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Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band

Charles Dickens: Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleLeben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie. I. Band
publisherGutenberg-Verlag
seriesDickens Werke
editorDr. Paul Th. Hoffmann
year1926
firstpub1855
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorreuters@abc.de
modyfied20140612
senderwww.gaga.net
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10. Kapitel

Wie Ralph Nickleby für seine Nichte und Schwägerin sorgt.

Am zweiten Morgen nach Nikolas' Abreise saß Kate Nickleby Miss La Creevy zur Vollendung des angefangenen Miniaturporträts, dessen Lachsfarbe noch glänzender gemacht werden mußte.

»Ich denke, ich habe es jetzt«, sagte Miss La Creevy. »Es wird das hübscheste Bildchen werden, das ich je gemalt habe. Sie stellen sich nicht vor, was so etwas für Mühe kostet. Und gar erst die Nase in das richtige Verhältnis mit dem Kopfe zu bringen! Von den Zähnen gar nicht zu sprechen.«

»So etwas läßt sich kaum mit Geld bezahlen«, meinte Kate lächelnd. – »Da haben Sie vollkommen recht, meine Liebe«, entgegnete Miss La Creevy, »und trotzdem sind die Leute so unvernünftig und schwer zu befriedigen, daß man unter zehn Porträts kaum eines mit Vergnügen malen kann. Das eine Mal heißt es: ›Ach, was haben Sie mir für ein ernstes Gesicht gemacht, Miss La Creevy‹, das nächste Mal: ›Aber, Miss, was ist das doch für ein schmunzelnder Mund?‹, während ein gutes Porträt doch entweder ernst oder heiter sein muß, sonst ist es doch gar kein Porträt.«

»Wirklich nicht?« fragte Kate freundlich.

»Gewiß nicht. Die Sitzenden sind doch entweder das eine oder das andere. Betrachten Sie die Porträts in der königlichen Akademie. Alle die schönen Bilder der Herren in den schwarzen Samtwesten, mit auf runden Tischen oder Marmorplatten ruhenden Händen, sind bekanntermaßen ernsthaft, und die Damen, die mit Sonnenschirmchen, Schoßhündchen oder kleinen Kindern spielen, müssen nach denselben Prinzipien lächelnd gehalten werden. In Wirklichkeit gibt es«, fuhr Miss La Creevy vertraulich flüsternd fort, »nur einen zweifachen Porträtstil, den ernsten und den heitern. Des ersteren bedienen wir uns immer bei Geschäftsleuten, des letzteren bei Damen oder bei Herren, denen nicht viel daran zu liegen braucht, gescheit auszusehen.«

Kate schien diese Belehrung sehr zu erheitern. Miss La Creevy malte unentwegt drauflos und plauderte dabei in einem fort mit größter Selbstgefälligkeit.

»Es scheint, daß sie viele Offiziere malen müssen?« fragte Kate, eine kleine Pause in der Unterhaltung benutzend, sich im Zimmer umzusehen.

»Viele, mein Kind?« sagte Miss La Creevy und sah von ihrer Arbeit auf. »Ah, Sie meinen die Charakterköpfe. Aber das sind doch keine wirklichen Militärpersonen.«

»Nicht?«

»Du mein Himmel, nein. Es sind nur Kommis, Ladendiener und dergleichen, die sich eine Uniform borgen und sie in einen Teppich eingeschlagen herschicken, um sie zum Sitzen anziehen zu können. Gewisse Künstler halten sich sogar einen Purpurmantel und berechnen für seine Benützung nebst dem Karmin acht Schillinge extra. Ich gebe mich aber nicht mit derartigen Spekulationen ab. Ich halte sie nicht für rechtschaffen.«

Miss La Creevy warf sich bei diesen Worten in die Brust, als ob sie sich viel darauf zugute täte, daß sie derartige Kunden anködernde Kunstgriffe verschmähte, malte dann emsig wieder weiter und sah nur hin und wieder auf, um irgendeine Schattierung, die sie eben angebracht, mit unbeschreiblichem Wohlbehagen zu betrachten oder Miss Nickleby zu verraten, mit welch besonderem Teile ihres Gesichtes sie eben beschäftigt wäre.

»Nicht etwa, damit Sie sich in eine malerische Attitüde bringen sollen, meine Liebe«, bemerkte sie dabei ausdrücklich. »Es ist nur unsere Gewohnheit, den Sitzenden zu sagen, bei welcher Partie wir halten, damit wir, wenn sie einen besonderen Ausdruck in derselben angebracht wissen wollen, diesen noch beizeiten hineinlegen können.«

– »Und wann«, fragte Miss La Creevy nach einem langen Schweigen von ungefähr anderthalb Minuten, »wann hoffen Sie Ihren Onkel wiederzusehen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Kate. »Wir warten schon seit einigen Tagen vergeblich auf seinen Besuch. Ich hoffe jedoch, daß er bald kommen wird, denn die Ungewißheit ist schlimmer als alles andere.«

»Ich glaube, er hat Geld. Nicht wahr?«

»Dem Vernehmen nach ist er sogar sehr reich. Ich weiß es zwar freilich nicht mit Bestimmtheit, aber ich glaube, er ist es.«

»Oh, Sie können sich darauf verlassen, daß er ist, sonst würde er nicht so grob sein«, bemerkte Miss La Creevy, die eine seltsame Mischung von Schlauheit und Einfalt war. »Wenn einer ein Bär ist, so kann man immer annehmen, daß er unabhängig lebt.«

»Er hat allerdings eine etwas rauhe Außenseite«, gab Kate zu.

»Etwas rauh?!« rief Miss La Creevy. »Ein Igel ist ein Federbett gegen ihn. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen solchen widerhaarigen alten Brummbär gesehen.«

»Ich vermute, daß das nur so eine Angewohnheit von ihm ist«, wendete Kate schüchtern ein. »Er soll, habe ich gehört, in frühern Jahren manch bittere Erfahrung gemacht haben und dadurch sauertöpfig geworden sein. Ich möchte nicht gern Schlimmes von ihm denken, solange ich nicht weiß, daß er es verdient.«

»Nun, das ist brav«, lobte die Porträtmalerin, »und Gott sei vor, daß ich Sie zu einem Unrecht verleiten möchte. Aber könnte er denn jetzt nicht, ohne sich selbst wehe zu tun, Ihnen beiden ein kleines Jahresgehalt auswerfen, bis sich eine passende Partie für Sie fände?«

»Das weiß ich nicht«, fiel Kate mit großer Lebhaftigkeit ein, »aber das weiß ich, daß ich lieber sterben als es annehmen möchte.«

»Aber, aber, liebes Kind!« rief Miss La Creevy.

»Es würde mir mein ganzes Leben verbittern, wenn ich von ihm abhängig sein müßte«, fuhr Kate fort. »Ich glaube, ich ginge lieber betteln.«

»Nun«, meinte Miss La Creevy »ich muß gestehen, das klingt in bezug auf einen Verwandten, den Sie eben noch verteidigten, ein bißchen merkwürdig.«

»Sie haben recht, es klingt allerdings sonderbar«, sagte Kate ein wenig ruhiger. »Ich – ich meinte übrigens nur damit, ich könnte es überhaupt und im allgemeinen nicht ertragen, von der Gnade eines andern Menschen zu leben; nicht speziell von der seinigen.«

Miss La Creevy warf einen forschenden Blick auf das junge Mädchen, schwieg jedoch, als sie dessen schmerzliche Mienen bemerkte.

»Ich möchte nur«, fuhr Kate fort, während ihr die Tränen über die Wangen liefen, »er verwendete sich soweit für mich, daß seine Empfehlung es ermöglichte, mir mein Brot verdienen und bei meiner Mutter bleiben zu können. Ob wir je wieder glücklich sein werden, hängt von dem Schicksal meines lieben Bruders ab. Hilft mir mein Onkel aber soweit, und schreibt Nikolas nur, daß er gesund und fröhlich ist, so bin ich vollkommen zufrieden.«

Sie hatte kaum den Satz beendet, als ein Geräusch hinter der spanischen Wand entstand, die zwischen ihr und der Türe aufgestellt war. – Ein Klopfen an das Getäfel ertönte, und gleich darauf trat Mr. Ralph Nickleby ins Zimmer.

»Ihr Diener, meine Damen«, sagte er, Miss La Creevy und Kate abwechselnd scharf ins Auge fassend. »Sie haben so laut gesprochen, daß ich nicht imstande war, mich bemerklich zu machen.«

Wenn Ralph einen außergewöhnlich boshaften Gedanken im Herzen trug, so war es seine Gewohnheit, seine Augen einen Moment fast ganz unter den dicken, buschigen Brauen zu verbergen, um dann plötzlich ihre volle stechende Schärfe zu entfalten. Da er überdies jetzt auch noch ein bissiges Lächeln zu unterdrücken suchte, das seine dünnen, zusammengekniffenen Lippen in boshaften Falten umzog, so fühlten die beiden Damen, daß er zumindest einen Teil des Gesprächs, wenn nicht das ganze, mit angehört hatte.

»Ich war eben im Begriff, die Stiege hinaufzugehen, wollte aber zuerst hier unten vorsprechen, da ich halb und halb vermutete, dich hier anzutreffen«, sagte er zu Kate und warf dabei einen verächtlichen Blick auf das Porträt. »Soll dies ein Bild meiner Nichte sein, Madam?«

»Gewiß, Mr. Nickleby«, entgegnete Miss La Creevy lebhaft. »Und unter uns: es wird ein sehr feines Porträt werden, obgleich es die Künstlerin selbst sagt.«

»Nehmen Sie sich nicht die Mühe, es mir zu zeigen, Madam«, lehnte Ralph ab und trat einen Schritt zurück; »ich habe keinen Sinn für Ähnlichkeiten. Ist es halb fertig?«

»Allerdings. Noch zwei Sitzungen –«

»Machen Sie's lieber gleich in einer ab, Madam«, unterbrach Ralph, »Kate wird übermorgen keine Zeit mehr haben für dergleichen Abgeschmacktheiten. – Arbeiten, arbeiten, Madam! Wir müssen alle arbeiten. – Haben Sie übrigens Ihre Zimmer schon wieder vermietet?«

»Ich habe es noch nicht in die Zeitung einrücken lassen, Sir.«

»So tun Sie es schnell, Madam; meine Schwägerin braucht sie nächste Woche nicht mehr. Keinesfalls werden sie bezahlt werden. – Nun, meine Liebe, wenn du bereit bist, so brauchen wir keine Zeit zu verlieren.«

Mit einer erkünstelten Freundlichkeit, die ihm noch schlechter stand als sein gewohntes barsches Benehmen, winkte er dem jungen Mädchen vorauszugehen, machte Miss La Creevy eine Verbeugung, schloß die Türe und folgte Kate die Treppe hinauf, wo ihn Mrs. Nickleby mit vielen Hochachtungsbezeugungen empfing. Kurz und mit einer ungeduldigen Handbewegung hemmte er ihren Redefluß.

»Ich habe eine Stelle für Ihre Tochter gefunden«, ging er ohne Umschweife in medias res ein.

»Herrlich, herrlich«, jubelte Mrs. Nickleby. »Aber ich habe auch nichts anderes von Ihnen erwartet. Erst gestern morgen sagte ich beim Frühstück zu Kate: Verlaß dich drauf, dein Onkel hat so gut für Nikolas gesorgt, er wird nicht ruhen, bis ihm nicht hinsichtlich deiner ein gleiches gelungen ist. Ja, genau das waren meine Worte. Liebe Kate, ja warum bedankst du dich denn nicht bei deinem –«

»Bitte, lassen Sie mich fortfahren, Madam«, unterbrach Ralph schroff den Redestrom seiner Schwägerin.

»Liebes Kind, laß deinen Onkel fortfahren!« ermahnte Mrs. Nickleby.

»Aber ich bin doch ganz Ohr, Mama«, erwiderte Kate.

»Gut, Kind, gut. Aber wenn du so ganz Ohr bist, so laß deinen Onkel doch ausreden«, eiferte Mrs. Nickleby. »Du weißt, die Zeit deines Onkels ist kostbar, mein Kind, und wie sehr es auch dein Wunsch sein mag, das Vergnügen, ihn bei uns zu sehen, zu verlängern, so dürfen wir doch nicht so selbstsüchtig sein und müssen in Erwägung ziehen, was für hochwichtige Geschäfte er in der City hat.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Madam«, sagte Ralph mit einem mühsam unterdrückten Hohnlächeln. »Der Umstand, daß man in Ihrer Familie nicht an Geschäfte gewöhnt ist, führt, wie ich sehe, zu einer großen Verschwendung von Worten, so daß man, wenn einmal wirklich von einem Geschäft die Rede ist, gar nicht dazu kommen kann.«

»Ich fürchte, das ist nur zu wahr«, seufzte Mrs. Nickleby. »Ihr seliger Bruder –«

»Mein seliger Bruder«, fiel Ralph bissig ein, »hatte keine Ahnung von einem Geschäft. Ich glaube, er kannte nicht einmal die Bedeutung des Wortes.«

»Ich fürchte, Sie haben auch darin recht«, seufzte Mrs. Nickleby abermals und drückte ihr Schnupftuch an die Augen. »Hätte er mich nicht gehabt, ich wüßte nicht, was aus ihm geworden wäre.«

– Der plumpe Köder, den Ralph bei der ersten Begegnung hingeworfen hatte, wirkte noch immer. Bei jeder kleinen Entbehrung und Unbequemlichkeit, die Mrs. Nickleby an ihre jetzt beschränkteren Lebensverhältnisse erinnerte, knüpfte sich für sie ein ihr die Laune vergällender Gedanke an ihre verlorenen tausend Pfund Mitgift. Und doch war sie nicht selbstsüchtiger als manche andere und hatte ihren Mann viele Jahre lang innig geliebt. So reizbar wird der Mensch durch plötzliche Verarmung. –

»Das Jammern hilft hier gar nichts, Madam«, sagte Ralph; »von allen nutzlosen Dingen ist das allernutzloseste, einem entschwundenen Tag eine Träne nachzuweinen.«

»Ja, ja, so ist es«, schluchzte Mrs. Nickleby, »so ist es.«

»Da Sie schon die Folgen des In-den-Tag-Hineinlebens an Ihrer eigenen Börse und Person so schwer empfinden, Madam«, fuhr Ralph fort, »so hoffe ich, Sie werden Ihren Kindern die Notwendigkeit einer rastlosen Tätigkeit um so mehr ans Herz legen?«

»Natürlich. Natürlich«, beteuerte Mrs. Nickleby. »Habe ich doch so traurige Erfahrungen gemacht. – Liebes Kind, führe das in deinem nächsten Brief an Nikolas so genau wie möglich aus, oder erinnere mich daran, wenn ich ihm schreibe.« Ralph schwieg eine Weile und fuhr dann, als er sah, daß er die Mutter soweit auf seiner Seite hatte, falls die Tochter gegen seinen Vorschlag etwas einzuwenden haben sollte, fort:

»Die Stelle – kurz und gut –, die ich für Kate ausgesucht habe, ist bei einer Putzmacherin.«

»Bei einer Putzmacherin!?!« rief Mrs. Nickleby.

»Bei einer Putzmacherin, Madam«, wiederholte Ralph. »Ich brauche einer Frau, die soviel Lebenserfahrung hat wie Sie, nicht erst zu sagen, daß Putzmacherinnen in London ein schönes Geld verdienen, sich Equipagen halten und es zu großem Reichtum bringen.«

Das Wort Putzmacherin hatte in Mrs. Nickleby zunächst Erinnerungen an gewisse geflochtene, mit Wachstaffet ausgelegte Weidenkörbe erweckt, die sie zuweilen in den Straßen hatte hin- und hertragen sehen, aber als Ralph fortfuhr, verschwand dieser Eindruck rasch und machte desto glänzenderen Bildern von großen Häusern im Westend, feinen Equipagen und Leibrenten Platz. Sie nickte daher freudig und gab, augenscheinlich sehr zufrieden, ihre Zustimmung zu erkennen.

»Was dein Onkel gesagt hat, ist vollkommen richtig, Kate«, erklärte sie ihrer Tochter. »Als ich kaum verheiratet war und mit deinem armen Vater nach London kam, erinnere ich mich noch recht gut, daß mir eine junge Dame einen Basthut mit weiß und grünem Besatz und grünem Seidenfutter in ihrem eigenen Wagen, der in vollem Galopp vorfuhr, ins Haus brachte. Ich weiß zwar nicht ganz bestimmt, ob es ihr eigener Wagen oder eine Droschke war, aber ich erinnere mich noch recht gut, daß das Pferd beim Umwenden tot niederfiel und daß dein armer Vater noch meinte, es hätte vierzehn Tage keinen Hafer zu fressen bekommen.«

So grell diese Reminiszenz die glänzende Lage der Londoner Putzmacherinnen beleuchtete, so schien sie doch keinen besonderen Anklang zu finden, denn Kate ließ den Kopf sinken, und Ralph legte unverkennbare Zeichen äußerster Ungeduld an den Tag.

»Die in Rede stehende Dame«, fiel er hastig ein, »heißt Mantalini. Madame Mantalini. Ich kenne sie. Sie wohnt unweit Cavendish Square. Wenn Ihre Tochter also geneigt ist, sich um die Stelle zu bewerben, so kann ich sie gleich hinführen.«

»Und du, hast du deinem Onkel nichts zu sagen, mein Kind?« fragte Mrs. Nickleby.

»Sogar sehr vieles«, versetzte Kate, »aber bitte, nicht jetzt; ich möchte lieber unter vier Augen mit ihm sprechen. Es wird ihm Zeit sparen, wenn ich ihm meinen Dank und das, was ich ihm zu eröffnen habe, auf dem Wege sage.«

Damit eilte sie, um die hervorbrechenden Tränen zu verbergen, mit der Entschuldigung hinaus, sie wolle sich zum Ausgehen ankleiden, während ihre Mutter Mr. Nickleby unter großer Gemütsbewegung mit der umständlichen Beschreibung eines Klaviers aus Rosenholz und einer Garnitur Sesseln mit gedrechselten Beinen und grünen Sitzpolstern unterhielt, die sie in den Tagen ihrer Wohlhabenheit besessen, wobei sie hervorhob, daß von letzteren jedes Stück zwei Pfund fünfzehn Schillinge gekostet habe und nichtsdestoweniger bei der Versteigerung fast um nichts weggegangen sei.

Diese Reminiszenzen wurden endlich durch Kates Rückkehr abgeschnitten, und Ralph, der während der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit ärgerlich dagesessen hatte, verlor nun keinen Augenblick mehr und verließ mit ihr ohne viel Zeremonie das Haus.

»So, jetzt lauf, so schnell du kannst«, sagte er und reichte ihr den Arm, »du wirst dir damit den Schritt angewöhnen, den du von jetzt an jeden Morgen nötig haben wirst.«

Mit diesen Worten eilte er mit Kate nach Cavendish Square.

»Ich bin Ihnen für Ihre Güte wirklich sehr verbunden«, begann das junge Mädchen, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinanderher gegangen waren.

»Freut mich«, brummte Ralph, »ich hoffe, du wirst deine Pflicht gewissenhaft erfüllen.«

»Ich will mir alle Mühe geben, Onkel«, versicherte Kate, »wirklich, ich –«

»Fang nur nicht gleich wieder zu weinen an. Ich kann das ewige Geplärre nicht ausstehen.«

»Ich weiß, es ist töricht, lieber Onkel«, stotterte die arme Kate.

»Ja, das ist es«, fiel ihr Ralph ins Wort, »und sehr affektiert obendrein. Verschone mich mit derartigen Komödien.«

Das war bestimmt nicht die rechte Art und Weise, die Tränen eines jungen und empfindsamen Mädchens zu trocknen, das im Begriff stand, eine ihm ganz neue Laufbahn unter kaltherzigen und teilnahmslosen Fremden zu betreten, aber der Zweck wurde dessenungeachtet erreicht. Kates Gesicht wurde blutrot, und ihre Brust arbeitete einige Minuten heftig. Dann aber schritt sie mit festerem und entschlossenerem Schritt weiter.

Es lag ein seltsamer Kontrast in dem Benehmen der beiden. Das furchtsame Landmädchen schlüpfte schüchtern durch das Gedränge und hielt sich fest an ihren Führer, fürchtend, ihn in den Volksmassen zu verlieren, während der ernste, eherne Geschäftsmann mürrisch seines Weges schritt, sich mit den Ellenbogen Bahn brach und hie und da den Gruß eines Vorübergehenden verdrossen erwiderte, der sich sichtlich überrascht nach seiner schönen Begleiterin umsah und sich über das so schlecht zusammenpassende Paar wunderte. Der Gegensatz wäre noch weit auffallender gewesen, hätte man in den Herzen, die so nahe beieinander schlugen, lesen und die reine Unschuld des einen mit der bodenlosen Niedertracht des andern vergleichen können.

»Onkel«, fing Kate, als sie sich dem Ort ihrer Bestimmung nahe glaubte, furchtsam wieder an. »Ich möchte eine Frage an Sie richten. Werde ich zu Hause wohnen?«

»Zu Hause?« versetzte Ralph. »Wo ist das?«

»Ich meine – bei meiner Mutter.«

»Dein eigentlicher Aufenthalt wird in Madame Mantalinis Hause sein, denn du wirst bei ihr essen und von Morgen bis Abend, hie und da vielleicht auch bis früh, dort bleiben.«

»Aber ich meine des Nachts?« sagte Kate. »Ich kann die Mutter doch nicht verlassen, Onkel! Ich muß ein Plätzchen haben, das ich Heimat nennen kann, und das ist da, wo sie ist – wie armselig es auch immer sein mag.«

»Sein mag?« wiederholte Ralph ungeduldig und beschleunigte seine Schritte noch mehr. »Sein muß, willst du wohl sagen. Von einem mögen zu sprechen! Ist das Mädchen toll?«

»Das Wort entschlüpfte mir nur so, ohne daß ich den Sinn hineinlegen wollte, den Sie darin finden«, entschuldigte sich Kate.

»Na, das will ich hoffen«, brummte Ralph.

»Aber meine Frage, Onkel! – Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.«

»Nun, ich habe etwas der Art kommen sehen«, versetzte Ralph, »und habe deshalb, obgleich es ganz und gar nicht nach meinem Sinne ist, entsprechend Vorkehrungen getroffen und Madame Mantalini gesagt, du wünschest als Arbeiterin ›außer Haus‹ unterzukommen. Du kannst daher abends zu deiner Mutter gehen.«

Das war wenigstens ein kleiner Trost. Kate erging sich in tausend Dankesbeteuerungen, die Ralph gnädig entgegennahm.

Bald darauf langten sie vor dem Hause der Putzmacherin an. Ein livrierter Diener öffnete die Türe und führte sie eine breite Treppe hinauf in einen reich möblierten Saal voll Modekleidern und Stoffen in größter Auswahl.

Sie mußten länger warten, als es Mr. Nickleby zu passen schien. Ärgerlich blickte er umher und wollte eben ungeduldig klingeln, als plötzlich ein Herr den Kopf zur Türe hereinsteckte, ihn aber ebenso schnell wieder zurückzog, als er bemerkte, daß jemand anwesend war.

»Hallo, wer ist da?« rief Ralph.

Sofort erschien der Herr wieder, ließ eine lange Reihe schneeweißer Zähne sehen und lispelte geziert: »Der Teufel. Wie? Nickleby? Ei, der Teufel!« Er war in einen prächtigen Schlafrock, eine Weste und türkische Beinkleider aus demselben Stoff gekleidet, trug ein rosenrotes seidenes Halstuch und hellgrüne Pantoffeln, und eine schwere goldene Uhrkette baumelte ihm auf der Brust. Sein Backen- und Schnurrbart, beide schwarz gefärbt, waren zierlich gekräuselt.

»Zum Teufel! Sie werden doch nichts von mir wollen?« sagte er und klopfte Ralph auf die Schulter.

»Beruhigen Sie sich«, versetzte Ralph sarkastisch.

»Ha, ha, zum Teufel«, lachte der Herr, drehte sich affektiert auf der Ferse um und wurde dadurch Kates ansichtig, die in der Nähe stand.

»Meine Nichte«, stellte Ralph vor.

»Ach, jetzt erinnere ich mich«, rief der Herr und tippte sich geziert, wie zur Strafe für seine Vergeßlichkeit, mit dem Zeigefinger auf die Nase, »zum Teufel, jetzt erinnere ich mich, warum Sie hier sind. Kommen Sie nur mit, Nickleby. – Wollen Sie mir folgen, mein Kind? Ha, ha, sie folgen mir alle, Nickleby. Zum Teufel! – Haben es immer getan.«

In dieser geckenhaften Weise plapperte der Herr fort und führte seine Gäste in ein Empfangszimmer im zweiten Stock, das nicht minder elegant möbliert war als der Saal im ersten. Eine silberne Kaffeekanne, ein Eierbecher und eine gebrauchte Porzellantasse auf dem Tisch verrieten, daß man soeben gefrühstückt hatte.

»Setzen Sie sich, mein Kind«, sagte der Herr, stierte Kate so lange an, bis sie ganz aus der Fassung kam, und verzog dann, entzückt über die gelungene Heldentat, grinsend sein Gesicht. »Diese verwünscht eleganten Zimmer benehmen einem förmlich den Atem. Der Teufel hole diese Paradiese. Ich fürchte, ich muß ausziehen.«

»Ich würde es unter allen Umständen tun«, brummte Ralph, ärgerlich umherblickend.

»Ha, ha – Sie sind ein verdammt altmodischer Kauz, Nickleby«, lachte der Herr. »Der verwünschteste, übellaunigste alte Fuchskopf, der je in Gold und Silber gewühlt hat! Hol mich der Teufel.«

Dann zog der Herr die Klingel, stierte wieder Miss Nickleby an und befahl dem Bedienten, seiner Gebieterin zu sagen, sie möge sogleich herunterkommen. Sodann starrte er abermals Kate an und hörte damit nicht eher auf, bis Madame Mantalini eintrat.

Die Putzmacherin war eine rüstige, vornehm gekleidete und gut aussehende Frau, aber viel älter als der Herr in den türkischen Beinkleidern, mit dem sie erst seit sechs Wochen verheiratet war. Er hatte ursprünglich Muntle geheißen, seinen Namen aber in Mantalini umgewandelt, da seine Frau mit Recht annahm, ein englischer könne dem Geschäft wesentlich schaden.

Er hatte eigentlich auf seinen Backenbart hin geheiratet, von dem er bereits mehrere Jahre sorgenlos gelebt, und ihn durch den Zuwachs eines Schnurrbartes, mit dem er nach langer und geduldiger Pflege sein Gesicht verschönert, vervollkommnet. Sein Anteil an der Geschäftstätigkeit beschränkte sich zur Zeit auf das Durchbringen des Geldes, und wenn dies zur Neige ging, hin und wieder auf eine Fahrt zu Mr. Ralph Nickleby, um sich von ihm, nach Abzug der entsprechenden Prozente, Vorschüsse auf die Kundenrechnungen vorstrecken zu lassen.

»Mein süßes Leben«, rief Mr. Mantalini seiner Gattin entgegen«, »verteufelt lange haben wir auf dich warten müssen.«

»Ich konnte doch nicht wissen, daß Mr. Nickleby hier ist, mein Schatz«, entschuldigte sich Madame Mantalini.

»Dann muß der Bediente ein doppelt verteufelter höllischer Spitzbube sein, mein Herz«, scherzte Mr. Mantalini.

»Gewiß, mein Schatz, was kannst du auch anders erwarten, wenn du ihm alles durchgehen läßt«, schmollte die Dame.

»Nun, sei nur nicht ungehalten«, flötete Mr. Mantalini, »zum Teufel, er soll durchgepeitscht werden, bis er nach Gott schreit.«

Und Mr. Mantalini fügte seinem Versprechen einen Kuß hinzu, und Madame Mantalini kniff ihn scherzhaft ins Ohr. Sodann ließ sich das Ehepaar herbei, zu den Geschäften überzugehen.

»Also, Madame«, brummte Ralph, der diesen Vorgängen mit einer Verachtung zugesehen hatte, wie sie wohl nur wenige Menschen in ihren Blicken auszudrücken vermögen, »dies ist meine Nichte.«

»Ah richtig, Mr. Nickleby«, versetzte Madame Mantalini und musterte Kate von Kopf bis Fuß und wieder zurück. »Können Sie Französisch, mein Kind?«

»Ja, Madam«, antwortete Kate, ohne zu wagen, die Augen aufzuschlagen, denn sie fühlte den Blick des widerlichen Menschen im Schlafrock wieder auf sich ruhen.

»Auch so verteufelt geläufig wie eine Rassefranzösin?« fragte Mr. Mantalini.

Miss Nickleby gab keine Antwort und wendete dem Frager den Rücken zu, als sei sie willens, nur auf das zu antworten, was Madame sie fragen würde.

»Wir haben beständig zwanzig junge Mädchen im Geschäft«, bemerkte die Putzmacherin.

»Ja, und auch einige verteufelt hübsche darunter«, ergänzte Mr. Mantalini.

»Mantalini!« rief die ältliche Gattin in verweisendem Tone.

»Abgott meines Lebens?«

»Willst du mich unter die Erde bringen?«

»Nicht um zwanzigtausend Hemisphären, bevölkert mit mit – – mit kleinen Balletteusen«, beteuerte Mr. Mantalini poetisch.

»Es wird aber geschehen, wenn du fortfährst in dieser Weise zu sprechen. Was wird sich Mr. Nickleby denken?!«

»Ach, nichts, Madame!« fiel Ralph ein. »Ich kenne seinen und Ihren liebenswürdigen Charakter. Weiter nichts als kleine Bemerkungen, die Ihrer täglichen Unterhaltung einen pikanten Beigeschmack geben. Liebesgetändel, das die häuslichen Freuden versüßen soll, wenn sie langweilig werden wollen. Das ist alles.«

Wenn eine eiserne Türe mit ihren Angeln in Streit geraten wäre, hätten ihre Töne kaum unangenehmer das Ohr berühren können als diese Worte, so rauh stieß sie Ralph hervor. Selbst Mantalini empfand das und drehte sich erschrocken mit dem Ausruf um:

»Ist das aber ein verteufelt abscheuliches Gekrächz!«

»Achten Sie nicht auf das, was Mr. Mantalini sagt«, wendete sich Madame entschuldigend an Kate Nickleby.

»Ich tue es auch nicht, Madam«, sagte Kate mit ruhiger Verachtung. »Mr. Mantalini kommt mit den jungen Mädchen im Hause nicht weiter in Berührung«, fuhr die Putzmacherin mit einem Blick auf ihren Gatten, aber zu Kate gewendet, fort; »hat er eine von ihnen dennoch gesehen, so muß es auf der Straße gewesen sein, wenn die Mädchen von oder zur Arbeit gingen. In keinem Falle aber im Hause, denn ich gestatte nicht, daß er in das Arbeitszimmer kommt. – An was für Arbeitsstunden sind Sie gewöhnt?«

»Ich bin vorderhand überhaupt noch nicht an Arbeit gewöhnt«, antwortete Kate schüchtern.

»Und eben deshalb wird sie jetzt um so fleißiger arbeiten«, fiel Ralph schnell ein, damit dieses Geständnis die Verhandlung nicht beeinträchtigte.

»Das hoffe ich«, entgegnete Madame Mantalini. »Unsere Stunden sind von neun bis neun; auch noch länger, wenn wir mit Arbeit überhäuft sind, was aber dann besonders bezahlt wird.« Kate nickte eifrig, um anzudeuten, daß sie vollkommen einverstanden sei.

»Und die Kost, das heißt Mittagessen und Tee, erhalten Sie hier. Ihr Lohn wird sich durchschnittlich auf etwa fünf bis sieben Schillinge pro Woche belaufen. Ich kann mich darüber noch nicht mit Bestimmtheit auslassen, ehe ich gesehen habe, was Sie zu leisten imstande sind.«

Kate verbeugte sich abermals.

»Wenn Sie also eintreten wollen«, fuhr Madame Mantalini fort, »so ist es am besten, wenn Sie Montag früh punkt neun Uhr anfangen. Ich werde Miss Knag, der Vorarbeiterin, den Auftrag geben, daß sie Ihnen für den Anfang leichtere Sachen zuweist. – Steht sonst noch etwas zu Diensten, Mr. Nickleby?«

»Nichts sonst, Madam«, versetzte Ralph aufstehend.

»Dann glaube ich, haben wir wohl alles verhandelt?«

Mit diesen Worten sah sich Madame Mantalini nach der Tür um, als wünsche sie sich zu entfernen, aber sie zögerte noch und schien ihrem Gemahl die Ehre, den Gästen das Geleit zu geben, überlassen zu wollen. Ralph half ihr aus der Verlegenheit und verabschiedete sich unverzüglich. Madame Mantalini erkundigte sich vorher noch gnädigst, warum man so selten die Ehre seines Besuches habe, und Mr. Mantalini verteufelte im Hinuntergehen mit großer Zungengeläufigkeit die Stiegen, in der vergeblichen Hoffnung, Kate zu veranlassen, sich noch einmal umzusehen.

»So«, sagte Ralph, als sie auf die Straße traten, »jetzt wäre für dich gesorgt.«

Kate wollte ihm abermals danken, aber er fiel ihr ins Wort:

»Ich hatte anfänglich vor, deine Mutter in einer hübschen Gegend auf dem Lande unterzubringen (er hatte nämlich das Recht, über einige Freiplätze in den Armenhäusern an der Grenze von Kornwallis zu verfügen), da ihr aber beisammenbleiben wollt, so muß ich sehen, wie sich's anders machen läßt. – Sie hat wohl noch ein wenig Geld?«

»Sehr wenig«, versetzte Kate schüchtern.

»Auch wenig wird weit reichen, wenn man sparsam damit umgeht. Sie muß sich eben so gut wie möglich nach der Decke strecken. Die Miete soll sie nichts kosten. – Ihr zieht am nächsten Samstag aus?«

»Sie sagten doch, daß wir es tun sollten, Onkel.«

»Ganz recht. – Also, ich habe gegenwärtig ein leeres Haus zur Verfügung, wo ich euch unterbringen kann, bis es vermietet ist; und dann steht mir eventuell noch ein anderes zu Gebote, wenn sich die Umstände ändern sollten. – Ihr müßt vorderhand dort hinziehen.«

»Ist es weit von hier, Onkel?« fragte Kate.

»Ja, ziemlich weit. In einem andern Stadtteile – im Ostend. Aber ich werde euch Samstag abends meinen Schreiber schicken. Der soll euch hinführen. Adieu jetzt. – Du weißt doch den Weg? – Nur immer geradeaus!«

Damit verließ Ralph seine Nichte am Eingang in die Regent Street mit einem kalten Händedruck und bog, fortwährend auf Gelderwerb sinnend, in eine Nebengasse ein, während Kate traurig in ihre Wohnung zurückkehrte.

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