde mit allgemeinem Brüllen aufgenommen, bei dem sich die Herren Pyke und Rupfer, augenscheinlich Sir Mulberrys besondere Verehrer, besonders hervortaten. Übrigens lag klar auf der Hand, daß die Mehrzahl der Gesellschaft den unglücklichen jungen Lord, der zwar schwach und einfältig, aber offenbar der am wenigsten Verworfene unter dieser Horde war, so viel wie möglich auszubeuten suchte. Sir Mulberry genoß überhaupt wegen seiner bewunderungswürdigen Geschicklichkeit, mit Beihilfe seiner Kreaturen reiche junge Herren zu ruinieren, einen großen Ruf. Mit der ganzen Kühnheit und Originalität eines Genies hatte er ein den früheren Methoden ganz entgegengesetztes, vollkommen neues Verfahren ersonnen, seine Opfer, wenn er einmal das Übergewicht über sie gewonnen, in einer sonderbaren Art geistiger Abhängigkeit zu erhalten, wie er es überdies auch liebte, seinen Witz offen und ohne Rückhalt an ihnen zu üben.

Hinsichtlich Glanz und Anordnung war das Dinner so ausgezeichnet wie die Gemächer, und die Gesellschaft ermangelte nicht, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wobei namentlich die Herren Pyke und Rupfer Hervorragendes leisteten. Sie aßen von jeder Schüssel und tranken aus jeder Flasche mit einer Zähigkeit und Ausdauer, die wirklich erstaunlich war. Aber trotz ihrer heftigsten Anstrengung blieben sie merkwürdig frisch und richteten noch in dem Dessert solche Verheerungen an, als ob sie seit dem Frühstück nichts Namhaftes mehr zu sich genommen hätten.

»Nun«, meinte Lord Frederic und schlürfte an seinem Glas Portwein, »wenn dies ein Diskontodinner ist, so weiß ich weiter nichts zu sagen, als daß mich – äh – der Teufel holen soll, wenn ich es nicht für etwas Herrliches halte, mich jeden Ta-a-g diskontieren zu lassen.«

»Sie werden seinerzeit in Hülle und Fülle davon bekommen«, höhnte Sir Mulberry. »Nickleby wird's Ihnen schon auf die Rechnung setzen.«

»Was sagen Sie dazu?« fragte der junge Aristokrat. »Werde ich ein guter Kunde werden?«

»Das hängt ganz von den Verhältnissen ab, Mylord«, erwiderte Ralph.

»Nämlich von Euer Herrlichkeit Verhältnissen«, bemerkte Oberst Chowser von der Miliz und den Wettrennplätzen.

Dabei warf der brave Oberst einen Blick auf die Herren Pyke und Rupfer, als erwarte er von ihnen, daß sie auch seinen Witz belachen sollten. Da aber diese ehrenwerten Herren lediglich die Verpflichtung hatten, für Sir Mulberry zu lachen, so blieben sie zu des Obersten größtem Mißvergnügen so ernst wie ein paar Leichenbitter. Um seine Niederlage noch zu vergrößern, fixierte ihn Sir Mulberry, der derartige Versuche offenbar für Eingriffe in ein ausschließlich ihm zustehendes Recht hielt, durch seine Lorgnette, als sei er höchlich erstaunt über eine solche Anmaßung.

Dabei brummte er so etwas wie »höllische Frechheit«, was Lord Frederic für einen Wink nahm, sich gleichfalls seiner Lorgnette zu bedienen und den Gegenstand des Tadels zu beäugeln, als sei er irgendein besonders wildes Tier, das man zum erstenmal zur Schau stellt. Natürlich folgten Mr. Pyke und Mr. Rupfer Sir Mulberrys Beispiel, und so sah sich der arme Oberst, um seine Verwirrung zu verbergen, in die Notlage versetzt, sein Glas Portwein vor das Auge zu halten und zu tun, als prüfe er dessen Farbe mit dem angelegentlichsten Interesse.

Die ganze Zeit über saß Kate stumm da und wagte kaum die Augen zu erheben, um nicht dem bewundernden Blicke Lord Frederics oder, was sie noch mehr in Verlegenheit gesetzt hätte, dem unverschämten seines Freundes Sir Mulberry zu begegnen. Letzterer hielt es übrigens jetzt für gut, die allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich auf sie zu lenken.

»Hier Miss Nickleby«, erklärte er mit einem Male, »wundert sich schon lange, warum, zum Henker, ihr niemand den Hof macht.«

»Oh, gewiß nicht«, versetzte Kate hastig aufblickend, »ich –,« dann hielt sie plötzlich inne, erkennend, daß es besser gewesen wäre, wenn sie geschwiegen hätte.

»Ich halte fünfzig Pfund gegen jedermann«, rief Sir Mulberry »daß Miss Nickleby mir nicht ins Auge sehen und behaupten kann, sie hätte nicht diesen Gedanken gehegt.«

»Es gilt«, rief der hochadelige Gimpel, »innerhalb zehn Minuten.«

»Gilt!« schlug Sir Mulberry ein.

Das Geld wurde von beiden Seiten aufgezählt und Mr. Schlepper Hochwohlgeboren für das doppelte Amt erkoren, die Summe in Verwahrung zu nehmen und die Zeit abzustoppen.

»Ich bitte«, protestierte Kate, die über all dies in die größte Verwirrung geraten war, »ich bitte, mich nicht zum Gegenstand einer Wette zu machen. – Onkel, ich kann wirklich nicht –«

»Warum nicht, meine Liebe?« fiel ihr Ralph ins Wort, in dessen schnurrender Stimme sich übrigens eine ungewöhnliche Heiterkeit kundgab, als ob er nur ungerne so spräche und es lieber gesehen hätte, wenn die Wette unterblieben wäre. »Es ist nichts

Verfängliches dabei und übrigens gleich vorüber. – Wenn die Herren darauf bestehen –«

»Ich bestehe doch nicht darauf«, lachte Sir Mulberry, »das heißt, ich bestehe keineswegs darauf, wenn es Miss Nickleby in Abrede stellt, denn wenn sie es tut, so verliere ich. Aber es würde mir eine Freude machen, ihre schönen Augen zu sehen, zumal sie diese Gunst nur dem Mahagonitisch zugedacht zu haben scheint.«

»Ja, das tut sie – äh –, und es ist wirklich zu a-a-arg von Ihnen, Miss Nickleby«, näselte der junge Lord.

»Ganz grausam«, meinte Mr. Pyke.

»Schrecklich grausam«, echote Mr. Rupfer.

»Ich mache mir nichts daraus, wenn ich verliere«, erklärte Sir Mulberry. »Ein einziger Blick in Miss Nicklebys schöne Augen ist doppelt soviel wert.«

»Mehr«, sagte Mr. Pyke.

»Weit mehr«, bekräftigte Mr. Rupfer.

»Nun, wie steht's, Schlepper?« fragte Sir Mulberry.

»Fünf Minuten.«

»Bravo.«

»Möchten sie nicht zu meinen Gunsten einen Versuch machen, Miss Nickleby?« fragte Lord Frederic nach einer kurzen Pause.

»Bemühen Sie sich nicht mit solchen vorlauten Fragen, mein Bester«, spöttelte Sir Mulberry, »Miss Nickleby und ich verstehen einander. Sie erklärt sich für mich und zeigt dadurch ihren guten Geschmack. Sie dürfen sich keine Hoffnung machen, mein Lieber. – Wie steht's, Schlepper?«

»Acht Minuten um.«

»Machen Sie das Kreuz über das Geld, Mylord«, riet Sir Mulberry. »Sie werden es gleich los sein.«

»Ha, ha, ha«, lachte Mr. Pyke.

Mr. Rupfer, der immer das Echo machte und seinen Freund womöglich zu überbieten suchte, brüllte laut hinaus.

Das arme Mädchen, das vor Verwirrung kaum wußte, was tun, hatte sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Da sie aber fürchtete, dadurch den Anschein zu erwecken, als unterstütze sie Sir Mulberrys Prahlerei, so erhob sie ihre Augen und sah ihm ins Gesicht. In seinem Blicke lag aber so viel Abstoßendes, Unverschämtes und Freches, daß sie, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen, aufstand und aus dem Zimmer eilte. Mit Gewalt drängte sie die Tränen zurück, bis sie sich allein in dem rückwärtigen Zimmer befand.

»Vortrefflich«, jubelte Sir Mulberry und schob dem jungen Lord das Geld hin. »Das Mädchen hat Geist, wir müssen auf ihre Gesundheit trinken.«

Pyke und Compagnie gingen natürlich auf diesen Vorschlag mit großer Wärme ein und tranken außerdem noch auf Sir Mulberrys so glänzende Eroberung. Ralph, der seine Nichte während des vorhergegangenen Auftritts, als alle Blicke auf ihr geruht, mit den Augen eines Wolfes beobachtet hatte, schien freier aufzuatmen, als sie gegangen. Er lehnte sich, während die Gläser rascher kreisten, in seinem Stuhle zurück und sah, je mehr seine Gäste durch den Wein erhitzt wurden, von einem Sprecher auf den andern, und zwar mit Blicken, die bis in ihr Innerstes zu dringen und einen seltsamen Genuß darin zu finden schienen, jeden müßigen Gedanken in ihrem Hirn zu zergliedern.

Inzwischen hatte sich Kate, ganz sich selbst überlassen, wieder einigermaßen gefaßt. Sie erfuhr durch ein Dienstmädchen, daß ihr Onkel sie noch zu sehen wünschte, ehe sie das Haus verließe, und vernahm dabei auch die beruhigende Kunde, daß die Herren ihren Tee bei Tisch trinken würden. Die Hoffnung, nicht mehr mit ihnen in Berührung zu kommen, trug viel dazu bei, ihr aufgeregtes Gemüt zu besänftigen, und so sammelte sie sich endlich so weit, daß sie ein Buch nehmen und darin blättern konnte.

Hie und da fuhr sie noch zusammen, wenn ein plötzliches Aufgehen der Speisesaaltür das wilde Toben der Zecher hörbar werden ließ, und mehr als einmal sprang sie in Todesängsten auf, wenn ein Fußtritt auf der Treppe ihre Furcht rege machte, irgendein betrunkenes Mitglied der Gesellschaft könnte sich zu ihr verirren. Es fiel jedoch nichts vor, was ihre Besorgnis verwirklicht hätte, und so bemühte sie sich denn, ihre Aufmerksamkeit ganz auf das Buch zu konzentrieren, an dem sie nachgerade so viel Interesse fand, daß sie, Zeit und Ort ganz vergessend, einige Kapitel durchlas.

– Plötzlich schrak sie auf. Jemand dicht neben ihr hatte ihren Namen ausgesprochen.

Das Buch entfiel ihrer Hand. Gerade neben ihr rekelte sich Sir Mulberry auf einer Ottomane, augenscheinlich durch den Wein noch frecher und zudringlicher gestimmt.

»Welch himmlische Vertieftheit«, begann er; »war es Ihnen Ernst damit, oder wollten Sie nur ihre Augenwimpern zeigen?«

Kate biß sich in die Lippen und blickte, ohne zu antworten, ängstlich nach der Türe.

»Ich habe Sie schon fünf Minuten lang so bewundert«, fuhr Sir Mulberry fort, »meiner Seel, Sie sind fabelhaft schön. Warum mußte ich auch sprechen und ein so anmutiges Bild zerstören?!«

»Wollen Sie mich gütigst mit Ihren Worten verschonen, Sir!« versetzte Kate.

»Ach, sprechen Sie nicht so grausam!« spöttelte Sir Mulberry, klappte seinen Chapeau claque zusammen, stützte den Ellenbogen darauf und rückte mit dem Gesicht noch näher an das junge Mädchen heran. »Bei meinem Leben, Sie dürfen nicht so sprechen. Es ist teuflisch grausam von Ihnen, den Sklaven, der zu Ihren Füßen liegt, so hart zu behandeln. Ja, das ist es, meiner Seel!«

»Ich möchte Ihnen begreiflich machen, Sir«, sagte Kate, bebend vor höchster Entrüstung, »daß Ihr Benehmen mich beleidigt und anekelt. Wenn Sie nur einen Funken von Ehrgefühl haben, so verlassen Sie mich auf der Stelle!«

»Aber Schätzchen, warum wollen Sie denn noch immer diesen Schein übermäßiger Sprödigkeit wahren?« fragte Sir Mulberry grinsend. »Geben Sie sich doch mehr, wie Sie sind, Fräulein.«

Kate sprang hastig auf, aber als sie sich erhob, faßte sie Sir Mulberry beim Kleid und hielt sie zurück.

»Lassen Sie mich los! Hören Sie! Augenblicklich! Auf der Stelle!«rief Kate.

»Setzen Sie sich doch; setzen Sie sich«, sagte Sir Mulberry spöttisch, »ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen!«

»Ob Sie mich loslassen wollen, Sir«, rief Kate, »frage ich. Auf der Stelle, hören Sie? Augenblicklich!«

»Nicht um eine Welt«, versetzte Mulberry.

Dabei beugte er sich über sie, um sie auf ihren Sitz zurückzudrücken, aber sie machte eine so gewaltige Anstrengung, sich loszureißen, daß er das Gleichgewicht verlor und der Länge nach hinfiel. Kate wollte eben aus dem Zimmer eilen, da trat ihr Ralph Nickleby an der Türe in den Weg.

»Was gibt's da?« fragte er.

»Nichts weiter, Sir«, erwiderte Kate in heftigster Aufregung, »als daß ich unter dem Dache, wo ich als hilfloses Mädchen und als Kind Ihres verstorbenen Bruders hätte Schutz finden sollen, Beleidigungen ausgesetzt gewesen bin, derentwegen Sie in den Boden sinken sollten, wenn Sie meiner nur ansichtig werden. – Lassen Sie mich hinaus!«

Ralph bebte zurück, als das entrüstete junge Mädchen seinen flammenden Blick auf ihn richtete, ohne jedoch ihrem Verlangen zu willfahren. Er führte sie vielmehr fast gewaltsam nach einem entfernt stehenden Sitz, näherte sich dann Sir Mulberry, der inzwischen wieder aufgestanden war, und deutete nach der Türe.

»Ihr Weg geht dahinaus«, sagte er mit fast erstickter Stimme.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Sir Mulberry trotzig.

Die Adern auf Ralphs gefurchter Stirne traten wie straffe Sehnen hervor, und die Muskeln seines Mundes zuckten, wie in unerträglichem Schmerze, aber er lächelte nur verächtlich und deutete abermals nach der Türe.

»Wissen Sie überhaupt, wer ich bin, Sie Narrenhaus-Kandidat?« fragte Sir Mulberry.

»Ja.«

Einen Augenblick erbebte der fashionable Taugenichts fast unter dem festen Blick des alten hartgesottenen Sünders, dann ging er, vor sich hin brummend, zur Türe.

»Aha, Sie hatten es auf den Lord abgesehen? Was?« fragte er, sich rasch wieder umdrehend, als ob ihm plötzlich ein Licht aufgegangen wäre. »Zum Teufel, und ich war Ihnen im Weg, was?«

Ralph lächelte krampfhaft, gab aber keine Antwort.

»Wer hat ihn zuerst hergebracht?« fuhr Sir Mulberry auf. »Und wie wäre es Ihnen ohne mich möglich geworden, ihn ins Netz zu bekommen?«

»Das Garn ist groß und ziemlich voll. Nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht in den Maschen erwürgt werden«, sagte Ralph dumpf.

»Sie wären imstande, Ihr eigen Fleisch und Blut für Geld zu verschachern und sich selbst noch obendrein, wenn der Kontrakt mit dem Teufel nicht bereits abgeschlossen wäre«, zürnte Sir Mulberry. »Sie wollen mir vielleicht gar weismachen, ihre Nichte habe nicht als Köder für den betrunkenen Laffen da unten dienen sollen?!«

Trotzdem dieses Zwiegespräch von beiden Seiten hastig und mit gedämpfter Stimme geführt wurde, sah sich Ralph doch schnell um, ob Kate ihren Platz nicht gewechselt und vielleicht alles mit angehört habe. Sein Gegner bemerkte es und nahm sofort seinen Vorteil wahr.

»Wollen Sie mir es wirklich weismachen, daß es nicht der Fall ist?« fragte er lauter. »Was?«

»Ich sage Ihnen bloß«, versetzte Ralph, »wenn ich sie wegen eines Geschäftes einlud –«

»Ja, ja, das ist der richtige Ausdruck«, fiel Sir Mulberry lachend ein, »jetzt sind Sie wieder ganz Ralph Nickleby.«

»– meine Nichte wegen eines Geschäftes einlud«, fuhr Ralph langsam und fest, wie ein Mann, der jedes seiner Worte genau überlegt, fort, »weil ich glaubte, sie werde auf den einfältigen jungen Menschen, den Sie in Ihren Händen haben und zu ruinieren im Begriffe sind, einigen Eindruck machen, so wußte ich – denn ich kenne ihn –, daß es lange dauern würde, bis er die Gefühle eines jungen Mädchens verletzen werde, und daß er, wenn er schon durch sein läppisches, hohlköpfiges Wesen Anstoß erregen sollte, bei einer kleinen Nachhilfe von Ihrer Seite das Geschlecht und die Sittsamkeit sogar an der Nichte eines Wucherers achten müßte. Aber wenn ich ihn schon durch diesen Kunstgriff auf eine feinere Weise anlocken wollte, so wäre es mir doch keinen Augenblick eingefallen, das Mädchen der Zügellosigkeit und Roheit eines Wüstlings wie Sie auszusetzen. Jetzt verstehen wir uns.«

»Und daher plötzlich so viel Gewissen, weil nichts dabei zu gewinnen war, he?« höhnte Sir Mulberry.

»Ganz richtig.«

Ralph Nickleby hatte sich abgewendet und seine letzten Worte über die Schulter gesprochen. Dabei begegneten sich die Blicke der beiden, und jeder fühlte, daß er den andern bis ins Innerste durchschaute.

– Sir Mulberry zuckte die Achseln und ging hinaus. –

Ralph schloß die Türe und blickte unruhig nach seiner Nichte. Sie hatte den Kopf auf ein Polster des Sofas niedersinken lassen, das Gesicht in den Händen verborgen, und schien noch immer im Übermaße des Schmerzes und der Scham zu weinen.

Ralph wäre ruhig in das Haus eines verarmten Schuldners gegangen und hätte ihn ohne Bedenken – nötigenfalls vom Sterbebett seines Kindes weg – der Schuldhaft überliefert, denn dergleichen galt im Geschäftsleben als nichts Besonderes; aber hier war ein junges Mädchen, das kein anderes Unrecht begangen, als daß es lebendig zur Welt gekommen, das sich geduldig allen seinen Wünschen gefügt und ihm zu Gefallen sich harten Prüfungen unterzogen hatte und vor allem ihm kein Geld schuldig war, und er fühlte sich verlegen und unbehaglich.

Er nahm einen Stuhl in einiger Entfernung, dann einen näher stehenden, und so rückte er immer näher an Kate heran, bis er sich endlich auf das Sofa zu ihr setzte. Dann legte er seine Hand auf ihren Arm.

»Ruhig, mein Kind«, sagte er, als sie den Arm zurückzog und von neuem zu schluchzen begann, »ruhig, ruhig! Mach dir nichts daraus. Denke nicht mehr daran!«

»Ach, um Gottes willen, lassen Sie mich heimgehen«, schluchzte Kate, »lassen Sie mich dieses Haus verlassen und heimgehen.«

»Ja, ja, das sollst du«, beruhigte sie Ralph, »aber du mußt dir doch zuerst die Augen trocknen und dich sammeln. – Komm, laß dir den Kopf aufrichten. – So.«

»Ach, Onkel«, jammerte das arme Mädchen und rang die Hände. »Was habe ich getan, was habe ich getan, daß Sie mich all dem aussetzen konnten! Wenn ich Sie in Worten, Gedanken oder Taten gekränkt hätte, so wäre es schon die größte Grausamkeit gegen mich und eine Verhöhnung des Andenkens eines Verstorbenen gewesen, den Sie in früheren Zeiten geliebt haben müssen, aber –«

»Hör mich nur einen Augenblick ruhig an«, unterbrach Ralph wirklich ernstlich beunruhigt, »ich wußte doch nicht, daß es so kommen würde. Ich konnte es unmöglich voraussehen. Ich habe alles getan, was ich konnte. Komm, wir wollen ein wenig auf und ab gehen; die dumpfe Luft und die Hitze der Lampen haben dich angegriffen. Es wird dir gleich wieder besser werden, wenn du ein wenig Bewegung machst.«

»Ich will ja alles tun«, jammerte Kate, »wenn Sie mich nur nach Hause lassen.«

»Ja, ja, gewiß«, versprach Ralph, »aber man darf dir doch nicht ansehen, daß du geweint hast. Du erschreckst sonst deine Mutter. Überhaupt braucht niemand von dem Vorfall etwas zu wissen als ich und du. Na also, jetzt siehst du ja schon wieder besser aus.« Kate so zuredend, führte sie Ralph Nickleby am Arm im Zimmer auf und ab, aber er hätte umsinken mögen, wenn er ihrem Blick begegnete, und bei ihrer Berührung überlief ein Zittern seine Glieder.

Als er es für rätlich hielt, sie gehen zu lassen, half er ihr in derselben Weise die Treppen hinunter, nachdem er ihr vorher wahrscheinlich zum erstenmal in seinem Leben – den Schal umgeworfen und ähnliche kleine Dienste erwiesen. Er begleitete sie sogar über den Hausflur und die Türtreppen und ließ sie nicht eher los, bis er sie sicher im Wagen wußte.

Als der Kutschenschlag zugeschlagen wurde, fiel ein Kamm aus ihrem Haar dicht vor seinen Füßen nieder, und wie er ihn aufhob und ihr zurückgab, bestrahlte das Licht einer Laterne ihr Gesicht. Die aufgelöste Haarlocke, die in leichten Ringeln um ihre Stirn hing, die Spuren der kaum getrockneten Tränen, die geröteten Wangen, der kummervolle Blick – alles das weckte eine Reihe schlummernder Empfindungen in der Brust des alten Mannes.

Das Gesicht seines toten Bruders schien ihn anzusehen, gerade so wie damals in vergangenen Zeiten, wenn irgendein kindlicher Schmerz es getrübt. Jeder, auch der kleinste Zug, blitzte mit einer Bestimmtheit, als wäre all das erst gestern gewesen, in Ralphs Seele auf.

Ralph Nickleby, der gegen alle Stimmen des Blutes und der Verwandtschaft gepanzert war und gegen die ergreifendsten Szenen von Kummer und Unglück, dieser eherne Mann fuhr bei diesem Anblicke zusammen und taumelte dann in sein Haus zurück wie ein Mensch, der eine Erscheinung aus einer andern Welt gesehen hat.

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